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Full text of "Psychiatrisch Neurologische Wochenschrift 8.1906 07"

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Psychiatrisch-Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 

Internationales Correspondenzblatt für IrrenSrzte und Nervenärzte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Auslandes 

herausgegeben von 

Professor Dr. K. Alt, Uchtspringe (Altmark). Geh. Med.-Rath Prof. Dr. G. Anton, Halle. Prof. Dr. Bleuler, Zürich. 
Direktor Dr. van Deventer, Amsterdam. Prof. Dr. L. Edinger, Frankfurt a. M. Prof. Dr. A. Guttstadt, Geh Med.- 
Rath, Berlin. Geh. Med.-Rath Prof. Dr. E. Mendel, Berlin. Prof. Dr. Mingazzini, Rom. Direktor Dr. Morel, Mons 
(Belgien.) Direktor Dr. v. Olah, Budapest. Direktor Dr. Rittl, St. Maurice (Seine). Direktor Dr. H. Schloss. 
Kierling-Gugging (Österreich). Prof. Dr. Ernst Schultze. Greifswald. Prof. Dr. med. et phil. Sommer, Giessen. 
Direktor Dr. Urquhart, Perth (Schottland). Professor Dr. med. et phil. W. Weyflandt, Würzburg. 

Unter Benützung amtlichen Materials 

redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler 

Lublinitz (Schlesien). 


Achter Jahrgang 1906/1907. 



Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 


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he Wochenschrift. 


e8lel\ 

- Lublinitz (Schlesien^ 

Verlag vLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marhnld Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 823. 


Nr. 1. 


31. März. 


1906 . 


Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die ßspaltige Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 
Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Br es ler, Lublinitz (Schlesien), au richten. 


Kreisarzt Professor Dr. Stolper, -j* 


Am 13. März starb in Göttingen plötzlich der 
Königl. Kreisarzt und ausserordentliche Professor 
für gerichtliche Medicin Dr. Paul Stolper im Alter 
von 41 Jahren. 

Mitten im werkthätigen Schaffen, während eines 
öffentlichen Vortrags über Prophylaxe der Tuberku¬ 
lose wurde er von einem Schlaganfall getroffen, dem 
er am folgenden Morgen erlag. Die Diagnose und 
Prognose seiner Erkrankung 
halte er, ehe das Bewusstsein 
für immer schwand, noch selbst 
gestellt und das Fortschreiten 
der Lähmungserscheinungen mit 
der Ruhe des ärztlichen For¬ 
schers beobachtet. 

Stolper, ein geborener 
Schlesier, ist seinem Werdegang 
nach eigentlich pathologischer 
Anatom und Chirurg — Schüler 
von Ponfik, Mickulicz und 
Wagner; aber seih Beruf und 
seine wissenschaftliche Thätig- 
keit in den letzten Jahren haben 
auch Gebiete berührt, die ihh 
der Psychiatrie und Neurologie 
und ihrer practischen Anwend¬ 
ung näher brachten, und dies 
rechtfertigt es, ihm in diesem 
Blatt einige Zeilen der Erinner¬ 
ung zu widmen. 

Stolper war bereits in Breslau für gerichtliche 
Medicin und Unfallheilkunde habilitirt, als er itn 
Jahre 1903 zur Uebernahme der Kreisarztstelle nach 
Göttingen berufen wurde, um gleichzeitig die Neu¬ 
einrichtung eines Instituts für gerichtliche Medicin 
und den Lehrauftrag für dieses Fach zu übernehmen. 

In seinen wissenschaftlichen Arbeiten hat er sich 
schon seit längeren Jahren mit den trauihatischen Er¬ 


krankungen des Gehirns und Rückenmarks und mit 
den Geistesstörungen nach Trauma beschäftigt und 
seine Anschauungen in einer Reihe von grösseren 
und kleineren Publikationen, zum Theil in Gemein¬ 
schaft mit seinem Lehrer Wagner niedergelegt. Zu 
einem Referat über die Geistesstörungen nach Un¬ 
fällen war er für den internationalen Congress für 
Versicherungsmedicin im Herbst dieses Jahres in 
Berlin berufen. Im verflossenen 
Jahre hatte er auf der Haupt¬ 
versammlung des Deutschen 
Medicinalbeamtenvereines mit 
dem Unterzeichneten zusammen 
ein Referat über die Beaufsich¬ 
tigung der Geisteskranken ausser¬ 
halb der Anstalten erstattet. 

Auch in seiner amtlichen, be¬ 
ruflichen Thätigkeit ist Stolper 
vielfach mit der practischen Psy- 
cliiatrie in Berührung gekommen. 

Dank der Thätigkeit Cra- 
mer’s sind hier in Göttingen 
in den letzten 5 Jahren neben der 
bereits bestehenden Irrenheil¬ 
anstalt eine Reihe von Einricht¬ 
ungen und Anstalten für die Be¬ 
handlung und Pflege psychischer 
und Nervenkranker geschaffen 
worden; dass die Kranken, 
Fälle geistiger Erkrankuog, jeder¬ 
zeit möglichst rasch der ihrem Zustand entsprechenden 
Anstalt zugeführt wurden, dass die formellen Schwierig¬ 
keiten bei der Aufnahme rasch erledigt wurden, ist 
vielfach der verständnisvollen und energischen Mit¬ 
arbeit des Kreisarztes zti vördäiiketl; gCfädb hier hat 
Stolper gezeigt, wie erspriesslich für däs Gesammt- 
interesse ein Zusammenarbeiten des beamteten Arztes 
mit dem Psychiater ist und wie dies gehandhabt 



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2 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. r. 


werden kann. Um so mehr muss diese Seite der 
Thätigkeit S t o 1 p e r ’s dankbar anerkannt werden, 
als er sich hier erst in ein ihm ferner gelegenes Gebiet 
einarbeiten musste, und das zu einer Zeit, in der er 
eine grosse Reihe anderer Aufgaben seiner amtlichen 
und Lehrthätigkeit mit grosser Energie und einer 
seltenen Arbeitskraft in Angriff nahm und durch¬ 
führte. Das neue Institut für gerichtsärztliche Medi- 
cin, dessen Errichtung ihm so sehr am Herzen lag, 
sollte im kommenden Sommersemester bezogen werden. 
Mit rastlosem Eifer hatte er bereits eine beträchtliche 
Unterrichtssammlung zu Stande gebracht. Während 
der kurzen Zeit seiner akademischen Lehrthätigkeit 
hatte er es verstanden, seinen Zuhörern auch aus 
anderen Fakultäten für das von ihm in origineller und 
neuer Weise vertretene Fach ein lebhaftes Interesse 
einzuflössen. 

In seiner amtlichen Thätigkeit in dem ausge¬ 
dehnten Stadt- und Landkreis Göttingen machte sich 
überall das Eingreifen einer frischen, markanten Per¬ 
sönlichkeit bemerkbar, der es mit den Aufgaben des 
beamteten Arztes als Wahrer der Volksgesundheit 


heiliger Ernst war. Neben dem akademischen Lehrer 
und Beamten war Stolper — und nicht in letzter 
Linie — ein echter Arzt, der durch sein ärztliches 
Wissen und Können, wie durch seine Herzensgüte 
sich die Zuneigung und das Vertrauen seiner Patienten 
irh Fluge erwarb. 

Eine Fülle von Plänen und Entwürfen, von denen 
der litterarische Nachlass des Verstorbenen Zeugniss 
ablegt, ist hier in tragischer Weise vorzeitig ver¬ 
nichtet ! 

Dem Bilde des Verstorbenen würde der persön¬ 
liche Zug fehlen, wenn wir seine frische, lebensfrohe 
Art, seine Begeisterungsfähigkeit für alles Gute und 
Schöne, seine Freude an heiterer Geselligkeit nicht 
erwähnten. Manchem unserer engeren Fachgenossen 
wird er von der Versammlung des deutschen psy¬ 
chiatrischen Vereins im Jahre 1904 in Göttingen von 
dieser Seite noch in Erinnerung sein. 

Dass durch diesen Tod ein selten schönes Fami¬ 
lienglück zerstört wurde, wissen die, welche dem Ver¬ 
storbenen näher standen. Sie werden sein Andenken 
e ^ ren Weber- Göttingen. 


Wichtige Entscheidungen auf dem Gebiete der 
gerichtlichen Psychiatrie. V.*) 

Aus der Litteratur des Jahres 1905 zusammengestellt 
von Ernst Schnitze. 


I. Strafgesetzbuch. 

§ 49. 

§ 49 Str. G. B. setzt als begrifflich für die Bei¬ 
hülfe voraus, dass dem Thäter zur Begehung des 
Verbrechens oder Vergehens durch Rath oder That 
wissentlich Hülfe geleistet, dass also ein Verbrechen 
oder Vergehen vom Hauptthäter begangen oder 
mindestens versucht worden ist. Der hieraus folgende 
accessorische Charakter der Beihülfe erfordert nun 
allerdings für die Bestrafung des Gehülfen nicht die 
Verurtheilung des Hauptthäters, es steht vielmehr 
das Vorhandensein von Gründen, welche die per¬ 
sönliche Straflosigkeit des letzteren zur Folge 
haben, der Verurtheilung des Gehülfen nicht ent¬ 
gegen. In keinem Falle kann aber eine Verurtheilung 

*) Vergleiche diese Wochenschrift: 

Jahrgang IV 1902/03, Nr. 1—2, 

» V 1903/04» Nr. 1—4, 

1. VI 1904/05, Nr. 1—6, 

„ VII 1905/06, Nr. 1—8. 


des Gehülfen eintreten, wenn gegen den Hauptthäter 
entweder der objective oder subjective Thatbestand 
der in Betracht kommenden strafbaren Handlung 
nicht dargethan oder bezüglich desselben Schuld¬ 
ausschliessungsgründe, wie die in §§ 51—54 Str. G. 
B. erwähnten, als vorliegend erachtet sind. (R. G. IV. 
S. S. 3.—10. März 05.) Jur. Wochenschr. pag. 547. 

§ 53 - 

Nach den massgebenden Grundsätzen über Noth- 
wehr kommt weder auf das Motiv des Angreifers, 
noch für sich allein betrachtet, auf die Stärke des 
Angriffs, die jeden Augenblick wechseln kann, etwas 
an. Der rechtswidrig Angegriffene darf sich jedes 
Mittels bedienen, welches zur alsbaldigen Ab¬ 
wendung des Angriffs den Umständen nach nicht 
entbehrt werden kann, und zu diesem Zweck auch 
seinerseits angriffsweise vorgehen. Nur wenn dem 
Angeklagten ein minder gefährliches Mittel als das 
Gebrauchte zu Gebote gestanden hätte, ebenso ge¬ 
eignet den Gegner sofort zu überwältigen wie jenes. 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


3 


kann er strafrechtlich verantwortlich gemacht werden. 
(R. G. I. 2. Januar 1905.) 

Das Recht pag. 85. Entsch. Nr. 365. 

§§ 56, 57- 

Dem Erfordernisse einer ausdrücklichen und un¬ 
zweideutigen Feststellung der Zurechnungsfähigkeit 
der sogen. Jugendlichen wird nicht durch die Be¬ 
merkung der Urtheilsgründe genügt, dass zwischen 
dem ersten Diebstahl (bei dessen Begehung der An¬ 
geklagte das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet 
hatte) und dem zweiten (bei dem dies der Fall war) 
nur ein kurzer Zeitraum gelegen habe und deshalb 
die Einsicht der Angeklagten in beiden Fällen die 
gleiche gewesen sei. Auch fehlt hierbei der be¬ 
sondere Nachweis der relativen Strafmündigkeit in 
Bezug auf die concrete, unter Anklage stehende Ver¬ 
brechensart. (R. G. Fer. S. 20. Juli 1905.) 

D. R. pag. 477. Entsch. Nr. 1897. 

§ 175* 

Der § 175 Str. G. B. erfordert nicht, dass der 
Körper der zur widernatürlichen Unzucht missbrauchten 
Person männlichen Geschlechts an derjenigen Stelle 
entblösst gewesen sein müsse, gegen welche der Act 
vorgenommen worden ist. Es ist Sache der that- 
sächlichen Feststellung im einzelnen Falle, ob, wenn 
Letzteres nicht zutrifft, gleichwohl die zum Begriff 
nothwendigen, auf Befriedigung der Geschlechtslust 
abzielenden b ei sc hlafsähnlichen Handlungen 
gegeben sind oder nicht. Das Urtheil Entsch. 36 S. 32 
spricht nur von der Entblössung des männlichen 
Gliedes auf Seiten des activen Theils. (R. G. I. 
22. Dez. 1904.) 

D. R. pag. 85. Entsch. Nr. 367. 

§ 176, Abs. 3. 

Wenn ein Kind unter 14 Jahren aus freiem An* 
triebe, ohne dazu verleitet zu sein, den Körper eines 
andern unzüchtig betastet, so kann darin doch die 
Vornahme unzüchtiger Handlungen mit dem Kinde 
gefunden werden. (R. G. II. 6. Mai 1905.) 

D. R. pag. 373. Entsch. Nr. 1722. 

§§222, 230. 

Das Moment der Vorhersehbarkeit des rechts¬ 
verletzenden Erfolges darf bei den Fahrlässigkeitsver- 
gehen nicht nach dem Massstabe gemessen werden, 
welche Einsicht jemand besitzen müsste, sondern 
nur danach, welche Fähigkeiten und Kenntnisse der 
Handelnde in Wirklichkeit besitzt. (R. G. IV. 
S. S. io.Oktbr. 05.) D. R. pag. 597. Entsch. Nr. 2512. 

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§ 224. 

Wenn ein Misshandelter bei dem Bestreben, sich 
aus den Händen des Thäters zu befreien, um weiteren 
Misshandlungen zu entgehen, stürzt und durch den 
Sturz in Lähmung und Siechthum verfällt, so ist der 
zur Anwendung des § 224 St. G. B. erforderliche ur¬ 
sächliche Zusammenhang zwischen der vorsätzlichen 
Misshandlung und dem Siechthum und der Lähmung 
nachgewiesen. (R. G. I. Urtheil vom 12. Juli 1905.) 

D. R. pag. 535. Entsch. Nr. 2233. 

§ 230. 

Eine für das Strafrecht in Betracht kommende 
Fahrlässigkeit kann auch dann vorliegen, wenn die 
vom Thäter aus den Augen gesetzte Pflicht zur Auf¬ 
merksamkeit durch das bürgerliche Recht, sei es 
durch eine dem Reichs- oder Landesrechte ange¬ 
hörende Vorschrift dessselben, oder durch Vertrag 
begründet worden ist. (R. G. II. 26. Januar 1905.) 

D. R. pag. 112. Entsch. Nr. 529. 

§ 230, Abs. 2. 

Das Merkmal des Berufes besteht darin, dass der 
Sachkenntnis oder Aufmerksamkeit erfordert, als eine 
dauernde, Über eine einmalige oder vereinzelte Leistung 
Ausübende eine Thätigkeit, welche eine besondere 
hinausgehende derart sich vorgesetzt hat, dass sie 
sein Schaffen und Wirken, wenn auch nicht voll¬ 
ständig und allein, so doch in einem erheblichen 
Maasse ausfüllt und wenn auch nicht den einzigen, 
so doch immerhin einen Lebenszweck für ihn 
bildet. Wer sich in dieser Weise der Pflege und 
Wartung fremder Kinder widmet, macht daraus einen 
Beruf oder, wenn er damit einen dauernden Erwerb 
erstrebt, ein Gewerbe. Wer aber in einem einzelnen 
Fall ein Kind in Pflege nimmt, braucht noch nicht 
den Beruf oder das Gewerbe eines Pflegers auszu¬ 
üben, obschon unter besonderen Umständen auch 
schon in der Uebernahme der Pflege eines Kindes 
ein berufs- oder gewerbsmässiges Thun erblickt werden 
kann, falls nämlich nach Umfang und Art der Pflege 
und nach der Absicht des Pflegers die oben darge¬ 
legten Voraussetzungen der Berufs- (oder Gewerbs-) 
mässigkeit gegeben sind. (R. G. I. 21. Nov.'1904.J 

J. W. pag. 243. 

§ 2 37- 

Ein blosses Ueberreden, psychisches Beeinflussen 
oder Veranlassen der Minderjährigen zur Entfernung 
von ihren Eltern usw. ist kein Entführen. Dazu ge¬ 
hört ein Mitnehmen, ein thätiges Helfen und Ein¬ 
wirken seitens des Entführenden bei der Zurück¬ 
legung des Weges der Entführten. (R. G. 1 .26. Juni 1905.) 

D. R. pag. 436. Entsch. Nr. 1798. 

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PSYCHUTRISCR-NEUROLOGJSCHB WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. i. 


§ 300. 

Die „ärstfiche Schweigepflicht des § 300 St. G* 
B.“ ist nicht, wie der Vorderrichter meint,, eine „ab¬ 
solute" ; das Gesetz behält vielmehr, indem es eine 
unbefugte Offenbarung von Privatgeheimnissen er¬ 
fordert, das Bestehen einer Befugnis zur Offenbarung 
ausdrücklich vor, ohne diese Befugniss nach irgend 
einer Richtung hin einzuschränken. Sie kann mithin 
auch durch anderweite Berufspflichten des Arztes 
gegeben sein, auch wenn die Verletzung derselben 
nicht wie diejenige der Schweigepflicht, mit krimineller 
Strafe bedroht ist. Das Bestehen solcher Berufs¬ 
pflichten erkennt das Preussische Gesetz, betreffend 
die ärztlichen Ehrengerichte usw. vom 25. Nov. 1899, 
ausdrücklich an, indem es dem Arzt die Verpflichtung, 
seine Berufsthätigkeit gewissenhaft auszuüben, aufer¬ 
legt und die Verletzung dieser Verpflichtung mit 
ehrengerichtlicher Strafe bedroht. Hiernach ist zu 
erwägen, ob es zur gewissenhaften Ausübung der Be¬ 
rufsthätigkeit nicht auch gehört, Patienten, denen die 
Gefahr einer Ansteckung durch Personen droht, mit 
denen 9ie in nähere Beziehungen kommen, vor dieser 
Gefahr zu warnen. Mit der Unterlassung einer 
solchen Warnung ist auch die Möglichkeit einer 
Bestrafung aus § 230 Abs. 1 und 2 St. G. B. ge¬ 
geben. War aber die erforderliche Warnung nur 
unter Verletzung der einem andern Patienten gegen¬ 
über begründeten Schweigepflicht möglich, so kann 
der Angeklagte in Ausübung einer „Befugniss" gehandelt 
haben, wenn er der Warnungspflicht nachkam. (R. 
G. II. S. S. 16. Mai 1905.) J. W. pag. 754. 

II. Strafprocessordnung. 

§ 79- 

Legt ein Sachverständiger dem von ihm er¬ 
statteten Gutachten Wahrnehmungen zu Grunde, die 
er als sachverständiger Zeuge gemacht und die er 
bei der von ihm vorzunehmenden Untersuchung zu 
beobachten hatte, so bedarf es der Leistung des 
Zeugeneides neben dem Sachverständigeneide nicht. 
(R.-G. I. S. S. 18. Sept 1905.) J. W. pag. 757. 

§ 79, Abs. 2. 

^ Nach § 203, Nr. 4, Titel 10, Theil I der Allge¬ 
meinen Gerichtsordnung für die preussischen Staaten 
ist, wenn . . . Sachverständige . . . zur Abgebung von 
Gutachten in Sachen, welche ihre . . . Profession be¬ 
treffen, bei dem Gerichte, vor welchem sie ihr Zeug- 
niss ablegen sollen, ein für allemal vereidet sind, . . . 
die Wiederholung des Eides in einzelnen Fällen 
dieser Art nicht nothwendig. Eine wörtlich gleich¬ 
lautende Bestimmung enthält § 335, Nr. 3 der Kri¬ 
minalordnung für die preussischen Staaten. Ein Ur- 


theil des IV. Strafsenats des Reichsgerichts vom 
12. Nov. 1901 nimmt in einem Falle, in welchem 
in dem Beeidigungsprotokolle eines Amtsgerichts die 
Beschränkung auf einen bestimmten Bezirk nicht be¬ 
sonders zum Ausdruck gebracht worden war, an, dass 
mit Rücksicht auf jene Bestimmung der Kriminal¬ 
ordnung und da ein höherer Auftrag nicht Vorgelegen 
habe, dem Amtsgericht die Zuständigkeit gefehlt habe, 
die Beeidigung mit Wirkung über seinen Bezirk hinaus 
vorzunehmen, und spricht sodann aus, es könne beim 
Mangel irgendwelchen positiven Anhalts für das Gegen- 
theil gar nicht angenommen werden, dass es auch 
nur in der Absicht des Amtsgerichts gelegen habe, 
eine für einen weiteren Bezirk bestimmte Beeidigung 
herbeizuführen. In Urtheilen des III. Strafsenats ist 
die Erwägung entscheidend gewesen, dass eine weiter¬ 
gehende Absicht des Amtsgerichts nicht anzunehmen 
sei, wenn der selbst’uneingeschränkt lautenden Eides¬ 
norm nichts zu entnehmen sei, was auf solche Ab¬ 
sicht hindeute. Der erkennende Senat, welcher in 
mehreren Urtheilen den entgegengesetzten Standpunkt 
eingenommen hat, macht sich nunmehr diese letzte 
Erwägung zu eigen. Daraus ergiebt sich für die vor- 
iegende Sache die Unzulässigkeit des von der Revision 
gerügten Verfahrens .... (R.-G. II. S. S. 15. Juli 

1904.) 

Ztschr. f. Med. Beamte, Beilage Nr. 12, pag. 85. 

§ 85. 

Die Entscheidung der Frage, ob der Beschwerde¬ 
führer für die Wahrnehmung des Termins am 13. Juli 
Anspruch auf Entschädigung als Sachverständiger oder 
nur als Zeuge habe, hängt nicht davon ab, ob er 
als Sachverständiger oder al9 Zeuge geladen oder 
beeidigt worden ist, sondern hängt lediglich davon 
ab, ob er ein sachverständiges Gutachten ab¬ 
gegeben hat oder nicht. Dieses muss bejaht 
werden, denn der Beschwerdeführer hat in dem Ter¬ 
min die an ihn gestellten Fragen beantwortet, ob der 
Angeklagte krank gewesen sei, woran er gelitten habe 
und ob er im Stande gewesen sei, trotz seiner Krank¬ 
heit eine gewisse Wegestrecke zurückzulegen, und 
die Beantwortung der letzteren Frage erforderte eine 
sachverständige Schlussfolgerung aus den von 
dem Beschwerdeführer wahrgenommenen Thatsachen, 
d. h. ein sachverständiges Gutachten. (O. 
L. G. S. S. Breslau, 7. Oktbr. 1905.) 

Ztschr. f. Med. Beamte, Beilage Nr. 24. pag. 228. 

§ 243 - 

Der Antrag, bestimmte Zeugen darüber zu ver¬ 
nehmen, dass eine andere Zeugin eine Trinkerin 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


5 


sei, durfte nicht mit der Begründung abgelehnt werden, 
dass es als wahr unterstellt werde, dass nach An¬ 
sicht der benannten Zeugen die Betreffende 
eine Trinkerin sei, dass aber durch diese Ansicht die 
Ueberzeugung des Gerichts von der Glaubwürdigkeit 
der Zeugen nicht beeinflusst werden könne. Denn 
bei der Sachlage war es naheliegend, dass es sich 
um die Wahrnehmung der benannten Zeugen von 
solchen Thatsachen handelte, welche die Eigenschaft 
der Betreffenden als Trinkerin objectiv, und nicht 
bloss nach der Ansicht der Zeugen, zu begründen 
geeignet w*aren. (R. G. IV. Urtheil vom 13. Januar 
1905.) D. R. pag. 113. Entsch. Nr. 537. 

§ 255. 

§ 255, Abs. 1 Str. P. O. gestattet richtiger An¬ 
sicht nach das Verlesen schriftlicher ärztlicher Zeug¬ 
nisse nicht allgemein dann, wenn sie sich auf Körper¬ 
verletzungen beziehen, welche nicht zu den schweren 
gehören, sondern nur unter der Voraussetzung, äass 
den Gegenstand der Verhandlung eine Anklage aus 
§§ 223, 223 a oder 230 Str. G. B. bildet. (R. G. I. 
1. Juli 1904). D. R. pag. 49. Entsch. Nr. 252. 

§ 264. 

Wenn in dem ErÖffnungsbeschlusse gegen einen 
zur Zeit der That noch nicht 18 Jahre alten Ange¬ 
klagten der § 57 Str. G. B. nicht angezogen worden 
ist, so bedarf es für den Fall der Verurtheilung nur 


eines Hinweises des Angeklagten auf diesen Para¬ 
graphen, nicht aber auch noch auf § 56 Str. G. B. 
(R. G. Fer. S. 23. August 1905.) 

D. R. pag. 506. Entsch. Nr. 2057. 

§ 266, Abs. 2. 

Der Einwand eines Angeklagten, dass er zur Zeit 
der That betrunken gewesen sei und nicht wisse, was 
vorgefallen sei, kann nicht anders als dahin verstanden 
werden, dass der Angeklagte seine Verantwortlichkeit 
für das etwa Vorgefallene mit Rücksicht auf seine da¬ 
malige Betrunkenheit ablehne. Dann ist das Ge¬ 
richt nach § 266 Abs. 2 Str. P. O. verpflichtet, sich 
hierüber auszusprechen. (R. G. IV. Urtheil vom 
4. Juli 1905.) D. R. pag. 535. Entsch. Nr. 2239. 

§ 338. 

Ein Angeklagter, welcher wegen Mangels der Zu¬ 
rechnungsfähigkeit nach § 51 Str. G. B. freigesprochen 
worden ist, hat gegen das Urtheil kein Rechtsmittel. 
(R. G. IV. S. S. 1. Nov. 1905.) 

D. R. pag. 653. Entsch. Nr. 2788. 

§ 4io. 

Dadurch, dass ein zu der früheren Hauptverhand¬ 
lung vom Angeklagten gestellter und vernommener 
Sachverständiger zu der erneuten Verhandlung mangels 
eines dahin zielenden Antrages nicht geladen worden 
ist, ist das Gesetz nicht verletzt. (R. G. IV. S. S. 
3. Nov. 1905.) D. R. pag. 653. Entsch. Nr. 278.9 

(Fortsetzung folgt.) 


Ueber einige somatische Eigenschaften der Idioten. 

Von Privatdocent Dr. med. Heinrich Vogt % Arzt an der Prov. Heil- und Pflegeanstalt in Langenhagen. 


T 7 s ist bekannt, dass diejenigen Erkrankungen, 
' welche auf schwere angeborene oder in früher 
Jugend erworbene Defecte des Grosshirns zurückzu¬ 
führen sind, auch eine Herabsetzung vieler Funktionen 
der körperlichen Sphäre zeigen, vor allem verminderte 
Energie des Wachsthums, Herabsetzung der körper¬ 
lichen Faktoren der Grösse, des Gewichts, des all¬ 
gemeinen somatischen Bestandes, geringere vitale 
Eigenschaften, frühzeitigeres Altem, kürzere Lebens¬ 
dauer. In der That sind diese Symptome bei den 
Idioten so häufig, dass sie zu den charakteristischen 
Erscheinungen derselben gehören. Wir sind oft be¬ 
rechtigt den Himdefect hierfür als die primäre Er¬ 
schein ung gelten zu lassen. Natürlich kann in Fällen, 
die auf minderwerthige Anlage zurückzuführen sind, 
ein coordiniertes Verhalten nicht mit Sicherheit aus- 

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geschlossen werden. Wir sehen aber auch diejenigen 
Idioten, die erst in der Kindheit erkrankten, also mit 
einem gesunden Cerebrum geboren werden, durch 
die Herabsetzung der körperlichen Faktoren später 
den übrigen gleichstehen. Der Parallellismus, der 
hieraus spricht, lässt jedenfalls für den geordneten Ab¬ 
lauf der körperlichen Funktionen die Beziehung zu 
einem normalen Centralnervensystem als bedeutsam 
erscheinen. 

Von den hierher gehörigen Momenten beansprucht 
in symptomatologischer Hinsicht zunächst die Kör¬ 
pergrösse Beachtung. Hierüber liegt bislang nur 
eine eingehendere Studie vor, die von Kind*). 


*) Kind, Ueber das Längenwachsthum der Idioten. Arcli. 
f. Psych. 6. Sep. Abdr. 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. i. 


Die durchschnittliche Differenz beim Erwachsenen 
welche die Idioten von der Norm trennt, beträgt 
etwa io cm. Diese Differenz ist in den ersten Jahren 
des Lebens nicht so gross (im 6. Jahre z. B. 14 mm 
beim männlichen, 16 mm beim weiblichen Geschlecht), 
sie nimmt mit den Jahren zu. Dies zeigt an, dass 
das Längenwachsthum der Idioten ein weniger ener¬ 
gisches, ein geringeres ist. Nach Kind würden die 
Idioten ihre definitive (untemorraale) Grösse aber 
später erreichen als in der Norm, sie würden also 
längere Zeit, verlangsamt wachsen. Nach L i h a r z i k*) 
fällt der Abschluss des Längenwachsthums für Deutsche 
in das 25., nach Gould**) in das 23. Jahr. Kinds 
Idioten erreichen den Abschluss im 26. Jahre (Männer)» 
bezw. im 23. (Frauen) der Unterschied ist also nicht 
gross, betrifft auch zumeist wie seine Tabelle VII 
zeigt (geht nur bis 25 Jahre) die Idioten mit mittel¬ 
grossen Köpfen. Auch sind die Zahlen der höheren 
Jahre nicht reichhaltig. Bei der Kurzlebigkeit der 
Idioten und besonders der schwereren Fälle kommen 
für die fortgeschritteneren Lebensjahre procentisch mehr 
Fälle von weniger schweren Erkrankungen, bei denen 
sich auch der somatische Befund mehr der Norm 
nähert, in Berechnung. Deshalb treten in den höheren 
Jahren auch mehr normalgrosse in Rechnung, was sich 
als erhöhte Längen Zunahme bei Berechnung der 
Durchschnittswerthe darstellen kann. Es scheint sich 
daher zu ergeben, dass aus den sorgfältigen und 
werthvollen Berechnungen Kinds ein vermindertes 
Längenwachsthum der Idioten zweifellos hervorgeht, 
während hinsichtlich der zeitlichen Verschiebung des¬ 
selben gegen die Norm grössere, besonders auch auf 
die späteren Lebensjahre sich erstreckende Messungen 
abgewartet werden müssen. Die geringere Körper¬ 
grösse der Imbecillen konnte Dali ***) gleichfalls be¬ 
stätigen, desgleichen stimmen Sklareksf); Angaben 
damit überein. Sklare k führt speciell Fälle an, 
welche z. Zt seiner Beobachtung, z. B. vom 5. bis 7. 
Lebensjahr völligen Wachsthumsstillstand zeigten. Zur 
richtigen Beurtheilung der Zahlen muss hervorgehoben 
werden, dass, wie ich selbst an den mir zur Beob¬ 
achtung zugänglichen Fällen bestätigen kann, die sub¬ 
normalen Werthe dadurch zustande kommen, dass 
fast alle Kranken unter der Norm stehen (bei Sklarek 

*) Liharzik, das Gesetz des menschlichen Wachsthums. 
Wien 1858. 

**) Gould, Investigations in the military and anthropolo- 
gical statistics etc. 1869 citiert nach Vierordts Tabellen II. Aufl. 

***) Dali, Aentliehe Untersuchungen aus der Hülfsschule 
für schwachsinnige Kinder zu Karlsruhe 1902. 

f) Sklarek, Körperlänge und Körpergewicht bei idio¬ 
tischen Kindern. Allg. Ztschr. f. Ps. 58. 1901 pag. 1112. 

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53 von 62), normalgrosse sind vorhanden, aber nicht 
häufig. Ebenso sind extrem geringe Werthe seltener. 
Sklarek hat berechnet, dass von 26 Fällen in 21 
die Körperlänge von der Klafterbieite übertroffen 
wurde (in 12 Fällen um mehr als 20 mm). Nor¬ 
maler Weise ist die Differenz nur gering oder gleich 
null. Der idiotische Typus, der an die Verhältnisse 
bei den Anthropoiden erinnert, ist also der tiefer 
stehende. 

Ueber das Körpergewicht der Idioten sind 
bislang keine umfassenden Feststellungen bekannt ge¬ 
worden. Sklarek hat ausgerechnet, dass das Körper¬ 
gewicht der Idioten noch mehr von der Norm ab¬ 
weicht als die Körpergrösse. Die Idioten stehen 
ihrem Gewicht nach oft scheinbar in einem noch 
früheren Alter als nach der Körperlänge. Das Ge¬ 
wicht entspricht, wenn man das normale Verhältniss 
zum Vergleich benutzt, nicht der Grösse. Auch Ab¬ 
weichungen nach anderen Seiten (relativ grösseres 
Gewicht als Länge) kommen vor, im grossen und 
ganzen sind die Schwankungen noch zahlreicher als 
bei der Länge, die Werthe fast stets subnormal. Nur 
in 15 von 62 Fällen fand er normale Werthe. Die 
Befunde der Gewichtszunahme zeigten enorme Schwank¬ 
ungen, 4 Fälle blieben sich constant Auch unter 
169 bildungsfähigen idiotischen Zöglingen zeigte kein 
einziges Kind völlig normale Werte, namentlich die 
Gewichtszahlen blieben dauernd subnormal. 

Was die Lebensdauer anbelangt, so liegen 
sicherlich auch hier die Werthe sowohl hinsichtlich 
der Dichtigkeit der Fälle als nach dem Durchschnitts¬ 
werth erheblich unter der Norm. Was ersteres Mo¬ 
ment anlangt, so scheint die grösste Sterblichkeit 
zwischen dem 10. und 20. Jahre zu liegen. Nach Ire- 
la rid war die Sterblichkeit der schwachsinnigen Kinder 
in der Anstalt im Alter von 5 bis 20 Jahren 9 mal 
so gross als die der gleichaltrigen Normalen. Die 
Statistik stützt sich nur auf die Berechnung aus einer 
Anstalt. Die Betrachtung der Sterblichkeit hat mit 
folgendem Faktor zu rechnen: die Anstalten nehmen 
zumeist die Kinder nicht unter 3—5 Jahren, es er¬ 
reichen aber viele Idioten dieses Alter nicht. Ob¬ 
wohl also diese Fälle, deren Zahl wahrscheinlich auch 
grösser als in der Norm ist, aus der Berechnung 
ausscheiden, so ergiebt die Durchschnittsberechnung 
doch noch erheblich tiefere Werthe als in der Norm. 
Dazu kommt ferner, dass die Anstaltspflege auf diese 
Individuen lebensverlängernd wirkt, sich selbst im 
Leben überlassen oder in mangelhafter Pflege gehen 
sie noch früher zu Grunde. Es steht jedenfalls fest, 
dass die Idiotie in ganz anderer Weise lebensver- 
kürzend wirken, oder direkt Todesursache sein kann, 


Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 




1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


7 


als dies von den Psychosen der Erwachsenen (mit 
Ausschluss der organischen) gilt. Zu letzterem vergl. 
Webers*) Aufsatz. 

Mit der verringerten Lebensdauer der Idioten 
stehen Zeic hen früher Senescenz in Zusammen¬ 
hang, die man zuweilen beobachtet, z. B. ein allge¬ 
meiner greisenhafter Habitus schon in jugendlichen 
Jahren. 

Alle diese Erscheinungen herabgesetzter Lebens¬ 
energie stehen (zum Theil wohl causal) in Zusammen¬ 
hang mit den verminderten Organgewichten 
der Idioten. 

Die Organgewichte (natürlich unter möglichster 
Auswahl der pathologisch nicht veränderten) zeigen 
bei Idioten in allen Lebensaltern deutlich eine nicht 
unbeträchtliche Herabsetzung. Es geht dies z. T. schon 
aus dem Vergleich des Körpergewichtes hervor, ist 
aber im einzelnen doch diesem nicht in allen Teilen 
ohne weiteres proportional. Am wichtigsten ist wohl 
in vitaler Beziehung die Herabsetzung des Herz¬ 
gewichts, über welche W u 1 f **) nähere Berechnungen 
angestellt hat. An den übrigen Organen ist die Ver¬ 
minderung aber in gleicher Weise, besonders auffallend 
und hochgradig an den Nieren zu sehen. Es geht 
schon daraus hervor, dass es nicht berechtigt erscheint, 
in der Hypoplasie eines vegetativen Organes allein 
das causale Moment für die Idiotie zu erblicken, wie 
dieser Versuch in der That gemacht worden ist. 
Eingehendere Zahlenangaben über die Organgewichte 
der Idioten würden zu weit führen. Ich erlaube mir 
auf die näheren Beläge hier zu verweisen.***) Es 
steht damit in Zusammenhang, dass die Leistung der 
Oigane sich oft nicht zu ihrer vollen Höhe ent¬ 
wickelt, mit am erwähnenswertesten ist eine nicht 
allzu seltene Asexualität, obwohl gerade dieses Organ 
durchaus nicht immer das hier gesagte illustrieren 
kann. 

Die wichtigste organische Gewichtsherab¬ 
setzung ist natürlich die des Gehirns. Sie steht 
zu obigem in Parallele. Diese Beziehung ist auf dem 
Gebiet der physiologischen Erscheinungen bekannt, 
und wir wissen aus den Arbeiten an normalen Fällen» 
sowie in vergleichend - anatomischer Hinsicht, dass in 
der Himgewichtszahl ausser dem psychischen auch 
die rein somatischen Unterschiede der Art, der Rasse, 
des Geschlechts und des Individuums sich zum Theil 

*) Weber, Ueber die Lebensdauer bei Geisteskranken, 
Aerztl. Sachverst. Ztg. 1904. 

**) Wulf, Die Hypoplasie des Herzens bei Geistes¬ 
schwachen. Allg. Ztsch. f. Ps. 51. 1893 pag. 447. 

***) H. Vogt, Organgewichte von Idioten. Erscheint 
demnächst im Neurol. Ctbl. 1906, 

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sogar in Einzelheiten wiederspiegeln, (cfr. Bischoff*) 
Ziehen**), Snell***) u. a.) 

Für das Verhalten des absoluten Himgewichst 
der Idioten ist folgendes bemerkenswert!!. Der Ge¬ 
wichtswerth des Organs ist stark herabgesetzt, nimmt 
man die Gehirne mit normalem Gewicht (ca. 11,4%), 
die Hydrocephalen und Macrocephalen (zusammen 
= 4,1%) aus, so bleibt die Mehrheit über, deren 
einzelne Fälle ausnahmslos eine Verminderung des 
Gewichtswerthes zeigen. Von der grossen genetischen 
Verschiedenheit, in der das seine Ursache im einzelnen 
Falle haben kann, abgesehen ist allein das Wesent¬ 
liche gemeinsam: das Gehirn erkrankt vor Abschluss 
seiner Entwickelung. Da die Himentwickelung zur 
Zeit der Geburt längst nicht abgeschlossen ist, so gilt 
dies auch für die Fälle, die in der ersten Kindheit 
entstehen. Für die Veränderung im Leben zeigt sich, 
dass die schweren Hirnagenesien (hochgradige Micro- 
cephalie) überhaupt keine oder doch nur ein ganz 
minimales Wachsthum zeigen, bei den leichteren 
Idiotiefällen, in denen der Mangel der Hirnaus¬ 
bildung ein geringer, oft wohl nur die feinere histo¬ 
logische Specificirung betreffender ist, zeigt sich, dass 
ein Himwachsthum im Leben zweifellos statthat. 
Dies geht aus den Hiingewichtszahlen, namentlich 
aus der Betrachtung der Dichtigkeit der Fälle hervor. 
Von dem 16. bis 20. Jahr besteht bei den idiotischen 
Gehirnen ein Ansteigen der Zahlen, erst das 17. und 
19. Jahr erreichen bei den Männern einen Mittel¬ 
werth über 1300. Gleichzeitig zeigen, betrachtet nach 
der Hirngewichtsbreite grösster Häufigkeit (Ziehen) 
die Fälle über 1300 und 1400 eine progressive Zu¬ 
nahme, vor allem treten auch die noch höheren Ge¬ 
wichte erst mit den steigenden Jahren auf. Diese 
Verschiebung der Zahlen ist ohne Annahme des 
Wachsthums unerklärlich. 

Ferner zeigt das Wachsthum des Schädelumfang- 
maasses dies an, besonders wenn man nicht die 
Durchschnittszahlen der Jahrgänge betrachtet, sondern 
die Veränderung des Horizontalumfangs für jeden 
einzelnen Fall bei einer Reihe von Messungen in 
aufeinanderfolgenden Jahren. Solche Messungen werden 
in der Langenhagen er Anstalt seit längeren Jahren 
regelmässig vorgenommen. Es steht also der wachsende 
Kopfumfang der „leichteren Fälle“ im deutlichen Gegen- 

*) Bischoff, Das Himgewicht des Menschen. Bonn 1880. 

**) Ziehen, Nervensystem im Handb. der Anatomie 
v Bardelebcn. Jena 1897 u. 1903. 

***) Snell, Die Abhängigkeit des Hirngewichts von dem 
Körgerge wicht und den geistigen Fähigkeiten. Arch. f. Psych. 
23. 1891 p. 436. 

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8 


KYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. i. 


satz zur dauernden Constanz dieses Maasses bei Micro- 
cephalen oder zu der nur minimalen Zunahme des¬ 
selben; cfr. Ma rchand*), Vogt**) u. a. Das Him- 
wachsthum aller Idioten ist aber ein verringertes, ver¬ 
langsamtes in der Energie — es erreicht den Ab¬ 
schluss wohl ziemlich zur selben Zeit wie in der 
Norm, die individuellen Verschiedenheiten sind aber 
schon im Hinblick auf die oft zu beobachtende prä¬ 
mature Senescenz der Idioten gross. 

Den erwähnten Parallellismus, der deutlich den 
Einfluss des Grosshims auf die gesammte Vitalität des 
Organismus illustriert, zeigt vor allem ein Vergleich 
der Hirngewichtszahl mit der Lebensdauer. 
Es zeigt sich nämlich, dass die Zahl der normalge¬ 
wichtigen Fälle (gemeint ist normales Himgewicht) 
mit dem Alter der Fälle zunimmt, also unter den ad 
sectionem gekommenen Fällen sind in den höheren 
Altersklassen mehr Fälle mit normalgewichtigen Ge¬ 
hirnen vertreten als in den jüngeren Altersklassen. 
Je mehr also, allgemein gesagt, die Lebensdauer der 
Idioten sich normalen Verhältnissen nähert, desto 
grösser wird die Zahl normalgewichtiger Gehirne unter 
ihnen. Denn von einer bestimmten Anzahl idiotischer 
Individuen sterben die mit subnormalen Gehimge- 
wichtswerthen in grösserer Anzahl in jüngeren Jahren 
als die normalgewichtigen Fälle. Nach meinen Be¬ 
rechnungen beträgt die procentische Anzahl der Todes¬ 
fälle mit normalem Hirngewicht bei den Männern, 
(bezw. der Frauen): im Alter bis zu 20 Jahren 9,2% 
(9,4%), von 20 bis 40 Jahren: 15% (18,4%) über 
40 Jahre: 33,8%, (38%). Die Procente verstehen 
sich berechnet im Verhältniss zur Gesammtzahl inner¬ 
halb der genannten Altersklassen. Ich bemerke, dass 
von den übernormalen Werthen auser den Hydro- 
cephalen auch die Macrocephalen nicht in die Procent¬ 
zahl mit eingerechnet sind. Die Macrocephalie, deren 
Werthe sich der Norm nähern, sind in den höheren 
Altersklassen gleichfalls stärker vertreten. Zu den 
normalgewichtigen Fällen sind nur solche, welche 
gleichzeitig ohne anatomische Veränderung sind, ge¬ 
zählt. Damit stimmt folgendes überein: March and***) 
hat an normalen Fällen nachgewiesen, dass die 
Schwankungen um den Mittelwerth der Himgewichts- 
fälle in der ersten Zeit des Lebens viel grösser sind 


*) Marchand, BeschreibungdreierMicrooephalengehirne 
etc. Nova acta Leop. Car. Akad. Bd. 53. Halle 1889. Heft 3. 

**) Vogt, Ueber das Wachsthum microcephaler Schädel- 
Neur. Ctbl. 1906 und Studien über das Himgewicht der 
Idioten, Monatssch. f. Neur. u. Ps. 1906. 

***) Marchand, Ueber das Himgewicht des Menschen. 
Abh. Math>Fhys. CI. Kgl. sächs. Akad. Wiss. 27. Leipzig 1902. 
P*g. 393- 

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als später, wo die gesammten Fälle dem Mittelwerth 
näher liegen. Die extremen Werthe, und es betrifft 
dies vor allem die niedrigen Zahlen, werden also mit 
fortschreitendem Alter in der Norm seltener. Dies 
kommt daher, dass jene früher wegsterben und mit 
zunehmendem Alter nicht mehr in die Berechnung 
eintreten. Der Grund des früheren Todes liegt wohl 
in einer allgemeinen schlechteren Constitution, parallel 
dem inferioren Hirngewicht. Diese Erscheinung, die 
bei Normalen wie Kranken hervortritt, weist im 
ganzen betrachtet deutlich auf das Selektionsprinzip 
hin, cfr. Weissmann, die Dauer des Lebens.*) 

Zu diesen Einzelthatsachen kommt eine Beob¬ 
achtung, die wohl jedem, der es mit idiotischen Kranken 
zu thun hat, sich aufdrängt, deren Richtigkeit, wie ich 
glaube, also feststeht, obwohl ich dieselbe nicht zahlen- 
mässig belegen kann. Dies ist die Erscheinung, dass 
körperlicher und geistiger Zustand im individuellen 
Leben der Kranken oft einen auffallend parallelen 
Schritt beobachten, dass wenn nicht intercurrente 
Krankheiten, namentlich die immer häufige Tuber¬ 
kulose dazwischen treten, der Stillstand der einen 
auch den der anderen Entwickelung mit sich bringt. 
Markante Beispiele liefern gerade die durch eine inten¬ 
sive Allgemeinerkrankung des Gehirns ausgezeichneten 
progredienten Formen, in erster Linie ihr charak¬ 
teristischster Typ, die Sachs’sche familiäre amaurotische 
Idiotie. Hier geht dem geistigen Stillstand und Ver¬ 
fall ein totaler körperlicher Rückgang und schliesslicher 
Marasmus Hand in Hand, für welch’ letzteren Organ¬ 
erkrankungen sich sicher ausschliessen lassen. Der 
Marasmus erscheint als Folge der Allgemeinerkrankung 
des Gehirns. Für diesen sicherlich bestehenden Zu¬ 
sammenhang der körperlichen und geistigen Entwicke¬ 
lung der Kinder tritt vor Allem Sklarek ein. Er 
stellt fest, dass mit dem Stillstand der geistigen Ent¬ 
wickelung der Kinder sich auch eine bedeutende 
Verminderung des Wachsthums einstellen kann, 

Dais defecte Cerebrum bedingt die Herabsetzung 
der gesammten vitalen Eigenschaften entweder direkt 
oder geht ihr als korrespondierende Erscheinung pa- 
»rallel. Der Status des Idioten lässt ihn daher nicht 
als einen Menschen erscheinen, der gebaut ist wie 
ein Normaler derselben Rasse, sondern er stellt einen 
inferioren Typus dar. Der Defectzustand des Idioten, 
richtiger gesagt die Entwickelungshemmung, die sein 
Wesen charakterisiert, ist also eine streng genommen 
allgemeine. Denn auch in den Fällen, die späterer 
direkter Erkrankung (also nicht primärem Anlage- 

*) Weissmann, Aufsätze über Vererbung und ver¬ 
wandte biologische Fragen. Jena 1892. 

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i9°6.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


9 


mangel) ihre Entstehung verdanken, ist das wesentliche 
Moment immer darin gegeben, dass Hirn (und Körper) 
vor Abschluss des Wachsthums und der Entwickelung 
erkranken, sei es intrauterin oder in den Kindeijahren. 
Dadurch wird die weitere Entwickelung angehalten, 
oder in falsche Bahn gebracht. Insofern ist die Ent¬ 
wickelungshemmung für die psychische wie die so¬ 
matische Sphäre in gleicher Weise bestimmend, wenn 
sie sich, an den Zellen und Zellcomplexen betrachtet, 
an den einzelnen Organen auch in verschiedener 
Weise äussem muss. Bei denjenigen Organen, bei 
welchen die Elemente mit ihrem Träger altern, weil 
sie nur einmal gebildet und im Leben nicht regene¬ 
riert werden, kann sich die Zelle, die in ihrer Ent¬ 
wickelung gehemmt ist, nicht zur vollen Höhe ihrer 
Specifität und also auch nicht ihrer Funktionen auf¬ 
schwingen; es bleibt ein aprioritsischer Defekt. Dies 
gilt in erster Linie für jje Ganglienzelle. Bei den 


anderen Organen, deren Lebensprozesse mit einem 
Wechsel der morphologischen Elemente verbunden 
sind, ist der Zellersatz ein mangelhafter. Wir wissen, 
dass die Zahl der Zellgenerationen, die sich im 
Laufe des Lebens an den Organen folgen können, 
für jede lebende Thierart ungefähr normiert ist, die 
Zahl dieser Generationen ist von der Anlage her ge¬ 
geben, die Schädigung der Anlage setzt also ihre Zahl 
herab. Da diese Zahl die Lebensdauer bestimmt, so 
muss eine Herabsetzung derselben (d. h. also der 
Lebensenergie, auch der vegetativen Organe) die 
Lebensdauer verkürzen. 

Auf die beachtenswerte Inferiorität der Idioten 
auch in vegetativer Beziehung hinzuweisen und einiges 
dafür beizubringen, war der Zweck vorstehender Zeilen. 
Offenbar giebt die erwähnte Thatsache nicht nur in 
somatischem Sinne zu denken. 


Mittheilungen. 


— Sitzung des Vereins für Psychiatrie und 
Neurologie in Wien am 14. November 1905. 

Nachdem der Vorsitzende des Verlustes gedacht 
hat, den der Verein durch das Ableben seiner Ehren¬ 
mitglieder Geh. San.-Rath Dr. Heinrich Lähr und 
Prüf. Dr. Hermann Nothnagel erlitten hat, und 
nach Erledigung einiger administrativer Angelegen¬ 
heiten hält Dr. A. Pick einen Vortrag: „Ueber 
einen weiteren Symptomenkomplex im Rahmen der 
Dementia senilis, bedingt durch umschriebene stärkere 
Himatrophie.“ 

Es war Pick gelungen, einen durch stärkere Atro¬ 
phie des linken Schläfenlappens bedingten Symptomen¬ 
komplex klinisch zu umgrenzen. Dasselbe versuchte er 
für die bei Dementia senilis zur Beobachtung kommende 
Form gemischter Apraxie. Neben starker Atrophie 
beider Hirnlappen bot das anatomische Bild in einem 
solchen Falle auch eine solche des linken untern Scheitel¬ 
läppchens, während Centralwindungen und Occipital- 
lappen weniger betroffen waren. (Der Vortrag wird 
ausführlich veröffentlicht.) 

Sitzung am 12. December 1905. 

Dr. Ranzi demonstrirt einen Patienten, der am 
13. November eine Stichverletzung am linken Vorder¬ 
arm erlitten hatte. Es zeigte sich eine ausgesprochene 
Lähmung in Bezug auf Ab- und Adduktion des 
vierten und fünften Fingers, während die Seiten¬ 
bewegungen der übrigen Finger in voller Excursion, 
wenn auch mit geringer Kraft geschahen. Bei der 
Operation (Ulnarisnaht) zeigte sich eine vollkommene 
Durchtrennung des Nervus ulnaris. Am 17. Tag 
post operationera war Beugung des 4. u. 5. Fingers 
möglich, Ab- und Adduktion des 4. Fingers ziemlich 
gut, Abduktion des 5. Fingers im geringen Grade 
möglich. Adduktion desselben Fingers angedeutet. 

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Docent Dr. Fuchs demonstrirt eine 35jährige 
neurasthenische Frau, welche seit zwei Jahren an 
einem immerwährenden lästigen Klopfen am Halse 
leidet, und die überdies am Halse bald rechts bald 
links ein eigenthümliches tickendes, sie oft im Schlafe 
störendes, zuweilen auf Distanz hörbares Geräusch 
wahrzunehmen angiebt. Beim Oeffnen des Mundes 
sind häufig rhythmische pulsationsartige Bewegungen 
am weichen Gaumen bemerkbar, an den Seiten wänden 
des Halses unter beiden Unterkieferwinkeln sieht man 
eine rhythmische Erschütterung. Es ist kein pulsi- 
rendes Gefäss zu tasten und die Bewegungen sind 
nicht synchrom mit dem Pulse. Es handelt sich 
also hier um rhythmische Myoklonien. Sie erstrecken 
sich auf verschiedene Innervationsgebiete (Hypoglossus, 
Trigeminus) und sind seinerzeit psychogen (nach 
Verschlucken einer Nadel) entstanden. 

Dr. Fuchs stellt ferner einen 16jährigen Burschen 
vor. Vor 1V 8 Jahren zeigte Pat. plötzlich eine 
Sprachstörung. Es entwickelte sich dann bei ihm 
rechtsseitige Zungenatrophie, rechtsseitige Oculo¬ 
motoriuslähmung, ferner ein Ozaena und ein 
chronischer Adhäsivprocess nach längst abgelaufener 
Mittelohreiterung mit Hämatotypanon unbekannter 
Herkunft. Vielleicht handelt es sich um einen 
luetischen Process mit disseminirten Herden oder 
oder um eine metaluetische Erkrankung. Eine sichere 
Diagnose ist nicht zu stellen. 

Dr. Schüller demonstrirt einen 35jährigen Mann, 
bei dem sich zu den Symptomen einer vor zehn Jahren 
aufgetretenen rechtsseitigen cerebralen Hemiplegie 
vor drei Jahren noch eine spinale Erkrankung, eine 
beiderseitige Hinterstrangdegeneration, gesellte; ferner 
Präparate, betreffend einen Fall von Nebennieren- 

Original fram 

HARVARD UNIVERSUM 



IO 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Nr. i. 


tuberkulöse mit fünf Tuberkeln im Central nerven- 
system. 

Prof. Dr. Hermann Schlesinger bespricht drei 
Fälle von Gaumenlähmung, bei welchen die bulbäre 
Sprachstörung im Sitzen oder Stehen deutlich vor¬ 
handen war, im Liegen aber schwächer wurde oder 
verschwand, was er auf die Lageänderung des ge¬ 
lähmten Gaumensegels gegenüber der hinteren Rachen¬ 
wand bei liegender Stellung des Kranken zurückführt. 

Dr. E. Stransky demonstrirt an Querschnitten 
durch das Rückenmark von Meerschweinchen, die 
nach mehrw’öchentlicher Vergiftung mit Alkohol spon¬ 
tan zu Grunde gegangen waren, einen discontinuir- 
lichen Markzerfallsprocess. 

Prof. v. F r a n k 1 - H o c h w a r t demonstrirt die 
Präparate eines klinisch von ihm beobachteten Falles 
von Sarkom der Dura mater spinalis in der Gegend 
des oberen Dorsalmarkes mit totaler Compression des 
letzteren. 

Sitzung am 9. Januar 1906. 

Docent Dr. Alfred Fuchs stellt einen 35jährigen 
Mann mit den gewöhnlichen Symptomen der Tabes 
vor (Lues vor 14 Jahren), bei welchem die Motilitäts¬ 
störungen der Augen und das Verhalten der Pupillen¬ 
reaktion besonderes Interesse erregen. Pat. ist im 
Stande, einen Bulbus isolirt nach Belieben zu bew j egen. 
Wahrscheinlich besteht eine Parese des Recti interni; 
lässt der Patient in der forcirten Convergenz nach, so 
überwiegt dann der gesunde Lateralis über den ganz 
leicht paretischen Medialis. Fixirt der Kranke bino- 
kulär, so sieht er schlecht; es stellt dieser den linken 
Bulbus dann zur Seite und fixirt rechts monokulär. 
Pat. hat keine Doppelbilder. Hält Pat. beide Augen 
offen und konvergirt er dabei leicht, so ist keine 
Lichtreaktion der Pupillen vorhanden, wird aber ein 
Bulbus verdeckt, während Pat. die Convergenzstellung 
beibehält, so erweitert sich bei Annäherung einer Licht¬ 
quelle die Pupille um das Doppelte (paradoxe Licht¬ 
reaktion). 

Dr. Barany hält einen Vortrag über das Thema: 
„Vestibularerkrankung und Neurose.“ Er bespricht 
einleitend die Symptome der acuten Erkrankung des 
Vestibularapparates (Bogengänge und Vorhof): Nystag¬ 
mus (rotatorius und horizontalis) nach der gesunden 
Seite, Gleichgewichtsstörungen (fallen) nach der kranken 
Seite, Erbrechen. Subjectiv Scheinbewegung der 
äusseren Gegenstände nach der gesunden Seite und 
nach derselben Seite bei geschlossenen Augen Empfin¬ 
dung der Scheindrehung des eigenen Körpers. Bei 
Drehung des Kopfes verändert sich die Fallrichtung. 
Vestibulären Nystagmus und vestibuläre Gleichge¬ 
wichtsstörungen hat Barany auch bei Kleinhirn-Er¬ 
krankungen beobachtet. Bei nervengesunden Indivi¬ 
duen schwinden nach acuter Erkrankung der Vesti- 
bularapparate die Gleichgewichtsstörungen noch vor 
dem Erlöschen des Nystagmus, bei neurotischen In¬ 
dividuen (Hysterie, Neurasthenie etc.) überdauern 
allerdings mit verändertem Charakter die Gleichge¬ 
wichtsstörungen den Nystagmus. Bei disponirten In¬ 
dividuen lösen Erkrankungen des Vestibularapparates 
eine Neurose sehr leicht aus. Baräny hat konstatirt, 
dass zwischen Fällen mit Erkrankung des Vestibular- 

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apparates und normalen respective solchen neurotischen 
Individuen, die an Gleichgewichtsstörungen ohne Er¬ 
krankung des Vestibularapparates leiden, Unterschiede 
in der Gegenrollung der Augen bei seitlicher Kopf¬ 
neigung bestehen. S. 

— Neue Sekte. Aus London wird der Vossischen 
Zeitung geschrieben: England ist wiederum um eine 
Sekte reicher geworden. Wie man aus Wharfedale 
meldet, ist dort eine neue Kirchengemeinschaft ent¬ 
standen, die unter dem bestrickenden Namen „das 
tausendjährige Morgenroth“ bekannt ist. Die Anhänger 
des neuen Glaubens bezeichnen sich selbst aber kurz¬ 
weg als „Kirche Christi“. Einer ihrer Glaubenssätze 
besagt, dass der Mensch sterblich sei, aber keine 
Seele habe, eine solche vielmehr erst bei seiner Auf¬ 
erstehung erhalte, welche genau im Jahre 1915 statt¬ 
finde. In dem genannten Jahre werde Christus auf 
Erden erscheinen und die Leitung der Kirche über¬ 
nehmen , zu der natürlich nur die wahren Gläubigen 
gehören werden. Im Jahre 1915 fange das tausend¬ 
jährige Reich an, während dessen Dauer sogar der 
Teufel in Ketten gelegt werden soll, damit auch er 
nicht in Versuchung falle, während gewöhnliche 
Menschen Gelegenheit zur Führung eines vollkommenen 
Lebens erhalten. Das ewige Leben fängt nach An¬ 
sicht dieser kuriosen Heiligen erst am Schluss dieser 
tausend Jahre an, aber nur für diejenigen, die sich 
vor Anfang des Millenniums der einzig wahren Kirche 
angeschlossen haben. Deshalb werden alle Menschen 
zu sofortigem Anschluss aufgefordert, damit sie bei 
der Auferstehung nicht zu spät kommen und nicht 
dem zweiten Tode verfallen, der nach Ansicht der 
neuesten Gottesgelehrten aus Wharfedale ewig dauert. 
„Denn wer einmal tot daliegt, wird nicht mehr leben¬ 
dig“, wie der deutsche Sklave, Schmidt geheissen, 
schon dem Kaiser Augustus mittheilte. 

— In das Handelsregister B zu Potsdam ist am 
7. März 1906 unter Nr. 28 „Dr. Sinn’s Sanatorium, Ge¬ 
sellschaft mit beschränkter Haftung“ mit dem Sitze 
in Drewitz bei Potsdam eingetragen werden. Der 
Gesellschafts vertrag ist am 21. Februar 1906 errichtet. 
Gegenstand des Unternehmens ist die Gründung und 
der Betrieb einer Anstalt für Nerven- und Gemüths- 
kranke. Das Stammkapital beträgt 120000 M. Ge¬ 
schäftsführer ist der Arzt Dr. Richard Sinn in Halen¬ 
see. (Deutscher Reichsanzeiger.) 

— Stuttgart. In der Klage des Freiherrn Oskar 
v. Münch gegen den Kgl. württ. Landesfiskus (ver¬ 
treten durch das württembergische Ministerium des 
Innern) auf Zahlung einer Entschädigung von 10000 M. 
wegen der gegen v. Münch - als preussischen Staats¬ 
bürger — verfügten ungesetzlichen Einweisung in 
württembergische Irrenanstalten verkündete, wie der 
„National-Ztg.“ aus Stuttgart unterm 9. März ge¬ 
schrieben wird, am Freitag der I. Civilsenat des Kgl. 
Oberlandesgerichts in Stuttgart das Urtheil. Darnach 
wird das Versäumnisurtheil des Kgl. Oberlandesgerichts 
vom 12. Januar d. J., durch das die Berufung des 
Klägers v. Münch gegen das Urtheil der Civilkammer 
vom 14. Juli v. J. zurückgewiesen wurde, aufrecht er- 

Original from 

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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


11 


halten und der Kläger zur Tragung der weiteren 
Kosten des Verfahrens verurtheilt. (cf. Jahrgang IV, 
Seite 183.) 

— Stuttgart. Unter dem Vorsitz von Med.-Rath 
Dr. Kreuser-Winnenthal hielt der Hülfsverein für 
rekonvalescente Geisteskranke in Württemberg am 
9. März im Vortragssaal des Landesgewerbemuseums 
seine ordentliche Hauptversammlung. Nach dem vom 
Vorsitzenden erstatteten 6. Rechenschaftsbericht des 
Ausschusses über die letzten 2 Jahre hat der Verein 
in der letzten Geschäftsperiode 9332 M. an Unter¬ 
stützungen gewährt; in der ersten Geschäftsperiode 
waren es 2406 M., in der zweiten 3466 M., in der 
dritten 5324 M. und in der vierten 7333 M., das 
macht im ersten Dezenium seines Bestehens zusammen 
27861 M. In der letzten Geschäftsperiode wurden 
an 107 Personen auf 149 Gesuche Geldmittel ver- 
willigt. Die vom Verein verabfolgten Gaben sollen 
nicht den Charakter von Almosen haben. In 27 
Fällen überstieg die Gabe den Betrag von 100 M., 
1 Fall ist mit 600 M. verzeichnet. Nur in 8 Ober¬ 
amtsbezirke seien bis jetzt Unterstützungen des Vereins 
noch nicht gelangt. Wenn auch in den allermeisten 
Fällen, so seien doch, wie in der Natur der Sache 
liege, die Gaben nicht ausnahmslos auf guten Boden 
gefallen. Nach nun iojährigem Bestehen dürfe der 
Verein in seinen finanziellen Grundlagen als gesichert 
gelten. Der Mitgliederstand beziffert sich auf 1602. 
Schliesslich wird noch an alle Freunde der Sache mit 
der nachdrücklichen Bitte um weitere Unterstützung 
herangetreten. Der Vorsitzende gedenkt zum Schlüsse 
mit warm empfundenen Worten des verstorbenen 
Obermed.-Raths Dr. Diez. Nach dem Kassenbericht 
beliefen sich die Einnahmen der letzten Geschäfts¬ 
periode (1. Jan. 1904 bis 31. Dec. 1905) auf 18369 M. 
darunter Jahresbeiträge mit 10551 M.; die Ausgaben 
sind mit 16079 M. in Rechnung gesetzt, so dass ein 
Kassenbestand von 2290 M. vorhanden ist. Das 
Reinvermögen des Vereins beziffert sich auf 23 526 M. 
und hat seit der vorhergehenden Geschäftsperiode 
um 2657 M. zugenommen. Nachdem dem Ausschuss 
die Entlastung ertheilt worden war, wurde zu seiner 
Neuwahl geschritten und auf Vorschlag aus der Ver¬ 
sammlung der bisherige Ausschuss wiedergewählt. — 
Im Anschluss an die Hauptversammlung hielt Ober¬ 
arzt Dr. Schott an der Heilanstalt Weinsberg einen 
Vortrag über „Einiges über das menschliche Gehirn 
und seine Erkrankungen“. An der Hand von zahl¬ 
reichen Projektionsbildern und grossen Tafeln gab 
der Redner einen Ueberblick über die heutige Auf¬ 
fassung der Wissenschaft über dieses Organ. 

(Schwäbischer Merkur.) 

— Eine „Mittelfränkische Gesellschaft für 
Psychiatrie und Neurologie“ ist auf Anregung 
von Prof. Specht-Erlangen und Dr. von Rad- 
Nümberg gegründet worden. Sitzungen monatlich, 
abwechselnd in Erlangen und Nürnberg. Bisherige 
Mitgliederzahl 30. 

— Die diesjährige Wanderversammlung der süd¬ 
westdeutschen Neurologen und Irrenärzte wird 
am 26. und 27. Mai in Baden-Baden stattfinden. 


Vorträge sind bis Ende April anzumelden bei Dr. 
A reh 1-Strassburg oder Dr. Laquer-Frankfurt a. M. 


Referate. 

— Dr. Adolf C 1 u s s, Professor der land- und forst¬ 
wirtschaftlichen chemischen Technologie an der Hoch-, 
schule für Bodencultur in Wien: Die Alkohol frage 
vom physiologischen, socialen und wirt¬ 
schaftlichen Standpunkte. Parey, Berlin 1906, 
2,50 Mk. 

Das Buch will gegen die Abstinenzbewegung an¬ 
kämpfen. Mit anerkennenswerther Offenheit sagt der 
Verfasser, dass er durch berufliche Stellung und per¬ 
sönliche Verhältnisse in nahen Beziehungen zu den 
Gärungsgewerben stehe. Stutzig macht, dass er trotz 
dieses Bekenntnisses auch von den Gefahren der Ab¬ 
stinenzbewegung sagt, dass sie, „was das wichtigste 
ist, die Erfolge, welche die Mässigkeitsbestrebungen 
im Kampfe gegen den Alkoholmissbrauch erzielt haben, 
zu vernichten geeignet ist.“ 

Dem Buche ist vorzuwerfen, dass an seine Mässig- 
keitsbefüiwortung nur schwer zu glauben ist, denn 
thatsächlich würde auch die Mässigkeitsbewegung dem 
„Gärungsgewerbe“ Abbruch thun. Ihre consequente 
Durchführung würde zwar nicht, wie die Abstinenz¬ 
bewegung, das Gärungsgewerbe auf Null, aber doch 
wenigstens auf V2—Va reduciren. 

Weiterhin aber kämpft das Buch mit zum Theil 
anfechtbaren Mitteln, keineswegs aber immer mit 
wissenschaftlichen Waffen. Das Vorwort verwahrt 
sich gegen die Leute, die ohne naturwissenschaftliche 
Vorkenntnisse über die Alkoholfrage schreiben, und 
betont den fachmännischen Standpunkt. Ein eminenter 
Irrthum, den Gärungschemiker als den eigentlichen 
Fachmann in der Alkoholfrage anzusehen; für die 
Herstellung des Alkohols in einer seiner gebräuchlichsten 
Formen gewiss, aber doch nicht für die ganze, eminent 
volkswirtschaftliche und medicinische Frage, ebenso¬ 
wenig wie etwa bei einem Giftmord der Toxikologe 
oder bei einer Schuss Verletzung der Waffenfabrikant 
der einzig competente ist. 

Die Einleitung will u. a. statistisch zeigen, dass 
Deutschland in Bezug auf den Alkoholconsum keines¬ 
wegs an vorderster Stelle marschiert. Es erinnert an 
Spiegelfechterei, wenn in der Statistik die kleinen 
Staaten Belgien und Dänemark als gleichwertig mit- 
aufgeführt werden; thatsächlich marschiert Deutsch¬ 
land im Bierconsum neben Gross britannien, im 
Schnapsconsum neben Oesterreich-Ungarn an der 
Spitze. 

Weiterhin wird die Alkoholfrage vom physiologischen 
Standpunkte abgehandelt. Statt die mannigfachen 
psychologischen Versuche von Kraepelin u. a. dar¬ 
zustellen, wird kurzerhand behauptet, der Beweis der 
Schädlichkeit kleiner Mengen sei nicht erbracht, jeder 
sei in der Lage, an sich selbst die Unschädlichkeit 
massiger Mengen zu erproben, die „Agitatoren** ver¬ 
wenden Experimente mit reinem Alkohol u. s. w. 
Alles falsch! Die Alkoholexperimente sind zum 
grossen Theil mit griechischem Wein ausgeführt worden; 
selbst kleine Mengen von 10 gt stören schon einfache 


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Original fram 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT; 


[Nr. i. 


li 


Willensreactionen; nach der famosen Ansicht des 
Selbsterprobens der Unschädlichkeit müssten ja die 
Syphilis und der Krebs in manchen Stadien, gar 
nicht zu reden von vielen Psychosen, ebenfalls un¬ 
schädlich sein! 

Es werden u. a. als Autoritäten für die Un¬ 
schädlichkeit angeführt v. Behring, Leibarzt Dr. Z unk er, 
dann der Psychiatriker Herr Professor Dr. Storch u. s. w. 
Wenn die Autoritäten ausgehen, müssen Trinklieder 
von der Banalität des „Grafen von Rüdesheim“ als 
Kronzeugen für den Alkohol herhalten! Von den 
Rheinlanden, Pfalz, Württemberg, Baden, Eisass be¬ 
hauptet er, „einen acuten Alkoholismus gibt es dort 
überhaupt nicht“. Herr Cluss möge sich einmal die 
Aufnahmelisten der Heidelberger Irrenklinik mit ihrem 
stattlichen Contingent alkoholischer Geisteskranker an- 
sehen! Der mystische Glaube an die Wunderwirkung 
des kohlensäurehaltigen Alkoholikums Champagner 
darf nicht fehlen! Selbst für den in der Kälte 
frierenden und sich mit schwer verdaulichen Speisen 
nährenden Arbeiter und den bei nasskaltem Wetter 
dienstthuenden Soldaten wird der Schnaps empfohlen, 
desgleichen werden dem Schnaps vorzügliche Dienste 
bei Influenzaepidemieen angedichtet. Uebertreibungen 
wie „so gut wie unersätzlich“ bei Kindbettfieber u. s. w. 
finden sich allenthalben. 

Herr Cluss meint, selbst die verbohrtesten Ab¬ 
stinenten würden wohl nichts gegen die äusserliche 
Anwendung des Alkohols als Heilmittel einzuwenden 
haben; aber auch dagegen muss ich opponiren: es 
wurde beobachtet, dass ein Kind durch Alkoholum¬ 
schläge, die es auf die Brust bekam, so narcotisirt 
wurde, dass es 17 Stunden lang nicht zu sich kam! 

Neurasthenikern und Phthisikern wird Alkohol 
empfohlen. Kein Mittel soll so schnell die erlahmende 
Herzthätigkeit anregen wie der Alkohol; in der un¬ 
vollständigen Liste anderer Mittel, die Cluss bringt, 
fehlt u. a. der viel empfehlenswerthere Campher. 
Auf die naive Frage, ob die an Stelle des Alkohols 
empfohlenen Remedien nicht erst recht Gifte sind, 
legen wir Herrn Cluss die Bitte vor, uns einen 
einzigen Menschen vorzustellen, der z. B. durch 
Campher, Digitalis u. s. w. zum ständigen, suchtartigen 
Genuss gekommen wäre und dadurch Gesundheit 
und Vermögen eingebüsst hätte. 

In den Erörterungen über die sociale Seite der 
Frage wird wenigstens Enthaltsamkeit gefordert für 
Kinder bis zur Geschlechtsreife, deren Grenze freilich 
auf 14—16 Jahre gesetzt wird. Ist es dem Buche wirk¬ 
lich ernst mit seiner, freilich verclausulirten Mässigkeits- 
grenze von 30—50 ccm? Das von ihm vertretene 
Gährungsgewerbe würde auf einen Bruchtheil zusammen¬ 
schrumpfen, wenn diese Grenze eingehalten würde. 

Selbst für ein populärwissenschaftliches Buch muss 
es als ein methodologischer Unfug bezeichnet werden, 
wie die bekämpften Kräpelin’schen Versuche dtkt 
werden: Cluss protestirt gegen die Verwendung von 
75 — 9 ° ccm Alkohol! Aber das sind doch die so¬ 
genannten Rauschversuche, ausser rinnen es doch 
noch sehr viele andere Versuche giebt mit kleineren 


Quantitäten, 10—50 gr. Den Mangel an Sorgfalt 
verräth das Buch selbst, indem es erwähnt, dass es 
die „bekannten“ Versuche Kräpelin’s nur aus Be¬ 
richten Höflmayr’s kennt (S. 70)! Zur Charakterisirung 
der noblen Kampfesart des Buches dient schon, dass 
es von dem „berühmten abstinenzlerischen“ Ehepaar 
Helenius spricht! Als Beweis gegen eine verdummende 
Wirkung des Alkohols muss der Umstand herhalten, 
dass die Corpsstudenten besonders häufig die höchsten 
Staatsstellungen erhalten! Beleidigend wird das Buch 
geradezu, wenn es (S. 32) sagt: „nur einige der ganz 
verrannten Fanatiker gehen soweit, die 4 fache Ab¬ 
stinenz von Alkohol, Tabak, Kartenspiel und Pro¬ 
stitution zu verlangen“. Zum Glück giebt es grosse 
Scharen tüchtiger Männer, die in dieser 4 fachen Ab¬ 
stinenz nicht nur ein Ideal erblicken, sondern auch 
danach leben. 

Wahrlich, auch wenn man, wie Referent, den 
Mässigkeitsstandpunkt für den zur Zeit am meisten 
berechtigten einnimmt, so muss man doch für eine 
Bundesgenossenschaft wie die des Herrn Cluss ent¬ 
schieden danken. Wenn die Abstinenz keine grösseren 
Schwierigkeiten zu bekämpfen hätte als die nach Art 
des vorliegenden Buches, dann wäre ihr Sieg auf der 
ganzen Linie bald zu erwarten! 

Wey gandt - Würzburg. 


Personalnachrichten. 

— Bendorf a. Rh. Dr. Max Sommer, früher 
I. Assistenzarzt der psychiatrischen und Nervenklinik 
in Jena ist als II. dirigirender Arzt in die Dr. Er len- 
meyerschen Anstalten für Gemüths- und 
Nervenkranke in Bendorf a. Rh. eingetreten. 

— Leipzig. Dr. Heinrich Klien habilitirte sich 
für Psychiatrie und Nervenheilkunde. 

— Baden. Als Hilfsärzte wurden angestellt in 
Emmendingen Dr. Koch, in Illenau Dr. Herth und 
Dr. Römer. 

Eine ideale Amateur-Kamera ist die soeben 
von der bekannten Optischen und Mechanischen Werkstätte 
Voigtländer & Sohn A.-G. in Braunschweig auf den Markt 
gebrachte, ganz in Metall gearbeitete „Alpin* in Format 9 bis 
12 cm für Platten und Planfilms. 

Alle modernen Einrichtungen, wie Objektiv-Verschluss tür 
Moment- und Zeitaufnahmen, Hoch- und Querverstellung des 
Objektivbrettes, umlegbarer Spiegelsucher mit Libelle, Stativ- 
Gewinde für Hoch- und Querformat sind vorgesehen und als 
Optik dient das rühmlichst bekannte Voigtländer Dynar-Anastig- 
mat 12 cm mit der hohen Lichtstärke 1:6, die selbst bei 
Weniger günstiger Beleuchtung noch gut durchgearbeitete haar¬ 
scharfe Momentbilder liefert 

Dass ausserdem der ganze Apparat auf das solideste und 
feinste gearbeitet ist, bedarf bei dem Ruf der VoigtländePschen 
Erzeugnisse keiner besonderen Erwähnung. 

Trotzdem kostet die komplette Kamera, fertig zum Ge¬ 
brauch mit Optik und 6 Metall-Kassetten im Etui nur 150 M. 
und da sie geschlossen nur die winzige Dicke von nicht 
ganz 4 cm hat, also bequem und unauffällig in jeder Tasche 
mitzunehmen ist, so sind wir im Voraus des Dankes unserer 
verehrten Leser gewiss, auch ah dieser Stelle auf“ eine so prak¬ 
tische Neuheit hinj»ewiesen zu haben. 

Die uns vorliegende Alpinliste Nr. 184 besagt alles Nähere 
und wird, soweit uns bekannt, von der Firma Voigtländer 
Jedermann auf Verlangen gen kostenlos «»gesandt. 


Ptir den redactlonetlen Th eil verantwortlich : Oberarzt Dr. j. Brest er, LuMhiitx (Schlesien). 

Knebelst jeden Sonaabnd. — Schluss der Iuseratenannahme j Tage vor der Ausgabe. — Verlag voa Carl Marbold in Halls a. S. 

Heynemann'sche Buchdruckerei (Gebr. Wolff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

LubUnits (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marhold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher823. 

Nr. 2. 7 - April 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitxeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermisstgung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schlesien), zu richten. 


Zur Behandlung alkoholischer Delikte. 

Von Dr. Otto Juliusburger , Oberarzt am Sanatorium Berolinum zu Steglitz bei Berlin. 


T^\ie ausgezeichneten Ausführungen Hoppes über 

die forensische Beurtheilung und Behandlung 
der von Trunkenen und von Trinkern begangenen 
Delikte im Januarhefte des Centralblattes für Nerven¬ 
heilkunde und Psychiatrie geben mir zu den nach¬ 
folgenden Bemerkungen Veranlassung. Ueber den 
gleichen Gegenstand habe ich mich bereits früher 
wiederholt geäussert; einmal in meinem Buche „Gegen 
den Alkohol“ 4 ') und zwar hier in den Aufsätzen „Zur 
Bestrafung der Trunksucht“ und „Alkohol vor Ge¬ 
richt“. In letzterem Aufsatz habe ich den s. Zt viel¬ 
besprochenen Fall Hüssner einer eingehenden Analyse 
unterzogen und an diesem Beispiele die Zwecklosig¬ 
keit des heutigen Strafverfahrens gegen alkoholische 
Delikte dargethan. Die Richtigkeit meiner Ausführ¬ 
ungen fand in dem weiteren Verlauf der Hüssner- 
Affäre ihre Bestätigung. In der Schlussbetrachtung 
zu meinem Aufsatze gab ich die scharfe Gegenüber¬ 
stellung „nicht Gefängniss, sondern Heil¬ 
anstalt“. Des weiteren habe ich in meiner Schrift 
„Gegen den Strafvollzug“**) mehrere Aufsätze von 
mir zusammengestellt, in denen ich eingehend die 
Gründe darlegte, die es individuell-psychologisch, so¬ 
wie sodal-ethisch ungerechtfertigt und zwecklos er¬ 
scheinen lassen, die unter der Alkoholwirkung be¬ 
gangenen Vergehen dem herrschenden Strafrechte zu 
unterwerfen. Es ist ganz klar und Hoppe hat dies 
gleichfalls einwandfrei dargethan, dass eine Alkohol¬ 
einwirkung auf das Gehirn, wonach dieses zu anti¬ 
socialen Leistungen gebracht wird, eine derartig tiefe 
Vetänderung des ganzen psychischen Ablaufes zeitigt, 
dass detjenige Seelenzustand aufgehoben ist, den wir 
als die Freiheit der Persönlichkeit zu bezeichnen 
pflegen. Eine nachhaltige Alkoholeinwirkung auf das 

*) Verlag von F. Wunder, Berlin, Kreuzbergstr. 3. 

**) Verlag von J. Michaelis, Berlins 42. Luisen-Ufer 55. 

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Seelenleben geht niemals ohne bedeutsame Störung 
des Persönlichkeitsbewusstseins einher. Die funda¬ 
mentale Bedeutung der Versuche Aschaffenburgs wird 
noch lange nicht genügend gewürdigt; er iiess be¬ 
kanntlich Buchdrucker arbeiten, welche subjectiv fest 
überzeugt waren, dass sie unter Wirkung von 35 cbcm 
Alkohol (= *U Liter Bier) schneller gearbeitet hätten, 
während sie thatsächlich langsamer und schlechter 
gearbeitet hatten. Schon bei dieser relativ geringen 
Alkoholmenge finden wir bei ihrer Einwirkung auf 
das Seelenleben eine objectiv nachweisbare Störung 
des Persönlichkeitsbewusstseins, als deren Kern die 
Gefühlssphäre angesehen werden muss, die ich mit 
Stransky als Thymopsyche zum Unterschiede vom 
Intellect, Stranskys Noopsyche*), bezeichne. Die durch 
Aschaffenburgs Versuche erwiesenen thymopsychischen 
Störungen nach kleinen Alkoholmengen geben uns 
den Schlüssel zum Verständnisse der alkoholischen 
Delikte. Stets werden wir bei diesen mehr oder 
weniger ausgedehnte Störungen der Thymopsyche 
finden und demzufolge in allen Fällen alkoholischer 
Delikte die sogenannte Freiheit des Individuums als 
aufgehoben anzusehen haben. Ebenso kann es keinem 
Zweifel unterliegen, dass eine Gesellschaft, die mit 
aller Macht und allen Mitteln die Tyrannei der 
Trinksitte aufrecht erhält und dadurch tagein, tagaus 
alkoholisirte Gehirne geradezu züchtet, keinen Grund 
hat, nachträglich über die Früchte ihres Thuns zu 
erschrecken und die Opfer ihrer Erziehung auszustossen. 
Insofern stimme ich also gänzlich mit Hoppe überein. 
Vortrefflich hat ei die logischen Erkenntnissgründe 
dargethan, aus denen mit zwingender Gewalt das 
Verdikt über das heutige Strafsystem alkoholischer 
Delikte folgt. Ich glaube aber, dass er aus unan¬ 
tastbaren Prämissen nicht die volle Consequenz ge- 
*) Ich ziehe den Ausdruck Idopsyche vor. 

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14 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 2 


zogen hat. Hoppe fordert nämlich: „Wer in einem 
nachweislichen Rauschzustände eine Strafthat verübt 
hat, wird im allgemeinen, besonders wenn es sich um 
eine bisher unbestrafte Person handelt und nach 
Lage der Umstände anzunehmen ist, dass die Trunken¬ 
heit bestimmend auf das Handeln des Thäters ein¬ 
gewirkt hat und dass dieser in nüchternem Zustande 
die That nicht begangen hätte, auf Grund des § 51 
St. G. B., event. nach Anhören eines Sachverständigen, 
wegen Unzurechnungsfähigkeit zur Zeit der That frei¬ 
gesprochen, resp. die Bestrafung wird ausgesetzt (be¬ 
dingte Verurtheilung) mit der Maassgabe, dass er 
von nun an alkoholische Getränke zu vermeiden und 
enthaltsam zu leben, event. auch sich einer Enthalt¬ 
samkeitsvereinigung anzuschliessen habe; er habe aber, 
sobald ein Rückfall in die Trinksitten gerichtskundig 
werde, speciell bei Begehung eines weiteren Rausch¬ 
deliktes, die Vollziehung der Strafe für jenes Delikt 
(unter Ausschliessung mildernder Umstände) zu ge¬ 
wärtigen.“ Mit dieser Forderung scheint mir aber 
Hoppe nicht consequent zu sein. Wenn man das 
alkoholische Delikt ansieht als eine pathologische 
Gehimleistung, hervorgerufen durch die alkoholische 
Giftwirkung auf das Gehirn und wenn man weiter 
mit Fug und Recht der der Trinksitte huldigenden 
Gesellschaft aus social ethischen Gründen das Recht 
zur Strafe abspricht, so ergiebt sich als einzige logische 
Folgerung, dass der alkoho lische Delinquent 
als antisocialer Kranker aufzufasssen ist, 
der sofort einem entsprechenden Heil¬ 
verfahren zu unterziehen ist. Gerade was 
Hoppe in vortrefflicher Weise darlegt, nämlich die 
Zwecklosigkeit und Ungerechtigkeit der Strafe, wider¬ 
ruft er eigentlich hinterdrein; was er mit Nachdruck 
durch die Vorderthür hinausgeworfen, lässt er ge- 
wissermaassen durch ein Hinterthürchen wieder ein¬ 
schlüpfen. Aus den oben dargelegten Grundsätzen 
ergiebt sich die Forderung, dass Alkoholmissethäter 
unter allen Umständen in Heilanstalten und nicht in 
Strafanstalten gehören. Ich hoffe auf diesem Felde 
umso leichter mich mit Hoppe zu finden, als er selbst 
verlangt, „dass der Richter bei wiederholten Strafthaten 
in angetrunkenem Zustande befugt sein muss, unter 
Umständen neben der Bestrafung, die zwangsweise 
Unterbringung des Thäters in einer Trinkerheilanstalt 
zu beschliessen, wo dieser zur Enthaltsamkeit zu er¬ 
ziehen und so lange zu behandeln ist, bis dieser 
Zweck erreicht scheint.“ Meine Forderung geht da¬ 
hin, dass gleich bei der ersten alkoholischen Strafthat 
das Individuum der Heilanstalt überwiesen werden 
soll. In meiner Schrift „Gegen den Strafvollzug“ sagte 
ich: Wer durch den Alkohol zu irgend einer anti¬ 


socialen Handlung getrieben wurde, muss zunächst 
auf unbestimmte Zeit in die Erziehungsanstalt. Von 
seiner Empfänglichkeit für die abstinente Lebensauf¬ 
fassung, von der Kraft, mit der diese Wurzel in ihm 
schlägt, von seiner Sinnesänderung und Umwandlung 
seiner Persönlichkeit wird die Dauer seines Aufent¬ 
haltes abhängig gemacht werden müssen und hierüber 
kann nur die sachverständige Leitung der Anstalt 
das Urtheil abgeben. Ich halte es auch nicht für 
ausreichend, dass nach Hoppe dem Delinquenten nach 
seiner ersten Strafthat gewissermaassen nur der Auf¬ 
trag gegeben werde, von nun an alkoholische Getränke 
zu vermeiden und enthaltsam zu leben, event. auch 
sich einer Enthaltsamkeitsvereinigung anzuschliessen. Ich 
darf es wohl als eine Erfahrungstatsache hinstellen, 
dass derjenige, welcher unter der Alkoholwirkung zu 
antisocialen Handlungen getrieben wird, einmal, wie 
alle der Trinksitte huldigenden Individuen, von den 
überwertigen Ideen der Unentbehrlichkeit alkoholi¬ 
scher Getränke beherrscht wird, und andererseits zu¬ 
meist einem Milieu angehört, dessen Wesensart nicht 
geeignet ist, gerade bezüglich des Alkoholgenusses 
sofort eine Umstimmung der Persönlichkeit, eine 
Wandlung der Gefühlsweise, die Aufnahme neuer 
Gedanken vorsichgehen zu lassen, oder ihre Ent¬ 
wicklung zu fördern und zu stärken. Ueber das 
Wesen und die Thatsache dieser socialspychologischen 
Erscheinung bitte ich meine Arbeit „Ueber die Ein¬ 
sichtslosigkeit der Alkoholisten“ *) nachlesen zu wollen. 
Hat die Gesellschaft kein Recht auf Strafe, so hat sie 
ein Recht und eine Pflicht, sich zu schützen. Zum 
Schutze der Gesellschaft und zum Nutzen des Indi¬ 
viduums selbst muss dieses daher gleich bei der ersten 
alkoholischen Strafthat in eine Heilanstalt behufs Er¬ 
ziehung zur abstinenten Lebensweise gebracht werden. 
Wenn man überzeugt ist, dass diese Maassregel die 
einzig richtige ist, weil sie die Quelle des Uebels zu¬ 
schütten, nämlich die Neigung zum Alkohol beseitigen 
will, so muss diese Maassregel mit aller Energie durch¬ 
geführt werden. 

Wir können uns aber nicht verhehlen, dass unsere 
Forderung, so berechtigt und unabweisbar für die 
Zukunft sie auch ist, erst viele Vorurtheile überwinden 
und in das allgemeine Bewusstsein eindringen muss. 
Immer wieder müssen wir sie vom Standpunkte 
unseres Wissens und Gewissens erheben. Für die 
Gegenwart aber werden wir eine Mindestforderung 
aufzustellen haben. Wir müssen heute verlangen, 
dass in den Strafanstalten die Häftlinge, die der Al- 

*) Juliusburger; Monatsschrift für Psychiatric und Neu¬ 
rologie. Bd. XIX, H. 2. 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


15 


kohol hineingeführt hat, recht gründlich über die Be¬ 
deutung des Alkoholgenusses aufgeklärt werden. Sie 
müssen vollständig ausgerüstet werden mit dem Wissen 
über die Alkoholfrage in natürlicher Anpassung an 
ihr Auffassungsvermögen. Was ich in meiner Arbeit 
„lieber die Einsichtslosigkeit der Alkoholisten“ für 
die Irrenanstalten gefordert habe, das verlange ich 
auch für die Strafanstalten. Man muss das Prin- 
cip der Trinkerrettungsvereine auch in die 
Strafanstalt verpflanzen. Die Kunst mit der 
Belehrung im Bunde sollen unter Führung der Ethik 
ihre Kraft entfalten. Abstinente Aerzte und Lehrer 
sollten zur Behandlung und Erziehung der Häftlinge 
herangezogen werden. Es versteht sich von selbst, 


dass der Alkoholgenuss aus Strafanstalten radikal zu 
verschwinden hat. Schon während des Aufenthaltes 
in der Strafanstalt sollte die Verbindung mit Ent¬ 
haltsamkeitsvereinen angeknüpft werden. Die Fürsorge 
für entlassene Häftlinge soll sich auch darauf er¬ 
strecken, dass dieselben nach ihrer Entlassung sofort 
in Enthaltsamkeitsvereine eintreten. Dadurch wird 
das Gefühl der Menschenwürde in ihnen gestärkt 
werden, sie werden sich nicht im Gegensätze zur Ge¬ 
sellschaft fühlen, sie werden durch Anschluss an die 
idealen Bestrebungen der Vereinigung sich auf der 
Höhe halten können, und endlich kann der Verein 
selbst eine nicht unwichtige und das Individuum 
nicht verletzende Aufsicht ausüben. 


Wichtige Entscheidungen auf dem Gebiete der 
gerichtlichen Psychiatrie. V. 

Aus der Litteratur des Jahres 1905 zusammengestellt 
von Emst Schultu. 

(Fortsetzung.) 


III. Bürgerliches Gesetzbuch. 

§§ b, 1910. 

Beschränkt sich die Störung der Geistesthätigkeit 
auf einzelne oder auf einen bestimmten Kreis von 
Angelegenheiten, ohne den Betroffenen zur Besorgung 
aller Angelegenheiten unfähig zu machen, so kann 
nur eine Pflegschaft eingeleitet werden. (R. G. IV. 
17. Okt, 04). D. R. pag. 563. Entsch. Nr. 2250. 

§ 6 . 

Bei der Feststellung, welche von den beiden Graden 
geistiger Störung — Geisteskrankheit und Geistes¬ 
schwäche — vorliegt, ist von der Stärke der Wir¬ 
kungen auf die Stärke der Ursache zu schliessen. 
( 0 . L. G. Hamburg 12. Dez. 1904). 

D. R. pag. 163. Entsch. Nr. t)68. 

§ 6 . 

Materiell rügt die Revision Verletzung des § 6 
Nr. 1 B. G. B. Derselbe setze eine Unfähigkeit zur 
Besorgung aller Angelegenheiten voraus. Geistige 
Gebrechen, welche die davon Betroffenen nur ver¬ 
hindern, einzel ne seiner Angelegenheiten oder einen 
bestimmten Kreis seiner Angelegenheiten, insbe¬ 
sondere seine Vermögens angelegen hei ten zu besorgen, 
könnten zwar die Einleitung einer Pflegschaft, niemals 
aber die Entmündigung rechtfertigen. Hiermit setze 
sich das Berufungsurtheil in Widerspruch. Es kon- 
struire eine rechtlich neue Entmündigungsmüglichkeit, 

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wenn es zwischen demjenigen Menschen, der alle 
seine Angelegenheiten, und demjenigen, der nur einen 
bestimmten Kreis seiner Angelegenheiten nicht 
zu besorgen vermöge, noch eine dritte Gruppe ein¬ 
schiebe: nämlich diejenigen Menschen, die mehrere 
bestimmte Kreise ihrer Angelegenheiten nicht zu 
besorgen vermögen. Dieser Angriff geht fehl. Im 
Sinne des § 6, Z. 1 B. G. B. ist der Fall der Ent¬ 
mündigung des Geisteskranken allerdings nur dann 
gegeben, wenn derselbe seine Angelegenheiten in 
ihrer Gesammtheit, nicht bloss einzelne von 
ihnen, zu besorgen ausser Stande ist. Dies verkennt 
aber das B. G. keineswegs. Indem dasselbe annimmt, 
dass der Kl. unfähig sei, seinen Vermögens - und 
Familienangelegenheiten vorzustehen, dass er nicht 
im Stande sei, seiner Steilung im socialen und 
öffentliche nLeben gerecht zu werden, will es hierunter 
nicht bloss einzelne Kreise der Angelegenheiten des 
Kl. begreifen. Es hält vielmehr nach seinen Fest¬ 
stellungen für dargethan, dass die Unfähigkeit des 
Kl., in diesen Angelegenheiten thätig zu sein, nach 
der individuellen Lebensstellung des Kl. die Unfähig¬ 
keit desselben zur Besorgung seiner Angelegenheiten 
in ihrer Totalität enthalte. Darauf allein aber 
kann es begriffsmässig ankommen, und es ist be¬ 
deutungslos, ob der Kl. im übrigen in einer oder 
mehreren vereinzelten Richtungen verfügungsfähig ge¬ 
blieben ist. (R. G. IV. C. S. 23. Jan. 1905.) 

J. W. pag. ljj. 

Qrigir 

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i6 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 2. 


§ 6 . 

Eine nach altem Recht ausgesprochene Ent¬ 
mündigung wegen Geisteskrankheit, die durch An¬ 
fechtungsklage angefochten ist, kann, wenn zwar nicht 
die Voraussetzungen der Geisteskrankheit, wohl aber 
die der Geistesschwäche vorliegen, auf die Klage hin 
in eine Entmündigung wegen Geistesschwäche umge¬ 
wandelt werden. (R. G. IV. 23. Okt 1902.) 

D. R. pag. 105. Entsch. Nr. 376. 

§§ 6. 1569. 

Im Sinne des Gesetzes sind zwischen den beiden 
Formen der regelwidrigen Geistesbeschaffenheit — 
Geistesschwäche und Geisteskrankheit — nur Grad¬ 
unterschiede anzuerkennen. (R. G. IV. 11. Mai 1905.) 

D. R. pag. 648. Entsch. Nr. 2683. 

§ 6. Ziffer 2. 

Der Berufiingsrichter verstösst gegen die Vor¬ 
schriften der §§ 684 Abs. 4, 670 Abs. 1, 622 Abs. 1 
Z. P. O., wenn er sich der Erörterung, ob der Ver¬ 
mögensverfall des Klägers auf seine geistige oder 
körperliche Gebrechlichkeit zurückzuführen sei, deshalb 
entschlägt, weil dieser Umstand vom Kläger nicht 
besonders geltend gemacht sei. Allein auch der Be¬ 
griff der Verschwendung im Sinne von § 6 Ziffer 2 
B. G. B. ist missverstanden, wenn der Berufungs¬ 
richter dabei nur auf äusserliche Merkmale abstellt 
und die subjektive Seite, die Charakteranlage, die 
Sinnes- und Denkweise des Betreffenden ganz ausser 
Betracht lässt. Der gewöhnliche Sprachgebrauch be¬ 
zeichnet nicht schon den als Verschwender, der 
grössere Ausgaben macht, höhere Verbindlichkeiten 
auf sich nimmt, als zu seiner Vermögenslage in an¬ 
gemessenem Verhältnis steht, auch wenn sich solche 
Aufwendungen als unnütz herausstellen. Sonst würde 
man, je nach dem Erfolge, auch den unternehmenden 
Geschäftsmann, den bloss ungeschickten und unfähigen 
Wirthschafter, den aufopfernden Menschenfreund ohne 
Weiteres schon als Verschwender gelten lassen müssen. 
Entscheidend ist vielmehr, ob jene objektiv unwirt¬ 
schaftlichen Aufwendungen in ursächlichem Zusammen¬ 
hang stehen mit persönlichen Eigenschaften, die, wie 
z. B. Leichtsinn, Liederlichkeit, Prunkliebe und der¬ 
gleichen, einen Hang zu unvernünftigen, zweck- und 
nutzlosen Ausgaben erkennen lassen. Dass der Ge¬ 
setzgeber mit der Verschwendung keinen vom ge¬ 
wöhnlichen Sprachgebrauch abweichenden Sinn ver¬ 
binden wollte, beweisen die Motive zum B. G. B. 
1. S. 63/64 und die Protokolle der II. Kommission 
Bd. 1, S. 33. (R. G. IV. 30. Jan. 1905.) 

J. W. pag. iö6. 


§ 104. § 286 Z. P o. 

Die Entscheidung, ob sich Jemand in einem seiner 
Natur nach nicht vorübergehenden, die freie Willens¬ 
bestimmung ausschliessenden Zustande krankhafter 
Störung der Geistesthätigkeit befindet, ist eine über¬ 
wiegend tatsächliche, die der Richter trifft. Für sie 
kommt daher § 286 Z. P. O. in Betracht; bei ihr 
kann den ärztlichen Gutachten und den Zeugenaus¬ 
sagen keine andere Bedeutung zukommen, als den 
Gutachten Sachverständiger und den Zeugenaussagen 
auf anderen Gebieten. So wenig daher von einer 
Gebundenheit des Richters an den ärztlichen Aus¬ 
spruch die Rede sein kann, so wenig Hesse sich die 
Annahme vertreten, dass ein erbotener Zeugenbeweis 
unter allen Umständen erhoben werden müsse. Der 
Berufungsrichter geht bei seiner Thatsachen- und Be¬ 
weiswürdigung von den dargelegten Grundsätzen aus 
und gelangt zu dem Ergebnisse, im HinbUck auf die 
von den ärztlichen Sachverständigen festgestellte Art 
der hier vorliegenden Geisteskrankheit, deren durch 
den objektiven Befund festgestelltes, vorgeschrittenes 
Entwicklungsstadium und deren in diesem Stadium 
absolut gegebene Einwirkung auf die Willens- und 
Verkehrsfähigkeit könnte seine durch die ärztlichen 
Gutachten begründete Ueberzeugung auch dann nicht 
erschüttert werden, wenn die vom Kläger bezogenen 
Zeugen das bestätigen würden, wofür sie angerufen 
sind. (R. G. II. 28. Jan. 1905.) 

J. W. pag. 167. 

§ 104. 

Nach dem Standpunkt des B. G. B. ist die Frage 
der Geschäftsunfähigkeit aus den Erscheinungen der 
angeblichen Erkrankung im Verkehrsleben, also aus 
der eigenen Darstellung des Beklagten, seinen Er¬ 
klärungen, dem an den Tag gelegten Verständniss des 
rechtlichen Vorgangs und seiner Folgen, sowie aus 
den Wahrnehmungen anderer über das Verhalten des 
Beklagten zu lösen. Der ärztliche Befund und die 
ärztliche Wissenschaft kann auch hier für das Ver¬ 
ständniss mancher Erscheinungen werthvolle Auf¬ 
schlüsse bieten. Von einer Gebundenheit des Richters 
an den ärztlichen Ausspruch kann aber hier nicht die 
Rede sein, zumal da es sich um eine wesentlich 
thatsächliche Frage handelt. 

Bei der Frage der Geschäftsfähigkeit eines Men¬ 
schen kommt das Denkvermögen, als Erkenntniss¬ 
und Schlussvermögen, sowie das Vermögen, Vor¬ 
stellungen und daraus entspringende Begehren in 
Handlungen umzusetzen, dann das W ill en s vermögen, 
letzteres in positiver und negativer Richtung, der 
Widerstandsfähigkeit gegen einen anderen Willen in 


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Original fram 

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i go6.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


17 


Betracht. Von dem normalen Zustande des Ge¬ 
schäftsfähigen abweichende Dauerzustände — Geistes¬ 
krankheiten — können auf angeborener Verkümme¬ 
rung der Organe, die als Sitz der geistigen Funktionen 
erachtet werden, auf mangelhafter Entwicklung dieser 
Organe und auf pathologischen Veränderungen, somit 
auf physiologischem Gebiete liegen. Die Wirkung 
kann eine geringere und eine stärkere, sogar eine so 
weitgehende sein, dass nach gewöhnlicher Lebens¬ 
auffassung ein vernünftiges Handeln nicht mehr er¬ 
kennbar wird. Die Willensschwäche, insbesondere 
in ihrer passiven Seite, dem Mangel an Widerstands¬ 
kraft, kann einem solchen geistigen Defekte entspringen, 
sie kann aber auch bei voller geistiger Ungetrübtheit 
ihren Grund lediglich in psychischen Eigenschaften, 
wie Gutmüthigkeit, Mangel an Muth oder an Be¬ 
ständigkeit und Festigkeit des Willens, haben. Die 
Geschäftsunfähigkeit oder nur Geschäftsbeschränktheit 
begründende Anomalie des geistigen Zustandes eines 
Menschen kann somit nach dem Grunde der Ent¬ 
stehung, wie nach der Art der Erscheinung verschieden 
sein. Das B. G. B. giebt aber keinen Anhaltspunkt 
für die Unterscheidung zwischen Geisteskrankheit und 
Geistesschwäche nach der Art und dem Grunde der 
Anomalie. Die Unterscheidung der Geisteskrankheit 
und der Geistesschwäche mit ihren verschiedenen 
rechtlichen Folgen der Geschäftsunfähigkeit und Ge¬ 
schäftsbeschränktheit sollte auch nicht auf den Grund 
und die Art der Anomalie des geistigen Zustandes 
begründet werden. Man hielt die Auffassung des 
Lebens für genügend, um auf diesen Unterschied 
zwei verschiedene Entmündigungsfälle zu gründen. 
Hiernach kann nur der Grad der Anomalie für die 
Untersuchung entscheidend sein. Steht der Kranke 
in seinem Denken, Wollen und Handeln infolge einer 
geistigen Anomalie, gleichviel auf welchem Grunde 
sie beruht, nach allgemeiner Lebensauffassung auf 
einer so niedrigen geistigen Stufe, dass sein Handeln 
so wenig Beachtung verdient als das eines Kindes 
unter sieben Jahren, so liegt Geisteskrankheit im Sinne 
des Gesetzes vor, während der geringere Grad der 
Anomalie mit der Rechtsfolge der Geschäftsbeschränkt¬ 
heit als Geistesschwäche erscheint (Planck B. G. B. 
II. Aufl. Bd. I. S. 58; Hölder, Kommentar z. B. G. B. 
1. Bd. Allgemeiner Theil S. 81; R. G. Z. Bd. 50 S. 
203). Das Gericht muss wohl von den physiologi¬ 
schen und psychiatrischen Erörterungen in den Gut¬ 
achten der Sachverständigen Kenntniss nehmen, aber 
es hat keine Veranlassung, sich auf diese Gebiete zu 
begeben. Die Beweiswürdigung hat nach den ein¬ 
gangs angeführten Grundsätzen zu erfolgen. Das Ur- 
theil der Aerzte, die bei derselben Grundlage im 

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Entmündigungsverfahren Geistesschwäche im Sinne 
des § 114 B. G. B., im gegenwärtigen Prozesse aber 
Geisteskrankheit im Sinne des § 104 Z. 2 B. G. B. 
annahmen, für die Bildung des eigenen Urtheils nicht 
für massgebend zu erachten, stand dem Berufungs¬ 
richter gemäss § 286 Z. P. O. frei. (R. G. VI. 14. 
XI. 1904.) D. R. Entsch. pag. 43. Nr. 138. 

§§ 104 Nr. 2 818. 

Wenn ein Geisteskranker eine Bank, ohne dass 
ihr ein Verschulden zur Last fällt, zu einer beider¬ 
seits von vornherein in Aussicht genommenen fort¬ 
gesetzten Thätigkeit für seine Rechnung veranlasst, 
so ist bei der Frage der Bereicherung der Bank das 
Gesammtergebniss dieser Thätigkeit 4 ins Auge zu 
fassen. (R. G. I. 18. März 1905.) 

D. R. pag. 312. Entsch. Nr : 1448. 

§§ 104, 105. 

Wer ein Testament wegen mangelnder Testier¬ 
fähigkeit des Erblassers (§§ 104, 105 B. G. B.) an¬ 
ficht, ist beweispflichtig dafür, dass der Erblasser 
zur Zeit der Testamentserrichtung testierunfähig war. 

Nach dem Recht des B. G. B., wie nach dem 
früheren gemeinen Recht, ist bis zum Beweis 
des Gegentheils davon auszugehen, dass, wer 
eine Willenserklärung abgiebt, also auch, wer eine 
letztwillige Verfügung trifft, sich nicht in einem der 
in den §§ 104, 105 B. G. B. bezeichneten abnormen 
Geisteszustände befindet. Die Streichung des § 194 
Abs. 1 E. G. B. G. B. spricht nach der für sie ge¬ 
gebenen Begründung nicht für das Gegentheil oder 
dafür, dass eine blosse Erschütterung der für die Ge¬ 
schäftsfähigkeit sprechenden Vermuthung dem, der 
sich auf die Willenserklärung beruft, den Beweis da¬ 
für auferlegt, dass der Erklärende geschäftsfähig war. 
Zum Klagegrund gehören nur die Thatsachen, die 
sich als wirkende Ursache, nicht auch diejenigen, die 
sich als unerlässliche, immer vorauszusetzende Bedin¬ 
gungen eines Anspruchs oder Rechts darstellen : dass 
letztere fehlen, hat zu beweisen, wer es behauptet. 
(O. L. G. Stuttgart, 27. Oktbr. 1905.) 

D. R. pag. 616. Entsch. 1 Nr. 2524. 

§§ 123, 144. 

Soll eine spätere Willenserklärung als Bestätigung 
des unter der Einwirkung einer Drohung zu Stande 
gekommenen Rechtsgeschäfts gelten, so ist die erste 
Voraussetzung die, dass die spätere Willenserklärung 
frei ist von dieser Einwirkung. Die Zwangslage, in 
der der Erklärende bei dem ersten Geschäfte handelte, 
muss bei der Bestätigung aufgehört haben. (R. G. 
VI. 13. April 1905.) 

D. R. pag. 469. Entsch. Nr. 1825. 

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18 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 2. 


§ 254 - 

Eigenes Verschulden des Minderjährigen kann 
vorliegen, auch wenn dieser die zur Erkenntniss der 
Verantwortlichkeit erforderliche Einsicht nicht gehabt 
hat. (O. L. G. Stuttgart, 15. Mai 1903.) 

D. R. pag. 77. Entsch. Nr. 265. 

§ 254. 

Es ist schuldhaft, wenn der Beschädigte zur Ab¬ 
wendung oder Minderung des Schadens das zu thun 
unterlässt, was ihm ohne billige Beschwerniss zuge- 
muthet werden kann. (K. G. Berlin, S. Juli 1904.) 

D. R. pag. 223. Entsch. Nr. 965. 

§ 254. 

Von demjenigen, welcher an seiner Gesundheit 
durch einen Unfall geschädigt worden ist, für dessen 
vermögensrechtliche Folgen ein anderer ersatzpflichtig ist, 
muss verlangt werden, dass er, soweit er dazu im Stande 
ist, die zur Heilung oder Besserung seiner Krankheit 
die nach dem jetzigen Stande der medicinischen 
Wissenschaft sich darbietenden Mittel zur Anwendung 
bringt, und es muss hierbei wenigstens als Regel 
gelten, dass der Verletzte in solchem Falle nicht 
anders Handeln darf, als es bei gleicher Gesundheits¬ 
störung ein verständiger Mensch thun würde, der 
nicht in der Lage ist, die Vermögensnachtheile, die 
ihm bei Fortdauer der Krankheit erwachsen auf einen 
andern abzuwälzen. Unterlässt es der Verletzte, in 
dieser Weise auf Wiederherstellung oder Besserung 
seiner Gesundheit Bedacht zu nehmen, so ist hierin 
ein Verschulden im Sinne von § 254 Abs. 2 B. G. B. 
zu befinden. Für die Beurtheilung der Einrede, dass 
der Kläger, indem er böswillig oder in schuldhaftem 
Eigensinn unterlassen habe, eine Nervenheilanstalt 
aufzusuchen, die Fortdauer seiner Krankheit selbst 
verschuldet habe, ist nicht entscheidend, ob gegen¬ 
wärtig von der Behandlung in solcher Anstalt ein 
wesentlicher Erfolg zu erwarten ist, es kommt viel¬ 
mehr darauf an, welcher Erfolg eingetreten wäre, 
wenn der Kläger sich rechtzeitig einer Kur in einer 
geeigneten Anstalt unterworfen hätte. Es musste so¬ 
nach geprüft werden, zu welcher Zeit für den Kläger 
die Möglichkeit und Anlass Vorgelegen hat, dies zu 
thun, und welcher Erfolg eingetreten sein würde, 
wenn er zu der Zeit, wo dies der Fall war, eine 
Anstalt aufgesucht hätte. Das Berufungsurtheil stellt 
nicht fest, dass die in Rede stehende Kur, wenn sie 
alsbald nach der Aufforderung des Beklagten vom 
Kläger begonnen worden wäre, erfolglos geblieben 
sein würde, es erachtet bloss für nicht feststellbar, ob 
dann eine wesentliche Besserung des Zustandes des 
Klägers erreicht worden wäre. Mit Recht ist hierbei 

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davon ausgegangen, dass an sich in so weit dem Be¬ 
klagten die Beweislast obliege. Indess ist diese nicht 
so weit, wie die Vorinstanz annimmt, zu erstrecken, 
es muss vielmehr als ausreichend angesehen werden, 
wenn derjenige, welcher für die Folgen eines von 
einem andern erlittenen Unfalls aufzukommen hat, 
darthut, dass es ein Mittel gegeben hat, welches nach 
den Ergebnissen der medicinischen Wissenschaft eine 
Heilung oder doch eine wesentliche Besserung der 
in Frage kommenden Krankheit herbeizuführen ge¬ 
eignet ist, dass dieses Mittel dem Verletzten auch 
bekannt geworden und seine Anwendung für ihn 
möglich gewesen ist. Wird dies festgestellt, so ist es 
Sache des Verletzten, die Gründe darzulegen, die 
ihn von der Anwendung des Mittels abgehalten haben. 
Erweisen sich die von ihm vorgebrachten Gründe 
als blosse Vorwände oder doch als solche, durch die 
sich ein verständiger Mensch, der auch den Interessen 
des Schadenersatzpflichtigen in billiger Weise Rech¬ 
nung trägt, von dem Gebrauch der betreffenden Kur 
nicht abhalten lassen würde, so ist der Nachweis, 
dass diese im gegebenen Falle keinen günstigen Er¬ 
folg gehabt haben würde, dem Verletzten aufzuerlegen. 
In der Rechtsprechung ist nun der Grundsatz aner¬ 
kannt, dass, w r enn eine Partei dem Gegner eine ihm 
obliegende Beweisführung schuldhaft unmöglich macht, 
ihr gegenüber das in Frage kommende Anführen des 
Gegners als wahr anzunehmen ist, sofern sie nicht 
dessen Unrichtigkeit nachweist. (R. G. 20. 6 und die 
dort ersichtlichen Nach Weisungen.) Diese Verkehrung 
der Bew eislast ist insbesondere in Fällen angenommen 
worden, wenn die Handlung, durch welche die Be¬ 
weisführung dem Gegner unmöglich gemacht oder 
wesentlich erschwert worden war, gegenüber dem 
Processgegner die Verletzung einer Vertragspflicht 
enthielt; es liegt aber kein Grund vor, sie auf solche 
Fälle zu beschränken, da die dieser Rechtsprechung 
zu Grunde liegenden Erwägungen auch dann zu¬ 
treffen, wenn jemand ausserhalb eines Vertragsver¬ 
hältnisses dem Gegner eine diesem obliegende Be¬ 
weisführung durch ein Verhalten vereitelt, das 
wider Treu und Glauben verstösst und nach dem 
allgemeinen Rechtsbewusstsein als verwerflich er¬ 
scheint. Dies ist aber der Fall, wenn ein bei einem 
Unfall Verletzter, darauf pochend, dass ihm der durch 
den Fortbestand seines krankhaften Zustandes ent¬ 
stehende Schaden von einem andern ersetzt werden 
müsse, die Anwendung von Heilmitteln verweigert, 
deren sich jeder verständige und billig denkende 
Mensch bei gleicher Sachlage bedienen würde. (Vergl. 
Seufferts Archiv Bd. 46 Nr. 189 unter I und II.) 
Die erwähnte, der Billigkeit zweifellos entsprechende 

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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


19 


Vertheilung der ßeweislast stellt sich auch im Hin¬ 
blick auf die erfahrungsgemäss nicht seltenen Fälle, 
in denen bei einem Unfall verletzte Personen in un¬ 
lauterer Weise bemüht sind, sich auf Kosten der Er¬ 
satzpflichtigen dauernd eine hohe Rente zu ver¬ 
schaffen, geradezu als Bedürfniss dar. (R. G. 13. 
II. 1905.) J. W. 201. 

§ 2 54- 

Das Berufungsgericht führt aus: „Aus der Dar¬ 
stellung des Beklagten wäre, wenn sie erwiesen würde, 
zu entnehmen, dass der Kläger wegen Trunkenheit 
nicht im Stande gewesen sei, den Absturz zu ver¬ 
meiden, die Trunkenheit aber könne dem Kläger im 
vorliegenden Fall als ein Verschulden nicht ange¬ 
rechnet werden, der beklagte Gastwirth habe vielmehr 
dafür zu sorgen gehabt, dass auch seine trunkenen 
Gäste die gefährliche Thür nicht öffnen und die ge¬ 
fährliche Treppe nicht benutzen könnten. Diese 
Ausführung beruht auf Rechtsirrthum. Unbestreitbar 
ist der Gastwirth verpflichtet, die Räume, die er dem 
Wirthschaftsverkehr eröffnet, mit den Einrichtungen 
zu versehen, deren Vorhandensein der gefahrlose 
Verkehr der Gäste erfordert; allein diese Verpflichtung 
des Wirths entledigt den Gast nicht der Aufgabe, 
die Sorgfalt, die unter den gegebenen Verhältnissen 
ein ordentlicher Mensch anwendet, um sich vor 
Schaden zu hüten, bei seinem Verweilen in den 
Wirthschaftsräumen zu bethätigen. Die Beschädigung, 
welche der Gast in Anlass der Pflichtverletzung des 
Wirths nur deshalb erleidet, weil auch von seiner 
Seite die gebotene Vorsicht bei Seite gesetzt wird, 
ist daher als ein Schaden zu erachten, bei dessen 
Entstehung das eigene Verschulden des Beschädigten 
mitgewirkt hat. Belanglos ist dabei, ob der Gast bei 
seiner Handlungsweise die Sorgfalt ausser Acht ge¬ 
lassen hat, obwohl er zu ihrer Bethätigung im Stande 
war, oder ob er dieselbe nicht angewandt hat, w'eil 
er durch freiwillige Versetzung in den Zustand der 


Trunkenheit sie zu bethätigen sich ausser Stande ge¬ 
setzt hatte. In der Versetzung in die Trunkenheit 
liegt letzterenfalls die schuldhafte Handlung. Ohne 
Rechtsgrund ist die Annahme, dass im Verhältniss 
des Gastes zum Wirth die in der Trunkenheit be¬ 
gangene Handlung des ersteren einer abweichenden 
Beurtheilung zu unterziehen ist. Die unter Beweis 
gestellte Behauptung der Beklagten ermangelt daher 
nicht der rechtlichen Bedeutung. Wird sie erwiesen, 
so ergiebt sich, dass bei Entstehung des Schadens, 
dessen Ersatz mit der Klage gefordert wird, ein Ver¬ 
schulden des Klägers mitgewirkt hat, das von dem 
Verschulden, das dem Beklagten zur Last fällt, weil 
er die vom Hausflur auf die Treppe führende Thür 
nicht in der erforderlichen Weise unter Verschluss 
gehalten hat, keinenfalls überwogen wird und den 
Umfang des zu leistenden Ersatzes mindestens be¬ 
einflussen muss. (R. G. III. 3. März 1005.) 

J. W. pag. 229. 

§ 276. 

Die Anforderung an die im Verkehre erforderliche 
Sorgfalt darf nicht so hoch gespannt werden, dass 
auch jede entfernte Möglichkeit in Betracht gezogen 
werden müsste. Soweit nicht der unbeaufsichtigte 
Verkehr von Kindern oder Unzurechnungsfähigen in 
Frage kommt, darf jeder von dem andern erwarten, 
dass er auch als besonnener Mensch handelt und 
braucht nicht damit zu rechnen, dass dem anderen 
etwas ganz besonderes zustossen und dieser dadurch 
in eine Gefahr kommen werde, die unter normalen 
Verhältnissen nicht besteht. (R. G. VI. 10. Oktbr. 1904.) 

D. R. pag. 44. Entsch. Nr. 144. 

§ 54 2 - 

Einrichtung einer Krankenanstalt im früher „hoch¬ 
herrschaftlichen“ Miethhause gibt ein Kündigungs¬ 
recht. (K. G. Berlin. 13. Oktbr. 1904). 

D. R. pag. 280. Entsch. Nr. 1278. 

(Fortsetzung folgt.) 


Mittheilungen. 


— Die Heilstätte Waldfrieden bei Fürstenwalde 
hat sich sehr gut entwickelt; die vorhandenen 150 
Betten sind fast fortlaufend besetzt, sodass eine Ver- 
grösserung abermals durch Neubau eines besonderen 
Directorwohnhauses bevorsteht. Hierdurch w'ird die 
Wohnung im Haupthause für 15 Krankenbetten frei. 
Da auf eine weitere gute Entwicklung gerechnet 
werden darf, ward ein Assistenzarzt demnächst an- 
gestellt. 

— Lindenhaus b. Brake. Kürzlich erschienen 
hier Herr Regierungsrat Ernst und Herr Hofrat Dr. 
Stemann, um Herrn Dr. Fuhrmann, welcher 


am 31. März die Anstalt Lindenhaus verlässt, eine 
besondere Ehrung zuteil werden zu lassen. Herr 
Reg.-Rat Ernst hielt vor versammeltem Anstaltsper¬ 
sonal eine Ansprache, in der er Herrn Dr. Fuhr¬ 
mann den Dank der Regierung für die geleisteten 
Dienste überbrachte. Zum Schluss überreichte er 
ihm das Ehrenkreuz 4 Kl., das der durchlauchtigste 
Fürst Herrn Dr. Fuhrmann verliehen hatte. Es 
folgten die Glückwünsche der Angestellten der An¬ 
stalt, unter denen die Freude über die Herrn Dr. 
Fuhrmann zuteil gewordene Auszeichnung allge¬ 
mein war. 


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20 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 2. 


Referate. 

— R. Förster. Psychiatrische Streifzüge 
durch Paris. Münchener medidn. Wochenschrift 
No. 21. 1905. 

Nach persönlichen im Wintersemester 1903/04 
gesammelten Erfahrungen werden Einrichtungen und 
Betrieb der öffentlichen und privaten Irrenanstalten 
in Paris geschildert. Die Behandlung der Kranken 
wurde nicht überall auf der Höhe der Zeit angetroffen 
(vereinzelt sah F. noch Deckelbadewannen, Verab¬ 
folgung von Douschen und selbst eine Zwangsjacke). 
Die ernsten Bemühungen der französischen Collegen, 
mit den bestehenden Uebelständen aufzuräumen, 
werden anerkannt. Horstmann-Treptow a. R. 

— Aus meinem Leben. Erinnerungen und 
Erörterungen von Dr. Moritz Benedikt, Professor 
an der Wiener Universität. Carl Konegen, Wien 
1906, VII. und 419 S. 

Soeben hat nach berühmten Mustern der Ver¬ 
treter der Neurologie und Electrotherapie an der 
Wiener Hochschule unter obigem Titel ein dick- 
bändiges Werk veröffentlicht, das nicht verfehlen wird, 
allseitiges Interesse einerseits, Aufsehen und Aerger 
andrerseits — letzteren bei solchen, die sich ge¬ 
troffen fühlen — in hohem Grade zu erregen. Ein 
reiches, begnadetes Leben, verbracht mit unermüd¬ 
lichem, unsere Bewunderung hervorrufenden Eifer im 
Dienste der Wissenschaft, als deren warmherziger 
Förderer der nunmehr Einundsiebzigjährige anzusehen 
ist, liegt aufgeschlagen da, ein Leben, welches zwar 
der äusseren Ehren nicht entbehrt hat, dem es aber 
versagt blieb, als Ordinarius ex cathedra zu wirken. 
„Abseits von dem grossen Haufen der Gelehrten, 
deren Blick über die Fachnase nicht hinausreicht“ 
hat B. in vielen Töpfen gekocht und zeigt sich als 
vielgereister, naturliebender und internationaler Arzt 
und Mensch, der mit den bedeutendsten Medicinern 
der Welt in näherem Verkehr gestanden hat, was 
ihn indessen an offener, stellenweise herber Kritik 
nicht gehindert hat. So nennt er z. B. Altmeister 
Virchow und Liszt „naive“ Gelehrte und geisselt mit 
scharfen, anscheinend berechtigten Worten die be- 
klagenswerthen Zustände der medicinischen Facultät 
zu Wien, über die die medicinische Fachpresse sich 
des öfteren in letzteren Jahren ausgelassen hat. Mehr 
jedoch interessirt man sich für jene Fragen, die unser 
Gebiet, Psychiatrie, Criminalität u. Anthropologie um¬ 
fassen und zwar ebenso mit Lust und Liebe, wie mit 
Sachkenntniss sondergleichen verfasst sind. Da merkt 
man die, von Eigenlob nicht ganz freie Grosszügigkeit 
im Characler B., der vor Jahrzehnten als einzelner 
Ansichten vertreten hat, die noch heute zur vollen 
Discussion gestellt sind, ihm damals nur wenig An¬ 
erkennung gebracht haben. Nun rede noch einer 
von Fortschritten in der Psychiatrie! Alles in Allem 
ein inhaltreiches Werk, in dem ein Vertreter der 
alten Wiener Schule sich selbst ein bleibendes Denk¬ 
mal gesetzt hat. Meyer, Geseke i. W. 


— Schoen, das Schielen, Ursachen, 
FoIgen,*Beha ndlung.fr*J. F. Lehmanns Verlag, 
München 1906, 250 S. 6 Mk. 

Das Buch bringt, von einer physiologischen Dar¬ 
stellung des binocularen Sehens ausgehend, zunächst 
Anweisung über Untersuchung des Schielens und dann 
mit grosser Gründlichkeit vor allem eine Darlegung 
der Ursachen, Formen und Folgen des Schielens. 
Noch näher werden Neurologen berührt von dem 
6. Haupttheil, über die nervösen Folgeerscheinungen 
des Schielens. Beachtenswerth sind die Beziehungen 
zu Kopfschmerz und Neuralgie, besonders zu Migräne, 
Schwindel, Neurasthenie, Hysterie, Epilepsie; zu be¬ 
achten ist, dass alle untersuchten choreatischen Kinder 
Augenfehler aufwiesen ! Bei den verwandtschaftlichen 
Beziehungen zwischen Neurologie und wichtigen 
Theilen der Ophthalmologie ist gerade ein Buch dieses 
Inhaltes für unsere Fachgenossen besonders berück¬ 
sich tigenswerth. Weygandt - Würzburg. 

— Die strafrechtliche Verantwortlich¬ 
keit der Fpileptiker. Ein praktischer Leitfaden 
für Juristen und Mediciner, von Dr. Georg Burgl, 
Kgl. Landgerichtsarzt in Nürnberg. Korn’sche Buch¬ 
handlung, Nürnberg 1905. 91 S. 1 Mk. 

Ein Büchlein aus der Praxis für die Praxis der 
Epilepsie im Gerichtssaal. Unter „gewöhnlichen Ver¬ 
hältnissen“ ist der E. für strafrechtlich verantwortlich 
zu halten. Die Hauptzüge der ep. Degeneration sind 
nach N. die intellectuelle Schwäche, allgemeine Ent¬ 
sittlichung, Gemüthsreizbarkeit und schliesslich die 
Alkoholintoleranz. Dann folgen an der Hand von 
Fällen Ausführungen, denen man im grossen ganzen 
zustimmen kann, wenngleich sie vereinzelt die Kritik 
herausfordem. Den Schluss bildete eine Kastuistin 
von 30 selbstbeobachtenden und begutachteten Epi¬ 
leptikern; sie dient dem ersten Theil trotz einiger 
Selbständigkeit als Unterlage und ist trotz der Kürze 
gut. Der erste Satz des Vorwortes ist 20 Zeilen 
lang; aus ihm hätten zwecks grösserer Verständlichkeit 
ohne Noth ein halbes Dutzend gemacht werden 
können; doch Verf. bittet um wohlwollende Be- 
urtheilung. Meyer, Geseke i. W. 


Personalnachrichten. 

— Waldfrieden bei Fürstenwalde. Dr. Paul 
Kap ff ist als ärztlicher Leiter der Heilstätte ge¬ 
wählt und hat zum 1. April die Direction übernommen. 
Kap ff war 6 Jahre Leiter der Kreis - Pflegeanstalt 
zu Geisingen und Arzt an der Kgl. Heilanstalt zu 
Weinsberg. 

Unserer heutigen Nummer liegt ein Pro¬ 
spekt der 

Höc hster Farbwerke, vorm. Meister, 
Lucius & Brüning in Höchst a. M. 
über „Pyramidon“ 

bei, worauf war unsere Leser hiermit noch besonders 
aufmerksam machen. 


Für den redactionellcn Theil verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Bresler, Lublinitz (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marholdin Halle a. S. 

Heynemann'sehe Buchdruckerei (Gebr. Woiff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lubiinitx (Schienen). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse : Marho Id Verlag, Hai lesaale. Fernsprecher 823. 

Nr, 3, 15 - A P ril 1906. 

Bestellungen nehmen jede Rurhhandlung. die Post sowie dm Verlagsbuchhandlung von Carl Marhoid in Halle a. S. entgegen. 

Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schlesien), zu richten. 


Eglfing*). 


A Is durch die rasche Ausdehnung Mü nch e ns die 
in der Vorstadt Haidhausen gelegene Kreisirren¬ 
anstalt immer mehr vom Häusermeer umschlungen 
wurde und ihre Aufnahmefähigkeit hinter dem starken 
Bevölkerungszuwachs gar zuweit zurückblieb, beschloss 
der Landrath des Kreises Oberbayern am 11. No¬ 
vember 1898 auf Antrag seines langjährigen Aus¬ 
schussvorsitzenden, des um das Irrenwesen des 


einem Fassungsraum von 1000 Pfleglingen zu gestalten 
und mit Errichtung der neuen Kreisirrenanstalt die 
allmähliche Auflassung der bisherigen Münchener An¬ 
stalt zu bethätigen; 

3. es sei, wenn thunlich, die neue Kreisirrenanstalt 
im Bereiche des Eisenbahn-Vorortverkehrs der Stadt 
München zu errichten 

Von den 46 angebotenen Grundstücken fiel die 



Heil- und Pflegeanstalt Eglfing (Ballonaufnahme). (Aus der unten citirten ,,Gedenkschrift“.) 


Kreises hochverdienten Hofrathes Dr. Jochner: 

1. Es sei von der Erweiterung der bestehenden 
Kreisirrenanstalt Umgang zu nehmen; 

2. es sei die Errichtung einer neuen Kreisirren¬ 
anstalt zu beschliessen und deren Umfang bis zu 

*) Nach: „Gedenkschrift zur Eröffnung der Oberbayerischen 
Heil-und Pflegeanstalt Eglfing bei München“. Von Direktor 
Dr. Vcrcke und k. Bauamtmann A. Stauffer. 


Wahl auf Eglfing, einen aus 4 Bauernhöfen beste¬ 
henden Weiler. Der Bau wurde im Juni 1901 mit 
der Anlage des Anschlussgeleises von Station Haar 
und der Zufahrtstrassen von Bahnhof und Staatsstrasse 
begonnen; in kaum 4 Jahren konnte er ohne Stockung 
vollendet werden, trotz mancher nicht unerheblicher 
Verbesserungen und Erweiterungen gegenüber dem 
ursprünglichen Programm. 


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22 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 3 . 


Das Anstaltsterrain umfasst insgesammt 900 Tag¬ 
werk = 307 ha, darunter 433 Tagwerk Nadelwaldung, 
die eigentliche Anstalt mit Gebäuden, Gärten, An¬ 
lagen und Gemüseland 135 Tagwerk, der Rest ist 
Ackerland. Rechts oben im Bilde, wo die Strasse 
in den Wald führt, liegt das Pflegerdörfchen, das als 
Ausgangspunkt für die Familienpflege gedacht ist. 

Die gesammte Anlage umfasst gegenwärtig 77 
einzeine Hochbauobjekte, nämlich 30 Kran¬ 
kengebäude, 29 Verwaltungs- und Betriebs¬ 
gebäude und 18 Wohngebäude für Beamte 
und Bedienstete. Besonders hervorgehoben seien 
auch das Gesellschaftshaus und die beiden Bedien¬ 
stetenwohnhäuser; indem einen dieser beiden befindet 
sich ein Pflegerheim, im anderen ein Pflegerinnen¬ 
heim. Ferner das Werkstättenhaus, mehrere Kegel¬ 
bahnen. Die Gebäude sind, soweit sie Wohnzwecken 
für Kranke und Personal dienen, vollständig unter¬ 
kellert. Mit verschwindender Ausnahme haben die 
Dachungen Doppeldeckung mit Biberschwänzen. Die 
Fussböden der Erd- und Obergeschosse in den 
Kranken- und Verwaltungsgebäuden bestehen in den 
Treppen- und Vorhäusem aus Mettlacher Platten, in 
den Spülküchen, Bädern, Waschräumen und Closets 
aus Terrazo, in den übrigen Räumen aus Linoleum; 
in den Wohngebäuden sind die ebenerdigen Treppen¬ 
hausvorplätze, Closets und Speisekammern geplattelt, 
die übrigen Räume mit Eichen- oder Pitchpineriemen 
belegt. Alle Closets, Putzsteine, Spültröge und Wasch¬ 
becken bestehen aus Feuerthon. 

Die Zahl der Kranke ngeb äud e beträgt 32; sie 
bieten Platz für 1050 Pfleglinge, nämlich 214 I. und 
II. Classe und 836 III. Classe und sind gegliedert 
in 6 Wachstationen für Ueberwachungsbedürftige, 6 
Wachstationen für Pflegebedürftige. Unter letzteren 
befindet sich das Lazareth für beide Geschlechter 
unter einem Dach, getrennt durch den Operations¬ 
saal mit seinen Nebenräumen und Lazarethräume für 
männliche und weibliche Bedienstete; ferner 6 Pa¬ 
villons für unzuverlässige und gut zu sichernde Kranke 
und 10 Häuser für ruhige Pfleglinge und Reconvales- 
centen. Unter jeder dieser 4 Gruppen sind 2 Häuser 
für die oberen Verpflegsclassen bestimmt. 2 Epi¬ 
demienhäuser dienen allen drei Verpflegsclassen. 2 
Häuser endlich sind zunächst erst als spätere Er¬ 
weiterungsbauten projicirt. Allen Gebäuden sind 
grosse Veranden, zu Liegehallen benutzbar, vorgelegt. 
Geräumige Bäder, reichliche Nebenräume, besondere 
Pflegerzimmer sind namentlich auf den Wachstationen 
und den Abtheilungen für unruhige Elemente vorge¬ 
sehen. 

Die einzelnen Gebäude tragen Landhauscharacter; 


alles Anstalts- und Kasemenmässige war man be¬ 
strebt zu vermeiden durch möglichsten Verzicht auf 
äussere Architectur, durch lebhaftere Gruppirung der 
Häuser, durch reiche Abwechslung in den Thür- und 
Fensteröffnungen, durch reiche Farben Verwendung und 
durch die Art der gärtnerischen Anlagen. Die Anstalt 
ist in einer Ausdehnung von 3,1 km durch einen 
Holzzaun mit Betonsäulen eingefriedigt, die einzelnen 
Krankeugärten- und wohngebäude durch Hannichel- 
zäune, rund 6 km. 

Die Anstalt bezieht ein ausgezeichnetes Wasser 
aus dem mächtigen Grundwasserstrom, der 16,5 m 
unter der Alluvialkiesschicht von den Bergen kommend 
nordwärts in die Ebene zieht und durch den Tages¬ 
bedarf von 700 cbm keinen Eintrag erfährt.. Das 
Reservoir, dessen Wasserspiegel 35 m über Terrain 
liegt, fasst 500 cbm. Zur Bekämpfung von Bränden 
sind im Areal 50 öberflurhydranten vorgesehen. 

Abwässer. Das reine Dachwasser wird getreunt 
durch Versitzgruben in den durchlässigen Kiesboden 
abgeführt, die übrigen Abwässer durch Thonrohrkanäle 
nördlich des Gutshofes in einen Sandfang, aus welchem 
sie auf die nordwestlich grundwasserabwärts gelegenen, 
14 Tagewerk = 4,5 ha grossen Rieselfelder gepumpt 
werden, die unbegrenzt erweitert werden können. 
Vs der Rieselfelder ist als Gemüseland, der Rest als 
Wiesenland angelegt, ersteres wird in Gräben neben 
den Beeten, letzteres durch Ueberstauung berieselt. 

Dampfkesselanlagen. Sie besitzt 8 Zwei¬ 
flammrohrkessel mit je 100 qm Heizfläche, 12 At¬ 
mosphären Ueberdruck und umschaltbarer Ueberhitzer- 
einrichtung. 4 Kessel haben versuchsweise rauch ver¬ 
zehrende Feuerung. Die Zahl der Kessel lässt sich 
auf 10 vermehren. Das Wasser wird durch 3 vier¬ 
fach wirkende Duplexspeisepumpen mit je 20 cbm 
stündlicher Leistung zugeleitet und in 2 Reserven von 
je 10 cbm Inhalt dnreh Beimischung von Kalk und 
Soda gereinigt. Die in Tonnen abgelagerte Asche 
wird mit elektrisch betriebenem Krahne direkt auf 
den Abfuhrwagen befördert. 

.Vom Kesselhaus wird die der Fernheizung dienende, 
mit Remanit isolierte Dampf- und Kondenswasser- 
rückleitung durch einen betonierten, im Lichten 1,5 m 
breiten und 2,3m hohen, 2 1 /2 km langen Kanal zu 
36 Kranken- und Betriebsgebäuden geleitet. „Aus 
ökonomischen Gründen führen zu jedem Gebäude 
zunächst 2 getrennte Leitungen für einen Bedarf bei 
— 20° und bei — 5 0 Aussentemperatur, zu den Ge¬ 
bäuden mit Nachtbetrieb ein 3. Strang für diesen be¬ 
sonderen Zweck und zu den Zentralküchen ein 4. 
Strang für den das ganze Jahr benöthigten Brauch¬ 
dampf“. Die Terrain Verhältnisse erforderten für das 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


23 


joo6 .] 


im nordwestlichen Heizkanale zurücklaufende Kondens- 
wasser den Einbau einer Pumpstation. Zur Über¬ 
wachung und Sicherung des Betriebs dienen: eine 
elektrische Fernmeldeanlage mit Rohrbruchventilen, 
Kanaithermometer, Regulierraum-, Maximal- und Mini¬ 
malthermometer, Boilerthermometer und Leitungsend- 
manometer mit Tableau nebst optischen und aku¬ 
stischen Signalen im Kesselhause, sowie eine besondere 
Heiztelephonanlage. Der Dampf tritt mit 8 Atmo- 
sphäien Ueberdruck in die Leitung ein und kommt 
mit 2 Atmosphären an den Gebäuden an. In den 
Gebäuderegulierräumen wird er auf V20 Atmosphäre 
gemindert und durch isoliert in den Mauern liegende 
Verteilungsstränge den meist in den Fensternischen 
aufgestellten, wo nöthig mit Vorsetzem versehenen 
Radiatoren zugeführt. Die aus dem Freien zugeführte 
Frischluft giebt in den Staubkammern den Staub ab. 
Sie wird vor dem Eintritt in die Lüftungskanäle in 
den Heizkammem erwärmt und befeuchtet. Das 
Fernheizwerk hat bei monatelangem Probebetrieb im 
Winter 1903/04 über alle Erwartungen gut funktioniert. 
Eine lokale Zentralheizung haben die Epidemienge¬ 
bäude aus ärztlichen Gründen, ferner das Verwaltungs¬ 
gebäude, der Gutshof und das Direktorwohnhaus. 
Ofenheizung haben die übrigen Wohngebäude, die 
protestantische Kapelle und das Leichenhaus. 

Für Warmwasserbereitung ist reichlich Vorsorge 
getroffen. 

Der für Beleuchtungs- und Kraftzwecke erforder¬ 
liche elektrische Strom wird zunächst durch 3 liegende 
105 tourige Tandem-Compoundmaschinen mit 150 PS, 
Ventilsteuerung und Einspritzkondensation erzeugt. 
Nötigenfalls kann noch eine 4. Maschine aufgestellt 
werden. Das Kondensationswasser wird in einem 
unterirdischen Kühlwerke abgekühlt und wieder ein¬ 
gepumpt. Mit den Dampfmaschinen sind Gleichstrom¬ 


dynamos mit je 150 PS, 100 KW Leistung und 
440 Volt normaler Betriebsspannung, direct gekuppelt. 
Die Akkumulatorenbatterie, System Tudor, besitzt in 
252 Elementen eine Kapacität von 1700 Ampere- 
stunden. Es werden installiert: ca. 4500 Glühlampen, 
32 Bogenlampen, 22 Electromotoren und 60 Rechauds. 
Die Stromvertheilung geschieht unterirdisch: die Kabel 
laufen zum grössten Theile in einer besonderen Rinne 
in der Sole des Heizkanals. In den Gebäuden sind 
die Leitungen in Isolierrohren mit Messingüberzug 
theilweise unter Putz verlegt. 

Durch die Schwachstromanlage werden besorgt: 
106 Telephonsprechstellen, 118 sympathische Uhren, 
18 Wächtercontrollpunkte, 80 Läutewerke, 2 Thurm¬ 
uhren mit elektrisch ausgelöstem Gehw r erk und ein 
Alarmwerk auf dem Kirchthurm. 

Von der Station Haar führt ein normalspuriges 
Industriegeleise nach der Anstalt mit besonderem 
Ladehof an der Station und einer Waggonwage. Es 
durchläuft in zwei Strängen den Kohlenschuppen und 
ist 1,842 km lang. Von Süden her führen zwei neu¬ 
erbaute Strassen mit Granitgrundbau und Basaltschotte¬ 
rung zur Anstalt. Dem Verkehr in der letzteren selbst 
dienen rund 6,5 km lange, 5,1 m, 3,8 m und 3,5 m 
breite Strassen mit Kiesrollierung und Kiesdecke, sowie 
zwanglos verlaufende Fusswege. Der Fussgängerver- 
kehr in der Anstalt wird durch rund 5 km Beton¬ 
trottoire und Granittraversen entlang und quer zu 
den Strassen erleichtert. 

Das generelle Bauprogramm wurde von dem der¬ 
zeitigen Direktor der Anstalt, Dr. Friedrich Vocke, 
der auch Direktor der bisherigen Kreisirrenanstalt in 
Haidhausen war, aufgestellt und zusammen mit dem 
Bauleiter, k. Bauamtsassessor Frhr. v. Harsdorf, 
nach dessen Ableben mit dem k. Bauamtmann Stauffer 
ausgearbeitet. ß. 


Wichtge Entscheidungen auf dem Gebiete der 
gerichtlichen Psychiatrie. V. 


Aus der Litteratur des Jahres 1905 zusammengestellt 
von Ernst Schnitze. 

(Fortsetzung.) 


§ 617. 

Der Anspruch auf Verpflegung und ärztliche Be¬ 
handlung wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass 
der Keim zu der während des Dienstverhältnisses aus¬ 
gebrochenen Erkrankung in die Zeit vor dem Be¬ 
ginn des Dienstverhältnisses fällt. (O. L. G. Colmar. 
16. Febr. 1905.) D. R. pag. 134. Entsch. Nr. 568. 


§ 823. 

Der Kausalzusammenhang ist nicht dadurch be¬ 
dingt, dass der eingetretene Unfall die unmittelbare 
und nothwendige Folge der in Betracht kommenden 
Handlung oder Unterlassung ist. Es genügt, wenn 
der eingetretene Unfall die wirkliche, wenn auch erst 
durch Hinzutritt anderer Umstände ermittelte Folge 


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[Nr. 3. 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


der fraglichen Handlung oder Unterlassung ist. (O. 
L. G. Karlsruhe, 19. April 1904.) 

D. R. pag. 164. Entsch. Nr. 695. 

§§ 828, 254, 276. 

Ein siebenjähriges Kind war beim Drehen einer 
Häckselmaschine beschädigt worden; letztere befand 
sich in einem Raume, der regelmässig verriegelt war 
und nur offen stand, wenn jemand dort arbeitete. 
Das O. L. G. stellte auf Klage des Pflegers den 
Schadenanspmch dem Grund nach fest. Das R. G. 
hob auf: Der Bekl. ist nicht verpflichtet gewesen, 
jede denkbare Möglichkeit der Annäherung von Kindern 
auszuschHessen, sondern nur zur Abwehr der Gefahr 
die im Verkehr erforderliche Sorgfalt zu beobachten. 
Der Beweis, dass der schädliche Erfolg nicht abge¬ 
wehrt worden ist, ist darum nicht gleichwerthig mit dem 
Beweis der Fahrlässigkeit. Das B. G. hätte also er¬ 
örtern müssen, was nach den Anschauungen des 
normalen Verkehrs bei den im gegebenen Falle ob¬ 
waltenden Verhältnissen für erforderlich, aber auch 
als ausreichender und mit den Bedürfnissen der Wirt¬ 
schaftsführung vereinbarter Schutz der Maschine an¬ 
gesehen wird, wenn deren Aufstellungsort vorübergehend 
Kindern zugänglich ist. Im vorliegenden Falle ist 
diesen der Zutritt nur so lange möglich gewesen, als 
jemand in der Scheune arbeitete. Darum musste die 
Frage beantwortet werden, ob nicht nach den be¬ 
rechtigten Anschauungen des Verkehrs die Anwesen¬ 
heit einer, auf dem Hofe des Bekl. ständig beschäftigten 
Person genüge, um die Annäherung der Kinder und 
die Übertretung des ihnen gegebenen Verbots zu 
hindern und ob nicht namentlich der Bekl. berechtigt 
war, von der Mutter des Kl. zu erwarten, dass sie 
ein unvorsichtiges Gebahren des Sohnes verhindere. 
Der B. R. scheint diese Erörterung für entbehrlich 
gehalten zu haben, weil eine etwaige Unvorsichtigkeit 
der Mutter den ursächlichen Zusammenhang des Un¬ 
falls mit der Fahrlässigkeit des Bekl. nicht aufhebe. 
Allein dabei wird verkannt, dass wenn der Bekl. nach 
den Anschauungen des Verkehrs darauf rechnen 
durfte, dass die Mutter den Sohn in der Nähe der 
ihr als gefährlich bekannten Häckselmaschine über¬ 
wache, eine ihm zur Last fallende Fahrlässigkeit nicht 
vorliegen würde. Gegen die Begründung des ange¬ 
fochtenen Urtheils liegt aber noch ein weiteres Be¬ 
denken vor. Es ist darin die Frage übergangen, ob 
nicht bei der Entstehung des Schadens ein eigenes 
Verschulden des Beschädigten mitgewirkt hat. Be¬ 
hauptet hat der Bekl. solches Verschulden, denn er 
hat geltend gemacht, der Kl. habe dem öfteren Ver¬ 
bot, sich mit der Maschine zu befassen, zuwiderge- 

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handelt. Der Kl. ist zur Zeit des Unfalles über 
sieben Jahre alt gewesen, deswegen wird nach § 828 
B. G. B vom B. G. festzustellen sein, ob er bei der 
Begehung der ihm als Verschulden anzurechnenden 
Handlung die zur Erkenntniss der Verantwortlichkeit 
erforderliche Einsicht besessen hat. Gegen die An¬ 
wendung des § 828 auf Fälle, wo der Minderjährige 
nicht einen anderen, sondern sich selbst beschädigt 
hat, ist verschiedentlich Widerspruch erhoben worden, 
und ebenso ist streitig, ob für den Begriff des Ver¬ 
schuldens im Sinne des § 254 B. G. B. die Vor¬ 
schriften des § 276 B. G. B. massgebend seien. Allein 
es ist an der, bereits in mehrfachen Urtheilen — R. 
G. 54 S. 404, 407 — ausgesprochenen Rechtsauf¬ 
fassung festzuhalten, wonach eine delictische Hand¬ 
lungsfähigkeit nicht besteht. (R. G. VI. 1. Novbr. 1904). 

J. W. pag. 15. 

§ 828, Abs. 2. 

Die Feststellung seiner Verantwortlichkeit ist einzig 
auf die Thatsache gegründet, dass der Beklagte 15 
Jahre alt gewesen ist, und das ist rechtlich nicht zu¬ 
lässig. Wenn das Gesetz in dem Falle, wo der Be- 
schädiger erst 15 Jahre alt ist, dem Zweifel Raum 
lässt, ob er nach dem Maasse seiner Einsicht für 
seine Handlung verantwortlich ist, so lässt sich aus 
dem Alter des Beklagten allein nicht der Beweis 
herleiten, dass er im gegebenen Falle die erforderliche 
Einsicht besessen hat. Liegt daher nach Maassgabe 
der Vertheidigung des Beklagten ein Anlass zu der 
erwähnten Feststellung vor, so muss sie anders be¬ 
gründet werden. Die Annäherung des Beklagten an 
das Alter, wo er voll verantwortlich ist, kann nur in 
Verbindung mit anderen, der Lage des Einzelfalles 
entnommenen Umständen für den in Frage stehenden 
Beweis verwerthet werden. (R. G. VI. 17. Novbr. 1904.) 

J. w. pag. 48. 

§ 828, Abs. 2. 

Das B. G. B. hat durch die Art, wie die Worte 
des § 828 Abs. 2 gefasst sind, deutlich zu erkennen 
gegeben, dass im Zweifel jedes über 7 Jahre alte 
Kind als delictsfähig gelten soll, sodass der Mangel 
der erforderlichen Einsicht erst besonders geltend ge¬ 
macht sein muss, wenn er in Betracht gezogen werden 

soll. Der Beklagte zu 1 hat nun freilich 

noch gemeint, mindestens hätte er nach § 139 Abs. 1 
Z. P. O. auf diesen Punkt aufmerksam gemacht und 
gefragt werden müssen, ob er nicht etwas in dieser 
Beziehung vorzubringen habe. Hierzu lag indessen 
in der Berufungsinstanz um so weniger Veranlassung 
vor, als schon das L. G. in seinen Gründen hervor¬ 
gehoben hatte, es sei nicht bestritten worden, dass 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


25 


der Beklagte zu 1 die zur Erkenntniss der Strafbar¬ 
keit erforderliche Einsicht besessen habe; wobei es 
nicht von Bedeutung ist, dass hier statt des zutreffenderen 
Wortes „Verantwortlichkeit“ der Ausdruck „Strafbar- 
keit a gebraucht war. (R. G. VI. C. S. 13. VII. 1905). 

J. W. pag. 531. 

§ 830, Abs. 1, Satz 2. 

Diese Bestimmung ist nicht dahin zu verstehen, 
dass der an einer Körperverletzung Betheiligte nur 
dann für die Folgen einer bestimmten Verletzung 
verantwortlich ist, wenn gegen ihn eine solche Art 
der Betheiligung erwiesen ist, durch welche die Ver¬ 
letzung verursacht worden sein kann; vielmehr haftet 
jeder Betheiligte, der überhaupt gegen den Verletzten 
thätlich geworden ist, selbst wenn er sich nicht 
während des ganzen Verlaufs der Schlaghändel von 
Anfang bis zu Ende betheiligt hat, für die Folgen 
der Verletzung, so lange sich nicht ermitteln lässt, 
wer von den Betheiligten durch seine Handlung den 
Schaden verursacht hat und die Möglichkeit besteht, 
dass jeder derselben ihn verursacht hat. Wenn also 
bei einer Rauferei Jemand durch einen Messerstich 
verletzt worden ist, ohne dass erwiesen wird, wer 
den Stich geführt hat, so haftet jeder Betheiligte, bis 
er nach weist, dass er kein Messer gebraucht hat 
oder dass der Messerstich vor oder nach seinem 
Eingreifen beigebracht worden ist. (O. L. G. Stuttgart 
12. Januar 1905.) 

D. R. pag. 194. Entsch. Nr. 842. 

§ 831. 

Die Frage, ob derjenige, welcher einen Andern 
zu einer Verrichtung bestellt hat, bei der Auswahl 
der bestellten Person die im Verkehr erforderliche 
Sorgfalt beobachtet hat, ist durch das Gericht zu be¬ 
antworten; es müssen ihm also diejenigen Thatsachen 
unterbreitet werden, die ihm ein Urtheil darüber er¬ 
möglichen, ob die bestellte Person zu der ihr über¬ 
tragenen Verrichtung nach ihrer Befähigung und Ver¬ 
lässlichkeit geeignet war oder ob sie nach Lage der 
Sache deijenige, welcher sie zu der Verrichtung be¬ 
stellt hat, wenigstens ohne Verschulden als geeignet 
ansehen durfte. (R. G. VI. 13. Oktbr. 1904.) 

D. R. pag. 17. Entsch. Nr. 41. 

§ 831. 

In dieser Hinsicht ist aber der Vorinstanz nicht 
beizutreten, wenn sie den Beklagten den ihnen nach 
§ 831 offenstehenden Entlastungsbeweis, es sei von 
ihnen bei der Auswahl jener Arbeiter die im Ver¬ 
kehr erforderliche Sorgfalt beobachtet worden, mit 
dem Bemerken abschneidet, dass gegen die Be¬ 
obachtung dieser Sorgfalt schon das von jenen Ar- 

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beitem bei dem fraglichen Vorgang bethätigte, in 
hohem Grade unvorsichtige Verhalten spreche. Denn 
nach der angeführten Gesetzesvorschrift hatten die 
Beklagten nur nachzuweisen, dass sie bei der Aus¬ 
wahl und Anstellung der gedachten Personen be¬ 
rechtigten Grund hatten, dieselben für ordentliche 
und vorsichtige Arbeiter zu halten — R. G. 53, 56 — 
ein Beweis, der selbstverständlich nicht durch ein 
späteres unvorsichtiges Verhalten der Arbeiter bei 
einer dienstlichen Verrichtung abgeschnitten oder wider¬ 
legt wird. . . . (R. G. 14. April 1905.) 

J. W. pag. 340. 

§§ 832,89,31. 

Ungenügende Beaufsichtigung eines Kranken durch 
den Vorstand einer Staatsirrenanstalt gilt als unge¬ 
nügende Beaufsichtigung von Seiten des Fiskus. (O. 
L. G. Stuttgart, 15. April 1904.) 

D. R. pag. 563. Entsch. Nr. 2251. 

§ 832. 

Der Maassstab für die an die Eltern und sonstigen 
Aufsichtspflichtigen zn stellenden Anforderungen ist 
zu finden in dem, was nach dem Alter und der In¬ 
dividualität der Kinder von verständigen Eltern in 
Berücksichtigung ihrer wirthschaftlichen Lage und 
ihrer Kräfte an Erziehung und Aufsicht erwartet 
werden kann. 

Es soll nicht verkannt werden, dass, obwohl die 
schädigende Handlung des Sohnes im gegebenen 
Falle auf einer Fahrlässigkeit beruht, nicht auf Bosheit 
oder roher Gesinnung, sie dennoch durch eine 
Neigung zu Excessen, zu leichtsinnigen und über- 
müthigen Streichen beeinflusst sein kann. Immerhin 
müssen aber, soll dies angenommen werden, die in 
der Vergangenheit liegenden, dem Sohne zur Last 
fallenden Excesse derart sein, dass sie auch be¬ 
fürchten Hessen, der Sohn könne sich einmal das 
Gewehr aneignen und damit Unfug verüben. Nur 
dann kann gerade in dieser Richtung eine strengere 
Verwahrungspflicht für den Vater als erforderlich er¬ 
achtet werden. Und ferner kann sich der Vater auf 
Vorbeugungsmassregeln nicht einrichten, wenn er von 
den Excessen des Sohnes nicht Kenntniss erlangt 
hat oder bei Beachtung der im Verkehr erforder¬ 
lichen Sorgfalt hätte erlangen müssen. 

(R. G. 50, 63; 52, 75). 

Anders w'äre es, wenn der beklagte Vater, wie 
der Kl. vorgetragen und unter Beweis gestellt hat, 
gewusst und geduldet hat, dass der Sohn mit dem 
Gewehr hantirte und schoss. Die Führung einer 
Schusswaffe wird der Aufsichtspflichtige dem Minder¬ 
jährigen, wie schon in dem Urtheile (R. G. 52, S. 69 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


[Nr. 3. 


(75) der Entscheidungen ausgeführt ist, nur gestatten 
können, wenn er zu dessen Besonnenheit, Geschick 
und Verständniss Vertrauen haben darf, oder wenn 
er in der Lage ist, den Gebrauch beständig überwachen 
zu können. Liegen diese Voraussetzungen nicht vor, 
hat der Aufsichtspflichtige nicht seinestheils für ge¬ 
hörige Ausbildung des Minderjährigen im Gebrauche 
der Waffe und für Unterweisung in den zu beachtenden 
Vorsichtsmassregeln bei deren Benutzung Sorge ge¬ 
tragen, oder darf er nicht nach der Persönlichkeit 
des Minderjährigen die Ueberzeugung haben, dass 
dieser die Unterweisungen sorgfältig befolgen wird, 
dann wird er sich von der Haftbarkeit aus §83 2 
B. G. B. nicht befreien können. (R. G. VI. 3. Novbr. 
1904). J. W. pag. 21. 

§ 832., 

Da durch diese Vorschrift das Verschuldungs- 
princip nicht durchbrochen wird, da sie vielmehr 
gerade auf einer Vermuthung der Verschuldung des 
Aufsichtspflichten beruht, kann er sich durch den 
Nachweis seines Nichtverschuldens befreien. Zu seiner 
Entlastung reicht (abgesehen von dem Falle des 
Schlusssatzes des Satz 2 des § 832) der Nachweis 
pflichtmässiger Bemühung um Erfüllung der Auf¬ 
sichtspflicht hin. Deren Maass ist nicht blos nach 
objectiven Gesichtspunkten, sondern auch nach der 
subjectiven Befähigung des Aufsichtspflichtigen zu 
bestimmen. Für den Erfolg der Beaufsichtigung 
braucht er nicht aufzukommen. (O. L. G., Colmar, 
21. Juni 1905.) 

D. R. pag. 501. Ent. 1937. 

§ 1333 - 

Der vom Berufungsrichter festgestellte Hang des 
Beklagten zur fortgesetzten Begehung von Betrügereien, 
der als Charakterfehler oder geistiger Defect gekenn¬ 
zeichnet wird, durfte als eine persönliche Eigenschaft 
des einen Ehegatten aufgefasst werden, deren Un¬ 
kenntnis den andern Gatten gemäss § 1333 B. G. B. 
zur Anfechtung der Ehe berechtigte. (R. G. IV. C. 
S. 3. Juli 1905.) J. w. pag. 532. 

§ 1333- 

Ein körperlicher Zustand, der die Ansteckung 
mit einer gefährlichen und ekelerregenden Krankheit 
befürchten lässt, rechtfertigt die Anfechtung. (R. G. 
IV. 2. Februar 1905.) 

D. R. pag. 252. Entsch. Nr. 1143. 

§§ «353. 1354- § 588 C. P. O. 

Die Ehefrau hat Klage auf Scheidung eingeleitet. 
Klage, Berufung nnd Revision wurden zurückgewiesen. 
Der Beklagte hob Widerklage auf Herstellung der 
häuslichen Gemeinschaft. Das Landgericht verur- 


theilte zur Widerklage die Klägerin, die häusliche 
Gemeinschaft mit dem Beklagten herzustellen. In 
der Berufungsinstanz hat der Beklagte beantragt, die 
Berufung zurückzuweisen, im Falle der Scheidung 
aber auch die Klägerin für schuldig zu erklären, 
ferner für den Fall, dass der principale Antrag der 
Widerklage nicht für begründet erachtet werde, die 
Klägerin zu verurtheilen, sich zur Herstellung ihres 
Nervensystems in eine von dem Beklagten zu 
bezeichnende Nervenheilanstalt zu begeben, und 
darin so lange zu verbleiben, bis sie ohne Gefährdung 
ihrer Gesundheit die häusliche Gemeinschaft mit dem 
Beklagten wieder aufnehmen könne. Das K. G. ver- 
urtheilte zur Widerklage die Klägerin nach dem 
Unterantrag des Beklagten, jedoch wurde bestimmt, 
dass die Nervenheilanstalt von dem Professor 
Dr. M. zu bezeichnen sei. Die hiergegen gerichtete 
Anschlussrevision w'urde ebenfalls zurückgewiesen. 
Processual ist es nicht bedenklich, dass die Bezeichnung 
der Heilanstalt einem Arzt überlassen wurde, denn 
eine Vollstreckung des Urtheils ist ausgeschlossen. 
(§ 888, Abs. 2 C. P. O.) Die Entscheidung des 
B. G. kann nur einen moralischen Einfluss äussern, 
insofern, als die Kl. aus dem Urtheile zu entnehmen 
hat, dass der Richter der Ansicht ist, es sei ihre 
Pflicht als Ehefrau, in der durch die Urtheilsformel 
bestimmten Weise ein Zusammenleben mit ihrem 
Ehemann zu ermöglichen. Ebensowenig ist materiell- 
rechtlich die Entscheidung des B. G. zu beanstanden. 
♦Nach § 1353 sind die Ehegatten einander zur ehe¬ 
lichen Lebensgemeinschaft verpflichtet, also zur gegen¬ 
seitigen Treue, zum gegenseitigen Beistand, zum Zu¬ 
sammenleben (Mot. 4, 104). Wäre diese Verpflichtung 
in einem Schuldverhältnisse begründet, so würde 
Treu und Glauben auch erfordern, dass der Ver¬ 
pflichtete, soweit es in seinen Kräften steht, etwaige 
Hindernisse beseitige, die der Erfüllung der ihm ob¬ 
liegenden Verpflichtungen entgegenstehen. Ganz eben¬ 
so ist an den Ehegatten — sei es der Mann, sei es 
die Frau — die Anfordemng zu stellen, dass er die 
Hindernisse beseitige, die der Erfüllung der Ver¬ 
pflichtung zur ehelichen Lebensgemeinschaft entgegen¬ 
stehen. Klägerin soll sich in die Heilanstalt begeben, 
nicht w'eil sie verpflichtet w ? äre der Anordnung des 
Mannes Folge zu leisten, sondern w'eil die ihr — in 
gleicher Weise wie dem Manne — obliegende Ver¬ 
pflichtung zur ehelichen Lebensgemeinschaft ein solches 
Verhalten von ihr erfordert. Hatte demzufolge § 1354 
überhaupt nicht zur Anwendung zu kommen, so ist 
die Rüge der Revision, der Beweisrichter habe ge¬ 
fehlt, indem er dem Ehemann die Bestimmung 
der Heilanstalt aus den Händen genommen und einen 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


27 


dritten überlassen habe, unzutreffend. (R. G. IV. 
1. Dezbr. 1904.) J. W. pag. 49. 

§§ 1353 » Abs. 2, 1354, Abs. 2. 

Das Verlangen eines Ehemannes, der einen un- 
verhältnissmässig grossen Theil seines Verdienstes 
vertrinkt, auf Herstellung des ehelichen Lebens, ist 
jedenfalls solange als Rechtsmissbrauch anzusehen, 
als er nicht für seine Frau und seine Kinder eine 
geeignete Wohnung beschafft. (O. L. G. Jena, 1. Juli 
1905.) D. R. pag. 473. Entsch. Nr. 1863. 

§ 1567. Z. 1. 

Die Jahresfrist des § 1567 Ziffer 1 beginnt immer 
regelmässig mit Rechtskraft des vorausgegangenen, 
auf Herstellung der häuslichen Gemeinschaft lautenden 
Urtheils, aber es lassen sich auch Fälle denken, wo 
der Anfang des Fristenlaufs hinaus geschoben ist, 
weil der verurtheilte Gatte z. B. durch Krankheit, 
Strafhaft und dergl. in die Unmöglichkeit versetzt ist, 
dem Urtheil Folge zu leisten, mithin nicht in „bös¬ 
licher Absicht“ fern bleibt. In solchen Fällen kann die 


Frist erst vom Aufhören des Hindernisses ab be¬ 
rechnet werden. (R. G. IV. 20. März 1905.) 

J. W. pag. 23 2 . 

§ 1568. 

Um das Verhalten eines Ehetheils auf Grund von 
§ 1568 B. G. B. als Ehescheidungsgrund geltend zu 
machen, bedarf es nicht des Nachweises, dass die 
Zerrüttung der Ehe allein durch dasselbe herbei¬ 
geführt worden ist, es genügt, wenn sich ergibt, dass 
es unter den gegebenen Umständen eine, wenn auch 
aus anderen Gründen, vorhandene Zerrüttung vertieft 
und auf den die Scheidung bedingenden Grad ge¬ 
bracht hat. (O. L. G. Jena, 15. März 1905.) 

D. R. pag. 253. Entsch. Nr. 1147. 

§ 1568. 

Zur Annahme einer Ehezerrüttung ist beider¬ 
seitiges Erlöschen der ehelichen Gesinnung erforder¬ 
lich. — Ob ein Ehegatte die Fortsetzung der Ehe 
als eine unerträgliche Last empfinden würde, ist nicht 
allein nach einem subjectiven Empfinden zu be- 
urtheilen. (R. G. IV. 4. Mai 1905.) J. W. pag. 393. 

_ (Fortsetzung folgt.) 


Mittheilungen. 


— Paris. Unser hochverehrter Mitherausgeber, 
Herr Dr. Ritti, langjähriger Arzt der Maison natio¬ 
nale zu Charenton, wurde zum Ritter der Ehren¬ 
legion ernannt. Aus diesem Anlass und zur Feier 
seines 25 jährigen Jubiläums als Generalsecretär der 
Sodete medico-psychologique zu Paris planen Collegen, 
Freunde und Schüler Rittis eine Festlichkeit, .wobei 
ihm ein Kunstwerk als Geschenk überreicht werden 
soll. — Auch Marandon de Montyel wurde 
zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. — Seit März 
1906 erscheint in Paris am 10. jeden Monats ein 
neues Psychiatrisches Journal „L’informateur des 
alienistes et des neurologistes“, das sich besonders 
der Erörterung der Standes- und Anstaltsangelegen¬ 
heiten widmet. Herausgeber Dr. Antheaume in 
ChaTenton. Verlag H. Delame et Cie., Paris. 
Im selben Verlag erscheint seit 1. Februar 1906 ein 
Journal de Medecine legale psychiatrique et d’Anthro- 
pologie criminelle. Redakteur ebenfalls Antheaume. 

— Ein heiteres Quiproquo. In einer Riesen- 
gebirgsbaude treffen an einem Winterabend acht 
Touristen ein und lassen sich ermüdet an einem 
Tische nieder, nachdem sie am Buffet erfahren haben, 
dass das vorausbestellte Nachtquartier bereit sei. An 
einem andern Tische sitzt eine weinfröhliche, lärmende 
Gesellschaft, von deren tüchtigen Leistungen die vielen 
geleerten Flaschen Kunde geben. Am Tisch neben dem 
der acht Touristen sitzen zwei Herren und zwei 
Damen, die mit grossem Interesse der überlauten 
Unterhaltung der zechenden Gesellschaft folgen und 
bisweilen sich gegenseitig verständnisvolle Blicke zu¬ 


werfen oder etwas zuflüstern. Die acht Touristen 
verzehren still ihr Abendbrot, während die Leute vor 
den Weinflaschen immer lebendiger werden. Einer 
der Touristen fragt einen der Herrn am Nachbartisch, 
wer die lustige Gesellschaft wohl sei? Der biegt sich 
eifrig zu ihm herüber und erzählt mit verhaltener 
Stimme: „Die sitzen schon zwei Stunden da und 
trinken Flasche auf Flasche. Ich habe am Buffet 
gefragt, es sind Patienten von der berühmten X’schen 
Irrenanstalt in Y. Aber Sie brauchen keine Angst 
zu haben, sie sind ungefährlich, es ist ein Arzt dabei. 
Sehen Sie, der mit dem grossen Schnurbart, der am 
wenigsten spricht. Aber der muss viel vertragen 
können, er muss mit allen trinken, damit keiner meint, 
es wäre etwas in dem Wein drin. Sie übernachten 
hier, und der Arzt lässt sie absichtlich so viel trinken, 
sie werden davon zuerst ein bischen aufgeregt, aber 
nachher schlafen sie die ganze Nacht durch wie die 
Säcke. Oh, es ist sehr interessant, ihnen zuzuhören, 
was sie für merkwürdige Ideen haben.“ Worauf der 
Fragende lächelnd erwidert: „Ich danke Ihnen für 
die freundliche Auskunft, aber sie stimmt nicht ganz. 
Die Gäste aus der X’schen Anstalt, die sich ange¬ 
meldet haben, sind wir, und der Arzt bin ich . . . “ 
Grosse Verblüffung. Die Zechgenossen aber w^aren 
die Mitglieder des Gastwirthvereins einer schlesischen 
Mittelstadt. Chattus. 

— 41. Versammlung des Vereins der Irren¬ 
ärzte Niedersachsens und Westfalens am 5. Mai 
1906, nachmittags 2 Uhr in Hannover, Lavesstrasse 
26. Tagesordnung. 1. Antrag Cramer: Zur Statuten- 


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28 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 3. 


abänderung betreffend Vortragsdauer. 2. Bruns-Han¬ 
nover: Neuropathologische Demonstrationen. 3. Cra- 
mer Göttingen: Ueber Aphasie. 4. Alt-Uchtspringe: 
Ueber Myxidiotie und Morbus Basedowii. 5. Weber- 
Göttingen: Ueber sog. Spätepilepsie. 6. Delbrück- 
Bremen: Zur Kostenfrage grösserer oder kleinerer 
Krankenpavillons. 7. Hoppe-Uchtspringe: Die Be¬ 
ziehung der Bromwirkung zum Salzstoffwechsel der 
Epileptiker. 8. Bunnemann-Ballenstedt: Neue Ge¬ 
sichtspunkte in der Leib- und Seelenfrage. 9. Grimme- 
Göttingen: Typhus in der Heil- und Pflege-Anstalt. 
Der Vorsitzende. Gerstenberg-Hildesheim. — Nach 
der Sitzung findet um 6 Uhr in Kastens Hotel (Ge¬ 
orgshalle) ein gemeinsames Essen statt (Couvert Mk. 

4.50)- 


Referate. 

— Spieler-Moral. Eine irrenärztliche Studie 
über Spielsucht ... für Staatsanwälte, Richter und 
andere Laien, von Dr. Hans Fischer, Psychiater 
in Berlin W. 15. Modernes Verlagsbureau, Berlin- 
Leipzig, 1905. 19 S. 

Verf. wendet sich nach einer Einleitung über das 
fehlende Verständniss der Herrn Juristen Gutachten 
gegenüber zu den Alterationen des Fühlens, vom 
Richter zumeist als Laster oder Verbrechen aufge¬ 
fasst, deren wichtigste für ihn die Spielsucht ist. Diese 
wird dann mit scharfen Worten aber in durchaus zu¬ 
treffender Weise in ihren Wirkungen auf das Seelen¬ 
leben geschildert und gleichzeitig die Machtlosigkeit 
der Therapie erwähnt Spieler dürfen, wenn es nach 
Verf. geht, ebenso wenig verantwortungsvolle Stellungen 
bekleiden wie Trinker; indessen haben wir von der 
Verwirklichung dieses Vorschlages in Erinnerung an 
jüngste Processe leider nichts bemerkt. 

Meyer, Geseke i. W. 

— Zur Feststellung des Geisteszustandes 
der Beschuldigten im Strafverfahren. Kri¬ 
minalpsychiatrische Plauderei nebst einer Sammlung 
von Strafrechtsfäilen von Paul Pessler, Erster 
Staatsanwalt. Joh. Heinr. Meyer, Braunschweig 1905, 

157 s. 

Während nach Hans Fischer der Staatsanwalt 
die Psychiatrie als ein Institut betrachtet, welches die 
gefährlichsten Verbrecher dem Arm der Gerechtigkeit 
entreisst und die schönsten Plaidoyer’s zu nichte 
macht, kann man beim Verf. dieser Schrift solche 
Gedanken nicht finden; vielmehr geht ein wohl- 
thuender Zug von Wärme und Hochachtung für die 
Psychiatrie und ihre Vertreter durchs ganze Werk 
und zeigt uns, wie beschlagen der Verf. auf einem 
Gebiet ist, dem er sich, dem Zwange der Nothwendig- 
keit folgend, seit Jahrzehnten gewidmet. Es sei hier 
ausdrücklich festgestellt, dass das Buch auch für 
„Fachmediciner nicht ohne Werth“ ist, dass sich 
unter den dargestellten Strafrechtsfällen solche finden, 
die „thatsächlich in medicinischer Beziehung beacht¬ 


lich“ sind. Die im Schlusswort niederlegten Worte 
der Hoffnung „zwecks Belichtung und Durchleuchtung 
des inneren Menschen 0 sind scherzhafte Zukunfts¬ 
musik, an die man ebensowenig wie der Autor glauben 
kann. Meyer, Geseke i. W. 

— Der physiologische Schwachsinn des 
Menschen. Eine medicinisch-philosophische sociale 
Studie für Aerzte, Juristen, Pädagogen und alle Ge¬ 
bildeten von Stabsarzt Dr. Lobedank, Hann. 
Münden. Seitz & Schauer, München, 59 S. 

Erst war nur das Weib physiologisch schwach¬ 
sinnig, nun solls der Mensch sein, wird mancher 
Leser denken, wenn ihm obige Schrift vor Augen 
kommt. Und doch legt man sie nicht ohne Genuss 
aus der Hand. Ihr Zweck ist nämlich nicht der, 
dem Unwillen über gewisse menschliche Schwächen 
in einer absonderlichen Form Luft zu machen, sondern 
es wird „ein Standpunkt vertreten, der tröstliche Aus¬ 
blicke auf die Zukunft des Menschengeschlechts ge¬ 
währt. Denn wenn so viele Fehler und Unzuläng¬ 
lichkeiten auf ungenügender Gehirnentwicklung be¬ 
ruhen, und zwar auf physiologischer, d. h. nicht durch 
Krankheit bedingter, so dürfen wir hoffen, dass sie 
mit fortschreitender Entwicklung immer mehr ver¬ 
ringert und beseitigt werden.“ Diesen Leitsätzen ent¬ 
spricht die populär gehaltene Durchführung, die sich 
in drei Kapiteln mit der psychologischen Einführung, 
dem krankhaften und schliesslich dem physiologischen 
Schwachsinn in eingehender und verständlicher Form 
befasst, so dass der Leserkreis sicherlich ein grosser 
sein wird. Meyer, Geseke i. W. 

— State of New York. State Commission 
in lunacy; sixteenth annuel report, otobr. 1., 1903 — 
Sep. 30. 1904. Transmitted to he tegislature, Fe- 
bruary 8. 1905. Albany, Brandow Printing Company 
1905. 1050 S. in Roth Calico. 

An diesem Jahresbericht aus dem Lande der un¬ 
begrenzten Möglichkeiten fällt zunächst der saubere 
Einband in die Augen, der gewaltig absticht von den 
„Fliegenden Blättern“ mancher deutschen Anstalten. 
Daneben ist aber auch Druck und Papier viel besser, 
überhaupt scheint der Amerikaner mehr und mehr 
Gewicht auf das Aeussere zu legen, was immerhin 
ein Fortschritt wäre. Im übrigen ist der Inhalt ge¬ 
nau so nüchtern und langweilig wie mancher unserer 
Anstaltsberichte, wie es übrigens noch voriges Jahr 
in den Laehrschen Heften besprochen ist. Auch 
hier spielen die „Stock report, Farm Products, Garden 
Products“ dieselbe Rolle, wie bei uns jeder Kohl¬ 
strunk und jede Futterrübe, wohingegen man von 
der ärztlichen Wissenschaft und der praktischen Ver¬ 
wendung im „lunatic asyl“ abgesehen von den 
Statistiken gern mehr gehört hätte. Tuberculosis, 
Typhus gehören auch in americanischen Anstalten 
des Staates New York zu den ungebetenen Gästen. 
Man liest ausländische Berichte, weil sie seltener 
sind, immer noch gern, auch nicht ganz ohne Nutzen. 

Meyer, Geseke i. W. 


Für den redactionellen Theii verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Bresler, Lublinitz (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl M arh o 1 d in Halle a. S. 

Heynemann'sche Buchdruckerei (Gebr. Woiff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lublinitx (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adrease: Marhold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 823. 

Nr. 4. 22 . Apni 1906. 

■ - - ■■ ■ ■ ■ -11— 1 ’ ■ ■■ ~r . ■ ■■■■■■■ ■ r ■ ■ n ■ ■ ■ -n ■ 11 —t. rn 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 

Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schlesien), zu richten. 


Kurs der medicinischen Psychologie mit Bezug auf die Behandlung und 
Erziehung der angeboren Schwachsinnigen. 

Bericht unter Benutiung von Autoreferaten erstattet durch Privatdozent Dr. Dannemantt , Giessen. 


J^er in diesem Blatte früher erwähnte Kurs fand in 
Giessen vom 2. bis 7. April unter zahlreicher 
Beteiligung statt Die Teilnehmerliste verzeichnete über 
100 Namen, davon entfielen 40 auf den Lehrstand (Hilfs¬ 
schullehrer, Idiotenanstaltsleiter, Pfarrer in pädago- 
gischerThätigkeit), die übrigen auf Aerzte (Direktoren von 
Irren- und Idiotenanstalten, Schulärzte, Assistenzärzte, 
Kreisärzte). Die Idee, alle an der Förderung der Fürsorge 
für die Schwachsinnigen in weitestem Sinne interessirten 
Elemente zu gemeinschaftlicher Arbeit zusammenzurufen, 
fand somit eine Verwirklichung, auf die man in solchem 
Umfange kaum zu hoffen gewagt hatte, und die er¬ 
warten lässt, dass der alte Streit, ob dem Pädagogen 
oder dem Arzte auf diesem Gebiete der Vortritt ge¬ 
bühre, nun endlich der besseren Einsicht Platz machen 
wird, dass auf diesem Gebiete Einigkeit stark macht 
und zu Zielen führt, die bei getrenntem Marschiren 
kaum erreicht werden dürften. 

Der Kurs fand in der Klinik für psychische und ner¬ 
vöse Krankheiten statt in der Weise, dass Vormittags 
sämmtlichenTheilnehmem gemeinschaftlich vorgetragen 
wurde, während sich dieselben nachmittags in mehreren 
Gruppen auf die einzelnen Laboratorien der Klinik 
zu Demonstrationen und Uebungen verteilten. 

Bemerkenswert für das Interesse, das dem Kurs 
entgegenbracht wurde, ist es, dass auch eine Anzahl 
Ausländer aus Böhmen, der Schweiz, Holland und 
Belgien erschienen waren. Auch Damen war die Theil- 
nahme freigestellt, indessen wies das Verzeichnis der 
Anwesenden nur die Namen zweier auf. 

Zunächst behandelte Weygandt-Würzburg aus¬ 
führlich unter Verwendung eines reichen Demon¬ 
strationsmaterials die verschiedenen Formen der 
Idiotie. Ausgehend von einer Schilderung der histo¬ 
rischen Entwicklung unsrer Kenntniss des Idiotismus 

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definirte er den angeborenen oder früh erworbenen 
Schwachsinn und besprach die Klassification vom prak¬ 
tischen und theoretischen Standpunkte. — Gruppen¬ 
weise wurden sodann die einzelnen Formen der Idiotie 
dargestellt: die amaurotische, familiäre Idiotie, die 
Idiotie auf entzündlicher Grundlage, Encephalitis, Poren- 
cephalie, Hemicephalie, Mikrogyrie, atrophische Seierose, 
sodann die Wasserkopfbildung, sowie die Hirnhaut¬ 
entzündung als Schwachsinnsgrundlage, die hyper¬ 
trophische tuberöse Sclerose, der mongoloide Schwach¬ 
sinn, Kretinismus und Myxödem, epileptischer Schwach¬ 
sinn, psychogene, neurasthenische Störungen etc. 

Daran schloss sich eine Besprechung der ursäch- 
lichen Factoren des kindlichen Schwachsinns, 
insbesondere der erblichen Belastung und des Alkoho¬ 
lismus der Eltern. Weiterhin wurden die Maassregeln 
der Vorbeugung geschildert. Endlich gab W. eine 
Uebersicht über die Möglichkeit eines helfenden und 
bessernden Eingreifens des Arztes speciell vom psychia¬ 
trischen Standpunkte sowie einen Ausblick auf die 
zweckmässigste Art der Organisation der Schwach- 
sinnigenfürsorge. Dauernd bildungsunfähige und er¬ 
wachsene Schwachsinnige sollten wie Geisteskranke 
unter ärztlicher Obhut stehen. Bildungsfähige, die 
noch soweit gebracht weiden können, dass sie, wenn 
auch mit Unterstützung, ausserhalb der Anstalt zu 
leben vermögen, sollen in pädagogisch geführten Er¬ 
ziehungsanstalten unter ärztlichem Beirath verpflegt 
werden, analog den leicht schwachsinnigen Hilfsschülern 
der Städte. Am besten wird es sein, wenn, wie es 
im Königreich Sachsen bereits geschehen ist, eine 
staatliche Regelung des gesammten Für¬ 
sorgewesens vorgenommen wird. 

Sommer-Giessen behandelte das Gebiet der 
medicinischen Psychologie unter Bezugnahme 

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30 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 4. 


auf den angeborenen Schwachsinn. Er zeigte zunächst 
in einer historischen Einleitung die wesentlichen Züge, 
die in der Entwicklung der neueren Psychologie zu 
den Aufgaben der Gegenwart führen und hob dabei 
folgendes besonders hervor: das schon bei Cartesius 
vorhandene Princip der Selbstwahrnehmung und Selbst¬ 
beobachtung, das in Deutschland um die Mitte des 
18. Jahrhunderts zur Entwicklung der empirischen 
Psychologie führte. S. schildert, wie die Aufgaben 
dieser, entsprechend der Entwicklung der Methoden - 
lehre, besonders der physikalischen und physiologischen 
Hilfsmittel, immer von neuem und mit wachsendem 
Erfolge in Angriff genommen wurden. Von der empi¬ 
rischen Psychologie und physiologischen Psychologie 
geht die Entwicklung consequenter Weise weiter zu 
einer methodischen Psychopathologie, als deren Theil- 
gegenstand die Zustände von angeborenem Schwach¬ 
sinn und Imbecillität erscheinen. — Die Aufgabe 
besteht darin, die besondere Natur des einzelnen 
Falles mit geeigneten Methoden zu erkennen, die 
natürlichen Gruppen durch vergleichende Analyse zu 
bestimmen und aus der Einsicht in den inneren Zu¬ 
stand die richtige Art der Behandlung in medicinischer 
und pädagogischer Beziehung abzuleiten. Auf die 
anderen Punkte der Entwicklung, speziell das Ver- 
hältniss des Physischen zum Psychischen, ferner die 
Lokalisationstheorie wies S. hin und stellte für die 
vorliegende Aufgabe im Anschluss an die allgemeine 
Entwicklung der Psychophysik als Hauptaufgaben hin: 
genaue Messung und Bestimmung der von aussen an 
ein Individuum herantretenden bezw. an dasselbe 
hinausgebrachten Reize, ferner Registrirung und 
Messung der motorischen Wirkungen, mögen diese 
nun in Reflexen, unwillkürlichen Ausdrucksbewegungen 
oder Handlungen bestehen. — Weiter betont S. das 
zeitliche Moment, das einerseits die Messung der 
Reactionszeit, andrerseits eine vergleichende Unter¬ 
suchung des Ablaufs von Symptomen verlangt. 

Tabellarisch wurde darauf eine grosse Anzahl von 
einfachen Reactionsversuchen wiedergegeben, meist 
mittelst acustischer oder optischer Reize erzielt, aus¬ 
geführt an geistig Normalen und Pathologischen, be¬ 
sonders an Schwachsinnigen. Die Tabellen sind so 
angelegt, dass die Reactionszeiten in Gruppen von 
je 100 in steigender Reihenfolge nebeneinander ge¬ 
schrieben sind, so dass die Art der Vertheilung in 
den einzelnen Colonnen sehr klar zum Ausdruck ge¬ 
langt. Deutlich treten die pathologischen Momente 
hervor, sowohl was die Dauer der Reaction, als auch 
was die Art der Verteilung (Streuung) anbetrifft. — 
S. zeigte weiter, wie von den einfachen Licht- und 
Schallreizen eine Stufenleiter von Reizformen zu den 


höher stehenden in Form von bestimmten Worten, 
Rechenaufgaben und Fragen führt, die, in bestimmte 
Serien gegliedert, trotz ihrer complicirten Beschaffen¬ 
heit im Grunde Reizeinheiten darstellen. Er zeigte 
die Anwendbarkeit solcher Fragebögen mit gleichzei¬ 
tiger Zeitmessung besonders bei Schwachsinnigen. — 
Die von S. angegebenen Fragebögen über Orientirt- 
heit, Rechenvermögen, Schulkenntnisse, Associationen 
lassen sich bei angeboren Schwachsinnigen mit wenigen 
Aenderungen leicht an wenden, ebenso das von ihm 
gebotene Schema zur Untersuchung von Geisteskranken. 
Er regte an, an Stelle der vielfach local verschiedenen 
Schemata betr. die Untersuchung von angeboren 
Schwachsinnigen für Idiotenanstalten und Hilfsschulen 
ein einheitliches Schema nach den vorstehen¬ 
den Gesichtspunkten zu schaffen. (Hier sei gleich 
erwähnt, dass aus der Versammlung eine Commission 
zu diesem Zwecke zusammentrat, bestehend aus den 
Herren Sommer, Weygandt, Rector Henze- 
Hannover, Dr. König, Stadtschularzt, Frankfurt, Dr. 
Meitzer- Chemnitz, Director Keller- Darmstadt, 
Dr. Kl um k er-Frankfurt a. M. und Dr. Lay-Karls¬ 
ruhe.) 

Im weiteren ging Sommer auf das motorische 
Gebiet ein und erläuterte im Anschluss an die gra¬ 
phischen Registrirmethoden der Klinik Haltung und 
Bewegung bei normalen und pathologischen Kindern, 
besonders die mimischen und physiognomischen Er¬ 
scheinungen z. B. bei der Aufmerksamkeit, die un¬ 
willkürlichen Bewegungen besonders bei Kindern, die 
mit epileptischen, psychogenen und choreatischen 
Störungen leichteren Grades behaftet sind. — In 
seinem letzten Vortrage brachte S. eine Uebersicht 
über die Psychologie der Aussage speciell 
bei Kindern und behandelte die verschiedenen For¬ 
men der Pseudologie unter Anführung zahlreicher 
Beispiele. — Endlich ging er noch auf die qualitativ 
verschiedenen Arten des Schwachsinns ein unter Be¬ 
rücksichtigung der intellectuellen, Gefühls- und Willens¬ 
momente. Principiell suchte S. bei diesen Ausfüh¬ 
rungen die besondere Anwendung auf die Erkennung 
und Behandlung des angeborenen Schwachsinns und 
seiner Besonderheiten im einzelnen Fall zu machen. 

Neben Vorträgen führte S. in den Demonstrationen 
eine Anzahl von geeigneten Krankheitsfällen, ferner 
von Diagrammen und Curven über die an practischen 
Beispielen gewonnenen Resultate vor. 

Dr. Lay-Karlsruhe sprach über folgende Themata 
der experimentellen Didactik: 1. Das Grund- 
princip des Unterrichtes. Jedem Reiz entspricht eine 
Reaction, jedem Eindmck ein Ausdruck, jeder Be¬ 
wusstseinsinhalt strebt, in eine Bewegung überzugehen. 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


3i 


Der Unterricht hat nicht bloss dafür zu sorgen, dass 
klare und lebendige Anschauungen entstehen, sondern 
auch dass diese zur Darstellung gelangen durch 
Modelliren, Experimentiren, Thier- und Pflanzenpflege, 
Spiel und Turnunterricht, Geometrie und Rechnen, 
dramatische Darstellung, persönliche Führung in der 
Klasse als einer Arbeitsgemeinschaft etc. Der 
passive Lernunterricht muss in einen 
activen sensorisch-motorischen Unterricht 
umgestaltet werden. — 

2. Die Auffassung der räumlichen Formen. Durch 
Versuche (siehe experimentelle Didactik) ist erwiesen, 
dass hierbei die Bewegungsempfindungen einen eben¬ 
so grossen Antheil haben, als das Netzhautbild. 
Der Lehrer muss die Bewegungen bei der Auffassung 
planmässig anleiten. — 3. Die physiologische und 
psychologische Grundlage des Sach- und Sprach¬ 
unterrichtes. Der Sprachunterricht hat sich als dar¬ 
stellender Formunterricht dem beobachtenden Sach- 
unterricht (Naturkunde, Geographie, Geschichte, Reli¬ 
gion, Erfahrungen im Menschenleben) aufs engste an- 
zuschliessen. — 4. Die Anschauungstypen in den 

Schulklassen. Es giebt Schüler, die sich mehr auf 
optische Vorstellungen stützen, andere, welche durch 
acustische, andere, die durch Bewegungsvorstellungen 
eine Stütze erfahren. Der Lehrer hat in erster Linie 
seinen eigenen und den Typus seiner Schüler fest¬ 
zustellen und zu beachten. Die Zahl der „Optiker 64 
ist grösser, als die der „Akustiker 44 . — 5. Die Ent¬ 

stehung der Zahlvorstellungen bei den Kindern und 
der grundlegende Rechenunterricht auf Grund didac- 
tischer Experimente. Ein darnach construirter Rechen¬ 
apparat a) für die Hand des Lehrers, b) für die 
Hand des Schülers wurde gezeigt. 

Dannemann -Giessen sprach zunächst über 
jugendliches Verbrecherthum im Allgemeinen 
die Ursachen und die Bekämpfung der Criminalität 
der Jugendlichen. Hierauf wurde der angeborene 
Schwachsinn und seine Beziehungen zum 
Strafrecht besprochen. Das Wesen der Imbedllität, 
speciell der an der Grenze der Zurechnungsfähigkeit 
stehenden Formen, wurde eingehend geschildert, die 
Frage der Zurechnungsfähigkeit besprochen. Der 
Schutz der Gesellschaft gegen unsociale Handlungen 
Schwachsinniger wurde vom Standpunkte sowohl der 
lex lata, als auch ganz besonders der lex ferenda 
betrachtet — Ein dritter Vortrag beschäftigte sich 
(z. Theil unter Anlehnung an des Vortragenden Be¬ 
trachtungen über den Gegenstand in den psychia¬ 
trisch-juristischen Grenzfragen, Halle-Marhold) mit 
der Fürsorgeerziehung, ihren seitherigen Resul¬ 
taten, ihren Mängeln, ihrem wünschenswerten weiteren 

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Ausbau. — Ein Tag war der Casuistik gewidmet. 
Etwa 20 Jugendliche, Fürsorgezöglinge mit psychischen 
Anomalien, Imbecille, jugendliche Criminelle gelangten 
theils in Person, theils im Projectionsbilde zur Vor¬ 
stellung. Die Einzelheiten jedes Falles wurden unter 
Beziehung auf die Vorträge erläutert. 

Zur Fürsorgeerziehung sprach ferner in einstün- 
digem Vortrage Dr. Klumker-Frankfurt a. M. (Leiter 
der dort bestehenden Zentrale für private Fürsgrge, 
einer nachahmenswerten Einrichtung privater Wohl¬ 
tätigkeit) fussend auf reichen, in der Praxis der Fürsorge¬ 
erziehung gewonnenen Beobachtungsresultaten. Er be¬ 
tonte im speziellen die Notwendigkeit eines innigeren Zu- 
sammenarbeitens der in Frage kommenden einzelnen 
Behörden und schilderte an der Hand drastischer Fälle 
manche Unzuträglichkeiten der Anwendung der Er¬ 
ziehungsgesetzgebung in der Gegenwart, hinweisend 
auf die Wichtigkeit des Erlasses eines Reichserziehungs- 
gesetzes. 

Über das Hilfsschulwesen sprach in mehreren 
Stunden Rektor H e n z e - Hannover. Er gab zunächst 
einen Überblick über die Entwicklung und den gegen¬ 
wärtigen Stand des Hilfsschulwesens im In- und Aus¬ 
lande. Deutschland ist auf diesem Gebiete voran¬ 
gegangen, obwohl auch hier die Gründung von Hilfs¬ 
schulen für Schwachbefähigte in grösserer Zahl erst 
in den letzten 25 Jahren erfolgte. Zui Zeit bestehen 
solche Schulen bereits in 165 deutschen Städten. Im 
Auslande sind sie in grösserer Zahl in England, der 
Schweiz, den Vereinigten Staaten vorhanden, verein¬ 
zelt in Oesterreich, den nordischen Reichen, Holland 
und Belgien. Ihre Aufgabe wurde dahin präzisiert, 
dass sie für Kinder bestimmt sein sollen, die dem 
Unterricht in der Normalschule durchaus nicht zu 
folgen vermögen, die aber andererseits geistig nicht 
so tief stehen, dass sie nicht durch einen ihren 
Geisteskräften angepassten Unterricht zu einer be¬ 
scheidenen Verwendung im öffentlichen Leben, zu 
einigermassen selbständigem Broterwerb herangebildet 
werden könnten. Bezüglich der Auswahl der betr. 
Kinder und ihrer Ausscheidung aus der Normal¬ 
schule wurde die grösstmögliche Sorgfalt unter Zu¬ 
sammenwirken eines psychiatrisch gebildeten Arztes 
und des Leiters der Hilfsschule gefordert. Über 
jedes Kind soll fortlaufend ein Personalbogen geführt 
werden, ebenfalls unter Zusammenwirken von Schul¬ 
arzt und Schule. — Es wurden weiter verschiedene 
Massregeln auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge 
für die Hilfsschulzöglinge sowohl während der Schul¬ 
zeit als vor allem auch für die Jahre nach der Schul¬ 
entlassung besprochen und endlich der Hilfsschul- 

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32 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 4 . 


unterricht in den Hauptzügen und nach seinen spe¬ 
zifischen Seiten kurz dargelegt. 

Über Anstalten für Geistesschwache sprach 
Dr. Gündel (Direktor der Idiotenanstalt Rastenburg). 
Der Vortragende ging aus von einem geschichtlichen 
Rückblick auf die ersten Anstaltsgründungen und 
einem statistischen Ueberblick über die gegenwärtig 
vorhandenen Anstalten. Er theilt sodann die Geistes¬ 
schwachen in Verblödete, Geistesschwache leichteren 
und solche schwereren Grades. Die formellen Geistes¬ 
kräfte der letzteren lassen sich bis ungefähr zur Un¬ 
terstufe normaler Schulentwicklung entfalten. Die der 
Geistesschwachen leichteren Grades schreiten ungefähr 
bis zur Mittelstufe normaler Schulentwicklung weiter. 
Die Verblödeten gehören in die Pflegeanstalt, die 
leichten Grade in die Hilfsschule, die schweren Grade 
bilden die Bevölkerung der Erziehungsanstalten, welche 
ausserdem noch die leichteren Grade aufzunehmen 
haben, deren Heimathsort über eine Hilfsschule nicht 
verfügt oder die unter die Fürsorgeerziehung fallen. 
Der Vortrag bespricht ferner noch Erziehung, Unter¬ 
richt, Beschäftigung, Pflege und Personal in den Er¬ 
ziehungsanstalten. Sodann werden folgende Punkte 
als die nächsten Aufgaben der Gesetzgebung betr. 
die Fürsorge für die Geistesschwachen hingestellt: 

1. Schaffung einer festen Organisation vom Zeit¬ 
punkte der Erkennung des inferioren Geisteszustandes 
und durch das ganze Leben hindurch. 

2. Ausdehnung des Intern irungszwanges auch nach 
dem Gesichtspunkte der Unterrichtsbedürftigkeit. 

3. Special berufliche Ausbildung des Lehr- und 
Wartepersonals. 

4. Aufhebung der verschiedenen wirthschaftlichen 
Nachtheile, denen die Beamten an den freien Wohl- 
thätigkeitsanstalten im Gegensatz zur Beamtenschaft 
an öffentlichen Anstalten ausgesetzt sind. 

In den Nachmittags stattfindenden Demonstrationen 
trug Weygan dt- Würzburg über Gehimanatomie 
unter Berücksichtigung der Befunde bei der Idiotie 
vor. — Von Leupoldt-Giessen erklärte die in der 
Klinik gebräuchlichen, zur graphischen Darstellung 
motorischer Vorgänge dienenden Apparate und er¬ 
läuterte durch eine Reihe von Untersuchungen an 
Kranken und Gesunden die von Sommer in seinen 
Vorträgen mitgetheilten experimentellen Methoden. 

Dannenberger-Giessen stellte die bekannte 
Microcephalin Becker von Bürgel vor und gab ihre 
psychologische Analyse. Schon Virchow, der die 
Genannte vor Jahren ebenfalls untersucht hat, hatte 
auf die psychologische Eigentümlichkeit der Micro- 

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cephalie hingewiesen, indem er gegen die atavistische 
Theorie derselben den Einwand erhob, dass das kleine 
Gehirn der Microcephalen ihre Besitzer absolut un¬ 
fähig zur selbständigen Existenz mache, was nicht 
der Fall sein dürfte, wenn man in den microcephalen 
Gehirnen die Reproduktion einer in früherer Zeit 
physiologisch gewesenen Gehirnform zu sehen hätte. 
Das Gehirn müsste wenigstens im Stande sein, die 
lebenswichtigen Instincte zu entwickeln, was aber 
nicht der Fall ist. Es handelt sich vielmehr um et¬ 
was Krankhaftes, um die verkümmerte Entwicklung 
einer Anzahl von menschlichen Seelenfähigkeiten. 
Angedeutet sind gleichwohl auch diese. Die Becker 
percipirt, abstrahirt, reproducirt, aber in primitiver, 
oft nur angedeuteter Weise. Die von ihr gesammelten 
Erfahrungen erheben sich nicht über die Aneignung 
weniger bestimmter, zum Leben in menschlicher Um¬ 
gebung nothwendiger Gewohnheiten, die ihr durch un¬ 
endlich häufige Wiederholung bestimmter Wahr¬ 
nehmungsreihen beigebracht wurden, z. B. das Essen 
mit dem Löffel, die Reinhaltung des Körpers von 
Excreten. Insofern als sie bei einer Vielheit von 
psychischen Erlebnissen das allen Gemeinschaftliche 
wahrzunehmen und dem Erinnerungsbestande dauernd 
einzuverleiben vermag, kann man selbst bei diesem 
tiefstehenden Wesen von primitiver Abstractions- 
fähigkeit reden. Ebenso primitiv wie der Intellect ist 
auch das Gefühlsleben entwickelt. Es äussert sich 
nur in Form von Zärtlichkeiten gegen die ihr Wohl¬ 
wollenden und in einem zornigen mimischen Ausdruck 
beim Auftauchen von Missbehagen. — Weiter de¬ 
monstrierte der oben Genannte die Beziehungen 
zwischen Kopfgrösse und Gehirnentwicklung. 
Als Paradigma diente dabei die von Rieger-Würz- 
burg ausgebildete kephalographische Methode. Sie 
setzt sich zusammen aus einer exakten Aufzeichnung 
und Messung von sechs Kopfdiagrammen einerseits 
und dem Vergleich des Flächeninhaltes der letzteren 
mit dem post mortem gefundenen Gehirngewicht und 
Schädelinhalt andererseits. Eine Vielheit von Unter¬ 
suchungen hat Rieger in den Stand gesetzt, aus 
den sechs erwähnten Diagrammen approximativ 
richtige Schlüsse auf die Gehirnmasse im Einzelfalle 
am Lebenden zu ziehen. 

Berliner-Giessen gab während der Nachmittags¬ 
demonstrationen einen Ueberblick über den Bau des 
Centralnervensystems. Dabei wurde besonders die 
Lokalisationslehre berücksichtigt. Der feinere Bau 
der nervösen Substanz wurde eingehend an der Hand 
mikroskopischer Präparate dargelegt. Endlich wurden 
kurz die wichtigsten Färbemethoden besprochen. 

Am letzten Tage fand eine freie Discussion 
Original frnm 

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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCH E WOCHENSCHRIFT 


33 


statt. In dieser wurde eine Reihe von practischen 
und theoretischen Puncten berührt. Pastor Hennjg- 
Alsterdorf machte auf die nervösen Erscheinungen auf¬ 
merksam, die sich bei Insassen der Zwangserziehungs¬ 
anstalten öfters finden und erhob an die Aerzte die 
Frage der Behandlung, worauf Sommer antwortete. 
— Rector Godtfring-Kiel erklärte in Bezug auf die 
beabsichtigte Bearbeitung des Frageschemas eine ver¬ 
gleichende Sammlung des schon vorhandenen Mate¬ 
riales für wünschenswerth. Dementsprechend waren 
schon vorher Schemata dieser Art von Römer-Lieg¬ 
nitz und König-Frankfurt vorgelegt worden. Letz¬ 
terer hat die Sammlung weiteren Materiales übernom¬ 
men (Zusendungen in dieser Sache an denselben sind 
erbeten). Dr. Meitzer-Chemnitz empfahl dringend 
eine Arbeitsgemeinschaft, besonders bei der wissen¬ 
schaftlichen Bearbeitung der Gehirne von Idioten 
nach Sectionen in den Anstalten, ein Vorschlag, dem 
sich Weygandt anschloss. Sommer empfahl eben¬ 
falls Arbeitsgemeinschaft in Bezug auf psychologische 
Untersuchungen, bei denen in den klinischen Labo¬ 
ratorien die vergleichenden Prüfungen an Geistes¬ 
kranken verschiedener Art und an Normalen gewon¬ 
nen werden können. Nur so werden die Unter¬ 
suchungen an angeboren Schwachsinnigen in die 
richtige Beleuchtung kommen. — Schliesslich entspann 
sich noch eine lebhafte Debatte über den Leseunter¬ 
richt in Schulen für Schwachsinnige, an der sich be¬ 
sonders die Herren Lay, Günther-Chemnitz und 
Weygandt betheiligten. 


Dr. Nadoleczny-München empfiehlt der neu 
gebildeten Kommission speciell die Berücksichtigung der 
Schriftleistungen mit der linken Hand und zwar der nor¬ 
malen sowie der Spiegelschrift. Letztere kann links 
triebartig und unkorrigirbar oder auch willkürlich ge¬ 
schrieben werden. Beachtenswerth sind ferner jene 
Kinder, die mit beiden Händen, bisweilen sogar gleich¬ 
artig und abwechselnd normale und Spiegelschrift 
schreiben können. Letztere haben meist ein ausge¬ 
sprochenes Talent zu bimanuellem Zeichnen besonders 
von symmetrischen Ornamenten, die sie mit zwei Blei¬ 
stiften gleichzeitig darstellen können. Solche Unter¬ 
suchungen erweitern unsere Kenntnisse über die Funk¬ 
tion der rechten Hirnhälfte. 

Am 4. April fand nachmittags eine Besichtigung- 
des Alicestiftes zu Darmstadt (Idiotenerzieh¬ 
ungsanstalt) statt, an der etwa 40 Herren theilnahraen. 
Dieselbe erfolgte besonders im Hinblick auf die be¬ 
vorstehende Reorganisation der Idiotenfürsorge im 
Grossherzogthum Hessen, welches in Grünberg bei Gies¬ 
sen eine voraussichtlich ärztlich geleitete Idiotenanstalt 
einzurichten gedenkt. Es wird alsdann vermuthlich 
diese Anstalt mit dem Alicestift als der Erziehungs¬ 
anstalt in organische Beziehung gesetzt werden. — Bei 
der Besichtigung waren Mitglieder der Abtheilung des 
Ministeriums für öffentliche Gesundheitspflege sowie 
der Provincialdirection Starkenburg anwesend, ein 
weiteres Zeichen für das seitens der hessischen Re¬ 
gierung dem Zwecke des Kurses entgegen gebrachte 
Interesse. 


Wichtge Entscheidungen auf dem Gebiete der 
gerichtlichen Psychiatrie. V. 

Aus der Litteratur des Jahres 1905 zusammengestellt 
von Ernst Schnitze. 

(Fortsetzung.) 


§ 1568. 

Ob einem Ehegatten die Fortsetzung der Ehe 
zugemuthet werden kann, ist nach einem objectiven 
Maassstabe zu beurtheilen. Nicht das eigene Em¬ 
pfinden des Klägers entscheidet darüber, ob an ihn 
die Anforderung noch zu stellen sei, dass er unter 
Hinnahme ihm widerfahrenen Unrechts die Ehe 
fortsetze, sondern darüber, ob nach Lage des Falles 
es dem Wesen der Ehe nicht mehr entspricht, diese 
Zumuthungan ihn zu stellen und ob vielmehr die Schwere 
der Verfehlungen der Beklagten so gross, die darauf 
beruhende subjective Entfremdung des Kläger aber so 
unverbindlich ist, dass Kläger einem derartigen An- 

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sinnen überhoben sei, hat der Eherichter selbst nach 
einem der sittlichen Bedeutung der Ehe zu ent¬ 
nehmenden objectiven Maassstabe zu beurtheilen. 
(R. G. IV. 5. Oktbr. 1905.) J. W. pag. 693. 

§ 1569- 

Die Geisteskrankheit hat aber auch einen solchen 
Grad erreicht, dass die geistige Gemeinschaft zwischen 
den Parteien aufgehoben ist; dem Kläger und Wider¬ 
beklagten mangelt, wie seine Briefe und sein Ver¬ 
halten der Beklagten gegenüber darthun, völlig das 
Vermögen gerade seine ehelichen Verhältnisse richtig 
aufzufassen und zu würdigen. Die geistige Gemein¬ 
schaft stellt das wechselseitige ideelle Band dar, ver- 

Üriginal from 

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34 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 4 


möge dessen die Eheleute sich durch die Ehe und 
durch die aus derselben entfliessenden sittlichen 
Pflichten und Rechte miteinander verbunden 
führten; dieses Band ist infolge der Wahnideen des 
Klägers zerstört Dabei ist nach dem Gutachten des 
Sachverständigen Dr. St, namentlich bei Berück¬ 
sichtigung der langen Dauer der Krankheit, ein Um¬ 
schwung in den Anschauungen des Klägers (trotz des 
Briefs desselben vom 8. Deabr. 1904) ausgeschlossen 
und es ist damit zumal bei der Tiefe und Festig¬ 
keit, mit denen sich Kläger in seine die geistige Ge¬ 
meinschaft ausschliessenden Wahnvorstellungen ein¬ 
gesponnen hat, auch jede Anssicht auf Wieder¬ 
herstellung dieser Gemeinschaft ausgeschlossen. (O. 
L. G. Königsbeig. 13. Februar 1905.) 

Psych.-neurol. Wochenschr. 1905. pag. 363. 

§ *569- 

Ein Fortbestehen der geistigen Gemeinschaft 
zwischen den Ehegatten kann zwar nicht schon 
daraus gefolgert werden, dass der Beklagte sich noch 
bewusst ist verheirathet zu sein, wohl aber kann man 
sie dann nicht für aufgehoben erachten, wenn der 
Beklagte noch in Liebe an seiner Frau und seinen 
Kindern hängt und deshalb bei dem Gedanken einer 
ihm drohenden Scheidung in sichtliche Erregung ge- 
räth. Ob wirklich eine Aufhebung vorliegt ist 


nur nach den concreten Verhältnissen jedes einzelnen 
Falles zu entscheiden, und im vorliegenden Falle 
kommt dafür in Betracht, dass die geistigen Fähig¬ 
keiten und Interessen des Beklagten von Jugend auf 
sehr geringe waren, er hatte ein menschenscheues, 
schweigsames Wesen und neigte zum Grübeln und 
Träumen. So war der Beklagte bei Eingehung der 
Ehe; sein Zustand verschlimmerte sich dann nament¬ 
lich in Folge der Angst und Sorge bei einer schweren 
Krankheit seiner Frau und er selbst hat dem Sanitäts¬ 
rath Dr. G. bei der jetzigen Untersuchung angegeben, 
er habe sich Gedanken wegen seiner Kinder ge¬ 
macht Demnach kann man nur sagen, dass die 
geistige Gemeinschaft zwischen dem Beklagten und 
seiner Ehefrau, die in Folge seiner geringen Intelligenz 
und seines grübelnden, träumerischen und schweig¬ 
samen Wesens immer nur aul niedriger Stufe stand, 
durch Verschlimmerung seines Geisteszustandes noch 
mehr getrübt, nicht aber, das sie aufgehoben ist 
Die Verschlimmerung des Geisteszustandes des Be¬ 
klagten, woran dieser nach der Beweisaufnahme gar 
keine Schuld trägt, ist eine Krankheit, die die Klägerin 
als Ehefrau, welche Freud und Leid mit ihrem Ehe¬ 
mann zu theilen hat, tragen muss, wie sich auch 
schwere körperliche Krankheit zu ertragen haben 
würde. (O. L. G. Celle. I. S. 17. Februar 1905). 

Psych.-neurol. Wochenschr. 1905, Nr. 13. 

_ (Fortsetzung folgt.) 


Mittheilungen. 


— Eine Aufsichtsräthsitzung und eine Mit¬ 
gliederversammlung Rheinischer Volksheil¬ 
stätten für Nervenkranke, G. m. b. HL, fand am 
vergangenen Samstag nachmittag im Sitzungssaale des 
Gebäudes der Landesversicherungsanstalt zu Düssel¬ 
dorf unter dem Vorsitze des Kommerzienraths Dr. 
Wittenstein-Barmen in Anwesenheit des Regie¬ 
rungspräsidenten Schreiber, des Landeshauptmanns, 
Regierungspräsidenten a. D. von Renvers, der Land- 
räthe Dr f Hentzen- Lennep und Dr. Lucas-Solingen, 
des Kommerzienraths Nöllau-Düsseldorf und anderer 
Herren statt. Der in der Aufsichtsrathssitzung seitens 
der Geschäftsführung zur Erstattung gelangte Jahres¬ 
bericht für 1905 wies einleitend darauf hin, dass in 
der Zusammensetzung des Aufsichtsraths insofern Aende- 
rungen eingetreten wäxen, als das Aufsichtsrathsmitglied 
Aders-Düsseldorf im Laufe des Berichtsjahres verstarb, 
Exzellenz von Nasse unter Einennung zum Ehren¬ 
mitglied ausschied, der Oberpräsident Freiherr von 
Schorletoer - Lief er, der seither dem Verein als Ge¬ 
sellschafter angehörte, nunmehr in den Aufsichtsrath 
eingetreten ist. Betreffs der geplanten Heilstätte für 
Männer zu Gross-Hedden bei Dabringhausen ist zwar 
das Bauprogramm aufgestellt, zu dessen Ausführung 
aber bisher weitere Beschlüsse noch nicht gefasst worden. 

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In Sache der Heilstätte Rodenkirchen bei Leichlingen 
fanden im Berichtsjahr 11 Sitzungen der Baukommission, 
4 Aufsichtsrathssitzungen, 3 Sitzungen der Aerzte- 
kommission und eine Mitgliederversammlung statt. 
Die allerhöchste Genehmigung zur Annahme der hoch¬ 
herzigen Schenkung des Geheimen Kommerzienraths 
Wilh. Böddinghaus-Elberfeld, bestehend in dem gegen 
100 preussische Morgen grossen Gelände der Heil¬ 
stätte Rodenkirchen, wurde unter dem 21. Oktober 1905 
ertheilt und infolgedessen als Eigenthum der Gesell¬ 
schaft in das Grundbuch eingetragen. Die Landes¬ 
versicherungsanstalt „Rheinprovinz“ hat das Darlehn 
für den Bau der Heilstätte von 480000 M. auf 
780000 M. erhöht. Seit dem 1. November 1905 
widmet Dr. med. Beyer als Chefarzt der Heilstätte 
seine Dienste, am 15. Mai dieses Jahres wird Dr. 
med. Reinhard als Assistenzarzt eintreten, während 
die als Oberin gewählte Schwester Martha Wamke 
seit Anfang März ihres Amtes waltet. In Erweiterung 
des ursprünglichen Bauprogramms sind im Laufe des 
Jahres folgende Bauten beschlossen und ausgeführt 
worden: der Ausbau der Dachgeschosse des Kranken- 
Pavillons, so dass statt 100 Betten deren 145 zur 
Verfügung stehen, der Anbau einer Garderobe an das 
Wirtschaftsgebäude, die Vergrösserung des Maschinen- 

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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


35 


hauses durch den Anbau eines Akkumulatoren- und 
eines Desinfektionsraumes, ein Einfamilien-Beamten- 
wohnhaus, ein Pferdestall mit Remise, ein Gewächs¬ 
haus, sowie eine Kläranlage nach biologischem System. 
Der in der Aufsichtsrathssitzung in Beratung ge¬ 
nommene Vertrag mit der Landesversicherungsanstalt 
betreffs der Heilstätten bedarf noch einer zweiten 
Lesung. Die feierliche Eröffnung der Heilstätte zu 
Rodenkirchen soll Mitte Mai erfolgen. An die Auf¬ 
sichtsrathssitzung reihte sich die Mitgliederversamm¬ 
lung, in welcher die Bilanz und der Geschäftsbericht 
Über das Gesellschaftsjahr 1905 vorgelegt und der 
Geschäftsführung Entlastung ertheilt wurde. Die Bilanz 
für Rodenkirchen balancirt mit 405040 M., die für 
Gross-Ledder mit 110000 M. Ausserdem wurde die 
Kostenrechnung über die Arbeiten am Neubau der 
Heilstätte zu Rodenkirchen, welche sich auf 815000 M. 
beziffert, genehmigt. 

Wiederaufnahme des Verfahrens zu Gunsten 
eines geisteskranken Verurtheilten. Ein wegen 
Meineids Verurtheilter ist während der Strafverbüssung 
wegen Geisteskrankheit entmündigt worden. Der 
Vormund des Verurtheilten hat die Wiederaufnahme 
des Verfahrens beantragt, gestützt auf ein ärztliches 
Gutachten, welches besagt, es sei nach den ärztlichen 
Erfahrungen mit grösster Wahrscheinlichkeit anzu¬ 
nehmen, dass die Geisteskrankheit (Jugendirrsinn, 
paranoia praecox) bereits zur Zeit der That vor¬ 
handen und der Verurtheilte bereits damals im Sinne 
des § 51 Str. G. B. unzurechnungsfähig gewesen sei. 
Das Landgericht hat den Antrag als unzulässig ver¬ 
worfen, weil durch das ärztliche Gutachten nur die 
Wahrscheinlichkeit, nicht aber die Gewissheit gegeben 
sei, dass der Verurtheilte bereits zur Zeit der Be¬ 
gehung der That unzurechnungsfähig im Sinne des 
§ 51 Str. G. B. gewesen sei, überdies aber auch die 
Staatsanwaltschaft sich mit einer Freisprechung des 
Verurtheilten ohne Erneuerung der Hauptverhandlung 
gemäss § 411 Abs. 2 Str. P. O. nicht einverstanden 
erklärt habe und eine Hauptverhandlung gegen den 
Verurtheilten während dessen geisteskranken Zustandes 
nicht stattfinden könne. 

Der von dem Landgericht an erster Stelle an¬ 
geführte Grund wird kaum Beifall finden; denn die 
nach dem ärztlichen Gutachten als sehr wahrschein¬ 
lich begründete Annahme, dass der Verurtheilte zur 
Zeit der Begehung der That geistesgestört gewesen, 
ist doch eine neue Thatsache, welche die Freisprechung 
des Angeklagten zu begründen geeignet ist. Denn 
die Freisprechung muss erfolgen, wenn die Zurech¬ 
nungsfähigkeit des Angeklagten zur Zeit der That 
nicht über jeden Zweifel erhaben ist, nicht erst dann, 
wenn die Unzurechnungsfähigkeit mit Sicherheit fest¬ 
gestellt werden kann. Dagegen erscheinen die vom 
Landgericht weiter angeführten Gründe auf den ersten 
Blick richtig. Denn nach §411 Abs. 1 Str. P. O. 
kann nur im Falle des inzwischen eingetretenen Todes 
des Verurtheilten ohne Erneuerung der Hauptver¬ 
handlung auf Freisprechung erkannt werden, während 
in anderen Fällen dies nach §411 Abs. 2 Str. P. O. 
nur mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft möglich 
ist. Stimmt also die Staatsanwaltschaft nicht zu, so 

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kann die Freisprechung nur auf Grund einer Haupt¬ 
verhandlung erfolgen. Eine solche kann aber, so¬ 
bald die Geisteskrankheit des Verurtheilten feststeht, 
gegen ihn nicht stattfinden, da ihm' die Möglichkeit, 
sich in vernunftgemässer Weise zu vertheidigen, fehlt. 
Nur wenn der Beschuldigte an partieller Geistes¬ 
störung leidet, kommt es darauf an, ob diese von 
der Art ist, dass sie ihn an der vernünftigen Geltend¬ 
machung seiner Rechte hindert. *) Die Entscheidung 
darüber, ob eine Wiederaufnahme zü Gunsten eines 
geisteskranken Verurtheilten stattfindet, scheint dem¬ 
nach bei der Staatsanwaltschaft zu liegen, von ihrem 
Ermessen abhängig zu sein; der in Geisteskrankheit 
verfallene Verurtheilte scheint schlechter gestellt zu 
sein als jeder andere Verurtheilte, selbst als der in¬ 
zwischen verstorbene Verurtheilte. Zu einer der¬ 
artigen gesetzlichen Regelung würde es aber an jedem 
Grunde fehlen. 

Die richtige Lösung scheint sich aus folgenden 
Erwägungen zu ergeben. § 411 Str. P. O. hat mit 
dem vorliegenden Falle nichts zu thun. Zu beachten 
ist, dass §411 nur denjenigen Theil des Prozess¬ 
verfahrens im Auge hat, der sich an die Prüfung 
des Ergebnisses der gemäss § 409 Str. P. O. ange¬ 
ordneten Beweisaufnahme anschliesst. In diesem 
Stadium befindet sich das Wiederaufnahmeverfahren 
hier aber noch nicht; denn es liegt bisher nichts 
weiter vor als der vom Vormund unter Berufung auf 
das ärztliche Gutachten gestellte Antrag auf Wieder¬ 
aufnahme. Das Gericht hat also zunächst über die 
Zulässigkeit des Wiederaufnahmeantrags zu befinden. 
Da der Antrag einen gesetzlichen Grund der Wieder¬ 
aufnahme geltend macht, so hat das Gericht den 
Antrag für zulässig zu erklären und die Aufnahme 
der angetretenen Beweise gemäss § 409 Str. P. O. 
anzuordnen. Finden die in dem Wiederaufnahme- 
antrage aufgestellten Behauptungen durch die Beweis¬ 
aufnahme genügende Bestätigung, so verordnet das 
Gericht gemäss § 410 Abs. 2 die Wiederaufnahme 
des Verfahrens und die Erneuerung der Haüptv'er- 
handlung. Es ist nicht einzusehen, dass diese An¬ 
ordnung mit der Unmöglichkeit einer Hauptverhand- 
lung gegen den geisteskranken Verurtheilten im Wider¬ 
spruch stände. Eine Haupt Verhandlung kann gegen 
den geisteskranken Verurtheilten allerdings während 
der Geisteskrankheit nicht stattfinden, es ist vielmehr 
nunmehr gemäss § 205 Str. P. O. die vorläufige Ein¬ 
stellung des Verfahrens auszusprechen. Die Noth- 
wendigkeit der vorläufigen Einstellung bis zur Be¬ 
seitigung der Geisteskrankheit steht aber dem Er¬ 
lasse der Anordnung des § 410 Abs. 2 Str. P. Ö. 
zu Gunsten des Angeklagten nicht im Wege. Gerade 
in diesem Beschlüsse liegt der Schwerpunkt des ganzen 
Wiederaufnahmeverfahrens. Ist gemäss § 410 Abs. 2 
die Wiederaufnahme beschlossen, so ist der Antrag¬ 
steller gegen das frühere Urtheil restituiert und 
letzteres thatsächlich beseitigt (Löwe Str. P. O. Anm. 1 
zu § 410). Dem Beschlüsse muss auch mit Rück¬ 
sicht darauf, dass durch ihn die Nothwendigkeit 
einer anderweiten Verhandlung und Urtheilsfällung 

*) R.-G.-Entscb. in Str. S. Bd. 1 S. 149, Löwe, Str. P. O. 
Anm. 20a zum 1. Abschn. 21. Buchs. 

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36 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 4 


anerkannt wird, aufschiebende Wirkung ^bezüglich der 
Urteilsvollstreckung beigelegt werden. (Löwe, 
Str. P. O. Anrn. i zu § 400.) Diese Vortheile des 
Beschlusses für den Antragsteller sind von dei dem¬ 
nächst stattfindeuden Hauptverhandlung ganz unab¬ 
hängig. Der Beschluss ist daher auch dann zu er¬ 
lassen, wenn es mit Rücksicht auf die Geisteskrank¬ 
heit des Antragstellers zu einer Hauptverhandlung 
jedenfalls in absehbarer Zeit, nicht kommen kann. 

Oberlandesgerichtsrat Fuchs, Kassel, 
in Deutsch. Juristen-Zeitung I. IV. 06. 

— Zui Gefahr des Geschäftsabschlusses mit 
heimlichen Geisteskranken. Der Central verband 
des Deutschen Bank- und Bankiergewerbes hatte sich 
im vorigen Jahre durch eine Reihe specieller Vor¬ 
kommnisse, insbesondere auf dem Gebiete des Bank¬ 
commissionsverkehrs, veranlasst gesehen, bei dem 
Staatssekretär des Reichsjustizamts die Einbringung 
einer Gesetzesvorlage zu beantragen, welche gut¬ 
gläubige Dritte gegen Vermögensbeschädigungen 
schützen soll, die sie durch Abschluss von Verträgen 
mit heimlichen Geisteskranken erleiden. In der 
neuesten Nummer des „Bank-Archiv' 4 wird der Wort¬ 
laut dieser Eingabe und ausserdem eine Meinungs¬ 
äusserung des bekannten Rechtslehrers Geh. Justizraths 
Professor Dr. Rudolf Leonhard-Breslau über diese 
Gesetzgebungsfrage veröffentlicht. Geheimrath Leon¬ 
hard hebt besonders hervor, dass die Gefährlichkeit 
der heimlichen Geisteskranken für die Sicherheit des 
geschäftlichen Verkehrs dadurch gesteigert worden 
ist, dass die sogenannten ,,lichten Zwischenräume“ von 
der geltenden Gesetzgebung im Anschluss an neuere 
medicinische Forschungen, nicht mehr beachtet 
werden, und empfiehlt ein Gesetz, nach welchem der 
Geisteskranke nach Analogie des § 829 B. G. B. auf 
Grund billigen richterlichen Ermessens zum Ersatz 
des von ihm dem gutgläubigen Mitkontrahenten zu¬ 
gefügten Schadens angehalten werden kann. Es wird 
wie die Redaction des „Bank-Archiv“ hierzu mit 
Recht bemerkt, noch weiterer Erörterungen bedürfen, 
ob der erwünschte Schutz des geschäftlichen Verkehrs 
besser auf dem von Leonhard empfohlenen Wege 
oder durch Verwirklichung des Vorschlages des Cen¬ 
tralverbandes zu erreichen sein wird, welcher dem 
gutgläubigen Vertragsgegner nach dem Voi bilde des 
§ 122 B. G. B. gegen den Geisteskranken einen un¬ 
bedingten Anspruch auf Ersatz des Schadens ge¬ 
währen will, den er dadurch erlitten hat, dass er auf 
die Gültigkeit seiner Erklärung vertraute. 

(Berliner Börsen-Courier.) 

— Verein Bayerischer Psychiater. Die dies¬ 
jährige Jahresversammlung findet am Pfingstdienstag, 
5. Juni er. in Würzburg statt. Die Anmeldung von 
Vorträgen wird spätestens bis 15. Mai er. an den 
Schriftführer Herrn Privat-Docent Dr. Gaupp, Mün¬ 
chen, Nussbaumstrasse 7, oder an Dr: Vocke-Eglfing 
erbeten. __ 


und Psychiatrie, von Dr. Fritz Hartmann, 
Privatdocent. W. Braumüller, Wien u. Leipzig 1905, 
31 S., 18 Textfiguren, 1 Lichtdrucktafel. 

Es werden in dem erweiterten Vortrag die That- 
sachen und Deutungen der feineren Anatomie und 
Histologie des Nervensystems, soweit sie für das Ver¬ 
ständnis der klinischen Krankheitslehre in Betracht 
kommen, zusammengefasst, wobei die Stufen der 
Entwicklung der Nervenlehre in ihren Grundzügen 
vorgeführt sind. Der Schlusssatz lautet: die Entdeckung 
der Neurofibrillen und ihre Deutung als Zellproduct 
und Träger der leitenden Funktionen stellt das 
Nervengewebe mit einem Schlage in eine äquale Reihe 
mit den übrigen Gewebsarten. 

Meyer, Geseke i. W. 

9 

— Klinik für psychische und nervöse 
Krankheiten. Herausgegeben von Dr. med. et 
phil. Sommer, Giessen, I. Band, 1. Heft, 75 Seiten. 
Verlag von Carl Marhold, Halle a. S. 1906. In¬ 
halt: Vorwort und 6 Beiträge von Sommer und 
seinen Schülern. 

Die seiner Zeit angekündigte Zeitschrift der 
Giessener Schule liegt nunmehr vor; sie soll in Form 
von Vierteljahrsheften nach Verlauf von zwei Jahren 
zum Abschluss gebracht werden, wobei ihr Inlrilt 
im wesentlichen dem Gange einer über zwei Semester 
vertheilten Klinik entsprechen und dem Arzt den 
lebendigen Zusammenhang mit den Fortschritten der 
Psychiatrie vermitteln soll. Fürwahr ein grosszügiges 
Programm! Der Inhalt des 1. Heftes ist dement¬ 
sprechend; Sommer hat mit peinlicher Genauigkeit 
Studien über Familiengeschichte und Erblichkeit an¬ 
lässlich eines Falles von Mord und Selbstmord ge¬ 
macht und eine kranke Familie in vielen Generationen 
bis in die ödesten Dörfer von Oberhessen verfolgt. 
Fein ausgeführt ist der Nachweiss der Simulation von 
Taubstummheit durch Schreckwirkung auf acustische 
Reize von Seiten Leupoldts; auch die Jaegersche 
Studie über familiären Cretinismus ist nicht minder 
gut durchgeführt, wie ein Fall von Neubildung des 
Kleinhirns mit psychischen Symptomen von Dr. Berliner. 
Nur soviel sei aus dem reichen Inhalt hier angeführt; 
man vermisst nur einen Beitrag der sachkundigen 
Feder Dannemanns. Die „Klinik“ darf eigentlich in 
keiner Anstalt zukünftig fehlen. 

Meyer, Geseke in W. 

Personalnachrichten. 

— Im Alter von 32 Jahren starb am 6. d. M. 
der Oberarzt an der Provinzial-Irrenanstalt in Neu¬ 
stadt, Dr. med. Eduard Riep er. 

Der heutigen Nummer liegt ein Prospekt der 
Farbwerke vorm. Meister, Lucius & Brüning 
in Höchst a. Main über Valyl 
bei, worauf wir unsere Leser hiermit besonders auf¬ 
merksam machen. 


Referate. 

— Die Neurofibrillenleh 1 e und ihre Be¬ 
deutung für die klinische Neuropathologie 


Für den redaktionellen Theil verantwortlich : Oberarzt Dr. J. Hrcslrr, Lublinitz (Sch'esien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S. 

Heyncmann’schc Buchdruckerei (Gebr. Woiflf) in Halle a. S. 

Original fram 

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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. B realer, 

Lnbiinitx (Schieden). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adreve: Marho ld Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 823. 

Nr. 5. 28. April 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Erm&nrigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schieden), zu richten. 


Der Fall Brunke. 

Von Dr. H. Schaefer , Oberarzt a. D. d. Irrenanstalt Friedrichsberg in Hamburg. 


D er ungewöhnliche Fall verdient es, der Litteratur 
erhalten zu werden. Obwohl ich s. Z. besondere 
Massregeln getroffen, den Verhandlungstermin 
zu erfahren, entging mir letzterer doch durch ein 
Vergessen an einer Stelle. Es können daher nur 
Zeitungsberichte zu Grunde gelegt werden. Wenn 
dieselben nun auch manchmal nicht zuverlässig sind, 
so .sind sie es in diesem Falle doch. Einmal handelt 
es sich um einen Monstreprocess, bei welchem die 
Presse zahlreich vertreten ist, und die Berichterstatter 
ausführlich berichten, im besondem kommt hftltu^ 
dass die Berichte verschiedener Zeitungen überein¬ 
stimmen, manches wörtlich widergeben. Dann hat 
mir der Vertheidiger versichert, dass die Berichte die 
wesentlichen Punkte der mündlichen Verhandlung 
durchaus richtig wiedergeben. 

Brunke ist am 24. Juli 1887 > D Braunschweig geboren. 
Der Vater, Schlossermeister, war Potator, spielte sich als gott¬ 
begnadeter Sänger auf, sang vielfach in Vereinen und starb im 
Anschluss an eine Vereins-Festlichkeit am Schlage. Die Mutter 
ist hysterisch, fährt ohne Anlass in die Höhe, schreit oft und 
sieht am lichten Tage Gespenster, sie hat völlig die Directive 
verloren und blustert aufs Geradewob] hin (Hausarzt). Auf 
den Staatsanwalt hat sie den Eindruck einer bornirt dummen 
Frau gemacht. Sie leidet an Nervenkrämpfen und Schwindel¬ 
anfällen. Die drei ältesten Kinder sind sehr aufgeregt und nervös 
(Vertheidiger). Sie und die Schwester des B. sind hysterisch 
(Sachverst. Physicus) Sie wird wegen Kuppelei verfolgt und 
ist deshalb ins Ausland geflohen. 

Als Kind hat B. lange einen offnen Kopf gehabt, ist mehr- 
ach gefallen (Vertheidiger), bedurfte sorgfältiger Pflege. Vom 
8. Jahr ab hat er geraucht, onanirt und Päderastie getrieben (?) 
(geheimen und scheusslichen Lastern ergeben). Er will 
dalu verführt sein. Er hat die Oberrealschule bis II b besucht 
und ist Ostern 1904 mit der Berechtigung zum einjährig-frei¬ 
willigen Dienst abgegangen. Er hat auf der Schule stets für 
normal gegolten, in Geschichte und Mathematik ist er sehr 
tüchtig gewesen, während die Sprachen ihm etwas schwer fielen, 
er wollte Marineingenieur werden. Man hat ihn für geeignet 
gehalten, sich mal Weltwind um die Ohren wehen zu lassen. 
Bei milder Behandlung ist er leicht zu leiten gewesen (Direktor 
der O. R. S.). Bei der Marine wurde er nicht angenommen 
und trat Juni 1904 in ein Bankgeschäft als Lehrling ein. Er 
hat sich dann mit mehreren Mädchen eingelassen. April 1905 
erhielt er wegen guter Führung die Aufsicht über die Kasse. 
Im Juni nahm er aus dieser 150 M., um sich einen hygienischen 
Apparat zu kaufen, da er in Folge seiner Ausschweifungen 
krank geworden war. Er entwendete dann in 20 Raten im 
Ganzen 1034,10 M., das meiste davon für medidnische Be¬ 
handlung, einen Theil zur Unterstützung der Mutter. 

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Gleichzeitig bekam er einen Drang zur Schriftstellerei. Er 
verfasste lyrische Gedichte, die an ein junges Mädchen gerichtet 
waren. Dann warf er sich auf die dramatische Schriftstellerei. 
Ein erstes Drama war betitelt „Sonderling“, eine Selbstschilde- 
rung. Ein zweites hiess „Königin Luise“ und war geschichtlich. 
Beide hat er verbrannt. Ein drittes hiess „Elternlos“, das 
noch vorhanden, in dem er die Schicksale eines in Blutschande 
geborenen Kindes behandelt. Er las es verschiedenen Künstlern 
und Schriftstellern vor, die es für gut erklärten und ihn an¬ 
munterten, das Stück verschiedenen Bühnen einzureichen. Das 
Königliche Schauspielhaus Berlin, das Lessiugtheater, zuletzt 
das Hoftheater in Braunschweig lehnten es ab. Ein als Preis¬ 
arbeit Tür die Gartenlaube verfasstes „Moltkegedichl“ wurde 
ebenfalls abgelehnt. Ausserdem gab er noch Clavierunterricht. 
Ende August las er ein Inserat, in welchem ein Clavierlehrer 
gesucht wurde. Er schickte eine Offerte ein und es meldeten 
sich die Mädchen M. und A. H., Töchter eines Kaufmanns. 

Die Mutter dieser Mädchen, 19 und 18 Jahr alt, war vor 
nicht langer Zeit durch Selbstmoid aus dem Leben geschieden, 
nachdem sie wegen Diebstahls verurtheilt worden war. Die M. 
hatte sich mit einem russischen Studenten verlobt, zunächst 
gegen den Willen der Eltern, die aber nachher ihre Zustimmung 
gaben. Die Eltern des Bräutigams besuchten die Eltern der 
Braut und redeten ihr zu, noch Clavierspielen zu lernen. Der 
Bräutigam war inzwischen nach seiner Heimath zurückgekehrt. 
Beide Mädchen traten zum Unterricht bei B. an. B. hat zuerst 
geglaubt, es handle sich um eine Liebelei. Beim ersten Zu¬ 
sammentreffen hat er indess bemerkt, dass es sich um „höchst 
anständige Mädchen“ handelte, dass er keine Bezahlung von 
ihnen verlangte, auch niemals ein unlauteres Ansinnen gegen 
sie hegte, noch stellte. Zwischen den Drei entstand bald ein 
freundschaftliches, vertrauliches Verhältniss, das zum Austausch 
der Herzensangelegenheiten führte. Besonders schloss sich M. 
an ihn an. Sie hat gleich eine Ahnung gehabt, dass sich ihr 
Verlöbniss lösen werde, hat ihm ihre Freundschaft angetragen 
UDd bald darauf den Vorschlag gemacht, gemeinsam aus dem 
Leben zu scheiden. Sie hat ihm gesagt, dass sie sehr viel pessi¬ 
mistische Litteratur gelesen, dass sie für Sudermann schwärme, 
dass das Leben für sie keinen Reiz mehr habe, dass sie sich als e i n 
sehr nichtiges Ding ansehe, sich vereinsamt un ter Milli¬ 
onen von Frauen fühleund zu gut, um schliesslich 
nur zu heirathen und eine unbedeutende Frau zu 
werden. Er hat ihr das Versprechen geben müssen, mit ihr 
und der Schwester gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, A., 
die ganz an der Schwester hing, wollte auf ewig mit M. ver¬ 
eint sein. M. theilte ihm auch mit, dass sie verschiedene Re- 
cepte für Morphium etc. schon habe, und dass ihre Schwester 
A. alles thue, was sie wolle. Der M. ging auch das Geschick 
des B. sehr nahe. Sie reiste weiterhin zu einer Verwandten in 
der Nähe Braunschweigs. Mitte Oktober theilte die A. der M. 
mit, dass der Bräutigam einen Absagebrief geschrieben. Der 
Bräutigam schrieb u. a., dass er durch ein „furchtbares Geheim- 
niss“ leider gebunden sei, nicht zu heirathen, er werde sie, die 
M., niemals vergessen und hoffe, dass sie noch einmal glücklich 

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38 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 5 


werden würde, da zwischen ihnen nicht das Geringste vorge¬ 
kommen sei, was sie am Heirathen hindern könne. Am 15. Okt. 
kehrte M. zurück und drang nun in B., sein Versprechen aus- 
zuführen. Bei beiden Mädchen stand der Entschluss, aus dem 
Leben zu scheiden, unerschütterlich fest. Am 17. Okt. kam die 
Ablehnung des Drama’s Elternlos seitens des Hoftheaters, alle 
drei wurden dadurch noch mehr niedergedrückt und fassten 
den Entschluss, an diesem Tage* ihr Vorhaben auszuführen. 
M. und B. besprachen den Plan. M. sprach zuerst von Gift, 
das von B. abgelehnt wurde. Dann hat M. den Revolver vor¬ 
geschlagen. B. konnte einen solchen nicht anschaffen, da er 
nur 35 Pf. hatte. M. gab ihm darauf 40 M. und er kaufte 
eine Browning-Pistole. Im Geschäft nahm er Abschied 
und vermachte einem seiner Mitarbeiter seine 
Pfeife. (Der Vorsitzende hat es als merkwürdig bezeichnet, 
dass niemand dieses Benehmen des B. aufgefallen sei.) Nach¬ 
mittags trank er eine Flasche Rothwein, Die Drei hatten den 
Plan, erst noch in’s Hoftheater zu gehen, gaben ihn indess auf. 
Sie kamen wie gewöhnlich abends 8 Uhr in seine Wohnung. 
B. hatte seine Mutter durch ein Billet veranlasst, in’s Varietö 
zu gehen, eine Schwester war zum Nähen. Zunächst holte B. 
eine Droschke und fuhr mit den Mädchen nach deren elter¬ 
lichem Hause. Er wartete unten, während die Mädchen ein 
paar Abschiedsworte an die Eltern auf die Rückseite des Cou¬ 
verts des Absagebriefes des Bräutigams der M. geschrieben, in 
denen sie ihr Einverst&ndniss mit der Erschiessung und zwar im 
Verein mit B. bekundeten. Dann legten sic die Corsetts ab, 
zogen sich weisse Blusen an, und fuhren dann mit B. unter 
Lachen und Scherzen, vom Kutscher bezeugt, naeh B.’s 
Wohnung zurück. Dort gab M. an B. 15 M. mit dem Er¬ 
suchen, zwei Flaschen Sect zu holen. Er holte sie aus einem 
benachbarten Hotel und trank dort noch mit Bekannten ein 
paar Glas Rheinwein. Nach seiner Rückkehr beschrieb er den 
Mädchen die Pistole und alle tranken Sect, doch Hessen die 
Mädchen nicht zu, dass B. zuviel davon trank, damit seine 
Hand nicht unsicher werde. Nun gab er einen Probeschuss 
ab. Da derselbe zuviel Geräusch verursachte, gingen sie in die 
günstiger gelegene Stube eines Chambregarnisten. Dort gab B. 
noch einen Schuss auf eine Photographie ab. Hierauf bemerkte 
M„ dass das Bett nicht ganz in Ordnung war und veraniasste 
B. mit den Worten: „Wir Schwestern sind in unserm ganzen 
Leben unschuldig gewesen und wollen nicht, dass nach unserm 
Tode etwa schlechte Andeutungen über uns gemacht werden“, 
dasselbe erst in Ordnung zu bringen. Dann legten sich beide 
Schwestern in Sesseln zurecht und B. gab zuerst einen Schuss 
auf A., die gleich tod war. M. beugte sich über sie und rief: 
„A., lebst Du noch!“, gab ihr einen Kuss und legte sich dann 
selbst zurecht. B. wollte erst noch ein Glas Sect trinken, 
was M. verhinderte, da sie verlangte, gleich zu sterben. B. 
schoss auf sie zweimal. Als Blut hervorschoss, im Anblick 
beider Leichen, entfiel B. der Muth, auch sich selbst zu tödten. 
Er verschloss die Wohnung, lief einige Zeit im Bürgerpark 
umher und stellte sich dann der Polizei. 

Dem Polizeibeamten machte B. zuerst den Eindiuck eines 
Betrunkenen. B. sass da, den Kopf zwischen den Händen, 
und reagierte nicht. Dann hat er, anscheinend trotzig, nament¬ 
lich anfänglich, plötzlich in seinen Reden inne gehalten, dass 
der Beamte an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifelte. B. er¬ 
klärte, die Schwestern hätten den Tod gewollt, er habe den 
Muth verloren, sich selbst zu erschiessen. B. wurde dann der 
Anstalt Königslutter zur Beobachtung überwiesen. Am 21. März 
war die Verhandlung vor der Strafkammer I in Braunschweig. 
B. machte nach Angabe aller Berichterstatter einen fast 
knabenhaften Eindruck. Er ist blass, mustert unbe¬ 
fangen seine Umgebung, würdigt den Vater der Mädchen und 
seinen Lehrherrn keines Blickes. Mit unheimlicher Ruhe 
und Gleichmvithigkeit erzählt er die Einzelheiten der ungeheuer¬ 
lichen That. Der Vertheidiger beantragt die Ladung weiterer 
Zeugen, die bekunden sollen, in welcher Genhithsstimmung sich 
B. vor der That befunden hat, besonders, dass er sich 
als ein z w ei te r H e i n ri c h v. Kl ei s t bezeichnet hat. Das 
Gericht lehnte die Ladung ab. Das war schade. 

Ich will nun einige Stellen aus der Vernehmung wörtlich 
anführen (die Berichte geben sie mit ganz unwesentlichen Ab¬ 
weichungen in gleicher Weise wieder), da sie mehr characterisiren, 
wie ein Referat. Der Vorsitzende stellt an Brunke die Frage, 
ob er sich ausserhalb der Schule mit Geschichte und Litteratur 


befasst habe. B. bejaht das, and zwar habe er sich mit Philo¬ 
sophie befasst; so habe er die „Kritik der reinen Vernunft“ 
von Kant gelesen. Vors.: Verstanden Sie denn das? Angekl.: 
Nein. Vors.: Na, dazu gehört aber doch eine ziemliche Ge¬ 
duld, ein so umfangreiches Werk durchzulesen, ohne den Inhalt 
zu verstehen. Was haben Sie denn nun weiter noch gelesen? 
Angekl.: Schopenhauer. Vors.: Verstanden Sie das? Angeld.: 
Ja. Vors.: Na, das ist alles Mögliche und kann von vielen 
ausgereiften Erwachsenen nicht behauptet werden. Was haben 
Sie denn an schöner Litteratur gelesen ? Angekl.: Durchschnitt¬ 
lich alles. Vors.: Damit ist ziemlich viel gesagt; was haben 
Sie denn speciell gelesen? Angekl.; Heines Gedichte. Vors.: 
Was haben Sie denn an erotischen Gedichten gelesen? Angekl.: 
Mantegazza. Vors.: Nun fühlten Sie einen inneren Drang zum 
Schriftstellern in sich; haben Ihnen nun Beispiele aus dem von 
Ihnen Gelesenen vorgeschwebt, dass Sie sich sagten: so etwas 
möchtest du auch wohl machen? Angekl : Nein. Vors.: Ja, 
woher kam denn der Drang zum Schriftstellern bei Ihnen? 
Angekl.: Ich hatte die bestimmte Absicht. Vors.: Welche 
Absicht denn? Angekl.: Darüber spricht man nicht. Vors.: 
Ich stelle diese Fragen in durchaus wohlwollender Absicht an 
Sie, und daher seien Sie offen; es liegt mir daran, Ihren Geistes¬ 
zustand zn ermitteln. B. hat eine bestimmte Erklärung nicht 
abgegeben .... Vors.: Warum wollte M. aus dem Leben 
scheiden? Angekl.: Sie sah sich für zu nichtig an etc. (s oben). 
Vors.: Das ist doch ein recht wages Urtheil. Suchten Sie 
denn das Mädchen nun nicht zu ermuthigen? Angekl.; Nein. 
Vors.: Ist Ihnen denn bei dieser ganzen Geschichte nicht der 
Gedanke gekommen, dass Sie eine grausige, sündhafte That 
begingen? Angekl.: Nein. Vors.: Wie erklären Sie sich das? 
Angekl.: Es war die Aussichtslosigkeit. Vors, (den Ange¬ 
klagten unterbrechend): Ja, die Aussichtslosigkeit bestand für 
Sie, aber doch nicht für die Mädchen, warum wurden Sie denn 
an diesen zum Mörder? Angekl ; Dass ich zum Mörder wurde, 
habe ich nicht geglaubt. Vors.: Hatten Sie nicht daran gedacht, 
dass so etwas nach dem Gesetz strafbar ist? Angeld.; Darauf 
hatten die Mädchen mich aufmerksam gemacht. Vors.: Dann 
ist doch um so auffälliger, dass Sie doch die That begingen. 
Angekl.: Ja, die Mädchen verlangten es aber von mir und ich 
hatte es versprochen. Vors.: Es ist davon die Rede gewesen, 
Sie sollen vor Begehung der That Kleist’s „Letzte Lebenstage“ 
gelesen und zu den Mädchen gesagt, Sie theilten Kleist’s 
Standpunkt in Bezug auf den Selbstmord. Fühlten Sie sich 
Herr über Ihr Leben? Angekl.: Ja. Der Mensch kann sich 
jeden Augenblick das Leben nehmen. Er ist Herr über sich 
selbst. Vors.: Haben Sie aber nicht bei ihrer Confirmation ein 
Gelübde abgelegt, den Lehren des Christenthums treu zu bleiben, 
die den Selbstmord und den Mord verbieten? Der Selbstmord 
ist danach doch ein scheussliches Verbrechen. Das Leben ist 
Ihnen von Gott geschenkt und Sie müssen daher tragen, was er 
schenkt. Angekl.: Ja, aber die Mädchen wollten doch und 
baten mich immer um den Tod. Vors.: Dachten Sie auch nie¬ 
mals an die Eltern der Mädchen und daian, dass Sie diese 
namenlos unglücklich machten? Angekl.: Die Mädchen haben 
nicht davon gesprochen und ich habe nicht daran 
gedacht. Vors.: Sie erkennen also die Grundlehrcn des Christen¬ 
thums nicht an? Angekl.: Nein. Vors.: Sie glauben an nichts? 
Angekl.: Nein. Vors.: Aber die Lehren der christlichen Moral 
werden Sie doch anerkennen? Da steht in dürren, unzweideu¬ 
tigen Worten: Du sollst nicht töten! Der Angeklagte schweigt. 
Vors.: Sie haben nun früher angegeben, Sie hätten sich zunächst 
auch selbst töten wollen. Angeld.: Ja, aber ich habe in dem 
Zimmer damals keinen dahingehenden Entschluss fassen können. 
Das Blut, das den Leichen entströmte, war zu schrecklich für 
mich. Darum ging ich unverrichteter Dinge fort. Vors.: Früher 
haben Sie angegeben, Sie hätten von einem Vorübergehenden 
gehört: „Um meine Mutter habe ich mich nie gekümmert“, der 
Gedanke an die Mutter habe Sie abgehalten? Angekl.: Das 
kann auch mitgewirkt haben. Vors.: Auch haben Sie gesagt, 
Sie seien bedenklich geworden, weil man nicht wissen könne, 
was naeft dem Tode komme. Angekl.: Alles das kann zu- 
sammengekommen sein. Vors.: Also nun dämmerte doch reli¬ 
giöses Empfinden in Ihnen auf. dachten Sie denn nun, durch 
ein reuiges und arbeitsames Leben die Schuld zu sühnen, die 
Sie auf sich geladen? Der Angeklagte giebt hierauf eine un¬ 
bestimmte Antwort. Vors.: Wie kam es nun, dass Sie ohne 
weiteres mit diesen Mordgedanken sympathisirten? Vielleicht 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


39 


deshalb, veil Sie sich als schuldiger Dieb fühlten und nach 
dem Zusammenbruche Ihrer dramatischen Hoffnungen keinen 
Ausweg mehr sahen? Angekl.: Nein, nur weil ich ihr 
Freund geworden war und die Freundschaft mich dazu 
verpflichtete, mit ihr gemeinsam zu sterben. Auf 
weiteres Befragen betont der Angeklagte die auch durch die 
Section festgestellte Thatsache, dass er mit den Mädchen ge¬ 
schlechtlich nicht verkehrt habe. (Bald nach der Section ver¬ 
breitete sich in der Stadt das Gerücht, er sei impotent. Der 
Staatsanwalt sagt, dass er zu einer Zeit, wo andere erst ins 
Leben treten, bereits seiner besten Kräfte beraubt ist.) 

Der Vorsitzende bringt einen Brief des Angeklagten zur 
Verlesung, den dieser am 16. November v. Js. aus dem Unter- 
suchungsgeföngniss an seine Mutter gerichtet hat. Darin schreibt 
Brunke: Die Untersuchungshaft ist mir insofern nicht unan¬ 
genehm, als ich hier das Leben eines Rentiers führe. 
Ich kann viele Bücher lesen und will mich jetzt mit Ge¬ 
schichte und Theorie der Musik beschäftigen. Der An¬ 
geklagte bittet dann um Spemanns „Theologische Ab¬ 
handlungen 1 * und bedauert, dass in der letzten Sendung 
der Mutter seine Nagelschere nicht enthalten gewesen sei. 
Er bittet ferner um Cigarren, eine Thonpfeife und schreibt dann: 
Mein körperliches Befinden ist ausgezeichnet, die Nahrung 
hier ist gut, reichlich und schmackhaft. Ich bin also keineswegs 
ein an Leib und Seele gebrochener Mensch, sondern befinde 
mich in der Stimmung eines Soldaten, der in 
der Ferne seiner Lieben gedenkt. Ich bin auch nicht 
ein verlorener Sohn, kein Verbrecher, sondern so etwa w ie eine 
Eiche, d ie sich freut, dem Sturme zu trotzen. Dereinst 
werde ich als freier Mensch und Dein Sohn wieder vor Dir 
stehen, und schliesst: Dein höhere Sta a ts we i shei t 
studieren der Sohn. (Alle Berichte bringen diesen Brief im ge¬ 
sperrten und fetten Druck ) Im Anschluss an die Verlesung dieses 
Briefes giebt Brunke auf Befragen zu, dass er ihn nur geschrieben 
habe, um den Staatsanwalt Pessler zu ärgern, der ihn bei 
seiner Vernehmung als eine „Bestie** bezeichnet habe. Vors.: Das 
ist doch aber ein sehr merkwürdiges Motiv. Angekl.: Der Brief 
war jedenfalls nicht für meine Mutter bestimmt, sondern er 
sollte eine Parade gegen die Leute sein, die da sagten, ich 
sei ein Verbrecher und gehörte auf das Schafott. Auf Antrag 
des Staatsanwalts wurden dann noch verschiedene Stellen aus 
dem Drama des Angeklagten verlesen, in denen sich der als 
Held fungirende Angeklagte mit seiner Mutter über Selbst¬ 
mordgedanken unterhält und u. a. folgenden Satz ausspricht: 
.Der Tod sühnt alle Schuld, denn er verhindert weitere Uebel, 
deshalb ist auch der Selbstmord entschuldbar, ja manchmal ge¬ 
boten“. Auf weiteres Befragen giebt Brunke noch an, dass er 
auch ein Gegenstück zu Wagners „Nibelungen“ 
unter der Feder gehabt habe. Seine Bibliothek enthielt, 
wie der Vertheidiger festsstellt, übrigens auch die Werke von 
Schiller, Uhland, Spinoza, Shakespeare usw., jedoch auch Werke 
über Karls des Grossen hochpeinliche Halsgerichtsordnung, 
Geschichten über Hexen und Zauberer usw. Aus den Zeugen¬ 
aussagen führe ich an: Der Vater der Mädchen sagt aus, die 
beiden Töchter seien heitere Mädchen gewesen, sie hätten mit 
grosser Liebe aneinander gehangen, dass er es erklärlich finde, 
wenn beide zusammen in den Tod gegangen seien. Am Tage 
der That habe er nichts an ihnen gemerkt, M. habe wie immer 
fleissig genäht. Beide hätten nie Liebeleien gehabt, gegen die 
Verlobung habe er erst Bedenken geäussert wegen Ausland, 
sie dann aber gebilligt. Kaufmann L. bei dem die A. eine Zeit 
lang Verkäuferin war, lernte auch die M. kennen Sie hatte 
überspannte Ideen und Selbstmordgedanken. 

Ein anderer Zeuge bekundet, M. habe ihm gegenüber 
Theorien der Gleichberechtigung der Frauen vertreten, als er ihr 
gerathen, doch lieber zu einer Clavierlehrerin zu gehen. 

Die Zeugin in W., bei der M. zu Besuch war, sagt aus: 
M. sei zwar heiter gestimmt gewesen, habe sich zeitweise aber 
auch trüben Gedanken hingegeben. Als der zweite Brief von 
A. eingetroffen sei, mit dem dringenden Ersuchen, „M. möge 
umgehend hierher kommen, B. sei auch schon dagewesen“, habe 
M. gesagt: Was in aller Welt soll denn B. dazwischen thun ? 
Vorher hatte M. schon geäussert: „Passen Sie auf, der Russe 
hat abgeschrieben.“ M. habe aber auch noch Scherz ge¬ 
macht und gesagt, wenn der Russe sich totgeschossen 
haben sollte, dann wollte sie ihn mit ihrem schwarz 
umränderten Taschentuche betrauern. 

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Der Lehrherr bezeichnet B. als einen leichtsinnigen, gleich¬ 
gültigen und unzuverlässigen Menschen, dass er oft gesagt, ihm 
habe der Vater gefehlt. Er habe sonst leicht aufgefasst. 

Das Gutachten des sachverständigen Physicus kommt zu 
folgendem Resultat: Der Angeklagte habe bei sdiner ersten Ver¬ 
nehmung die Hände in den Hosentaschen gehabt und sich 
so benommen, als ob er unter dem Einflüsse des Alkohols stand, 
doch blieb dieses Benehmen auch bei allen ferneren Verneh¬ 
mungen das gleiche. Reue habe der Angeklagte niemals an 
den Tag gelegt. Er habe wiederholt geäussert, er verstehe 
gar nicht den Lärm, der wegen seiner That überall gemacht 
werde. Er habe doch nur einen ihm gewordenen Auftiag aus¬ 
geführt. Ob eine erbliche Belastung bei dem Angeklagten 
bestehe, erscheine nach der heutigen Beweisaufnahme nicht 
festgestellt. Allerdings habe er eine abnorme Kopfbildung 
aufzuweisen und die Mutter sowie seiue Schwester 
seien h y sterisch. Allein im übrigen zeige sein Entwicklungs¬ 
gang durchaus nichts Auffälliges oder gar Abnormes. Festge¬ 
stellt erscheine, dass er sich den beiden Mädchen nur freund¬ 
schaftlich genähert habe und dass diese zurzeit ihres Todes 
beide unbescholten waren. Seine Jugendverirrungen 
hatten ihm grosse Pein verarscht und im Vereine mit seiner 
überwiegend pessimistischen Lectüre seinen Lebensmuth wesent¬ 
lich herabgedrückt. Auch erscheine es nicht ganz ausgeschlossen, 
dass seine erste Untreue im Geschäft darauf zurückzuführen sei, 
dass er zur Bekämpfung derselben einen grösseren Betrag auf¬ 
wenden musste. Die That selbst sei seit etwa vier Tagen vor¬ 
her von ihm ganz planmässig vorbereitet worden. Er habe 
sich auch richtig Muth dazu angetrunken, denn Angst habe er 
doch gehabt, wenn er jetzt auch die Sache so darstellen wolle, 
als wenn er ein forscher Kerl sei, der sich vor nichts gefürchtet 
habe. Er glaube auch nicht, dass B. wirklich ernst¬ 
lich den Vorsatz gefasst, sich selbst das Leben zu 
nehmen. Heute sei er durchaus ruhig und habe ihm noch 
gestern abend in der Zelle bewiesen, dass er frei von aller Un¬ 
ruhe sei, denn er habe von seiner kommenden Militärzeit 
u. a. m. gesproch en und nichts von der bevorstehenden Ver¬ 
handlung. Der Sachverständige kommt daher zu dem Schlüsse, 
dass Brunke weder als geisteskrank noch geistes¬ 
schwach anzusehen sei. Er sei degenerirt, ein minderwer¬ 
tiger Mensch, der auch noch stark zu der That durch die beiden 
Mädchen beeinflusst worden sei. Brunke wollte den Mädchens 
gegenüber nicht als Feigling erscheinen und that alles, was vor 
allem die Willensstärke Ms. von ihm wollte. Erst als er diese er¬ 
schossen hatte und die Suggestion aufhörte, sei er zusammen¬ 
gefallen und habe gegen sich selbst nichts mehr unternehmen 
können. Die Mädchen hätten ihm Feigheit nicht mehr vor¬ 
werfen können. 

Das Gutachten des sachverständigen Psychiaters (Director 
der Irrenanstalt Königslutter) ist ungefähr folgendes: Brunke 
sei durchaus zurechnungsfähig. Es fehlten alle Er¬ 
scheinungen, wie Wahnvorstellungen, krankhafte Auffassung der 
Dinge usw., die dafür sprächen, dass er zurzeit der That oder 
heute geistesschwach bezw. geisteskrank sei. In der Irrenan¬ 
stalt habe er frei und offen von seiner That und sogar davon 
gesprochen, dass er sich später das Mordzimmer zum 
Schlafzimmer einzurichteo gedenke. Bezeichnend sei, 
dass ihm jedes Mitleid für die Unglücklichen in der Anstalt 
gefehlt habe. Es sei also ein gewisser Mangel von Gemüth bei 
ihm vorhanden. Die Intelligenz sei vollständig genügend, das 
Gefühlsleben jedoch defect. Während einer der vielen Unter¬ 
redungen, die er mit Brunke gehabt, habe dieser erklärt, wenn 
ihm jemand in letzter Stunde 1000 Mk. gegeben 
haben würde, dann hätte er auf die beiden Mäd¬ 
chen was gepfiffen. Er habe Brunke einmal zu einer 
Selbstkritik seiner That veranlasst und ihn gefragt, ob er 
seine That nicht bereue. Brunke habe erklärt: 

„Ich darf nicht. bereuen, darf überhaupt derartigen Em¬ 
pfindungen keinen Raum gewähren, da dies mit der Aufgabe 
meiner selbst gleichbedeutend sein würde. Keine Empfin¬ 
dung, auch nicht der Frohsinn, hat bei mir jemals 
lange angehalten, sondern es war immer gleich 
wieder öde und leer um mich herum. Ich passte 
auch zu Hause in frohe Gesellschaft nie hinein, 
und die eigene Aufrecht erhaltung war mir nur mög¬ 
lich, wenn ich all e Em pfind u ngen un t erdrücktc. Ich 
passe nicht in die Welt hinein, und daher ist es mir 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 5 


ganz recht, dass ich hier beobachtet werde. Werde 
ich als krank erklärt, dann muss ich sehen, was aus mir wird, 
werde ich für gesund erklärt, dann bleibt mir nur Selbstmord 
übrig. 14 Daraus ergebe sich, dass bei völlig genügender In¬ 
telligenz das Gefühlsleben Brunkes an einem Defect leide. Ein 
disharmonisches psychisches Wesen. Dahingegen lägen weder 
Schwachsinn oder Wahnvorstellungen, noch sonstige Geistes¬ 
krankheit vor. 

Aus dem Plaidoyer des Staatsanwalts ist hervorzuheben: 
er sei zu dem Ergebniss gekommen, dass B. die beiden Ge¬ 
schwister auf ernstliches Verlangen und deren Zureden getötet 
hat. Hervorheben müsse er auch zu Gunsten des Angeklagten, 
dass er nicht nur ein schlechter Mensch, sondern degenerirt 
sei, infolge seiner Abstamm ung und auch infolge seiner 
Erziehung. In letzter Beziehung scheine ihm geradezu Ver« 
wahrlosung vorzuliegen. Darin liege wohl am meisten der 
Grund dafür, dass B. heute in einem Alter, wo andere erst ins 
Leben hinaustreten, bereits körperlich der besten Kraft beraubt 
und geistig so weit herunter sei, dass er jetzt als doppelter 
Mörder vor seinen Richtern stehe. Er sage dies zu Bs. Ent¬ 
schuldigung und zur Erklärung seiner That, zu der schliesslich 
wohl auch noch Bs. falsche Eitelkeit und die Sucht, sich einen 
Namen zu machen, beigetragen haben möge. Wenn man sich 
längere Zeit hindurch mit solchen kriminellen Dingen beschäf¬ 
tigen müsse, so verliere man fast die Fähigkeit, sich über Vor¬ 
kommnisse der seltsamsten Art noch zu wundern. Sei doch 
neulich ein Fall vorgekommen, wo ein junges Mädchen ftlr den 
begangenen Selbstmord die einzige Erklärung zurückgelassen 
habe, sie habe in einem Blatte einen rührenden Roman gelesen 
und danach das unüberwindliche Bedürfnis gefühlt, es jener 
Heldin gleichzuthun. Thatsächlich habe sich auch gar kein 
anderer Beweggrund finden lassen. B. sei bis heute nicht 
zur Erkenntniss seiner Untbat gekommen. 

Der Vertheidiger betont, dass B. sich nicht als ein Mörder 
betrachte, sondern als Werkzeug in der Hand der Mädchen, 
als Henker, als ein zweit e r H einrich von Kleist, als Ver¬ 
brecher betrachte er sich nur in der Diebstahlsangelegenheit. 

B. erklärte, er habe nichts mehr zu sagen. Das Urtheil 
lautete auf 8 Jahre Gefängniss. 

In der Urteilsbegründung hob der Vorsitzende hervor, der 
Gerichtshof sei davon ausgegangen, dass B. die beiden Mäd¬ 
chen auf deren ernstliches Verlangen und sogar auf deren 
Ueberredung erschossen habe. Bei Prüfung der Zurechnungs¬ 
fähigkeit sei vom Gerichtshof sowohl erwogen worden, dass das 
Gefühlsleben B/s minderwerthig sei, und er auf alle Fälle 
nicht das Bewusstsein der sittlichen Verantwortlich¬ 
keit in dem Maasse besitze, wie der normale Mensch. 
Straferschwerend musste dagegen die Scheusslichkeit der That 
berücksichtigt werden, durch die der Angeklagte zwei Familien, 
die Angehörigen der von ihm getöteten Mädchen und seine 
eigenene Familie schwer getroffen habe. Beide Theile würden 
sicher die Erinnerung an diese entsetzliche That nicht wieder 
los werden. Billig sei dem Gerichtshöfe erschienen, dem An¬ 
geklagten die Untersuchungshaft voll anzurechnen. 

Das den Zuhöreraum dicht besetzt haltende Publikum 
hatte bis zum letzten Augenblicke ausgeharrt und verliess ohne 
jedwede Kundgebung den Gerichtssaal. B.’s Gesichtsfarbe 
hatte sich wohl etwas geröthet, doch war ihm auch nach der 
Urteilsverkündung im Uebrigen keine besondere Erregt¬ 
heit anzumerken.— 

Im weitem Publikum war nach der Verurtheilung 
die Stimmung so matt, wie sie nach der That er¬ 
regt war. Eine Befriedigung über die Höhe der 
Strafe habe ich von keiner Seite gehört Das Er¬ 
gebniss der Verhandlung hatte bei vielen Zweifel an 
der Zurechnungsfähigkeit des B. aufkommen lassen, 
von einem Barbier hörte ich in seiner Stube die 
Worte: „ein solcher Mensch gehört doch mehr in eine 
Irrenanstalt.“ Die Zuziehung des Sachverständigen 
von Anfang an, die Art der Verhandlung, manche 
Aeusserungen des Vorsitzenden sprechen auch dafür, 
dass das Gericht starke Zweifel an der Zu¬ 
rechnungsfähigkeit gehabt hat. Ueber der 
ganzen Sache schwebte das „non liquet“ wie 

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selten. Weniger urteilsfähige Leute sahen die That 
milder an, weil eben erwiesen war, dass die Mädchen 
durchaus den Tod gewollt, allerhand Unterschiebungen 
verbrecherischen Sinnes, von denen man nach der 
That gemunkelt hatte, ausgeschlossen und weil die Be¬ 
theiligten noch so jung waren. 

Der einzige, der das Räthsel gelöst, das Wesen 
der Sache ergründet, das Krankhafte erfasst 
hat, ist der Vertheidiger gewesen: „B. hat sich 
als zweiter Heinrich von Kleist gefühlt.“ Bei „psy¬ 
chiatrischer Begabung“ hat ihm nur die „psychiatrische 
Technik“ gefehlt, das Gericht zu überzeugen, die 
richtigen Woite zu finden. Machen wir jetzt die 
Autopsie. 

Alle Sachverständigen werden mit mir einig sein, 
dass ich da mit den Mädchen anfange. Indem ich 
auf alles Bezügliche zurückweise, sage ich: die Beiden 
waren krank und unzurechnungsfähig nach 
§51. Von der Mutter hatten sie die Suicidneigung 
geerbt. Beide hatten eine Auffassung ihres „Ichs“ 
in der Welt, die nur aus krankhafter Phantastik 
hervorgehen konnte, die hinsichtlich der Con- 
sequenzen melancholischen Wahnideen völ¬ 
lig gleichwerthig war. Beide waren psychisch 
tief gestört. 

An zweiter Stelle müssen wir die Affaire von 
Kleist seciren. Jahre vor derselben hatte Henriette 
Vogel v. Kleist gebeten, ihm das Versprechen abge¬ 
nommen, ihr einmal, wenn sie es verlange, den 
grössten Freundschaftsdienst zu erweisen. Durch Zu¬ 
fall wurde sie reif dazu, die Erfüllung des Versprechens 
zu verlangen, als v. Kleist es war, es zu erfüllen. 
Die Aerzte sollten ihr gesagt haben, sie sei unheilbar 
krank, was sich nachher als falsch herausgestellt haben 
soll. Sie ist zweifellos eine Hypochondrische gewesen, 
man fand daher nichts. Sie war wie M. die Ur¬ 
heberin der That. v. Kleist war nur älter wie B. 
mit der Vogel nur zu zweien, für ihn war die Sache 
leichter. Beide, wie die drei Betheiligten in unserem 
Falle, waren unmittelbar vor der That aus¬ 
gelassen heiter. Dass B. die Absicht gehabt, sich 
auch das Leben zu nehmen, hat das Gericht und 
auch der Staatsanwalt angenommen. Nur der Physicus 
nimmt an, dass er von vornherein nicht daran ge¬ 
dacht habe. Diese Annahme schwebt völlig in der 
Luft. Vieles spricht dagegen, vor Allem, dass B., 
der wegen der Diebstähle schon in der Patsche sass, 
damit seine Lage noch verschlimmerte und zwar in 
vielfacher Weise. Wie bei Kleist, spielte auch hier 
der Zufall, dass die Mädchen gerade den richtigen 
Mann trafen, dass die Absagen vom Bräutigam und 
vom Theater auf beiden Seiten fast zu gleicher Zeit 
einliefen, dass B. gerade reif für die That war, als 
die Mädchen dieselbe verlangten. Das Hauptmotiv 
zum Selbstmorde für B. war die Aussichtslosigkeit, 
das Deficit in der Kasse wieder gut zu machen, 
Furcht vor Strafe, das häufigste Motiv des Selbst¬ 
mordes Jugendlicher, die etwas verbrochen haben. 
Oft genug reiht sich der Selbstmord unmittelbar an 
das Vergehen. Was von B. verlangt wurde, war un¬ 
gleich viel mehr, wie von Kleist. Niemand wird im 
Stande sein, ein gleiches Vorkommniss anzuführen. 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 




1906.] 


Der Anblick zweier Leichen mussten viel erschüttendei 
wirken, wie der einer. Hätte sich B. den Mädchen 
gegenüber nur als forscher Kerl zeigen wollen, der 
ein so fürchterliches Versprechen halten will, dann 
würde er auch einen andern Ort gewählt, den Mädchen 
das Versprechen abgenommen haben, zu Niemand zu 
sprechen. Sie haben ihm sicher mitgetheilt, dass sie 
an den Vater geschrieben: wir scheiden vereint mit 
B. Hat also B. beim Beginn der That, sagen wir 
nach Tödtung der A., noch die Absicht gehabt, sich 
selbst zu tödten, dann handelte er den Mädchen 
gegenüber bona fide und war thatsächlich ein 
zweiter v. Kleist, wie v. Kleist, wenn er den 
Muth verloren hätte thatsächlich ein - rs - ^ r B ge¬ 
wesen wäre. B. hielt sich selbst für einen zweiten 
v. Kleist. Wie kam er dazu? Er hatte kurz vorher 
v. Kleist’s letzte Lebenstage gelesen, ob zufällig oder 
bei seiner Absicht des Selbstmordes wiederholt, ist 
nicht ersichtlich. Ihm ist bekannt, dass erst in letzter 
Zeit aus Pietät Schritte gethan sind, die Grabstelle 
v. Kleist’s und H. Vogel’s zu erhalten, dass um 
diese Grabstätte ein Nimbus der Tragik, Verehrung 
und innigen Mitleids schwebt. Unter der Beherrschung 
seines Denkens durch diese Erfahrungen erschien 
ihm, dem Jugendlichen, Kranken, sein und der 
Mädchen Vorhaben als etwas Romantisches, 
Tragisches, nicht aber als etwas Verbrecherisches. 

Ueberspanntheit und Grossmannssucht 
lag der That zu Grunde, wie die Anklage behauptet. 
Alle gewöhnlichen verbrecherischen Motive, wie Be¬ 
raubung, Rache, Eifersucht, Wollust, Beseitigung von 
Zeugen etc. sind ausgeschlossen. Das Verhältniss zu 
den Mädchen ist ein rein seelisches gewesen, hat mit 
der verbrecherischen Thätigkeit der Mutter nichts 
zu thun. 

Ist nun eine solche Ueberspanntheit etwas im 
Bereich des Gesunden Gelegenes? Der Staatsanwalt 
erwähnte den Fall, wo sich wenige Monate vorher 
ein 16jähriges Mädchen nach dem Lesen eines 
Romans ins Wasser gestürzt hat, weil die Heldin des 
Romans dasselbe gethan. Kein Laie wird zweifeln, 
dass das Mädchen zur Zeit der That der freien 
Willensbestimmung beraubt war, dass sie an einer 
Phantastik gelitten hat, die ausgesprochen krankhaft 
war. Dazu gehört ja gar keine Psychiatrie. Das 
Krankhafte liegt auch dem Blödesten klar vor Augen. 

Vor ebenfalls nicht langer Zeit wollte ein 17- 
jähriger Gymnasiast einen Eisenbahnzug zum Ent¬ 
gleisen bringen, nachdem er in Indianergeschichten 
von solchen Manövern gelesen hatte. Er wurde als 
schwachsinniger Phantast freigesprochen. Der In- 
telligenzdefect zeigte sich u. a. auch darin, dass er 
das Hinderniss immer an dieselbe Stelle legte, also 
ergriffen werden musste. Aehnliche Vorkommnisse 
sind gerade in letzter Zeit mehrfach berichtet. Zu 
wundem ist es nicht, wenn gebildete Eltern dazu 
lachen, wenn ihre Kinder „Mörder spielen“. Die 
ganzen Indianergeschichten sprechen aller 
Pädagogik Hohn, das Ministerium sollte ein Ver¬ 
bot für alle Schulen erlassen, was soll der Blödsinn ? 

Wenn B. seine Sache mit der v. Kleist’s identi- 
ficirt, dann thut er das genau aus derselben Phantastik, 

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d. h. in krankhaftem Zustande. Nachzuweisen, dass 
diese Phantastik eine krankhafte war, ist die Haupt¬ 
aufgabe des Psychiaters. 

Kommt eine derartige Phantastik bei Gesunden 
vor ? nein. B. muss also krank gewesen sein, es muss 
die Krankheit nachgewiesen werden, von der ein 
Symptom die abnorme, ungewöhnliche Phantastik war. 

B. ist direct von beiden Seiten belastet. 
Das Gericht und der Staatsanwalt hat das erkannt, 
nur der Physicus hält die Belastung für fraglich. 

B. hat eine abnorme Schädelbildung, d. h. 
das schwerste Degenerationszeichen. Er bietet ein 
knabenhaftes Aeussere dar. Ein zweites er¬ 
hebliches Degenerationszeichen. Die Selbstkritik B.'s 
ist ein deutlicher Beweis, dass er von Kindheit 
an ein psychisches Degenerationszeichen 
darbot. Gerade diese Selbstkritik ist ein auffälliger 
pathologischer Befund. Er hat als Jugendlicher 
in einem Drama den Selbstmord beschönigt. 
Auch das ist ein psychisches Degenerations¬ 
zeichen. Er hat die Schule bis II. b. besucht und 
war kein schlechter Schüler. Eine Prüfung der Schul¬ 
kenntnisse erübrigt sich daher für uns. Das Ge- 
dächtniss ist intact. 

Den sexuellen Erscheinungen möchte ich eine 
wesentliche Bedeutung nicht beilegen. Es kommt 
davon so viel bei Gesunden vor, dass an sich wenig 
damit anzufangen ist. Auffällig ist freilich die früh¬ 
zeitige Impotenz. (Sie ist mir sonst einmal bei 
einem schwachsinnigen Abiturienten bekannt geworden.) 

Es bleibt übrig und zwar als Cardinal frage, 
wie steht es mit der Urtheilskraft? Wie operirte 
B. mit concreten und abstracten Begriffen ? Mit 
concreten Begriffen arbeitet B. wie jeder Gesunde. 
Daher war er der vom Physicus betonten Planmässig- 
keit fähig. 

Wie steht es mit dem höheren Begriffs¬ 
leben? Wenn ein Jüngling wie B., der mit der Be¬ 
rechtigung von der Schule abgegangen ist, erklärt, 
er verstehe Schopenhauer — während ihm 
gegenüber ein ergrauter Richter sagt: das könne 
von vielen reifen Erwachsenen nicht be¬ 
hauptet werden; wenn ein künstlerisch so im¬ 
potentes Bürschchen wie B. proclamirt, er werde ein 
Gegenstück zu den Nibelungen (Wagner) 
schreiben — einem Riesen gegenüber, dessen 
Name wie der Homers, so lange es Menschen gibt, 
mit dem Gedächtniss der Menschen verbunden sein 
wird; wenn ein solcher Gefangener mit knabenhaftem 
Aussehen einen albernen Brief damit begründet, er 
habe den Ersten Staatsanwalt ärgern wollen, 
den Brief unterzeichnet: Dein höhere Staatsweisheit 
studirender Sohn — während derselbe im Namen 
der Justiz ihn, durch eignes Geständniss Ueber- 
führten, nach den Gesetzen des Staates, der Re¬ 
ligion und Vernunft in Händen hat; wenn ein 
solcher zweiter Heinrich v. Kleist kaltlächelnd mit 
Händen in den Hosentaschen einem Sachverständigen 
gegenüber, der ihn „auf sein Gehirn“ untersucht, er¬ 
klärte, er verstehe den Lärm gar nicht,jjder um 
die Sarhe gemacht werde, nachdem er die Rolle in 
kläglicher Weise nur halb gespielt hat — während 

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42 


PSYCHIATRISCH -NEU ROLOGISCH E WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 5 


Millionen von Menschen über die That ent¬ 
setzt sind — dann liege eine Urtheilsschwäche, 
einDefect der Intelligenz vor, weit unter 
dem Durchschnittsmass der Urtheilskraft 
aller Banklehrlinge seines Alters und seiner 
Vorbildung, d. h. Schwachsinn erheblichen Grades. 

Damit ist aber auch seine unheimliche Gefühls¬ 
kalte als krankhaft erklärt. B. war gar nicht im 
Stande, von Haus aus altruistisch zu fühlen. Darum 
war er unfähig des Altruismus gegen die Mädchen: 
selbst wenn er für sich den Selbstmord beschlossen 
hätte, angenommen als Gesunder, würde er dann vor 
der Tödtung dieser, die nichts verbrochen hatten, 
zurückgeschreckt sein. Darum nahm er keine Rück¬ 
sicht auf die Verwandten dieser, nicht auf die 
Mutter, durch die Wahl des Ortes. 

Seine Phantastik ist eine krankhafte, die schliess¬ 
lich ihre Blüthe in seiner Absicht zeigt, in dem Mord¬ 
zimmer schlafen zu wollen. B. war genau 
derselbe Phantast wie die Mädchen. Darum 
bot er die Schwachsinnigen eigene leichte Ueber- 
redbarkeit, die Geringschätzung des Werthes 
des Lebens dar. Die Selbstcharacteristik spricht 
wie vieles andere dafür, dass B. von Haus aus 
degenerirt ist. Aber meines Erachtens hat auch die 
Pubertät einen Theil beigetragen. Der Stil des 
Briefes ist nicht der, was man Wortsalat nennt, der ja 
immerhin selten gefunden wird, aber er erinnert, wie 
sein ganzes Benehmen, an die Geschrobenheit 
hebephrener Kranker. Auch die confusen 
Bestrebungen dieser, alles mögliche, gerade Abstractes, 
wie Philosophie, Theologie studiren, den Dichter, 
den Künstler spielen zu wollen, ohne das Geringste 
zu leisten, erinnern an solche Kranke. 

Aber, wenn man erheblichen Schwachsinn nicht 
anerkennen wollte, war B. zurechnungsfähig? 
Von allen Seiten ist zugegeben, dass er minder- 
werthig ist. Da prüft man dann, welcher Art 
war die That, war sie hervorgegangen aus ruhiger 
Ueberlegung oder aus Affect. Sehen wir uns die 
That an, dann kann man bei oberflächlicher Be¬ 
trachtung zu dem Resultat kommen, es habe eine 
überlegte Handlung Vorgelegen, denn ca. 3 Tage 


sind die Vorbereitungen dazu speziell getroffen, 
längere Zeit vorher war die That abgemacht, geht 
man aber tiefer auf den Grund, dann muss man 
zugeben, dass der That ein anhaltender, tiefer 
Affect zu Grunde lag, der durch stürmisches 
Verlangen seitens des M. zuletzt auf die Höhe ge¬ 
trieben wurde. Minderwertigkeit und starkes 
Affect würden also Unzurechnungsfähigkeit 
ergeben. Ebenso ein non liquet Wie sehr 
dieses bei den Richtern gelegen hat, hat die Ver¬ 
handlung gezeigt. Das Gericht hat sich redlich Mühe 
gegeben, die Frage zu erklären. Bei den Richtern 
lagen die Zweifel, sie wagten nur nicht ein selbst¬ 
ständiges Vorgehen, obwohl sie nach der ReicHsge- 
richtsentscheidung die Macht hatten. Dass B. ein 
Unverbesserlicher ist, werden m. E. sie und 
auch der Staatsanwalt glauben. Gegen solche Ein¬ 
sichtslosigkeit gibt’s kein Mittel. B. gehört in die 
Irrenanstalt. Die Sachverständigen haben sich wesent¬ 
lich mit dem B. nach der That beschäftigt, die 
krankhafte Phantastik und die höhere Be¬ 
griffsbildung bei ihm nicht berücksichtigt. 

Der Physicus betonte die Planmässigkeit, die gar 
nicht in Frage kömmt. Der Psychiater erklärte, B. 
sei über die gewöhnlichen Dinge des Lebens genügend 
orientirt, nur hat er dabei den Bildungsgrad 
nicht berücksichtigt. Ein Mann wie B. weiss 
natürlich in den einfachsten Dingen Bescheid, er 
weiss, dass eine 10 Pfennigmarke roth ist, wieviel 
Wagenklassen ein Eisenbahnzug hat, was eine Re¬ 
publik, was ein Wechsel ist u. dergl. m., aber er kann 
die Empfindungen der Allgemeinheit, das 
Wesen der Justiz, den Abstand, der zwischen 
ihm und Wagner, einem Philosophieverständigen be¬ 
bestehe, alle gewöhnliche Dinge des Lebens, die bei 
seiner Bildung in Frage kommen, nicht begreifen. 
Der Alcoholismus ist von unwesentlicher Bedeutung, 
da B. nur getrunken hat, um sich Muth zu machen. 
Er zeigt nur, wie zäh die M. war, welche sogar über 
dem Quantum wachte. Ob bei B. selbst Hysterie im 
Spiel ist, ist nicht ersichtlich. 

Ich glaube, dass das Gericht einem Antrag auf 
Wiederaufnahme stattgeben muss. 


Wichtige Entscheidungen auf dem Gebiete der 
gerichtlichen Psychiatrie. V. 

Aus der Litteratur des Jahres 1905 zusammengestellt 
von Ernst Schnitze. 

(Fortsetzung.) 


§ I5% 

Durch diese Vorschrift wird nicht ausgeschlossen, 
dass auch eine nicht bis zum geistigen Tode, bis zur 
vollständigen geistigen Verblödung vorgeschrittene 
Geisteskrankheit einen Scheidungsgrund abgeben kann. 

Die geistige Gemeinschaft unter den Eheleuten 
braucht allerdings nicht schon deshalb aufgehoben zu 

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sein, weil sie sich thatsächlich getrennt haben. Ge¬ 
trennt sein muss vielmehr das Band, das die Ehe¬ 
gatten zur bewussten und gewollten Erfüllung des 
sittlichen Zwecks der Ehe verbindet. Ein Ehegatte 
aber, dessen Gedankenkreis infolge seiner geistigen 
Erkrankung sich soweit demjenigen des andern Ehe¬ 
gatten entfremdet, dass er mit diesem nicht mehr zum 

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i9°6.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


43 


Erreichen jenes Zwecks Zusammenwirken kann, ist 
unfähig, in der geistigen Gemeinschaft mit ihm zu 
verbleiben. (O. L. G. Colmar. 14. April 1905.) 

D. R. pag. 314. Entsch. Nr. 1468. 

§ 1569. 

Für das Zutreffen des Begriffs der Aufhebung 
der geistigen Gemeinschaft kommt die Empfindung 
des geisteskranken Ehegatten nicht in Betracht. 

Die bedenkenfreien Feststellungen des Berufungs¬ 
richters, dass die Beklagte in Geisteskrankheit ver¬ 
fallen ist und dass die Krankheit während der Ehe 
mindestens 3 Jahre gedauert hat, sind auch von der 
Revision nicht angefochten. Nicht begründet ist der 
Vorwurf, der Berufungsrichter habe mit seiner An¬ 
nahme, dass die geistige Gemeinschaft zwischen den 
Ehegatten aufgehoben sei, das Gesetz verletzt. Mit 
Recht ist im Berufungsurtheil ausgeführt, dass § 1569 
B. G. B. auf Seiten des geisteskranken Ehegatten 
nicht, wie in den Fällen des sog. geistigen Todes, 
der völligen Verblödung, die Unmöglichkeit voraus¬ 
setzt, mit irgend welchen Personen irgend welche 
geistige Gemeinschaft zu pflegen. Es genüge viel¬ 
mehr, dass solche Unmöglichkeit „zwischen den Ehe¬ 
gatten“ besteht. Die Anwendung des § 1569 sei 
mithin auch nicht bei nur partiellem Wahnsinn und 
nicht schon deshalb ausgeschlossen, weil dem geistes¬ 
kranken Gatten — wie im Streitfälle — noch die 
Fähigkeit verblieben ist, die meisten bü?gediehen 
und die Vermögensangelegenheiten zu besorgen. Auch 
der Begriff der „geistigen Gemeinschaft“ ist nicht ver¬ 
kannt, wenn in Uebereinstimmung mit der Recht¬ 
sprechung des R. G. darunter eine höhere Gemein¬ 
schaft, als das blosse Zusammenleben der Eheleute, 
nämlich eine solche verstanden wrird, wobei sie zu 
gemeinsamem Fühlen und Denken befähigt sind. 
Ohne Zw r eifel giebt es Ehen, bei denen das Be¬ 
dürfnis solcher Gemeinschaft von vornherein nur 
wenig entwickelt ist. Mit Recht hat deshalb der 
Berufungsrichter auf die concreten Lebens Verhältnisse 
der Streittheile gesehen, sich auch über die An¬ 
schauungen und Empfindungen des die Scheidung 
begehrenden Gatten vergewissert und hieraus ohne 
Rechtsirrthum die Ueberzeugung geschöpft, dass die 
geistige Gemeinschaft zwischen den Ehegatten auf¬ 
gehoben ist und auch auf Seiten des Mannes als 
nicht mehr vorhanden empfunden wird. Dass die 
gleiche Empfindung auch von dem geisteskranken 
Ehegatten getheilt w f erde, ist nicht, wie die Revision 
glaubt, Erforderniss des Gesetzes. In zahlreichen 
Fällen der Geisteskrankheit ist auf seiner Seite jede 
Vorstellung hiervon der Natur der Sache nach aus- 

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geschlossen. Umgekehrt ist aber auch das Fort¬ 
bestehen der geistigen. Gemeinschaft nicht schon da¬ 
mit dargethan, dass die geisteskranke Frau noch 
weiss, sie stehe in der Ehe und aus dem Ehebande 
kommen ihr gewisse z. B. Unterhaltsrechte zu. Im 
Streitfälle hat der Berufungsrichter in Ueberein¬ 
stimmung mit dem Gutachten der gehörten Sach¬ 
verständigen das entscheidende Gewicht darauf ge¬ 
legt, dass infolge des krankhaften Zustandes der Frau 
gerade die Hauptgrundlagen der Ehe, Vertrauen und 
Neigung gänzlich und ohne Aussicht auf Wieder¬ 
herstellung zerstört sind, dass sie sich vielmehr unter 
dem Einfluss ihrer Wahnideen ohne allen Giund in 
beständiges tiefes Misstrauen und offenbare Feind¬ 
seligkeit gegen den Mann verwandelt haben. Unter 
dieser Begründung konnte der Berufungsrichter die 
geistige Gemeinschaft der Parteien ohne Rechtsirrthum 
als aufgehoben bezeichnen. (R G. IV. 8. Mai 1905.) 

J. W. pag. 395. 

§ 1569. 

Kläger behauptet, die Beklagte sei in Geistes¬ 
krankheit verfallen, auch die sonstigen Voraussetzungen 
des § 1569 B. G. B. seien vorhanden und hiernach 
sei die Scheidung gerechtfertigt. Die Klage wurde 
vom O. L. G. abgewiesen und die Revision 
zurückgewiesen. Die Annahme, es handle sich bei 
der Beklagten nur um Geistesschwäche, ist mit der 
Erwägung, dass sie auch nur w r egen Geistesschwäche 
entmündigt sei, im übrigen durch Bezugnahme auf 
die Aussagen der Zeugen und auf das Gutachten des 
Sachverständigen Dr. G. begründet. Es ist richtig, 
dass dieses Gutachten an einer Stelle zu der Schluss¬ 
folgerung kommt: Frau H. sei zur Zeit geisteskrank 
und habe an dieser Geisteskrankheit schon länger 
gelitten, während es sich an anderer Stelle dahin 
ausspricht: sie leide an bedeutendem Schwachsinn, 
an dementia, die schon jahrelang in ähnlicher Form 
bei ihr bestehe. Allein die Revision selbst hebt mit 
Recht hervor, dass die Fachausdrücke der ärztlichen 
Kunstsprache sich mit dei Begriffsbestimmung der 
Geisteskrankheit und Geistesschwäche im § 6 Ziffer 1 
B. Gk B. nicht zu decken brauchen. Im Sinne des 
Gesetzes sind, wie das R. G. bereits in früheren 
Entscheidungen angenommen hat, (R. G. 50, 20 7) 
zwischen beiden Formen der regelwidrigen Geistes¬ 
beschaffenheit nur Gradunterschiede anzuerkennen. 
Es bedeutet deshalb nicht nothwendig, weder im 
medicinischen noch im Rechtssinne einen Widerspruch, 
wenn das geistige Leiden der Beklagten im all¬ 
gemeinen als Geisteskrankheit, im besondem aber als 
Schwachsinn, dementia bezeichnet worden ist. Jeden- 

Original from 

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44 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 5 . 


falls war der Berufungsrichter nicht gehindert, aus Sinne von § 6 Ziffer i B. G. B. nur an Geistes- 

diesem Gutachten in Verbindung mit den von ihm schwäche leide. (R. G. IV. ii. Mai 1905.) 

angezogenen andern Erkenntnissquellen die thatsäch- j. w. pag. 395 

liehe Feststellung zu gewinnen, dass die Beklagte im (Fortsetzung folgt.) 


Mittheilungen. 


— Würzburg. Nach Rücksprache mit meinem 
Rechtsanwalt sehe ich mich veranlasst, folgende Er¬ 
klärung abzugeben. 

In der Zeitschrift „Die Kinderfehler 44 , XI. Jahr¬ 
gang, Heft 3, erschienen zu Langensalza im Verlage 
von Hermann Beyer & Sohn 1905, findet sich auf 
Seite 96 in einem mit „Trüper“ Unterzeichneten Artikel 
der Satz: „Herr Dr. Weygandt wird dreimal mit dem 
Versuche, sich durch eine Beleidigungsklage von meinen 
an wehrenden Vorwürfen zu reinigen, zurückgewiesen 44 . 

Demgegenüber stelle ich Folgendes fest: Auf die 
von mir gegen Herrn Institutsdirector Trüper, Jena, 
erhobene Privatklage wegen Beleidigung hat die Straf¬ 
kammer des kgl. Landgerichts Würzburg mit Urtheil 
vom 24. Dezember 1904 den Herrn Trüper aller¬ 
dings freigesprochen, aber mit der ausdrücklichen Be¬ 
gründung, dass Trüper’s „gegen die Ehre des Privat¬ 
klägers gerichtete, objectiv rechtswidrige Kundgebung 
erfolgte auf Grund einer irrthümlichen Auffassung 
von Thatsachen, die, falls die Auffassung zutreffend 
gewesen wäre, die Rechtswidrigkeit der Kundgebung, 
weil in Wahrung berechtigter Interessen gemacht, 
ausgeschlossen hätte (§ 193 Str. G. B.) 4 ‘. 

Dabei sprach jedoch die Urtheilsbegründung zu¬ 
gleich ausdrücklich aus: „Die Angaben Dr. Weygandt’s 
tragen den „vollen Stempel der Wahrheit 44 , und „hie- 
nach ist der von dem Privatbeklagten gegen den 
Privatkläger erhobene Vorwurf der nackten wissent¬ 
lichen Unwahrheit unbegründet“. „Dasselbe gilt be¬ 
züglich des Vorwurfes der unwahren Drohungen.“ 

Demnach hatte die von mir erhobene Beleidigungs¬ 
klage vollständig den von mir angestrebten Erfolg, mich 
von den ehrenrührigen Vorwürfen Trüper’s zu reinigen. 

Wenn dieser jetzt in der oben erwähnten Weise 
behauptet, dass mein Versuch, mich von seinen Vor¬ 
würfen zu reinigen, zurückgewiesen worden sei, so ist 
dies nach den angeführten dem Urtheile wörtlich 
entnommenen Citaten eine aufgelegte Unwahrheit. 

Interessenten stelle ich die Einsicht in das voll¬ 
ständige Urtheil des kgl. Landgerichts Würzburg mit 
seinen Gründen gerne frei. Prof. Dr. Weygandt. 

— Aus Russland. Im Juni findet in St. Petersburg der 
I. russische Congress für pädagogische Psychologie statt. 

Zum Nachfolger des Prof. P. Kowalewski wurde 
Privat-Docent Ossipou in St. Petersburg als Pro¬ 
fessor der Psychiatrie in Kazan gewählt. 

Soeben erscheint die V. Lieferung der „Grund¬ 
züge der Lehre über die Functionen des Central- 
neivensystems“ von Prof. W. Bechterew. 

Im Moskauer Gouvernement wird im nächsten Jahre 
eine neue grosse Bezirksanstalt für Irrenkranke er¬ 
öffnet. 


Die periodische raedicinische Presse bringt eine 
Reihe Beobachtungen über nervöse und psychische 
Erkrankungen bei Soldaten während des russisch¬ 
japanischen Krieges (Schaikewitsch, Oseretz- 
kowsni, Ssuchanow u. A.) 


Referate. 

— Einführung in die psychiatrische 
Klinik. Von Prof. Dr. Kraepelin. II. durch¬ 
gearbeitete Auflage 373 S. 1905. Pr. 9 M. 

Das vor 4 Jahren in erster Auflage erschienene 
Buch hat, wie zu erwarten war, grossen Beifall ge¬ 
funden, es erscheint jetzt in zweiter Auflage, wobei 
die Zahl der Vorlesungen von 30 auf 32 erhöht 
worden ist. An der Hand von prägnanten Beispielen 
werden in klarer und anziehender Vortragsweise alle 
wichtigen Krankheitsformen eingehend besprochen und 
dabei stets die diagnostischen Gesichtspunkte in den 
Vordergrund gestellt. 

(Arnemann - Grossschweidnitz) 

Unter den zahlreichen Fabrikanten, die mit neuen photo¬ 
graphischen Apparaten, gerade jetzt an die Liebhaber der edlen 
Bildlichtkunst herantreten. bietet die „Bezujgsvereflllf« 
gvng für Litterator, Kaust antl Photo¬ 
graphie, Berlin« S. W. 47« Grossbeerenstr« 71« 

dem kaufenden Publikum beachtenswerthe Vortheile: 

1 Sie bringt alle ihre Apparate nur unter der Original- 
Fabrikbenennung zum Verkauf, gebraucht keine Deck- oder 
Phantasienamen, wie cs bei Händlern vielfach üblich ist, unter 
welchen hochklingenden Benennungen sich aber leicht minder- 
werthiges Fabrikat verbergen kann. 

2. Um die Freude an der Lichtbildkunst zu heben und vor 
allem ihre Abnehmer zu künstlerischem Schaffen auzuregen, 
sendet sie bei Bestellungen von 100 Mk. eine reich illustrirte 
vornehme photographische Zeitschrift (14 täg. erscheinend) gratis. 

3. Alle Apparate, auch Goerz Trieder Binocles zu äusserst 
bequemen monatlichen Theilzahlungen. 

4. Sie übernimmt für ihre Apparate 1 nd Ferngläser vollste 
Garantie bis auf das kleinste Schräubchen. 

Da gegenwärtig wohl die passendste Zeit zum Erwerbe 
eines geeigneten Apparates gekommen ist, so unterlassen wir 
nicht, unsere Leser auf den unserer heutigen Nummer bei¬ 
liegenden Prospect der oben genannten Firma noch besonders 
aufmerksam zu machen. 

Unserer heutigen Nummer liegt je ein Pro¬ 
spekt bei von den Firmen: 

Höchster Farbwerke, vorm. Meister, Lucius 
& Brüning in Höchst a. M. über „Trigemin“ 
Kalle & Co. Ak tien gesell sch. Abtl g. f. ,pharma- 
ceut.Präparate,Biebricha.Rh., über ,,Dormiol“ 
und der 

Kosmos-Gesellschaft der Naturfreunde, 
Stuttgart. (Geschäftsstelle: Blumenstr. 36b.) 
worauf wir unsere Leser hiermit besonders aufmerksam 
machen. 


Für den rrdactionellen Tkeil verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Bresler, Lublinitz (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inscratcnannuhmc 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marholdin Halle a. S. 

Heynemann’scho Buchdruckerei (Gebr. Wollt) in HaJle a. S. 

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Digitize-d by 


eden Sonnabend. — Sc, 

Google 



Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lubiinitz (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adrease: Marho ld Verlag, Hai lesaale. Fernsprecher 8*3. 

Nr. 6. 5 Mai 1906. 

Beste!langen nehmen jede Buchhandhing, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermlssigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lubiinitz (Schlesien), zu richten. 


Proponal. 

Von Oberarzt Dr. Bresler y Lubiinitz» 


E. Fischer und v. Mering hatten 1903*) ge¬ 
funden, dass in der Dialkylbarbitursäure die hypnotische 
Kraft von der Dimethylverbindung zur Dipropylver- 
bindung steigt, bei der weiteren Vergrösserung der 
Alkyle aber wieder abfällt. Wegen der grösseren 
Löslichkeit in Wasser und der anscheinend speci- 
fischeren und eindeutigeren Wirkung wurde damals 
die Diäthylverbindung, das Veronal, der am stärksten 
wirkenden Dipropylverbindung vorgezogen. Nachdem 
sich inzwischen herausgestellt hat, dass das damalige 
Präparat der Dipropylbarbitursäure chemisch nicht ab¬ 
solut rein war, und es nun gelungen ist, eine völlige 
Reinheit zu erreichen, hat sich auch dieses, Proponal 
genannt, als zum Schlafmittel geeignet erwiesen. 

Die Formel des Proponals ist 


c * H ^c^ co “ NH ->co 

C g H 7 '^ > ^ < 'CO—nh^ lu 


Es ist eine farblose, kristallinische Substanz, die 
bei 145 0 schmilzt, sich in ca. 70 Theilen kochendem 
Wasser und in 1640 Theilen Wasser von 20 0 löst, 
in verdünnten Alkalien dagegen ausserordentlich leicht. 
(Es schmeckt, in Tabletten ungelöst auf die Zunge 
genommen und zerkaut, etwas bitter.) 

Bei „einfacher Schlaflosigkeit“ wurden 0,15 bis 
0,5 g des Mittels „mit sehr gutem Erfolge 14 ge¬ 
geben. „Der Schlaf trat innerhalb 15—40 Minuten 
ein und hielt 6—9 Stunden an, Nebenwirkungen 
traten nicht in Erscheinung.“ 

Es wird angenommen, dass die Resorption des 
Proponals im Darm stattfindet. 

Das Mittel wirke in der halben Dosis ebenso 
stark wie Veronal. 


Mehrmals beobachtete man Linderung von 
Schmerzen und Beseitigung schmerzbedingter Agrypnie, 
Wo Veronal in der doppelten Dosis versagte. — 

*) Therapie dei Gegenwart. H. 3. 


Mit gütiger Erlaubniss meines hochgeehrten Chefs 
Herrn Direktor Dr. Klinke, konnte ich an hiesiger 
Anstalt eine längere Reihe von Versuchen mit Pro¬ 
ponal anstellen. 

Es wurden dazu vorzugsweise die unruhigsten 
Kranken der Frauenabtheilung ausgewählt und das 
Mittel wurde im Laufe des Vormittags gegeben, um 
1. ein Zusammentreffen seiner Wirkung mit dem na¬ 
türlichen Schlafbedürfnis zu vermeiden,. wie es bei 
abendlicher Verabfolgung vorkommt, *2. den Einfluss 
auf die Verdauung zu beobachten, 3. Puls, Athmung 
etc. während der Proponalwirkung öfter und genauer, 
als es Nachts möglich ist, zu controlliren, 4. die Tiefe 
des künstlichen Schlafs an seiner Beeinträchtigung 
durch Geräusche etc. zu prüfen. Für die Begut¬ 
achtung eines neuen Schlafmittels ist dieses Vorgehen 
unerlässlich. 

Ich fing mit den von Fischer und v. Mering be- 
zeichneten niederen Dosen (0,1, 0,2, 0,3 g) an. Erst 
bei 0,3 g Proponal zeigten einige Kranke Schläfrig¬ 
keit, nur sehr wenige Kranke ein- bis anderthalb« 
ständigen Schlaf. Bei Manchen beobachtete man 
nicht die geringste Wirkung. Bei 0,4 g schliefen 
Einige mehrere Stunden, Andere Hessen noch keine 
Wirkung erkennen. Durch 0,5 g wurde bei 3 hoch¬ 
gradig manisch erregten Frauen ein 5—6 ständiger 
Schlaf erzeugt. Bei einer dieser 3 Maniacis mag 
der Grad der Erregung etwa durch die Angabe ge¬ 
kennzeichnet werden, dass am Tage zuvor 0,001 
Hyoscin und 0,025 Morph, subcutan wirkungslos 
blieben; 2 Tage nach der Dosis 0,5 g Proponal 

wurde noch einmal eine solche gegeben, diesmal 
ohne jeden Erfolg; eine vierte Maniaka zeigte auf 0,5 g 
Proponal nur Schläfiigkeit, erst auf 0,6 schlief sie im 
Ganzen etwa 2 Stunden, 0,7 brachten aber einige 
Tage darauf ebenfalls nur Schläfrigkeit. Eine erregte 


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46 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 6. 


Katatonika schlief nur 2 Stunden auf 0,5 g, eine er¬ 
regte Frühdemente nur Stunden. Bei ersterer war 
einige Tage später 0,6 ohne Wirkung, 0,7 erzeugte einige 
Tage darauf fast 5 Stunden Schlaf, bei letzterer hatte 
0,6 ebenfalls einige Tage später erst verspätet einige 
Stunden Schlaf zur Folge, 0,7 ebenfalls 5 Stunden 
Schlaf. 

Bei einer Maniaka, die auf Hyoscin 0,001 und 
Morph. 0,025 subcutan nur mit 2 Stunden Schlaf re- 
agirt hatte, brachten 0,7 g Proponal ca. 5 ständigen 
Schlaf. 

In 2 sehr hartnäckigen Fällen steigerte ich die 
Dosis auf 0,75 g. In dem einen (männlichen Mani- 
acus) beschränkte sich die Wirkung auf einen nach 
35 Minuten eingetretenen Z U stündigen Schlaf; Hyoscin 
0,001 und Morph. 0,025 erzeugten hier an einem 
späteren Tage nach 1 Stunde 35 Minuten 4 Stunden. 
In dem anderen (weibliche Maniaka mit hochgradiger 
Verworrenheit) erfolgte auf 0,75 g weder Beruhigung 
noch Schlaf; hier war aber auch am selben Tage das 
Dauerbad ohne jeden Erfolg und eine Injection von 
0,001 Hyoscin und 0,025 Morphium, um 8 Uhr 
abends gegeben, brachte ebenfalls keine Aenderung. 
Erst um 1 Uhr Nachts schlief die Kranke ein, der 
Schlaf dauerte bis früh 6 Uhr. 


Unangenehme Nebenerscheinungen wurden selbst 
bei Dosen von 0,75 g Proponal nicht beobachtet 
Eine Kranke erbrach bei 0,3 g, das sie um 8 Uhr 
genommen hatte; in Anbetracht dessen, dass dieses 
Symptom sonst, selbst bei 0,75 nicht beobachtet wurde, 
kann man es wohl nur für eine Idiosynkrasie der 
betreffenden Kranken halten. Diejenigen Kranken, 
welche das Mittel Vormittags bekommen hatten 
nahmen vor dem Einschlafen mit dem gewöhnlichen 
Appetit ihr Mittagessen zu sich, andere, die schon 
vor der Essenszeit eingeschlafen waren, verzehrten ihr 
Essen nach dem Erwachen ebenfalls mit Appetit. 

Auf Grund vorstehender Versuche mit Proponal 
kann man sagen, dass bei erregten Geisteskranken 
die von Fischer und v. Mering angegebene 
Maximaldosis 0,5 g in der Regel nicht zur Herbei¬ 
führung eines nennenswerthen Schlafes genügen wird. 
Von 0,6—0,75 kanu man einen solchen mit grosser 
Wahrscheinlichkeit erwarten; wo 0,75 nicht wirken, 
dürfte es sich um besonders schwere Krankheitszu¬ 
stände handeln. Ich möchte es jedoch nicht für 
ausgeschlossen halten, dass hier 0,8 und mehr mit 
Erfolg und ohne Schaden gegeben werden können; 
doch möge das ferneren Feststellungen überlassen 
bleiben. 


Aus der Landes-Heil-und Pflegeanstalt Uchtspringe. (Director Professor Dr. Alt.) 

Versuche mit neuen Schlafmitteln. 


Von Dr. Ehrcke , 

T^\ie seit der Entdeckung des Chloralhydrats durch 
Liebreich im Jahre 186g in Gebrauch ge¬ 
kommenen Schlafmittel sind nach der Reihenfolge 
ihrer Entdeckung und Anwendung geordnet: Uretan 
Paraldehyd, Amylenhydrat, Sulfonal, Trional und 
Chloralformamid. Die letzten Jahre haben uns eine 
neue Fülle von Schlafmitteln gebracht, die an Zahl 
dieser alten bekannten fast schon übertreffen. Es 
sind dies das Dormiol, Hedonal, Neuronal, Vero- 
nal u. s. w. 

Nach E. Fischer und v. Mering lassen sich 
die angeführten Mittel ihrer chemischen Zusammen¬ 
setzung nach in 4 Klassen eintheilen. 

Die erste Klasse stellt das Chloralhydrat dar mit 
seinem directen Abkömmling dem Chloralformamid 
(Chloralamid). Hierher gehört ferner der Paraldehyd 
d. i. die polymere Form des Acetaldehyd, von dem 
sich auch das Chloralhydrat ableitet. 

Die zweite Klasse bildet das Amylenhydrat 

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ordentlicher Arzt. 

CH S — 1 — OH, welcher seiner Structur nach als 

ein tertiärer Amylalkohol anzusehen ist. 

Zur dritten Klasse werden gerechnet das Urethan 
und sein Abkömmling das Hedonal. 

Zur vierten Klasse endlich gehören das Trional 
und eine Anzahl von Körpern, welche schwefelhaltig 
sind und als Disulfone bezeichnet werden. Von 
ihnen hat z. B. das Trional folgende Formel: 

C s °s c * H * 

C.Hr^SO.C, H 6 . 

Die Arbeiten von Thierfelder, Baumann und 
Käst, Schneegans, Emil Fischer und v. Mering 
haben einiges Licht gebracht in den Zusammenhang 
zwischen schlafmachender Wirkung und chemischer 
Zusammensetzung. Sie ergaben, dass bei den Körpern 
von obiger Zusammensetzung eine Beziehung besteht 
zwischen schlaferzeugender Wirkung und der An¬ 
wesenheit der an ein Kohlenstoffatom gebundenen 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


47 


Atomgruppe Ca Ha, welche unter dem Namen 
Aethylgruppe bekannt ist und aus dem Grundkohlen¬ 
wasserstoffe der Q-Reihe dem Aethan Cs- He durch 
Abspaltung eines Atomes H entstanden ist Auf 
Grund dieser Erkenntniss haben dann E. Fischer 
u. v. Mehring*) eine grosse Anzahl von Körpern, 
die eine ähnliche Zusammensetzung zeigten — d. h. 
ein mit mehreren Aethylgruppen beladenes und 
tertiär oder quaternär gebundenes Kohlenstoffatom — 
auf ihre schlafmachende Wirkung hin geprüft und 
sie haben gefunden, dass eine ganze Anzahl von 
diesen Körpern sich durch hypnotische Eigenschaften 
auszeichnet und dass die schlaferzeugende Wirkung 
am stärksten ist, je grösser die Zahl der im Molekül 
enthaltenen Aethylgruppen ist. 

Drei von diesen Körpern werden von den ge¬ 
nannten Forschem besonders hervorgehoben. Es sind 
dies Abkömmlinge des Harnstoffs: 


I. Diaethylacethylharnstoff 
£» CH —CO—NH—CO—NH, 


II. Diaethylmalonylhamstoff 



III. Dipropylmalonylhamstoff 
C 8 H 7 ^ r ^ CO—NH^ ro 
C 8 CO— 


Bei I und II fällt sofort wieder die Anwesenheit der 
Aethylgruppe auf. Bei III ist diese durch die Atomgruppe 
CsHt ersetzt. Sienimmt in der nächst höheren Reihe der 
Kohlenwasserstoffe, der Ca-Reihe, deren Grundtypus 
durch das Propan Ca Hs repräsentirt wird, dieselbe 
Stellung ein wie die Aethylgruppe in der Ca-Reihe 
und wird als Propylgruppe bezeichnet. 

Die Prüfung der schlaferzeugenden Wirkung dieser 
drei Körper hat ergeben, dass I ungefähr dem Sul- 
fonal gleich steht III ist etwa 4 mal so stark, hat 
aber nicht selten eine auffallend lange Nachwirkung. 
Als in der Mitte zwischen beiden stehend erwies sich 
II. Es eignete sich nach Fischer und v. Mering 
am meisten für den practischen Gebrauch und ist 
dann auch seit seiner Entdeckung im Jahre 1903 
unter dem bequemeren Namen Veronal in Gebrauch. 

Eine im Anfang Dezember 1905 erschienene 
Publication von Fischer und v. Mering**) be¬ 
richtet, dass auch Nr. III der Dipropylmalonylham- 
stofl; nachdem es gelungen, ihn in gereinigter Form 
darzustellen, die ihm Anfangs anhaftenden unange¬ 
nehmen Eigenschaften verloren und sich als brauch¬ 
bares Schlafmittel erwiesen habe. Die Erfinder 


*) Therap. der Gegenwart, 1903, März. 
**) Medidnische Klinik 1905, Nr. 52. 


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schlagen dafür den Namen Proponal vor, der einer¬ 
seits an die Anwesenheit der Propylgruppe (Cs H7), 
andrerseits an die Verwandtschaft mit dem Veronal 
erinnern soll. Wir haben somit in dem Proponal das 
jüngste und neueste Glied in der Reihe der neuen 
Schlafmittel vor uns. Es ist eine farblose kristallinische 
Substanz von bitterem Geschmack, schmilzt bei 145 0 , 
löst sich in 70 Theilen kochenden Wassers und in 1640 
Theilen Wasser von 20 0 . In verdünnten Alkalien 
ist es ausserordentlich leicht löslich. Das Veronal 
ähnelt ihm in Aussehen und Geschmack. Es löst 
sich in 12 Theilen kochenden Wassers und in 145 
Theilen Wasser von 20°. Es schmilzt bei 191°. 

Im Geburtsjahr des Veronals ist noch die Ent¬ 
deckung eines anderen Schlafmittels zu verzeichnen. 
Es nennt sich Isopral und ist in der Sprache der 
Chemiker Trichlorisopropylalcohol d. h. ein isomerer, 
dreifach gechlorter Alcohol der Q-Reihe. Es steht 
in seiner Zusammensetzung dem Chloral sehr nahe. 
Das Isopral ist ein weisser krystallinischer Körper 
von aromatischem Geruch, der sich an der Luft sehr 
schnell verflüchtigt und sich deswegen in Pulverform 
auch in Charta cerata nicht verordnen lässt. Es wird 
deswegen am besten in Lösung oder in Form der 
von der Fabrik von Friedr. Bayer & Co. in Elber¬ 
feld hergestellten Tabletten gegeben. 

Ein bekannter chemischer Körper ist der Aldehyd 
von der Formel C Ha — C H O oder Ca H4 O. Ver¬ 
schmelzen mehrere Moleküle eines Körpers zu einem 
einzigen neuen Molekül, so bildet sich ein neuer 
chemischer Körper. Dieser Vorgang wird Polymeri¬ 
sation genannt. Verschmelzen 3 Moleküle Aldehyd 
miteinander, so bildet sich ein neuer chemischer Körper 
von der Formel 3XC2 H4 O oder Q H12 Os. Es ist 
die polymere Form der Aldehyds oder der Paralde- 
hyd. Während der Aldehyd therapeutisch keine Ver¬ 
wendung findet, ist der Paraldehyd ein bekanntes 
Schlafmittel. Auf Grund dieser und ähnlicher Er¬ 
fahrungen kam S. Gärtner in Halle*) zu der An¬ 
schauung, dass viele Körper, die in ihrer einfachen 
Form giftig sind, in ihrer polymeren Form milder 
wirken und sogar therapeutisch verwendbar sein können, 
Da sich das Chloral C2HCI3O als ein Aldehyd 
Ca H4 O darstellt, in dem 3 Atome H durch 3 Atome 
CI ersetzt sind, dem Aldehyd also sehr nahe steht, 
so lag der Gedanke nicht fern, dass zwischen dem 
Chloral und seinen Polymeren ein ähnliches Ver- 
hältniss bestehen könne wie zwischen Aldehyd und 

*) H. Witthauer und G. Gärtner. Die hypnotischen 
Eigenschaften eines neuen Polychlorats (Viferral) Therap. Mo¬ 
natshefte 1905, März. 

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HARVARD UNfVERSlTf 






48 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 6. 


Paraldehyd, dass also die polymere Form des Chlorals 
die Eigenschaften dieses in milderer Form enthalten 
könne. Es gelang Gärtner durch Einwirkung von 
Pyridin auf wasserfreies Chloral eine polymere Form 
desselben herzustellen. Dieses neue Polychloral nennt 
er Viferral und glaubt es als gutes Schlafmittel neben 
Veronal, Trional u. s. w. empfehlen zu dürfen. Es 
ist ein weisses Pulver, das bei 153 —155 0 schmilzt, 
in kaltem Wasser sich nur langsam, in warmem aber 
vollständig auflöst. Schwach mit Salzsäure versetztes 
Wasser greift es nicht an. In den Handel kommt 
es in Form von Tabletten zu 1 g. 

Als letztes Glied in der Reihe der neuen Schlaf¬ 
mittel ist das von den Höchster Farbwerken herge¬ 
stellte Hypnal zu nennen. Es ist dem Chloralhydrat 
verwandt und entsteht durch Einwirkung von Anti- 
pyrin auf Chloralhydrat. Das Hypnal ist ein weisses 
krystallinisches Pulver, das sich in 10—11 Theilen 
Wasser löst und bei 67° schmilzt 

Von den oben geschilderten Schlafmitteln wurden 
der hiesigen Anstalt seitens der Erfinder in freigiebigster 
Weise grössere Mengen zur Verfügung gestellt. Mit 
Erlaubniss meines hochgeehrten Chefs des Herrn 
Professor Dr. Alt konnte ich dieselben bei einer 
grossen Anzahl von Kranken entweder selbst zur An¬ 
wendung bringen oder es wurden die Mittel von 
den Herren Collegen auf ihren Abtheilungen verordnet 
und mir darüber berichtet Ausgewählt wurden mög¬ 
lichst mannigfaltige Krankheitsformen. In der Mehr¬ 
zahl der Fälle handelte es sich um die schwersten 
Formen von Schlaflosigkeit und Erregungszuständen 
bei Paralytikern, Epileptikern und in FäHen von 
acuter hallucinatorischer Verwirrtheit. 

Von den genannten Schlafmitteln dürfte das Veronal 
bereits am bekanntesten und am meisten in Anwendung 
gekommen sein. Es wird entweder verabreicht in 
Form von Tabletten oder in Pulverform. Thee ver¬ 
deckt am besten den bitteren Geschmack. Auch in 
heisser Milch lässt es sich gut einnehmen. Als An¬ 
fangsdosis wird ein halbes Gramm empfohlen. Bei 
schweren Fällen von Schlaflosigkeit kann bis zur Dosis 
von 1 g gestiegen werden. Die in der Litteratur 
niedergelegten Erfahrungen über das Veronal lauten 
im Allgemeinen günstig. Auch die in der hiesigen 
Anstalt mit dem Veronal angestellten Versuche er¬ 
gaben gute Resultate. In 59 Einzelgaben von je 1 g 
Veronal wurde 47 Mal ein 5 —10 Stunden anhaltender 
Schlaf erzielt. In 5 Fällen dauerte der erzielte Schlaf 
31/2 —4V2 Stunden, in 4 Fällen nur 1—2 Stunden. 
Nur dreimal ist notirt, dass kein Schlaf eintrat. Die 
Zeit vom Einnehmen des Medikamentes bis zum 
Eintritt der Wirkung betrug in der Mehrzahl der 

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Fälle 1—2 Stunden. Der Schlaf war meist ohne 
Unterbrechung. In vielen Fällen war auch noch nach 
dem Erwachen eine leichte Müdigkeit nachgeblieben. 
Unangenehme Nebenerscheinungen wurden nicht be¬ 
obachtet 

In dem Veronal scheinen wir demnach ein gut 
wirkendes Schlafmittel zu besitzen, das sich nament¬ 
lich auch bei Geisteskranken bewährt. Die hiesigen 
Erfahrungen widersprechen denen von Abraham in 
Dalldorf *) der in 11 Fällen nur ungünstige Neben¬ 
wirkungen oder ein Versagen des Mittels bei einer 
Tagesgabe von 1 g bis höchstens 1,5 g feststellen 
konnte. 

Gegenüber den vielen günstigen Berichten über 
die Wirkung des Veronal sind die Mittheilungen 
über unerwünschte Störungen beim Gebrauch desselben 
nur vereinzelt geblieben. Alter in Leubus**) be¬ 
richtet über 2 Fälle. In dem einen trat nach einer 
Gabe von ig am nächsten Tage Brechreiz, Kopf¬ 
schmerz, flattrige Herzthätigkeit und ein deliröser 
Zustand ein. Im 2ten Falle stellten sich nach der¬ 
selben Dose bei einer Epileptischen Gheyne-Stokes- 
sches Athmen, Coma, Temperatursteigerung und 
am 3ten Tage der Tod ein. Der letzte Fall steht 
so vereinzelt da, dass man noch zweifeln muss, ob 
dem Veronal an diesem Ausgange die Schuld beizu¬ 
messen ist Zu erinnern ist aber an die Warnung 
Jollys vor chronischem Gebrauch des Veronal. Bei 
solchem pflegt sich bald ein Zustand schwerer 
Kachexie einzustellen, wie erst kürzlich von 
Kress beschrieben worden ist. Es wird also rath- 
sam sein, das Veronal stets nur episodisch anzu- 
wenden. 

Das Homologon des Veronals, das Proponal ist 
bisher von v. Mering*) erst in 20 Fällen von ein¬ 
facher Schlaflosigkeit angewendet worden. Es wird 
ihm in Gaben von 0,15 — 0,5 g ein guter Erfolg 
nachgerühmt. Der Schlaf trat innerhalb 15 — 40 
Minuten ein, hielt 6 — 9 Stunden an. Es soll in der 
halben Dosis ebenso stark wirken, wie das Veronal. 

Das Proponal verordneten wir in 57 Gaben von 
0,25—0,5 g und erzielten 34 mal einen 6—10 
Stunden anhaltenden Schlaf. Viermal dauerte der 
Schlaf 4—6 Stunden, achtmal 2—4 Stunden. Zwei¬ 
mal hielt die Wirkung weniger als 2 Stunden vor 
und neunmal blieb sie gänzlich aus. Es verdient 
hervorgehoben zu werden, dass in den' Fällen, in 
denen das Mittel versagte, viermal die verabfolgte 

Centralblatt für Psychiatrie und Neurologie 1904. 
No. 170. 

**) Münchener med. Wochenschrift, No. 11 u. 15. 

***) Therapeutische Monatshefte 1905, No. 9. 

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HARVARD UNiVERSITY 





1906.] 


PSYCHI ATRISCH-NEUfeOLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


49 


Gabe nur 0,15 und 0,25 g betrug, also noch einer 
Steigerung fähig war. In den übrigen 5 Fällen blieb 
allerdings auch die Gabe von o;5 g erfolglos. Ueber 
die Einzeldosis von 0,5 g wurde nicht hinausgegangen, 
da die Erfinder ausdrücklich davon abrathen. 

Die Zeitdauer von der Einnahme des Mittels bis 
zmn Eintritt der Reaktion unterlag ziemlichen 
Schwankungen, meist betrug sie eine halbe bis ein 
und eine halbe Stunde. 

Nebenwirkungen von Seiten des Herzens, der 
Athmung oder des Magens wurden nicht beobachtet. 
Dagegen wurde mehrmals nach dem Einnehmen des 
Mittels über Schwindel und Angstgefühl geklagt. Bei 
einer Dame von zarter Konstitution trat dies Schwindel¬ 
gefühl nach einer Gabe von 0,25 g so heftig auf, 
dass sie im Begriff das Bett aufzusuchen hinfiel und 
sich eine Kopfverletzung zuzog. Der darauf folgende 
Schlaf war ausserordentlich langdauemd und tief. 
Auch bei einem sonst gesunden Herrn von kräftigem 
Körperbau trat nach der geringen Gabe von nur 
0,15 g Schwindelgefühi auf, an welches sich nun 
langanhaltender tiefer Nachmittagsschlaf anschloss. 

Bei zwei Kranken wurde ein ausgedehntes Ery¬ 
them nach dem Ein nehmen des Mittels beobachtet. 

Nach dem Resultat der obigen Versuche scheint 
das Proponal wohl werth, in den Arzneischatz ein¬ 
gefügt und zu weiteren Versuchen empfohlen zu 
werden. Es dürfte bei einfachen Formen von Schlaf¬ 
losigkeit in Gaben von 0,15—0,25 g von sicherer 
Wirkung sein. Bei schwererer Schlaflosigkeit in psy¬ 
chischen Erregungszuständen dürften Gaben von 0,5 g 
nicht ausreichen. 

Auch über das Isopral liegen eine Reihe von 
klinischen Mittheilungen vor, die sich über dasselbe 
sehr günstig aussprechen. Die hiesigen Erfahrungen 
bestätigen diese Angaben. Das Isopral wurde ver¬ 
abreicht zum Theil in Lösung zum Theil in Tabletten¬ 
form. 

Es wurden in 17 Fällen Gaben von 1 g ver¬ 
ordnet Der dadurch erzielte Schlaf dauerte 5—10 
Stunden. Einmal hielt die Wirkung nur 2V2 Stunde 
an. Zweimal blieb das Mittel ganz erfolglos. In 
23 Fällen wurde die Dosis von 2 g verabfolgt und 
17 mal 5—10 Stunden Schlaf erzielt. In den üb¬ 
rigen 6 Fällen betrug die Dauer des Schlafes 1—4 
Stunden. 

Der Schlaf trat selten später als nach einer Stunde 
ein, meist schon nach Va Stunde, häufig sogar schon 
nach 10—20 Minuten. Unerwünschte Nebenwirk¬ 
ungen wurden nicht beobachtet. Doch wird Vorsicht 
empfohlen bei Herzleiden und Gefässerkrankungen. 


Petschnikow*), der die gebräuchlichsten Hypno- 
tica auf ihre das Herz schädigende Wirkung unter¬ 
sucht hat, stellt folgende Scala auf. Die geringsten 
herzschädigenden Eigenschaften besitzt das Urethan, 
dann folgen Veronal Paraldehyd, Hedonal Chloral- 
hydrat, Isopral. 

Die zu empfehlende Gabe dürfte bei leichteren 
Fällen von Schlaflosigkeit 0,5 betragen. In schwereren 
Fällen namentlich bei Geistesstörungen wird man mit 
weniger als 2 g nicht ausreichen. 3 g sollen bei 
gesundem Herzen und Gefässsystem vertragen werden. 
Foerster in Bonn**) giebt an, dass es auch auf die 
äussere Haut eingerieben wirksam sein soll. 

Das Viferral wurde zuerst von Witthauer in 
Halle verordnet. Er hält es für ein gutes Hypnoti- 
cum, das den bereits bekannten getrost an die Seite 
gestellt werden könne. Die zur Erzeugung von 
Schlaf nöthige Gabe beträgt nach ihm 1—2 g. 

Das Viferral wurde von mir in 31 Fällen ver¬ 
ordnet in Gaben von 1—3 g. Es trat achtzehnmal 
ein 5 —10 Stunden dauernder Schlaf ein, siebenmal 
dauerte er kürzere Zeit (2—4 Stunden). Sechsmal 
versagte das Mittel gänzlich. Die Zeitdauer von der 
Einnahme des Mittels bis zum Eintritt des Schlafes 
war ausserordentlich verschieden. Auch war der 
Schlaf nicht immer ohne Unterbrechungen. 

Störungen von Seiten des Circulations- oder Respi¬ 
rationsapparates wurden nicht beobachtet. Witt- 
hauer hebt hervor, dass der Magen nie ungünstig 
beeinflusst wurde. Demgegenüber muss ich von einem 
Fall berichte.!, in dem bei einer magenleidenden 
Dame nach einer einmaligen Gabe von 1 g erheb¬ 
liche Störungen eintraten, wodurch die Ernährung 
wieder zurückging und erst nach längerer Zeit wieder 
gehoben werden konnte. 

Das Viferral kommt mit in den Handel in Form 
von Tabletten zu 1 g. Des besseren Geschmacks¬ 
wegen empfiehlt es sich, dasselbe in Oblate oder mit 
Citronenwasser einzunehmen. Als gebräuchlichste 
Dosis dürften 1—2 g zu bezeichnen sein. 

Das Viferral wird noch weiterer Nachprüfungen 
bedürfen. Bei leichteren Fällen von Schlaflosigkeit 
mag es versucht werden. Bei Geisteskranken scheint 
seine Wirkung nicht sicher zu sein. 

Das Hypnal-Hoechst wurde in 21 Fällen in 
Gaben von 1—2 g probirt. Davon ist es siebenmal 
ganz wirkungslos geblieben, zweimal trat nur ganz 
kurzer Schlaf von 1 — 1 Vs Stunden Dauer ein. In den 
übrigen 12 Fällen hielt die Wirkung 5—9 Stunden 

*) Russkji Wratsch 1904, Nr. 27. 

**) Münch, med. Wochenschrift 1905, Nr, 20. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 6. 


an. Sie trat meist nach V2—1 Stunde ein. Um 
ein genaueres Urtheil über seine Brauchbarkeit zu 
geben, scheinen mir die bisherigen Versuche noch 
nicht ausreichend. 

Die obige Zusammenstellung zeigt, dass die Zahl 
der Schlafmittel, welche uns die Pharmakologie zur 
Verfügung stellt, keine geringe ist. Wenn wir den 
alten Erfahrungssatz zu Grunde legen, dass je grösser 
die Zahl der zu einem Zwecke angepriesenen Mittel 
ist, desto weniger sie zu taugen pflegen, so ist man 
versucht, ihn auch auf die genannten Schlafmittel 
anzuwenden. Durch die obigen Darlegungen hoffe 
ich, die Ueberzeugung erweckt zu haben, dass diese 
Skepsis nicht in allen Fällen angebracht ist. Man wird 
sich allerdings, um Schlaf zu erzielen, nicht nur auf 
das Schlafmittel allein verlassen dürfen, sondern sorg¬ 
fältig alle Ursachen erwägen, welche Veranlassung zu 


der bestehenden Schlaflosigkeit sind und dann häufig 
durch andere Massnahmen wie Beseitigung von 
Schmerzen oder äusseren ruhestörenden Einwirkungen, 
Verabreichung eines Bades, den wohlthätigen Schlaf 
erzielen. Auch ein rechtzeitig verabfolgtes Glas 
dunklen schweren Bieres, vielleicht auch noch mit 
Zugabe von etwas Sekt, leistet oft Wunder. 

Immer aber wird man die Erfahrung machen, 
dass die Wirkung der Schlafmittel dann am kräftig¬ 
sten sich zeigt, wenn die physiologischen Bedingungen 
des Schlafes gegeben sind, also zur Nachtzeit. Wer 
in der Lage ist, viel von Schlafmitteln Gebrauch 
machen zu müssen, der wird wissen, wie angenehm 
es ist, mit demselben wechseln zu können. Auch 
in der Ars medicorum gilt der Satz: „Prüfet alles und 
das Beste behaltet.“ 


Aus der Landes-Heil- und Pflegeanstalt 

Die Anwendung des Propon 



(Director Professor Dr. Alt; 

ng von Epileptikern. 


r^iie Erfahrungen, welche Dr. Ehrcke bei der An- 
wendung des Proponals in hiesiger Anstalt ge¬ 
sammelt hat, insbesondere die dabei stets beobachtete 
Thatsache, dass die Herzthätigkeit durch die Verab¬ 
reichung von Proponal fast gamicht beeinträchtigt 
wurde, gaben die Veranlassung, das Proponal auch 
bei Epileptikern anzuwenden, wenn es darauf ankam, 
das stark gereizte Centralnervensystem auf längere 
Zeit ruhig zu stellen, also insbesondere bei Dauer¬ 
anfällen (status) und schweren Verwirrungszuständen. 
Das Beibringen von flüssigen oder festen Arzeneien 
im Status epilepticus ist oft mit Schwierigkeiten ver¬ 
bunden. Der Weg per os ist meist versperrt, man 
sieht sich daher gewöhnlich zur subcutanen Injection 
oder zum Darmeinlauf genöthigt. Bei den physica- 
lisch-chemischen Eigenschaften des Proponals (es ist 
erst in 1640 Theilen Wasser löslich) ist eine erfolg¬ 
reiche subcutane Anwendung des Mittels nicht mög¬ 
lich; auch auf dem Wege des gewöhnlichen T armein- 
laufs gelingt es wegen der schweren Löslichkeit nicht, 
genügende Mengen in den Organismus zu bringen. 
Untersuchungen über die Löslichkeit des Proponals 
in künstlich alkalisch gemachtem Magensaft ergaben, 
dass es sich in einer Flüssigkeit, deren Alkalescenz- 
grad dem des Blutes ungefähr entspricht, relativ sehr 
leicht löst. Diese leichte Löslichkeit in alkalisch-rea- 
gierender Flüssigkeit legte den Gedanken nahe, es 


für die Zwecke des Einlaufes in einer derartigen 
(physiologisch-alkalischen) Flüssigkeit aufzulösen. Eine 
solche Lösung (auf 1 Liter Aq. des tili, etwa 4 g 
Na oH) kann man sich mit Hilfe von Na2 C03 oder 
noch bequemer mit reiner N- Na oH leicht herstellen. 
Für die Abtheilung, in welcher Status epilepticus häu¬ 
figer verkommen, bereitete ich eine etwas grössere 
Menge dieser Flüssigkeit im Voraus und der in che¬ 
mischen Hilfsarbeiten genügend geschulte Oberpfleger 
erhielt dann in dem betreffenden Fall den Auftrag, 
bestimmte Proponalmengen *) in 200—300 ccm 
der auf 38° erwärmten Flüssigkeit aufzulösen und 
damit den Einlauf zu machen. Ein solcher Einlauf 
ist bisher 7 mal im Status epilepticus und einige Male 
in schwereren Verwirrungszuständen gemacht. Die 
Wirkung war stets eine prompte. Sie entsprach beim 
Status epilepticus etwa der von 3 g Amylenhydrat 
und trat in etwa 15—30 Minuten ein; bei den un¬ 
ruhigen und verwirrten Kranken, welche sich in epi¬ 
leptischen Verwirrungszuständen befanden, schien sie 
(in Mengen von 0,3 — 0,4 g) die Wirkung des 
Amylenhydr. zu übertreffen. 

Einige Versuchspersonen, welche über Schlaflosig¬ 
keit und nächtliche Beängstigungen klagten, erhielten 

*) bei Kindern im status 0,2 — 0,3 g, bei Erwachsenen 
0,3-0,6 g Proponal. 


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! 9 o6.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 51 


das Mittel vergleichsweise zuerst per os, das zweite 
Mal per rectum. Die Wirkung per rectum traf 
stets schneller ein und war bei einzelnen Per¬ 
sonen eine recht intensive; so schlief z. B. eine Flau, 
welche während eines leichteren epileptischen Ver¬ 
wirrungszustandes Nachts störend wurde und per rec¬ 
tum 0,4 Proponal erhielt, ununterbrochen 26 Stunden. 
Die Herzthätigkeit war dabei andauernd eine gute, 
auch gelang es, ihr im Schlaf etwas flüssige Nahrung 


beizubringen. Erwähnt sei noch, dass durch das 
Einbringen der alkalischen Flüssigkeit von oben er¬ 
wähnter Concentration, die auch für die rectale Dar¬ 
reichung von anderen Arzeneien geeignet erscheint 
und deren Alkalescenzgehalt aus anderen, hier nicht 
zu erörternden Gründen für den Epileptiker mög¬ 
licherweise recht zweckmässig ist, keinerlei Reizer¬ 
scheinungen am Mastdarm hervorgerufen wurden. 


Wichtige Entscheidungen auf dem Gebiete der 
gerichtlichen Psychiatrie. V. 

Aus der Litteratur des Jahres 1905 zusammengestellt 
▼on Ernst Schultae. 

(Fortsetzung.) 


§ 1570 . 

Der geheime Vorbehalt, in Wirklichkeit dennoch 
mit der Scheidungsklage vorzugehen, thtrt der Wirk¬ 
samkeit der Verzeihung keinen Eintrag. Dip mit 
dem äusseren, eine Verzeihung darstellenden. Ver¬ 
halten in Widerspruch stehende innere Gesinnung ist, 
sofern sie nicht auch dem andern Theile erkennbar 
war, rechtlich ohne Bedeutung. (R. G. IV, 1. Mai 
1905.) D. R. pag. 530. Entsch. Nr. 2114. 

§ 1666. 

Der Vater eines schwachsinnigen Kindes, der die für 
dessen Erziehung gebotene Anstaltserziehung unter¬ 
lässt und ihr trotz empfangener Verständigung über 
deren Ausführbarkeit und Zuträglichkeit widerstrebt, 
verletzt hiermit in schuldhafter Weise seine Erziehungs¬ 
pflicht und rechtfertigt ein Einschreiten aus § 1666 
B. G. B. (O. L. G. Dresden, 2. Juli 1904.) 

D. R. pag. 165. Entsch. Nr. 707. 

§§ 1666, 1635. 

Zur Entscheidung der Frage, ob eine Anordnung 
der in den §§ 1666, 1635 B. G. B. bezeichneten Art 
zu treffen ist, ist die vorherige Bestellung eines 
Pflegers nicht nothwendig. (Bay. Ob. L. G. 21. Januar 
1905.) D. R. pag. 108. Entsch. Nr. 445. 

§§ 1666, 1635. 

Das Vormundschaftsgericht darf Anordnungen 
nach§§ 1635, Abs. 1, Satz 2. 1636, Satz 2, 1637,1666, 
1667, 1670, 1760 Abs. 2 auch treffen, bevor ein 
Pfleger bestellt wurde. (R. G. 9. Febr. 1905.) 

D. R. pag. 195. Entsch. Nr. 858. 

§ 1666. 

Die Besorgniss künftiger Gefährdung des geisti¬ 


gen ödet leiblichen Wohles des Kindes rechtfertigt 
Massregeln im Sinne des § 1666 B. G. B. nicht. 

Die nach § 1666 B. B. G. zulässigen Massregeln 
setzen eine gegenwärtige Gefährdung des geistigen 
oder des leiblichen Wohles des Kindes voraus, die 
dadurch herbeigeführt wird, dass der Vater oder die 
Mutter das Kind vernachlässigt oder das Recht der 
Sorge für die Person des Kindes missbraucht Die 
anscheinend geringe Zuneigung der Mutter zu dem 
Kinde mag Anlass zu der Besorgniss^einer künftigen 
Gefährdung des Kindes geben, aber so lange das 
Wohl des Kindes nicht wirklich gefährdet ist, finden 
die nach § 1666 B. G. B. zur Abwendung der Ge¬ 
fahr zu treffenden Massregeln nicht statt. (Bay. Ob. 
L. G. 30. Juni 1905.) 

D. R. pag. 530. Entsch. Nr. 2119. 

§§ * 793 , 1800, 1631 Abs. 1. 

Der Vormund hat das Recht, geeignetenfalls den 
Mündel in einer von ihm zu bestimmenden Irren¬ 
anstalt unterzubringen. Das Vormundschaftsgericht 
ist befugt, im Wege vorläufiger Anordnung dem Vor¬ 
mund eine von diesem beabsichtigte Veränderung 
des Aufenthaltsortes des Mündels zu untersagen, falls 
die Veränderung das Interesse des Mündels gefährden 
würde und mit Rücksicht darauf die Entlassung des 
Vormundes in Aussicht genommen ist. 

D. R. pag. 510. Entsch. Nr. 2062. 

§ i 9 10 * 

Danach ist eine Verständigung mit dem Ge¬ 
brechlichen im Sinne des § 1910 dann möglich, 
wenn ihm die Absicht und Bedeutung der Pflegschafts¬ 
anordnung verständlich gemacht werden kann und 


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52 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 6. 


der Gebrechliche seinerseits im Stande ist, sich in 
einer dem Gerichte verständlichen Weise über sein 
Einverständniss mit der beabsichtigten Massregel zu 
äussern. Auch bei dieser Auffassung kann selbst¬ 
verständlich Geisteskrankheit nach ihrer besonderen 
Beschaffenheit eine Verständigung mit dem Kranken 
als nicht möglich erscheinen lassen; aber es kann 
nicht zugegeben werden, dass jede Geisteskrankheit 
im Sinne des § 104 Nr. 2 B. G. B. ohne weiteres 
die Möglichkeit einer Verständigung ausschliesst, es 
wird dies vielmehr in jedem einzelnen Falle be¬ 
sonderer Prüfung und Feststellung bedürfen. 

D. R. pag. 479. Entsch. Nr. 1905. 

§§ 1910, 1920. 

Die über einen Volljährigen wegen geistiger Ge¬ 
brechen angeordnete Pflegschaft ist auf den mit 
voller Erkenntniss der Sachlage gestellten Antrag des 
Mündels auch dann aufzuheben, wenn der Mündel 
vor der Anordnung nicht gehört ist, und das Vor¬ 
mundschaftsgericht weitere Fürsorge für geboten er¬ 
achtet. Es bleibt nur die Herbeiführung der Ent¬ 
mündigung statthaft. 

. . . Diesem Wesen der Pflegschaft und der Art 
der lediglich auf Unterstützung des Pflegebefohlenen 
gerichteten Rechtsstellung des Pflegers entspricht es 
wenn § 1920 B. G. B. bestimmt, dass eine solche 
Pflegschaft auf Antrag des Pflegebefohlenen von dem 
Vormundschaftsgericht aufzuheben ist (Motive zum 
1. Entw. Bd. 4 S. 1272). Es hat also, wenn der 
Pflegebefohlene die Aufhebung beantragt, diese ohne 
weiteres zu erfolgen, und es bedarf keinerlei Nach¬ 
weise über eine eingetretene Veränderung der Sach¬ 
lage, insbesondere auch nicht nach der Richtung, dass 
die geistigen Gebrechen des Pflegebefohlenen geheilt 
sind und der Pflegebefohlene wieder im Stande ist, 
seine Angelegenheit selbst zu besorgen. Dies gilt, 
da eine Ausnahme in dieser Beziehung nicht gemacht 
ist, auch dann, wenn, wie im vorliegenden Falle, die 
Anordnung der Pflegschaft ohne Einwilligung des 
geistig Gebrechlichen erfolgt ist. (Planck, Anm. 1 zu 
§ 1920 B. G. B., Anm. 3 zu Art. 210 E. G. zum 
B. G. B.) Ist der Pflegebefohlene trotz seines An¬ 
trags auf Aufhebung der Pflegschaft noch immer 
geisteskrank und ausser Stande, seine Angelegenheiten 
zu besorgen, so muss er entmündigt werden und 
einen Vormund erhalten; nicht aber darf er, ohne 
dass gemäss § 6 B. G. B. und in dem durch die 
§§ 645 ff. Z. P. O. geregelten Verfahren seine Ent¬ 
mündigung ausgesprochen worden ist, wider seinen 
Willen fortgesetzt unter Pflegschaft nach Maassgabe 
des § 1910 Abs. 2 B. G. B. gehalten werden. Dem¬ 
nach war, da der Beschwerdeführer sowohl in den 

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von ihm selbst gefertigten Beschwerdeschriften als 
auch in der von seinem bevollmächtigten Anwälte 
gefertigten weiteren Beschwerde mit zweifelloser Be¬ 
stimmtheit und voller Erkenntniss der Sachlage die 
Aufhebung der Pflegschaft beantragt hat, diesem An¬ 
trag ohne weiteres stattzugeben und beruhen die Ent¬ 
scheidungen der Vorinstanzen, welche die Aufhebung 
abgelehnt haben, weil die Pflegschaft auch ferner 
im Interesse des Beschwerdeführers geboten bezw. 
weil eine Besserung des geistigen Zustandes des 
Beschwerdeführers nicht nachgewiesen sei, auf Rechts¬ 
irrthum. (K. G. 26. Septb. 1904.) 

D. R. pag. 25. Entsch. Nr. 131. 

§ i9 ia 

Die in Absatz 3 des § 1910 erforderte Ein¬ 
willigung des Gebrechlichen in die Anordnung einer 
Pflegschaft kommt erst in Frage, wenn das Gebrechen 
festgestellt ist. Ist mit dem Gebrechlichen, weil er unter 
der Herrschaft von Wahnvorstellungen steht, die seine 
freie Willensbestimmung ausschliessen, eine Verstän¬ 
digung nicht möglich, so vermag sein Widerspruch 
die Anordnung der Pflegschaft nicht zu hindern. 

Die im § 1910 Abs. 3 B. G. B. erforderte Ein¬ 
willigung des Gebrechlichen in die Anordnung der 
Pflegschaft hat nicht die Bedeutung, dass ohne sie 
das die Fürsorge erforderlich machende geistige Ge¬ 
brechen nicht festgestellt werden könnte, sondern 
kommt erst in Frage, wenn das Gebrechen festge¬ 
stellt ist, die Pflegschaft soll dem Gebrechlichen nicht 
aufgedrängt werden. Die Vergleichung mit dem An¬ 
fechtungsrechte, das im Entmündigungsverfahren nach 
§ 664 C. P. O. auch dem Geisteskranken zusteht, 
trifft daher nicht zu. Der Beschwerdeführer ist über 
die Anordnung der Pflegschaft gehört worden, sein 
Widerspruch ist aber deswegen nicht für massgebend 
erachtet worden, weil angenommen wurde, dass in 
dieser mit seinen Beziehungen zu X. zusammenhängenden 
Angelegenheit seine freie Willensbestimmung durch 
die krankhaften Verfolgungsvorstellungen ausgeschlossen 
sei. Darin ist eine irrige Auffassung der Vorschriften des 
§ 1910 Abs. 3, des § 104 Nr. 2 und des § 105 B. G. B. 
nicht zu finden. Wenn der Beschwerdeführer in der 
Frage, ob er der Anordnung einer Pflegschaft zustimmen 
solle, unter der Herrschaft von Wahnvorstellungen 
stand, die seine freie Willensbestimmung ausschlossen, 
so war in dieser Angelegenheit eine Verständigung 
mit ihm nicht möglich, sein Widerspruch erschien 
nicht als das Ergebniss einer Verständigung, sondern 
als ein Ausfluss seiner krankhaften Vorstellungen und 
vermochte deshalb die Anordnung der Pflegschaft 
nicht zu hindern. (Bay. O. L. G. 6. Mai 1905.) 

D. R. pag. 314. Entsch. Nr. 1479. 

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1906.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 53 


§ 1911- 

Der Abwesenheitspfleger hat nicht die weitgehenden 
Befugnisse eines Vormundes. Die Geschäftsfähigkeit 
des Abwesenden bleibt, abgesehen von der Process- 
vorschrift des § 53 C. P. O., unbeschränkt bestehen 
( 0 . L G. Hamburg, 7. Februar 1905.) 

D. R. pag. 282. Entsch. Nr. 1325. 

§§ 2238, 2239, 2242, 2249. 

Die mündliche Erklärung des Erblassers braucht 
nicht in ausführlicher oder zusammenhängender Rede 
abgegeben zu werden, sie kann vielmehr auch auf 
dem Wege einer Rede und Gegenrede, Frage und 
Antwort zwischen dem mit der Aufnahme des Testa¬ 
ments betrauten Beamten und dem Erblasser zum 
Ausdruck gebracht werden. Hierbei ist die Be¬ 
nutzung, insbesondere die Vorlesung einer Nieder¬ 
schrift nicht schlechthin ausgeschlossen, sofern nur 
die Testamentsverhandlung sich so gestaltet, dass die 
mitwirkenden Personen, insbesondere beide Zeugen, 
aus der Verhandlung klar zu erkennen vermögen, 
was der Wille des Erblassers ist. (R. G. IV. C. S. 
13. April 1905.) 

D. R. pag. 594. Entsch. Nr. 2445. 

IV. Zivilprozessordnung. 

§ 46. 

Die Behauptung, dass der abgelehnte Richter 
wegen Nervenkrankheit nicht im Stande sei, seines 
Amtes zu walten, ist, weil dabei eine Besorgniss der 
Befangenheit, wie sie das Ablehnungsverfahren er¬ 
fordert, nicht in Frage steht, unbeachtlich. (O. L. G. 
Hamburg, 6. Dez. 1904). 

D. R. pag. 502. Entsch. Nr. 1969. 

§ 56 . 

Der in der Zustellung der Klageschrift an eine 
prozessunfähige (z. B. geisteskranke) Partei gelegene 
von Amtswegen zu berücksichtigende, prozessuale 
Mangel kann durch Genehmigung der Prozessführung 
seitens des nachher in den Prozess eingetretenen Be¬ 
rechtigten geheilt werden. Dies ergibt sich schon aus 
dei Bestimmung des § 579 Ziff. 4, Z. P. O. (O. L. G. 
Stuttgart. 10. VII. 1905). 

D. R. pag. 595. Entsch. Nr. 2453. 

§§ 62. 241. 246. 

Wegen Geisteskrankheit des einen Beklagten wurde 
das Verfahren gegen beide Beklagte ausgesetzt. (R. G. 
V. c. S. 12. VII. 1905). J. w. pag. 533. 

§ 73 . 

Die Beschwerde eines Entmündigten wegen der 
Art und Weise der gerichtlichen Erledigung seines 


Gesuchs um Beiordnung eines Anwalts behufs An¬ 
stellung der Klage auf Aufhebung der Entmündigung 
unterliegt nicht dem Anwaltszwang. (R. G. IV. 2. Mai 
1904). D. R. pag. 109. Entsch. Nr. 476. 

§ 9 1 * 

Auch eine sachverständige Partei bedarf eines 
Gutachters, da sie nicht Richter in eigener Sache sein 
darf; die Kosten sind daher zu erstatten. Bezüglich 
auffallender Höhe der Sachverständigenliquidation 
können Sachverständige höherer Ordnung über das 
zu der Erstattung des Gutachtens erforderliche Zeit- 
mass gehört werden. (R. G. VI. 6. April 1905). 

D. R. pag. 503. Entsch. Nr. 1974. 

§ 9 1 - 

Die Kosten eines vorprozessualen Privatgutachtens 
sind dann erstattungsfähig, wenn die Einziehung eines 
Gutachtens zur Vorbereitung einer sachgemässen 
Rechtsvertheidigung erforderlich war. (O. L. G. Frank¬ 
furt a. M., 17. April 1905). 

D. R. pag. 531. Entsch. Nr. 2143. 

§§ 128.295. 

An Stelle eines durch Beweisbeschluss ernannten 
Sachverständigen kann nicht ohne mündliche 
Verhandlung ein anderer Sachverständiger er¬ 
nannt werden. Auf die Rüge dieses Verstosses 
kann nicht verzichtet werden. 

Der Beweisbeschluss, da er nach § 359 Z. P. O. 
die Beweismittel unter Benennung der zu vernehmen¬ 
den Zeugen und Sachverständigen bezeichnen soll, 
gehört seinem ganzen Inhalt nach, auch in Bezug 
auf die Person des ernannten Sachverständigen, zu 
den eine mündliche Verhandlung erfordernden Ent¬ 
scheidungen. Der Mangel mündlicher Verhandlung 
über die Person des neuen Sachverständigen kann, 
auch wenn er in erster Instanz nicht in der nächsten 
mündlichen Verhandlung gerügt worden, noch in der 
Berufungsverhandlung gerügt werden. Denn die Vor¬ 
schriften über die Mündlichkeit des Verfahrens ge¬ 
hören zu denjenigen, welche unter den Abs. 2 des 
§ 295 Z. P. O. fallen. O. L. G. Colmar 10. März 1905. 

D. R. pag. 196. Entsch. Nr. 873. 

§ 144 - 

Das Gericht ist nicht gehindert, seine Entschei¬ 
dung auf ein nach § 144 Z. P. O. eingeholtes Gut¬ 
achten Sachverständiger zu stützen, auch wenn die 
Anordnung der Augenscheinseinnahme und der Be¬ 
gutachtung durch Sachverständige ergangen ist, ehe 
die Parteien zur Sache verhandelt haben. (R.G. I. C. 
S. 16. IX. 1905). 

D. R. pag. 595. Entsch. Nr. 2459. 


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54 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 6. 


§ 164- 

Die Vereidigung von Zeugen und Sachverständigen 
bildet einen Akt der Beweisaufnahme und ist nicht 
zu den Thatsachen zu rechnen, aus denen sich er- 
giebt, unter welchen für die Gültigkeit maassgeblichen 
Umständen eine mündliche Gerichtsverhandlung statt¬ 
gefunden hat; diese allein hat § 164 im Auge. (R. G. 
VI. 9. Febr. 1905). 

D. R. pag. 284. Entsch. Nr. 1353. 

§ 37 1 - 

Auch im Civilprozesse ist es zulässig, zum Zweck 
der Vornahme eines Augenscheins und der Begut¬ 
achtung durch Sachverständige die Exhumierung und 
Sektion einer Leiche auzuordnen, jedoch nur, wenn 
die Hinterbliebenen, die die Bestattung veranlasst 
haben, damit einverstanden sind. (O. L. G. Karlsruhe 
1. Mai 1905). D. R. pag. 532. Entsch. Nr. 2164. 

§ 33o. 

Nur der Richter darf die Ungehorsamsfolgen aus 
§ 380 Z. P. O. verhängen, der das Erscheinen des 
Zeugen angeordnet hatte und dessen Anordnung durch 
das Nichterscheinen verletzt worden ist. (O. L. G- 
Frankfurt a. M. 3. Nov. 1904). 

D. R. pag. 227. Entsch. Nr. 1041. 

§ 401 . 

Dem Zeugen sind die von ihm zur Entschuldi¬ 
gung seines Ausbleibens pflichtmässig aufgewendeten 
Kosten und die Auslagen für seine weiteren dieser- 
halb erforderlichen Eingaben und Beschwerden zu 
erstatten. (O. L. G. Marienwerder 9. Mai 1905). 

D. R. pag. 532. Entsch. Nr. 2166. 

§ 404 - 

Aus der Weigerung der im Eheherstellungsprozess 
beklagten Ehefrau, sich von dem vom Gericht er¬ 
nannten Sachverständigen auf ihren Geisteszustand 
untersuchen zu lassen, kann das Gericht die Folge¬ 
rung ziehen, dass die Frau den von ihr hinsichtlich 
des von ihr behaupteten Missbrauchs des Rechts des 
Ehemannes zu führenden Beweis nicht erbracht habe. 

Die zwei ernannten Sachverständigen sollten sich 
darüber äussern, ob und inwieweit sich die Beklagte 
in einem Zustande krankhafter Störung der Geistes- 
thätigkeit befindet. Den Sachverständigen sind durch 
Mittheilung der Prozessakten die Umstände des Falles 
bekannt gegeben worden. Wenn sie darauf erklärten, 
dass sie auf Grund des Aktenmaterials allein, ohne 
persönliche Unterredung mit der Beklagten das er¬ 
forderte Gutachten nicht erstatten könnten, so geben 
sie damit zu erkennen, dass sie ohne die von der 
Beklagten verweigerte persönliche Untersuchung ein 
zuverlässiges Gutachten über den Geisteszustand der 


Beklagten nicht abzugeben vermögen. Das Gericht 
war daher nicht verpflichtet, noch einen dritten Ver¬ 
such zu machen, ein lediglich auf den Inhalt der 
Akten sich gründendes Gutachten eines weiteren Sach¬ 
verständigen einzuziehen. (R. G. IV. 13. Febr. 1905). 

D. R. pag. 197. Entsch. Nr. 883. 

§ 404. 

Der Kläger, ein Masseur, erlitt durch Ausgleiten 
einen Unfall, indem er sich eine Muskelzerreissung 
am linken Fuss zuzog. Die beklagte Unfallversiche¬ 
rungsgesellschaft bestritt den Anspruch der Höhe 
nach. Das O. L. G. wies den Anspruch zum Theil 
ab, das R. G. hob auf: Insoweit der Berufungsrichter 
den von dem Kläger beigebrachten Privatgutachten 
gegenüber dem des gerichtlichen Sachverständigen 
eine geringere Bedeutung deshalb beigelegt hat, weil 
sie auf Erfordern einer Partei erstattet worden sind, 
kann sein Standpunkt nicht gebilligt werden. Sofern 
keine Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit eines 
Sachverständigen vorliegen, ist der Wert seines Gut¬ 
achtens nach dessen Begründung unter Berücksichti¬ 
gung der besonderen Sachkunde des Gutachters zu 
beurtheilen. Im vorliegendem Falle ergiebt sich gegen 
die auf das Gutachten des gerichtlichen Sachver¬ 
ständigen gestützte Entscheidung des Berufungsrichters 
ein besonderes Bedenken daraus, dass der vom Be¬ 
rufungsrichter zutreffend hervorgehobene Gesichts¬ 
punkt, dass der Begriff der Minderung der Erwerbs- 
thätigkeit im Sinne des Vertrages der Parteien ein 
relativer sei, in dem Gutachten des gerichtlichen Sach¬ 
verständigen keine ausreichende Berücksichtigung ge¬ 
funden hat. Zutreffend geht der Berufungsrichter 
davon aus, entscheidend sei die unter Berücksichti¬ 
gung des Beru fes und der früheren Leistungsfähigkeit 
des Klägers für diesen insbesondere einge¬ 
tretene Minderung der Erwerbsfähigkeit, er hat aber 
nicht beachtet, dass das Gutachten des gerichtlichen 
Sachverständigen nicht erkennen lässt, dass dieser die 
besondere Bedeutung, die der unbehinderte Gebrauch 
der Beine für den Kläger in seiner speciellen Berufs- 
thätigkeit hatte, genügend gewürdigt hat Ein näheres 
Eingehen auf diesen Gesichtspunkt tritt in dem Gut¬ 
achten des gerichtlichen Sachverständigen nicht her¬ 
vor, während der Sachverständige M. denselben mit 
Recht in den Vordergrund gerückt hat. Abgesehen 
von diesem Vorzug verdient das Gutachten des 
Letzteren besondere Bedeutung auch deshalb, weil 
er Specialarzt für Orthopädie ist, somit von ihm eine 
besondere Qualification für die hier erforderliche Be- 
urtheilung vorausgesetzt werden kann. (R. G. VII. 
C. S. 16. Juni 1905). J W. pag. 537. 


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1906] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


55 


§§ 404. 411. 286. 

Auch wenn die Gutachten der hisher vernommenen 
Sachverständigen auseinandergehen, brauchen nicht 
weitere Sachverständige vernommen zu werden. 

In der Bestimmung der Zahl der Sachverständigen 
haben die Gerichte nach § 404 Z. P. O. freie Hand. 
Daran wird auch durch den Umstand nichts geändert, 
dass die Ansichten der Sachverständigen in dem vor¬ 
liegenden Gutachten auseinandergehen. Das Be¬ 
rufungsgericht war nach § 412 Z. P. O. nicht schon 
deswegen verpflichtet, dem Antrag auf Anhörung 
weiterer Sachverständigen stattzugeben, es hätte viel¬ 
mehr in Gemässheit des § 286 Z. P. O. nach 
freier Ueberzeugung darüber zu befinden, ob die 
einen oder die anderen Gutachten in Verbindung 
mit den sonstigen Ergebnissen der Beweisaufnahme 
für genügend zu erachten waren. (Bayer. O. L. G. 
21. Juni 1905. D. R. pag. 434. Entsch, No. 1780. 

§ 4 ° 4 - 

Das Gericht ist nach dieser Bestimmung befugt, 
soweit es sich um die beantragte erneute Begutach¬ 
tung technischer Fragen handelt, einen weiteren 
Sachverständigenbeweis abzulehnen. (R. G. VII. 11. 
Juli 1905.) D. R. pag. 503. Entsch. Nr. 1995. 

§§ 404.406. 

Nach dem Inhalte des Beschlusses vom 28. Ok¬ 
tober handelt es sich, was die Vernehmung der 


beiden . . . betrifft, überall nicht mehr um ein Gut¬ 
achten, das sie als Sachverständige abzugeben hätten, 
sondern um eine Bekundung, die sie als Zeugen zu 
machen haben, freilich als sogenannte sachkundige 
Zeugen, die aber nach § 414 Z. P. O. wahre Zeugen 
sind. Zeugen aber können nicht als befangen abge¬ 
lehnt werden. Nun macht der Kl. freilich geltend, 
dass der Beweisbeschluss auch in der eingeschränkten 
Fassung immer noch Fragen enthalte, bei denen es 
sich nicht um die Bekundung vergangener Thatsachen 
oder Zustände, sondern um eine blosse Begutachtung 
handle. Hierauf kann indes nicht eingegangen werden. 
Sollte der Beweisbeschluss in der That noch Punkte 
enthalten, die nur Gegenstand eines Sachverständigen - 
beweises sein können, so würde die Anordnung einer 
Zeugenvernehmung hierüber allerdings gegen das Ge¬ 
setz verstossen. . . . (R. G. I. 30. Nov. 1904.) 

• J. W. pag. 116. 

§§ 406.414. 

Die Ablehnung eines benannten sachverständigen 
Zeugen hat nicht nach den Grundsätzen über die 
eines Sachverständigen zu erfolgen. (R. G. II. 15. Nov. 
1904.) J. W. pag. 28. 

§§ 40 6. 548. 

Ueber ein Gesuch um Ablehnung eines Sachver¬ 
ständigen ist durch Beschluss, nicht im Urtheil zu 

befinden. (R. G. 7. Febr. 1905.) J. W. pag. 209. 

(Schluss folgt.) 


Mittheilungen. 


— Am 2 5. April verschied in Strassburg i. E. der 
uns allen bekannte und von uns allen verehrte Geh. 
Hofrath ProfessorDr. Fürstner an den Folgen einer 
schweren Form von Zuckerkrankheit. Ein Nachruf, 
der unserer Trauer über den Verlust eines unserer 
ersten Psychiater würdigen Ausdruck verleihen und 
seine Persönlichkeit uns noch einmal vor Augen führen 
wird, erscheint in Kürze in dieser Zeitschrift 

— Uchtspringe. Für den vom 7. bis einschliess¬ 
lich 19. Mai hierselbst stattfindenden klinischen 
KursderPsychiatrie können weitere Anmeldungen, 
wenigstens von Herren, die auch hier wohnen wollen, 
nicht mehr entgegengenommen werden, da die Zahl 
der Theilnehmer bereits 38 beträgt Besonders stark 
ist die Betheiligung von Seiten der Herren Sanitäts¬ 
offiziere. Während am vorjährigen Kurs 3 active 
Sanitätsoffiziere, je ein Oberstabsarzt, Stabsarzt und 
Oberarzt theilnahmen, sind für diesmal von der preussi- 
schen Armee und der kaiserlichen Marine angemeldet 
10 Herren: 1 Oberarzt, 4 Stabsärzte, 5 Oberstabs¬ 
ärzte, davon 3 von der kaiserlichen Marine. Das 
grosse Material der Anstalt mit ca. 1400 Kranken, 
namentlich auch der Umstand, dass ausser den eigent¬ 
lichen Geisteskranken hier viele Hunderte von jugend- 

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liehen Epileptikern und Schwachsinnigen in Beobach¬ 
tung und Behandlung stehen, dürfte gerade für die 
psychiatrische Weiterbildung der Herren Sanitätsoffiziere 
besonders günstig sein. Der klinischen Vorstellung, 
welche täglich 2 volle Stunden dauert, wird folgende 
Eintheilung zu Grunde gelegt: 

I. Auf Entwickelungshemmung beruhende Defect- 
zustände: Idiotie, Imbecillität, Kretinismus (Myxidiotie). 

II. Nachträglich einsetzende Verblödungsprocesse: 
Lähmungsirresein — Dementia paralytica. Früh Ver¬ 
blödung — Dementia praecox (hebephrene, katatonische 
paranoide Form). Altersverblödung — Dementia senilis. 
(Postapoplectische, arteriosclerotische, posttraumatische 
Demenz.) 

III. Infections- und autotoxische Psychosen (De¬ 
lirien, Amentia, thyreogene Psychosen etc.). 

IV. Alkohol-, Alkaloid- und andere Vergiftungs- 
Psychosen. 

V. Neuro-Psychosen: Hysterie, Epilepsie, trau¬ 
matische Neuro-Psy chose, Neurasthenie, Hypochondrie. 

VI. Einfache Seelenstörungen: Melancholie, Manie, 
Cirkuläres Irresein, Hallucinatorisches Irresein, Para¬ 
noia (acuta, chronica, quaerulatoria). 

VII. Psychopathische Minderwerthigkeiten. 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 6. 


Der grosse und mannigfaltige Krankenbestand der 
Anstalt, welcher vor und während der Kurszeit die 
sämmtlichen Neuaufnahmen der Provinz durch den 
Herrn Landeshauptmann zugewiesen werden, gestattet 
es unter Anlehnung an diese Eiiitheilung die sämmt¬ 
lichen typischen Formen des Kranksinns vorzustellen. 
Die mit der Anstalt verbundene Poliklinik ermöglicht 
es auch die leichteren Formen geistiger Störung, nament¬ 
lich die auf dem Boden einer anderen körperlichen 
Krankheit erstehenden und einer somatischen Be¬ 
handlung besonders zugängigen Neuropsychosen vor¬ 
zuführen und die ausserhalb der Anstalt dem Arzt 
bei Behandlung und Verhütung derartiger Krankheiten 
erwachsenden Aufgaben zu besprechen. Den Er¬ 
krankungen der Stoffwechselorgane, welche unverkenn¬ 
bar für manche Geistesstörungen bedeutungsvoll sind, 
wird in der klinischen Vorstellung besondere Auf¬ 
merksamkeit zugewandt. Einen Ueberblick über den 
heutigen Stand der Lehre vom Stoffwechsel in ge¬ 
sunden und kranken Tagen und über die einschlägigen 
Untersuchungsmethoden giebt ein von dem Vorstand 
des Stoffwechsellaboratoriums, Oberarzt Dr. Hoppe, 
abgehaltener besonderer Demonstrationskurs über Stoff¬ 
wechseluntersuchungen und deren Anwendung und 
Bedeutung in der neurologisch-psychiatrischen Praxis. 


Referate. 

— Archivos Brasileiros de Psycliiatria, 
Neurologia e sciencias affins, fundados pelos 
Dos. Juliano Moreira e Afranio Peixoto, 
publicados no Hospicio Nacional de Alienados, Rio 
de Janeiro-Brasil .1905. 

Mit dem April 1905 hat obiges psychiatrisches 
Archiv zu erscheinen begonnen, die erste Zeitschrift 
derart in Brasilien. Sie erscheint in 6 Heften jähr¬ 
lich, in sehr guter Ausstattung und die 2 vorliegenden 
Hefte (April, Juli) erwecken sehr günstige Hoffnungen 
auf ein weiteres Fortschreiten. Die Mitarbeiter sind 
sämmtlichBrasilianer und der 1. Herausgeber: Dr. Mo¬ 
reira ist zugleich Director der grossen Irrenanstalt 
zu Rio de Janeiro, des Hospicio Nacional de Aliena¬ 
dos. Er und Peixoto eröffnen Nr. 1 mit einer sehr 
interessanten Studie über die Paranoia und die para¬ 
noiden ,,syndromes“, ganz sich an Kraepelin an¬ 
lehnend. Auch sie finden die echte Paranoia nur 
sehr selten, und zwar nur in 2 1 /2% aller Fälle. Die 
Prodromalzeit theilen sie in drei Stadien ein: in das 
der primitiven oder originären „Autophilie“, 2. die 
Nichtanpassungsfähigkeit an das Milieu und 3. die 
Reaction gegen dasselbe, woraus schliesslich aktiver 
oder passiver oder aktiv - passiver Verfolgungswahn 
entsteht. Den Grund bildet immer die Autophilie. 
Eine Reihe von Krankengeschichten illustriren die 
Arbeit. Dann studirt Afranio Peixoto das manisch- 
depressive Irresein, ebenfalls ganz im Kraepe- 
1 in’sehen Sinne. In dem Hospicio Nacional in Rio 
fand er 6,0% hierhergehörige Kranke (bei Kraepelin 
10—15°/°); die Geschlechter waren hier ziemlich 


gleich vertheilt. Auch bez. des Alters giebt es Diffe¬ 
renzen mit Deutschland. Mehr als die Hälfte der 
Kranken sind Weisse, mehr als ein Viertel: Mestizen, 
mehr als ein Sechstel: Neger. Die Krankheit ist eine 
„Dyscoenästhesie“, eine totale Störung des „tonus vi- 
talis“. Das Vorwiegen der Manie über die Melancholie 
war wie 1:2,76. Figueira beschreibt einen der so 
überaus seltenen Fälle von Kl ein himgesch wulst (wahr¬ 
scheinlich ein Gliom) bei einem 4jährigen Knaben. 
Moreira giebt die Geschichte der Irren Versorgung 
in Brasilien, worauf Peixoto das Hospicio Nacional 
in Rio beschreibt. Darüber, wie auch über das Irren¬ 
wesen hat Moreira in dieser Wochenschrift schon 
berichtet. Im ganzen wurden hier im Jahre 1904 
1806 Kranke beobachtet, mit 10,8% Sterbefällen, bei 
einem Bestände am 1. Januar 1904 von 871 Kranken. 
Am höchsten war alkoholische Psychose vertreten: 
23,9%, dann Dementia praecox: 12%, Hysterie: 
10,8%, Epilepsie 10,6%, Paralyse 2,4%. — Char- 
dinal studirt das Gesichtsfeld der Epileptiker zwischen 
den Anfällen und kommt zu ähnlichen Ergebnissen 
wie Ottolenghi. Dann folgt eine kurze Bibliographie. 
— Im 2. Hefte schreibt Austregesilo über tics 
überhaupt und speciell über einen Fall von Brissaud’s 
veränderlicher Chorea. Er trennt sie scharf von der 
maladie des tics von Gilles de la Tourrette. Schliess¬ 
lich lassen sich seiner Meinung nach alle Fälle in 
Kraepelins Dementia praecox catatonica unterbringen. 
Roxo publizirt einen Theil einer Vorlesung über das 
Nervensystem. Moreira giebt einen sehr schönen 
Ueberblick über die Versorgung der Epileptiker über¬ 
haupt. Estrada studirt die Tetanie und will alle 
Fälle auf parathyroide Störungen zurückführen. End¬ 
lich beginnt in diesem Hefte die Darstellung der 
Kraepelin’schen Systematik der Psychosen mit 
kurzen Darstellungen der verschiedenen Formen durcli 
Moreira und Peixoto. — Man sieht schon daraus 
die Reichhaltigkeit der Veröffentlichungen. Auch die 
Hefte 3 und 4 sind lesenswerth. 

N äc ke. 


Druckfehlerberichtigung. 

Die Mittheilung in No. 4 der Psychiatrisch-Neurologischen 
Wochenschrift über die Aufsichtsrathssitzung Rheinische Volks¬ 
heilstätte für Nervenkranke Roderbirken enthält folgende Druck¬ 
fehler: 

Zunächst heisst unsere Heilstätte nicht „Rodenkirchen*\ 
sondern * Roderbirken“, die zukünftige Männerheilstätte liegt 
nicht in „Gross-Hedden“, sondern in „Gross-Ledder“, der 
Düsseldorfer Kommerzienrath heisst nicht „Nöllau“, sondern 
„Möhlau“, der Oberpräsident nicht „Schorlemer-Liefer“ son¬ 
dern „Schorlemer-Lieser“. Unsere Oberin schreibt sich mit 
,.ck“. Die Vermehrung der Bettenzahl um 45 ist nicht durch 
Ausbau der Dachgeschosse „des“ Krankenpavillons, sondern 
„dreier“ Krankenpavillons erzielt. 

Es wurde nicht ein „ Ein familien-Beamtenwohn haus“, son¬ 
dern ein „Vierfamilienhaus“ erbaut. 

Schliesslich kann ich noch mittheilen, dass die feierliche 
Einweihung nicht „Mitte Mai *, sondern am 28. Mai erfolgen 
soll. Dr. Beyer. 

Anm. d. Red. Diese Druckfehler waren auch in der ent¬ 
sprechenden Notiz der Tageszeitungen vorhanden, deren Be¬ 
richtigung nicht minder erwünscht wäre. 


Für den rcdactioncllen Theil verantwortlich : Oberar/t Dt. J. Bresler. Lublimtz iSchesien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage, vor der Ausgabe. — Verlag von Dari Marholdin Halle a. S. 

Heyneinann'sche Buchdruckerei (Gebr. Woitt) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

. . Lublinitx (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adreae: Mnrho Id Verlag, Hai lesaale. Fernsprecher 833. 

Nr. 7. . 12 . Mai. 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermäsmgung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Job. Bresler, Lublinitz (Schlesien), zu richten. 


Oswald Alving. 

Randglossen zu Ibsens „Gespenstern“. 
Von Dr. Boege, Owinsk. 


\\ 7 er da weiss, dass in dem Geistesleben wohl 
^ ' jedes gesunden Menschen mehr oder weniger 
abnorme Züge Vorkommen und dass gerade bei geistig 
bedeutenden Menschen diese abnormen Züge sich 
mehren und oft ausgesprochen krankhaft werden, der 
wird die Versuche von Irrenärzten, das Leben und 
die Werke schöpferisch thätiger Männer, die schon 
dem Laien erkennbare Abnormitäten geboten haben, 
mit ihrem Fachwissen zu durchsuchen, dankbar aner¬ 
kennen. Gleichwohl haben Kritiker und Aesthetiker 
von Fach vielfach gar zu gern auf derartige Versuche 
mit hochmüthigem Lächeln und stolzer Verachtung 
herabgesehen; sie halten es für eine Entwürdigung 
oder gar Beschimpfung des Meisters, wenn patholo¬ 
gische oder psychopathische Züge an ihm entdeckt 
werden. Und doch hat wohl keiner schärfer als 
Moebius — das unerreichte Vorbild für derartige 
Untersuchungen — betont*), dass lediglich aus der 
Erkenntniss, ein Autor habe krankhafte Züge geboten 
oder sei geisteskrank gewesen, für den Kritiker noch 
niemals das Recht erwachse, ein Werk des Autors 
anzugreifen oder herabzusetzen. — Vorurtheilsfreie 
Leute werden derartige irrenärztliche Beiträge stets 
als das betrachten, was sie sein sollen: nicht als 
Schmähung des Autors, sondern als Versuch, zum 
Verständniss seiner Person und seiner Werke beizu- 
steuem. Und ebenso unbestritten werden sie dem 
Irrenarzt das Recht zugestehen und für dessen Aus¬ 
übung Dank wissen, dass er von einem Dichter ge¬ 
schaffene Personen seiner fachärztlichen Begutachtung 
unterzieht, zumal wenn der Dichter selbst sie als 
geisteskrank bezeichnet. 

Ein solcher Geisteskranker ist Oswald Alving in 
Ibsens „Gespenstern“. An ihm will Ibsen ähnlich 

*) „Das Pathtfogijclje 


wie an Dr. Rank in der „Nora“ das rücksichtslos 
grausame Gesetz zeichnen, dass die Sünde der Väter 
an den Kindern heimgesucht werde. Der Dichter 
soll ein Erzieher des Volkes sein und so hat er das 
Recht, socialmedicinische Fragen auf der Bühne oder 
im Roman zur Sprache zu bringen, selbst wenn ihre 
Nacktheit nicht gerade schön anmuthet 

Oswald Alving ist ein 26—2 7 jähriger Kunstmaler, 
der einzige Sohn des verstorbenen Hauptmanns, 
Kammerherrn und Grundbesitzers Alving. Er ist von 
Seiten seines Vaters schwer belastet. Sein Vater war 
von Hause aus ein wohlhabender Mann. Er war 
zuerst Offizier gewesen und hatte als solcher die 
nachmalige Mutter Oswalds, ein armes Mädchen, ge- 
heirathet. Später zog er sich auf seine Güter zurück. 
Er starb nach neunzehnjähriger Ehe, als Oswald 
ib—17 Jahre alt war. Er galt allgemein als ein 
ausserordentlich „thätiger und würdiger“ Mann, der 
seine Zeit und Kraft auf die Vermehrung seines Ver¬ 
mögens und die Verbesserung seiner Güter verwandte. 
Dabei hatte er ein „herzgewinnendes“ Wesen. Es 
schien, als konnte niemand anders als gut von ihm 
denken. Doch war er einer jener Menschen, deren 
Ruf besser als ihr Leben ist. Seinen Bekannten galt 
er als ein „unendlich lebenslustiger Mensch“. Sein 
Hausfreund Pastor Manders, wusste zwar, dass er 
vor seiner Ehe sich mannigfacher ,,Ausschweifungen“ 
schuldig gemacht hatte, aber Alvings wahren Charakter, 
seinen leichtsinnigen ruchlosen Lebenswandel, seine 
Excesse in Baccho und Venere, auch während der 
Ehe, kannte nur seine Frau und sein Arzt. Ob Alving 
eine luetische Infection gehabt hat, ist zwar nicht 
bekannt, aber bei seinem Lebenswandel nicht unwahr¬ 
scheinlich. Seine Frau hatte ihn ohne Neigung ge- 
heirathet. Ihre Mutter und Tanten hatten für sie das 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 7 


„Rechenexempel gemacht“, hatten ihr auseinanderge¬ 
setzt, dass es Wahnsinn wäre, wollte sie den Antrag 
ausschlagen. Sie war eine gewissenhafte, nachsichtige 
und doch energische Frau, und später eine gute Mutter. 
Sie hatte schwer unter den Rücksichtslosigkeiten und 
Ausschweifungen ihres Gatten zu leiden, und so ver- 
liess sie eines Tages sein Haus, ging „wie im Wahn¬ 
sinn“ zu Pastor Manders, ihres Mannes Hausfreund, 
den sie aufrichtig geliebt zu haben scheint, und bot 
sich ihm an mit den Worten „hier bin ich, nimm 
mich“. Nur mit Mühe gelang es diesem, die aufge¬ 
regte Frau zum Manne zurückzuführen. — Nach 
zweijähriger Ehe wurde ein Sohn, Oswald geboren. 
Schon vor der Geburt war Alving ein „gebrochener 
Mann“. Nach der Geburt besserte er sich vorüber¬ 
gehend, bald jedoch wurde es schlimmer als je zuvor. 
Seine Frau musste Tag für Tag „kämpfen, damit 
niemand erfuhr, welch ein Mensch der Vater ihres 
Kindes sei“. Dabei galt sie als der schuldige Theil, 
denn sie war ja die „fortgelaufene Frau“, die „gegen 
ihren Gatten ein Verbrechen begangen hatte“, sie 
war, „die schuldbeladene Mutter“. — Sie musste Ge¬ 
nosse seiner einsamen Gelage sein, sie musste mit 
ihm anstossen und trinken, musste seine sinnlosen 
Reden hören, ihn ins Bett schleppen, ihn pflegen, 
wenn er in Jammer und Krankheit zusammenfiel. 
Als er es aber gar zu schlimm trieb, als er seine 
eigene Magd im eigenen Hause verführte, da nahm 
s i e die Gewalt in die Hand. Von da an führte sie 
völlig das Regiment im Hause, Alving galt aber auch 
jetzt noch nach aussen als der Verwalter und Mehrer 
seiner Güter. 

Nach dieser Beschreibung müssten wir Alving, als 
einen schwer Degenerirten bezeichnen, bei dem der 
Alkohol das übrige gethan hat, um die Persönlich¬ 
keit vollends zu vernichten. 

Von diesem moralisch defecten, körperlich und 
geistig völlig gebrochenen Vater und von dieser treff¬ 
lichen, körperlich und geistig durchaus gesunden Mutter 
stammt Oswald. — Oswald hat nur die ersten 7 
Lebensjahre in seinem Vaterhause verlebt. In jene 
Zeit fällt ein Ereigniss, das auf ihn nachhaltigen Ein¬ 
druck gemacht hat. Der Vater liess eines Tages in 
lustiger Stimmung den Sohn „aus der Pfeife rauchen, 
rauche mein Sohn, rauche tüchtig“. Und Oswald 
rauchte aus aller Kraft, bis er fühlte, wie er bleich 
wurde und der Schweiss ihm in grossen Tropfen auf 
der Stirn stand. Da lachte der Vater so „herzlich“. — 
Die Mutter schickte den Sohn im siebenten Lebens¬ 
jahre fort, damit er nicht in dem besudelten ent¬ 
weihten Heim Gift einsauge. 10 Jahre lang, so lange 
der Vater lebte, betrat er sein Heimathhaus nicht. 

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Wo er seine Jugend verlebt hat, ist nicht bekannt. 
Er wuchs auf in hoher Achtung und Verehrung seines 
ihm wenig bekannten Vaters, die Mutter selbst hatte 
in ihren Briefen diese Vorstellungen in ihm geweckt 
und genährt. Seine Mutter liebte er innig. Wenn 
er später einmal sagt: „Dir müsste es gleichgültig 
sein, ob ich lebe oder nicht, denn du hast ja früher 
so gut ohne mich leben können;“ so dürfen wir 
diese Aeusserung wohl ohne Bedenken auf Rechnung 
seiner Erkrankung setzen. Er wurde Kunstmaler, 
bildete sich in Paris und Rom aus und fing bereits 
an, sich einen Namen zu machen, als seine Er¬ 
krankung ihn am Weiterarbeiten hinderte. Er liebte 
den heiteren und geselligen Verkehr mit seinen Ka¬ 
meraden; von Ausschweifungen hielt er sich stets 
zurück. Seine Mutter sagt: „Seinen innem und 
äussern Menschen hat er unverderbt bewahrt“. Er 
selbst sagt in einem Zusammenhang, dass wir w'eder 
an der subjectiven noch objectiven Wahrheit seiner 
Worte zweifeln können: „Ich habe niemals ein stür¬ 
misches Leben geführt. In keiner Beziehung. Das 
habe ich nie gethan!“ 

Bald nach seinem ersten Besuch in der Heimath, 
zwei Jahre, bevor wir Oswald kennen lernen, hat seine 
geistige Erkrankung begonnen. Schon in der Jugend 
hatten ihn oft Kopfschmerzen gequält, sonst ist über 
körperliche oder geistige Erkrankungen oder auffallende 
Charakterzüge nichts von ihm bekannt. Zu Beginn 
der Erkrankung lebte er in Paris. Damals „bekam 
er die heftigsten Kopfschmerzen — meistens im 
Hinterkopf, wie es ihm schien. Es war als würde 
ihm ein enger Eisenring um Nacken und Kopf ge¬ 
schraubt.“ Er wollte gerade zur Zeit ein neues 
grossses Bild beginnen, aber et konnte nicht mehr 
arbeiten. Es war, als hätten ihm alle Kräfte verlassen; 
er war wie gelähmt, er konnte sich nicht mehr zu 
festen Vorstellungen sammeln, ihm schwindelte, alles 
ging im Kreise. Er wandte sich an einen Arzt, und 
dieser scheint ihm auf dringendes Verlangen die 
Wahrheit gesagt zu haben. Der Arzt behauptete, 
schon seit seiner Geburt habe er diese wurmstichige 
(„vermoulu“) Stelle, die Sünden der Väter würden 
an den Kindern heirngesucht. Oswalds Versicherungen 
von der Unmöglichkeit dieser Behauptung wollte der 
Arzt zunächst durchaus keinen Glauben schenken, und 
erst als er die Briefe der Mutter zu lesen bekam, ging 
er von seiner Meinung ab und sagte zu Oswald: dann 
sei sein Leiden selbstverschuldet, er hätte sich fern- 
halten sollen von dem jubelnden glücklichen Jugend¬ 
leben mit den Kameraden; es sei für seine Kräfte 
zu stürmisch gewesen“. Die Krankheit bezeichnete 
er als eine „Art Weichheit im Gehirn“. — In Paris 

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1906.1 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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hatte Oswald einen ersten und bis jetzt einzigen An¬ 
fall. Der Anfall ging schnell vorüber. Aber als er 
erfuhr, was mit ihm vorgegangen, da kam die rasende, 
jagende Angst über ihn und er reiste so schnell wie 
möglich nach Hause. 

Jetzt, da wir Oswald kennen lernen, ist er bereits 
zwei Tage zu Hause. Er ist kurz vor dem Fest 
angekommen, d$s Frau Alving am zehnten Jahrestag 
von ihres Gatten Tode feiern will. Um alle Zweifel, 
die betreffs des Verstorbenen bestehen könnten, aus 
dem Wege zu räumen, hat sie beschlossen, an diesem 
Tage ein „Kinderasyl zu Hauptmann Alvings ewigem 
Gedächtnisse einzuweihen. 

Ueber Oswalds Aussehen erfahren wir wenig. 
Müde wird er genannt und müde fühlt er sich. Ob 
daran lediglich die weite Reise, die er ohne Unter¬ 
brechung zurückgelegt hat, die Schuld trägt, ob 
die Erkrankung die Müdigkeit vergrössert hat, ist 
schwer zu sagen. Seine Stimmung ist entschieden 
gediückt, aber wohl weniger primär als secundär 
infolge seines klaren Krankheitsbewusstseins. Er 
selbst führt anderen Personen gegenüber seine 
Verstimmung auf die trübe Witterung zurück. Zu 
keiner rechten Unternehmung hat er Lust, alles lässt 
ihn gleichgültig. Nur zum Alkohol, zu Liqueur und 
kaltem Punsch hat er Verlangen. Er ist durchaus 
klar und geordnet. Sein Gedächtniss für nähere und 
fernere Vergangenheit ist nicht geschwächt. Auch 
seine Auffassung und Merkfähigkeit weisen gröbere 
Mängel nicht auf. Wenn er zwei mal hintereinander 
an die Mutter zu deren Verwunderung die gleiche 
Frage richtet „wo ist Pastor Manders“, so ist dies 
mehr ein Mangel an Aufmerksamkeit, der in seiner 
desolaten Stimmungslage begründet sein dürfte. „Es 
ist keine gewöhnliche Müdigkeit . . . Mutter, ich bin 


geistig gebrochen, — vernichtet, — ich kann niemals 
wieder arbeiten! . . . Niemals wieder arbeiten können! 
Niemals! — niemals. Lebendig tot sein! Mutter, 
kannst du dir etwas so Entsetzliches vorstellen?“ Zu 
dieser Gewissheit kommt seine (irrthümliehe) Annahme, 
dass die Krankheit selbstverschuldet sei „diese Qualen 
— diese Reue — und dann die furchtbare, tötliche 
entsetzliche Angst“. Gegenüber Fremden weiss er 
sich trotz alledem ganz gut zu beherrschen, und nur 
der Mutter schüttet er sein Herz aus. Ihr eröffnet 
er auch seinen Plan, Regine, deren Abkunft er nicht 
kennt, zu heirathen. Sie ist dem erwähnten Ver- 
hältniss des verstorbenen Alvings mit seiner Magd 
entsprungen und von Frau Alving im Hause als 
Pflegetochter erzogen worden. Auf einer aufrichtigen 
ehrlichen Zuneigung scheint dies Verhältniss Oswalds 
zu Regine nicht zu beruhen; viel eher dürften krank¬ 
hafte Momente im Spiele sein. Das Verlangen, Re¬ 
gine an sich zu ketten, ist darum so verwunderlich, 
weil er bei seiner klaren Krankheitseinsicht die Zu¬ 
kunft, die ihm bevorsteht, so sicher voraus weiss. Ob 
der Grund, den er kurz vor seinem völligen Zusammen¬ 
bruch andeutet, der wahre Grund ist, ist auch nicht 
sicher: „Wenn das Entsetzliche über mich gekommen 
wäre, und sie hätte mich hilflos daliegen sehen wie 
ein kleines Kind, unrettbar, verloren, hoffnungslos — 
keine Rettung möglich . . . Regine würde es gethan 
haben (d. h. hätte ihm 12 Morphiumpulver gegeben, 
die er sich zusammengespart hatte) Regine war so 
wunderbar leichtsinnig. Und sie wäre auch bald müde 
geworden, einen Kranken wie mich zu pflegen“. Wenn 
Oswald vor der ihm drohenden Verblödung aus dem 
Leben scheiden wollte, brauchte er keine fremde 
Hülfe, um die tötlichen Pulver zu nehmen. 

(Schluss folgt.) 


Wichtige Entscheidungen auf dem Gebiete der 
gerichtlichen Psychiatrie. V. 

Aus der Litteratur des Jahres 1905 zusammengestellt 
von Ernst Schul tue. 


§ 471 . 

Der Anwendung der Vorschrift, durch die 
eine Entscheidung auf Grund Eidesabnahme von 
geistig unfähigen Personen vermieden werden soll, 
steht der Umstand nicht entgegen, dass der Eid ge¬ 
leistet ist. (R. G. II. 20. Dez. 1904.) 

D. R. pag. 137. Entsch. Nr. 620. J. W. pag. 88. 

§ 645 ff- 

Die Anträge auf Entmündigung wegen Geistes¬ 


krankheit (Geistesschwäche) und wegen Verschwen¬ 
dung können nicht miteinander verbunden werden. 
(O. L. G. Rostock, 31. Jan. 1905.) 

D. R. pag. 284. Entsch. Nr. 1367. 

§ 650. 

Die Ueber Weisung der Verhandlung und Ent¬ 
scheidung an das Amtsgericht des Aufenthaltsortes 
des zu Entmündigenden mit Rücksicht auf dessen 
Verhältnisse ist dann nicht erforderlich, wenn die 


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6o 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 7. 


Vernehmung durch den entscheidenden Richter 
keine wesentlich erhöhte Bedeutung für die Ent¬ 
mündigung gegenüber der Vernehmung durch er¬ 
suchten Richter haben wird. (O. L. G. Jena, 28. April 
1904.) D. R. pag. 198. Entsch. Nr. 889. 

§ 650. 

Der Umstand, dass der zu Entmündigende in 
einer Irrenanstalt untergebracht ist, rechtfertigt für 
sich allein noch nicht die Ueberweisung der Ver¬ 
handlung und Entscheidung einer Entmündigungssache 
an dasjenige Amtsgericht, in dessen Bezirk die Irren¬ 
anstalt gelegen ist. (O. L. G. Colmar, 12. April 1905.) 

D. R. pag. 316. Entsch. Nr. 1502. 

§§ 654. 671. G. V. G. § 172 Abs. 1. 

Das L. G. hat auf Aufhebung des Entmündigungs¬ 
beschlusses erkannt. Die Berufung der Staatsanwalt¬ 
schaft ist zurückgewiesen. Auf Revision des Ober¬ 
reichsanwalts hob das R. G. auf: die Revision hat 
darauf hingewiesen, dass Kl. vor dem B. G. nicht 
persönlich unter Zuziehung von Sachverständigen ver¬ 
nommen ist. Diese Rüge durfte nicht unbeachtet 
bleiben. Zwar findet sich in dem Thatbestande des 

t 

Berufungsurtheils die Bemerkung, dass nicht nur der 
kl. Anwalt, sondern auch der Kläger selbst, welcher 
in der mündlichen Verhandlung vor dem B. G. gleich¬ 
falls erschienen war, und zwar der Kl. im Anschluss 
an seine Darlegungen in einem zu den Gerichtsakten 
gebrachten Schriftstück den An- und Ausführungen 
der Gegenseite widersprochen habe. Hierbei kann 
es sich jedoch nur darum gehandelt haben, dass in 
Beachtung des § 137, Abs. 4 Z. P. O. neben dem 
Prozessbevollmächtigten auch dem Kl. selbst das Wort 
ertheilt worden ist. Den Anforderungen, welche die 
§§ 654 und 671 der Z. P. O. sowie § 172, Abs. 1 
G. V. G. an die vorgeschriebene Vernehmung des 
Entmündigten stellen, ist damit nicht genügt. Denn 
unter dieser Vernehmung hat man nicht eine von 
dem Entmündigten in seiner Eigenschaft als Anfech¬ 
tungski. übernommene eigene Begründung der ge¬ 
stellten Sachanträge zu verstehen, wobei es dem 
Kläger freistände, seine Erklärungen nach eigenem 
Ermessen so zu gestalten, wie es der Wahrnehmung 
seiner Parteirechte entspricht, sondern es kommt dar¬ 
auf an, nach richterlichem Ermessen durch eine Be¬ 
fragung des Entmündigten Anhaltspunkte für eine auf 
richterlicher Anschauung beruhende Beurth eil ung seines 
Geisteszustandes zu gewinnen. Und damit diesem 
Zwecke entsprechend die auf dem Gebiete des Irren- 
wesens gesammelten Erfahrungen hierbei eine ge¬ 
eignete Verwendung finden, hat sich das Gericht der 
Beihülfe Sachverständiger zu bedienen, deren Aufgabe 
insoweit nicht darin besteht, den Geisteszustand der 


Entmündigten zu begutachten, sondern ihn dem Richter 
unmittelbar erkennbar w r erden zu lassen. Das Gesetzes¬ 
gebot, dass in dieser Weise verfahren werde, ist ein 
zwingendes. Es bezweckt nicht allein, wie in der 
Begründung zu § 598 des Entwurfs der Prozessno¬ 
velle hervorgehoben wird, dem zu Entmündigenden 
einen erhöhten Schutz zu gewähren, sondern es dient 
nach beiden Seiten hin dem öffentlichen Interesse, 
diesem daher auch insoweit, als es im geeigneten 
Falle einer Aufrechterhaltung der angefochtenen Ent¬ 
mündigung bedarf. Die Gesetzesverletzung wird also 
im vorliegenden Falle weder dadurch ausgeglichen, 
dass das B. G. zu einer dem Anfechtungski. günstigen 
Entscheidung gelangt ist, noch auch kann, wie sich 
aus § 295, Abs. 2 Z. P. O. ergiebt, der Umstand von 
Bedeutung sein, dass die Nichtbeobachtung der Ge¬ 
setzesvorschriften im weiteren Verlauf des Verfahrens 
der Vorinstanz ungerügt geblieben ist Dass das Be- 
rufungsurtheil auf der Gesetzesverletzung beruht, muss 
deshalb angenommen werden, weil es nicht von vorn¬ 
herein für ausgeschlossen gehalten werden kann, dass 
auf Grund der vorgeschriebenen persönlichen Ver¬ 
nehmung des Klägers in nicht öffentlicher Sitzung das 
Ergebniss der richterlichen Beurtheilung ein anderes 
geworden wäre. Uebrigens gilt das Erfordemiss der 
gehörigen persönlichen Vernehmung nicht für die 
erste, sondern ebenso für die Berufungsinstanz (vergl. 
R. G. 57l 330 ff.) Eine Verlesuug des Protokolles 
über die in erster Instanz vorgenomraene Vernehmung 
würde daher nicht genügt haben, um so weniger, 
als bei ihr die Ausschliessung der Oeffentlichkeit 
unter Verletzung des § 172, Abs. 1 des Gerichts¬ 
verfassungsgesetzes unterblieben war. (R. G. IV. 
17. Okt. 1904.) J. W. pag. 53. 

§§ <>7>- 654. 679. 

Das im Abs. 2 des § 671 Z. P. O. nachgelassene 
Abstandnehmen von der Vernehmung Sachverstän¬ 
diger bezieht sich keineswegs auf die nach Abs. 1 
des § 654 Z. P. O. erfolgende Zuziehung des Sach¬ 
verständigen bei persönlicher Vernehmung des zu 
Entmündigenden. (R. G. IV. 23. Okt. 1902.) 

D. R. pag. 110. Entsch. Nr. 497. 

§ 686 . 

Mit Recht rügt die Revision, dass die Ablehnung 
der klägerischen Beweisanträge gegen Rechtsnormen 
verstosse. Der Nachweis, dass der Kläger gegenwärtig 
nicht mehr den Hang hat, sein Vermögen sinnlos zu 
vergeuden, lässt sich der Natur der Sache nach nicht 
durch bestimmte einzelne Vorgänge führen. Er be¬ 
ruht vielmehr auf einer zusammenfassenden Würdi¬ 
gung der ganzen Lebensführung des Klägers. Ein 
dahin gerichteter Beweissatz hat keineswegs ein blosses 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


61 


1906.] 


Urtheil zum Gegenstände, bleibt vielmehr seinem 
Wesen nach thatsächlicher Natur. Zu Unrecht sind 
daher die Beweisanträge des Kl. wegen mangelnder 
Substantiirung abgelehnt worden. (R. G. VI. C. S. 
22. Dez. 1904.) J. W. pag. 87. 

V. Gerichtsverfahrungsgesetz. 

§ 159 - 

Dem Rechtshülfeersuchen eines preuss. Amtsge¬ 
richts an das Amtsgericht Hamburg wegen Ver¬ 
nehmung eines in Hamburg wohnhaften Sachver¬ 
ständigen ist zu entsprechen. (O. L. G. Hamburg, 
26. Nov. 1904.) 

D. R. pag. 112. Entsch. Nr. 524. 

VI. Gebührenordnung. 

Kosten einer ohne besonderen Auftrag des Ge¬ 
richts zu Inforraationszwecken unternommenen Reise 
eines Zeugen sind dann erstattungsfähig, wenn ohne 
diese Reise des Zeugen dessen Aussagen unvollkommen 
geworden wären und seine nochmalige Vernehmung 
nothwendig gemacht hätten. (O. L. G. Darmstadt, 
18. Nov. 1903.) 

D. R. pag. 169. Entsch. Nr. 764. 

VII. Versicherungsrecht. 

Es ist nicht zu bestreiten, dass eine „körper¬ 
liche, auf äussere gewaltsame Veranlassung zurück¬ 
zuführende Verletzung“, wie nach § 1 der Versiche¬ 
rungsbedingungen erforderlich nach Maassgäbe 
des hier in Frage stehenden Sachverhalts 
als vorliegend angenommen werden durfte. Die Vor¬ 
instanz hat im Anschluss an die Aussage des ver¬ 
nommenen Sachverständigen Dr. med. P. den Vor¬ 
gang dahin aufgefasst, dass der Kläger beim Nieder¬ 
fahren des Blitzes heftig erschrocken gewesen, dass 
dadurch die Herzthätigkeit und die Strömung des 
Blutes verlangsamt worden, dass sich infolgedessen 
im Zusammenhang mit der fehlerhaften Beschaffen¬ 
heit des Herzens ein Blutpfropfen gebildet habe, 
welcher von der nächsten stärkeren Blutwelle in eine 
Schlagader des Gehirns geschwemmt worden und 
diese verstopft habe, und dass in dieser Veran¬ 
lassung die dahinter liegenden Gefässe nicht mehr mit 
Blut versorgt und dadurch die Lähmungen entstanden 
seien. Hiernach ist hinfällig die Ausführung der Re¬ 
vision, die Annahme des Berufungsgerichts führe zu 
unannehmbaren Konsequenzen, indem sich danach er¬ 
gäbe, dass jede durch einen Schrecken verursachte 
Verletzung der körperlichen Integrität einen Anspruch 
begründe z. B. wenn der Schrecken durch den un¬ 
erwarteten Empfang einer Trauernachricht hervorge¬ 
rufen sei. Denn es liegt hier so, dass der als 
äussere Gewalt sich darstellende Blitz¬ 


schlag auf das Innenleben des Klägers eine Wirkung 
übte, vermöge deren mit Ausschluss jeder Möglichkeit 
eines durch den Willen zu leistenden Widerstandes 
die körperlichen Organe verletzt wurden. Das R. G. 
hat auch schon mal (Erkenntniss vom 29. Sept. 1904, 

VI. 556/03) Gelegenheit gehabt, sich über die Quali- 
fizirung einer durch einen Schrecken hervorgerufenen 
Beeinträchtigung der körperlichen Integrität als Körper¬ 
verletzung auszusprechen. Es ist dort, wo es sich um 
die Inanspruchnahme einer Strassenbahngesellschaft 
seitens einer Person handelte, die durch eine infolge von 
Kurzschluss entstandene Explosion in einen Schrecken 
versetzt worden war, welcher eine Nervenstörung ver¬ 
anlasst hatte, angenommen, dass die Verteidigung 
der Beklagten unbeachtlich sei, wonach es an der 
nach dem Haftpflichtgesetz erforderlichen Körper¬ 
verletzung deshalb fehle, weil der Begriff einer solchen 
sich nicht auf eine Gesundheitsschädigung erstrecke, 
die lediglich die Folge eines Schreckens sei. (R. G. 

VII. 24. Febr. 1905.) J. W. pag. 235. 

VIII. Haftpflichtgesetz. 

§ 3 ». 

Die Angehörigen des Verletzten (nicht Getöteten) 
haben an sich keinen Anspruch auf Entschädigung. 
(R. G. VI. C. S. 21. Sept.. 1905.) J. W. pag. 647. 

Unfallfürsorgegesetz vom 13. III. 1886. 

§ 1. Abs. 4. 

Das Berufungsgericht hat die thatsächlichen Fest¬ 
stellungen getroffen, dass der Kläger infolge des er¬ 
littenen Betriebsunfalls an traumatischer Neurose leide, 
dass, wenn auch eine Besserung seines gegenwärtigen 
Zustandes nicht zu erwarten sei, doch zur Vermeidung 
der Verschlechterung desselben zwecks Pflege- und 
Hülfeleistung eine hierzu geeignete Person, wenn auch 
nicht ständig, so doch täglich für einige Stunden um 
ihn sein müsse, und für den Kläger auch ein eigner 
vom Schlafraume der Familie getrennter Schlafraum 
nothwendig erscheine. 

Der Mehraufwand für die Pflege und insbesondere 
für die Wohnung gehört zu den „Kosten des Heil¬ 
verfahrens“ im Sinne der genannten Gesetzesbe¬ 
stimmung; es handelt sich um ein vermehrtes, das 
bisherige und übliche bezw. gewöhnliche Bedürfniss 
überschreitendes und ein zum Heilverfahren noth- 
wendiges Wohnungsbedürfniss. (R. G. 23. Mai 1905.) 

J. W. pag. 443. 

§§ 1. 8. 63. 72. 

Dadurch, dass sich der Verletzte durch eigene 
Unvorsichtigkeit körperlich verletzt hat, wird nicht 
ausgeschlossen, dass sich sein Unfall im Betriebe des 
Unternehmers ereignet haben kann. . . . 


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Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 







6 2 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Stand die Thätigkeit, bei der der Beschädigte den 
Unfall erlitten hat mit dem Betriebe des Unter¬ 
nehmers im Zusammenhang, diente sie dessen Zwecken, 
so hat der Unfall den Beschädigten als eine i m Be¬ 
trieb e des Unternehmers thätige Person betroffen, 
wenn er auch gegen das Verbot des Aufsehers bei 
Vornahme der Handlung gefehlt haben mag, durch 
die er sich den Schaden zugezogen hat. Durch sein 
mit wirkend es eigenes Verschulden geht er seines Ent¬ 
schädigungsanspruchs nicht verlustig, denn die Unfall¬ 
versicherungsgesetzgebung bezweckt gerade, auch für die 
Folgen einer fahrlässigerweise oder selbst durch grobes 
Verschulden verursachten Unfalles Entschädigung zu 
gewähren. (O. L. G. Kolmar III. 17. Jan. 1905. 

D. R. pag. 84. Entsch. Nr. 357. 

IX. Gewerbeordnung. 

§ 

Die gewerbsmässige Verabreichung von Bädern 
ist kein konzessionspflichtiges Gewerbe, mag die An¬ 
stalt als Badeanstalt im Sinne des § 35 der Gewerbe¬ 
ordnung zu bezeichnen sein oder nicht. Auch dadurch 
entsteht keine Konzessionspflicht, dass die Bäder zu 
Heilzwecken verabreicht und deshalb den verschiedenen 
Krankheiten angepasst werden; denn dadurch wird 
die Anstalt zwar zu einer Heilanstalt, blosse Heil¬ 
anstalten sind aber nicht konzessionspflichtig. Sie 
werden es erst dann, wenn sie sich als Privatkranken¬ 
anstalten darstellen. Dazu wird nicht erfordert, dass 
in der Anstalt ausser Heilbehandlung auch Kranken¬ 
pflege geleistet werde, oder dass Organisationen, Ein¬ 
richtungen, Veranstaltungen, Mittel und persönliche 
Garantien wie in öffentlichen Krankenhäusern vor¬ 
handen seien. Ob dazu das Vorhandensein von 
Betten in den Heilanstalten erforderlich sei, ist streitig, 
es braucht jedoch darauf nicht eingegangen zu werden, 
da in der Anstalt des Klägers Betten in den 6 — 7 
Logierzimmern vorhanden und zur Beherbergung der 
Kranken bestimmt sind. Gehören aber zu einer 
Heilanstalt Räumlichkeiten, in welchen die Kranken 


[Ni. 7. 


beherbergt und verpflegt werden, handelt es sich also 
im vorliegenden Falle um eine Anstalt, in welcher 
die Heilung von in Pension genommenen Kranken 
durch Bäder und dergl. betrieben wird, so liegen die 
Merkmale einer nach § 30 Gewerbeordnung kon - 
zessionspflichtigen Privatkrankenanstalt vor. (Braun- 
Schweiger Verwaltungsgerichtshof, 2. Novbr. 1904). 

Zeitschr. f. Med.-Beamte, Beilage No. 12. pag. 87. 

§ 36 Abs. 1. 

Der Auffassung, wonach vorliegenden Falles eine 
„Krankenanstalt“ nicht in Frage komme, ist 
beizutreten. Der Begriff der „Krankenanstalt“ im 
Sinne des § 30 Gew.-Ordn. ist im Gesetze nicht aus¬ 
drücklich erläutert; doch ergeben sich immerhin aus 
der Zusammenstellung der Privatkrankenanstalten mit 
den Privatentbindungs- und Privatirrenanstalten, ferner 
aus dem Erfordernisse der Einreichung von „Be¬ 
schreibungen und Plänen für die baulichen und 
sonstigen Einrichtungen der Anstalt“ (§30 Abs. 1 
lit. b), aus den Bestimmungen in § 30 Abs. 1, lit. c. 
u. d. daselbst, wo von den Nachtheilen und Gefahren 
für die „Mitbewohner“, sowie von der „Aufnahme“ 
von Personen mit ansteckenden Krankheiten usw. die 
Rede ist, hinreichende Anhaltspunkte aus dem Ge¬ 
setze selbst, um die Annahme zu rechtfertigen, dass 
zum Begriff einer Privatkrankenanstalt im Sinne des 
§ 30 a. O. wesentlich erforderlich ist, dass Räumlich¬ 
keiten zur längeren Unterbringung von Kranken be¬ 
hufs ihrer Heilung oder Pflege vorhanden sind. In 
diesem Sinne spricht sich auch überwiegend die 
Rechtslehre und Rechtsprechung aus. (Bayer. Ver¬ 
waltungsgerichtshof II. S. 26. Okt 1904.) 

Ztschr. f. Med. Beamte, Beilage No. 6. pag. 38. 

X. Handelsgesetzbuch. 

§ 2 - 

Aerzte als Inhaber von Privatkrankenanstalten 
sind nicht verpflichtet, ihre Firma in das Handels¬ 
register eintragen zu lassen. (K. G. 9. Novfc>r. 1903.) 

Aerztl. Sachverständigen-Ztg. No. 5 pag. 91. 


Mittheilungen. 


— Jahresversammlung des Deutschen Ver¬ 
eins für Psychiatrie in München am 20. und 
21. April 1906. Referent: H. Haenel - Dresden. 
I. Sitzung. 

Nach Eröffnung der Versammlung durch Herrn 
Moeli und Begrüssung durch die Vertreter der Staats¬ 
regierung, des Kriegsministeriums, des ärztlichen Ver¬ 
eins München und des Local-Comitees und nach Er¬ 
stattung eines kurzen Berichts über die Thätigkeit der 
Commission für Fortbildungskurse duich Heim Stol- 

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tenhoff folgte als 1. Punkt der Tagesordnung das 
Referat von 

Herrn Heilbronner-Utrecht: Sprachstör¬ 
ungen bei functionellen Psychosen mit 
Ausschluss der aphasischen Störungen. 

Vortr. fasst seine Ausführungen in folgenden Sätzen 
zusammen: Eis ist für eine Betrachtung wie die vor¬ 
liegende dringend nöthig, scharf zwischen primärer en- 
teller Sprachstörung und den durch andere elemen¬ 
tare Symptome secundär bedingten sprachlichen 

Original from 

HARVARD UNIVERSITY 



1906.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 63 


Aeusserungen zu scheiden. — Es genügt, Reiz- und 
Ausfallssymptome anzunehmen; eine Para-Function 
lässt sich auf die eine oder die andere, eventuell auf 
eine Combination beider Störungen zurückführen. — 
Die rein formalen Aenderungen in Folge primären Aus¬ 
falls sind z. Zt von den secundär bedingten noch 
nicht sicher abzugrenzen; die inhaltlichen führen zu 
aphasieartigen Ausfällen, vielleicht zu Agrammatismus. 
— Die Reizerscheinungen (Rededrang) führen zuweilen, 
nicht häufig, zu quantitativen Aenderungen und ver¬ 
mehrtem Stimmaufwand, Beschleunigung des Tempos 
mit Bevorzugung kurzer Worte; characteristischer ist 
häufigeres Sprechen, Steigerung der Production durch 
den Sprechakt selbst: „Niehtaufhörenkönnen“, Rhyt- 
misirung. — Gemeinsam ist allen Formen des pri¬ 
mären Rededranges, dass die sprachlichen Aeusser¬ 
ungen nicht dem Zwecke der Mittheilung dienen und 
auch nicht dienen sollen; es ist dies ein fast absolutes 
Kriterium, abgesehen von gewissen Uebergangsfällen. 

Im Inhalte des primären Rededranges spielen eine 
wesentliche Rolle die Eigenleistungen des motorischen 
und sensorischen Sprachappai ates, z. B. die eigentlichen 
Reihenleistungen, die vielfachen sinnlosen Sätze, bei 
denen die geläufige Satzform nur als Gerüst dient, 
sprachliche Reminiscenzen, Wortergänzungen und als 
vorwiegend sensorisch bedingte Elemente die Reime, 
Alliterationen und anderen Klangassociationen. Die 
Genese der ,.sinnlosen Producte“ ist an der Hand 
der Erfahrungen bei aphasischen Störungen noch ge¬ 
nauer zu verfolgen. — Die Perseveration oder Verbi- 
geration ist Folge einer unzureichenden Productivität; 
die erstere kann auch ursprünglich inhaltlich bedeut¬ 
same Elemente betreffen. — Ausser den immer 
sprachlichen Elementen kommen im primären Rede¬ 
drang auch noch exogene vor; hierher gehören — 
neben wahnhaft und affectiv bedingten — namentlich 
die Ablenkbarkeit und die Ideenflucht. Von diesen 
ist die Ablenkbarkeit wahrscheinlich z. T. secundäre 
Folge des Rededranges; für einen anderen Theil ist 
sie aber auch vielleicht primäre Störung. Sicher ist 
eine primäre Störung als Ursache der Ideenflucht an¬ 
zunehmen; die nothwendige Voraussetzung für das 
Manifestwerden derselben ist der Rededrang; Ablenk¬ 
barkeit und Ideenflucht sind getrennt zu betrachten; 
der Worttheilungsdrang ist nicht identisch mit dem 
Rededrang schlechthin. Dieser letztere ist als solcher 
einheitlich aufzufassen; er kann zwar quantitativ ver¬ 
schieden stark ausgebildet sein, zeigt aber qualitativ 
keine Differenzen. Das Wesen des ihm zu Grunde 
liegenden Reizvorganges ist noch unbekannt. 

Unter den Sprachneubildungen ist streng zu 
scheiden: Zwischen den willkürlich gebildeten Ter- 
minis technicis und den Neubildungen sensue strictiori, 
die sich oft als Residuen früherer acuter Zustände er¬ 
kennen lassen. Analog sind Paralogien und die sog. 
Sprachverwirrtheit anzusehen, diese nicht als einheit¬ 
liche Form, sondern als eine Combination von Er¬ 
scheinungen. Die Kenntniss solcher zusammengesetzter 
Störungsformen ist noch sehr lückenhaft, man findet 
dabei Uebergänge zwischen ideenflüchtigen und ver- 
bigeratorischen Formen, andere, besonders die sog. 

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incohärente Form, sind bis jetzt nur provisorisch und 
nach rein negativen Kriterien vereinigt. 

Für diagnostische Zwecke ist deshalb heute die 
Sprachstörung allein nur mit grösster Vorsicht heran¬ 
zuziehen. 

1. Pfister-Freiburg: „Ueber Verbigeration“. 

Der Vortr. berichtet über psychologische und 
klinische Studien an verbigerirenden Katatonikern. 
Grundlage seiner Untersuchungen bilden eigene Fälle 
und die veröffentlichte Casuistik. Nach kurzem Rück¬ 
blick auf die Geschichte unserer Kenntniss der Ver¬ 
bigeration und die Anschauungen der verschiedenen 
Autoren darüber, gruppirt er die Verbigeranten in 
solche, bei denen aus den sprachlichen Stereotypieen, 
bezw. den sonstigen (gleichzeitigen) Aeusserungen das 
Bestehen beginnender oder ausgeprägter Sprachver¬ 
wirrtheit erweislich ist, und in Fälle ohne Sprachver¬ 
wirrtheit. 

Die Analyse der ersten, weitaus grössten Gruppe 
ergibt bezüglich der (mündlichen wie schriftlichen) 
Stereotypieen unter Anderem Folgendes: die Wieder¬ 
holungenbetreffen Buchstaben, Buchstabenconglomerate 
oder Worte, Satztheile und ganze Sätze, die entweder 
ganz unverändert oder in mässiger Variation wieder¬ 
kehren. Die Stereotypieen können sich dabei un¬ 
vermittelt aneinanderreihen oder durch nichtstereotype 
Worte, Sätze getrennt sein. Inhaltlich handelt es sich bei 
den mehr elementaren Stereotypieen um spracheigene, 
oft den Character von Interjectionen tragende Silben 
und um normal geformte Worte, Wortverbindungen; 
häufiger werden aber fremdsprachlich anmuthende 
Buchstaben komplexe, Wortneubildungen verbigerirt. 
Wo längere Ductus wiederkehren, sind es mitunter 
noch Sinn verrathende Sätze, die aber durch 
leichte sprachliche (syntactisch - grammatische) Ent¬ 
gleisungen oder durch sprachverwirrte Einschiebsel 
den beginnenden sprachlichen Zerfall erkennen lassen. 
Häufiger aber handelt es sich um, wohl als dys¬ 
logische (paralogische) und dysphasische Fehlbildungen 
zu deutende, unverständliche Aeusserungen: beziehungs¬ 
lose oder ganz unsinnige Wendungen (die sich rei- 
terirend eventuell in sonst noch sinnvolle Aeusserungen 
immer wieder einschieben) —. oder (besonders bei 
schriftlicher Verbigeration) agrammatisch nebeneinander¬ 
stehende (dabei oft neu gebildete) Worte, z. T. an 
Telegrammstil, manchmal auch an die Kindersprache 
(Infinitivreden) erinnernd. 

Die differentesten Stereotypieen können gleichzeitig, 
d. i. im selben Redeact sich finden. Häufiger aber ist 
ein gewisses Nacheinander: anfangs wird noch in 
normalgeformten, eventuell sinnvollen Sprachgebilden 
verbigerirt; im weiteren Verlaufe der Krankheit nehmen 
die Wortverfehlungen, falschen Redegruppirungen zu; 
elementare Stereotypieen (Laute, Silben, Worte — 
meist neugebildeter Art) sind daher späterhin häufiger 
als zu Anfang. 

Was an sonstigen Aeusserungen von den Ver¬ 
bigeranten producirt wird, d. i., was ausserhalb der 
verbigeratorischen Attacken gesprochen wird, bezw. 
was sich eventuell zwischen die Stereotypieen ein¬ 
schiebt, zeigt, wie Ref. weiter ausführt, in Beziehung 
auf den sprachlichen Zerfall nicht immer genauen 

Original from 

HARVARD UNIVEFfSITY 



64 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 7. 


Parallelismus mit den verbigerirten Sprachgebilden. 
Ebenso sind Grad der Sprachverwirrtheit und die zum 
Theil auf mühsam vom Rededrang überwundene 
Sperrung deutenden Auffälligkeiten des Sprechens 
selten proportional. — Explosives Vociferiren, rhyth- 
misch-absetzendes Herausschreien etc. findet sich 
auch bei bezügl. Spr.ichform (und eventuell Inhalt) 
kaum auffälligen Stereotypieen. Umgekehrt werden 
oft stärkster Gallimathias, reine sprachliche Neu¬ 
bildungen, flüssig, ohne jede Anstrengung verbigerirt. 

Nach kurzen Bemerkungen über Prognostik, Ver¬ 
laufsweise der verbigeratorischen Attacken wendet sich 
Referent zur Besprechung der Katatonie-Fälle, in 
welchen ausgeprägtes Verbigeriren besteht, ohne dass 
sprachliche Zerfallungserscheinungen nachweis¬ 
bar sind. Als passagere Erscheinung, insbesondere 
in den Frühstadien der Krankheit, kommt dies nicht 
zu selten vor. Wo Rededrang und Verbigeriren aber 
länger andauern, pflegen sich auch in den zuerst 
scheinbar zu dieser Gruppe II gehörigen Fällen meist 
bald Erscheinungen der Sprachverwirrtheit in den 
stereotyp wiederkehrenden oder sonstigen Aeusserungen 
(progressiv) zu zeigen. Nur ausnahmsweise dürfte 
bei lange Zeit hindurch verbigeriren den Kranken dies 
ausbleiben. Ein Fall, wie der seit acht Jahren vom 
Referenten beobachtete, ist seines Wissens nicht be¬ 
kannt; derselbe dürfte durch seine Eigenart auch auf 
die Pathogenese der Störung besonderes Licht werfen. 
Es handelt sich um eine lenteszirend verlaufene Ka¬ 
tatonie bei einem mit 27 Jahr erkrankten, jetzt 49 
Jahre alten Kaufmann. Neben leicht negativistischen 
Erscheinungen, Bizarrerieen, Haltungs-etc. Stereotypieen 
besteht seit (wenigstens) acht Jahren Verbigeriren. 
Spontan oder auf alle möglichen psychischen Reize 
(Besuche auf der Abtheilung, Fragen) hin beginnt 
Pat. bestimmte (mit im Krankheitsbeginn aufgetretenen 
Verfolgungs-Grössenwahnideen oder früheren Erleb¬ 
nissen zusammenhängende) Themata, ununterbrochen 
oft Stunden lang, mit etwas monotoner, leiser Stimme 
zu verbigeriren; 1899—1901 täglich 5—7 und mehr 
Stunden, jetzt weniger lang. Ursprünglich war Pat. 
oft tagelang nicht von einem Thema abzubringen, 
später konnte man ihn durch Vorsagen der Stich¬ 
worte in ein anderes „umschalten“; jetzt wechselt er 
öfters spontan mit den wenigen Stereotypieen, die er 
verbigeratorisch vorbringt. Bemerkenswerth ist dabei, 
dass erstens Erscheinungen sprachlichen Verfalls noch 
ganz fehlen, die Sprachcontrolle völlig intact ist (nur 
Flüchtigkeitsfehler kommen gelegentlich vor); zweitens 
dass Pat., insbesondere 1899—1900, die gleichen 
Ideen nicht nur mündlich und schriftlich in deut¬ 
scher Sprache, sondern ebenso in dem ihm ge¬ 
läufigen Französisch verbigerirte — ebenfalls frei 
von Sprachverwirrtheitssymptomen; alle seine verbi¬ 
geratorischen Aeusserungen sind deshalb — ohne 
ihren wesentlichen Character einzubüssen — auch in 
indireeter Rede wiederzugeben, was bekanntlich 
bei den andern Verbigeranten nicht der Fall 
(N eisse r). 

Der ganze Verlauf des Falles, einige Eigenheiten 
(bezgl. deren auf die eingehende Publication ver¬ 
wiesen wird), das Fehlen von sprachlichen Zerfalls- 

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erscheinungen und besonders das Verbigeriren der¬ 
selben Themata in zwei Sprachen erweisen nach 
Ansicht des Ref., dass hier (und in analogen Fällen) 
das wesentliche ursächliche Moment für die ständige 
Wiederkehr derselben Worte und Sätze nicht im 
Sprachapparat selbst gelegen ist. Es handelt sich 
nicht um eine „Einschränkung, des Sprachvorgangs 
auf bestimmte motorische Bahnen“ (Wern icke) 
nicht um „Erregung aus dem harmonischen und 
associativen Zusammenhang mit der Umgebung ge¬ 
rissener Partieen des Sprachcentrums“ (Bresler); 
es sind nicht organisch functioneile Widerstände, die 
bei bestehendem Betrieb das Loskommen von den¬ 
selben Worten erschweren, unmöglich machen, nicht 
„specifische Hemmungen maassgebend, die sich dem 
Rededrange entgegenstellen und so auf die Verbige- 
ration von formgebendem Einflüsse sind“ oder eine 
„automatische Thätigkeit des emancipirten, erethischen 
Sprachmechanismus“ und wie die Erklärungsversuche 
alle lauten, die auf andere Verbigeranten zutreffen 
mögen. Die in vorliegendem Falle das Verbigerieren 
bedingende Störung muss vielmehr jenseits des 
eigentlichen Sprachvorganges gelegen sein. Anomalieen 
in den Vorgängen, welche der Sprachbildung voraus¬ 
gehen, also formale Störungen im Bereiche des Vor¬ 
stellens sind hier als die wesentlichen Entstehungs¬ 
bedingungen des Symptoms anzusehen. Und zwar 
scheinen dem Ref. gewisse symptomatische Besonder¬ 
heiten des Falles zu erhärten, dass nicht etwa disso- 
ciirende Processe, einengende Hemmungen (wie sie 
ja zu einer Einschränkung, Monotonie des Vorstellungs¬ 
lebens geführt haben könnten) die Ursache des 
ständigen Wiederauftauchens derselben Ideenkreise 
bilden. Dieses ist vielmehr nach allem bedingt durch 
eigenartige Reiz Vorgänge, durch eine besondere 
Ansprechbarkeit, infolge welcher dieselben Vorstellungen 
zwingend immer wieder ins Bewusstsein und zu sprach¬ 
licher Formulierung gedrängt werden. 

Der Fall gestattet also die Frage, die Ziehen 
(Lehrbuch) offen lässt, ob für die Verbigeration die 
motorische oder Vorstellungsstereotypie wesentlicher 
ist, welche Frage Andere direct zu Gunsten der 
sprachmotorischen Stereotypie entscheiden, (für analoge 
Fälle wenigstens) dahin zu beantworten, dass nicht 
das reiterirende Auftreten von Sprechbewegungsbildem, 
Wortvoistellungen, sondern bestimmter Gedanken 
den Ausgangspunkt des mündlichen und schriftlichen 
Verbigerirens bildet. Trotzdem wird man hier nicht 
zu einer „psychologischen“ Motivirung des fort¬ 
währenden Abwandeins der gleichen (wahnhaften) 
Ideen sprechen können: die Vorstellungen sind ja 
längst des ursprünglichen Affectes entkleidet, nicht 
mehr Triebfedern entsprechender Handlungen, ihr 
Wiederauftauchen ist ein durchaus automatisch-zwin¬ 
gendes. Es liegt also höchstens eine „Pseudomoti¬ 
vation“ für ihre sprachliche Umprägung vor. Jetzt 
wenigstens; denn ob dies hier (bezw. in etwaigen 
analogen Fällen von katatoner Verbigeration) auch 
schon im Beginn des Verbigerirens der Fall w'ar, oder 
ob man da nicht noch sogar von „psychologischer“ 
Motivirung sprechen kann, erscheint dem Vortragenden 
auf Grund eigener Beobachtungen sehr discutabel. — 

Original from 

HARVARD UNIVERSfTY 



1906] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 65 


Nach Hinweis auf die Abänderungen, welche die bis¬ 
herige Definition des Verbigerirens der Katatoniker 
nach dem Ausgeführten erfahren muss, wirft* Vor¬ 
tragender zum Schluss die Frage auf, ob nicht viel¬ 
leicht öfters, als gemeinhin angenommen wird, die 
gleiche — intrapsychische — Genese des Verbigerirens 
vorliegt und nur verkannt wird wegen des Bestehens 
stärkerer Sprachverwirrtheit. Es ist ja denkbar, dass 
Vorstellungsstereotypieen nach Entäusserung drän¬ 
gen, an ihrer Stelle aber nur sinnlose Wendungen, 
Wortneubildungen reiterirend producirt werden, des¬ 
halb, weil die gleichzeitig im centralen Sprachapparat 
vorhandenen Zerfalls- und Erregungsvorgänge ihr kennt¬ 
liches Zutagetreten unmöglich machen, indem an Stelle 
der stereotypen Gedanken (als Folge paralogisch-para- 
phasischer Fehlbildungen) nur unverständliche Rudera 
derselben geäussert werden. 

Noch in anderer Weise könnte der Sprachzerfall 
das Zutagetreten richtiger Vorstellungsstereotypieen 
untergraben; dadurch nämlich, dass (wegen der Störung 
in der Umprägung von Vorstellung und Gedanken in 
Wort und Redewendung) überhaupt nicht mehr gleich- 
artige Sprachgebilde durch die monoton wieder¬ 
kehrenden Ideen angeregt werden können: Es finden 
bei der Umsetzung des Gedankens zum sprachlichen 
Ausdruck fortwährend die verschiedensten paralo¬ 
gischen Entgleisungen statt; die Vorstellungen ver¬ 
greifen sich, wechselnd, nach allen Seiten, so dass 
alsbald an Stelle der ganz verborgen bleibenden ge¬ 
danklichen Stereotypieen nur ein ständig wechselnder 
Galliraathias producirt wird, in welchen wir thatsächlich 
die Verbigevationen sprach verwirrter Katatoniker mit¬ 
unter rasch auslaufen sehen. 

Pfister verweist auf die Publication, die seine 
Ausführungen eingehender begründen wird, als dies 
im kurzen Vortrag möglich war. Seines Erachtens 
liegt ein nicht zu verkennender Unterschied eben auch 
darin vor, dass bei andern Verbigeranten, die in den 
Stereotypieen oder den nicht stereotypen Einschiebseln 
zumeist deutlich zu Tage tretenden sprachlichen Zer¬ 
fallserscheinungen (Anakoluthe, Agrammatismen, Ver¬ 
bildungen etc.) die Wiedergabe in indirecter Rede 
unmöglich machen, während bei Fall W. eine Um¬ 
setzung der deutschen wie französischen Verbigerationen 
Wort für Wort möglich ist, ohne dass Specifisches 
zerstört wird. 

2. Privatdocent Dr. M. Rosen f e 1 d, Strassburg i. E. 
Ueber psychische Störungen bei Apha- 
thikern. 

Wenn man die Krankengeschichten der Aphathiker 
durchgeht, namentlich die in der älteren Litteratur 
niedergelegten, so wird man in einer grossen Zahl 
derselben nur spärliche Angaben über die allgemeinen 
geistigen Fähigkeiten, speciell über die Intelligenz der 
Kranken finden. Das liegt zum Theil daran, dass 
die Prüfung der Intelligenz solcher Kranker in ge¬ 
wissen Stadien auf Schwierigkeiten stösst, namentlich, 
wenn es sich um sensorisch-aphasische oder um 
paraphasische Kranke handelt, bei denen es eben oft 
nicht gelingt, Fragen zum vollen Verständniss der Kran¬ 
ken zu bringen. So kann es leicht Vorkommen, dass 
intellectuelle Defecte durch die genannten Störungen 


vorgetäuscht werden. Und solche Irrthümer sind that¬ 
sächlich nicht selten passirt. Liepmann hat noch erst 
vor kurzem darauf hingewiesen, dass die von Griesinger 
beschriebenen Bewegungsverwechslungen später fälsch¬ 
licher Weise von namhaften Autoren auf Mangel des 
Wortve^tändnisses bezogen wurden. Ferner war die 
Hauptaufmerksamkeit der Beobachter darauf gerichtet, 
eine genaue Lokalisation der Störungen zu erreichen 
und die klinischen Symptome unter gewissen Schemata 
einzuordnen, welche auf der Vorstellung basirten, dass 
den verschiedenen Aphasieformen anatomische Lä¬ 
sionen der verschiedenen Centren oder deren Ver¬ 
bindungsbahnen entsprechen müssen. So stellten Licht¬ 
heim, Wer nicke und Bastian besondere klinische 
Formen nach örtlicher Lokalisation auf. 

Man wird Monakow recht geben müssen, wenn er 
in der neuesten Auflage seiner Gehirnpathologie sagt, 
dass die Frage nach der wirklichen Einbusse der 
geistigen Fähigkeiten bei Erwachsenen, welche einen 
scharf umgrenzten Herd in der Sprachregion haben, 
noch eines eingehenden Studiums bedarf. 

Natürlich war es den Beobachtern durchaus nicht 
entgangen, dass die geistigen Fähigkeiten der Apha¬ 
thiker oftmals, ja vielleicht immer von der Norm .ab¬ 
wichen. Man findet bei Kussmaul bereits den nach¬ 
drücklichen Hinweis auf die Beziehungen der Wort¬ 
amnesie zu der Intelligenz. Nach Lichtheim ist die 
amnestische Aphasie überhaupt nur eine Theil- 
erscheinung von allgemeiner Gedächtnissschwäche. 
Naunyn pflegte stets auf die allgemeinen psychischen 
Störungen der Aphathiker hinzuweisen, die namentlich 
bei dem Versuch die Sprache wieder zu erlernen zu 
Tage traten. Also dass allgemeine psychische Störungen 
die als Herdsymptora aufgefassten aphasischen Stör¬ 
ungen begleiten können, ist schon lange bekannt. 

Umgekehrt wurde-nun aber auch beobachtet, dass, 
in Fällen, bei welchen nach dem klinischen Verlauf 
und event. auch nach der Autopsie eine ganz diffuse 
Schädigung des Gehirns und überhaupt keine ana¬ 
tomischen Veränderungen anzunehmen waren, Symp¬ 
tome, speciell auch aphasieartige Symptome beobachtet 
wurden, die in anderen Fällen auf eine herdförmige 
Erkrankung zurückgeführt wurden. Die Beobachtung, 
dass durch hypnotische Suggestion mancherlei Stör¬ 
ungen der Sprache wie die Alexie und Agraphie her¬ 
vorgerufen werden, dass unter Alkohol- und Chloro¬ 
formintoxikationen mangelndes Sprachverständniss, 
Wortamnesie und asymbolieartige Symptome zu Stande 
kommen, wiesen darauf hin, dass die Aenderung der 
allgemeinen psychischen Leistungsfähigkeit im .einzelnen 
Falle eine grosse Bedeutung für das Zustandekommen 
aphasischer oder asymbolieartiger Symptome haben 
kann. Es Hess sich ferner nachwcisen, dass nach 
schweren Kopftraumen, aphasische Störungen dadurch 
zu Stande kommen können, dass eine zeitliche Ver¬ 
zögerung der Perception von Klangbildern und Sym¬ 
bolen bestand, und die Kranken nicht zu einer Zu¬ 
sammenfassung der einzelnen Eindrücke innerhalb 
einer Zeiteinheit gelangen konnten. 

Es wurden ferner von verschiedenen Seiten Fälle 
mitgetheilt, in denen die klinischen Symptome auf 
eine circumscripte Hirnerkrankung hindeuteten und bei 


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66 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 7. 


der Section eine diffuse Veränderung gefunden wurde. 
Diese Fälle sind für die Aphasieforschung von Be¬ 
deutung geworden und Heilbronner stellt in seiner 
bekannten Arbeit über Demenz und Aphasie die be¬ 
rechtigte Behauptung auf, dass wir in einem Falle 
einer scheinbar ganz circumscripten Läsion gar nicht 
wissen können, inwieweit das klinische Bild durch den 
groben Herd oder durch secundäre, mehr diffuse 
Schädigung des ganzen Gehirns zu Stande kommen. 
Alle diese Beobachtungen lehren, eine gewisse Vor¬ 
sicht walten zu lassen, wenn man scheinbar isolirte, 
anatomische Herde für die klinischen Symptome 
verantwortlich macht; sie lenken immer wieder von 
neuem die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung der 
allgemeinen psychischen Störungen für das Zustande¬ 
kommen sogenannter Herdsymptome. 

Welche psychischen Symptome wurden nun bei 
Aphasie beobachtet? Insbesondere, welche Symptome 
sprachen für die Abnahme der Intelligenz ? (N. B. 
Immer nur in Bezug auf den erwachsenen Menschen 
mit circumscnpter Läsion in der Sprachregion). Man 
findet darüber folgende Angaben in der Litteratur: 

Es werden erwähnt: Indifferenz dem Leiden gegen¬ 
über, Abnahme des Interesses für die Umgebung, 
Abnahme des Interesses für den eigenen Beruf. Die 
Störung des Wort Verständnisses kommt dem Kranken 
nicht in der Weise zum Bewusstsein, wie etwa bei 
den subcorticalen Läsionen, welche als Aphemie be¬ 
zeichnet werden. Der Worttaube scheint nie um 
eine Antwort verlegen, auch wenn er die Frage offen¬ 
bar gar nicht verstanden hat. Er antwortet gelegent¬ 
lich in ganz unpassender Weise. Dadurch entsteht 
Vorbeireden und sogenannte Scheingespräche. Ferner 
hinterlassen die, unmittelbar vorher ausgesprochenen 
oder gehörten Worte nur geringe Spuren im Gedächtniss. 
Mühsam eingelemte Vokabeln werden sehr rasch 
wieder vergessen, wenn nicht eine dauernde Uebung 
stattfindet. Urtheilsschwäche, Herabsetzung der Ge¬ 
danken-Schärfe und Logik wird von anderen Autoren 
als Begleitsymptome der Aphasie erwähnt. Auch die 
Agraphie wurde seiner Zeit als ein stets bei der 
Aphasie vorhandenes Symptom geschildert, während 
in der letzten Zeit die Existenz der isolirten Agraphie 
gelehrt wird. 

Manche Fälle in der Litteratur sind nicht ein¬ 
wandsfrei, weil eine diffuse Erkrankung, insbesondere 
die Arteriosclerose nicht immer ausgeschlossen werden 
konnte. 

Ueber die Häufigkeit des Vorkommens psychischer 
Symptome bei Aphasie sind folgende Angaben zu 
machen : 

Nach Monakow braucht die Intelligenze trotz be¬ 
stehender Worttaubheit nicht unter allen Umständen 
schwer gestört sein. „Ein völliges Fehlen psychischer 
Symptome kommt aber kaum vor“. Nach Bastian 
wird selbst in den Fällen, in denen keine Agraphie 
vorhanden war, also die Störung eine möglichst circum- 
scripte ist, eine mehr oder weniger deutliche Abnahme 
der geistigen Symptome beobachtet, im Gegensatz zu 
der Aphemie, welche von psychischen Störungen ab¬ 
solut frei sein muss. Die Gründe, welche Bastian 
dafür bringt, sind die, dass durch die Aphasie das 


Gehirn tiefer und weitgehender geschädigt wird, als 
bei der Aphemie, und dass bei der Aphasie stets 
eine Art des Wortgedächtnisses ausgeschaltet wird. 
Da diese Partialgedächtnisse in ihrer Bedeutung für 
das Denken sehr verschieden sind, so ist es begreif¬ 
lich, ja direkt zu erwarten, dass die Läsionen der 
Centren, welche mehr mit dem Ausdruck des 
Denkens als mit dem Denken selbst zu schaffen 
haben, im geringeren Maasse zu Störungen der In¬ 
telligenz führen wird. Die allgemeine Anschauung 
scheint also dahin zu gehen, dass bei motorischer 
Aphasie die Begriffe als solche, die Ordnung der 
Gedanken, die Urtheilskraft nicht oder nur wenig be¬ 
einträchtigt sind und dass komplizirtere geistige Ver¬ 
richtungen, die ohne Worte sich vollziehen, gut von 
statten gehn (Spiele, gewisse Arten von beruflicher 
Thätigkeit). 

Läsionen in denjenigen Himpartieen, welche mehr 
die perceptiven Sprachkomponenten enthalten, also 
namentlich der Temporallappen, sind für die allge¬ 
meinen psychischen Funktionen verhängnissvoller. Es 
erscheint durchaus verständlich, dass die Störungen 
im Sprachverständniss sowie der Mangel der Fähigkeit 
Klangbilder innerlich zu wecken, auf die Dauer die 
Urtheilskraft und logische Schärfe der Gedanken her¬ 
absetzt, auch wenn keine Seelenblindheit und Asym- 
bolie besteht. Die perceptive Selbstkontrolle bei den 
mündlichen Produktionen fehlt, dies wird ebenfalls 
auf die Ordnung des Gedankenlaufes und auf die 
Bildung zusammenhängender Vorstellungsreihen einen 
ungünstigen Einfluss haben. 

Giebt es nun überhaupt sicher beobachtete Fälle 
von Aphasie, und namentlich bei Herden in der 
Brokaschen Windung ohne Agraphie, in denen psy¬ 
chische Störungen vollkommen vermisst wurden. Bant 
beschreibt einen solchen Fall und Bastian meint, dass 
die Abnahme der geistigen Funktionen in diesem 
Falle nicht stärker war als in einem Falle von Aphemie. 
Bastian meint ferner, er würde diesen Fall nach den 
klinischen Symptomen allein für eine komplette Aphe¬ 
mie gehalten haben. Man könne also allein aus dem 
psychischen Verhalten nicht in solchen Fällen 
mit Sicherheit die Differenzialdiagnose zwischen 
Aphasie und Aphemie machen. Dass was in jenem 
Falle an positiven intellektuellen Leistungen konstatirt 
wurde, dürfte aber doch hinter der Norm Zurück¬ 
bleiben. Dasselbe gilt auch von manchen anderen 
Fällen, bei welchen die Intelligenz angeblich intact 
befunden wurde. 

Schliesslich ist für das Zustandekommen und die 
Art der aphasischen Störung noch von Bedeutung, 
welcher Natur die Erkrankung ist, inwieweit eine 
diffuse Erkrankung vor dem Einsetzen der acuten 
herdförmigen Störung bestanden hat, wie lange die 
Erkrankung besteht, wie alt das erkrankte Individuum 
ist und ob es sich im gegebenen Falle um sogenannte 
Hör- oder Sehmenschen handelt 

Das Affektleben kann bei Aphasischen gestört 
sein insofern als eine auffällige Weichheit des Ge- 
müths und rasch wechselnde affective Ausdrucksbe¬ 
wegungen mit oder ohne tiefen Affekt bestehen 
können, jedoch es ist in vielen Fällen sehr fraglich, 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


1906.] 


07 


ob derartige Störungen überhaupt durch Erkrankung 
der Sprachregion direct oder in direct zu Stande 
kommen, da herdförmige Läsionen durch Gefässer- 
krankung (Arteriosclerose) häufig Individuen treffen, 
welche schon vorher an deutlichen affectiven Störungen 
gelitten haben. 

Diejenigen Fälle nun, bei welchen grosse Herde 
bestehen und die sensorisch-aphasischen Störungen 
sehr hervortreten, bieten, wie oben erwähnt, der Unter¬ 
suchung grosse Schwierigkeit. 

Besonders geeignet -für die Untersuchung er¬ 
scheinen also Fälle von motorischer Aphasie oder 
solche Fälle sensorischer Aphasie, in denen nach 
dem klinischen Verlauf oder nach der Aetiologie nur 
eine ganz geringfügige Beschädigung der perceptiven 
Sprachregion sich annehmen lässt, bei denen das 
Sprachverständniss und die Wortfindung nur in gerin¬ 
gem Maasse gestört sind und ein allgemeines über das 
ganze Gehirn verbreitetes Himleiden auch ohne Section 
sich ausschliessen lässt. 

Ueber solche Fälle möchte ich hier berichten, 
und zwar nur über ihr klinisches Verhalten, ohne 
die Localisationsfrage zu berühren. 

Bei den Untersuchungen bediente ich mich des 
Schema’s für die Intelligenzprüfungen, welches Ri eg er 
aufgestellt hat, und der Schemata für die Orientirung, 
das Associationsvermögen und das Rechen vermögen 
nach Sommer. 

Bei einer 42 jährigen gebildeten Frau mit Mitral¬ 
stenose trat unter leichten cerebralen Symptomen 
ganz plötzlich Sprachverlust ohne andere Herdsymptome 
auf. Als sie zuerst zur Untersuchung kam, fand sich 
noch eine deutliche Erschwerung der Wortfindung, 
eine ganz geringe Störung des Wort Verständnisses und 
Paraphasie. Es Hess sich nun Folgendes constatiren: 

Perception und Apperception erwiesen sich als 
ungestört. Die optische und acustische Merkfähigkeit 
war reducirt. Dies liess sich nach weisen beim Lesen 
weit auseinander stehender Buchstaben, beim Versuch 
mit der Spalte, beim Fingerversuch, und beim Nach¬ 
sprechen von Worten nach kürzerer oder längerer 
Zeit Auch beim Rechnen, speciell beim Multipliciren 
und Addiren zweistelliger Zahlen trat die Störung 
deutlich hervor. Das identificirende Erkennen ohne 
Sprache war intact, auch für Buchstaben und Worte. 
Bei der unmittelbaren Nachahmung. lag die Gedächt- 
nissgrenze bei vierstelligen Zahlen. Bei der Prüfung 
der durch rein innere Association ablaufenden Vor¬ 
stellungen zeigte sich, dass die Kranke das Alphabet 
nicht mehr in der richtigen Reihenfolge sagen konnte. 
Die anderen Vorstellungsreihen, welche hier in Be¬ 
tracht kommen, waren ungestört. Die Antwort „nein“ 
brauchte stets längere Zeit als die Antwort „ja“; die 
Patientin konnte weder nachsingen, weder nachpfeifen, 
was ihr früher durchaus möglich war. Melodien, 
welche sie auswendig gekonnt, sind auch jetzt noch 
richtig reproducirbar. Reizworte (Tabellen von Sommer) 
wurden einfach wiederholt. 

Im Uebrigen zeigte sich die Kranke völlig zeit¬ 
lich und örtlich orientirt; sie besorgt ihren Haushalt, 
machte Einkäufe und benahm sich vollkommen correct. 
Ihr allgemeines Benehmen war so, dass bei ober- 

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flächlicher Betrachtung überhaupt eine Störung nicht 
hervortrat 

Vergleicht man mit diesem Falle die Protocolle, 
welche nach derselben Methode bei einer 40jährigen 
Frau mit linksseitiger, totaler Lähmung aufgenommen 
wurden, so findet man, dass hier die Merkfähigkeit 
vollkommen erhalten, die Gedächtnissgrenze erst bei 
achtstelligen Zahlen liegt; bei dem Spaltversuch traten 
keine Störungen hervor; das Auseinanderziehen der 
Buchstaben bedingte keine Störung der Lesefunction, 
das Rechen vermögen war ungestört, ebenso die nach 
inneren Associationen ablaufenden Reihen. Reizworte 
wurden einfach wiederholt, oder ins Französische 
Übersetzt. 

Ein 2 7 jähriger Architect erhielt eine Stich Ver¬ 
letzung, die nach der Art der Wunde den linken 
Schläfenlappen getroffen haben musste. Der Kranke 
war nicht bewusstlos; er hielt sich unmittelbar nach 
dem Stich überhaupt nicht für schwer verletzt; er 
wollte gleich nachher nothdürftig verbunden in sein 
Kolleg gehen. Sein mangelhaftes Sprach verständniss 
kam ihm selbst nicht zum Bewusstsein. Zunächst 
wurde eine sehr starke Störung der Wortfindung, des 
Sprachverständnisses und Paraphasie constatirt. Vor¬ 
beireden und Scheingespräche fanden sich in diesem 
Stadium sehr deutlich. Später nun, als das Sprach- 
verständniss sich gebessert hatte und nur noch bei 
complicirten Fragen eine Störung zu Tage trat, be¬ 
stand noch deutliche Paralexie, und vollkommen auf¬ 
gehobenes Verständniss für das Gelesene. Die Prü¬ 
fung der acustischen Merkfähigkeit ergab auch jet2t 
noch eine hochgradige Störung. Erwähnenswerth ist 
noch die Art, wie der Kranke auf Reizworte rea- 
girte. Während die beiden anderen Kranken einfach 
die Reizworte wiederholt hatten, commentirte dieser 
Kranke die Reizworte in folgender Weise: 

Fluss wie hier die 111 

Thal so ein Lauf 

Stern wie am Himmel ist 

Magen Magen, w’enn man zu viel isst 
Auch bei Adjectiven verhält es sich ähnlich: 

breit vielleicht so 4 meter breit 

hoch vielleicht so 4 1 / 2 m hoch 

tief ja unten oder so dazwischen. 

Zum Schluss als alle aphasischen Störungen sich 
verloren hatten, blieb nur noch eine leichte Störung 
der Merkfähigkeit und ein Unvermögen, die vorher 
dem Kranken ganz geläufigen mathematischen Be¬ 
griffe zu reproduciren. So brachte er z. B. den 
pythagoräischen Lehrsatz und Sätze aus der Trigono¬ 
metrie nicht mehr zusammen. Auch diese Störung ver¬ 
lor sich mit der Zeit. 

Vergleicht man mit diesem Fall einen 37 jährigen 
Mann, der eine rechtsseitige Lähmung und Aphemie 
vor einem Jahre erlitten hatte, so fand sich, 
dass alle Störungen vollkommen fehlten. Es war nur 
auffällig, dass der Kranke die Reizworte einfach 
wiederholte oder überhaupt nicht auf dieselben 
reagierte. 

Ein weiterer Fall betraf einen 37 jährigen sehr 
intelligenten Kunstschreiner, der eine schwere Gehirn- 

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68 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 7. 


erschütterung erlitten hatte. Die linke Hemisphäre 
war offenbar besonders stark betroffen. Dafür sprachen 
die örtlichen Verletzungen, das Auftreten nur rechts¬ 
seitiger Krämpfe und schwere aphasische Störungen. 
Nach Monaten als alle acuten Symptome geschwunden 
waren, nachdem das Sprachverständniss sich voll¬ 
kommen wieder hergestellt hatte und das spontane 
Sprechen nach Form und Inhalt ungestört war, liess 
sich noch eine eigentümliche Störung im Lesen und 
Schreiben nachweisen, die als Paralexie und Para- 
graphie zu bezeichnen war und Zuständen glich, wie 
sie bei Alkohol kranken gelegentlich Vorkommen. 

Einige Beispiele seien hier erwähnt: 

P. liesst Buchstabenreihen ganz falsch, statt r u o, 
liest er p h v. Statt Heimath „alleraannisch“, statt 
Journal, „hochachtend“, statt Zahl der Kinder „nach 
der Rückkehr,“ on n’est jamais, er buchstabirt richtig 
und sagt dann „jami Johanna“. 

Eine Simulation dieser eigenthümlichen Störung 
war auszuschliessen. P. hatte keinerlei Ansprüche 
auf Entschädigung. Hysterische Symptome fehlten 
vollständig. An einzelnen Untersuchungstagen konnte 
der Kranke die oben genannten Worte durchaus rich¬ 
tig lesen, er las dann andeie falsch. Die Grösse 
der Buchstaben war für das Zustandekommen der 
Störung von Wichtigkeit; die Zahl der Fehler stieg 
umgekehrt proportional der Grösse der Buchstaben. 
Die optische Merkfähigkeit war gestört, die acustische 
Merkfähigkeit war gut. Der Kranke behielt sogar 
einzelne Fehler, die er beim lauten Lesen gemacht 
hatte. Die Paralexie war in diesem Falle durch eine 
Störung der Aufmerksamkeit zu erklären. 

Nach zwei Jahren trat das Symptom der Paralexie 
nur dann noch hervor, wenn man die Distanz der 
Buchstaben auf 3 bis 4 cm vergrösserte. Der Spalt¬ 
versuch ergab auch jetzt eine deutliche Störung. 

Schliesslich sei noch ein Fall erwähnt, der dadurch 
von Interesse ist, dass es sich um ein zweisprachiges 
Individuum handelt, welches ganz plötzlich von einer 
totalen Hemiplegie mit Hemianopsie und totaler 
Aphasie betroffen wurde. Es handelte sich wahrschein¬ 
lich um eine Embolie. Der Kranke hatte von Hause 
aus nur französisch gesprochen und hatte deutsch erst 
im 14. Jahr angefangen zu lernen. Die Restitution 
beider Sprachen fand nun in folgender Weise statt: 
Der Kranke lernte zunächst nur das Verständniss für 
das Französische; an einem Untersuchungstage, an 
welchen er die Fragen No. 2, 3, 5 und 8 des Som- 
mer’schen Schema’s vollkommen verstand, fehlte ihm 
noch jegliches Spach verständniss für Deutsch. Er sprach 
Deutsch nur ganz sinnlos nach mit Wortverstümme¬ 
lungen und französischem Accent. Perception und 
Apperception waren durchaus normal. Die nach in¬ 
neren Associationen ablaufenden Vorstellungsreihen 
konnten nur in französischer Sprache produziert wer¬ 
den. Sein Rechen vermögen ‘war für beide Sprachen 
aufgehoben. 

Bei seiner Entlassung war das Sprach verständniss 


konnte nur ungewöhnliche deutsche Worte schwer ver¬ 
stehen. Seine Merkfähigkeit war im wesentlichen nor¬ 
mal; nur bedingte die Auseinanderziehung von Buch¬ 
staben noch eine deutliche Störung. 

(Fortsetzung folgt.) 

— Pommern, Die Bezeichnung der Anstalten 
ist in „Provinzialheilanstalten“ abgeändert 
worden. — Infolge der bei der Provinzialheilanstalt 
bei Uecker münde zunehmenden Unterbringung von 
Kranken in Privatpflege — es werden zur Zeit etwa 
60 Kranke ausserhalb der Anstalt gepflegt — ist die 
Einrichtung einer neuen Ob era rz ts tel 1 e in Liep- 
garten bei Ueckermünde, wo der grösste Theil der 
Kranken untergebracht ist, in Aussicht genommen 
worden. Für den dort anzustellenden Arzt soll in 
einem dazu angekauften Grundstücke eine Dienst¬ 
wohnung hergerichtet, ausserdem soll ihm Fuhrwerk 
zur Verfügung gestellt werden. Ferner ist zur Er¬ 
leichterung des Pflegedienstes die Schaffung einer 
Badeeinrichtung in Liepgarten für die daselbst wohnen¬ 
den Kranken, sowie die Ansiedelung eines ver- 
heiratheten Pflegers geplant. 


Personalnachrichten. 

— Pommern. Angestellt sind der bisherige Assis¬ 
tenzarzt Dr. Luther bei der Provinzialheilanstalt zu 
Lauenburg i. Pom. als Oberarzt daselbst, der bisherige 
Volontärarzt Dr. Stelter bei der Provinzialheilanstalt 
bei Ueckermünde als Assistenzarzt daselbst. Der Assis¬ 
tenzarzt Dr. Plaskuda bei der Provinzialheilanstalt 
bei Ueckermünde und der Assistenzarzt Dr. Viola 
bei der Provinzialheilanstalt zu Treptow, a. R. sind 
aus dem Provinzialdienste geschieden. 

Die billigen Photo-Apparate verschwinden* 

Bis vor wenigen Jahren war es nicht handelsüblich, den 
Käufern photographischer Apparate Zahlungserleichterungen 
zu bewilligen, und die Folge hiervon war, dass viele billige, 
minderwertige Apparate gekauft wurden, sehr zum Schaden 
der Photokunst. Seit jedoch einige Gross firmen den Ver¬ 
kauf selbst der besten Apparate gegen monatliche 
Zahlungen in die Hand genommen haben , ist ein erfreulicher 
Umschwung eingetreten. Die billige Camera verschwindet 
mehr und mehr. Wie sehr die neue Verkaufsmethode, die 
natürlich eine besondere Organisation und grosse Kapitalkraft 
verlangt, einem Bedürfniss entgegengekommen ist, beweist die 
die enorme Entwicklung der in Frage kommenden Firmen 
Tonangebend für den Verkauf gegen erleichterte Zahlung ist 
der Camera-Grossvertrieb Union, Hugo Stückig & Co., 
dessen Vertriebsgebiet 3 Länder umfasst: Deutschland mit Sitz 
Dresden, Oestereich-Ungarn mit Sitz Bodenbach und die Schweiz 
mit Sitz Zürich. Diese Firma liefert seit zwei Jahren ihre be¬ 
kannten Union-Cameras ausschliesslich mit Anastigmaten der 
Weltlirmen Goerz, Berlin, sowie Meyer, Görlitz und zwar 
zu Bedingungen, wie sie entgegenkommender nicht denkbar 
sind. Der neueste Camera-Prospect liegt unserem heutigen 
Blatte bei. 

Der heutigen Nummer liegt ein Prospekt der 
Farbwe rke vorm. Meister, Luc ius & Brün ing ? 
in Höchst a. Main 

bei, worauf wir unsere Leser hiermit noch besonders 
aufmerksam machen. 


für beide Sprachen vollkommen wieder hergestellt; er 


Für den redactionellcn Theil verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Bresler» Lublinitx (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend^, — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl M »rhold in Halle a. S. 

Heynemann’srhc Buchdruckerei (Gebr. Woiff) in Halle a. S. 

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t jeden Sonnabend. — i 

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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lublinitx (Schienen). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adreae: Marhold Verlag, Hallexaalo. Fernsprecher 823. 

Mr. 8. 19 - Mai - 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3gespaltene Petitxeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarst Dr. Joh. Rresler, Lublinitx (Schlesien), xu richten. 


Zehn Jahre Familienpflege in der Provinz Sachsen.*) 

Von Conrad Alt . 


nunmehr io Jahren habe ich hier im Verein 
’ berichtet**; über die Uchtspringer Bestrebungen 
zur Erlangung eines sesshaften Pflegerstandes unter 
Berücksichtigung der familiären Irrenpflege. 

Die sämmtlichen zu dem Zwecke von uns ge¬ 
troffenen und damals als wirksam angesprochenen 
Einrichtungen, von denen ich ausser einer angemessenen 
Lohnerhöhung nur erwähne: Einführung der Dauer- 
Nachtwachen, gesonderte Beköstigung des Pflegeper¬ 
sonals, Auszahlung der Kostenentschädigung an die 
verheiratheten Pfteger und namentlich die Schaffung 
besonderer Pflegerwohnungen mit der Möglichkeit, 
einige Kranke in die Familie aufzunehmen, haben 
sich im Laufe dieser io Jahre nicht nur bei uns vor¬ 
trefflich bewährt, sondern auch vielfach anderwärts 
derartig Nachahmung und Anklang gefunden, dass 
sogar Prioritätsfragen aufgeworfen worden sind. Alles 
was damals von unseren Einrichtungen erhofft und 
vorhergesagt wurde, ist eingetroffen. 

Nur in einem Punkte habe ich mich geirrt, 
nämlich in der Annahme, dass die Mehrheit auch 
der zu diesem Berufe besonders geeigneten und ge¬ 
willten Persönlichkeiten kaum länger als 5 bis 6 Jahre 
dienstfähig sein werde. Die Erfahrung hat gelehrt, 
dass infolge der wesentlichen Diensterleichterung, der 
besseren Besoldung, namentlich aber infolge der Mög¬ 
lichkeit, ein richtiges Heim zu gründen und geregelten 
Hausstand zu führen, der Pflegerberuf bei weitem 
nicht so rasch verbraucht, wie ich das früher ange¬ 
nommen habe. Von den damals im Dienst befind- 
liehen Pflege rn sind auch heute noch eine ganze An- 

*) Vorgetragen am 5. Mai 1906 in der Jahresversammlung 
lies Vereins der Irrenärzte Niedersachsens und Westfalens zu 
Hannover. 

**) t 1 t, Beitrag zur Wärterfrage mit Berücksichtigung der 
familiären Irrenpflege, Monatsschrift für Psychiatrie und Neuro¬ 
logie, Bd. I. 


zahl bei uns angestellt, ohne dass sie eine merkliche 
Einbusse ihrer Dienstfähigkeit erlitten hätten. In 
allen übrigen Punkten habe ich meine damaligen, 
Ihnen hier vorgetragenen Anschauungen und An¬ 
sichten nicht zu ändern. Das gilt namentlich in Be¬ 
zug auf die Einführung und raschere Verbreitung der 
Familienpflege mit Zuhilfenahme des Pflegepersonals. 
Wie Sie sich noch erinnern werden, habe ich damals 
die Meinung geäussert, dass in jeder Provinz viele 
Hunderte von Kranken seien, welche in einer ge¬ 
eigneten Familie weit zweckmässiger untergebracht 
sind, als in der best geleiteten Anstalt. Zu der Zeit 
wurde ja bekanntlich als Hauptgrund gegen die Ein¬ 
führung der Familienpflege immer die Behauptung 
ins Feld geführt, dass es an den für diese freieste 
Verpflegungsform geeigneten Kranken fehle, und der 
Procentsatz der an die Familienpflege abzugebenden 
Kranken ein so geringer sei, dass ihr nur eine unter¬ 
geordnete Bedeutung beigelegt werden könne. 

Ebenso wurde behauptet, es fehle in den aller¬ 
meisten Gegenden und zumal in der Nähe der be¬ 
stehenden Anstalten an geeigneten und gewillten 
Familien zur Ausübung dieser werkfreudigen Nächsten¬ 
liebe; in Ilten, bei Bremen und wo sonst noch die 
Familienpflege — und zwar überall nur in be¬ 
schränktem Maasse — Eingang gefunden habe, seien 
eben besonders günstige Verhältnisse. 

Demgegenüber war ich der Ansicht, dass so gut 
wie überall Familienpflege eingeführt werden könne, 
wenn der leitende Arzt für diese freieste Verpflegungs¬ 
form Interesse und Geschick bekunde. Es komme 
nur darauf an, die Neuerung in richtiger Weise in 
die Wege zu leiten, man müsse zunächst die Familien 
der activen und gewesenen Pfleger heranziehen, sich 
allmählich weiter in der Nachbarschaft ausdehnen und 
in besonders geeigneten Gegenden kleinere Centralen 


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68 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 8 



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Anwachsen der Familienpflege in der Provins Sachsen 1886—1906. 


ergänzt waren, glaubte ich zu rascherem Tempo über¬ 
gehen zu sollen. Im Februar 1900 genehmigte der 
sächsische Provinzial-Landtag die von mir entworfenen 
Grundsätze und die erforderlichen Mittel zu einer 
rascheren, ausgedehnten Einführung der familiären 
Irrenpflege. Der schnelle und stetige Anstieg der 
Kurve zeigte den Erfolg dieser Beschlüsse. In der 
Umgegend von Jerichow und in Jerichow selber, 
wo ausgesuchtes Pflegepersonal zunächst von einer 
ermietheten, provisorischen Centrale aus die Pionier¬ 
arbeit unter der Führung eines besonders für die 


den Betrieb sich erheblich billiger stellt, als die An¬ 
staltspflege, bezweifelt heutzutage Niemand mehr. 

Meinen vor 10 Jahren in dieser Versammlung 
gehaltenen Vortrag schloss ich mit den Worten: „Ich 
hoffe in absehbarer Zeit den practischen Beweis da¬ 
für erbringen zu können, dass diese Pläne keine 
Phantasiegebilde, sondern genau durchdachte und 
wohl zu verwirklichende Vorschläge sind, die in gleicher 
Weise dem Wohl der Kranken, der verdienten Wärter 
und der Steuerzahler Rechnung tragen.“ Ich glaub? 
heute mein damaliges Versprechen eingelöst zu haben. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


69 


1906] 


Oswald Alving. 

Randglossen zu Ibsens „Gespenstern“. 
Von Dr. Boege , Owinsk. 

(Schluss.) 


Diesen Befund können wir im Laufe des Vor- 
und Nachmittags des einzigen Tages, an dem das 
Stück spielt, erheben. Kurz zusammengefasst, handelt 
es sich um eine ausgesprochene subjective psychische 
Insufficienz und um eine starke Depression, die jedoch 
grösstentheils, wenn nicht ganz psychologisch motivirt 
ist Die Nacht über entzieht sich Oswald unserer 
Beobachtung. Das von seiner Mutter gestiftete Asyl 
geht in Flammen auf, und er hilft bei den Lösch 
arbeiten nach Kräften mit, er ist nicht zu bewegen, 
von der Brandstelle fortzugehen. Erst gegen Morgen 
sehen wir ihn wieder, von der körperlichen Arbeit, 
von der Durchnässung sehr ermüdet. Doch ist in 
seinem seelischen Zustande zunächst noch keine Ver¬ 
änderung gegen sein Verhalten am Tage zu bemerken. 
Gleichwohl mögen die Anstrengungen der Nacht ihn 
derart mitgenommen haben, dass sie im Verein mit 
den Mittheilungen, die die Mutter ihm nunmehr macht, 
als auslösendes Moment für <^ie tiefgreifende Ver¬ 
änderung, die sich nachher in ihm vollzieht, gelten 
können. Sie erzählt ihm, was für einen Lebenswandel 
sein Vater, zu dem er bis dahin in uneingeschränkter 
Verehrung als zu einem Ideal emporgeblickt hat, ge- 
geführt hat. — Von da an verändert sich Oswalds 
Wesen zusehends. Er fängt an gleichgültig gegen 
Vater und Mutter zu werden. Auf die Frage der 
Mutter, ob ihn die Mittheilung erschüttert habe, 
erklärt er: „Es kam mir natürlich sehr überraschend; 
aber im Grunde kann es mir ja ganz gleichgültig 

sein.Natürlich hege ich Theilnahme für ihn, 

wie für jeden andern, aber — ... Ich habe keine 
andere Erinnerung an ihn, als dass er mir einmal 
Uebelkeit verursacht hat.“ . . .“ Er wird ungeduldig, 
unruhig, geht erregt im Zimmer auf und ab. Ganz 
offen und rücksichtslos spricht er zur Mutter über 
ein gewaltsames Ende. Dann ganz plötzlich, als be¬ 
reits der junge von ihm ersehnte Tag zu grauen be¬ 
ginnt, bricht Oswald zusammen. „Mutter gieb mir 
die Sonne“, sagt er, als ihn die Mutter auf die strahlend 
aufgehende Sonne hinweist, und wiederholt auf deren 
erschrecktes Fragen nur dumpf und tonlos die Worte: 
„Die Sonne, die Sonne“. Er scheint im Stuhl zu¬ 
sammenzuschrumpfen, alle Muskeln erschlaffen; sein 
Gesicht wird ausdruckslos; die Augen werden blöde 
und stier. Tonlos und unbeweglich wiederholt er 


mehrmals zur jammernden Mutter: „Die Sonne — 
die Sonne.“ 

Oswald ist verblödet. Der Krankheit letzter Act 
hat begonnen. 

Die Diagnose der seelischen Erkrankung giebt 
Ibsen selbst: „Es handelt sich um eine Art Er¬ 
weichung des Gehirns“, sagte der Pariser Arzt. Wenn 
Ibsen dies nicht so bestimmt sagte, würde wohl 
schwerlich ein Irrenarzt darauf kommen, die Diagnose 
„Paralysis progressiva“ zu stellen. — Oswald ist schwer 
belastet. Es ist bekannt — gerade in Laienkreisen 
wird viel Werth darauf gelegt —, dass erbliche Be¬ 
lastung für Geisteskrankheit prädisponirt. Nun hat 
man allerdings der erblichen Belastung bei. Paralyse 
bis vor kurzem nur wenig Bedeutung beigemessen; 
erst neuerdings mehren sich die Stimmen, die ihren 
Einfluss höher schätzen; wohl sei die Paralyse vor¬ 
nehmlich durch äussere Schädigungen verursacht, aber 
sie betreffe meist nur zu Psychosen bereits disponirte 
Gehirne. Doch soll es sich ja bei Oswald nicht um 
eine gewöhnliche erworbene, sondern um einen der 
seltenen Fälle von hereditärer Paralyse handeln (bei 
denen nicht nur die allgemeine Disposition, sondern der 
ganze specielle Krankheitskeim angeboren ist). Dabei 
ist wieder zu bemerken, dass das Alter der Erkrankung 
hierfür sehr ungewöhnlich ist. Er ist bei Beginn 
der Erkrankung 25 Jahre alt. Die hereditäre Para¬ 
lyse pflegt bis spätestens Ende des zweiten Lebens¬ 
jahrzehnts zu beginnen, meist um das I4te bis I5te 
Jahr. Für eine erworbene Paralyse, die wie gesagt 
nach der ganzen Tendenz des Stückes nicht vorliegen 
kann, wäre er auffallend jung, denn diese pflegt kaum 
vor dem dreissigsten Jahre zu beginnen. — Anfälle 
wie der, den Oswald in Paris gehabt und wie sie ihm 
sein Arzt in Aussicht gestellt hat, kommen ja bei 
Paralyse vor, übrigens auch bei anderen Geisteskrank¬ 
heiten (ausser bei Epilepsie und Hysterie auch bei 
Dementia praecox und auch bei Neurasthenie). Nach 
den Anfällen tritt auch öfter eine mehr oder weniger 
merkliche Verschlechterung des seelischen Zustandes 
ein, aber doch lange nicht so häufig und nur sehr 
selten so hochgradig, dass der Arzt zu der Voraus¬ 
sage berechtigt sein konnte; wenn der Anfall wieder¬ 
komme, so sei keine Hoffnung mehr (das kann doch 
nur heissen: dann beginne die Verblödung). Die 


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70 


PSYCHIATRISCH-NEUROL OGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 8. 


starken Kopfschmerzen, über die Oswald anfangs zu 
klagen hatte, die grosse Müdigkeit sind ja meist 
Anfangssymptome der Paralyse, aber auch der meisten 
andern psychischen Erkrankungen. Sehr unwahr¬ 
scheinlich erscheint wiederum die ausserordentlich 
klare und zutreffende Krankheitseinsicht, wie man sie 
bei Paralytikern kaum findet. Ferner muss befremden, 
dass das Gemüthsleben durch die Erkrankung so gar- 
nicht alterirt ist, dass bis kurz vor dem Zusammen¬ 
bruch die ethischen Gefühle, die Liebe und Ver¬ 
ehrung zu den Eltern, anhalten. Gerade das Er¬ 
löschen der ethischen Gefühlstöne bereits zu einer 
Zeit, wo den Kranken äusserlich noch wenig anzu¬ 
merken ist, ist kennzeichnend für Paralyse. Endlich 
die plötzliche, binnen wenigen Minuten sich voll¬ 
ziehende Verblödung, die Umwandlung einer klar 
auffassenden und denkenden Persönlichkeit, die weder 
dem Laien noch dem Arzt auf Paralyse deutende objective 
Krankheitserscheinungen bietet, in eine lallende, hülf- 
lose, einem Kinde gleichende Ruine von einem 
Menschen: Sie kommt bei Paralyse nicht vor. Diese 
Umwandlung vollzieht sich meist allmählich, selten 
während eines Anfalls etwas schneller, aber auch dann 
in mehreren Tagen, so lange nämlich als der Anfall 
und seine unmittelbaren Nachwehen dauern. 

Doch es sei zugegeben, dass einmal eine Paralyse 
gerade so oder wenigstens so ähnlich verlaufen mag, als 
Ibsen es schildert; denn die Paralyse ist ja die Krank¬ 
heit, die die mannigfachsten Verlaufsarten hat. Zum 
mindesten als sehr unwahrscheinlich muss man Ibsens 
Schilderung jedenfalls bezeichnen. Man wird vielleicht 
einwenden, Ibsen sei kein Irrenarzt. Es wäre aber 
ein leichtes für ihn gewesen, sich bei einem Fach¬ 
mann Auskunft zu holen, und umsomehr wäre er 
dazu verpflichtet gewesen, als er ja der realistische 
Dichter sein will. — Eine Möglichkeit ist vielleicht 
noch zu erwägen. Alles was sich für die Diagnose 
Paralyse verwerthen lässt, ist vor Beginn der Hand¬ 
lung passirt und passirt ganz am Schlüsse des Stückes. 
Der Oswald, den wir während der beiden ersten Auf¬ 
züge und auch des grössten Theils des letzten Auf¬ 
zuges kennen lernen, ist nicht geisteskrank. Es 
bleibt somit die Möglichkeit, dass z. Z. eine weit¬ 
gehende Remission besteht (eine grosse Seltenheit). 
Ich glaube nicht, dass wir zu der Annahme berechtigt 
sind, Ibsen wollte ein Paralyse in Remission zeichnen; 
seine Absicht war eine regelrechte Gehirnerweichung 
auf die Bühne zu bringen. 

Ich habe vorhin dem Dichter uneingeschränkt 
das Recht zugestanden, socialmedicinische Fragen zu 
behandeln, ich bin nicht in der Lage, das Für und 


Wider hier zu erörtern, das liegt ausserhalb meines 
Themas. Aber ob daraus auch das Recht folgt, einen 
Geisteskranken zum Träger der Handlung eines Dramas 
zu machen, ist eine andere Frage. Moebius sagt:*) 
„Je abnormer und krankhafter ein Mensch beschaffen 
ist, um so weniger findet bei ihm eine normale Moti¬ 
vation statt. Je mehr die Krankheit wächst, um so 
mehr schwindet die. normale Motivation, oder, was 
dasselbe ist, die psychologische Freiheit. Bei einem 
gewissen Grade der Krankheit hört sie ganz auf, der 
Mensch wird dann unfrei oder unzurechnungsfähig. 
Er denkt und handelt dann unter einem organischen 
Zwange, er ist psychologisch nicht mehr verständlich. 
Ein solcher Mensch ist nicht nur dem Strafrichter 
entzogen, sondern auch der Poesie. . . . Daraus ei- 
giebt sich, dass der eigentliche »Wahnsinn 1 , d. h. die 
ausgesprochene Geisteskrankheit nicht zu den dichter¬ 
ischen Vorwürfen gehören kann. . . . Da andererseits 
der Dichter gezwungen ist, das Pathologische, von 
dem die Welt voll ist, zu verwerthen, so ergiebt sich, 
dass ihm das Zwischenreich gehört, soweit wie in der 
Hauptsache die Motivation normal ist. . . “ Träger 
der Handlung könnten also allenfalls Menschen, die 
auf der Grenze der geistigen Gesundheit stünden 
(Degeneres und leichte Psychopathen) sein, aber 
niemals ausgesprochen geisteskranke. Natürlich kann 
auch ein Paralytiker, selbst im Anfänge seiner Krank¬ 
heit, niemals für zurechnungsfähig und verantwortlich 
gelten. Wenn nun Ibsen in den Gespenstern einen 
„Paralytiker“ zum Träger der Handlung gemacht hat. 
so könnte man zunächst vielleicht den Eindruck 
haben, als ob dadurch jene Behauptung widerlegt 
würde, in Wirklichkeit jedoch scheint mir die Zeich¬ 
nung dieses Paralytikers nur eine Bestätigung der 
citirten Ausführungen von Moebius zu sein. Denn 
Ibsen bezeichnet Oswald wohl als Menschen, der 
schon zwei Jahre an Paralyse leidet, thatsächlich je¬ 
doch lässt er ihn — abgesehen von der Schlussscene 
— wie einen Gesunden, denken, sprechen und han¬ 
deln,*) offenbar nur darum, weil er einen wirklichen 
Paralytiker nicht gebrauchen kann. In dieser That- 
sache, in diesem Widerspruch zwischen der Absicht 
des Dichters und der Unmöglichkeit ihrer consequenten 
Durchführung, der dem Dichter gamicht zum Be¬ 
wusstsein gekommen sein dürfte, scheint mir eben 
die Bestätigung zu liegen. 

*) In der Einleitung zu Goethe S. 19. Ausgewählte 
Werke. Bd. III. 

*) Viel handelt ja Oswald überhaupt nicht Der, der 
wirklich gehandelt, und der den ganzen traurigen Ausgang durch 
sein Handeln verschuldet hat, ist der verstorbene Hauptmann 
Alving. 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


7 i 


Geisteskranke kann der Dramatiker ebenso wenig 
— als Träger der Handlung — verwerthen, wie sie 
im Leben als mündig gelten. In der Geisteskrank¬ 


heit ist die Motivirung* krankhaft, entweder die Motive 
oder ihre Verwerthung; der Dramatiker braucht eine 
psychologische Motivirung. 


Mittheilungen. 


— Die XXXI. Wander-Versammlung der 
südwestdeutschen Neurologen und Irrenärzte 
findet am 26. und 27. Mai in Baden-Baden im Blumen¬ 
saale des Conversationshauses statt. Die erste Sitzung 
findet Samstag, den 29. Mai, vormittags von n bis 
1 Uhr statt. Etwaige Demonstrationen von Kranken 
sollen in dieser Sitzung stattfinden. In der zweiten 
Sitzung am gleichen Tage nachmittags von 2 bis 
5V2 Uhr wird das Referat erstatten Herr Prof. Dr. 
von Gruetzner-Tübingen: Ueber vasomoto¬ 
rische Nerven. Daran sollen sich die dazu ge¬ 
hörigen Vorträge sowie Bemerkungen zur Diskussion 
anschliessen. Die dritte Sitzung findet Sonntag, den 
27. Mai, vormittags von 9 bis 12 Uhr statt mit Ein¬ 
schaltung oder Anschluss von Demonstrationen micros- 
copischer oder sonstiger Präparate. 

Bis jetzt sind folgende Vorträge angemeldet: 

1. Ho che (Freiburg i. B.): Zur Unfallgesetzgebung. 

2. Bach (Marburg): Begriff und Localisation der re- 
flectorischen Pupillenstarre. 3. Hoffmann (Heidel¬ 
berg): Ueber Myotonie. 4. C. Becker (Baden-Baden): 
Zur Physiologie der Nervenzelle. 5. He 11 pach (Karls¬ 
ruhe): Berufspsychosen. 6.Spielmeyer(Freiburgi.B.): 

a) Ueber Hemiplegie bei intacter Pyramidenbahn. 

b) Demonstration von Glia-Präparaten. 7. Fried- 
länder (Hohe Mark): Paranoide Symptomenkom- 
plexe bei nicht Paranoischen — ihre klinische Be- 
werthung und psychische Behandlung. 8. Fried- 
mann (Mannheim): Zur Lehre von den organischen 
Erkrankungen des Gehirns und Rückenmarks nach 
Erschütterung. 9. Nonne (Hamburg): Ueber eine 
systematische Rückenmarks-Erkrankung bei Alkoho- 
listen (mit Demonstration von Präparaten). 10. Bumke 
(Freiburg i. B.): Ueber die pathologische Anatomie der 
reflectorischen Pupillen-Starre. 11. D i n k 1 e r (Aachen): 
Zur Localisation im Grosshim. 12. Aschaffenburg 
(Cöln): Die Beziehungen des sexuellen Lebens zur 
Entstehung von Nerven- und Geisteskrankheiten. 
13. Fraenkel (Hamburg): Ueber Wirbelsäulen-Ver¬ 
steifung mit Demonstration von Präparaten. 14. Rhein - 
bol dt (Kissingen): Ueber die nervöse Componente 
intem-medicinischer Krankheitsbilder. 15. Laquer 
(Frankfurt a. M.): Die künstlerische Leistungsfähigkeit 
eines paralytisch erkrankten Bildhauers in der Re¬ 
mission (mit Demonstration). 16. Kohnstamm 
(Königstein i. T.): Die biologische Sonderstellung der 
Ausdrucksbewegung. 17. Zahn (Stuttgart): Ueber 
acute Hautablösungen bei progressiver Paralyse. 
18. Ranke (Wiesloch): Gewebsveränderungen im 
Gehirn luetischer Neugeborener. 19. Gierlich 
(Wiesbaden); Ueber die Entwicklung der Neuro¬ 


fibrilleninder Pyramidenbahn des Menschen. 20. Fisch - 
ler (Heidelberg): Krankenvorstellung. 21, G. Grund 
(Heidelberg): Ein primärer Tumor des Rückenmarks. 

22. Schönborn (Heidelberg): Thema Vorbehalten. 

23. A. Nolda (St. Moritz): Ueber die Indicationen 
der Hochgebirgskuren für Nervenkranke. 24. Phleps 
(Halle): Die Verwerthung der Schallleitungsfähigkeit 
des Schädels zu diagnostischen Zwecken bei intra- und 
extracraniellen Erkrankungen. 

— Verbrühung im Dauerbad. Im vorigen 
Winter war der Techniker T., der an progressiver 
Paralyse litt, im städtischen Irrenhause zu X. unter¬ 
gebracht. Der behandelnde Arzt verordnete ihm 
Dauerbäder mit einer Temperatur von 36 Grad, und 
der Wärter B. hatte diese Verordnung auszuführen. 
Am Vormittage des 1. Januar hatte dieser den 
Kranken ordnungsmässig in die Wanne gesetzt, und 
kurz vor Beginn seiner Mittagspause war es Zeit zur 
Erneuerung des Wassers. Er liess daher das alte 
Wasser abfliessen und öffnete gleichzeitig den Hahn 
der Heisswasserleitung, um neues einzulassen, indem 
er mit dem Thermometer die Temperatur sorgfältig 
regulirte. Als das Wasser dem Kranken bis an die 
Brust reichte, schloss er den Hahn wieder*) und 
ging zu Tische, nachdem er einen jungen Hilfswärter 
zur Aufsicht in das Zimmer gerufen. Die Besorgung 
des Patienten war diesmal eine schwierige Aufgabe 
gewesen, weil derselbe sich dabei ungewöhnlich er¬ 
regt und unruhig gezeigt hatte. Diesem Umstande 
war es wohl auch zuzuschreiben, dass der Wärter 
den Hahn nicht ganz dicht zudrehte und sich rasch 
entfernte, ohne dieses Versehen bemerkt zu haben. 
Das hatte sehr ernste Folgen. Der junge Hilfswärter 
wurde nicht gewahr, dass beständig heisses Wasser in 
die Wanne zuströmte, und der Kranke, der infolge 
seines Leidens empfindungslos war, rührte sich nicht. 
So kam es, dass er, als B. zurückkam, stark verbrüht 
war. Besonders an dem einen Fusse, der sich un- 

*) Anm. d. Redacteurs: Bestand kein Verbot, heisses Wasser 
in die Wanne zu lassen, während der Kranke sich darin be¬ 
findet? — Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf einen Um¬ 
stand aufmerksam machen, der gewiss eine weniger ängstliche 
Handhabung des Heisswasserleitungs-Hahns seitens des Pflege¬ 
personals verschuldet; die Heisswasserleitung ist oft nicht durch 
das Wort „heiss \ sondern mit „warm“ gekennzeichnet, selbst 
wenn das herausfliessende Wasser einen zur Verbrühung aus¬ 
reichenden Hitzegrad hat. Zur Anstaltshydrotherapie ist jeden¬ 
falls die Anbringung von solchen Sicherheitsinstallationen er¬ 
wünscht, welche die Möglichkeit von Verbrühungen Kranker 
durch Unachtsamkeit des Pflegepersonals ganz ausschliessen 
f'z. B. die bekannten Mischapparate oder Apparate mit lautem 
Glockensignal beim Ansteigen der Warmwasserieinperatur über 
einen bestimmten Temperaturgrad.) 


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72 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 8 


mittelbar am Einflussrohr befunden, war die Ver¬ 
brühung so hochgradig, dass sich alsbald die Haut 
ablöste. Trotz der sorgfältigsten ärztlichen Behand¬ 
lung, und obgleich sich die Folgen einer tödtlichen 
Verbrühung nicht, wie es sonst zu sein pflegt, schon 
am folgenden oder am zweiten Tage einstellten, er¬ 
folgte doch nach acht Tagen der Tod des Kranken. 
Die Staatsanwaltschaft machte B. für den Unglücks¬ 
fall verantwortlich, und so hatte dieser sich jetzt vor 
der ersten Strafkammer wegen fahrlässiger Tödtung 
zu verantworten. Da jedoch der als Sachverständiger 
geladene Oberarzt jener Station der Anstalt sein Gut¬ 
achten dahin abgab, dass die Verbrühung, wie sie bei 
dem Verstorbenen constatirt worden, den Tod nicht 
nothwendiger Weise hätte herbeiführen müssen, dass 
vielmehr der vorher schon sehr elende Gesundheits¬ 
zustand T.’s dabei mitgewirkt habe, so erachtete das 
Gericht nicht fahrlässige Tödtung, sondern nur fahr¬ 
lässige Körperverletzung für erwiesen und verurtheilte 
den Angeklagten, dem im übrigen von dem Arzte ein 
gutes Zeugniss ausgestellt worden war, zufünfzigMark 
Geldstrafe, eventuell zu zehn Tagen Gefängniss. 

(Breslauer Zeitung.) 

— Wiesbaden. Unser Bezirksverband plant die 
Errichtung einer dritten Bezirks-Irrenanstalt. Um sie 
haben sich etwa zwanzig Gemeinden u. s. w. beworben. 
Der Vorzug soll nach einem Anträge des Landesaus¬ 
schusses der Stadt Herborn gegeben werden, die 
von 500 Morgen dazu benöthigtem Gelände 190 
Morgen frei zur Verfügung stellt, während sie die 
übrigen 310 Morgen für durchschnittlich 12 Mk. die 
Ruthe zu beschaffen sich verpflichtet. Im nächsten 
Frühjahr wird mit dem Bau begonnen. Im Frühjahr 
1910 sollen die ersten Kranken Aufnahme finden. 
Zur Anwendung kommt das koloniale System. Nach 
Bedarf wird die Anstalt für die Aufnahme von 1000 
bis 1200 Kranken erweitert. — Der bisherige Direc- 
tor der staatlichen Irrenanstalt Eichberg, Dr. Bothe, 
ist vom 1. April ab durch den Landesausschuss zum 
Director der interimistischen Heilanstalt in Hadamar 
bestellt worden, die noch nicht eröffnet ist und zur 
Entlastung der Anstalt in Eichberg und Weilmünster 
voraussichtlich drei bis vier Jahre bestehen wird, bis 
die neue dritte Irrenanstalt in Herborn eröffnet werden 
kann. An seine Stelle trat Oberarzt Dr. Sn eil aus 
Hildesheim. 

— Errichtung einer neuen Landesanstalt für 
unruhige Geisteskranke in Sachsen. Das fortge¬ 
setzte Anwachsen der Zahl der Geisteskranken im König¬ 
reich Sachsen hat, trotzdem verschiedene grosse Gemein¬ 
den besondere Irrenanstalten errichtet haben, zu einer 
Ueberfüllung in den bestehenden Landesanstalten 
für Geisteskranke geführt, so dass sich die Kgl. Staats¬ 
regierung zum Bau einer neuen Landesirrenanstalt 
entschlossen hat. Gegenwärtig besteht in Sachsen 
die Einrichtung, dass die Heil- und Pflegeanstalten 
Sonnenstein, Grossschweidnitz, Zschadrass und Unter- 
göltzsch die unruhigen Kranken, welche meist durch 
Lärmen und Schimpfen, wenn sie in grösserer An¬ 
zahl in den Heil- und Pflegeanstalten untergebracht 
sind, den Heilerfolg bei den übrigen Kranken erheb- 

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lieh beeinträchtigen, nach Colditz überweisen. Jetzt 
ist nun die Pflegeanstalt Colditz bereits so überfüllt, 
dass eine Abschiebung dahin aus anderen Anstalten 
nicht mehr möglich ist und weitere Aufnahmen trotz 
der Zunahme der noch nicht untergebrachten Patienten 
nicht mehr stattfinden können. Ueber diese Miss¬ 
stände werden im Lande allenthalben Klagen laut. 
Der Plan der Regierung für die Zukunft geht nun 
dahin, Hubertusburg in grösserem Maasse der Ent¬ 
lastung der Anstalten Zschadrass und Untergöltzsch 
von dorthin nicht passenden unruhigen Kranken 
dienstbar zu machen und für die Anstalten Sonnen¬ 
stein und Grossschweidnitz eine neue Anstalt zu er¬ 
richten, und zwar in Amsdorf. Aus diesem Grunde 
sind dort bereits ein Areal von ca. 35 Va ha, sowie 
vier Häuser mit den daran liegenden Gärten vom 
Staatsfiscus erworben worden. Drei dieser Häuser 
sollen als Beamtenwohnungen Verwendung finden. 
Das in Frage kommende Terrain an der Radeberg- 
Stolpener Chaussee wird in einem Gutachten des 
Directors der Heilanstalt Sonnenstein, Herrn Geh. 
Medicinalrath Dr. Weber, als ein in jeder Beziehung 
günstiges und als Anlage für eine grössere Irrenan¬ 
stalt vorzüglich geeignetes bezeichnet. Die Gegend 
bietet alle Voraussetzungen zu einem ruhigen Asyl 
für Geisteskranke. Die Vorarbeiten für den Anstalts¬ 
bau, der vollständig den Erfahrungen der modernen 
Psychiatrie angepasst wird, sind bereits unter Leitung 
des Herrn Oberbaurathes Reh vom Kgl. Ministerium 
des Innern im Gange. 

— Elberfeld. Nach Verbüssung von sechs 
Jahren Zuchthaus freigesprochen. Im 
Jahre 1898 beging der Schuhmacher Joseph Wetzel 
mehrere schwere Diebstähle, spielte sich auch wieder¬ 
holt als Criminalbeamter auf. Er wurde verhaftet und 
am 5. Oktober 1898 von der hiesigen Strafkammer 
zu sechs Jahren Zuchthaus veruitheilt. Nachdem er 
die Strafe verbüsst hatte, wurde er im Sommer wegen 
eines neuen Diebstahls abermals vor die hiesige Straf¬ 
kammer gestellt. Diese Verhandlung endete jedoch 
mit seiner Freisprechung, weil er nach dem Gutachten 
des Gerichtsarztes geisteskrank ist und aller Wahr¬ 
scheinlichkeit nach schon bei Begehung des Diebstahls 
gewesen war. W. wurde einer Irrenanstalt überwiesen, 
in der er sich noch jetzt befindet. Das Gericht ord¬ 
nete nach jener Verhandlung eine Wiederaufnahme 
des Verfahrens wegen der 1898 begangenen Straf- 
thaten an, und heute wurde W. in einer neuen Ver¬ 
handlung freigesprochen, weil er nach dem Gutachten 
zweier Psychiater höchstwahrscheinlich schon damals 
geistesgestört gewesen ist. 

(Frankfurter Zeitung, 15. April 1906.) 

— Jahresversammlung des Deutschen Ver¬ 
eins für Psychiatrie in München am 20. und 
21. April 1906. Referent: H. Haenel - Dresden. 
(Fortsetzung.) (Schluss des Vortrags von Dr. Rosen¬ 
feld, s. vorige Nummer.) 

Es wäre von Interesse mit diesem Kranken an¬ 
dere aphasische zu vergleichen, welche von Hause 
aus zweisprachig gewesen sind. Der einzige derartige 
Fall, den ich zu untersuchen bekam, betraf einen 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


73 


1906.] 


62 jährigen Elsässer, der beide Sprachen gleichmässig 
gut von Jugend auf beherrschte und bei welchem plötz¬ 
lich nach Art eines apoplektischen Anfalls eine Stö¬ 
rung des Sprachverständnisses und der Wortfindung 
aufgetreten war. Die Untersuchung ergab, dass hier 
thatsächlich sehr wesentliche Unterschiede gegenüber 
dem vorigen Falle bestanden, insofern als beide Spra¬ 
chen gleichmässig getroffen waren. Es ist aber 
die Möglichkeit vorhanden, dass es sich in diesem 
Falle um eine allgemeine Gehirnarteriosclerose han¬ 
delt und nicht um einen isolierten Herd im Tem¬ 
porallappen. 

Das Aphasiematerial einer psychiatrischen Klinik 
pflegt nicht sehr gross zu sein. Nicht jeder Fall eig¬ 
net sich zu derartigen Untersuchungen. Dieser Um¬ 
stand möge es entschuldigen, wenn ich nur eine be¬ 
scheidene Zahl von Untersuchungsprotocollen mittheilen 
kann. Sie können einen Beitrag liefern zu den psy¬ 
chischen Störungen bei und nach Läsionen der Sprach- 
region. Sie rechtfertigen die Annahme, dass sensorisch- 
aphasische Störungen stets von anderen psychischen 
Störungen begleitet werden. 

Die genauere Analyse der einfacheren psychischen 
Störungen bei organischem Gehimleiden wird für die 
Diagnostik der Gehirnkrankheiten noch eine grössere 
Bedeutung gewinnen. 

Discussion über die Vorträge Heilbronner, 
Pfister, Rosenfeld: 

Neisser ist mit Herrn Pfister im Ganzen ein¬ 
verstanden, auch in den Punkten, die von seiner frü¬ 
heren Ansicht z. T. abweichen; festhalten möchte er 
aber an dem Merkmal, dass Sprachstörungen wie die 
geschilderte sich nur in directer, wortgetreuer, nicht 
in indirecter Rede wiedergeben lassen. 

Herr Gramer hat bei Zweisprachlern, die kata¬ 
tonisch oder an Grenzzuständen erkrankten, beobachtet, 
dass das ZwangSTeden nur in der Muttersprache auftrat. 

Herr Pfister: die wortgetreue Reproduction 
solcher pathologischer Sprachproducte ist jedenfalls 
das Bessere, er kann es aber nicht als unterscheidendes 
Merkmal gelten lassen, dass dieselben das einemal 
nur in directer, das anderemal auch in indirecter 
Wiedergabe zu schildern seien. 

Herr Ho che dankt Herrn Heilbrunner für 
sein Referat. 

Herr Heilbronner (Schlusswort). 

3. Herr Hoche-Freiburg i. B.: Kritisches zur 
psychiatrischen Formenlehre. 

Die heutige psychiatrische Formenlehre ist unbe¬ 
friedigend, oft diagnostisch und prognostisch unklar, 
für den Unterricht unbrauchbar. Die letzten Jahre 
haben daran wenig geändert, auch Kraepelin nicht, 
der in seinem Lehrbuche noch „zahllose“ Uebergangs- 
formen und Verwischung fast aller Grenzen anerkennt. 
Bisher ist jedes Ziel nur eine Station, jeder vermeint¬ 
liche Typus nur eine Zustandsform gewesen. Trotz¬ 
dem hält man an dem Dogma der Möglichkeit 
einer Aufstellung typischer Formen, und an dem 
anderen der Pathologie der Rinde als Grundlage für 
Eintheilung der Psychosen fest. Bezüglich des ersteren 
scheint ein Maximum in der Differenzirung der Krank- 

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heitsbilder erreicht zu sein, wir nähern uns dem Punkte, 
wo die Psychiatrie es nur noch mit einer Summe 
einzelner Kranker zu thun hat; alle Kriterien der 
grösseren klinischen Formen sind nach und nach 
entwerthet worden. Deshalb ist vielleicht unsere Frage¬ 
stellung falsch, eine unzulässige Uebertragung der 
Grundsätze anderer klinischer Disciplinen. Das Suchen 
nach reinen Typen wird aufhören müssen, die Pa¬ 
rallele zwischen Organstörungen mit ihren Symptomen 
und Hirnstörungen mit ihren Symptomen ist principiell 
unzulässig. Selbst wenn wir schon eine pathologische 
Anatomie der Psychosen hätten, eine Erklärung für 
die geistigen Störungen selbst wäre damit noch nicht 
gegeben. Die Möglichkeit localisirter Erzeugung 
höherer psychischer Funktionen ist zwar gegeben 
(Aphasie und verwandte Symptome), aber selbst für 
die einfachste Psychose ist damit noch nichts gewonnen. 
Bei der Paralyse sehen wir z. B., dass fast alle psy¬ 
chotischen Grundsymptome auftreten können: ein 
diffuser anatomischer Prozess steht einer Unmenge 
wohl unterschiedener psychischer Einzelstörungen 
gegenüber. Eine Art Verständniss können wir höch¬ 
stens für die Ausfallserscheinungen gewinnen, und da 
auch nur quantitative Unterschiede messen, das Ver¬ 
ständniss für qualitative Unterschiede bleibt im Duhkel. 
Ebensowenig wie beim Gesunden kann beim Kranken 
jedem psychischen Einzelprocesse ein bestimmtes ana¬ 
tomisches Substrat entsprechen. Die Hoffnung auf 
die pathologische Anatomie als der Löserin der letzten 
Fragen wird also erheblich herabzumindern, vielleicht 
aufzugeben zu sein, und damit fiele auch das zweite 
der genannten Dogmen zusammen. Wir dürfen dar¬ 
über uns keinen Illusionen hingeben, als ob die Psy¬ 
chiatrie sich auf irgendwie festen Fundamenten be¬ 
wegte. 

Discussion: Herr Alzheimer: In der Kenn¬ 
zeichnung der Schwierigkeiten ist die K räpelin’sche 
Schule mit Ho che völlig einverstanden, nur darf 
man über der Kritik den positiven Aufbau nicht ver¬ 
nachlässigen ; dazu gehört* in erster Linie immer 
weitere Vertiefung der Symptomatologie. Alzheimer 
hält mit Ueberzeugung an dem histologischen „Dogma“ 
fest, nur darf man an dasselbe keine unerfüllbaren 
Forderungen stellen. Aus den anatomischen Befunden 
die klinischen Einzelerscheinungen zu erklären, hat 
wohl noch niemand versucht; die Aufgabe kann und 
muss aber sein: dort, wo klinische Unterschiede be¬ 
stehen, solche auch anatomisch zu constatiren. 

Herr Gau pp: Die historische Entwicklung der 
Paralyse z. B. zeigt, dass die anatomische Forschung 
doch Grundlagen und Grenzlinien haben kann. 
Kräpelin schwebt dasselbe Ziel betr. der heute nur 
provisorisch abgegrenzten Dementia praecox vor. Ein 
noch zu wenig begangener Weg zur Aufstellung und 
Befestigung von Krankheitstypen ist die Erhebung 
sorgfältiger Katamnesen. Ein Grund zur Resignation 
besteht bei dem noch relativ jugendlichen Alter unserer 
Wissenschaft nicht. 

Herr Cramer gibt Herrn Alzheimer recht. 
Wir haben schon bei einer ganzen Reihe von 
Psychosen anatom. Grundlagen. Auch bei den 

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74 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 8. 


„functioneilen“ Psychosen ist heute fast überall irgend 
ein Befund zu erheben; wie er zu deuten ist, ist 
eine secundäre Frage, jedenfalls nicht in dem Sinne, 
dass damit einzelne Elementarsymptome zum Aus¬ 
druck gebracht sein könnten. 

Herr Binswanger will scharf geschieden wissen 
zwischen ausgleichbaren und unausgleichbaren Schä¬ 
digungen. Für die ersteren wird man die anatomischen 
Belege vermissen, ein Theil derselben kann aber in 
dauernde übergehen und dann Befunde ergeben. — 
Kräpelin hat durch den häufigen Wechsel seiner 
Anschauungen selbst verwirrend gewirkt; das Suchen 
nach Typen muss aber bleiben, auch wenn manches 
Alte über Bord geworfen wird. 

Herr Buch holz möchte die practische Bedeutung 
der Frage hervorheben: es ist dem Publicum gegen¬ 
über unvorteilhaft, das viele Thatsächliehe, was wir 
schon wissen, als unsicher und unzuverlässig zu be¬ 
zeichnen. 

Herr Ga upp rechtfertigt Herrn Binswanger 
gegenüber die Entwicklung der K rä p el i n’schen 
Psychiatrie. 

Herr Ho che (Schlusswort) gesteht, im Grunde 
nicht so pessimistisch zu sein, als es vielleicht in 
seinem Vortrage schien. Das Argument der Ent¬ 
wicklung der Paralysen-Lehre muss er allerdings 
ebenso ablehnen, wie die für die wissenschaftliche 
Forschung gänzlich unmassgeblichen Bedenken des 
Herrn Buch holz. 

4. Herr Alt-Uchtspringe: Ernährungstherapie 
der Basedow’schen Krankheit. 

Ueber die Art der Ernährung der Basedowkranken 
waren die Meinungen bisher getheilt, weil die er¬ 
forderlichen Stoffwechseluntersuchungen fehlten. Vortr. 
hat solche angestellt und gefunden, dass bei den Kranken 
vor allem eine gesteigerte innere Oxydation stattfindet; 
ferner constatirte er auffallend häufig eine alimentäre Gly- 
cosurie, die die NothWendigkeit auferlegt, die oft sehr 
niedrig liegende Toleranzgrenze für Kohlehydrate in 
jedem Falle festzustellen. Weiter wiesen die nicht 
seltenen Oedeme der Kranken auf eine Störung im 
Salzstoffwechsel und der Nierenfunction hin, die sich 
auch thatsächlich bestätigte. Auch auf Störungen der 
Phosphor-Aufnahme und Ausscheidung, auf die die 
Erfahrungen beim Myxödem hingewiesen hatten, 
wurde geachtet. Alle diese Anomalien des Stoffwechsels 
lassen es zu einer Anhäufung überschüssiger Fermente 
im Körper kommen, denen in der Nahrung ent¬ 
sprechende Gegengifte entgegengestellt werden müssen. 
Vortr. hat bisher Basedowkranke ernährungstherapeutisch 
behandelt. Wegen der durchgängig gefundenen Nieren - 
insufficienz reichte er zuerst eine Na Cl-arme, vor¬ 
wiegend Milch enthaltene Kost; die dabei anfangs 
beobachtete Gewichtsabnahme in Folge Wasserverlust 
hatte nichts Bedrohliches, ging vielmehr mit Besserung 
der Pulszahl und des Allgemeinbefindens einher. Die 
alimentäre Glvcosurie nöthigte zur Beschränkung der 
Kohlehydrate und strengen Innehaltung der Toleranz¬ 
grenze für dieselben. Das in Folge dessen ungenügend 
gedeckte Kalorienbedürfniss wurde durch Darreichung 
von reichlich Eiweiss und Fett (Butter, Sahne) be- 

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friedigt. Manchmal machte die vermehrte P.-Aus¬ 
scheidung (gelegentlich Complication mit Osteomalacie!) 
die Verordnung von Protylin nöthig. Bei dieser, 
allen Componenten des erkrankten Stoffwechsels ge¬ 
recht werdenden Diät erzielte Vortr. wesentliche Bes¬ 
serungen und selbst Heilungen, die durch vorgeführte 
Photographien belegt werden. — Die Frage nach der 
Ueberwerthigkeit der Schilddrüsenfunction hält Vortr. 
zwar auch für wichtig, glaubt ihr aber doch nur se¬ 
cundäre Bedeutung beimessen zu sollen. 

II. Sitzung. 

5. Herr Vocke, Eglfing bei München: 
Irrenanstalten sind Krankenanstalten, keine 
Verwahrungsanstalten für verbrecherische 
Entartete oder gemindert Zurechnungs¬ 
fähige. 

Nicht kampflos, aber mit unbestreitbarem Erfolg 
ist es im Laufe der letzten Decennien den Psychiatern 
gelungen, die mit der Verwahrung von Geisteskranken 
betrauten Anstalten äusserlich und innerlich mehr und 
mehr in Krankenanstalten umzuwandeln und dadurch 
manches Vorurtheil der öffentlichen Meinung zu be¬ 
siegen. An der vollständigen Verwirklichung dieses 
idealen Zieles hindert uns vor Allem die Ueberweisung 
von Alcoholisten, geisteskranken Verbrechern und 
criminellen Individuen, die ohne ausgesprochene Geistes¬ 
krankheit als „Entartete“, „Minderwerthige“ oder ^Psy¬ 
chopathen“ begutachtet werden und faute de mieux 
in unseren Anstalten verwahrt werden müssen. 

Die Intemirung chronischer Alkoholisten, soweit 
sie nicht an ausgesprochen acuten oder chronischen 
Alcoholpsychosen leiden, in Irrenanstalten, ist ein 
gröblicher Missstand, der aus ärztlichen, humanen und 
rechtlichen Gründen auf’s Schärfste verurtheilt werden 
muss, ein Missstand, der nur darauf zurückzuführen 
ist, dass man aus irrigen financiellen Erwägungen 
und verwaltungsrechtlichen Schwierigkeiten sich noch 
nicht allgemein zur Gründung öffentlicher Trinker¬ 
heilstätten aufschwingen kann, ein unhaltbarer Zu¬ 
stand, der einer anscheinend nahen Zukunft unbe¬ 
greiflich erscheinen wird. 

Von den in Strafhaft an Geistesstörung erkrankten 
Verbrechern kann wohl die Mehrzahl ohne Unzu¬ 
träglichkeiten in einer gewöhnlichen Irrenanstalt unter¬ 
gebracht werden und dort Behandlung finden. Bei 
jenen nicht seltenen Ausnahmen jedoch, in welchen 
der verbrecherische Character des Individuums trotz 
der ausgebrochenen Geisteskrankheit nicht in den 
Hintergrund tritt, in welchen die ursprünglichen ge¬ 
mein- und sicherheitsgefährlichen Neigungen des nun 
Erkrankten Sicherungsmassregeln erfordern, die dem 
Character der modernen Irrenanstalt fremd sind, ist 
die Unterbringung in Krankenabtheilungen, die mit 
einer Strafanstalt in Verbindung stehen, anzustreben. 
Die Möglichkeit, für grössere Bezirke kleinere Irren¬ 
abtheilungen bei einer Strafanstalt anlässlich von Neu¬ 
oder Erweiterungsbauten ohne allzugrosse Kosten zu 
errichten, ist überall gegeben und eine glückliche 
Organisation könnte es weiterhin ermöglichen, dass 
nicht nur diese Kranken nach Ablauf der Strafzeit 
dort belassen, sondern auch in der Freiheit erkrankte 

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HARVARD UNIVERSITY 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


1906.] 


75 


verbrecherische Individuen dort untergebracht werden 
können. 

Immerhin machen sich die Kranken dieser Gruppe 
weniger durch ihre Zahl als durch besondere Schwierig¬ 
keiten im Einzelfalle für die Irrenanstalt störend be¬ 
merkbar, während die Anhäufung von criminellen 
Elementen der dritten Gruppe, namentlich in An¬ 
stalten mit grossstädtischem Krankenmaterial, diese 
zu Verwahrangsanstalten degradirt und aus den ver¬ 
schiedensten Erwägungen zu ernsten Bedenken An¬ 
lass gibt 

So erfreulich im Allgemeinen die Thatsache ist, 
dass in immer weiterem Maasse eine psychiatrische 
Expertise über Angeklagte erholt wird, so unerfreulich 
ist die Zunahme von criminellen Elementen in nahe¬ 
zu allen Irrenanstalten, die, ohne geisteskrank oder 
wirklich schwachsinnig zu sein, als Imbezille, Ent¬ 
artete, Minderwertige oder Psychopathen in foro für 
unzurechnungsfähig erklärt worden sind und durch 
Verwahrung in der Irrenanstalt unschädlich gemacht 
werden sollen. 

Fast will es mir scheinen, als seien wir schon an 
einem Extrem angelangt gegen das eine kräftige Re- 
action am Platze ist. 

Meist handelt es sich bei jenen Kategorien um 
sogenannte Grenzfälle, bei deren Begutachtung weniger 
die Wucht der Symptome als die subjective Auf¬ 
lassung des Gutachters die Beurteilung beeinflusst, 
und daher oft recht verschieden gestaltet. Was dem 
einen bei der Anlage und Erziehung, dem Milieu 
und den Gewohnheiten des Exploranden verständlich 
und folgerichtig erscheint, glaubt ein anderer Experte 
nur durch das Vorhandensein eines psychischen 
Defect- oder Degenerationszustandes erklären zu 
können. Ganz besonders wird unter Verkennung 
psychologischer Thatsachen die Macht der Gewohn¬ 
heit oft unterschätzt, was dann zur Annahme von 
intellectuellen Defecten, krankhafter Unbelehrbarkeit 
und triebartigem Handeln verleitet. 

Recht anfechtbar ist ferner die Art und Weise, 
wie mit dem Begriffe „Abnormität“ operirt wird. 
Welcher Mensch ist überhaupt frei von jeglicher Ab¬ 
normität? Ist nicht Rohheit, Gemeinheit, Criminalität 
überhaupt, kurz jede Art asocialer Gesinnung eine 
Abnormität? Gehören Abnormitäten in ein Kranken¬ 
haus? 

Fragen wir uns nun, warum eigentlich unsere An¬ 
stalten für derartige Fälle als Verwahrungsanstalten 
erwählt werden, so finde ich lauter Gründe, die nicht 
auf dem Gebiete der Psychiatrie, sondern auf dem 
der Strafrechtspflege liegen. 

Bei dem heutigen Strafgesetz und Strafvollzug ist 
eine längere, zeitlich unbestimmte Verwahrung und 
eine individuelle Behandlung nur in der Irrenanstalt 
möglich, nicht in der Strafanstalt. Dadurch wird der 
Sachverständige nicht selten geneigt, bei abnormen 
Individuen dann die Voraussetzungen des § 51 Str. 
G. B. als gegeben anzunehmen, wenn ihm ein ab¬ 
normes Missverhältniss zwischen dem thäterischen 
Verhalten und der Art, der Länge oder Kürze der 
nach den jetzigen Gesetzen zu erwartenden Strafe 


zu bestehen scheint, wenn die Zubilligung mildernder 
Umstände nach dem Wortlaut des Gesetzes nicht 
möglich ist, wenn bereits erlittene Vorstrafen sich als 
gänzlich wirkungslos erwiesen haben, wenn der Be¬ 
schuldigte bei früheren Strafvollstreckungen (nach dem 
heutigen System!) besondere Schwierigkeiten gemacht 
hat, und endlich, weil im Gesetz kein Mittelweg 
zwischen Zurechnungsfähigkeit und Unzurechnungs¬ 
fähigkeit eröffnet ist. Das sind meines Erachtens die 
Gründe, die in vielen Fällen den Sachverständigen, 
nach langem Zweifeln, nach langem Hin- und Her¬ 
wägen dazu kommen lassen, solch einen Entarteten statt 
für die Strafanstalt für die Irrenanstalt zu begutachten. 
Letztere soll nun an Stelle der eisteren treten; dort 
soll der „Kranke 4 * nicht etwa geheilt oder gepflegt 
werden, er soll vielmehr unschädlich gemacht werden 
und nicht die ärztliche Behandlung, sondern die 
Freiheitsentziehung, deren Dauer kein Richterspruch 
begrenzt hat, soll ihn, wenn irgend möglich, bessern. 
Also eine Schutz- und Korrectionshaft, wenngleich 
unter günstigeren Bedingungen, nicht selten mit dem 
Leitgedanken: kein Object für das heutige Strafvoll¬ 
streckungssystem, ergo ein Object für die Irrenanstalt. 

Demgegenüber muss kategorisch erklärt werden, 
dass diese Individuen keine Objecte für eine Kranken¬ 
anstalt — und das ist die Irrenanstalt — sind, dass 
die Irrenanstalten nicht dazu da sind, für die Mängel 
im Straf- und Strafvollzugssystem aufzukommen, dass 
es im allgemeinsten Interesse liegt, solche Ver¬ 
wahrungsobjecte von den Irrenanstalten fernzuhalten 
wegen der damit verbundenen Missstände, und dass 
gerade bei diesen angeblichen Kranken durch die 
Verweisung in eine Irrenanstalt oft das Gegentheil 
von dem erreicht wird, was erreicht werden will und 
was durch eine entsprechend lange und humane 
Strafe erreicht werden könnte. 

Es ist zuzugeben, dass der Besserungszweck in 
zahlreichen Fällen von der Irrenanstalt erfüllt wird, 
allein nur zu häufig bieten diese Criminellen, dem 
schwebenden Verfahren und der drohenden Strafe 
einmal entrückt, alsbald ein ganz anderes Bild 
als vorher. Von Psychopathie oder Imbecillität ist 
wenig zu merken, sie fühlen sich durch die Umgebung 
der Kranken belästigt, terrorisiren und brutalisiren diese, 
üben einen schädlichen Einfluss auf das Personal und 
den gesammten Ton in der Anstalt aus, erregen 
Aergemiss bei den Angehörigen der Kranken und 
allen Anstaltsbediensteten und bedürfen keineswegs 
einer ärztlichen Behandlung, sondern könnten 
auch von nichtärztlichen Beamten in anderen ange¬ 
messenen Verwahrungsanstalten individuell und human 
behandelt werden, wodurch sie ein gut Theil der 
ihnen zuweilen anhaftenden Gefährlichkeit verlieren. 
Für Viele ist das Anstaltsregime von offenkundigem 
Nachtheil. Schon die erste Einweisung in die Irren¬ 
anstalt, aus der sie nach längerer oder kürzerer Zeit 
doch wieder versuchsweise entlassen werden müssen, 
verleiht ihnen in bedenklichem Maasse das Sicher¬ 
heitsgefühl der strafrechtlichen Unverantwortlichkeit, 
dem sie hochbefriedigt Ausdruck verleihen. Obwohl 
sie in der Anstalt alsbald nicht krank sein wollen und 
manchmal sogar — nämlich wenn ihnen die Ver- 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 8. 


wahrung zu lange dauert — angeblich eine Ver¬ 
urteilung vorgezogen hätten, so äussern sie doch 
häufig: „mir kann nichts passiren, wenn ich etwas 
anstelle; höchstens komme ich wieder in die Irren¬ 
anstalt.“ 

Dies sind die Folgen der heute beliebten Einwei¬ 
sung derartiger Individuen in Irrenanstalten und nur 
zwei Möglichkeiten können hierin einen Wandel er¬ 
zielen. Entweder die in ferner Aussicht stehende 
Reform des Strafgesetzes durch die Einführung der 
geminderten Zurechnungsfähigkeit und eines Strafvoll¬ 
zugs in modernem Sinne oder ein grundsätzlicher 
Wandel in der Beurteilung und Begutachtung seitens 
der Sachverständigen. 

Eine zeitgemässe Strafrechtsreform ist in abseh¬ 
barer Zeit kaum zu erwarten trotz der bereits einge¬ 
setzten Kommission, denn unvereinbare Gegensätze 
trennen heute noch die Lehren und Meinungen der 
klassischen von jenen der modernen Strafrechtslehrer 
und ausserordentlich sind die Schwierigkeiten, die 
sich hierbei der Gesetzgebung entgegenstellen. Diese 
unleugbare Thatsache ist das stärkste Argument der 
Gegner einer einschneidenden Reform, wie sie Liszt 
in seinen bekannten Vorschlägen vertritt, während 
die sonstigen gegnerischen Behauptungen, dass unser 
Strafsystem sich bewährt habe und im Volksbewusst¬ 
sein begründet sei, uns fast als ein Eingeständniss des 
Mangels an besseren Gründen anmuthet. Die zuneh¬ 
mende Reformbew'egung ist gerade der sich immer 
weitere Bahnen brechenden Ueberzeugung entsprossen, 
dass sich das jetzige Strafsystem nicht bewährt und 
den idealsten Strafzweck — die Besserung — theil- 
weise illusorisch macht. Und das Volksbewusstsein? 
Das hat auch Inquisition und Hexenverbrennung, 
Tortur und Judenverfolgung gebilligt, es wurzelt in 
der Trägheit der Massen und im Autoritätsglauben. 
Und die Autorität führender Geister hat es stets und 
überall vermocht, die Masse im Laufe und Wandel 
der Zeiten, wenn auch langsam, auf eine höhere 
Stufe der Erkenntniss und Ethik zu heben. Wo ein 
Wille ist, da ist ein Weg. Der würde auch in der 
Strafrechtsreform gefunden, wenn alle unsere Grössen 
auf dem Gebiete des Strafrechts sich lieber an der 
Bewältigung der gesetzgeberischen Schwierigkeiten be¬ 
theiligen wollten als a priori an dem unfruchtbaren 
Dogma von der Vorzüglichkeit unseres Strafsystems 
festzuhalten. Allein einstweilen ist daran nicht zu 
denken. Die Reform ist unausbleiblich, sie kommt, 
wenn auch in jetzt nicht abzusehender Zeit. 

Sollen wir so lange warten und unsere Kranken¬ 
anstalten bis dahin der Justiz und Polizei als mil¬ 
dere Verwahrungsanstalten für verbrecherische Ent¬ 
artete und gemindert Zurechnungsfähige weiterhin zur 
Verfügung stellen und sogar gutachtlich empfehlen? 
Ich sage: „Nein! “, und wenn ich die Nothschreie 
aus manchen Anstallsberichten recht verstehe, so em¬ 
pfinden nicht wenige Anstaltsleiter das , was ich hier 
aussprechen wollte; wir sind es unseren Kranken und 
deren Angehörigen schuldig, jene kriminellen Elemente 
von unseren Anstalten fernzuhalten; wir setzen das 
im Laufe von Decennien mühsam Errungene auf’s 
Spiel, wenn wir unsere modernen Krankenanstalten 


zu Verwahrungsanstalten für Verbrecher degradiren 
lassen und der Strafrechtspflege selbst hierzu behilf¬ 
lich sind; wir leisten der Allgemeinheit hierdurch 
keinen Dienst und geben den Verurtheilen gegen An¬ 
stalten und Psychiater nur neue Nahrung; wir sind 
Ä rzte und als solche die berufenen Heifei der Kran¬ 
ken und Schwachen, aber nicht der Schwächen un¬ 
seres Strafsystems. 

Von solchen Vorstellungen sollte sich jeder Sach¬ 
verständige bei der psychiatrischen Begutachtung in 
jenen Grenzfällen leiten lassen. Humane Rücksichten, 
Opportunitätsgründe, Erwägung strafrechtlicher Kon¬ 
sequenzen dürfen die Beurtheilung nicht beeinflussen. 

Wer gemindert zurechnungsfähig ist, ist nicht un 
zurechnungsfähig, wer nicht geisteskrank oder schwach¬ 
sinnig ist, gehört nicht in die Irrenanstalt; Irrenan¬ 
stalten sind Anstalten für Kranke, welche der ärzt¬ 
lichen Behandlung bedürfen, keine Korrektions- und 
V erwahrungshäuser. 

Discussion: 

Herr Sn eil: Irrenanstalten können nur entweder 
auf Behandlung oder auf Detinirung eingerichtet sein, 
beides zu vereinigen ist undurchführbar. Wir brauchen 
also eine 3. Sorte Anstalten, die am besten an die 
Correctionshäuser und zwar unter psychiatrischer Leitung 
anzugliedern wären. Die Aufnahme müsste auch 
prophylaktisch, nicht nur erst nach erfolgtem Conflit^t 
mit dem Gesetz erfolgen können. 

Herr Kreuser: Trotz der Schwierigkeiten darf 
nicht davon abgegangen werden, den § 51 in mög¬ 
lichst weitem Umfange anzuwenden. Der Anschluss 
der gewünschten Zwischenanstalten an Coirections- 
häuser erscheint ihm unvorteilhaft. 

Herr Gramer: Die Praxis der Justizbehörden 
sieht unsere Anstalten tatsächlich als Verwahrungs¬ 
anstalten an und behandelt uns demgemäss. Er räth 
für Preussen, sich an den Wortlaut des Gesetzes zu 
halten, der uns nur zur Aufnahme von Idioten, Epi¬ 
leptischen und Schwachsinnigen, nicht von „Minder¬ 
wertigen“ oder „vermindert Zurechnungsfähigen“ ver¬ 
pflichtet; wir können mit formellem Grund letztere 
abweisen und der Behörde überlassen, anderweitig für 
dieselben zu sorgen. 

Herr Stoltenhoff gibt eine kurze Darstellung 
der Verhältnisse in Ostpreussen (Anstalt Tapiau.) (cf. 
Bd. VI, S. 101). 

6. Herr Gau pp-München: Die Besonder¬ 
heiten des psychiatrischen Grossstadt- 
M aterials. 

Vortr. konnte dnrch seine Thätigkeit in Breslau, 
Heidelberg und München das Material der Grossstadt 
und ländlicher Bezirke aus eigener Anschauung ver¬ 
gleichen; ausserdem zog er zu seiner Statistik die 
Jahresberichte von Landesanstalten, Stadtasylen etc. 
heran. Wichtiger als die quantitativen Unterschiede 
(erheblich grössere Aufnahmezahl in den Grossstädten) 
sind die qualitativen: Das neurologische Grenzgebiet 
(organische Hirnerkrankungen) wiegt in den Städten 
vor, ferner der Alkoholismus. Der Unterschied con- 
centrirter und leichterer Alcoholica sprach sich deut¬ 
lich in der Erkrankung an Delirium tremens aus, das 


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1906.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 77 


in Breslau sehr häufig, in München selten ist. Häufiger 
in der Stadt kommen Paralysen, besonders die weib¬ 
lichen, vor, Epilepsie, wohl auch wesentlich durch 
den Alcoholismus beeinflusst, die arteriosklerotischen 
und senilen Psychosen; seltener das manisch-de¬ 
pressive Irresein, allerdings trifft man darunter mehr 
die abweichenden klinischen Formen an. Bei De¬ 
mentia praecox hat sich ein Unterschied zwischen 
Stadt und Land nicht ergeben, doch bedingt der im 
allgemeinen kürzere Aufenthalt in der grossstädtischen 
Klinik, dass die Diagnose und Prognose öfters in 
suspenso gelassen werden muss. Hysterie wird ca. 
10 mal häufiger als in den Landesanstalten aufge- 
genommen, doch ist der Unterschied wohl haupt¬ 
sächlich dadurch bedingt, dass die äusseren Ver¬ 
hältnisse des Zusammenlebens die Hysterischen, 
häufiger zu Conflicten führen und dass die Aufnahme¬ 
bedingungen leichte sind. Mehr schon spiegelt sich 
die Grossstadt-Degeneration im Zusammenhang mit 
der Aicoholintoleranz wieder in den häufig zur Auf¬ 
nahme gelangenden „psychopathischen Zuständen“. 
Die Selbstmordstatistik hat ergeben, dass auch in der 
Stadt unter 86 sich nur 1 fand, dessen psychisches 
Verhalten als normal bezeichnet werden musste. — 
Auch die therapeutischen Aufgaben unterscheiden sich 
von denen in der Landesanstalt; immerhin ist auch 
die Münchener Klinik trotz der vielen acuten Fälle 
bisher ohne Isolirung ausgekommen. 

Im Ganzen ergibt sich, dass der Einfluss des gross¬ 
städtischen Lebens auf die Krankheitsformen nur ge¬ 
ring anzuschlagen ist. Die Unterschiede, im wesent¬ 
lichen durch äusere Momente bedingt, verwischen sich 
noch mehr, wenn man erfährt, dass nur ca. 2 5 % der 
Aufnahmen wirklich aus der städtischen Bevölkerung, 
der ganze Rest aus ländlichen Bezirken der Um¬ 
gebung stammt. — 

An die Sitzung schloss sich eine gemeinsame Be¬ 
sichtigung der neuen psychiatrischen Universitäts¬ 
klinik an. 

III. Sitzung, 21. April. 

Satzongsgcmäss scheiden von den bisherigen Vor¬ 
standsmitgliedern die Herren Pelman u. Fürstner 
aus; Herr Pelman wird wiedergewählt, an Stelle 
des die Wiederwahl ablehnenden — inzwischen ver¬ 
storbenen — Herrn Fürstner wird Herr Kräpelin 
gewählt. 

7. Herr A 1 zheimer-München : Ueber den 
Abbau des Nervengewebes. 

Die bisherigen histologischen Untersuchungs¬ 
methoden haben bei einfachen Seelenstörungen, wenn 
auch nicht ein Fehlen aller Veränderungen, so doch 
keinerlei characteristische Veränderungen ergeben. An 
Glia, Ganglien-Zellen, Fasern, Stützgewebe, Gefässen 
haben sich die Methoden sogut wie erschöpft, und die 
Frage entsteht, ob nicht mit der anatomischen Unter¬ 
suchung der kranken Gehirne einganzanderer Weg ein¬ 
geschlagen werden muss. Vortr. verfolgte deshalb den 
Gedanken, die Abbauprocesse im Nervensystem nach 
möglichst allen Richtungen zu verfolgen. Unter diesen 
ist schon heute am bekanntesten die Marchi-Degene- 


ration, die das Product des Abbaues complicirter Le¬ 
cithine, Protagone etc. zu einfacheren Fettkörpern 
zur Darstellung bringt Bei funktionellen Psychosen 
sind die Zerfallsprocesse indessen so langsame, dass 
sie mit der Marchi-Methode nicht festgehalten werden 
können, und es entsteht die Aufgabe, andere Abbau- 
producte aufzusuchen. Vortr. untersuchte das Gehirn 
bei Verblödungsprocessen und fand eine erhebliche 
Vermehrung der Fettsubstanzen, nachgewiesen durch 
specifische Fettfärbungen und abgelagert besonders 
innerhalb der Adventitialzellen in Körnchen und 
Klumpenform. Viele Gründe sprechen dafür, dass 
dieses Fett nicht in diesen Zellen entstanden, sondern 
erst in dieselben auf dem Wege des Transports ge¬ 
langt ist. — Der Eiweisszerfall macht oft auf den 
Stufen vor dem Fett Halt, und dafür bot besonders 
•die amaurotische Idiotie wichtige Belege. Es gelang 
Vortr. durch specifische Farbreaction Körper nachzu¬ 
weisen, die er als myelinoide und protagonoide be¬ 
zeichnet, und die sich bei dieser Krankheit in ausser¬ 
ordentlicher Menge in den Ganglienzellen, ihren an¬ 
geschwollenen Fortsätzen und denGliazellen vorfanden. 
Er suchte dann mit denselben Reactionen solche Körper 
auch bei anderen Krankheiten und fand sie wieder 
z. B. bei seniler Demenz, bei Dem. praecox, bei Pella¬ 
gra acuta. Die N issl-Schollen und Fibrillen erfahren 
dadurch Veränderungen ihrer typischen Lagerung. 
Ferner untersuchte Vortr. die Glia nach einer von 
der Weigert’schen abweichenden Methode und 
konnte 2 Arten von Zellen dabei unterscheiden: 1. solche 
mit verzweigtem ausgebildetem Protoplasmaleib ohne 
Fasern, 2. solche ohne protoplasmatische Fortsätze. 
Bei Dementia praecox fand er nun die letzteren stark 
vermehrt, die ersteren „amöboid“ verändert. In 
diesen wurden weiter auch Abbauproducte nach¬ 
weisbar, nach ihrer Reaction als fibrinoide Granula 
zu bezeichnen. Die amöboiden Fortsätze waren oft 
nur durch Reihen solcher fibrinoider Granula markirt, 
die sich bis in den adventitiellen Raum benachbarter 
Gefässe verfolgen liessen. Vermehren sich diese 
Körnchen weiter und häufen sich so die Zerfalls- 
producte in einer Gliazelle an, so geht dieselbe daran 
zu Grunde. Besonders die den Gefässen benachbarten 
Gliazellen zeigen die Neigung zum Abbau und ver¬ 
sorgen dann auch die Adventitialzellen mit ihren 
Schlacken. — 

Neben den fibrinoiden kommen wie in den 
Ganglien-, so auch in den Gliazellen myelinoide und 
fettähnliche Granula vor; differencirte Färbung liessen 
gelegentlich alle 3 Arten in ein und derselben Zelle 
nachweisen. Da zu allen diesen Färbungen besondere 
Fixirungsmethoden nöthig sind, um die sehr difficilen 
chemischen Körper nicht zu lösen und auszulaugen, 
so kann erst weiteres, speciell für solche Untersuchungen 
gesammeltes Material zur Nachprüfung herangezogen 
werden. Vortr. will auch keinerlei differential-diag¬ 
nostische Schlüsse aus seinen Bildern ziehen, sondern 
nur andeuten, dass sie einen Ausblick zur künftigen 
histologischen Auseinanderhaltung verschiedener Krank¬ 
heitsformen aus der Gruppe der „functioneilen“ Psy¬ 
chosen bieten. (Vorführung von Präparaten und 
Zeichnungen im Projectionsapparat). 


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[Nr. 8. 


78 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Discussion: Herr Binswanger erkennt die Neu¬ 
heit der vom Vortr. eingeschlagenen Wege aufs höchste 
an und glaubt, man werde von diesem Vortrage einen 
Wendepunkt in der anatomischen Erforschung der 
Psychosen datiren können. 

8. Herr Hartm ann-Graz: Ueber patholo¬ 
gische Beeinflussung des Bewegungsab¬ 
laufs bei Erkrankung des Stirnhirns. 

Vortr. geht von den Arbeiten Liepmanns und 
der von diesem aufgestellten „Bewegungsformel“ aus. 
Der von ihm beobachtete Fall entspricht dem Punkte 
6 des Liepmann’schen Schemas: Verlust der kin- 
ästhetischen Vorstellung oder Seelenlähmung, die L. 
theoretisch gefordert hatte, ohne bisher aus der Patho¬ 
logie einen Beleg dafür bringen zu können. Er de- 
monstrirt die Präparate seines Falles: ein Tumor 
im Marklager des linken Stimhims, nach 1 . viel 
stärker entwickelt als nach der r. Hemisphäre, wahr¬ 
scheinlich mit dem Ausgangspunkt im Knie des Bal¬ 
kens. Die C.-W. und die innere Kapsel, sowie alle 
weiter nach hinten gelegenen Theile sind unbeschädigt. 
Die Krankengeschichte war die folgende: 34jähriger 
Mann. 8 Tage vor der Aufnahme erkrankt mit Er¬ 
brechen, Kopfweh etc. und psychischer Veränderung: 
sass stundenlang scheinbar stuporös, ohne an der 
Umgebung Antheil zu nehmen, ass spontan nicht, 
führte alle Bewegungen mit der r. Körperhälfte lang¬ 
samer aus. Status praesens: Von allen rechts¬ 
gelegenen Sinnesgebieten her ist ein Erkennen der 
Reize aufgehoben, selbst der einfache Abwehrreflex 
der Lider bei Näherung eines spitzen Gegenstandes 
an das Auge fehlt; von 1 . her sind alle Bewegungs¬ 
und Reactionserscheinungen normal auszulösen bis auf 
den Geruchssinn, der 1 . wie r. fehlt. Hautsensibilität 
und Muskelsinn der r. Körperhälfte ist nicht geschädigt. 
Nachahmung von Bewegungen der 1 . mit den r. Ex¬ 
tremitäten war anfangs ungestört, erfolgte im weiteren 
Verlaufe aber nur noch bei gleichzeitiger Ausführung. 
— L. konnte eine Aufforderung nur solange ausge¬ 
führt werden, als der Ablauf der Bewegungen nur 
von einem Sinnesgebiete aus geleitet wurde; waren 
mehrere Sinne zur Ausführung nöthig, so traten Fehler 
auf, das normale Zusammenspiel aller Sinnesgebiete 
bei der Dirigirung der Bewegung wurde vermisst. R. 
dagegen bestand völlige Akinesie, ohne Hemiopie, 
Hemiparese o. ä. Grobe Gemeinschaftsbewegungen, 
Gehen etc. waren erhalten; spastische Erscheinungen 
fehlten, es bestand im Gegentheil eine eigenartige 
Hypotonie. — Zusammengefasst ist zu sagen, dass 
von r. her kommende Sinneseindrücke für das Mo- 
torium in der 1 . Himhälfte nicht verwendet werden 
konnten, auch nicht durch Vermittelung der r. ge¬ 
legenen Centren; sie konnten das linke garnicht, das 
r. auch nur in krankhaft gestörter Weise anregen. 
Die hypothetische Deutung des Falles ist die, dass 
normaliter die C.-W. von den hinteren (Sinnes-)Centren 
aus nicht direct dirigirt werden, sondern dazu stets 
der Vermittelung des Stirnhirns bedürfen; sie sind 
für die Körperbewegungen etwa homolog dem 


Broca’schen Centrum für die Sprachbewegungen an¬ 
zusehen. Dementsprechend ist die Licpmann’sche 
motorische Apraxie als eine transcorticale Störung 
aufzufassen. Der Fall zeigt, dass die kinästhetischen 
Vorstellungen, die im Stirnhim niedergelegt zu denken 
sind, für den Bewegungsablauf von weitgehender Be¬ 
deutung sind. 

Discussion: Herr Hitzig wendet sich gegen 

eine vom Vortr. gebrachte Bemerkung aus der Ge¬ 
schieht e der Localisationslehre. 

Herr Heilbronner: Es ist in Fällen wie der 
vorgestellte oft schwer zu sagen, worauf die einzelnen 
Ausfallssymptome zurückzuführen sind. Deshalb lautet 
die Fragestellung besser: auf welchem Wege läuft das 
noch Vorhandene ab? Auf das Broca’sche Centrum 
als Vergleichsobject zurückzugreifen ist etwas misslich, 
da seine Bedeutung noch nicht genau bekannt ist. 
Es ist umso fraglicher, ob im Stimhim eine Art „Ex¬ 
tremitäten -Broca“ zu suchen ist, als im Falle des 
Vortragenden die Rinde intact geblieben ist 

Herr Weygandt weist auf die Parallelen des 
vorgestellten Falles mit den Symptomen der Alexie, 
Agraphie, Amusie hin. (Fortsetzung folgt.) 

Referate. 

— Ueber Diagnose und Behandlung 
äusserer A ugen erkt ankungen. Vortrag von 
Prof. Dr. med. O. Lange, Augenarzt am Herzogl. 
Krankenhause in Braunschweig, 1906. Verlag von 
Karl Marhold, Halle a. S. 0,80 Mk. 35 S. 

Verf. bespricht Diagnose und Therapie einiger 
Augenkrankheiten, soweit sie ohne Zuhülfenahme des 
Augenspiegels erkennbar sind, also hauptsächlich für 
den praktischen Arzt Interesse haben. Es werden 
nacheinander die wichtigsten Erkrankungen der Augen¬ 
lider, der Bindehaut, des Thränensacks, der Hornhaut, 
der Regenbogenhaut und zum Schluss die Cataract- 
bildung, das Glaucom und das Gliom berührt. 

Der Vortrag enthält manche beachtenswerte Winke 
für praktische Aerzte. A 1 brecht - Treptow' a. R. 


Personalnachrichten. 

— Brandenburg. Zum Director der neuen 
Landesirrenanstalt in Teupitz, deren Bau in letzter Zeit 
erhebliche Fortschritte gemacht hat, wurde Oberarzt 
Dr. Knörr von der Landesirrenanstalt in Neu-Ruppin 
ernannt. 

— Karlsruhe. Nervenarzt Dr. med. et phil. 
W. Hellpach hat sich an der techn. Hochschule 
für Psychologie auf naturwissenschaftlich- medicinischer 
Grundlage habilitirt. 

Der heutigen Nummer liegt ein Prospekt der 

Firma 

Voigtländer cS: Sohn, Act.-Ges., optische u. 
mechanische Werkstätte in Braun sc hw'ei g 
bei, worauf wir unsere Leser hiermit noch besonders 
aufmerksam machen. 


luir den t cductionelk-ii llicil wrantwot tiu li ; OUr.ii/t 1 . J . Ilreslcr, I.iiMmitz (Schlesien). 

Krschemt jeden Sonnabend. — Schluss der I nseratenan nah me j Tage vor der Ajt'^ß&be. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S 

Heynemann’sche Buchdruckerci (Gebr. WoilT) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lublinitx (Schienen). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse : Marho Id Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 823. 

Nr. 9. 26. Mai. 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet, Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schlesien), zu richten. 


Zur Eröffnung von Roderbirken, 

der ersten Rheinischen Volksheilstätte für Nervenkranke. 
Von Chefarzt Dr. Ernst Beyer. 


PVie Heilstätte Roderbirken bei Leich- 
^ lingen wird am 28. Mai eröffnet werden, als 
die dritte deutsche Nervenheilstätte für Minderbemittelte 
aller Stände, welche die vor mehr als zehn Jahren 
namentlich vonMoebius angeregten Bestrebungen zu 
verwirklichen bestimmt ist. Während aber in der Heil¬ 
stätte Haus Schönow und in dem Hannoverschen 
Provinzial - Sanatorium Rasemühle der Kranken¬ 
bestand beide Geschlech¬ 
ter umfasst und in zwei 
Verpflegungsklassen ge¬ 
trennt ist, soll in Roder- 
birken als der ersten 
eigentlichen Volksheil¬ 
stätte die ganze Zahl der 
145 Betten nur für 
weibliche Kranke 
und nur in einer 
Klasse zur Verfügung 
stehen. 

Für die ärztliche Be¬ 
handlung ergeben sich 
daraus neue Auf¬ 
gaben. Gleichwie im Gebiet des Unterrichtswesens 
die Erfahrungen bei häuslichem Privatunterricht nicht 
ohne weiteres für den Betrieb grosser Schulklassen 
massgebend sein können, so wird man auch auf 
den ärztlichen Betrieb einer Volksheilstätte nicht 
einfach die Gesichtspunkte übertragen dürfen, welche 
bei der Behandlung einzelner oder kleinerer 
Groppen von Kranken bewährt haben. War daher 
Hau$ Schön q.w. überhaupt* der erste erfolgreiche 
Vejsuth zu anstaltsmässiger Behandlung von minder¬ 
bemittelten Nervenkranken, so soll in Roderbirken 

' A t fu\ * . « 

hito ersten Male. versucht werden, diese so bedeut¬ 


samen und für die weitesten Kreise der Bevölkerung 
so segensreichen Fortschritte der practischen Nerven¬ 
heilkunde auf breiterer Grundlage für eine grössere 
Krankenzahl nutzbar zu machen. 

Von vomeherein erheben sich hier bedeutsame 
Schwierigkeiten. Vor allem die Thatsache, dass 
grade Nervenkranke sich schlecht zu einer Massen¬ 
behandlung eignen, wie sie z. B. in Lungenheilstätten 

noch möglich ist. Grade 
Nervenkranke verlangen 
in erster Linie eine in¬ 
dividuelle Behand¬ 
lung und stellen täglich 
an Arzt und Pflegeper¬ 
sonal besonders hohe 
Anforderungen, allein 
schon zeitlich gemessen 
durch die Nothwendig- 
keit eingehender Aus¬ 
sprache. Dazu kommt 
bei vielen Nervenkranken 
die bekannte Unduld¬ 
samkeit gegen die Um¬ 
gebung, gegen die unvermeidlichen Geräusche des 
Haushalts, gegen die Mitkranken und deren Eigen¬ 
art, wobei grade diejenigen am wenigsten auf andere 
Rücksicht zu nehmen pflegen, die selbst am aller¬ 
anspruchsvollsten und empfindlichsten sind. Oft 
möchte man glauben, dass für jeden einzelnen 
Kranken ein eigenes Haus mit eignem Arzt und 
eigenem Personal nöthig wäre. Welcher College 

hat nicht schon die Frage gestellt, ob der Kranke 

auf dem Gipfel des Montblanc oder auf einer einsamen 
Insel sich wohler zu fühlen glaube? 

Weiter erhebt sich die Frage,, wie bei Nerven- 



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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 9. 


kranken jene Schwierigkeiten zu überwinden sein 
werden, die auch sonst bei Volksheilstätten überhaupt 
sich einzustellen pflegen, namentlich durch die Zu¬ 
sammenbringung von Kranken verschiedener Stände 
und Berufskreise zu gemeinsamem Leben in einem 
Hause, zu nahem Verkehr im Garten, bei der Arbeit, 
bei den Mahlzeiten, bei der Behandlung auf der 
Badestation und im Turnsaal. Von manchen Seiten 
wird ferner darauf hingewiesen, dass grade weibliche 
Nervenkranke besonders schwierig und mühsam zu 
behandeln seien, dass „das ewig Weibliche, wenn es 
in grösserer Anzahl auf sich allein beschränkt ist, 
leicht zu Dissonanzen und Conflicten kommt“ (Cr am er). 
Auch begegnet man oft dem Bedenken, ob es über¬ 
haupt zweckmässig sei, Nervenkranke in grösserer Zahl 
zu vereinigen, schon wegen der gegenseitigen Be¬ 
einflussung und „Ansteckung“. „In einer solchen 
Umgebung von lauter Nervösen kann einer ja nicht 
gesund werden“, hört man oft von Laien — glücklicher¬ 
weise im Widerspruch mit der thatsächlichen Er¬ 
fahrung. 

Endlich werden noch in Betracht kommen die 
eigenen Besonderheiten unsrer Heilstätte, ihre örtlichen 
und baulichen Verhältnisse, und schliesslich mancherlei 
Umstände, die sich im Voraus kaum übersehen lassen. 
Wie sich daher der Betrieb in Roderbirken im 
einzelnen gestalten wird, auf welchen Wegen die ver¬ 
schiedenen Hemmnisse umgangen oder beseitigt 
werden können, und wie weit und in welcher Weise 
es uns gelingen wird, die uns gestellten Aufgaben zu 
bewältigen, das kann heute mit Bestimmtheit noch 
niemand sagen. 

Als wesentlich für den Erfolg erscheint es mir, 
wenn nach zwei Richtungen hin möglichst bald Klar¬ 
heit gewonnen werden kann, nämlich erstens über die 
Begrenzung des aufzunehmenden Kranken¬ 
materials, und zweitens über die bei grösserer 
Krankenzahl brauchbaren Behandlungs¬ 
arten. 

In den Kreisen der Fachgenossen ist viel darüber 
gestritten worden, welche Krankheitsformen in 
die Nervenheilstätten gehören, und welche auszu- 
schliessen sind. Ich denke z. B. an die Versammlung 
der südwestdeutschen Irrenärzte in Stuttgart im 
November 1902, wo über die Alkoholisten, die Un¬ 
fallkranken, die Geisteskranken in der Remission und 
Reconvalescenz, die organischen Nervenkranken und 
andere Categorien eifrig verhandelt würde. Schon 
damals gewann ich den Eindruck, dass es weniger 
darauf ankomme, klinisch unterschiedene Gruppen 
aufzustellen, dass vielmehr der practische Gesichts¬ 
punkt der Heilbarkeit oder vielmehr der Wiede r- 

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herstellbarkeit entscheidend sein werdö, denn nur 
die Aussicht auf greifbare Erfolge werde die nöthigen 
materiellen Unterstützungen für unsere Bestrebungen 
mobil machen können. Freilich, wenn nur solche 
Kranke Aufnahme finden sollen, welche durch die 
Anstaltsbehandlung eine Heilung oder erhebliche 
Besserung mit Wiederherstellung ihrer Arbeitsfähigkeit 
erwarten lassen, so ist dadurch eine grosse Anzahl 
von Nervenkranken ausgeschlossen, die wohl einer 
Anstalt bedürftig sein mögen. Vom Standpunkt der 
Menschenfreundlichkeit mag das hart und grausam 
erscheinen. Aber durch diese strenge Scheidung wird 
die Heilstätte erst in den Stand gesetzt, ihre segens¬ 
reiche Thätigkeit mit Erfolg ausüben zu können; sie 
wird eben dadurch erst zur „Heilstätte“. 

Nimmt man also den Gesichtspunkt der Wieder¬ 
herstellbarkeit als wesentlich bei der Auswahl der auf¬ 
zunehmenden Nervenkranken an, so wird der weitaus 
grösste Theil unserer Pfleglinge aus denen bestehen, 
welche auch allgemein als das wichtigste und dank¬ 
barste Material für eine Nervenheilstätte angesehen 
werden, nämlich die nervös Erschöpften im 
weitesten Sinne, also die mehr oder weniger 
acute erworbene Neurasthenie. Die Ursachen, welche 
im einzelnen Falle zu Grunde liegen, sind zunächst 
gleichgültig: Ueberarbeitung und Ueberanstrengung im 
Beruf, häuslicher Kummerund Sorge, Gemüthserschütter- 
ungen, erschöpfende Krankheiten, Wochenbetten, als be¬ 
sonders zeitgemäss auch Entfettungskuren und andere 
unsinnige Kurpfuschereien. Eine Ausnahme machen nur 
die Unfälle, die ja allerdings das weibliche Geschlecht 
weniger häufig betreffen als das männliche. Es muss 
sich noch zeigen, ob die bei männlichen Unfalls¬ 
kranken gemachten unerfreulichen Erfahrungen auch 
für unsere Patientinnen so allgemein zutreffen werden, 
dass wir diese vielleicht werden ausschliessen müssen. 
Auch die Erscheinungsformen der Krankheit, ob die 
Nervosität sich hauptsächlich auf geistigem Gebiet, in 
krankhafter Reizbarkeit und Verstimmung, Unlust und 
Arbeitsunfähigkeit äussert, oder als mehr körperliche 
Störung an bestimmten Organen ihren Sitz zu haben 
scheint, als Kopfschmerzen verschiedener Art, Kopf- 
druck, Herzbeschwerden, Verdauungsstörungen etc., 
sind für uns weniger wesentlicher als eben die Aus¬ 
sicht auf Besserung, die die Kranken wieder arbeits¬ 
fähig macht, wie sie es vorher gewesen sind. 

Ist die Kranke aber nicht erst durch einen er¬ 
schöpfenden Einfluss irgend welcher Art nervös ge¬ 
worden, sondern von jeher, von Kind auf oder doch 
von den Entwicklungsjahren an immer mehr oder 
weniger leidend und leistungsunfähig gewesen, handelt 
es sich also um eine chronische oder consti- 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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igoöj 


tutionelle Neurasthenie, so wird von einer 
Behandlung in der Heilstätte gewöhnlich nicht viel 
zu erwarten sein, und wir werden die Aufnahme 
meistens ablehnen müssen. Allerdings ist die 
Grenze schwer zu ziehen, denn auch die erworbene 
Xeurasthenie erwächst häufig auf dem Boden einer 
krankhaften Veranlagung. Es muss daher immer von 
Fall zu Fall entschieden werden; wenn auch die 
Hauptfrage der Heilbarkeit quoad valetudinem ver¬ 
neint werden muss, so kann doch die Unterfrage 
bezüglich der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit 
eine günstigere Beurtheilung erlauben, namentlich mit 
der Einschränkung, dass auch eine nicht für immer 
dauernde, sondern nur wenigstens für längere Zeit 
anhaltende Erwerbsfähigkeit doch als ein genügend 
erstrebenswerthes Ziel anzusehen ist. Vermeiden 
möchte ich aber, für jene bekannten chronischen Neu¬ 
rastheniker, die von Arzt zu Arzt, von Anstalt zu 
Anstalt, von Kurpfuscher zu Kurpfuscher wandern, 
in Roder birken nur eine weitere Station ihres 
Erdenwallens zu errichten, von der sie ebenso un¬ 
befriedigt weiterziehen, wie von den früheren. 

Eine eigene Sache ist es um die Hysterie. 
Wenn man diese Bezeichnung im strengen Sinne auf¬ 
fasst, so müsste man die Krankheit als eine unheil¬ 
bare von der Heilstätte ausschliessen. Schwere Fälle 
wären dort auch ebenso unmöglich zu haben wie 
etwa schwere Epileptiker. Unter der landläufigen 
Diagnose versteckt sich aber auch zu gerne eine Manie, 
Katatonie oder Dementia praecox, also Geisteskrank¬ 
heiten, die unbedingt ferngehalten werden müssen. 
Andrerseits ist aber auch zu erwarten, dass ein be¬ 
trächtlicher Theil der Aufnahmegesuche die Marke 
Hysterie tragen wird, auch wenn es sich um anders¬ 
artige, harmlosere und günstigere Fälle handelt. 
Leichtere Fälle von wirklicher Hysterie werden auch 
von einem Aufenthalte in der Heilstätte Nutzen haben 
können. Im Hinblick darauf wird man sich auf den 
Standpunkt stellen müssen, dass Hysterie nicht aus¬ 
geschlossen ist, dass aber jeder einzelne Fall be¬ 
sonders und ohne Rücksicht auf die Diagnose ge¬ 
prüft werden muss. 

Schwierig wird die Stellung zu den Geistes¬ 
krankheiten, deren Aufnahme natürlich von vorne- 
herein ausgeschlossen sein muss, was keiner weiteren 
Erörterung bedarf. In Haus Schönow sowohl wie 
in der Rasern iihle war aber der Zudrang von 
Geisteskranken besonders zu Anfang sehr gross. Es 
ist das auch leicht verständlich. Im Publicum und 
in der Presse begnügt man sich seit einiger Zeit nicht 
mehr damit, das Irresein milde als ,,Geisteskrankheit“ 
zu bezeichnen, sondern man spricht nur noch von 

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„Nervenkranken“ und schickt auch die ,,plötzlich tob¬ 
süchtig gewordenen“ in die „Nervenheilanstalt“. Giebt 
es doch auch schon nicht nur private, sondern auch 
öffentliche reine Irrenanstalten, die sich officiell als 
„Nervenheilanstalt“ bezeichnen. Gegen „Nervenkranke“ 
besteht daher schon vielfach das gleiche Vorurtheil, 
wie früher gegen „Irre“ und „Verrückte“. Durch 
diesen auch von manchen Aerzten begünstigten 
Wechsel der Bezeichnung wird also in der Sache 
nichts gebessert. Dahingegen werden nun unsere 
wirklichen Nervenheilstätten sehr dagegen zu kämpfen 
haben, dass sie beim Publicum nicht als „auch so 
eine Anstalt“ betrachtet und mit der gleichen Vorein¬ 
genommenheit behandelt werden. Schon deshalb ist 
es nothwendig, die Aufnahme von Geisteskranken 
rundweg zu verweigern, so oft auch derartige Anträge 
aus begreiflichen Gründen an uns gelangen werden. 
Leider fehlt uns nur die Möglichkeit, durch poli¬ 
klinische Untersuchung, wie in Berlin undGötti ngen, 
die Angemeldeten zu sichten, sondern wir sind auf die 
Beurtheilung der uns zugeschickten ärztlichen Zeug¬ 
nisse angewiesen. Da wird es nicht immer leicht 
sein, die motivirte Verstimmung einer Nervöserschöpften 
von der wahnhaften Depression einer inicialen Me¬ 
lancholie, neurasthenische Arbeitsunfähigkeit von dem 
sinnlosen oder negativistischen Nichtsthun einer De¬ 
mentia praecox, Ueberreiztheit und quälende Schlaf¬ 
losigkeit von hallucinatorischer Geistesstörung zu trennen. 

Als für uns nicht geeignet halte ich ferner jene 
sogenannten Nervenkranken, welche als Geistig- 
defecte, Minder werthige, Degen eres, De- 
sequil ihres, Psychopathen, Hypochonder, 
Moralisch Unzurechnungsfähige, Queru¬ 
lanten sich selbst, ihren Angehörigen, ihren Aerzten 
und der Allgemeinheit zur Last fallen, ohne ein 
passendes Heim zu finden. In der Freiheit können 
sie sich nicht halten, namentlich bei Fehlen günstiger 
Familienverhältnisse, und für die Irrenanstalten sind 
sie nicht „reif‘‘ genug. Diese Gattung von Kranken 
ist es eigentlich, welche für die Nervenheilstätten- 
bewegung eine besondere Bedeutung gehabt hat, 
denn grade für diese suchte man Unterkunft, und 
mit ihnen beschäftigten sich vorzugsweise die be¬ 
kannten Veröflentlichungen (M o e b i u s, G r o h m a n n 
Badi$chc Denkschrift, Eschleetc.). Abertrotz 
dieses ihres passiven Verdienstes um unsere Sache 
glaube ich, dass diese Kranken nicht in eine Nerven- 
heilstätte wie die unsrige gehören, aus dem einfachen 
Grunde, weil sie nicht heilbar sind. Bei ihnen handelt 
es sich nicht so sehr um ärztliche Behandlung, als um 
ärztliche Erziehung, vielfach auch nur um Bewahrung- 
unter möglichster Nutzbarmachung ihrer geringen 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 9. 


Leistungsfähigkeit, wozu allerdings der Schutz der 
Anstalt ihnen unentbehrlich ist. Ihr Zustand erfor¬ 
dert also nicht eine Nervenheilstätte, son¬ 
dern eine Nervenpflegestatte, das „weltliche 
Kloster“ (Moebius), das „Arbeits-Sanatorium“ 
(E schle), für weibliche Kranke das „Migränestift“, 
wie man scherzweise gesagt hat. Unser Roder- 
birken aber hat andere Aufgaben. 

Dass die Epileptiker von einer Ner venheilstätte 
ferngehalten werden müssen, ergiebt sich einerseits 
aus der Art ihrer Krankheitserscheinungen, andrerseits 
aus dem Mangel erfolgreicher Behandlungsmöglichkeit 
Auch ist die Fürsorge für sie bereits staatlich geregelt. 

Nicht so einfach liegt die Frage der A 1 ko ho¬ 
list en. Der Alkoholismus ist ja keine einheitliche 
Krankheit, sondern kann auf der Grundlage ver¬ 
schiedener Krankheitszustände erwachsen. Eine grosse 
Zahl von Fällen bietet von vorneherein eine un¬ 
günstige Prognose, sie wären daher schon deshalb für 
uns unbrauchbar. Vor allem aber ist die Behandlung 
von Alkoholkranken ein Sondergebiet, das besondere 
Anstalten und eigene Aerzte, mit dem Grundsatz der 
Totalabstinenz, erfordert. Andrerseits werden aber 
Fälle an uns herantreten, deren „symptomatischer 
Alkoholismus“, wenn ich so sagen darf, auf einem 
neurasthenischen Grundleiden beruht, das unserer Be¬ 
handlung zugängig ist. Darum werden wir auch bei 
solchen Aufnahmegesuchen, welche bei oberflächlicher 
Betrachtung als Alkoholismus gekennzeichnet sind, 
nicht grundsätzlich ablehnend uns verhalten, sondern 
eine Auswahl treffen dürfen. 


Als gänzlich unzweckmässig erachte ich aber die 
Aufnahme von Morphini sten, Cocainisten und 
dergleichen, schon weil zu deren Pflege besondere 
Ueberwachung und eine gewisse Beschränkung der 
persönlichen Freiheit nothwendig ist, die wir hier 
nicht bieten können. 

Wenig günstig werden wir im allgemeinen auch 
den organischen Nervenkrankheiten gegen¬ 
überstehen müssen. Mit Recht ist freilich von Hoff- 
mann betont worden, dass die Aufnahme solcher 
Fälle ganz besondere Vortheüe habe, indem sie das 
Krankenmaterial vielseitiger und für die Heilstätten¬ 
ärzte interessanter macht. Dieser Gesichtspunkt aber, 
dessen Wohlwollen in persönlicher wie wissenschaft¬ 
licher Hinsicht ich dankbar anerkenne, muss doch 
wohl zurücktreten, gegenüber dem für uns maass¬ 
gebenden Grundsatz der Wiederherstellbarkeit. Schon 
Moebius wollte die organischen Nervenkranken 
ausschliessen, allerdings wohl nur, weil sie in seine 
Theorie der Heilung durch Arbeit nicht passen, und 
Wildermuth weist darauf hin, dass ihre schlechte 
Prognose dem Interesse der Versicherungsanstalten 
entgegensteht. Aber wenn auch die Mehrzahl der 
Kranken wohl als aussichtslos von uns abgewiesen 
werden muss, so wird doch auch unter den orga¬ 
nischen Nervenkrankheiten noch .eine ganze Reihe 
von Fällen sein, die sehr wohl aufgenommen werden 
können, um hier wenigstens theilweise oder zeitweise 
Besserung zu erreichen, so manche periphere Lähm¬ 
ungen, Apoplexien, Ischias und andere Neuralgien, 
auch wohl beginnende Tabes und dergleichen. 

(Fortsetiung folgt.) 


Städtisches Abwasser und seine Reinigung unter Berücksichtigung des 

Abwassers aus Irrenanstalten. 

Von Stadtbaurath Bredtschneider , Charlottenburg. 


"y^^enn für irgend ein Abwasser eine Reinigungs¬ 
anlage geschaffen werden soll, ist zunächst die 
Frage zu entscheiden, bis zu welchem Grad der Rein¬ 
heit soll das Abwasser gereinigt werden? Diese Frage 
ist allgemein dahin zu beantworten, dass das Abwasser 
soweit gereinigt werden muss, dass in dem Vorfluther 
und in seiner Umgebung, und zwar auf der Strecke, 
auf welcher sich die sogenannte Selbstreinigung voll¬ 
zieht, eine Gefahr, Schädigung oder Belästigung aus¬ 
geschlossen ist. Es spielen dabei einerseits die Natur 
und Menge des Abwassers, andererseits die Natur 
und Wasserraenge des Vorfluthers die Hauptrolle. Unter 



Umständen bedarf hiernach das Abwasser überhaupt 
der Reinigung nicht, unter Umständen dagegen muss 
das Abwasser bis zur denkbar vollkommensten Rein¬ 
heit gereinigt werden. Auf der andern Seite aber 
würde das Verlangen, das gereinigte Abwasser müsse 
so rein sein und eine solche Beschaffenheit haben, 
dass es nicht allein direct für Genusszwecke, sondern 
auch für jeden gewerblichen Zweck anstandslos wieder 
benutzt werden kann, als übertrieben bezeichnet werden 
müssen. Eine solche Reinheit lässt sich selbst mit 
den besten praktisch brauchbaren Reinigungsverfahren 
nicht erzielen; auch würde es ästhetisch bedenklich 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


sein, wollte man gereinigtes Abwasser direct wieder 
zum Trinken benutzen. Aber man kommt mit den 
heutigen zur Verfügung stehenden Mitteln einem 
solchen Reinheitsgrad doch schon ziemlich nahe, und 
es gelingt, das Abwasser durch die Reinigung geruch¬ 
los, blank und klar und fast farblos zu machen und 
von Schwebestoffen und schädlichen mineralischen 
und organischen Stoffen zu befreien. Ein solches 
Wasser ist für Menschen und Tiere ungefährlich und 
vermag in den Vorfluthern eine nennenswerthe Störung 
nicht zu verursachen. Verfahren welche im Stande sind, 
Abwässer auf diesen Grad der Reinheit zu bringen, 
nenne ich „Abwasserreinigungsverfahren“; Verfahren, 
welche weniger leisten können, nenne ich „Klärver¬ 
fahren“. 

Will man kennen lernen, wie Abwasser zu reinigen 
ist, so muss man zunächst wissen, was Abwasser ist 
Da hierüber noch manche Unklarheiten herrschen, 
verlohnt es sich, auf die Sache näher einzugehen; ich 
unterziehe aber meinen Betrachtungen zunächst nur 
städtisches Abwasser. 

Städtisches Abwasser wird erzeugt in den Küchen, 
in den Waschgefässen und Badewannen, in den Nacht¬ 
geschirren, Klosetts und Pissoirs. Zu diesem Abwasser, 
dem eigentlichen städtischen Abwasser, kommt in der 
Regel noch hinzu Abwasser aus gewerblichen Betrieben, 
wie sie in jeder Stadt vorhanden zu sein pflegen, nämlich 
aus Schlächtereien und Garküchen, aus Wäschereien und 
Badeanstalten, aus Vieh- und Pferdeställen, aus Bren¬ 
nereien und Brauereien u.s.w.; schliesslich kommt in 
solchen Städten, welche nach dem Mischsystem kana- 
lisirt sind, noch der Regenabfluss hinzu. In Städten 
mit Industrie kommen auch noch die Abwässer aus 
den betreffenden Industriezweigen hinzu. Beträgt die 
Abwassermenge der Industrie nicht mehr als etwa 
10% der städtischen Abwassermenge, so pflegt das 
Industrieabwasser die Reinigung in der Regel nicht 
zu beeinflussen; solches Abwasser kann, eine innige 
Mischung vorausgesetzt, noch als städtisches Abwasser 
angesprochen und wie dieses behandelt werden; im 
anderen Falle sind Störungen nicht ausgeschlossen. 
Sehen wir aber von dem Industrieabwasser ab, so 
ergiebt sich für das städtische Abwasser in qualitativer 
Hinsicht eine für alle Städte annähernd gleiche Zu¬ 
sammensetzung. An und für sich ist das Wasser, 
weiches in der Stadt für den häuslichen und gewerb¬ 
lichen Bedarf gebraucht wird, sei es aus dem gemein¬ 
schaftlichen Wasserwerk oder aus Brunnen oder aus 
den Flussläufen, im chemischen Sinne nicht rein, 
sondern enthält bereits Beimengungen mineralischer 
Natur, im wesentlichen Kochsalz, Eisen-, Kalk- und 


Magnesiasalze. Diese Beimengungen verbleiben dem 
Wasser, auch nachdem es zu Abwasser geworden ist, 
aber durch den Gebrauch dieses Wassers, also bei 
der Erzeugung von Abwasser, kommen noch die fol¬ 
genden Beimengungen hinzu: 

a) aus der Küche, aus Schlächter eien und 
Garküchen: Fleisch- und Gemüseabfälle gekochter 
und ungekochter Natur, Oele und Fette, Seifen Kaffee¬ 
grund u. dergl., 

b) aus den Waschgefässen, Badewannen, 
Wäschereien und Badeanstalten: Seifen, Fette 
und Oele, 

c) aus den Nachtgeschirren, Klosetts» 
Pissoirs, Pferde- un d Viehstäl len und Schl ach¬ 
ter e i en: Ham und Fäces menschlichen und thierischen 
Ursprungs, 

d) aus Brauereien und Brennereien: Zucker, 
Gummi, Alkohol und dergl. 

Von allen diesen Orten wird dem Abwasser ferner 
noch eine Menge anderer Stoffe gemeinschaftlich zu¬ 
geführt, nämlich Kochsalz in grosser Menge, Kalk-, 
Eisen- und Magnesiumsalze, erdige Stoffe, Sand, Holz, 
Papier, Stroh, Pfropfen, Lappen, Knochen, Knorpel, 
Hom- und Lederabfälle, Stofffasem, Kohlen- und 
Koksstückchen und dergl. 

Alle die vorstehend genannten Stoffe werden, wenn 
auch zum Teil in geringer Menge, aus den Behaus¬ 
ungen und Betrieben auf die Strassen und Höfe ge¬ 
schleppt und von hier mit jedem Regen mit in die 
Kanalisation eingespült; von den Strassen stammen 
aber ausserdem noch Stückchen von Kalk und Zement¬ 
mörtel, von Ziegel- und Pflastersteinen und von Schiefer, 
zerriebene Asphaltmassen u. a. m. 

Die angeführten Verunreinigungen des Abwassers 
sind zum Theil mineralischen, zum Theil organischen 
Ursprungs und befinden sich in dem Abwasser zum 
Theil im gelösten und zum Theil im ungelösten Zustande. 
Im grossen Durchschnitt sind in je einer Million Theilen 
städtischen Abwassers enthalten: ungelöste Stoffe: 500 
organische Theile, 270 mineralische Theile, gelöste 
Stoffe: 300 organische Theile, 500 mineralische Theile. 
Die grösste Zahl der ungelösten Stoffe befindet sich 
in dem Abwasser in einem fein, ja zumeist in einem 
sehr fein vertheilten Zustande. Dazu gehören Erde-, 
Lehm-, Thon-, Pflasterstein- und Asphaltpartikelchen, 
fein zerriebene Fleisch- und Gemüsereste, die Fäces, 
Fette und Oele. Der andere geringere Theil enthält 
Stoffe von ganz ansehnlicher Körpergrösse. Die un¬ 
gelösten Beimengungen befinden sich je nach ihrem 
specifischen Gewicht in dem Abwasser als Schwimm-, 
Schwebe- oder Sinkstoffe; zu den Schwebestoffen ge- 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 9 


hören alle diejenigen, welche sich im Abwasser in sehr 
vertheiltem Zustande befinden. Was die gelösten Stoffe 
organischer Natur anbetrifft, mit denen ich mich ganz 
besonders zu beschäftigen haben werde, so können, 
nach dem Ursprung zu urtheilen, im Grossen und 
Ganzen nur die folgenden in Betracht kommen: 

a) Eiweisstoffe, herstammend aus den Fleisch- 
und Gemüseresten und aus den Fäces, 

b) Seifen, herstammend aus den Wasch- und 
Badegelegenheiten, 

c) Fette und Gele, herstammend aus den 
Fleisch- und Gemüseresten und aus den Wasch- und 
Badegelegenheiten, 

d) Harnstoff, herstammend aus dem Harn, 
zum Theil auch als Zersetzungsproduct der Eiweiss¬ 
körper. 

Thatsächlich sind auch andere gelöste organische 
Stoffe als diese, wie festgestellt worden ist, im städtischen 
Abwasser nur in geringer Menge enthalten. 

Schliesslich befindet sich noch in dem städtischen 
Abwasser eine grosse Menge von Kleinlebewesen, ge¬ 
wöhnlich auch kurzweg Bakterien genannt. Diese zählen 
zu den ungelösten Stoffen organischer Natur. Klein¬ 
lebewesen befinden sich überall auf der Erde, wo or¬ 
ganische Stoffe vorhanden sind und gelangen mit 
diesen in das Abwasser, oder werden von ihnen mit 
dem Wasch- oder Spülwasser abgeschwemmt; zum 
nicht geringen Theil befinden sie sich bereits in den 
Fäces und gelangen mit diesen in das Abwasser. 
Man hat in i ccm Abwasser bis zu io Millionen 
und mehr Kleinlebewesen gezählt. Ueber die Wirk¬ 
samkeit der Kleinlebewesen im allgemeinen sind un¬ 
gezählte Bände geschrieben worden, und doch hat 
man bis jetzt eine vollständige Klarheit darüber noch 
nicht geschaffen, es ist noch alles im Fluss; es scheint 
aber soviel festzustehen, dass die endgültige Zersetz¬ 
ung und unschädliche Beseitigung alles von Pflanzen, 
Thieren und Menschen stammenden organischen Un¬ 
raths, wenn auch nicht ausschliesslich, so doch zum 
guten Theil auf ihre Wirksamkeit zurückzuführen ist. 
Die Kleinlebewesen nähren sich von den organischen 
Abgängen gelöster und ungelöster Form und setzen 
sie theils durch Oxydation, theils durch Reduction, z. T. 
in mancherlei Zwischenstufen, in mineralische Stoffe 
um. Da die organische Substanz aus den Elementen 
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und 
Schwefel zusammengesetzt ist, so werden durch die 
Wirkung der Kleinlebewesen im Endeffect die folgenden 
Stoffe erzeugt: freier Stickstoff, freier Wasserstoff, 
Kohlenwasserstoff, Schwefelwasserstoff, Ammoniak, sal¬ 
petrige Säure, Salpetersäure und Kohlensäure. Werden 
die organischen Stoffe der Zersetzung in der freien Luft 

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ausgesetzt, so entstehen Oxydationsprozesse; man 
nennt eine solche Endzersetzung die Verwesung, vor¬ 
zugsweise hervorgerufen von den sogenannten aeroben 
Bakterien. Unter Abschluss der Luft entstehen Re- 
ductionsprozesse, welche man stinkende Fäulniss nennt, 
vorzugsweise hervorgerufen von den anaöroben Bak¬ 
terien. Gewöhnlich laufen beide Prozesse nebenein¬ 
ander her. Eine Zwischenstellung zwischen Verwes¬ 
ung und Fäulniss nimmt, namentlich bei stickstoffarmen 
Substanzen, die Vermoderung ein. Bei allen drei 
Prozessen bleibt ein Theil der organischen Substanzen 
unzersetzt zurück und bildet zusammen mit den mine¬ 
ralischen Stoffen meist erdiger Natur und mit andern 
unzersetzten organischen Stoffen den Humus. 

Aus dem Gesagten ergiebt sich von selbst, dass 
alle organischen Bestandteile des städtischen Abwassers 
von dem Moment der Erzeugung des Abwassers an 
sich in ununterbrochener Zersetzung befinden und da¬ 
her sich stetig ändern. Würde man also ein Abwas¬ 
ser lediglich der Zersetzung aussetzen, so würde es 
durch sie im Laufe der Zeit zweifellos gereinigt werden; 
es würden in dem Wasser ausser den unzersetzten 
Stoffen nur noch die mineralischen Bestandteile ge¬ 
löster und ungelöster Natur Zurückbleiben, w'elche 
im allgemeinen ganz unschädlich sind und, soweit 
sie in ungelöster Form im Wasser sind, durch ein¬ 
faches Filtriren im Schnellfilter beseitigt werden 
können. Aber die Zeit, welche ein solcher Reinig- 
ungsprocess in Anspruch nehmen würde, ist zu lang, 
man würde dazu einige Jahre gebrauchen. Daher 
muss man sich zur Reinigung des Abwassers anderer 
Hülfsmittel bedienen. 

Die Aufgabe der Abwasserreinigung besteht ein¬ 
zig und allein darin, diejenigen Stoffe, welche dem 
Wasser in seiner ursprünglichen Reinheit bei dem 
Gebrauch desselben beigemengt worden sind und zu 
seiner Verunreinigung beigetragen haben, in möglichst 
weitem Umfange aus dem Wasser wieder zu entfernen 
und dem Wasser seine ursprüngliche Reinheit soweit 
wie möglich wiederzugeben. 

Zur Reinigung des Abwassers bedient man sich 
folgender Mittel: Gewöhnlich baut man im Zubringer 
durch Verbreiterung und Vertiefung einen Sandfang 
ein. In diesem verringert sich die Wassergeschwindig¬ 
keit, und ein* grosser Theil der groben Sinkstoffe fällt 
zu Boden, wie Stückchen von Kalk und Zement¬ 
mörtel, von Ziegel- und Pflastersteinen, von Schiefer, 
Steinkohlen und Koks, ferner Sand und Kaffeegnand, 
Knochen, Knorpel, Horn- und Lederabfälle und der¬ 
gleichen. Diese Stoffe werden aus dem Sandfang 
durch Schaufeln oder durch baggerartige Apparate 
entfernt. (Fortsetzung folgt.) 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Ö5 


JviuC.J 


M i t t h e 1 

— Jahresversammlung des Deutschen Ver¬ 
eins für Psychiatrie in München am 20. und 
2i. April 1906. Referent: H. Haenel - Dresden. 
{Fortsetzung.) 

9. Herr Weiler (München): Pupillenunter- 
suchungen b ei Geisteskranken. 

Vortr. zeigt zuerst in Kürze den von ihm con- 
struirten Pupillenmessapparat, den er zuerst bei Ge¬ 
legenheit der Versammlung, des Vereins bayerischer 
Psychiater im Jahre 1905 vorführte. Der Apparat 
wurde von ihm neuerdings vervollkommnet, wobei be¬ 
sonderes Augenmerk darauf gerichtet wurde, das Licht 
der Nernstlampen besser auszunutzen, so dass schon 
mit dieser Belichtung ein Kinematogramm angefertigt 
werden kann, und die früher nothwendige Verwendung 
von Bogenlicht fortfällt Eine genaue Beschreibung 
des Apparates wird in nächster Zeit in den Monats¬ 
blättern für Augenheilkunde erscheinen. 

W. führte dann eine kinematographische Auf¬ 
nahme der Lichtreaction der Pupille vor. 

Mit dem älteren Apparat stellte er eine Reihe von 
Untersuchungen bei Gesunden und Geisteskranken an. 

Der Gang der Untersuchung war folgender. Die 
Versuchsperson verblieb, bevor sie sich an den Apparat 
setzte, 10 Minuten lang im Dunkelzimmer, in dem 
die Untersuchungen vorgenommen wurden. Dann 
wurden zuerst beide Augen einer sehr schwachen 
Belichtung ausgesetzt, die eben nur genügte, um die 
Iris genau sichtbar zu machen. Nun wurde beider¬ 
seits die Weite der Pupille gemessen, dann das rechte 
Auge mit einem intensiven Licht bestrahlt und wieder 
die Weite der' rechtsseitigen und der linksseitigen 
Pupille notirt. Darauf wurde das linke Auge stark 
belichtet und nochmals die Weite beider Pupillen 
festgestellt. Endlich wurden beide Augen gleichzeitig 
und gleichstark belichtet und wieder beide Pupülen 
gemessen. 

Von gesunden Personen wurden 25 Männer und 
25 Frauen untersucht. Es zeigte sich dabei folgende, 
bisher unbeachtete Reaction. Nachdem das eine Auge, 
angenommen das rechte, mit einer bestimmten Licht¬ 
stärke, sagen wir „x“, belichtet war, verkleinerte sich, 
wie zu erwarten stand, sowohl die Pupille des rechten 
wie auch die des linken Auges gleichmässig und ver¬ 
harrte längere Zeit in der angenommenen Grösse. 
Wurde nun auch das linke Auge mit derselben Licht¬ 
stärke „x“ beleuchtet, während die Belichtung des 
rechten Auges mit „x“ belassen wurde, so contrahirte 
sich sowohl die Pupille des linken wie auch die des 
rechten Auges noch um eine weitere, gut messbare 
Grösse. Diese Verengerung, die Vortr. mit „secun- 
därer Lichtreaction“ bezeichnete, blieb ebenfalls längere 
Zeit bestehen. Es zeigte sich also, mit anderen Worten, 
dass bei Belichtung beider Augen mit einer bestimmten 
Lichtstärke die Reaction eine ausgiebigere war als bei 
Belichtung nur eines Auges mit derselben Lichtstärke. 

Vortr. besprach dann an der Hand projicirter 
Tabellen die Ergebnisse der Untersuchungen der 
Pupillengrösse und Pupillenbewegungen Gesunder und 

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1 u n g e n. 

Geisteskranker. Ausser den oben genannten 50 ge¬ 
sunden Personen wurden 50 Kranke, die an Epilepsie, 
85, die an Dementia praecox und 75, die an pro¬ 
gressiver Paralyse litten, untersucht. 

Als Anfangsgrösse der Pupillen, d. h. bei geringer 
Belichtung fand sich für die Gesunden ein mittlerer 
Wert von 5,2 mm, für die Paralytiker ein solcher von 
nur 4,4 mm. Die Pupillen der Kranken, die an 
Epilepsie oder an Dementia praecox litten, wiesen 
grössere Mittelwerthe auf als die Normalen, und zwar 
die ersteren 6,1, die letzteren 5,5 mm. 

Die Reactionsbreite bei beiderseitiger, gleich- 
mässiger starker Belichtung betrug für die Gesunden 
1,7, für die Paralytiker 0,4 mm. 33% aller Para¬ 
lytiker zeigte keine Lichtreaction. Die Reactionsbreite 
bei der Dementia praecox blieb auffallender Weise 
mit einer Mittelzahl von nur 1,4 mm hinter den Nor¬ 
malen zurück, während die Epileptiker mit 1,9 mm 
alle anderen Gruppen übertrafen. 

Bei der Prüfung der „secundären Lichtreaction“ 
ergab sich das sehr auffällige Symptom, dass bei 
96% der Fälle von Paralyse, bei denen noch eine 
Lichtreaction nachzuweisen war, die „secundäre Re¬ 
action“ fehlte. Nur bei zwei Kranken Hess sich keine 
pathologische Veränderung der Lichtreaction nach- 
weisen, das heisst, die Pupillen reagirten ausgiebig 
und die „secundäre Reaction“ war vorhanden. 

Ein Fehlen der secundären Reaction wurde ausser 
bei den vorgenannten Paralytikern in keinem anderen 
Falle bisher gefunden. 

Zum Vergleich mit den nach der neuen Methode 
gewonnenen Resultaten bei der progressiven Paralyse 
zeigte Vortr. eine Tabelle, auf der er nach den in 
den Krankengeschichten von 550 Paralytikern, die 
nur mit einer einfachen Handlampe untersucht wurden, 
Vorgefundenen Angaben die Verhältnisse der Licht¬ 
reaction aufgezeichnet hatte. Es fand sich in 41,3% 
der Fälle reflectorische Lichtstarre, in weiteren 40,5% 
war die Lichtreaction entweder gering oder träge, 111 
18,2% erschien sie ungestört. Weitere Tabellen 
zeigten die Verhältnisse der Pupillenreactionen bei 
psychischen und sensiblen Reizen. Es wurden Schreck- 
und Schmerzreize angewandt, daneben noch die Re¬ 
action bei geistiger Arbeit geprüft. 

Es möge hier nur kurz über die Befunde bei der 
Dementia präcox berichtet werden. In 55% war die 
Schreckreaction deutlich zu sehen, in 36% war sie 
gering und in 9% fehlte sie völlig. Aehnlich ver¬ 
hielt sich die Reaction bei geistiger Arbeit, in 52% 
war sie vorhanden, in 35% gering und in 13% fehlte 
sie. Bei sensiblen Reizen zeigte sie sich in 53% 
deutlich, in 35% gering, während sie in 12% fehlte. 

Der Vortrag wird in erweiterter Form im Central- 
blatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie erscheinen 
und wird im Uebrigen darauf verwiesen. 

Discussion: 

Herr Hitzig fragt nach den Einzelheiten der 
zweiten consensuellen Reaction. Misslich erscheint 
es ihm, wenn der Name Dementia praecox nur eine 


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86 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 9. 


Art Sammelbezeichnung ist, wie zugestanden wird, 
diesen bei derartigen Pupillenuntersuchungen als Grund¬ 
lage zu verwenden und daraus Schlüsse zu ziehen. Jeden¬ 
falls muss bei der Verwerthung der Ergebnisse auf 
diese Natur der Diagnose „Dementia praecox“ Rück¬ 
sicht genommen werden. 

Herr Binswanger fragt, ob der Psycho-Reflex 
der Pupille bei Hysterischen auch in den Bereich 
der Untersuchung gezogen worden ist. 

Herr Hübner freut sich, mit dem in seiner 
Exactheit vollkommenen Apparate des Vortr. die 
früheren Untersuchungen von Bumcke, Pilcz und 
ihm selbst in der Hauptsache bestätigt zu sehen. 
Die Bedeutung des Psycho-Reflexes der Pupille ist 
im Steigen begriffen; sein Fehlen hat es ihm mehr¬ 
mals ermöglicht, in Fällen jugendlicher Erkrankung, 
wo die Differentialdiagnose zwischen Melancholie und 
Dementia praecox schwankte, sich für die letztere zu 
entscheiden. Auch für die Frühdiagnose der Paralyse 
kann dieser Reflex Bedeutung erlangen. Bei Hysterie 
hat er keine Besonderheiten gefunden. 

Herr H o c h e hat bei Dementia praecox das 
Fehlen des Psychoieflexes noch häufiger gefunden als 
Vortr.* wohl wegen engerer Fassung der Diagnose. 
In der Differentialdiagnose des Stupors hat sich der 
Reflex ebenfalls wiederholt als wichtig erwiesen. 

Herr Neisser fragt, ob der Apparat besondere 
Anforderungen an Geschick und guten Willen des 
Untersuchten stellt. 

Herr Alzheimer würde ergänzende Unter¬ 
suchungen mit gleicher Technik an dem Material der 
Landesanstalten wünschen. 

Herr Hübner schiebt gewisse Unterschiede in 
den Procentzahlen zwischen seinen und des Vortr. 
Ergebnissen auf die Verschiedenheit der Methode. 
Eine Wiederkehr der einmal verschwundenen Psycho- 
reaction hat er auch bei längerer (1 V2jähriger) Be¬ 
obachtung nie gesehen. 

Herr Heilbronn er fragt, ob sich die Zahlen 
bei Epileptikern auf deren Habitualzustand oder auf 
Zeiten mit psychischen Störungen beziehen. 

Herr Weiler: Hat sich bei Belichtung des r. 
Auges die 1 . Pupille consensuell mitverengt und wird 
jetzt Licht auch in das 1 . geworfen, so erfährt die 
r. Pupille mitsammt der 1. noch einmal eine geringe 
Verengerung. Bei 20 untersuchten Hysterikern hat 
er gefunden, dass die Pupillen Verhältnisse mit denen 
der Epileptiker am meisten übereinstiminten. Von 
letzteren waren psychisch afficirte und solche im 
Normalzustand in ungefähr der gleichen Zahl vertreten. 
Bei manisch-depressivem Irresein hat er nie Pupillen¬ 
störungen gesehen. Bei Stupor ist die Untersuchung 
dadurch erschwert, dass häufig die Pupillen von An¬ 
fang an so stark erweitert sind, dass eine Grössen¬ 
zunahme auf psychischen Reiz kaum noch möglich 
ist. Die Technik des Apparates ist für den Arzt wie 
für den Untersuchten eine sehr einfache und machte 
bei Geisteskranken nie nennenswerthe Schwierigkeiten. 

10. Herr Tuczek* Marburg erslattet kurz Bericht 
über die Thätigkeit des auf der vorigen Versammlung 
vom Verein gewählten Ausschusses zur Idiotenforschung 
und -Fürsorge. 


11. Herr Weygandt-Würzburg: Ueber den 
Stand der Idiotenfürsorge in Deutschland. 

Die von der vorjährigen Versammlung des Deutschen 
Vereins für Psychiatrie eingesetzte, aus 7 Mitgliedern 
bestehende Commission zur Forschung und Fürsorge 
des jugendlichen Schwachsinns sucht in diesem Jahre 
u. a. durch 2 Berichte über practische Fürsorge ihre 
Wirksamkeit zu bezeugen. 

Die 108 Anstalten für jugendliche Schwachsinnige 
in Deutschland sind nach Anlage, Organisation und 
Leitung, Zweck und Mittel sowie Art der Pfleglinge, 
ausserordentlich verschieden. Etwa 1 Dutzend stehen 
unter ärztlicher Leitung, doch lässt auch die ärzt¬ 
liche Mitarbeit bei den übrigen vielfach zu wünschen 
übrig. Während die Hülfsschuleinrichtungen für 
Schwachbefähigte gedeihlich vorwärts schreiten, am 
langsamsten allerdings in Süddeutschland, vermögen 
die Fürsorgeeinrichtungen für tiefere Schwachsinns¬ 
formen noch keineswegs allen Bedürfnissen gerecht 
zu werden. Gründliche Abhülfe kann erst kommen 
durch öffentliche Mittel; es ist demnach die Ver¬ 
staatlichung der Idiotenanstalten, vor allem aber die 
Errichtung neuer Anstalten von behördlicher Seite an¬ 
zustreben. Ganz verkehrt ist die Errichtung von 
Altersheimen im Anschluss an vorzugsweise Erziehung 
anstrebende Idiotenanstalten. Von neuen Schöpfungen 
des letzten Jahres ist hervorzuheben die staatliche Kgl. 
sächsische Landeserziehungsanstalt für Schwachsinnige 
und Blinde Altenheim bei Chemnitz. Solange es 
sich um Anstalten für erziehungs- und entlassungs¬ 
fähige Imbecille handelt, also um eine Art Landes- 
hülfsschulen, ist die Errichtung vorbildlich, wenn auch 
die ärztliche Thätigkeit in denselben einen mehr 
psychiatrischen Character tragen möchte. Anstalten 
für Blöde, keineswegs Entlassungsfähige gehören unter 
ärztliche Leitung und könnten an die Landesirren¬ 
anstalten angegliedert werden. Anregung für die Er¬ 
forschung des Gebietes auf dem Wege einer Zu¬ 
sammenarbeit von Aerzten und Pädagogen gab der 
Anfangs April veranstaltete Cursus über den angeborenen 
Schwachsinn in der psychiatrischen Clinik zu Giessen 
unter Prof. Sommer. Zu erstreben ist neben dem 
Ausbau des Anstaltswesens auch die Errichtung von 
Idiotenabtheilungen an den psychiatrischen Kliniken 
und von psychologischen Laboratorien an den Hülfs- 
schulen grosser Städte. 

12. Herr Möller-Berlin: Unterricht der Idioten, 
Imbecillen und Schwachbegabten. 

Vortr. gibt einen Ueberblick über die heute in 
den Bildungsanstalten eingeführten und bewährten 
Unterrichtsmethoden für abnorme Kinder. Besonders 
weist er dabei auf die Ausbildung des Muskelsinnes 
durch Modellir - Uebungen mit farbiger Plastellina- 
Masse hin, die in hervorragendem Maasse geeignet 
sind, Auffassung und Beobachtungsgabe der Kinder 
zu verbessern. Ausserdem gibt er einige neue Methoden 
für das Lesenlernen an. 

Discussion: 

Herr Alt: Characteristisch für das Vorgehen der 
nichtärztlichen Heilanstaltsbesitzer ist der Umstand, 
dass in einer neueren Schrift derselben, die die ärzt¬ 
lich geleiteten Anstalten für schwachsinnige Kinder 


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Original frnm 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


87 


1906.] 


aufzählt, Uchtspringe nicht mit enthalten ist. Alt 
pflegt ebenfalls den Modellir-Unterricht, daneben An¬ 
schauungsunterricht am lebenden Object und neuerdings 
Handweberei nach schwedischem Muster, die sich 
sehr bewährt hat. Er weist ferner darauf hin, dass 
in der Familienpflege eines der. geeignetsten Mittel 
hegt, die Idiotenbehandlung der ärztlichen Leitung 
wieder zuzuführen. 

Herr Gutzmann: Jeder Schwachsinnigen-Lehrer 
muss nothwendiger Weise genügende Vorbildung auf 
dem Gebiete der Sprachphysiologie und -Psychologie 
haben, eine Vorbildung, die auch viele Schulärzte 
heute noch vermissen lassen. Er erinnert an die 
Deuerdings an der Berliner Universität eingeführten 
Sprach-Curse und theilt noch einige eigene Er¬ 
fahrungen aus der Praxis des Lesen- und Schreiben- 
lemens mit. 

Herr Möller: Schlusswort. 

IV. Sitzung, am 22. April. 

13. Herr H. Vogt, Langenhagen. Ueberden 
M ongo loiden-Ty pus der Idioten. 

Aus dem Gesammtgebiet der Idiotie grenzt sich 
klinisch sozusagen von selbst der Mongoloiden-Typus 
ab. Die Form ist in Deutschland bisher wenig studiert, 
was in der Thatsache seinen Grund hat, dass auf die 
Idiotenfürsorge bei uns psychiatrisch gebildete Aerzte 
keinen ausreichenden Einfluss haben, es kommt dafür 
aber auch in Betracht, dass die Krankheit bei uns 
viel weniger häufig ist (ca. 1%) als in England (5%). 
Das Wesen der Krankheit (Fraser-Mitcheil, 
Neumann, Weygan dt) besteht in einer charakteri¬ 
stischen Habitusveränderung plus Schwachsinn, beides 
ist angeboren. Die Habitusveränderung betrifft zu¬ 
nächst das Gesicht: Schlitzaugen, quere Stellung der 
Augenschlitze, breites Gesicht, stumpfe knopfförmige 
Nase. Der Mund ist meist offen, die Zunge gross 
und dick, das Gebiss defekt. Die Form der Zunge 
erinnert an die bei den Dermatologen lingua scrotalis 
genannte Form, der Schädel ist stets brachycephal, 
Shuttleworth wollte daraus einen besonderen 
Schädeltypus ableiten. ZurCharakterisirungderSchädel- 
form gehört noch eine starke Verkleinerung, der Schädel 
ist eigentlich microbrachycephal, der Umfang beträgt 
meist unter 50,0, der Längenbreitenindex 85,0—91,0. 
Häufig ist Asymmetrie des Schädels. Wichtig ist, 
dass so gut wie stets die Kopfhöhe verringert ist. 
Dieses Maass ist für die Beurtheilung der Gehirn¬ 
entwicklung und des Hirnwachsthums von besonderer 
Bedeutung (cf. Sommer und nach ihm Kellner). 
— Die Össification ist von vielen Autoren (Kasso- 
w itz u. a.) als normal bezeichnet. Weygandt hebt 
mit Recht hervor, dass gerade die Mongoloiden nicht 
selten retardirle Össification zeigen. Vortragender de- 
monstrirt Röntgenbilder von Mongoloiden mit deut¬ 
lich verzögerter Össification. Ebenso ist die Dendition 
meist verzögert, die Zahnbildung in 1. und 2. Den¬ 
dition ausserdem meist defect. Charakteristisch ist 
die Plumpheit der Hände und Füsse, ferner häufig 
zu beobachtende Verbildungen der Finger und Zehen 
(Verbildung des 1. oder 5. Fingers, Verlängerung der 
2. Zehe) — Degenerationszeichen treten oft gehäuft 
auf. Die Temperatur, die nach anderen Erfahrungen 

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oft herabgesetzt ist, ist nach des Vortragenden Be¬ 
obachtungen, von unwesentlichen Schwankungen ab¬ 
gesehen normal. Bezüglich der inneren Organe haben 
Telford, Shmith, Taylor, Neumann, Kasso- 
witz u. a. schwere Störungen und Bildungsdefecte 
am Herzen gesehen. Vortragender hat ohne objectiven 
Befund häufige funktionelle Herzschwäche beobachtet. 
Die Psyche trägt keinen charakteristischen Status, wie 
die ersten Beobachter vermutheten, sondern es um¬ 
fasst die niongoloide Idiotie fast alle Formen des an¬ 
geborenen Schwachsinns, erethische wie apathische 
Stufen. Es bestehen aber zweifellos gemeinsame Züge 
(Neigung zu Spässen, Grimassiren etc.). Besonders gilt 
dies für die Bildungsstufe, fast alle Mongolen eignen 
sich für die untersten Unterrichtsstufen. Sie bringen 
es aber nicht darüber hinaus. Keiner der Beobach¬ 
tung des Vortr. lernte schreiben, die Sprache bleibt 
mangelhaft. Nach anfänglichen kleinen Erfolgen in 
der Schule versagen die Mongolen bald völlig. 

Gewisse äussere Aehnlichkeiten des Mongolismus 
mit dem Myxödem haben frühzeitig dazu geführt, die 
Organtherapie beim Mongolismus zu versuchen. . Es 
besteht bei den Mongoloiden bei dieser Therapie zu¬ 
nächst die Gefahr, dass das empfindliche Herz durch 
das Mittel weitere Schädigung erfährt, w^as nicht 
selten dazu zwingt, das Mittel bald ganz auszusetzen. 
In anderen Fällen wird das Mittel gut vertragen. Die 
Wirkung lässt sich in folgender Weise charakterisiren: 
Es fehlt eine specifische Wirkung, wie sie bei Myxödem 
etc. nach Darreichung der Mittel auftritt. Die cha¬ 
rakteristischen Erscheinungen der Krankheit, die beim 
Myxödem nach Thyreoidin schwinden, bleiben in 
gleichem Fall beim Mongolismus bestehen. Was sich 
ändert, sind gewisse allgemeine Symptome, Fettleibig¬ 
keit, gedunsene Beschaffenheit der Haut, Schwankungen 
im allgemeinen Zustand. Diese Symptome erfahren 
bei allen Idioten (Bourneville), namentlich solchen 
mit infantilistischen Erscheinungen durch Thyreoidin 
Beeinflussung; wir wissen auch, dass diese Organ-Curen 
allgemein zellproliferatorische und regenerative Pro¬ 
zesse steigern (Knochenbruchheilung, Bayon) durch 
den Antrieb, den sie den Stoffwechselvorgängen 
verleihen. Darin ist es begründet, dass in der ersten 
Zeit nach Verabreichung des Mittels eine geringe 
Besserung ein tritt (die Haut wird praller, das allge¬ 
meine Befinden hebt sich, apathische Kinder wurden 
agiler) die Besserung hält aber nicht an. Längen- 
wachsthum und Gewicht erfahren, w r enn man die Be¬ 
obachtung lange genug fortsetzt, keine Veränderung. 

Ein anatomisch untersuchter Fall zeigte keine nach¬ 
weisbaren Veränderungen der Blutgefässdrüsen (Milz, 
Nebenniere, Thyreoidea, Thymus). In der Hirnrinde 
fällt folgendes auf: Breite erste Zone, Zellen unregel¬ 
mässig gelagert, nicht typisch gruppirt, Ganglienzellen 
im Maikkörper zerstreut, .unscharfe Abgrenzung der 
Rinde, zahlreiche Neuroblasten, also Momente, welche 
darauf hinweisen, dass die letzten Stadien der em¬ 
bryonalen Hirnentwicklung eine Störung (Hemmung) 
erfahren haben. Dem entsprechen manche sonstige 
körperliche Symptome an den Organen; nicht die erste 
Anlage ist defect. sondern die Entwicklung ist nicht 
völlig bis zum Ende typisch abgelaufen. 

Original fram 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. g. 


Es ist folgendes beachtenswerth: Die Symptoma¬ 
tologie weist auf eine Stoffwechselerkrankung hin. Die 
Myxödeitoatösen werden normal geboren, die Krank¬ 
heit setzt sonst partum ein, entsprechend der That- 
sache, dass auch die Thyreoidea normaliter erst post 
partum ihre Thätigkeit beginnt. Ebenso kann es eine 

— in ihrem Wesen nur noch unbekannte — innere 
Sekretion geben, welche in der letzten Embryonal¬ 
periode in den Gang der Entwicklung eingreift, deren 
Ausbleiben also einen Defect der letzten Stadien der 
Evolution zur Folge hat. Vortr. betont, dass er hiermit 
nicht eine Theorie zu geben beabsichtige, sondern 
nur den Eindruck klinischer Beobachtungen charakte- 
risiren wolle. Vielleicht giebt es einen brauchbaren 
Fingerzeig für fernere Forschung. Wir finden bei den 
Mongoloiden beides vereint: eine die letzten Stadien 
der Evolution betreffende Entwicklungshemmung und 
zweifellose Zeichen von Stoffwechselstörung. 

Discussion: 

Herr Alt: Höchstens i% der Idioten sind Mon- 
gcloid. Die Erkrankung führt nicht, wie er früher 
glaubte, durch Tuberculose etc. bald zum Tode, es gibt 
auch erwachsene Mongoloide. Bei allen diesen 
scheinen die Geschlechtsfunctionen völlig zu fehlen. 
Die Schilddrüse kann äthiologisch wohl nicht in Be¬ 
tracht kommen, dagegen vielleicht die Geschlechts¬ 
drüsen in ihrer Eigenschaft als Stoffwechsel-Determi¬ 
nanten. Es giebt Fälle, wo die mongoloiden Züge 
sich später verwischen und eine Art Besserung eintritt. 

Herr Weygandt: hat in England die Mongo¬ 
loiden unter den Idioten viel häufiger angetroffen als 
bei uns; verschiedene Momente weisen auch nach 
seiner Ansicht darauf hin, dass w'ohl eine Schädlich¬ 
keit in der letzten Zeit der Embryonalentwicklung an¬ 
genommen werden muss. Die Schilddrüse spielt nach 
Bourneville doch eine Rolle. 

Herr Vogt (Schlusswort): Die von Alt be¬ 
obachtenden Schwankungen sind ein wichtiges An¬ 
zeichen für die vermuthete Stoffwechselnatur der 
Krankheit. Die Beobachtung betreffend die Sexual¬ 
organe kann Vortr. nicht erweitern, da seine Fälle 
im Kindesalter stehen. Fraser und Mitchell 
haben in Schottland freilebende mongoloide ältere 
weibliche Personen stets kinderlos gesehen. Einen 
regionären Character hat die Krankheit nach der 
Beobachtung des Vortragenden in Hannover sicher¬ 
lich nicht. 

14. Herr Hess-Görlitz. Uebcr Heboido- 
phr enie. 

Neben die Hebephrenie, die, von seltenen Aus¬ 
nahmen abgesehen, frühzeitig mit intellektueller Schwäche 
einhergeht und in der Mehrzahl der Fälle zur Ver¬ 
blödung führt, stellte Kahl bäum 1884 eine „besondere 
klinische Foim des moralischen Irreseins, d. h. eine 
den Entwicklungsjahren eigene, von andern Psychosen 
wohl unterscheidbare Seelenstörung, die durch das 
Vorwalten ethischer Absonderlichkeiten und Perver¬ 
sitäten characterisirt ist ; i88q nannte er die Psychose 
H eboidophren i e oder Heboid. Sie ist scharf 
vom angeborenen moralischen Schwachsinn als einer 
Theilersc■heinung der Imbecillität zu trennen, sie ist 

— - nach Kahlbaum —gekennzeichnet, durch „Ab¬ 


weichungen des gesammten Verhaltens, durch Ab¬ 
weichungen und Ungewöhnlichkeiten jenes Komplexes 
von seelischen Eigenschaften, die vorzugsweise die 
psychische Individualität des Menschen in socialer 
Beziehung zusammensetzen (Character, Persönlichkeit, 
Temperament); ferner in Abweichungen und Unge¬ 
wöhnlichkeiten des Trieblebens, die als Mängel oder 
Abweichungen der Gewohnheiten und der Sittlichkeit 
aufzufassen • sind und in extremen Fällen sich als 
verbrecherische Neigungen oder Thaten äussern. 
Andere Symptome, wie Abschwächungen der In¬ 
telligenz oder auch entgegengesetzt hohe Entwicklung 
derselben, überaus geniales Wesen, Abschwächungen 
oder Steigerungen des Gefühlslebens können im ein¬ 
zelnen Fall vorhanden sein, sind aber nicht charak¬ 
teristisch.“ Wesentlich für die Psychose ist die Ent¬ 
wicklung in den Kindheits- und Jugendjahren, Seelen¬ 
störungen im höherem Alter mit Vorwalten von mo¬ 
ralischen Symptomen sind von der Heboidophrenie 
völlig verschieden. Hebephrenie und Heboidophrenie 
gehören eng zu einander, sie bilden zusammen die 
hebetischen Formen der Geistesstörung. Die hebe- 
phrenen Formen sind die symptomatisch umfassenderen, 
schwereren, in der Regel unheilbaren, die heboido- 
phrenen die enger begrenzten, meist heilbaren; die 
Heboidophrenie ist gewissermassen ein Ausschnitt 
aus dem Symptomenbilde der Hebephrenie. Wer nickt 
erkennt die Hebephrenie als specifische Psychose des 
Pubertätsalters an und betrachtet sie als eine Unter¬ 
abtheilung seiner „moralischen Autopsychose“ (er¬ 
worbene moral insanity). Vortr. zählte unter seinen 
Aufnahmen 7,7 Procent sichere und 6 Procent zweifel¬ 
hafte Fälle von Heboidophrenie, nach den Ge¬ 
schlechtern m. 10 Procent sichere Fälle, w. 2,9 Pro¬ 
cent sichere Fälle. Die auffallende Differenz ist nicht 
durch die Geschlechtsunterschiede, sondern durch 
äussere Umstände bedingt. Da die Heboidophrcniker 
für die oberflächliche oder laienhafte Beobachtung 
kaum das Gepräge der geistigen Krankheit zeigen, 
gelangen sie im allgemeinen nur ausnahmsweise in 
irrenärztliche Behandlung, viel häufiger haben Lehrer, 
Theologen, Polizei, Gerichte mit ihnen zu thun. Im 
Verlauf einer Heboidophrenie erleidet die Intelligenz 
gewöhnlich keine Einbusse, sondern entwickelt sich 
weiter; Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen 
fehlen, allenfalls auftretende Beziehungsideen haben 
keinen elementaren Charakter, sondern weiden corri- 
girt; ein Ausgang in Verwirrtheit, Schwachsinn oder 
Verblödung ist ausgeschlossen, dagegen besteht dort, 
wo keine Heilung erfolgt, die Gefahr des Ausgangs 
in eine asociale oder antisociale Laufbahn. Zur 
Illustration seiner Ausführungen theilt H. die Kranken¬ 
geschichte eines Heboidophrenen mit. 

Herr Neisser hält es für sehr dankenswert!), aus 
den „moralisch“ Defecten eine besondere clinisehe 
Krankheitsform abzusondem. Trotzdem ist ihm das 
Bild der Heboidophrenie nicht scharf genug gezeichnet, 
die Unterschiede von der Hebephrenie nicht ein¬ 
deutig genug, um es als eigenes Krankheitsbild schon 
anerkennen zu können. 

Herr Heilbronner kann sich ebenfalls unter 
dem Heboid kein exactes Bild vorstellen. Er hat 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


89 


mehrere Beobachtungen gemacht, deren Zustands¬ 
bild der vom Vortr. gegebenen Schilderung entsprach, 
die aber später sich als circuläre entwickelten. 

Herr Gaupp schliesst sich den Ausführungen 
Heilbronners an; er hat noch keine typischen 
Fälle beobachten können. 

Herr Kreuser zweifelt ebenfalls an der Ein¬ 
heitlichkeit des Bildes der Heboidophrenie; manche 
derartig beginnende Fälle führen zu paranoiden Zu¬ 
ständen, nicht alle gehen so günstig aus, wie es Vortr. 
dargestellt hat. Er glaubt das Krankheitsbild als ein 
gemischtes auffassen zu sollen. 

Herr Hess (Schlusswort) hat nicht beabsichtigt, 
eine genaue Symptomathologie zu geben. Die Prog¬ 
nose ist in der That nicht immer günstig, wenn auch 
der Ausgang in Manie zu den grossen Ausnahmen 
zählen dürfte. Manche der Kranken werden trotz 
aller Sorgfalt der Erziehung Gewohnheitsverbrecher; 
mancher Alcoholiker ist erst auf dem Boden der 
Heboidophrenie zur Trunksucht gekommen. 

15. Herr Hübner Lichtenberg - Berlin: Zur 

Frage der Lues nervosa. 

Unter „Lues nervosa“ verstehen einige Autoren 
besondere „Formen des Syphilisgiftes, welche mit ihrer 
Schädigung mit Vorliebe das Nervensystem heim¬ 
suchen.“ Durch sie sollen die Tabes und Paralyse, 
sowie die übrigen „syphilogenen“ Erkrankungen der 
nervösen Centralorgane entstehen. 

1. Vortr. tritt zunächst an der Hand zweier Ob- 
ductionsprotocolle der Frage näher, ob eine Noth- 
wendigkeit, solche besonderen Syphilisformen anzu- 
nehraen, besteht. Er kommt zu dem Ergebniss, dass 
sich die beiden Fälle leichter ohne die Annahme einer 
Lues nervosa erklären lassen. 

2. Bei den Fällen infantiler und familiärer Tabes etc. 
müsste man in erster Linie die Frage aufwerfen, warum 
fast immer einige von der hypothetischen Lues nervosa 
Befallene von Tabes, Paralyse u. s. w. frei bleiben. 

3. Bei den conjugalen Fällen zeigt sich ganz 
deutlich, dass diejenigen Ehen, in denen nach vorauf¬ 
gegangener Infection beide Ehegatten an Tabes etc. 
erkranken, die Minorität bilden. Vortr. fand 14 
conjugale Fälle unter 450 tabischen bezw. paralytischen 
Ehefra u en. 

Das Freibleiben so vieler Inficirter legt s. E. die 
Mitwirkung anderer Factoren neben der Syphilis nahe. 

4. Man darf nicht allein solche Gruppen von aus 
gleicher Quelle Inficirten suchen, in denen nur Tabes 
und Paralyse etc. vorkommt, sondern man muss auch 
auf Ehen oder Familien achten, in denen ein Mit¬ 
glied eine Paralyse, ein oder mehrere andere Einge¬ 
weidelues oder Aehnliches haben. 

5. Die Frage, wieviel Syphilitische Tabes etc. be¬ 
kommen, ist von Erb dahin beantwortet worden, dass 
Tabes allein bei 2 — 5%, syphilogene Erkrankungen 
des Nervensystems bei 10—15% aller Syphilitischen 
beobachtet worden. Vortr. vergleicht mit diesen 
Zahlen die von Krön und ihm bei Prostituirten ge¬ 
fundenen Tabes: 14% (Krön) 9,9% (Vortr.), syphilogt 
Nervenkrankheiten 38,4% (Vortr.) und führt aus, 
dass diese Zahlenverhältnisse der Annahme einer Lues 
nervosa nicht günstig sind. 

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Vortr. schliesst aus seinen Beobachtungen, dass 
sich daraus die Nothwendigkeit, eine besondere Form 
des Syphilisgiftes für die „syphilogenen“ Nervenkrank¬ 
heiten verantwortlich zu machen, nicht herleiten lässt. 

16. Herr Schröder (Breslau): Zur Lehre der 
Intoxications-Psychosen. 

Vortr. beschränkt seine Ausführungen auf zufällig 
eingeführte Gifte, und lässt die lntoxicationen durch 
Genuss (Alcohol etc.) und Schlafmittel ausser Be¬ 
tracht. Die Thatsache, dass bei psychischen Er¬ 
krankungen oft auf gleiche Ursachen verschiedene 
Wirkungen folgen und umgekehrt, ist auf die Ver¬ 
schiedenheit der betroffenen Persönlichkeiten zurück¬ 
zuführen. 

Am bekanntesten sind die Psychosen bei chron. 
Bleivergiftung, ihrem Auftreten nach psychische Epi¬ 
soden im Verlauf eines längeren Intoxicationszu- 
standes. , Inhaltlich und dem Verlaufe nach sind 
ihnen sehr ähnlich die von der Marburger Schule 
studirten Ergotin-Vergiftungen: auch hier trifft.man 
die Complication mit epileptischen Anfällen an, die 
völligen Heilungen sind vielleicht seltener als beim 
Blei. Das gleiche ist zu sagen von den Beobachtungen 
über chronische Jodoform-, Sa luvhäuie-. Kohlen¬ 
oxyd-Vergiftungen: alle diese chemisch grundver¬ 
schiedenen Ursachen weisen in ihren Folgen, wenn 
sie zu Geistesstörungen führen, viele gemeinsame Züge 
auf: kurze Dauer, rasches Abklingen unter Hinter¬ 
lassung von mehr oder weniger dauernden psychischen 
Veränderungen, die keine Neigung zur Progression 
zeigen. Die Krankheitsbilder stehen denen bei or¬ 
ganischen Gehirnerkranknngen im allgemeinen näher als 
den echten Psychosen. Es besteht deshalb Grund 
zu der Annahme, dass es sich hierbei um keine 
directe Giftwirkung handelt, sondern dass ein Zwischen¬ 
glied von einer gewissen Selbstständigkeit eingeschaltet 
zu denken ist. Ob dasselbe im Gefässsystem oder in 
anderen Gebieten zu suchen ist, ist noch eine offene 
Frage. Jedenfalls ist bei den Intoxicationspsychosen 
das eingeführte Gift nicht als die einzige Ursache der 
Erkrankung anzunehmen, und wenn man die Psychose 
nach demselben benennt, so muss man sich bewusst 
bleiben, dass es sich dabei nur um eine denominatio 
a potiori handelt. (Schluss folgt.) 

Preussischer Ministerial-Erlass vom 17. April 
1906, betreffend Benachrichtigung der Ersatz¬ 
commissionen, wenn Personen, über deren Eintritt 
in das Heer noch nicht entschieden ist, aus einer 
Anstalt für Geisteskranke etc. entlassen werden. 

Es hat sich als nothwendig erwdesen, die Ersatz» 
Commissionen davon in Kenntniss zu setzen, dass eine 
Person, über deren Eintritt in das Heer noch nicht 
entschieden ist, in der Behandlung einer Anstalt für 
Geisteskranke, Epileptische, Idioten oder Schwach¬ 
sinnige gestanden hat. 

Evv. Excellenz ersuchen wir ergebenst, die Pro¬ 
vinzialverwaltungen (und den Magistrat der Stadt 
Berlin) gefälligst zu veranlassen, dass die Entlassung 
eines solchen Kranken aus einer öffentlichen Anstalt 
dieser Art dem Civilvorsitzenden derjenigen Ersatz¬ 
commission, in deren Bezirk der betreffende Kranke 
in der Stammrolle zu führen ist, seitens der Anstalt 

Original from 

HARVARD UN1VERSITY 




PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 9. 


90 


vertraulich angezeigt wird. Die Anzeige hat zu ent¬ 
halten den Namen und Vornamen, Geburtsort und 
Kreis, das Geburtsdatum, die Bezeichnung der Eltern 
oder des Vormundes und deren Wohnort, den bis¬ 
herigen Wohnort des Kranken, sowie den Zeitpunkt 
des Eintritts in die Anstalt und des Austritts aus 
derselben. 

Seitens der Privatanstalten für Geisteskranke, Epi¬ 
leptische und Idioten oder Schwachsinnige haben bei 
übei 18 Jahie alten Kranken Anzeigen bei der Auf¬ 
nahme, wie bei der Entlassung gemäss §§ 7 und 14 
der Anweisung über Unterbringung in Privatanstalten 
für Geisteskranke, Epileptische und Idioten vom 
26. März 1901 (Min.-Bl. f. Med.- u. med. Unterr.- 
Angel. S. 97 fg.) an die für die Anstalt zuständige 
Ortspolizeibehörde zu erfolgen. Die Aufnahmean¬ 
zeigen enthalten (§ 7) die Einzelheiten über die Person 
des Kranken. Auch bei Kranken unter 18 Jahren 
ist vertrauliche Anzeige von der Aufnahme, wie der 
Entlassung durch § 22 Ziff. 1 und 3 der erwähnten 
Anweisung unter Mittheilung der nöthigen Einzelheiten 
(§ 17 Abs. 2) an die für die Anstalt zuständige Orts¬ 
polizeibehörde vorgeschrieben. Diese Stelle ist daher 
in der Lage, in jedem Falle einer Entlassung aus 
der Privatanstalt zu prüfen, ob über die Militärpflicht 
des Entlassenen eine Entscheidung noch nicht ge¬ 
troffen ist. Gegebenenfalls hat sie gleichlalls die 
Entlassung aus der Anstalt vertraulich an den Civil- 
vorsitzenden derjenigen Ersatzcommission mitzutheilen, 
in deren Bezirk der betreffende Geisteskranke in der 
Stammrolle zu führen ist. 

Ew. Excellenz ersuchen wir ergebenst, zu veran¬ 
lassen, dass seitens der Regierungspräsidenten (und 
des Polizeipräsidenten in Berlin) die Polizeibehörden 
mit den erforderlichen Anweisungen versehen werden. 

Berlin, den 17. April 1906. 

Die Minister der geistlichen etc. Angelegenheiten, 
im Aufträge F erster; des Innern, im Aufträge Li n d ig. 

An die Herren Oberpräsidenten, Min. d. geistl. 
Ang. M. 6036. Min. d. Inn. M. 764. 

— Litteratur - geschichtliche Notiz betr. 
„Dementia praecox“. In Heft II seiner „Geistes¬ 
krankheiten des Kindesalters etc“. Seite 9 schreibt 
Prof Ziehen: „Die Bezeichnung Dementia praecox 
stammt von Clouston, welcher 1888 von ,premature 
dementia* sprach“. Ich habe den Ausdruck in der 
deutschen psychiatrischen Litteratur zuerst bei H. 
Schüle in seiner „Klinischen Psychiatrie“ 1886 
(das Vorwort trägt die Jahreszahl 1885) gefunden, 
und zwar Seite 14, 250, 451, 452. Cf. meine 

Schrift: Wie beginnen Geisteskrankheiten? Halle 1905. 
Wie ich kürzlich in Paris erfuhr, soll der Ausdruck 
schon früher von einem französischen Autor ge¬ 
braucht worden sein und zwar von Morel dem 
Aelteren. Ich kann die betreffende Stelle aber nicht 
ausfindig machen. 

Hierbei möge nicht unvermerkt bleiben, dass die 
älteren Autoren den Ausdruck „Dementia praecox“ 
nur auf die um die Pubertätszeit einsetzenden, 
progressiv zur Verblödung führenden Erkrankungen 
an wendeten, während er gegenwärtig in verwirrender 
Ausdehnung und Vielfältigkeit weit über dieses Ge¬ 


biet hinaus zur Bezeichnung recht heterogener Fälle 
benutzt wird und zwar auf einem Beobachtungs¬ 
felde,. wo eingestandenerraaassen wegen zu kurzer 
Dauer des Anstaltsaufenthalts des Kranken es öfter 
gar nicht einmal möglich ist, durch die Feststellung des 
Ablaufs der Krankheit die gestellte Diagnose und 
Prognose zu prüfen. Dr. Bresler. 

— Fortbildungskurse für Psychiater. Nach 
dem von Herrn Sanitätsrath Dr. Stoltenhoff bei 
der Jahresversammlung in München erstatteten Bericht 
ist es der Commission mit thatkräftiger Unterstützung 
der Herren Geh.-Rath M o ei i und San.-Rath H. La ehr 
gelungen, ein den Zwecken der Psychiatrie angepasstes 
Arrangement zu treffen. Professoren und Institute 
haben sich bereit finden lassen, sodass die ersten 
Curse im October d. J. in Berlin statlfinden sollen. 
Dieselben werden 3 Wochen oder 18 Arbeitstage 
dauern und innere Medicin, Chirurgie, Hygiene mit 
Bacteriologie, Psychiatrie und Neurologie umfassen, 
täglich etwa fünf Stunden. — Die in Betracht kom¬ 
menden Behörden haben sich mit einer Ausnahme 
wohlwollend erwiesen, sodass die grundlegende finan- 
cielle Frage gesichert erscheint. Es wird angenommen, 
dass den Theilnehmem das Honorar für die Curse 
— etwa Rm. 100—, freie Fahrt II. CI. und Rm. 12 
pro Tag gewährt werden. Meldungen sind bereiis 
zahlreich eingegangen, auch ist der Anschluss der 
kleinen Staaten und Gemeinwesen zu erwarten, so¬ 
dass vermuthlich in Zukunft 2 Curse — im Frühjahr 
und Herbst — abgehalten werden müssen. 

(Für Süddeutsche werden doch wohl die gleichen 
Curse in München stattfinden? Red.) 

Liebes Malzextrakt-Pulver 

(Extractum malti purum siccum „Liebe“), eine leicht ver¬ 
dauliche blutbildende Nahrung, von lösender Wirkung bei 
Husten und Heiserkeit, ist nach Angabe der Fabrik ein t nter 
Luftleere zur Trockne eingedampfter Auszug besten Gersten¬ 
malzes ohne jeden Zusatz und verdankt Wirkung und Nährwerth 
dem hohen Gehalt an Maltose, derjenigen Zuckerart, welche 
nach Ausspruch vieler Aerzte am leichtesten verdaut wird, und 
zum Theil löslichen Eiweissstoffen Zusammensetzung: 88,60 0 , 
lösliche Kohlehydrate (vorwiegend Maltose), 1,65 ° /0 Mineial- 
stoffe mit 0.7 Phosphorsäure, 2,71 u / 0 Wasser = 100 u 0 . Vor¬ 
züge: Nahezu 20° 0 höherer Kahrwerth, als das reine kouzentr. 
Malzextrakt, unbegrenzte Haltbarkeit, bequeme Anwendungs¬ 
weise, ausserordentlicher Wohlgeschmack, Leichtverdaulichkeit, 
es klebt nicht am Gaumen und entwickelt eine unter Wärme¬ 
gefühl auftretende Schleimlösungskraft. Empfohlen wird es bet 
Schwäche des Körperbaues, bei all den zahlreichen Erkrankungen, 
welche das Leben durch Zehrung des Körpers geiährden 
(Schwindsucht), bei Husten. Heiserkeit, chronischen Katarrhen, 
Halsschmerz , asthmatischen Beschwerden, Verschleimung, als 
sehr förderlich für Appetit und Magenverdauung, als leicht ver¬ 
dauliches Nähr- nnd Kräftigungsmittel für Schwächliche, Genesende, 
schwache Mädchen, stillende Frauen, für blutarme, skrofulöse, 
rachitische Kinder und als Korrigens schlecht schmeckender 
Arzneien. Gabe: Kaffeelöffelweise nach Belieben, auch in 
kohlen saurem Wasser, Thee, Kakao, leichtem Bier oder warmer 
Milch. 

' • .... .V - 

Der heutigen Nummer liegt ein Prospekt der 
Farbwe rke vorm. Meister, Lucius <Sc Brüning 
in Höchst a. Main über 

Val y 1 ? 

bei, Vorauf wir unsere Leser hiermit noch^wiOTuters 
aufmerksam machen. 


grgdxcin ^edj jL§lo-' 


redaktionellen Theil verantwortlich : Oberarzt Dr. J. Bresler t Lublinitz (Schlesi^i).. 
f Schluss der Inseratenannahmc 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Mar ho Id in B 
Heyncmann’sche Buchdruckerei (Gebr. Wolflf) in Halle a. S. 


Hall« * S 




Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lublimtx (Schieden). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Teiegr.'Adresse: Marhold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 823. 

Nr. 10. 2. juni. 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermäsrigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schieden), zu richten. 


Zur Eröffnung von Roderbirken, 

der ersten Rheinischen Volksheilstätte für Nervenkranke. 
Von Chefarzt Dr. Ernst Beyer . 

(Schluss.) 


Ist nach meinen bisherigen Ausführungen der Auf¬ 
nahmebezirk unserer Heilstätte in wissenschaftlicher 
Beziehung erheblich eingeschränkt worden gegenüber 
den Grenzen, welche mehr oder weniger theoretisch 
in den Kreisen der Fachgenossen aufgestellt waren, 
so wird er nach einef andern Richtung eine ganz 
wesentliche Erweiterung erfahren, die vielleicht 
von manchen Collegen nicht für richtig gehalten 
werden mag, die aber für die Lebensfähigkeit unsrer 
Heilstätte und, wie ich glaube, für die weitere 
Entwicklung des Heilstättenwesens über¬ 
haupt von grundlegender Wichtigkeit ist. Pohl 
hat schon unter Hinweis auf die Prophylaxe die Ein¬ 
beziehung der Anämischen und Chlorotischen befür¬ 
wortet, und Wildermuth den neuen Heilstätten 
„unbeschadet ihres eigentlichen Zwecks“ die Aufnahme 
von Erholungsbedürftigen, Reconvalescenten und 
leichteren Fällen von Herzkranken empfohlen, schon 
weil die Anwesenheit dieser günstig verlaufenden Fälle 
auf die functioneilen Neurosen günstig ein wirke. Diese 
aus der practischen Erfahrung geschöpften Rathschläge 
werden wir befolgen und für die Aufnahme in Roder¬ 
birken den Nachweis des Nervösseins gar 
nicht verlangen, nicht einmal das Vorherrschen 
der nervösen Erscheinungen im Krankheitsbilde zur 
Bedingung machen. Mit voller bewusster Absicht 
gehen wir noch einen Schritt weiter und öffnen die 
Heilstätte allen heilbaren Kranken, Recon* 
valescentinnen und Erholungsbedürftigen, 
die nicht einer besonderen Behandlung auf andern 
spedalärztlichen Gebieten bedürfen, sondern mit den 
uns hier zu Gebote stehenden Mitteln erfolgreich be¬ 
handelt werden können, allein mit Ausschluss der 

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tuberculösen und sonstigen Infections- 
krankheiten. 

Es muss zugestanden werden, dass für diese Er¬ 
weiterung der Nervenheilstätte zur allge¬ 
meinen Heilstätte wesentlich practische, pecuniäre 
Rücksichten die Anregung gegeben haben, zunächst 
der begreifliche Wunsch, die 145 Betten recht bald 
besetzt zu haben und auch gegen die zu befürchtenden 
starken Schwankungen der Frequenz in der ungünstigen 
Jahreszeit auf genügenden Ersatz rechnen zu können. 
Massgebend war ferner die Landes Versicherungsanstalt 
Rheinprovinz, welche für ihre Mitwirkung als haupt¬ 
sächliche Geldgeberin und Geschäftsführerin selbst¬ 
verständlich eine entsprechende Berücksichtigung ihrer 
eigenen Zwecke finden musste. Sie hat vorläufig die 
Garantie für 80% der Betten übernommen und be¬ 
nutzt diese zur Durchführung von Heilverfahren ge¬ 
mäss § 18 des Invalidenversicherungsgesetzes, wobei 
sie sich natürlich an klinische Abgrenzungen nicht 
binden kann. 

Aber auch abgesehen von diesen gegebenen Be¬ 
dingungen habe ich von meinem ärztlichen 
Standpunkte aus die Verbreiterung der mir in 
Roderbirken gestellten Aufgabe mit Freuden be- 
grüsst. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass durch 
jede körperliche Krankheit auch das Nervensystem 
in Mitleidenschaft gezogen und das geistige Befinden 
beeinträchtigt wird — wer Zahnschmerzen hat, ist . 
gewiss nicht ,,geistig normal“ —, während andrerseits 
zur Hebung nervöser Leiden neben der psychischen 
auch eine körperliche Behandlung nicht nur nicht 
vernachlässigt werden darf, sondern fast immer als 
eigentliche Grundlage der Kräftigung und Wieder- 

Original fram 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. io. 


herstellung unentbehrlich sein wird. Ist doch der 
eigentliche Krankheitsprocess einer Neurose uns 
meistens überhaupt nicht unmittelbar zugängig, sondern 
kann nur indirect durch Regelung der Nahrungsauf¬ 
nahme, Blutcirculation etc., also durch körperliche 
Maassnahmen beeinflusst werden. Dazu stimmt aber 
auch eine weitere Erfahrung. Von Collegen anderer 
Specialfächer, Gynaekologen, Laryngologen und andern 
ist mir wiederholt ausgesprochen worden, dass die 
Mehrzahl ihrer Sprechstundenbesucher nicht an or¬ 
ganischen, örtlichen Veränderungen der betreffenden 
Organe leidet, sondern an nervösen Störungen, und 
daher hauptsächlich oderausschliesslich einer psychischen 
Behandlung bedarf. Auch im Publikum verbreitet 
sich schon immer mehr die Kenntniss, dass es bei 
Krankheiten des Magens nicht nur chemische 
Functionsstörungen giebt, die mit Salzsäure oder Natron 
bicarbonicum zu bekämpfen sind, und die nervösen 
Herzleiden sind schon geradezu Mode geworden. 
Das grosse Heer der nervösen Organkrank¬ 
heiten, die Herzneurosen, nervösen Dyspepsien, 
Dysaesthesien und wie sie alle heissen, wird also ein 
zahlreiches Krankenmaterial liefern, das zunächst den 
internen, gynaekologischen oder sonstigen Specialarzt 
aufsucht, für dessen Behandlung aber die Nerven- 
heilstätte der richtige Ort sein wird. Dass 
thatsächlich das Bedürfnis vorhanden ist und aut 
diese Weise befriedigt wird, zeigen die Erfahrungen 
in den Sanatorien für die bemittelten Kranken. Auch 
z. B. das neue „Erholungsheim“ in St. Blasien 
scheint dem Rechnung tragen zu wollen. 

Schliesslich verspreche ich mir von der grösseren 
Ausdehnung des Krankenmaterials auch einige all¬ 
gemeinere Vortheile, theils im Sinne Wilder- 
muth’s und Hoff man n’s, theils in dem Gedanken, 
die Nervenheilstätte und ihre Insassen in der schon 
erwähnten Richtung davor zu bewahren, dass sie 
vom Publicum mit der gegen die Irrenanstalten ge¬ 
hegten Voreingenommenheit beehrt werden. Die neue 
Heilstätte soll auch in diesem Sinne volksthümlich 
sein und nach Möglichkeit allen absonderlichen oder 
anstaltsmässigen Characters entkleidet werden. 

Roderbirken soll eine„VoIksheilstätte“ sein: 
doch heisst das nicht: eine Heilstätte für die unteren 
Classen, etwa wie die Volksschule den hohem Schulen 
gegenüber steht. Wie Haus Schönow und Rase¬ 
mühle, so soll auch Roderbirken für die Ange- 
hörigen aller Stände offen stehen und besonders auch 
den Kreisen des Mittelstandes und den weniger mit 
Glücksgütern gesegneten gebildeten Classen dienen. Auf 
Grund meiner ärztlichen Erfahrungen möchte ich es 
sogar besonders befürworten, wenn auch bem ittelte 

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Kranke, die sehr wohl die hohen ‘Kosten einer 
privaten Curanstalt erschwingen können, dennoch in 
die Volksheilstätte gehen. Im Privatsanatorium fühlt 
sich die Kranke doch immer dem Arzt gegenüber 
als die „Arbeitgeberin“; sie glaubt Ansprüche machen 
zu können, weil sie ja dafür bezahlt, und wenn ihr 
die Verordnungen nicht mehr passen, kann sie ja 
austreten und ein anderes Sanatorium aufsuchen. 
Thatsächlich sind ja auch die Machtmittel des Arztes 
sehr beschränkt, und wenn er zur Reitpeitsche greift, 
wie das in einem bekannten Fall vorgekommen ist, 
so wandert er für ein Jahr ins Gefängniss. Bei vielen 
Nervenkranken ist es aber für den Erfolg unumgäng¬ 
lich nothwendig, dass der Arzt den Kranken ganz 
in der Hand hat, das bei ihm eingeschlagene Heil¬ 
verfahren consequent durchführt und ihn eventuell 
auch gegen seinen Willen zum Gesundwerden wringt. 
Dazu ist er aber in einer ganz andern Stellung in 
der Volksheilstätte, wo man am einzelnen Kranken 
nicht das geringste pecuniäre Interesse hat und wo 
auch alle Hintertreppenpolitik mit Hülfe von „per¬ 
sönlichen Beziehungen“ vollkommen ausgeschlossen 
sein muss. „Wer nicht parirt, der fliegt“, soll es 
auch da heissen. Darauf beruht wohl auch zum 
grossen Theil der Erfolg der Naturheilanstalten, weil 
hier der Kranke von vomeherein weiss, dass er be¬ 
stimmten Kuren sich unterziehen, eigenartige Kost¬ 
vorschriften beobachten und auf mancherlei Bequem¬ 
lichkeiten und Ansprüche verzichten muss. So spll 
auch derjenige, der in einer Volksheilstätte Genesung 
sucht, von Anfang an sich darüber klar sein, dass er 
sich fügen muss, dass hier nur rein ärztliche Gesichts¬ 
punkte massgebend sind, und dass er hier auch mit 
noch so vielen Geldmitteln und noch so hohen 
Konnexionen gegenüber den Anordnungen des Arztes 
nicht das mindeste ausrichten kann. Und es wird 
ihm zum Heile dienen! 

Soli somit die Volksheilstätte sich in einer Be¬ 
ziehung die Naturheilanstalten zum Muster nehmen, 
so wird sie doch in der Hauptsache gänzlich von 
ihnen verschieden sein, nämlich in der Art der Be¬ 
handlung. Allerdings werden wir alle jene Heil- 
factoren für unsere Kranken zu verwerthen wissen, die 
so gerne als „naturgemäss“ im Gegensatz zur „Wissen¬ 
schaft“ gebracht werden. Aber grundsätzlich ver¬ 
mieden werden soll die schablonenmässige Einseitig¬ 
keit, das Merkmal der Kurpfuscherei. Dazu gehört 
aber, dass man alle Behandlungsmethoden in An¬ 
wendung zieht, die sich als wirksam erprobt haben, 
mögen sie kommen, woher sie wollen. Man soll das 
Gute nehmen, wo man es findet, und viele Wege 
führen nach Rom; es wäre aber thöricht, sich den 
Original from 

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1906.] PSYCHIATRlSCH-NEUROLOGtSCHE WOCHENSCHRIFT. 93 


einen oder andern aus Vorurtheil zu verbauen, denn 
die Hauptsache ist doch, dass man ans Ziel gelangt. 
Salus aegroti suprema lex, ist die Hauptregel für jeden 
Arzt, und gerade in einer öffentlichen Krankenanstalt 
darf es nicht Vorkommen, dass man sich auf irgend 
eine bestimmte Therapie grundsätzlich festlegt. Wenn 
wir also in Roderbirken kein irgendwie brauch¬ 
bares Verfahren a priori verwerfen, so wollen 
wir uns auch andrerseits nicht auf bestimmte Ver¬ 
zichte einlassen, weder die Fleischkost, noch den Al- 
cohol, noch die Arzneimittel der Apotheke ein für 
alle Mal ausschalten; denn auch das wäre einseitig. 

Welches sind nun die Hülfsmittel, die uns zur 
Behandlung unserer Pfleglinge zu Gebote stehen ? 
Zunächst ist bekanntlich die Thatsache, dass die 
Kranke aus der gewohnten Umgegend und den Schä¬ 
digungen des täglichen Lebens hinaus in die Heil¬ 
stätte geht, schon die halbe Kur. Mächtige Hülfen 
sind uns sodann gegeben durch die äussem Be¬ 
dingungen, in denen sie hier leben werden. Die 
landschaftlich überaus prächtige Lage unsrer Heil¬ 
stätte, auf der Höhe eines waldigen Thaies unmittel¬ 
bar am herrlichsten Buchenwald, der entzückende 
Fernblick in die weite Rhein ebene bis zu den Berg¬ 
ketten der Eifel, die wundervolle Ruhe, die kräftige 
frische Luft, die abwechslungsreiche Gestaltung unseres 
grossen bewaldeten Gebietes, alles das sind „Heil¬ 
mittel“ von unschätzbarem Werth. Dazu kommt die 
zweckmässige bauliche Anlage, welche eine Ver- 
theilung der Kranken in kleine Gruppen gestattet, je 
nach Lage der Krankheit, oder auch mit Berück¬ 
sichtigung von Stand und Bildungsgrad. An ärzt¬ 
lichen Einrichtungen steht uns alles zur Verfügung, 
was eine moderne Heilanstalt erfordert, um alles zu 
verwerthen, was mit Licht, Luft, Wasser, Electricität 
und durch die Hand der Pflegerin zu machen ist. 
Bei den Aerzten und Schwestern finden die Kranken 
Verständniss und liebevolles Eingehen auf ihre Leiden, 
zugleich aber auch die zielbewusste ernste Führung, 
die unbeirrt den rechten Weg zur Genesung weisen 
wird. Nicht zum geringsten wird es endlich unsere 
Sorge sein, die Kranken gut und reichlich zu er¬ 
nähren. Wird ja doch das „Herausfüttem“ bei vielen, 
vielleicht den meisten unserer Pfleglinge die wesent¬ 
liche Grundlage unserer Behandlung sein müssen. 

Diese kurzen allgemeinen Hinweisungen auf einige 
Hauptpunkte mögen genügen. Einer ausführlichen 
Erörterung bedarf es aber bezüglich der Frage der 
Arbeitsbehandlung. Gleichwie früher die Lehre, 
geistige Ermüdung durch körperliche Ermüdung „aus¬ 
zugleichen“, sich nicht bewährt hat, so haben auch 
die hochfliegenden Hoffnungen, die sich an die Dar- 

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legungen von Moebius, Grohmann und anderen 
geknüpft hatten, sich nicht in der erwarteten Weise 
verwirklichen lassen. Schien es anfänglich, als sollte 
in der Arbeit das Allheilmittel für das Hauptübel 
unseres Zeitalters, die Nervosität gefunden sein, so 
hat die weitere Erfahrung die Allgemeingültigkeit der 
Arbeitstherapie ganz erheblich einzuschränken ge¬ 
lehrt. Vor allem zeigte es sich sehr bald, dass die 
sogenannten „Nervenkranken“, bei denen mit der 
Arbeit Gutes gewirkt werden kann, nicht die heilbaren 
Nervös-erschöpften sind, sondern die geistigen Defect- 
menschen, die Psychopathen und Hypochonder, 
also gerade nicht „Nervenkranke“. Für Geistes¬ 
kranke war aber, namentlich seit den Erfolgen von 
Alt-Scherbitz, die Arbeit als eine sehr brauch¬ 
bare Massregel schon lange bekannt, übrigens nicht 
nur um Unheilbare, Chronische und Schwachsinnige 
nach Möglichkeit nutzbar zu machen, sondern auch 
um den Heilbaren über den zum Ablauf ihrer Krank¬ 
heit nun einmal nöthigen Zeitraum hinwegzuhelfen 
und ihren Wiedereintritt ins Leben vorzubereiten. 
Ein „Heilmittel“ kann es aber nicht wohl genannt 
werden, wenn es sich nicht darum handelt, einen 
vorher gesund gewesenen Erkrankten wieder gesund 
zu machen, sondern einem krankhaft Defecten zu 
einem menschenwürdigeren Dasein zu verhelfen, etwa 
so wie man Blinde und Taubstumme zur Arbeit er¬ 
zieht* ihnen aber nicht ihr Gebrechen heilt. Indessen 
ist auch bei wirklichen „Nervenkranken“ die Ar¬ 
beit mit Erfolg angewandt worden. Wäre aber der 
Heilwerth der Arbeit thatsächlich ein so grosser, alle 
andern Heilmethoden übertreffender oder gar aus- 
schliessender, so dürfte man wohl erwarten, dass 
überall die „Aibeitssanatorien“ wie Pilze aus der 
Erde spriessen und glänzende Curen machen. Statt 
dessen sehen wir, dass das berühmte Beschäftigungs¬ 
institut Grohmann’s nach wenigen Jahren wieder 
eingegangen, dass die geplante Colonie „Friedau“ 
mit ihrem „verklärten Landleben“ überhaupt nicht 
zu Stande gekommen ist, und dass in der Rase- 
mühle mit ihrem „freien Hotelbetrieb“ nicht die 
Arbeit, sondern das Turnen die Hauptrolle spielt. 

Laehr selbst, der begeisterte Verfechter der Ar¬ 
beitsbehandlung, hat für ihre Brauchbarkeit eine ganze 
Anzahl von Einschränkungen gemacht und mancher¬ 
lei Vorbedingungen für nothwendig erklärt. Seine 
Erfolge im Haus Schönow lassen auch noch aller¬ 
lei Bedenken zu, zunächst die Frage, ob nicht der 
Krankenbestand der Heilstätte mit Rücksicht auf die 
Arbeitsbehandlung einigermassen durchgesiebt ist. Wer 
dahin geht, weiss im voraus, dass er arbeiten muss, 
und, wie aus den Jahresberichten hervorgeht, wird 

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HARVARD UNIVERSUM 



94 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 10. 


eine nicht unerhebliche Zahl von Kranken innerhalb 
der ersten zwei Wochen wieder entlassen, weil sie 
„nur zur Beobachtung aufgenommen waren oder sich 
als ungeeignet für die hiesige Behandlung erwiesen.“ 
Ferner ist nicht im Einzelnen ersichtlich, bei welchen 
Krankheitsformen die Arbeit sich bewährt hat, und 
in welchem Verhältniss sich die „mit Arbeit behan¬ 
delten“ auf die Zahl der Geheilten und der Un- 
geheilten vertheilen, ganz abgesehen von dem all¬ 
gemeinen Zweifel des post hoc non est propter hoc. 
Dazu kommt, dass Haus Schönow unter ausser- 
gewöhnlich, um nicht zu sagen, unnatürlich günstigen 
Verhältnissen arbeitet, wie sie anderswo und ganz 
allgemein nicht so leicht zu haben sein werden, näm¬ 
lich nicht nur durch die reiche Unterstützung frei¬ 
gebiger Freunde — denn die Arbeitsbehandlung ist 
nicht billig! —, sondern vor Allem durch die werk- 
thätige Mitarbeit von Freiwilligen, namentlich seiner 
„Damengruppe“. 

In Roderbirken werden nun gerade diejenigen 
Verhältnisse vorliegen, welche nach den Erfahrungen 
von La ehr und andern für die Arbeitsbehandlung 
nicht günstig sind, und andrerseits solche fehlen, 
welche als wichtiges Erfordemiss bezeichnet werden. 
Alle Practiker stimmen darin überein, dass mit der 
Arbeit bei weiblichen Kranken weniger zu erreichen 
ist, und wir haben nur solche! Freiwillige Helferinnen 
und Leiterinnen für die einzelnen Arbeitsfächer, wie 
sie Haus Schönow in seiner „Damengruppe“ be¬ 
sitzt, fehlen uns gänzlich und werden bei der abge¬ 
schiedenen Lage unserer Heilstätte auch nicht leicht 
zu beschaffen sein. Ferner wird unser Kranken- 
publicum ein anderes sein, als in Haus Schönow, 
wo nur —Y 4 der Patientinnen zu den arbeitenden 
Classen gehören. Wir sind auch nicht in der Lage, 
unsere Kranken je nach ihrer Eignung für die Arbeits¬ 
behandlung auszusuchen und diejenigen wegzuschicken, 
die nicht zur Arbeit passen. Vielmehr müssen wir 
alle uns Zugewiesenen in Behandlung nehmen, sofern 
nur ihre Wiederherstellbarkeit nicht ausgeschlossen 
ist, und eben dieser Gesichtspunkt nöthigt uns, wie 
schon oben auseinandergesetzt, grade diejenigen so¬ 
genannten Nervenkranken femzuhalten, für welche 
die Arbeitsbehandlung in erster Linie wirklich zweck¬ 
mässig ist. 

Wenn ich also darauf verzichten muss, den Be¬ 
trieb unserer Heilstätte grundsätzlich auf der Arbeits¬ 
behandlung aufzubauen, so wäre man doch nicht be¬ 
rechtigt, von einem „Aufenthalt für Müssiggänger“ zu 
sprechen, ein Vorwurf, den man schliesslich jedem 
Krankenhause machen könnte. Vielmehr ist es ein¬ 
fach selbstverständlich, dass wir unsere Kranken auch 

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arbeiten und sich beschäftigen lassen, wo es gut und 
nützlich ist, namentlich in der Reconvalescenz. Der 
Begriff der Arbeit muss eben nicht bloss als hand- 
werksmässige Thätigkeit aufgefasst werden, sondern 
im weitesten Sinne, wie es Erb in seiner Beant¬ 
wortung der Moebius*sehen Flugschrift so sehr 
richtig und vernünftig betont hat Der wesentliche 
Punkt in der ganzen Arbeitsbehandlung ist ja auch 
nicht die Art der Leistung, sondern ihre Rückwirkung 
auf den Kranken selbst, die ihm gewährte Befriedi¬ 
gung. Wir werden daher unsere Kranken nicht un- 
thätig herumsitzen lassen, sie nicht nur mit Spazier¬ 
gängen und Spielen unterhalten, sie zur Handarbeit 
nicht bloss zum Zeitvertreib anstellen, sondern sie in 
Haus und Garten beschäftigen mit dem be¬ 
wussten Zweck, dass diese Bethätigung zur Kur ge¬ 
hört und zur Wiedererlangung ihres Wohlbefindens 
beiträgt Handarbeit, Haushaltung und Gartenarbeit 
sind ja auch die drei Gebiete, auf denen in Haus 
Schönow die weiblichen Kranken fast ausschliesslich 
beschäftigt werden. So werden wir die Arbeitsbe¬ 
handlung nicht als die einzige, aber als eine unter 
unseren Curmethoden pflegen und , wie ich glaube, 
schliesslich auch zu dem gleichen Ziele gelangen, die 
Kranken gesund werden zu lassen. Nur widerstrebt 
es mir, auf unsem Betrieb das innerlich unwahre 
Schlagwort der „Arbeitstherapie“ anzuwenden, denn 
man kann einen arbeitsunfähigen Nervenkranken durch 
Arbeit so wenig gesund machen, wie einen Geistes¬ 
kranken durch die logischen Darlegungen eines Philo¬ 
sophieprofessors. 

Dies wären im wesentlichen die Gesichtspunkte, 
nach denen in Roderbirken die Aufnahme der 
Kranken und ihre Behandlung erfolgen soll. Die 
Erfahrung muss nun lehren, ob sie zutreffend sind, 
oder nach welcher Richtung hin sie einer Abänderung, 
Einengung oder Erweiterung bedürfen werden. Zu 
Verbesserungen werde ich jederzeit gern bereit sein, 
denn Wandlungsfähigkeit ziemt dem Schüler Kraepe¬ 
lins. 

Ausschlaggebend und entscheidend ist mir einzig 
und allein der Erfolg. Er wird zeigen, ob bei uns 
die mancherlei Abweichungen von den bisher für die 
Nervenheilstätten gehegten Auffassungen gut und zweck¬ 
mässig sind. Wenn in den letzten Jahren die Nerven- 
heilstättenbewegung in Deutschland nicht recht vor¬ 
wärts gekommen ist, so muss das doch wohl daran 
liegen, dass man die Sache irgendwie nicht richtig 
anfasst. Also muss man es einmal anders versuchen. 
In der Rheinprovinz, wo seit den grundlegenden 
Veröffentlichungen von Ehrenwall, Pelman, Pohl, 

Original fram 

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i906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


95 


Peretti und Hoff mann stets eine practische Auf¬ 
fassung aller in Betracht kommenden Verhältnisse ge¬ 
herrscht hat, soll daher Roder birken nun auf 
neuen Wegen an die Lösung der grossen Aufgabe 
herangehen. 


Hoffen wir, dass die neue Heilstätte sich ihren 
beiden älteren Schwestern würdig anreihen wird, dass 
ihre Einrichtungen sich hewähren, und dass sie durch 
ihre Leistungen das ihrige beitragen möge in gemein¬ 
nützigem Wirken zum Wohle der Gesammtheit! 


Städtisches Abwasser und seine Reinigung unter Berücksichtigung des 

Abwassers aus Irrenanstalten. 

Von Stadtbaurath BrecUschnsider , Charlottenburg. 

(Fortsetxnng.) 


Ein in der Regel hinter dem Sandfang im Zu¬ 
bringer angebrachtes Gitter fängt die groben Schwimm¬ 
stoffe, wie Holz, Stroh, Papier, Pfropfen, Lappen und 
dergleichen ab. Die Entfernung der Stoffe vom 
Gitter geschieht mit Spaten oder Forken oder mit 
rechenartigen Apparaten. 

Hinter dem Gitter werden Klärräume angebracht, 
welche das Abwasser mit einer sehr geringen Ge¬ 
schwindigkeit von nur wenigen Millimetern in der 
Sekunde zu durchfliessen, und in welchen es sich 
mehrere Stunden, in der Regel im Durchschnitt 
nicht unter 3, aufzuhalten hat. In Folge der Herab- 
mindemng der Wassergeschwindigkeit sammeln sich 
in den Klärräumen die feinen Schwimmstoffe an der 
Oberfläche und werden durch geeignete Vorrichtungen 
am Austritt verhindert, und die feinen Sink- und 
Schwebestoffe, die eigentlichen Schlammbildner des 
Abwassers, setzen sich am Boden ab. 

Die Klärräume werden als Becken, Brunnen oder 
Thürme ausgeführt. In den Becken fliesst Abwasser} 
dem Wasserspiegelgefälle folgend, in horizontaler 
Richtung, in den Brunnen und Thürmen in vertikaler 
Richtung, und zwar in den Brunnen meist von unten 
nach oben, bewegt durch die eigene Schwere, in 
den Thürmen gleichfalls von unten nach oben, gehoben 
durch ein Vakuum. Die Masse an Schlamm- und 
Schwimmstoffen, welche in den Klärräumen abgefan¬ 
gen wird, ist eine sehr grosse. Bei guter Konstruc- 
tion gelingt es, von allen in die Klärräume eintretenden 
Schw imm - und Schwebestoffen bis zu 80% abzufangen. 
Die Entfernung der Stoffe aus den Klärräumen ge¬ 
schieht durch Ablassen des Inhalts oder durch Bag¬ 
gerung. 

Es sei noch bemerkt, dass man, namentlich viel¬ 
fach in den früheren Jahren, in den Klärräumen eine 
Behandlung des Abwassers mit Chemikalien, haupt¬ 
sächlich mit Kalkmilch oder Eisenvitriol oder Eisen- 

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alaun, versucht hat. Die Chemikalien üben aber, wie 
nachgewiesen ist, auf die Verunreinigungsstoffe des 
Abwassers im Wesentlichen eine mechanische Wirk¬ 
ung aus; chemische Wirkungen kommen nur neben¬ 
her in Betracht Heute sind die Methoden nur noch 
selten zu finden, sie sind übrigens sehr teuer und 
leisten nicht das, was sie anfänglich versprochen hatten; 
jedenfalls leisten sie kaum mehr als Klärräume ohne 
Chemikalien. 

Hinter den Klärräumen gelangt das Abwasser in 
die eigentliche Reinigungsanlage. Diese ist entweder 
ein Rieselfeld oder eine „Brockenkörperanlage“, welche 
auch „biologische Anlage“ oder „Oxydationsanlage“ 
genannt wird. 

Die Einrichtung der Rieselfelder ist bekannt. 
Das Abwasser wird über die einzelnen etwa Vi—*/ a 
ha grossen , sorgfältig geebneten Rieselstücke mög¬ 
lichst gk-ichmässig vertheilt, ein Theil verdunstet, ein 
Theil wird von den Pflanzen aufgenommen, der Rest 
versickert in den Boden und wird hier durch die 
Dränage und durch offene Gräben aufgenommen und 
in den Flusslauf geleitet Bei dem Versickern bleibt 
an der Oberfläche der letzte Rest der im Abwasser 
noch enthaltenen feinen Schwimm- und Schwebestoffe 
zurück, desgleichen der grössere Theil der gelösten or¬ 
ganischen Stoffe, und damit hat das Wasser seinen 
Reinigungsprozess vollbracht. Die sogenannte „inter- 
mittirende Filtration“ ist gleichfalls ein Rieselver¬ 
fahren, welches sehr intensiv und unter Verzicht auf 
Pflanzenkultur betrieben wird. 

Das Brockenkörperverfahren ist in zwei Formen 
zur Ausführung gekommen, in dem Füllverfahren 
und in dem Tropf verfahren. 

Bei dem Füll verfahren leitet man das aus den 
Klärräumen kommende Abwasser in ein mit Brocken 
irgend welcher Art (Ziegelstein-, Bruchstein-, 
Steinkohlen-, Koks-, Schlackenbrocken und der- 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. io. 


gleichen) gefülltes Becken und lässt es in demselben 
etwa 2 Stunden lang stehen. Danach ist das Wasser 
gereinigt und wird abgelassen. Nachdem der Füll¬ 
körper etwa 2 Stunden lang geruht hat, kann er 
wieder gefüllt werden. Der Reinigungsgrad ist fast 
der gleich gute, wie derjenige der Rieselfelder. Als 
bestes Material hat sich die Schlacke von Kesselrosten 
bewährt, dann aber auch Hüttenkoks und Gaskoks. 
Die aus dem Wasser ausgeschiedenen Verunreinigungs¬ 
stoffe bleiben auf den Brocken und in ihren Zwischen¬ 
räumen hängen und müssen etwa alle 4 Jahre durch 
Auswaschen des Körpers beseitigt werden. 

Bei dem Tropfverfahren werden die. Brocken in 
losen Haufen in freier Luft etwa 1,5—2,5 m hoch 
aufgebaut und das Wasser wird über die Oberfläche 
in möglichst dünnen Strahlen oder Tropfen gleich- 
mässig vertheilt, in der Regel durch sogenannte Sprink¬ 
ler, das sind sich horizontal drehende Segnersche 
Wasserräder, welche durch den Druck des einseitig 
ausströmenden Abwassers bewegt werden. Das auf 
die Oberfläche des Tropfkörpers gelangende verun¬ 
reinigte Abwasser durchrieselt den Tropfkörper und 
fliesst nach wenigen Minuten, selten mehr als 5, gut 
gereinigt ab. Der Grad der Reinigung ist der gleiche 
wie beim Füllkörper. Auch hier haben sich als bestes 
Material Schlacken von Kesselrosten, Hütten- oder 
Gaskoks erwiesen. Nach einiger Zeit ununterbroche¬ 
nen Betriebes erscheinen die Brocken von schlam¬ 
migen Massen überzogen und in den Zwischenräumen 
zwischen den Brocken finden sich die aus dem Wasser 
ausgeschiedenen Verunreinigungsstoffe festgelagert. 
Von diesen um- und eingelagerten Massen schwemmt 
das nachfolgende herabrieselnde Wasser gelegentlich 
einige Partikelchen ab und mischt sich dem gereinigten 
Wasser bei, und dieses führt denn auch eine grosse 
Menge solcher Partikelchen mit sich, aber die Par¬ 
tikelchen haben in dem Tropfkörper ihr specifisches 
Gewicht geändert, sie sind in Folge der Auflagerung 
auf den Brocken und der inzwischen erfolgten Ab¬ 
trocknung so compakt geworden, dass sie nicht mehr 
Schwebestoffe sind, sondern zu Sinkstoffen geworden 
sind. Ihre Abscheidung aus dem gereinigten Wasser 
bietet also keine erheblichen Schwierigkeiten mehr, 
sie geschieht in Absitzbecken oder durch Schnellfil¬ 
tration. Ob es erforderlich werden wird, die Tropf¬ 
körperperiodisch von den eingelagerten Schlammmassen 
zu reinigen, oder ob, wie man hofft, das Abwasser 
selbst die Reinigung durch das fortgesetzte Abreissen 
und Fortschwemmen der Partikelchen bewirken wird, 
ist noch nicht entschieden, es fehlt dazu noch die 
nöthige Erfahrung. 

Das sind die Mittel, deren man sich zur Reini¬ 


gung von Abwässern bedient. Ich versage es mir, 
auf andere untergeordnete Mittel an dieser Stelle ein¬ 
zugehen, um den Zusammenhang nicht zu verwischen. 

Mit den vorstehend besprochenen Reinigungsme¬ 
thoden gelingt es nicht, alle Verunreinigungsstoffe 
aus dem Wasser zu beseitigen, immerhin gelingt es, 
die ungelösten Stoffe organischer und mineralischer 
Natur im ganzen Umfange und von den gelösten 
organischen Bestandteilen den grösseren Th eil aus dem 
Abwasser zu entfernen. Der Rest an organischer 
Substanz verbleibt in Gemeinschaft mit annähernd 
dem gesammten Bestände an gelösten mineralischen 
Stoffen in dem gereinigten Abwasser, und es ist bisher 
noch kein brauchbares Mittel gefunden worden, auch 
diese Stoffe zu beseitigen. Es muss allerdings bemerkt 
werden, dass der Gehalt des gereinigten städtischen 
Abwassers an den gelösten mineralischen Stoffen im 
Allgemeinen von keinem Nachtheil oder von irgend 
welchem Belang ist, und dass daher auch gar kein 
Interesse vorliegt, auch diese Stoffe noch dem Wasser 
zu entziehen. Wohl aber hat der Gehalt an gelösten 
organischen Stoffen manche Unbequemlichkeiten im 
Gefolge, und Verbesserungen der bestehenden Reini¬ 
gungsverfahren werden in erster Linie auf die Ent¬ 
fernung dieser Stoffe aus dem Wasser Bedacht nehmen 
müssen. Sieht man von den gelösten mineralischen 
Stoffen ab, so werden während der verschiedenen 
Stadien, welche das Abwasser im Reingungsverfahren 
zu durchlaufen hat, aus dem Abwasser im grossen 
Durchschnitt die folgenden Mengen an Verunreinigungs¬ 
stoffen entfernt: 

a) durch den Sandfang und in den Kanälen 


der Stadt.4% 

b) durch das Gitterwerk.. . 3 „ 

c) in den Klärräumen von sehr grossem Fas¬ 
sungsraum .53 „ 


dl in den Brocken körpern oder durch das 
Rieselfeld (im letzteren Fall bei Vor¬ 
schaltung einer Vorbehandlung, wie zu 

a bis c). . . 3 1 » 

zusammen 91%; 
9 %, bestehend aus gelösten organischen Stoffen, ver¬ 
bleiben in dem gereinigten Abwasser. Die Kleinlebe¬ 
wesen, welche in dem Abwasser enthalten sind, sind 
den Schlammstoffen zuzurechnen und verhalten sich 
wie diese; sie werden mit diesen aus dem Wasser 
geschieden, und zwar durch Rieselei, wie ich annehme, 
fast vollständig, indem sie durch den Rieselboden 
abgeseit werden. Durch das Brockenkörperverfahren 
aber werden sie naturgemäss nicht ganz vollständig 
ausgeschieden. Hier würde zu Zeiten von Epidemien 


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1906 .] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


97 


noch eine Desinfection des gereinigten Abwassers am 
Platze sein. 

Da das gereinigte Abwasser noch organische Sub¬ 
stanz enthält, so bildet es einen Nährboden für die 
sich überall findenden Bakterien. Es entstehen also 
im gereinigten Wasser, namentlich in den Gräben, 
welche zum Vorfluther führen, von neuem Kleinlebe¬ 
wesen, aber diese sind für den Menschen ungefährlich. 

Auch gewisse in dem Abwasser enthaltene gelöste 
Bestandtheile mineralischer Natur können im Verlaufe 
des Reinigungsprozesses Veränderungen oder sogar 
Ausscheidungen erleiden, nicht allein in den Klär¬ 
räumen , sondern ganz besonders im Rieseiboden oder 
in den Brockenkörpern, und zwar durch Chemikalien, 
welche im Abwasser vorhanden, in demselben gebildet 
oder aus demselben ausgeschieden werden. Dabei 
spielen Schwefelwasserstoff, Kohlensäure und Ammo¬ 
niak einerseits, andererseits Eisen-, Kalk- und Mag¬ 
nesiumsalze, letztere sowohl in gelöster als auch in 
ungelöster Form, eine besondere Rolle; für die Ab¬ 
wasserreinigung haben diese Processe aber anscheinend 
keine Bedeutung. 

Es ist durchaus nicht immer erforderlich, bei dem 
Reinigungsverfahren Klärräume einzuschalten, die 
Reinigungsanlagen als solche sind im Stande, auch 
gleichzeitig die Reinigungsarbeit der Klärräume zu 
übernehmen. So findet man sehr viele Rieselfelder, 
welchen Klärräume nicht vorgeschaltet sind. Aber 
solche Rieselfelder müssen grössere Flächen haben 
als bei Vorschaltung von Klärräumen, und zwar etwa 
im Verhältnis der Menge der im Abwasser enthaltenen 
Schlammstoffe. Bei Brockenkörpern erweist sich der 
Betrieb ohne Klärung so theuer, dass er praktisch 
nicht durchgeführt ist. 

In Fällen, wo man sich mit der Klärung des Ab¬ 
wassers begnügen kann, kann der geschilderte Reini- 
gungsprocess an einer beliebigen Stelle abgebrochen 
werden. Vielfach verzichtet man auf die Reinigung 
in Brockenkörpem und auf Rieselfeldern und begnügt 
sich mit der Klärung in den Klärräumen. In neue¬ 
ster Zeit begnügt man sich hier und da sogar mit 
der Klärung mittels Gittern und Rechen und konstruirt 
diese in ganz besonderer Art, um möglichst viel von 
den groben Schwimm- und Schwebestoffen herauszu¬ 
fischen. 

Wenn die durch das Reinigungs- oder Klärverfahren 
ausgeschiedenen Stoffe nicht gewaltsam, etwa durch 
Feuer oder durch Chemikalien zerstört, sondern sich 
selbst überlassen werden, so werden ihre organischen 
Bestandtheile durch dieselben Zersetzungsprocesse» 
welche bereits im Abwasser begonnen haben, bei 
genügender Dauer des Processes, im ganzen Umfange 


mineralisirt. Es gesellen sich hier aber zu den Klein¬ 
lebewesen noch eine grosse Menge Wesen der niederen 
Fauna hinzu, sowie auch einige Arten höher organi- 
sirte Thiere, wie Würmer, Käfer, Mücken, Fliegen 
u. dergl. Die organische Masse wird abgebaut, und 
es bleiben die unzersetzbaren Substanzen, gewöhnlich 
humoser Natur, neben den unberührt gebliebenen 
mineralischen Stoffen zurück. Auf den Rieselfeldern 
und in den Brockenkörpern tritt zumeist die Ver¬ 
wesung in ihr Recht, und der aus den Klärräumen 
stammende Schlamm wird durch Fäulniss zersetzt. 
Die Stoffe, welche aus den Sandfängen und von den 
Gittern stammen, werden in der Regel mit Laub 
kompostirt und so der Verwesung ausgesetzt, oder 
sie werden als Düngemittel verwertet, als welche sie 
verwesen und den Pflanzen zur Nahrung dienen. 

Die Ansichten über die Vorgänge, welche die 
Reinigung des Abwassers bewirken, sind verschieden. 
Meine Ansicht gipfelt in dem Grundgedanken: Die 
Stoffe, welche dem Abwasser mechanisch anhaften, 
werden in der Klär- und Reinigungsanlage auch auf 
dem mechanischen Wege entfernt. So einfach dieser 
Grundgedanke ist, so wenig ist er bisher ausgesprochen 
worden. Dass die Stoffe thatsächlich mechanisch 
ausgeschieden werden, lehrt der Augenschein in den 
Sandfängen, vor den Gittern, in den Klärbecken, auf 
den Rieselfeldern und in den Brockenkörpern. Eine 
möglichst genau durchgeführte Messung, welche vor 
einiger Zeit in den Klärräumen und in einer Ver¬ 
suchs-Brockenkörperanlage auf den Charlottenburger 
Rieselfeldern nach vieljährigem Betrieb vorgenommen 
wurde, zeigte, dass genau so viel Verunreinigungsstoffe, 
welche mit dem Abwasser in die Klärräume und von 
hier in die Brockenkörper geschickt worden waren, 
in den beiden Anlagen wiedergefunden wurden, ver¬ 
mindert um die Massen, welche mit dem gereinigten 
Wasser die Brockenkörper verliessen. Natürlich sind 
solche Messungen sehr schwierig, aber sie wurden so 
genau wie möglich durchgeführt. Es ist selbstver¬ 
ständlich, dass von den organischen Stoßen ein ge¬ 
wisser Theil während des Reinigungsprocesses im 
Wege der Zersetzung aus dem Abwasser verschwindet, 
aber dieser Theil ist so gering, dass er nicht in Be¬ 
tracht kommt und durch die Messungen nicht oder 
doch nur in sehr geringem Umfange nachgewiesen 
werden konnte. Dass die Aussonderung der Stoffe 
in den verschiedenen Stadien, nämlich im Sandfang, 
an den Gittern, in den Klärräumen, ja wohl auch 
auf den Rieselfeldern auf dem mechanischen Wege 
vor sich geht, ist wohl auch dem Laien verständlich. 
Ueber die mechanische Ausscheidung in den Brocke 11- 
körpern habe ich mich in einem Vortrag, welchen 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. io. 


ich auf der VersaramluDg des Deutschen Vereins für 
öffentliche Gesundheitspflege in Danzig im Jahre 1904 
gehalten habe, wie folgt ausgelassen: 

„Die fein vertheilten Verunreinigungen des Ab¬ 
wassers haben zwei besondere Eigenschaften, auf 
die es hier ankommt, das ist ihre Klebrigkeit und 
ihre Fähigkeit, gleich einem Schwamm Wasser auf¬ 
zusaugen. Die Klebrigkeit ist so gross, dass die 
Stoffe im Stande sind, sich sogar an glatte Flächen an 
zuheften, was man an dem Randeder Küchenspülicht- 
gefässe, der Küchenausgüsse, der Waschschüsseln, 
der Badewannen, der Closetttrichter u. s. w. nach dem 
Ablaufen des Wassers täglich beobachten kann. 

Betrachten wir nun den Reinigungsvorgang näher. 
Wir wählen dazu den Brockenkörper des Füllver¬ 
fahrens, weil sich an ihm die Vorgänge leichter er¬ 
läutern lassen. Wird ein neu aufgebauter Füllkörper 
das erste Mal beschickt, so setzt sich ein Theil der 
Schwebestoffe während des Verweilens des Wassers 
im Körper nieder und gelangt auf die Oberfläche des 
Brockens, woselbst er vermöge seiner Klebrigkeit 
haften bleibt, ein anderer Theil der Schwebestoffe 
kommt während des Füllens, ein anderer Theil 
während der Entleerung mit der Oberfläche der 
Brocken in directe Berührung und wird von ihnen 
festgehalten. So bildet sich bereits bei der ersten 
Beschickung auf den Brocken ein Niederschlag. 
Derselbe ist von schleimiger, gallertartiger Natur und 
von bräunlicher Farbe. Er haftet an dem Brocken 
um so fester, je rauher die Oberfläche des Brockens 
ist und je mehr Poren zum Eingreifen sie enthält, 
je grösser also die Fläche ist, an welche er ankleben 
kann. Bei der Entleerung des Körpers und während 
der Dauer des Leerstehens hat der gallertartige Ueber- 
zug Zeit, das in ihm enthaltene Wasser einestheils 
in die den Körper mit grosser Geschwindigkeit durch¬ 
streichende Luft zu verdunsten, anderentheils abzu¬ 
tropfen; dadurch kommen die Stoffe selbst noch mehr 
mit der Oberfläche der Brocken in directe Berührung 
und kleben um so fester an; sie kommen auch unter 
sich in innigere Berührung und kleben unter sich 
mehr zusammen, ihre Kohäsion wird grösser. Ihre 
Eigenschaft, Wasser aufzunehmen, verringert sich, aber 
ihre Klebrigkeit bleibt. So findet dann das Wasser 
bei der zweiten Beschickung nicht mehr rohe Brocken, 
sondern Brocken mit einem fest aufsitzenden Rasen 
klebriger, aber ziemlich konsistenter Beschaffenheit 
vor. Naturgemäss wirkt dieser Rasen auf die Ab¬ 
sonderung der Verunreinigungen ungleich energischer 
als die rohe Oberfläche der Brocken bei der ersten 
Beschickung. Auf den gallertartigen Rasen schlagen 
sich die Verunreinigungsstoffe nieder und vermehren 


seine Masse. Während der Dauer des Leerstehens 
wiederholen sich die Vorgänge des Verdunstens und 
Abtropfens, der neue Niederschlag setzt sich fest auf 
den Rasen auf, er beschwert ihn, wodurch er nur 
noch fester mit der Brockenoberfläche vereinigt wird. 
So geht es fort. Der gallertartige Rasen vermehrt 
sich mit jeder Wiederholung der Beschickung, er 
überzieht die Brockenoberfläche immer mehr und 
mehr, auch an solchen Stellen, an welchen wegen 
Stoffmangels oder aus sonstigen Ursachen ein Ueber- 
zug sich noch nicht hat bilden können, er setzt sich 
immer fester und fester an den Brocken an. Hat 
sich im Laufe der Wiederholungen der Beschickung 
die Oberfläche aller Brocken an allen geeigneten 
Stellen mit einem genügend dicken und festgelagerten 
Gallertrasen überzogen, so hat sich der Körper ein¬ 
gearbeitet. Er vermag nunmehr aus dem Abwasser 
einen hinreichend grossen Theil aller Verunreinigungen 
zu entziehen und das Wasser einwandfrei zu reinigen. 
Wir sehen also, dass der Brockenkörper im Grunde 
genommen nur das Gerippe zum Aufbau des eigent¬ 
lichen Reinigungsapparates abgiebt und an der Rei¬ 
nigung nur mittelbar betheiligt ist, die Hauptrolle 
spielt der gallertartige Rasen, der vermöge seiner 
Klebrigkeit gleichsam wie der Ueberzug einer Leim¬ 
ruthe wirkt. Je mehr der Rasen ausgebildet ist, desto 
grösser wird seine Reinigungsfähigkeit. 

Es wird nicht Wunder nehmen, dass auch die 
allerkleinsten Schwebestoffe von dem Rasen be¬ 
einflusst werden, wenn man folgende Betrachtungen 
anstellt: 

Die Erfahrungen haben nahezu übereinstimmend 
gelehrt, dass Füllkörper die besten Reinigungserfolge 
geben, wenn die Brocken eine Komgrösse von 3 bis 
8 mm haben. Nun lässt sich angenähert berechnen, 
dass bei dieser Korngrösse die Zwischenräume zwischen 
den einzelnen Brocken durchschnittlich eine Dicke 
von etwa 0,4 mm haben, d. h. würde man die Ge- 
sammtoberfläche, welche die Brocken eines Füll¬ 
körpers besitzen, in einer horizontalen Ebene aus¬ 
breiten und auf diese Ebene die Gesammtmasse des 
Wassers, welches der Füllkörper bei jeder Füllung 
aufzunehmen vermag, ausbreiten, so würde das Wasser 
über der Ebene 0,4 mm hoch stehen. Es kommt 
also eine ausserordentlich grosse Oberfläche des 
gallertartigen Rasens mit dem Wasser in directe Be¬ 
rührung, wodurch, selbst wenn der Rasen ganz glatt 
und eben wäre, sich die Aussonderung eines grossen 
Theils der feinsten Stoffe mit Rücksicht auf die 
Klebrigkeit von selbst erklärt. Nun ist aber die 
Oberfläche des Rasens nicht eben, sie ist vielmehr 
sammtartig und ihre einzelnen Theile ragen aus der 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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| 1906 ] 


Oberfläche heraus in das Wasser hinein. So ist sie 
gleichsam mit Fangarmen ausgestattet, und mit diesen 
wird ein fernerer Theil der feinsten Stoffe aus dem 
Abwasser herausgefischt Schliesslich kommen beim 
Einlassen und beim Auslassen des Wassers in und 
aus den Füllbecken immer neue Wassertheile mit 
dem gallertartigen Rasen in Berührung und immer 
mehr feine und feinste Verunreinigungen bleiben hängen. 

Auch die Vorgänge im Tropfkörper sind genau 
dieselben, wie im Füllkörper, nur dass sie sich hier 
gleichzeitig neben einander, nicht, wie beim Füllver¬ 
fahren, nach einander abspielen. Bei dem Tropf¬ 
verfahren werden, im Gegensatz zum Füllverfahren, 
die besten Reinigungserfolge erzielt, wenn die Brocken 
nicht zu klein gewählt werden, man pflegt ihnen selten 
eine geringere Komgrösse als 20 mm zu geben, geht 
aber auch bis zur Grösse von kleinen Melonen oder 
von grossen Apfelsinen hinauf. Hier sind also die 
Zwischenräume zwischen den einzelnen Brocken ver- 
hältnissmässig gross; ihre durchschnittliche Dicke mag 
1—5 mm betragen. Bei dem Tropfverfahren kommt 
cs ferner darauf an, dass die Strahlen oder Tropfen, 
in welche das Wasser bei der Beschickung aufgelöst 
wird, nicht immer die gleiche Stelle der Körperober¬ 


fläche treffen, sondern, dass darin eine strikte Ab¬ 
wechselung stattfindet. Dadurch wird erzielt, dass 
die einzelnen Stellen nur in Zwischenräumen benässt 
werden, dass also einem, den Brockenkörper hinunter¬ 
rollenden Wassertropfen nicht auf dem Fusse ein 
anderer Tropfen nachfolgt, sondern erst nach einer 
gewissen Zeit. In der Zwischenzeit hat der hängen¬ 
gebliebene gallertartige Ueberzug Zeit zum Ausdünsten 
und zum Abtropfen gewonnen, und kann sich auf 
seine Unterlage fest anheften. Auch pflegen die 
Tropfkörper nicht länger als 12 Stunden hintereinander 
beschickt zu werden und danach 12 Stunden zu 
ruhen. Gerade während dieser Pause wird dem Gallert¬ 
rasen die Gelegenheit gegeben, sich fest anzuheften 
und sich in gleicher Weise wie beim Füll verfahren 
auszubilden. Bei dem Tropfverfahren rollt das Wasser 
an und für sich nur in ganz geringer Dicke über den 
Rasen hinweg, tropft auf den folgenden Brocken, zer¬ 
stäubt, rollt in noch geringerer Dicke über den fol¬ 
genden Rasen und tropft weiter. Hier kommen also 
die Wassertheilchen desselben Tropfens immer und 
immer wieder mit neuen Theilen des klebrigen Gallert¬ 
rasens in Berührung und werden gereinigt, auch von 
den feinsten Schwebestoffen.“ (Fortsetiung folgt.) 


Mittheilungen. 


— Die 77. ordentliche General-Ver¬ 
sammlung des Psychiatrischen Vereins der 
Rheinptovinz findet am Samstag, den 16. Juni iqoö, 
Nachmittags i*/2 Uhr in Bonn in den Räumen der 
Lese- und Erholungsgesellschaft, Coblenzerstrasse 35 
statt Es sind folgende Vorträge angemeldet: a) Lieb- 
mann-Cöln: Krankenvorstellung(Friedreich’sche Krank¬ 
heit). b) Westphal-Bonn: Krankenvorstellung, c) Trau¬ 
ma und Paralyse (Ref. Kölpin-Bonn). d) Schierbach- 
Bonn: Ueber Proponal. e) Mohr-Coblenz: Ueber 
Zeichnungen von Geisteskranken und ihre diagnostische 
Verwerthbarkeit 

— Wtirzburg. Der Verein bayerischer Psy¬ 
chiater hält am 5. und 6. Juni hier seine Jahresver¬ 
sammlung ab. Am Vorabend ist gesellige Vereinigung 
im Bahnhof-Hotel, 5* J un * Sitzung, gemeinsames 
Essen, abends Platz’acher Garten, 6. Juni Sitzung, 
nachmittags Ausflüge nach Veitshöchheim und Werneck. 
Vocke-München erstattet in der ersten Sitzung ein 
Referat „zur Lage des irrenärztlichen Standes“; Vor¬ 
träge halten: B 1 ac hian-Wemeck: Ueber die Zu¬ 
stellung von Entmündigungsbeschlüssen an unsere 
Anstaltsinsassen; Krapee 1 in-München: Ueber hyste¬ 
rische Schwindler; N itsche- München: Psychologische 
Versuche bei Alkoholisten, Reh-München: Psy¬ 
chologische Versuche bei manisch-depressivem Irre¬ 
sein; R ei c har d t-Würzburg: Ueber Knochen Ver¬ 
änderung bei progressiver Paralyse; P lau t - München: 
Ueber krankhafte Kaufsucht; Specht- Erlangen : 

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Ueber Hysteromelancholie; Wey gan dt-Würzburg: 
Beitrag zur Aphasielehre mit Demonstrationen, der¬ 
selbe: Krankenvorstellung. 

— Schlesien. Für die im Bau begriffene Prov.- 
Heil- und Pflegeanstalt zu Lüben wurde die Her¬ 
stellung einer Enteisenungsanlage und die Ein¬ 
richtung einer eigenen Bäckerei vom Provinzialaus¬ 
schuss genehmigt und die Kosten hierfür auf 42500 
Mk. bemessen. Im übrigen wurden auch noch andere 
Aenderungen des ursprünglichen Bauplans, insbe¬ 
sondere bez. des Landwirthschaftsbetriebs, beschlossen. 

— Dresden. Auf Anregung des Nervenarztes 
Dr. med. Heinrich Stadel mann in Dresden hat 
sich eine „Gesellschaft für pädagogisch - psy¬ 
chiatrische Forschung“ konstituirt. Die Gesell¬ 
schaft hat sich das. Studium der menschlichen psy¬ 
chischen Anlage zur Aufgabe gemacht. Die Arbeits¬ 
methoden sollen eine ausschliesslich naturwissenschaft¬ 
liche Basis haben. Auf Grund gefundener Thatsachen, 
sollen Methoden für pädagogische und medicinische 
Beeinflussung gewonnen werden. Es sollen die Er¬ 
gebnisse des verschiedenfachen naturwissenschaftlichen 
(psychologischen, chemischen, physikalischen) Ex- 
perimentirens und Beobachtens zusammengestellt 
werden, um ein möglichst genaues Bild der individuellen 
und typischen Anlage zu erhalten. Zur Betheiligung 
an diesem gemeinschaftlichen Arbeiten sind deshalb 
Vertreter aller Wissenschaften eingeladen. 

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IOO 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. io. 


— Zur Kostordnung in den Irrenanstalten. 

Das Kostverordnungsrecht der Aerzte an den öffent¬ 
lichen Irrenanstalten ist eingeschränkt durch bestimmte 
Kostordnungen, das ist selbstverständlich und auch 
an andern Krankenhäusern so. Es kommt nur dar¬ 
auf an, dass dem Arzt ein genügend weiter Spielraum 
bleibt, um ohne grosse Umstände, ohne lange Ver¬ 
handlungen mit der Verwaltung besondere Bedürfnisse 
berücksichtigen zu können, wie sie z. B. die Ernäh¬ 
rungstherapie bietet und voraussichtlich in Zukunft 
in erhöhtem Maasse mit sich bringen wird. Es lässt 
sich begreifen, dass das in der Regel überlastete 
Küchen personal lieber im Grossen nach dem gege¬ 
benen Schema arbeitet als Einzel Vorschriften ausführt, 
die eine besondere Aufmerksamkeit erfordern. Man 
wird vielleicht mit dem Wachsen der Ernährungs¬ 
therapie dazu gelangen, von der allgemeinen Küche 
eine specielie medicinische Küche abzutrennen. 

Eine ganz selbstverständliche Sache ist es auch, 
dass die Mahlzeiten stets zu einer bestimmten Stunde 
stattfinden. Aber diese Ordnung darf nicht so weit 
gehn, dass in der übrigen Zeit die Küche für den 
Krankendienst geschlossen ist. In dieser Beziehung 
herrscht in manchen Anstalten noch eine sehr un¬ 
zweckmässige bureaukratische Engherzigkeit, die be¬ 
sonders bei der Ankunft von neuen Kranken unan¬ 
genehm in Erscheinung tritt. 

Es gilt wohl allgemein die einzig richtige In¬ 
struction, den neu aufgenommenen Kranken zunächst 
ins Bad und von da ins Bett zu bringen; zugleich 
fordert man den Kranken auf und giebt ihm Gelegen¬ 
heit zur Verrichtung seiner natürlichen Bedürfnisse. 
Und dann — nun, dann sollte man, wenn er hungrig 
und durstig ist, seinen Hunger und Durst stillen; 
und er wird in der Regel hungrig und durstig sein. 
Eine oder zwei Stunden kann er allenfalls bis zur 
nächsten Mahlzeit warten, ein längeres Warten jedoch 
sollte man einem hungernden Kranken nicht zumuthen. 
Und es frägt sich auch, was die nächste Mahlzeit 
bietet. Dass wie für den heimgekehrten verlorenen 
Sohn ein Kalb geschlachtet wird, verlangt niemand, 
aber ein Bischen mehr als einen Teller Suppe mit 
einem Stück Brot sollte es doch geben. Der Fall 
ist gar nicht selten, dass der Kranke bis zur Anstalt 
eine Tagereise hat. Zuerst geht es zu Fuss oder zu 
Wagen ein Stück Landweg bis zur nächsten Station, 
dann folgt eine lange Eisenbahnfahrt, und abends ist 
endlich das Ziel erreicht. Unterwegs wurde vielleicht 
ein Stück Wurst, ein Stück Käse, ein Glas Bier ge¬ 
nossen, aber nichts Warmes. Kommt der Kranke 
vor dem Abendbrot an, so kann er an diesem theil- 
nehmen und erhält eine Suppe mit Brot; trifft er 
aber erst etwa eine Stunde nach dem Abendessen 
ein, so kann es ihm passiren, dass er überhaupt kein 
ordentliches Abendbrot mehr bekommt, denn die 
Küche ist schon geschlossen. Eine solche Einleitung 
der Anstaltsbehandlung mit vielstündigem Hungern¬ 
lassen erweckt in dem Kranken wenig Vertrauen, und 
wo dieses System noch herrscht, müsste schleunigst 
Abhilfe geschafft werden. Der Arzt muss das Recht 
haben und in der Lage sein. Kranken, die eine weite, 
beschwerliche Reise zurückgelegt haben, ein gutes, 

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reichliches, warmes Essen zu verordnen, und der 
bureaukratische Einwand, dass derartige Ausnahmen 
von der Regel „verwaltungstechnisch“ nicht durch¬ 
führbar seien, ist nicht stichhaltig; gehört doch in 
vielen, vielleicht den meisten Anstalten, das, was hier 
gefordert wird, längst zum guten Brauch. 

E: Hess (Görlitz). 

— Jahresversammlung des Deutschen Ver¬ 
eins für Psychiatrie in München am 20. und 
21. April 1906. Referent: H. Hae ne 1 - Dresden. 
(Fortsetzung.) 

17. O. Fischer, Prag: Ueber die anatomi¬ 
schen Grundlagen des Zellbefundes der 
Cerebro spina lflüssigkeit bei progressiver 
Paralyse. 

F. verglich bei 20 Fällen von progr. Paralyse 
den cytologischen Befund des kurz vor dem Tode 
entnommenen Liquor cerebrospinalis und den histo¬ 
logischen Befund der Meningen des Gehirns und 
Rückenmarks, immer bei ganz gleichen Untersuchungs- 
Bedingungen. In erster Linie weist er darauf hin, 
dass dort wo es sich um das Studium der in der 
Cerobrospinalflüssigkeit vorkommenden Zellen handelt, 
dieselben durch sofortigen Formolzusatz vor der des- 
tructiven Wirkung des Liquors geschützt werden 
müssen. In solchen Präparaten findet man gewöhn¬ 
lich 3 Zellarten: 

Lymphocyten, dann grössere plasmareiche Zellen 
und meist nur in verschwindenden Mengen poly¬ 
nukleäre Leukocyten. In allen seinen Fällen findet 
sich ein übereinstimmender Parallelismus zwischen 
dem Zellengehalt des Liquors und dem der Meningen 
des untersten Rückenmarksabschnittes, wogegen ein 
Parallelismus mit dem Infitrationszustande der Meningen 
des Gehirns und der oberen Rückenmarks^bschnitte 
nicht aufzufinden war. Dieser Parallelismus war nicht 
nur der Art, dass die Fälle von stärkerer Zellver¬ 
mehrung in den Meningen auch eine stärkere Lympho- 
cytose aufwiesen, sondern auch in dem Verhältniss 
der einzelnen Zellarten: 

Dort wo die Lymphocyten im Liquor überwogen, 
fanden sich in den Meningen auch zumeist Lympho¬ 
cyten und daneben nur spärlichere Plasmazellen, da¬ 
gegen wo die grösseren plasmareichen Zellen relativ 
vermehrt waren, waren auch die Plasmazellen in den 
Meningen vermehrt. 

Daraus schliesst der Vortragende, dass die grossen 
Zellen im Liquor den Plasmazellen der Meningen 
entsprechen, und dass wir in der Cytologie des Liquor 
nichts anderes als einen Indicator für den Inflltrations- 
zustand der Meningen des untersten Rückenmarks¬ 
abschnittes haben. 

Disscussion: Herr A 1 z h eim e r glaubt, dass die Ver¬ 
hältnisse im Duralsack doch in Wirklichkeit complicirter 
liegen als dies nach dem Vortrage erscheinen könnte. Es 
kommt nicht selten vor, dass man Lyinphocytose ohne 
jegliche Psychose findet, z. B. bei einfacher Arterio- 
scleiose, sodass ein directer Zusammenhang zwischen 
einer solchen und einer entsprechenden Meningitis 
wohl nicht immer bestehen kann. 

Herr Hart mann hat bei Untersuchungen des 
N. acusticus der Tabiker Zellinfiltrate in dessen 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


; 1906O 


IQI 


Scheide gefunden. Das Fehlen der Lymphocytose 
nach paralytischen Anfällen ist auch ihm aufgefallen, 
dagegen hat Kalman dabei im Blute eine Leucocyten- 
Vermehrung gefunden, die nach den Anfällen wieder 
verschwand. 

Herr Fischer hebt im Schlusswort Herrn Alz¬ 
heimer gegenüber hervor, dass die Untersuchungen 
möglichst kurz ante exitum gemacht wurden, und 
dass dies auch nöthig war, weil im Verlaufe der 
I Paralyse der cytologische Befund oft und manchmal 
| rasch, von einem Tage zum anderen, wechseln kann. 

[ 18. Plaut-München: Psychologisc he Unter- 

| suchung an Unfallskranken, 

i Vortr. schildert kurz die von Kraepelin und seinen 

| Schülern ausgebildete Methode des fortlaufenden Ad¬ 
dierens einstelliger Zahlen zur Erforschung der Art 
des Ablaufs geistiger Thätigkeit und erläutert die all¬ 
gemeinen Gesichtspunkte über die Zusammensetzung 
der geistigen Arbeitskurven. 

Die Eigenschaft der Methode, dass sie eine ob¬ 
jektive Messung der Ermüdbarkeit gestattet, führte zu 
ihrer Anwendung bei Unfallskranken, da gerade Un¬ 
fallskranke so überaus häufig über gesteigerte Ermüd¬ 
barkeit klagen. Es wurden derartige Untersuchungen 
von Gross, Röder und neuerdings von Specht 
vorgenommen. Diese Forscher kamen nun zu dem 
Ergebniss, dass bei Unfallskianken in der Mehrzahl 
der Fälle thatsächlich gesteigerte Ermüdbarkeit vor¬ 
liege und besonders Specht vindizirte der Methode 
weiterhin die praktisch werthvolle Eigenschaft, dass 
sie in jedem Falle zur Aufdeckung von Simulations¬ 
versuchen führe. 

Da die genannten Autoren nur kleine Gruppen 
von Unfallskranken untersucht hatten, erschien es mit 
Rücksicht auf die grossen individuellen Schwankungen, 
die man schon bei Gesunden findet, geboten, diese 
Untersuchungen an einem grösseren Materiale durch- 
zuführen. Vortr. hat darum 22 Unfallskranke in der 
Münchener Psychiatrischen Klinik untersucht. 

Um ein geeignetes Vergleichsmaterial zu gewinnen, 
stellte er die gleichen Untersuchungen an 18 dazu 
besonders ausgewählten Wärtern an. Da sowohl die 
Gesunden wie die Kranken fast ausnahmslos der 
Landbevölkerung entstammten, und ihre Bildung auf 
Dorfschulen erhalten hatten, konnte man bei beiden 
Gruppen annähernd die gleiche Vorbildung für das 
Addieren voraussetzen. 

j Das Krankenmaterial war insofern einheitlich, als 

es sich nur aus Handwerkern und Taglöhnem zu¬ 
sammensetzte. Sehr verschieden Waren die trauma¬ 
tischen Schädigungen. Es fanden sich schwere Schädel¬ 
frakturen, schwere und leichte Kontusionen und 
Quetschungen des Rumpfes und der Gliedmaassen, 
Verbrennungen, inficierte Wunden und auch mecha¬ 
nisch unbedeutende Einwirkungen. Die klinischen 
Bilder zeigten nahezu alle Variationen, die man bei 
Unfallskranken findet: Ausgesprochene hysterische 
Fälle mit reichlichen somatischen Zeichen, schwere 
neurasthenische und hypochondrische Formen, ein¬ 
fache schlaffe, willenlose Leute und reizbare, querula¬ 
torische Rentenkämpfer. Wichtig ist, dass fast alle 
Kranken über gesteigerte Ermüdbarkeit klagten. 

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Die Arbeitswerthe der Gesunden schwankten 
zwischen 263 und 130 Additionen in 5 Minuten. 
Von den Unfallskranken ragten nur 3 in die Gesund¬ 
heitsbreite hinein und eine Anzahl zeigte auffallend 
niedrige Werthe, die einer völligen Arbeitsunfähigkeit 
nahe kamen (14 —18 Additionen in 5 Minuten). De¬ 
monstration von Diagrammen und Kurven. Es ist 
zu entscheiden, ob durch eine Herabsetzung der 
arbeitsfördemden oder durch eine Steigerung der 
arbeitshindemden Einflüsse, insbesondere der Uebungs- 
fähigkeit beziehungsweise der Ermüdbarkeit die ge¬ 
ringe Arbeitsfähigkeit der Unfallskranken verursacht 
wird. 

Die Gesunden erwiesen sich als in verschiedenem 
Grade übungsfähig; die Leistungen standen in keinem 
directen Verhältniss zur Uebungsfähigkeit. DieUebungs- 
fähigkeit der Unfallskranken war beträchtlich herab¬ 
gesetzt; bei Vs derselben nahmen die Leistungen so¬ 
gar von Tag zu Tag ab. Das letztere erscheint wichtig 
gegenüber den Ergebnissen der Untersuchungen 
Specht*s. Speckt gelangte zu der Auffassung, 
dass ein Uebungsfortschritt sich regelmässig ergeben 
müsse, und sieht in dem Fehlen von Uebungs- 
wirkungen ein wichtiges Erkennungsmittel der Simu¬ 
lation. Demgegenüber kann Vortr. nach dem ganzen 
. klinischen Verhalten der betreffenden Kranken mit 
Bestimmtheit behaupten, dass Simulation in diesen 
Fällen nicht vorlag. 

Die Untersuchung der Ermüdbarkeit ergab ausge¬ 
dehnte Schwankungsbreiten sowohl bei den Gesunden, 
als bei den Kranken. Das vergleichende Betrachten 
der beiden Gruppen liess erkennen, dass von einer 
Ermüdbarkeit der Unfallskranken keine Rede ist. Eine 
Anzahl von Unfallskranken erwies sich als weniger 
ermüdbar wie die Gesunden, die Uebrigen wiesen 
Werthe auf, die sämmtlich in die Gesundheitsbreite 
hineinfielen und nur eine Versuchsperson überstieg 
die bei Gesunden gefundenen Werthe. Die letztge¬ 
nannte leistete jedoch so wenig, dass bei ihr eine 
eigentliche Arbeitsermüdung ausgeschlossen erscheint. 

Aus dem Verlaufe der Kurven kann man gewisse 
Anhaltspunkte für das Eingreifen des Willens in den 
Gang der Arbeit gewinnen; es sind das die soge¬ 
nannten Antriebswirkungen, die sich vorwiegend zu 
Beginn oder gegen Ende der Arbeit geltend machen. 
Es hat sich herausgestellt, dass derartige Willens¬ 
spannungen bei den Unfallskranken in der Mehrzahl 
der Fälle sehr gering sind oder ganz fehlen. 

Wenn man sich diese Ergebnisse vergegenwärtigt: 
die geringe Leistungsfähigkeit, die geringe Uebungs¬ 
fähigkeit, die geringe Ermüdbarkeit und das Fehlen 
ausgeprägter Willenswirkungen, so gewinnt man den 
Eindruck, dass es sich hier um Störungen von einer 
besonderen Eigenart handeln muss. Wir finden eine 
mehr oder weniger bedeutende Insufficienz und zwar 
eine Insufficienz, für die eine im engeren Sinne 
physiologische Begründung fehlt. Wir haben es jeden¬ 
falls hier mit seelisch bedingten Störungen zu thun 
und gehen wohl kaum fehl, wenn wir annehmen, dass 
es sich im Wesentlichen um Willensstörungen, die 
bis zu einem nahezu völligen Versagen des Willens 
führen können, handelt. Die Kranken strengen sich 

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102 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. io 


nicht an oder können sich nicht anstrengen, darum 
ermüden sie nicht, und weil sie nichts leisten, machen 
sie keine Fortschritte. Die Ursache für das Versagen 
des Willens lässt sich aus den Kurven nicht ohne 
Weiteres ableiten. Es kann sich da um Hindernisse 
handeln, die in Affecten liegen und die Kranken 
abhalten, ihre Aufmerksamkeit auf die Arbeit zu kon- 
centriren; oder es kann sich darum handeln, dass 
die Kranken von vornherein nicht im Stande sind, 
sich anzuspornen. In solchen Fällen — und dies 
scheint für die grosse Mehrzahl zuzutreffen — ge¬ 
stattet die Methode nicht, eine Abgrenzung von der 
Simulaiion vorzunehmen; denn hier wie dort handelt 
es sich ja um Vorstellungen, die die Arbeit beein¬ 
flussen, und wir vermögen nicht zu unterscheiden, 
ob krankhaftes oder willkürliches Nichtwollen vorliegt. 
Es ist nicht zu bestreiten, dass Simulationsversuche, 
zumal solche, die auf Vortäuschung einer gesteigerten 
Ermüdbarkeit abzielen, bei höheren Leistungen regel¬ 
mässig entdeckt werden können; sobald aber die 
Arbeitswerthe so gering sind, wie in der Mehrzahl 
der Vorliegenden Fälle, kann man sich vor Täusch¬ 
ungen nicht schützen. 

Wir stehen hier an der Grenze dessen, was die 
Methode vorläufig zu leisten vermag; es ist jedoch 
zu hoffen, dass die Ausdehnung gleichartiger Versuche 
auf alle den Unfallserkrankungen klinisch verwandten 
Störungen, wie wir sie in der Hysterie, der Neura¬ 
sthenie, der Nervosität u. s. w. finden, uns werthvolle 
Beziehungen aufzudecken und uns auf dem beschritte- 
nen Wege noch ein Stück vorwärts zu führen vermag. 
Weiterhin ist die ausgiebige Klarlegung des psycho¬ 
motorischen Verhaltens und der Auffassung und Merk¬ 
fähigkeit der Traumatiker die nächste Aufgabe der 
experimentellen Psychologie auf diesem Gebiete. Viel¬ 
leicht gelingt es dann auch, die klinischen Bestreb¬ 
ungen , die sich auf eine exaktere Umgrenzung der 
Unfallserkrankungen richten, durch das psychologische 
Experiment wirksam zu unterstützen. 


Referate. 

— Juristisch-psychiatrische Grenz¬ 
fragen Bd. IV, Heft i. Die Beaufsichtigung 
der Geisteskranken ausserhalb der An¬ 
stalten, von Privatdocent Oberarzt Dr. Weber 
und Prof. Dr. Stolper, Göttingen. — Der Fall 
H. als res ju die ata, von Medicinalrath Dr. Kürz, 
Heidelberg. Verlag von Carl Marhold, Halle a. S. 1906. 

Die auf der letztjährigen Heidelberger Versamm¬ 
lung des Deutschen Medicinalbeamtenvereins ge¬ 
haltenen Vorträge liegen nunmehr, soweit sie Fragen 
von psychiatrischem Interesse behandeln, gedruckt 
vor in den „Grenzfragen“, die dadurch aufs neue 
sich vortheilhaft einführen. 

Weber stellt einen langen Wunschzettel mit 
empfehlenden Worten aus, dem man auch die Ueber- 
schrift geben könnte „Psychiaters Lust und Leid“. 
Er will damit offenbar keine neuen Bahnen beschreiten, 
vielmehr wieder einmal weiten Kreisen die idealen 


Beweggründe für Reformen plausibel machen und 
entledigt sich seiner Aufgabe mit gewohntem Ge¬ 
schick. Zum Schluss fasst der Autor seine Ansichten 
in 16 im Original nachzulesenden Leitsätzen zu¬ 
sammen, die indessen wohl vereinzelt Widerspruch 
begegnen dürften. Sein Korreferent Stolper schliesst 
voller Resignation „ohne Aussicht auf Erfolg kein be¬ 
friedigendes Arbeiten“, Worte, die man in den letzten 
Jahren öfters lesen konnte, die aber gleichwohl keine 
allgemeine Geltung haben. 

Bei der Lectüre des Falls H., der seiner Zeit 
das Presspiratenthum in einen acuten Erregungs¬ 
zustand versetzte, ballt man nachträglich die Hand in 
der Tasche. Meyer, Geseke i. W. 

— Näcke: Der Traum als feinstes Reagens 
für die Art des sexuellen Empfindens. Monats¬ 
schrift f. Kriminalpsychologie etc. Nov. 1905. 

Verf. bespricht erst einiges Allgemeines. Im 
Traume sinkt das moralische Niveau eines jeden, 
aber verschieden tief, je nach den angeborenen Trieben. 
Das Ich kommt eben unverhüllter zu Tage und so 
können eine Serie von Träumen auch zur Cha¬ 
rakterologie dienen, daher vielleicht einmal für die 
Verbrecherpsychologie wichtig. Verf. konnte bisher 
bei Geisteskranken nie irgendwie charakteristische 
Träume finden. Nervöse scheinen mehr zu träumen. 
Auf das feinste aber geben Träume das 
sexuelle Empfinden wieder, doch haben 
auch hier nur Serien-Träume eine Bedeu¬ 
tung, nie ein einzelnei Traum. Darin liegt die Schwierig¬ 
keit, abgesehen von der vorauszusetzenden Glaubwürdig¬ 
keit. V on obiger Regel konnte Verf. bisher noch 
keine einzige Ausnahme finden! Der Homo¬ 
sexuelle ab ovo wird nur homosexuell träumen, der 
tardiv Homosexuelle nur zuletzt so, der Bisexuelle 
bald homo-, bald heterosexuell und zwar beides ab¬ 
wechselnd oder in Perioden. Der temporär Homo¬ 
sexuelle endlich (z. B. in Internaten etc) wird auch nur 
temperär so träumen. Alles das gilt auch von den 
übrigen sexuellen Anomalien. Die Diagnose kann 
also eventuell auch forensisch wichtig werden, be¬ 
sonders bei Zwittern (meist Scheinzwittem). Auch 
für die Prognose erscheinen Träume wichtig. Wo 
von frühester Jugend auf nur homosexuell geträumt 
ward, ist alle Therapie vergebens. Anders bei der 
Bisexualität oder wo die homosexuellen Träume nur 
sporadisch erscheinen, dann ist Hoffnung auf Heilung 
durch Suggestion gegeben. Beim echten angeborenen 
Homosexuellen kann es sich höchstens nur um 
Scheinerfolge handeln. Näcke. 


Personalnachrichten. 

— Leubus. Dr. med. Stein aus Berlin wurde 
als Assistenzarzt bei der Prov.-Heil- und Pflege-Anstalt 
angestellt 

— Berlin. Den psychiatrisch - neurologischen 
Privatdocenten Dr. R. Henneberg und Dr. Seiffer 
wurde der Professorentitel verliehen. 


Für den redaktionellen Th eil verantwortlich: Oberarzt Dr. J. Breslcr, Lubünitz (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratenannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a.S. 

Heynemaon’sche Buchdruckerei (Gebr. Wolff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigin von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lublinits (Schlesieo). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-AdretM: Marho Id V er lag, Hallesaale. Fernsprecher 823. 

Nr. 11. 9 - J un >- 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermämigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinits (Schlesien), zu richten. 


Städtisches Abwasser und seine Reinigung unter Berücksichtigung des 

Abwassers aus Irrenanstalten. 

Von Stadtbaurath BredtSchneider, Charlottenburg. 

(Schluss.) 


Nach dem Vorstehenden dürfte die Frage, in 
welcher Weise die mechanisch beigemeqgten Stoffe 
dem Abwasser entzogen werden, wohl nicht mehr 
zweifelhaft sein. Aber eine andere sehr umstrittene 
Frage ist die: Welche Stoffe sind dem Abwasser 
mechanisch beigemengt, sind es nur die ungelösten 
Sink-, Schwimm- und Schwebestoffe ? Oder gehören 
dazu auch die gelösten Stoffe organischer oder un¬ 
organischer Natur, und zwar im ganzen Umfange 
oder nur zum Theil ? Ich behaupte, dass dazu auch 
ein grosser Theil der gelösten organischen Stoffe ge¬ 
hört, und dass nur die gelösten mineralischen Stoffe 
und ein kleiner Theil der gelösten organischen Stoffe 
dem Abwasser nicht mechanisch beigemengt sind, 
während andere Autoren die Ansicht vertreten, die 
gelösten Stoffe in ganzem Umfange, organischer und 
mineralischer Natur, seien dem Abwasser nicht 
mechanisch beigemengt. Die Richtigkeit dieser An¬ 
sicht soll nunmehr bewiesen werden. 

Herr Geheimrath Professor Proskauer hat nach¬ 
gewiesen, dass von den gelösten organischen Stoffen 
des Abwassers ein grosser Theil auf mechanischem 
Wege, nämlich durch Ausschleudern derselben in einer 
Centrifuge mit 4000—5000 Umdrehungen in der 
Minute ausgeschieden werden kann. Das wäre na¬ 
türlich nicht möglich, wenn diese Stoffe im Wasser 
nicht als selbständige Körper, sondern im gelösten 
Zustande enthalten wären. 

Unterzieht man Abwasser der Dialyse, d. h. bringt 
man es in ein von einer Membrane gebildetes Gefäss, 
und stellt dieses Gefäss in ein anderes Gefäss, in 
welchem destillirtes Wasser enthalten ist derait, dass 
die beiden Wasserspiegel innen und aussen gleich 

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hoch stehen, so gehen, wie von Kröhnke und Biltz 
und von Fowler in Manchester festgestellt worden 
ist, zwar die gelösten mineralischen Stoffe durch die 
Membrane hindurch in das destillirte Wasser hinein, 
und zwar so lange, bis auf beiden Seiten der Mem¬ 
brane der Gehalt an diesen Stoffen der gleiche ge¬ 
worden ist; von den organischen Stoffen geht aber 
nur ein kleiner Theil hindurch, der grössere Theil 
wird zurückgehalten, weil er im Abwasser in Form 
von selbstständigen Körpern enthalten ist, von denen 
jeder zwar sehr klein, aber immer noch von solcher 
Grösse ist, dass er die kleinen Poren der Membrane 
nicht passiren kann. 

Von den sogenannten gelösten organischen Stoffen 
erfordern bei der Abwasserreinigung die grösste Sorg¬ 
falt diejenigen, durch deren Zersetzung stinkende 
Fäulniss erzeugt wird, weil man stinkendes Wasser 
nicht in die öffentlichen Gewässer leiten kann, und 
die Reinigung gilt im allgemeinen als genügend, wenn 
u. a. stinkende Fäulniss nicht mehr erzeugt wird. 
Man kann aber, wie von Fowler in Manchester fest¬ 
gestellt und von mir bestätigt gefunden worden ist, 
durch feines Filterpapier, sogenannte^ Barytpapier, 
oder durch einen Asbestfilter das Abwasser auf mecha¬ 
nischem Wege so weit reinigen, dass stinkende Fäulniss 
nicht mehr oder doch nur im geringen Grade entsteht. 
Damit ist erwiesen, dass diejenigen Stoffe, welche 
stinkende Fäulniss erzeugen, im Abwasser jedenfalls 
nicht im gelösten, sondern im Zustande der mecha¬ 
nischen Beimengung enthalten sind. 

Seit geraumer Zeit ist bekannt, dass es Stoffe 
giebt, sowohl organischer als auch mineralischer Natur, 
welche in bezug auf ihre Lösungsform im Wasser 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. ii. 


eine e%e&<hteiche ftctte spielen. Sk sind nickt kry*- 
tallisierbar, diffundieren ungemein langsam, und sind 
zumeist im Stande, in dem Wasser unter gewissen 
Verhältnissen sich zusammenzuballen und sich unter 
Einwirkung mechanischer Einflüsse leicht auszuscheiden. 
Man nennt sie Kolloide. Ferner ist bekannt, dass 
es andere Stoffe giebt, welche sich im Wasser ganz 
ausserordentlich fein vertheilen, ohne sich in demselben 
zu lösen, sfe befinden sich im Wasser im Zustand 
der Quellung und der Emulsion. Beide Arten von 
Stoffen bezeichnet man auch wohl als pseudo gelöst 
Sie sind in dem Wasser so fein vertheilt, dass sie, 
wie die wirklich gelösten Stoffe durch Filtrirpapier 
hindurchgehen, und zwar ganz oder zum Theil und 
mit dem blossen Auge oft nicht ohne Weiteres zu 
erkennen sind. 

Nun sind, wie wir gesehen haben, in dem Ab¬ 
wasser in einer Form, weiche ich bisher als „gelöst“ 
bezeichnet habe, die folgenden organischen Stoffe ent¬ 
halten : Eiweissstoffe, Seifen, Fette und Oele und 
Harnstoff, und wir wollen diese Stoffe einmal näher 
betrachten. 

Die Eiweisskörper oder Eiweissstoffe machen im 
menschlichen und thierischen Körper den Haupt¬ 
bestandteil aus, sie sind im Fleisch und Blut ent¬ 
halten. Auch die Fäces enthalten neben unlöslichen 
Pestandtheilen eiweissartige Stoffe in nicht unbeträcht¬ 
licher Menge. Bei den Pflanzen befinden sie sich 
in grosser Menge im Samen. Die Eiweisskörper 
bilden nicht einen eigentlichen chemischen Stoff, es 
ist wenigstens bisher noch nicht gelungen, sie in einer 
chemischen Formel unterzubringen. Sie bestehen 
aus Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff 
und auch Schwefel. Die Eiweissstoffe sind die eigent¬ 
lichen Fäulnisserreger, sie sind leicht zersetzlich und 
liefern dabei unter gewissen Bedingungen stinkende, 
mehr oder weniger flüchtige Producte, wie Ammo¬ 
niak, Schwefelwasserstoff u. A. m. Dass die Eiweiss¬ 
körper Pseudolösungen bilden, ist bekannt; sie theilen 
diese Eigenschaft mit anderen organischen und mine¬ 
ralischen Stoffen, und werden übrigens aus ihren so¬ 
genannten Lösungen sehr leicht ausgeschieden, wobei 
sie koaguliren oder gerinnen. Das geschieht nicht 
allein durch Erhitzen, sondern auch durch den Zusatz 
von Chemikalien, wie Sublimat, Karbolsäure und 
vielen anderen Stoffen, ja sogar durch kräftiges Schüt¬ 
teln kann man Eiweiss zum Gerinnen bringen. Durch 
viele Untersuchungen und Veröffentlichungen ist nach¬ 
gewiesen , dass man die im Wasser in Lösung befind¬ 
lichen Eiweisskörper sichtbar machen kann, nämlich 
durch das Ultramikroskop. Auch schon mit blossem 
Auge kann man bemerken, dass manche sogenannte 

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Lösungen von Eiweist eine getrübte milchige Be¬ 
schaffenheit haben. Nach diesen Ausführungen wird 
man wohl kaum noch einen Zweifel hegen, dass man 
in der Regel von einer Lösung des Eiweisses im Ab¬ 
wasser nicht sprechen kann, sondern dass es dem 
Abwasser nur mechanisch beigemengt ist und daher 
auch in der Reinigungsanlage aus dem Abwasser auf 
mechanischem Wege entfernt werden kann. Dazu 
kommt, dass Eiweiss sehr klebriger Natur ist; es bildet 
mit manchen Bestandteilen des Abwassers klebrige 
Verbindungen. 

Das nähere Verhalten der Seife zu Wasser scheint 
bisher einwandfrei noch gamicht klargestelt zu sein. 
Soviel steht aber fest, dass die Seife mit kaltem 
Wasser, selbst in verdünntem Zustande, eine nicht 
vollkommen klare, eigentümlich trübe, opalisirende 
Flüssigkeit bildet, die zwar im kochenden Wasser 
klar, beim Erkalten aber wieder trübe wird, und dass 
die in der Flüssigkeit enthaltenen Seifenbestandteile 
nur unvollständig dialysiren. Hiernach ist ohne 
weiteres anzunehmen, dass die Seife gleich den Ei- 
weissstoffek in dem Abwasser in einem pseudogelösten 
Zustande enthalten ist und sich bei der Reinigung 
des Abwassers genau so verhalten muss, wie die Ei¬ 
weissstoffe. Auch die Seife ist ausserordentlich klebrig 
und bietet daher der mechanischen Ausscheidung in 
der Reinigungsanlage keine Schwierigkeit. Die Seife 
zersetzt sich nicht oder doch nur sehr schwer, mit 
ihrer Gegenwart im Wasser ist also eine praktisch in 
Betracht kommende Geruchsentwickelung nicht ver¬ 
bunden. 

Die Fett und Oele sind dem Thier- und Pflanzen¬ 
reich entstammende Producte. Die flüssigen Fette 
entstammen dem Pflanzenreich und heissen Oele, die 
halbweichen und festen entstammen dem Thier- und 
Pflanzenreich und führen verschiedene Namen, wie 
Butter, Schmalz, Talg, Wachs und dergl. Die Fette 
und Oele sind, wie allgemein bekannt, im Wasser 
überhaupt nicht löslich, bilden aber in Gegenwart 
von schleimigen Stoffen mit dem Wasser eine Emul¬ 
sion. Da städtisches Abwasser unter allen Umständen 
schleimige Stoffe enthält, so bilden sich auch stets 
Emulsionen. Ausserdem ist die Milch nichts anderes 
als eine Emulsion von sehr fein vertheiltem Fett in 
einer hauptsächlich Eiweissstoffe, Milchzucker und 
Salze enthaltenden Flüssigkeit. Von einer eigentlichen 
Lösung der Fette und Oele im Abwasser kann also 
nicht die Rede sein. Die Fette und Oele sind ausser¬ 
ordentlich klebrig, es wird daher nicht schwierig sein, 
sie im Reinigungsverfahren auf mechanischem Wege 
aus dem Abwasser auszuscheiden. Die Fette und 
Oele sind schwer zersetzlich und erzeugen bei der 

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HARVARD UNIVERSITY 






PSYCHIATRISCH*NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


1906.] 


Zersetzung einen ranzigen Geruch, der aber im Ver¬ 
gleich zu dem durch die Eiweissstoffe entstehenden 
wenig ins Gewicht fällt. 

Der Harnstoff ist anscheinend der einzige Stoff, 
welcher sich im Abwasser in wirklich gelöster Form 
findet; er ist; ein Krystall und ist in Wasser sehr leicht 
löslich. Unter der Einwirkung von Luft zersetzt er sich 
im Wasser sehr schnell, wobei Ammoniak, Kohlen¬ 
säure u. A. entwickelt wird. Ob die Zersetzung 
lediglich durch chemische Processe oder durch Ver¬ 
mittelung der Kleinlebewesen entsteht, scheint mir 
einwandsfrei noch nicht ermittelt zu sein. Man kann 
hiernach wohl nicht behaupten, dass der Harnstoff 
in der Reinigungsanlage auf mechanischem Wege aus¬ 
geschieden wird; da er aber in der Reinigungsanlage 
gut der Luft sehr intensiv in Berührung kommt, so 
ist anzunehmen, dass er im Wege der Zersetzung, 
wenigstens zum Theil, abgebaut wird. 

Kurz zusammengefasst ergiebt sich folgendes Bild: 
Von den genannten Bestandteilen befinden sich die 
Eiweissstoffe, Seifen, Fette und Oelein dem Abwasser 
im pseudogelösten Zustande, sind also dem Abwasser 
mechanisch beigemengt. Diese Stoffe sind zugleich 
stark klebrig und können daher in der Reinigungs¬ 
anlage auf mechanischem Wege leicht ausgeschieden 
werden. Harnstoff dagegen befindet sich im Abwasser 
m wirklicher Lösung, seine Ausscheidung wird nicht 
auf mechanischem Wege, sondern im Wege der Zer¬ 
setzung herbeigeführt Gleichzeitig kann man aus 
den gemachten Ausführungen schliessen , dass stinkende 
Fäuiniss vorzugsweise auf die Zersetzung von Eiweiss 
und nur zum geringen Theil auf die Zersetzung von 
Harnstoff zurückzuführen ist, dass aber Seife, Fette 
und Oele an der Erzeugung von stinkender Fäuiniss 
so gut wie gamicht betheiligt sind. 

Ich habe nun versucht, feststellen zu lassen, in 
welchen Mengen die gelösten und pseudogelösten or¬ 
ganischen Stoffe im städtischen Abwasser enthalten 
sind und welcher Theil von ihnen in der Reinigungs¬ 
anlage ausgeschieden wird, leider hat die Chemie 
noch nicht diejenigen Wege gefunden, welche dabei 
zum Ziele führen. Auf diesem Gebiet eröffnet sich 
der chemischen Forschung noch ein weites Feld. Die 
von mir angestellten Untersuchungen sind als geschei¬ 
tert zu betrachten. Soviel scheint aber festzustehen, 
dass an den fraglichen im Abwasser enthaltenen Stof¬ 
fen der Harnstoff und die Eiweissstoffe mit etwa je 
35—40% betheiligt sind. 

Hiermit sind die Vorgänge bei der Abwasser¬ 
reinigung erklärt, wie ich sie mir vorstellte. Es giebt 
aber noch zwei andere Theorien hierüber, nämlich 


10s 


die in England noch vielfach vertretene, nach welcher 
die Reinigung nicht allein durch die mechanische 
Ausscheidung, sondern im wesentlichen durch die 
Lebensthätigkeit der Kleinlebewesen bewirkt wird, und 
die von Herrn Professor Dunbar in Hamburg ver¬ 
tretene, nach welcher auch noch Absorptionskräfte, 
welche durch den Rasenüberzug bethätigt werden, 
mitwirken sollen. Es würde zu weit führen, an dieser 
Stelle auf diese beiden Theorien einzugehen und sie 
im Einzelnen zu widerlegen. — 

Die Leser dieses Blattes wird ganz besonders die 
Beantwortung der Frage interessiren: Wie verhält sich 
das in Irrenanstalten erzeugte Abwasser zu dem vor¬ 
stehend ausschliesslich behandelten städtischen Ab¬ 
wasser? Die Beantwortung der Frage ergiebt sich 
aus der Erwägung, dass Irrenanstalten im Grunde ge¬ 
nommen nichts anderes sind als kleine Städte; in 
ihnen befinden sich Menschen mit den gleichen 
menschlichen Bedürfnissen wie in einer Stadt, in 
ihnen sind Küchen, Waschgefässe, Badewannen, Nacht¬ 
geschirre, Closetts und Pissoirs vorhanden in der 
gleichen Weise wie in einer Stadt, und in diesen 
Gelegenheiten wird Abwasser auf die gleiche Art er¬ 
zeugt wie in einer Stadt, das Abwasser wird also auch 
im Grossen und Ganzen die gleichen Bestandteile 
und Verunreinigungen enthalten wie in einer Stadt 
Der Umstand, dass die Irrenanstalten in der Regel 
eigne Wäschereien und Küchen enthalten, und dass 
die Sauberkeit der Gebäuderäume, der Geschirre, Ge¬ 
räte und Möbel, sowie der Kleider eine erheblich 
grössere ist, als es im Durchschnitt in einer Stadt zu 
sein pflegt, und schliesslich der Umstand, dass die 
Bewohner von Irrenanstalten und das Dienstpersonal 
zumeist Waschkleider tragen, deren Reinigung durch 
Wasser erfolgt, bringt es mit sich, dass das Abwasser 
aus Irrenanstalten einen verhältnissmässig sehr dünnen 
Character aufweist. Es wird also in Irrenanstalten, 
berechnet auf den Kopf der Bewohner, verhältniss- 
mässig mehr Abwasser erzeugt als in den Städten, 
und die Verunreinigungsstoffe, welche in das Ab¬ 
wasser gelangen, sind, wiederum bezogen auf den 
Kopf der Bewohner, in Irrenanstalten von geringerer, 
sicher nicht von grösserer Menge als in Städten. 

Dieser Unterschied zwischen dem Abwasser aus 
Irrenanstalten und dem städtischen Abwasser ver¬ 
mindert die Schwierigkeiten bei der Reinigung in 
ganz erheblichem Maasse. Abgesehen von diesem 
Punkt bleibt alles, was im Vorstehenden über das 
städtische Abwasser und seine Reinigung gesagt woiden 
ist, auch für das Abwasser aus Irrenanstalten und 
seine Reinigung im ganzen Umfange bestehen. 


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HARVARD UNiVERSITY 





PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. tu 


io6 


Petition der mährischen Anstaltsärzte um Aufbesserung 
der materiellen Lage. 


hochachtungsvollst Unterzeichneten definitiv an- 
gestellten Aerzte der mährischen Landesanstalten 
beehren sich an den hohen Landtagsausschuss die 
ergebene Bitte zu richten, derselbe möge ihnen eine 
Aufbesserung ihrer materiellen Lage bewilligen, und 
erlauben sich demselben folgende Punkte zur ge¬ 
neigten Würdigung und Genehmigung zu unterbreiten: 

I. Sämmtliche Aerzte der mährischen Landes¬ 
anstalten bitten ergebenst um die Herabsetzung der 
zum vollen Bezüge der Pension erforderlichen Dienst¬ 
zeit auf 30 Jahre und stützen diese ihre Bitte auf 
folgende Gründe: 

1) Das durchschnittliche Alter, mit welchem die 
Anstaltsärzte in der Regel ihre definitive Anstellung 
erreichen, ist ein bedeutend höheres als das der 
anderen Landesangestellten. Die Ursache dieser 
späten Erreichung der definitiven Anstellung liegt 
aber einzig in den hohen Anforderungen, welche in 
Bezug auf die fachliche Ausbildung an die betreffenden 
Aerzte gestellt werden. 

Während die übrigen Landesangestellten entweder 
sofort nach absolvirter Mittelschule oder die juridisch 
oder technisch Ausgebildeten sofort nach Absolvirung 
ihrer Studien, resp. nach Ablegung der betreffenden 
Prüfungen in den definitiven Landesdienst aufge¬ 
nommen werden, beginnt für den Arzt nach Ab- 
solvirang der Studienzeit und nach Erreichung des 
Doctorgrades, wozu beim Arzte an und für sich schon 
eine längere Zeit erforderlich ist als bei den erst¬ 
genannten, erst die fachliche Ausbildung; und erst 
nach mehrjähriger Practicanten- und Assistentenzeit, 
ja zumeist sogar erst nach Erreichung der Docentur 
an einer Hochschule erlangen die betreffenden Aerzte 
ihre definitive Landesanstellung. Nur ausnahmsweise 
erreicht ein Arzt unter 30 Jahren die definitive 
Landesaristellung; das durchschnittliche Alter beträgt 
im Gegentheile 32 Jahre; das ist aber fast um 10 
Jahre später, als das durchschnittliche Alter der 
übrigen Landesangestellten zur Zeit der Erreichung 
des • Definitivums. Ferner geht daraus hervor, dass 
das Lebensalter, mit welchem für diese Aerzte das 
Recht des Bezuges der vollen Pension eben erst ein- 
tritt, 72 Jahre beträgt. Zieht man nun in Betracht, 
dass 

2) das Lebensalter der Aerzte, wie aus den ver¬ 
schiedenen Statistiken und ganz besonders aus denen 
der Lebensversicherungsanstalten hervorgeht, im Durch¬ 
schnitte ein sehr kurzes ist, namentlich aber ein sehr viel 
kürzeres ist als das der Beamten überhaupt, so er- 

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giebt sich, dass unter den jetzigen Verhältnissen nur 
äusserst selten ein Arzt der mähr. Landesanstalten 
den vollen Genuss seiner Pension erreichen kann, 
sondern dass er sich im Falle früherer,- aber immer¬ 
hin bereits in hohem Alter eiutfetender Dienstunfähig* 
keit zumeist nur mit einem mehr-weniger unzureichenden 
Theilbetrage wird begnügen müssen, oder aber dass 
er trotz eingetretener Dienstunfähigkeit sich genöthigt 
sieht, von einem Gesuche um Pensionirung abzusehen 
und seinen Dienst dann natürlich nur in mehrweniger 
unzulänglicher Weise auszuüben, weil eben infolge 
der jetzigen höchst ungünstigen Pensionsbedingungen 
der Betrag, zu dessen Bezug ihn seine Dienstzeit be¬ 
rechtigt, zum Leben in den jetzigen theuren Ver¬ 
hältnissen absolut nicht ausreicht. Es ist klar, dass 
derartige Zustände den Anstalten nicht zum Vortheile 
gereichen können. 

3) Verdient die Berufsthätigkeit der Aerzte na¬ 
mentlich auch in Bezug auf die Pensionirung eine 
viel grössere Berücksichtigung als die sämmtlicher 
übrigen Landesangestellten, denn sie birgt nicht nur 
eine intensive geistige Arbeit in sich, sondern sie 
stellt auch an die physischen Kräfte gewaltige An¬ 
forderungen und ist vor allem, infolge der grossen 
Verantwortung, welche der Anstaltsarzt für Gesund¬ 
heit und Leben zahlreicher Menschen zu tragen hat, 
physisch im höchsten Grade aufreibend. Dazu kommt 
noch, dass der Arzt in seinem Berufe ununterbrochen 
der verschiedensten Ansteckungsgefahr ausgesetzt ist 
und somit auch in seinem Dienste ununterbrochen 
sein eigenes Leben und seine eigene Gesundheit aufs 
Spiel setzt. 

4) Aber ganz abgesehen von diesen schwer¬ 
wiegenden Gründen befinden sich die Aerzte der 
mähr. Landesanstalten nicht nur anderen Beamten 
mit wissenschaftlicher Vorbildung gegenüber im Nach¬ 
theile, sondern sie stehen sogar auch gegen ihre 
eigenen engeren Berufscollegen anderer Länder zurück. 

So beträgt z. B. die zur Erreichung der vollen 
Pension nothwendige Dienstzeit bei den Mittelschul- 
lehrem, deren Berufsthätigkeit doch mit der der 
Aerzte nach keiner Richtung hin in Vergleich gestellt 
werden kann, nur 30 Jahre. Ganz besonders ist aber 
auf das ungünstige Verhältniss gegenüber den von 
anderen Ländern Oesterreichs angestellten Aerzten 
hinzuweisen, deren Dienstzeit allenthalben geringer 
bemessen ist als in Mähren. 

So beträgt die zum Bezüge der vollen Pension 
berechtigende Dienstzeit in Schlesien 30 Jahre nach 

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1906 .] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE "WOCHENSCHRIFT. 


107 


dem Landtagsbeschlusse vom 13. October 1871, in 
Böhmen 35 Jahre, in Nieder-Oesterreich 34 Jahre, 
in Ober-Oesterreich 35 Jahre (Pensionsvorschrift § 3). 

Ein anderer, aber gleichfalls viel günstigerer Modus 
als in Mahren ist bei den k. k. Primarärzten in Wien 
eingehalten, welche ohne Rücksicht auf die Länge 
der Dienstzeit mit dem 65. Lebensjahre das Recht 
zum vollen Bezüge ihrer Pension erreichen. Ferner 
ist zu erwähnen, dass auch die Aerzte der Landes¬ 
anstalten Böhmens eben um eine weitere Herab¬ 
setzung ihrer Dienstzeit auf 30 Jahre petitionirt haben. 

II. Sämmtliche Aerzte der mährischen Landes¬ 
krankenanstalten stellen an den hohen Landtag die 
ergebene Bitte, derselbe möge das Quartiergeld oder 
das Aequivalent der Naturalwohnung in die fixen Be¬ 
zöge einberechnen und mithin auch in die Pension 
einbeziehen. 

III. Sämmtliche Aerzte der mähr. Landesanstalten 
bitten ferner um die Regulirung der Bezüge der nach 
ihnen hinterbliebenen Witwen und Waisen in der 
Weise, dass die Witwen und Waisen nach Anstalts- 
directoren die ihnen gebührenden Bezüge nach der 
VI. Rangsklasse, die nach Primarärzten die Bezüge 
nach der VII. Rangsklasse erhalten mögen. 

Zur Begründung dieser Bitte beehren sich die 
hochachtungsvoll Unterzeichneten darauf hinzuweisen, 
dass die Directoren und Primarärzte der Landesan¬ 
stalten nach einer mässig langen Dienstzeit ohne dies 
in den Bezügen der Gehalte der oben erwähnten 
Rangklassen stehen, und dass nur die Activitätsbe- 
züge um eine Rangklasse tiefer bemessen sind. Da 
es nun unterlassen wurde, die Aerzte der Landesan¬ 
stalten in eine bestimmte Rangklasse einzureihen, 
könnte bei der Bemessung der Pension für die Witwen 
und Waisen sehr leicht eine Verschiebung zu Un¬ 
gunsten der Hinterbliebenen ein treten, ja sie muss 
im Falle baldigen Ablebens eines Arztes der Landes¬ 
anstalten unter den jetzigen Bestimmungen die Regel 
sein, so dass in Anbetracht der grossen Länge der 
zum vollen Bezüge der Pension berechtigenden Dienst¬ 
zeit die Bezüge dieser Hinterbliebenen als geradezu 
lächerlich geringe bezeichnet werden müssen. 

Dadurch erscheint auch diese Bitte in hinläng¬ 
licher Weise begründet. 

Die Primarärzte der mährischen Landeskranken¬ 
anstalten bitten ergebenst um Regulirung ihres Stamm - 
gehaltes entsprechend den Gehalten der Wiener An¬ 
staltsärzte, um eine Erhöhung des Quartiergeldes ent¬ 
sprechend den jetzigen Verhältnissen und um das 
Zugeständniss in der Zahl unbeschränkter Quinquennal- 
zulagen. 

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Gründe: 

Die derzeitigen Gehalte der Primarärzte an den 
mährischen Landesanstalten sind bedeutend niedriger 
bemessen, als diejenigen der Aerzte' an den An¬ 
stalten anderer Länder; speciell beziehen die 
Primarärzte I..KL und der Prosector an den grossen 
Krankenanstalten in Wien die Gehalte der VII. 
Rangsklasse, während der Stammgehalt an den 
mährischen Landeskrankenanstalten mit 3000 Kronen, 
also fast um ein DritttheH niedriger bemessen ist. 
Dabei sind die einzelnen Kranken - Abtheilungen 
wenigstens an der Brünner Krankenanstalt im all¬ 
gemeinen viel grösser als die Abtheilungen an den 
Wiener Spitälern, mithin auch die Arbeitsleistung 
und Verantwortlichkeit der Aerzte eine unvergleich¬ 
lich grössere. Der Hinweis auf eine bedeutende, 
durch die Stellung als Primararzt sich ergebende 
private Praxis mag wohl bei den ohnehin gehalt¬ 
lich schon besser situirten Wiener Primarärzten 
zutreffen, bei der grösseren Anzahl der mährischen 
Primarärzte trifft er jedoch ganz gewiss nicht mehr 
zu, weil durch die Gründung der verschiedenen 
Krankenkassen und durch andere, in der letzten 
Zeit in der Oeffentlichkeit und in den ärztlichen 
Vereinen vielfach erörterte Umstände — als Natur¬ 
heilverfahren, Entwickelung eines bedeutenden Spe- 
cialistenthumes etc. — sich die materielle Lage 
der Aerzte im allgemeinen und ganz besonders die 
der Primarärzte als Specialärzte ausserordentlich 
verschlechtert hat. 

Auch das Quartiergeld, welches die ausserhalb 
des Spitales wohnenden Primarärzte der mährischen 
Landesanstalten beziehen, entspricht bei weitem 
nicht mehr den heutigen WohnungsVerhältnissen; 
dasselbe wurde ja bereits im Jahre 1860 festgesetzt; 
wohl sind seit dieser Zeit die Wohnungspreise last 
um das Doppelte gestiegen, das Quartiergeld hat 
jedoch nicht die geringste Erhöhung erfahren; 
demzufolge ist heute jeder Primararzt, der standes- 
gemäss wohnen will, gezwungen, auf seine Woh¬ 
nung einen mehr weniger hohen Betrag aufzuzählen. 

Während die Anstaltsdirectoren fortlaufende 
Quinquennalzulagen fünf an Zahl beziehen, während 
sämmtlichen Beamten und selbst Dienern des 
Landes und des Staates mit fortschreitendem Alter 
eine fortschreitende Erhöhung ihrer Bezüge durch 
Zulagen und Vorrückung in höhere Rangklassen 
in Aussicht steht, befindet sich der Primararzt 
allein in der traurigen Lage, sich nach 15 jähriger 
anstrengender Berufstätigkeit sagen zu müssen, 
dass er am Ende der Verbesserung seiner ma¬ 
teriellen Lage angelangt sei. Dieser Umstand wird 

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io8 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. n. 


I. Vergleichende Tabelle der 


Länder und Staaten 

Provisorische 

definitive 

Nieder-Oesterreich 

Gehalt und Emolumente 

1200 K. 

Natural. Woh¬ 
nung und Ver¬ 
pflegung 

Secundarärzte 

II. Kl. 1600 K. 
Natural. Woh¬ 
nung und Ver¬ 
pflegung 

Secundarärzte I. Klasse 

nach 2 Jahren.3200 K. 

Quartiergeld.1200 K. 

Quartier und.4400 K. 

Quinquennalzulagen 

o 

2 ä 200 K. 

Böhmen 

1400 K. ev. 1800 K. 
Emolumente per 800 K. 

2200 K. ev. 2600 K. 

Secundarärzte 

nach 1 Jahre.2800 K. 

Emolumente per .... 800 K. 

3600 K. 

Quinquennalien 

0 

5 * 

Schlesien 

2400 K. 

Emolumente s. Kost 800 K. 

3200 K. 

Secundarärzte 

IX. Rangsklasse mit der Möglichkeit der Vorrückung 
in die VIII. Rangsklasse nebst freier Wohnung, Behei¬ 
zung, Beleuchtung und halben Activitätszulage 




Mähren 

1000 ev. 1600 K. 
Emolumente s. Kost per 800 K. 

1800 ev. 2400 K. 

Secundarärzte 

nur 2 in Sternberg nach mehr¬ 
jähriger Anstal ts-u. Krankenhaus¬ 
praxis 2000 K. u. 250 K. Akt- 
Zulage u, Quartier s. Beheizung 
ä 300 K. = 2550 K. 

Hausarzt 

nur in Sternberg nach mehr¬ 
jähriger Anstalts-u. Krankenhaus¬ 
praxis 2400 K. u. 250 K. Akt- 
Zulage u. Quartier s. Beheizung 
ä 300 K. = 2950 R. 

Quinquennalien 

0 

ä 200 K. 

Andere österreichische 

Länder 

1000 ev. 1600 K. 
Emolumente s. Kost per 800 K. 

1800 ev. 2400 K. 

Secundarärzte 

Quart s. Beheizung und 2000 R. ev. 2800 R. 


Andere europäische 


Deutschland 

1440 ev. 2040 K. und 
Emolumente s. Kost per 900 K. 
2340 K. ev. 2940 K. 

Assistenzärzte 

Emolumente s. Kost per 1160K. u. 1920 ev. 3000 K. 

3080 ev. 4160 K. 

Frankreich 

Emolumente s. Kost und 

1500 K. 

Secundarärzte 

3 Kategorien.1. 2000 K. 

t , ( 2. 2500 K. 

Avancement immer nach 3 Jahren . . . { 

[3. 3000 K. 

Ausserordentliches Avancement . ... 4. 4000 K. 

Italien 

Emolumente s. Kost und 

900 K. ev. 1600 K. 

Aerzte 

Emolumente s. Kost u. 1620 ev. 2200 K. 

England 

Assistenzärzte 1200 K. und 
alles übrige na<;h der I. Klasse 

Subalternärzte 

Emolumente s. Kost u. 3600 ev. 4320 K. 


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Original fram 

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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


109 


Irrenanstalts-Aerzte anderer Länder. 


Anstellung 

Dienstzeit 

Anmerkungen 

Primarärzte 

mit Avancement .... 5600 K. 

Quartiereeid.x6oo K. 

Quartier und.7200 K. 

Directoren 

mit Avancement 8000 K. 
Quartiergeld . 1800 K. 

Quartier und . 9800 K. 

34 

Secundarärzte = I. Klasse = 
IX. Rangsklassc 

Primarärzte = VII. Kangsklassc 
Directoren = VL .. 

2 ä 800 K. 

f ä 1000 K. 

Primarärzte II. Klasse 
mit Avancement 4200 K. u. 
20 °/ Ä Quartiergeld u. Emo¬ 
lumente, Quartiergeld und 
Emolumente und 4200 K. 

Primarärzte I. Klasse 
mit Avancement 4800 K. u. 
20% Quartiergeld u. Emo¬ 
lumente, Quartiergeld und 
Emolumente und 4800 K. 

Directoren 

mit Avancement 7200 K. 
20% Quartiergeld u. Emo¬ 
lumente, Quartiergeld und 
Er'olumente und 7200 K. 

35 

Provisor. Aerzte = X. Kangskl. 
Secundarärzte def . = IX. ,, 

Primarärzte II. Kl =VIJI. ,. 

„ I Kl =VII. „ 

Directoren . . =V1. ,. 

400 K 


Directoren 

VII. Rangski. m. der Mög¬ 
lichkeit der Vorrückung in 
die VI. Rangski. nebst freier 
Wohn., Beheiz., Beleucht, 
u. halben Activitätszulage 

3 ° 

Secundarärzte 

= IX. — Vni. Rangsklasse 

Directoren 

es VII. — VL Rangaklasse 



Primarärzte II. Klasse 

4000 K. 

u. Activitätszulage 300 K. 

43 °° K - 

Primarärzte I. Klasse 

4400 K. 

u. Activitätszulage 360 K. 

4760 K. 

Directoren 

5600 K. 

u. Activitätszulage 420 K. 
u. Quart, s. Beheiz. 

Quart, s. Beheiz, u. 6020 K. 

40 

Provisor. Aerzte 

XI. — X. Kangsklassc 
Definitiv. Aerzte X. Kangsklassc 
Hausärzte . . X. ,, 

Primarärzte VLII. ,, 

Directoren . . VII. ,, 

ä 400 K. 

5 k 400 K. 

Primär- und Ordinirende Aerzte 

Quartier s. Beheizung (analog auch Beleuchtung) und 
3600 ev. 4400 K. 

Directoren 

Quart, s. Beheiz, u. Beleucht, u. 
Equipage u. 6000 cv. 640a K. 

35 



Länder und Staaten 


Oberärzte II. Klasse 

3240 ev. 4200 K. 
u. Emolumente ohne Kost 
1200 K. 
4440 ev. 5400 K. 

Oberärzte I. Klasse 
3600 ev. 5040 K. 
u. Emolumente ohne Kost 
1440 K. 
5040 ev. 6480 K, 

Directoren 

6400 ev. 9600 K. 
u.Emolum. iöooev. 2000 K. 
8000 ev. 11600 K. 

von 

30 bis 36 


Primarärzte 

3 Kategorien . 1. 4000 K. 

( 2. 5000 K. 

Avancement immer nach 3 Jahren . . . < 

I3. 6000 K. 

Ausserordentliches Avancement .... 4. 7000 K. 

Directoren 

3 Kategorien . . 1 . 7000 K. 

Avancement immer 2. 8000 K. 
nach 3 Jahren 8. 9000 K. 

ausz. Avancement 4. 10000 K. 

35 


Primarärzte 

Emolumente und 2500 ev. 3600 ev. 4500 K. 

Directoren 

Emolum. u. 4500 ev. 8000 K. 

3 o 


Oberärzte II. Klasse 

Emolumente u. Quart, s. Be¬ 
heizung u. 5280 ev. 6000 K. 

Oberärzte I. Klasse 

Emolumente u. Qu-ut. s. Be¬ 
heizung u. 7200 ev. 600 K. 

Directoren 

Emolumente und 

14000 ev. 28000 K. 

nach 15 — 20 J. 
*/ 8 Gehaltes. 

35 Jahr* 
obwohl hier 
unbestimmt < 



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Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 












































I IO 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Nr. n. 


II. Uebersichtstabelle aber die Stellung der Landes- 


Beamtschaft mit akademischer Bildung (Universität-Technik) 

oder nur 

Rangs¬ 

klasse 

Koncepts- 

Beamten 

Techniker- 

Ingenieure 

Techniker- 

Landescultur 

Hypotheken- 

Bank 

Professoren der 

Land. Mittelschule 

Rechnungs¬ 

departement 

Landes-Ver¬ 
sicherungs- 

Anstalt 

XI. 

1600 ) 

1800 f K. 
2000 ) 






Officiale 

nach 2 bis 5 
bis 6 Jahren 

Officiale 

nach 

3 — 5 Jahren 

Aproximatives 
Alter von 
dieser Zeit 






21-25 J. 

21—25 j- 

X. 

2200 ] 

2400 ? K. 
2600 i 


Bauadjunkte, 

Landes¬ 

baumeister 

Bauadjunkte 

Officiale 

Nicht definitive 
Supplenten 
Avancement nach 
wenig Jahren 

Officiale 

Officiale 

und 2 Aerztc 

Aproximatives 

Alter 


24—26 j. 

24—26 j. 


26 — 29 J. 

23—27 j. 


IX. 

2800 j 

3000 >K. 
3200 J 

Vice-Sekretäre 
(sogleich) 

Ingenieure, 

Landesbaumeister 

Avancement 

nach 1 —3 Jahren 

Ingenieure 

Avancement 

nach *—3 Jahren 

Ober-Offiziale 

und 

Revidenten 

Definitive 

wirkliche Lehrer 

und Professoren. 

Avancement 

nach 5 — 7 Jahren 

Ober-Officiale 

und 

Revidenten 

Vice-Sekretäre 

nach 

1 —2 Jahren 
Revidenten, 

Aproximatives 

Alter 

24 — 28 J. 

*s —*9 J- 






vin. 

3600 | 

4000 ?K. 
4400 ) 

Sekretäre 

II. Klasse 
nach 1 —3 J.i 

Ober-Ingenieure 

nach 

5 —10 Jahren 

Ober-Ingenieure 
nach 5—8 Jahren 

Sekretär (J. U. Dr.) 
nach 2 Jahren 

2 Kassierer 

2 Liquidatoren 

1 Buchhalter j 

Professoren 

7 Rech¬ 
nungsräte 

Sekretär 

nach 

3 Jahren 

VII. 

4800 | 

5400 ? K. 
6000 ) 

Sekretäre 

I. Klasse 

nach 6 — 7 J. 

Bauräte 

Bauräte 

Ober-Buchhalter 1 

Kanzlei - Vorstand 

1 

Nach 15—2oJahr. 
Professoren, 
Directoren 

Oberräte 

Rechnungs¬ 
räte und 

Kassierer 

VI. 

6400 1 

7200 > K. 

8000 f 

Landes¬ 

ausschuss¬ 

räte 

Baudirector, 

Ober- 

Bauräte 

Vorstand, 

Ober-Bauräte 

Sekretär 

Director 

nach Jahren 

Director 


V. 

10000 1 

I2 OOO J 

Avancement 

ad. 

personam 

1 

Avancement 

ad. 

personam 

Avancement 

ad. 

personam 

General¬ 

sekretär 



Gencral- 

Director 

nach 1 Jahre 


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Original frnm 

HARVARD UNIVERSITY 
































































igo6] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


11 i 


Irrenanstalt sä rzte zu anderen Landesbeamten. 


teilweise 

Aerzte 

der 

Irrenanstalten 

Hilfsämter und Institute 

Station für 
Pflanzen¬ 
kultur 

Landescultur- 

rat 

Landes¬ 

archiv 

LändeS- 

Museum 

Registratur u. 
Expedition 

■ 

Pfandleih¬ 

anstalt 

Besserungs- 
ü. ZwaDgs- 
arbeits- 
1 anstalt 


Rechnungs- 

ofGdale 

2 definitive 

Secundarärzte 

vom Jahre 1904 
nur in Sternberg 





Schätzungs- 

Kommisär 

; 

Officiale 


| 

*9—33 j- 





• 


Provisor. 

Adjunkt 

Officiale 

nach 

i — 3 Jahren 

Hausarzt 

in 

Sternberg 


Amanuensis 

und 

OfYicial 

(sogleich) 


Beamte 





3 *—36 J. 







Definit. 

Adjunkt 

Inspectoren 

und 

Fachlehrer 

Niemand 

Koncept- 

Adjunkt 

Kustos 

Adjunkt 

Buchhalter 

2 

Kontrolor- 

Schätznngs- 

Kommissär 

Kontrolore 











2 

Sekretäre 

4 

Primarärzte 

35—40 j. 



Kanzlei- 

Vorstand 

Kontrolor 

Liquidator 

Kontrolor 

Directoren 

• 

Landesrat 

und 

General- 

Secretär 

2 

Anstalts- 

Directoren 

. 

Landes- 

Archivar 

in 2 Jahren 

Landes- 

Bibliothekar 

Director 

der 

Registratur 

Cassa- 

Director 

Director 


Director 

narh 

Jahren 

Mit 

Avancement 


' 



i 













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Original from 

HARVARD UNiVERSITY 






















































tu 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


[Nr. ii. 


III. Die Gehaltsverhältnisse der Aerzte an den mährischen Landes-Irrenanstalten. 


1. 

Trotzdem die Anstaltsärzte gleich den Concepts- 
und bautechnischen Beamten die Hochschule ab- 
solvirt haben, werden sie doch weder der Kategorie 
der juristisch gebildeten Conceptsbeamten, noch der 
Techniker gleichgehalten. Ja, sie erreichen ihrer mate¬ 
riellen Stellung nach nicht einmal das Rechnungsamts¬ 
personal, wie aus der Tabelle II klar erhellt. 

2. 

Während die Beamtenschaft mit Hochschulbildung 
ein gesichertes Avancement bis mindestens in die 
VI. Rangsklasse offen hat, ja fallweise selbst, „ad per- 
sonam“ in die V. gelangen kann, steht den Primar¬ 
ärzten und den Directoren der Irrenanstalten in Mähren 
nur ein der VIII. eventuell der VII. Rangsklasse ent¬ 
sprechender Gehalt frei. — Und doch entsprechen 
die Primarärzte und Directoren, was ihre Bildung, 
Stellung, Verantwortlichkeit und Amtstätigkeit anbe¬ 
trifft, vollkommen den Conceptsbeamteh und über¬ 
haupt den Beamten mit Hochschulbildung! — Aus 
diesem Grunde entspricht auch ihre Honorirung in 
anderen inner- und ausserösterreichischen Ländern 
(Nieder-Oesterreich, Böhmen, Deutschland) mindestens 
dem Gehalte der VI. (Directoren), eveutuell der VII. 
Rangsklasse (Primarärzte). 

3 - 

Es ist nicht ausser Acht zu lassen, dass auch 
anderen Kategorien von Landesbeamten (nicht nur 
vom Concepte und Bautechnischen Fache) das Avan¬ 
cement in die VI. Rangsklasse offen steht, wie die 
Tabelle II zeigt. 

4 - 

Von grosser Wichtigkeit ist es, dass sämmtliche 
Beamtenschaft in pensionsberechtigte Stellungen bereits 
um 5 ja auch io Jahre früher einrückt als die Irren¬ 
ärzte, und dass diejenigen mit Hochschulbildung sofort 
mit der X. (Bautechniker), eventuell schon mit der 
IX. Rangsklasse (Conceptsbeamten) anfangen, während 
die unterste Stufe der definitiven Irrenärzte (definitive 
Secundarärzte in Sternberg) in die XI. Gehaltsklasse 
eingereiht ist, also noch um eine Klasse niedriger 
rangirt, als die Aerzte bei der Landes-Versicherungs- 
Anstalt, für welche laut der neuesten Nachrichten 
eine bedeutende Aufbesserung ihrer Gehalte in Aus¬ 
sicht genommen ist. 

5 - 

Zwei wunde Punkte der Stellung und des Dienstes 
sämmtlicher definitiven Irrenärzte Mährens sind zu 
berücksichtigen: 

a) Bei dem jetzigen ärztlichen Personal-Stande der 
mähr. Irren-Anstalten (alle definitiv angestellten sind 
noch verhältnissmässig jung) und bei der äusserst be¬ 
schränkten Zahl der fixen Stellungen der Primarärzte 
und Directoren ist eine Aussicht auf Avancement in 
absehbarer Zeit für die meisten Aerzte äusserst gering. 

b) Bei dem Umstande, als sämmtliche definitive 
Irrenärzte in verhältnissmässig späten Jahren ihren 
Posten antreten, ist bei dem eigenartigen Leib und 
Geist aufreibenden Berufe des Irrenarztes die volle 
Pension nach 4ojähriger Dienstzeit zu erreichen, für 
dieselben fast ein Ding der Unmöglichkeit. 

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6 . 

Derselbe Umstand (sub. 5, b) bringt es mit sich, 
dass die unbeschränkten Quinquennalzulagen für die 
Primarärzte (a. Directoren) von nur problematischem 
Werte sind, da es wohl kaum einem von ihnen ge¬ 
lingt, mehr als höchstens vier Quinquennalzulagen zu 
erreichen. Treten ja doch die meisten Primarärzte 
ihren Posten an, wenn sie schon weit über die dreissig 
alt sind! — 

7 - 

Für die bestehende Scheidung der Primarärzte in 
eine I. und II. Klasse lassen sich keine triftigen, stich¬ 
haltigen Gründe anführen. — Ihre Stellung, Vor¬ 
bildung, Pflichten und fachliche Thätigkeit stellt sie 
beide vollständig einander gleich. — Der einzige Unter¬ 
schied besteht bloss in ihrem jeweils differenten Dienst¬ 
alter, und diesem Unterschiede lässt sich leicht dadurch 
gerecht werden, dass der dienstältere Primararzt um 
eine Gehaltsstufe in der gleichen Rangsklasse höher 
gestellt wird und dass ihm für dessen eventuelle dienst¬ 
liche Vertretung des Anstaltsdirektors eine besondere 
Remuneration zuerkannt wird, die vielleicht der jetzigen 
Gehaltsdifferenz der beiden Primarärzte gleichkommt, 
zumal dieselbe in dem oberwähnten Momente der 
Dienstvertretung ihren einzigen Grund hat. 

8 . 

Nicht minder wichtig ist für die Anstaltsärzte eine 
definitive und verlässliche Regelung ihrer Pensions¬ 
und Wittwenbezüge, welche am einfachsten durch die 
Einreihung derselben in bestimmte Rangs-Kategorien 
erreicht werden kann. — 

Auf diese Gründe gestützt erlauben sich die im 
Landesdienste stehenden Irrenärzte Mährens um Ein¬ 
reihung in bestimmte Rangskategorien zu ersuchen, 
und zwar nach Art der Conceptsbeamten, in folgen¬ 
der Art: 

a) Die Anstaltsdirectoren mögen eingereiht werden 
in die VI. Rangsklasse, 

b) die Primarärzte in die VII. Rangsklasse, 

c) der Hausarzt (in Stemberg) in die VIII. Rangs¬ 
klasse, 

d) die definitiven Secundarärzte in die IX. Rangs¬ 
klasse, selbstverständlich überall mit dem An¬ 
spruch auf die zugehörigen, den Rangsklassen 
entsprechenden Quinquennalzulagen. 

e) Allen oberwähnten Rangskategorien soll das 
Recht gewahrt bleiben, im Laufe der Dienst¬ 
jahre in die nächsthöhere Rangsklasse vor¬ 
rücken zu können. 

f) Bei der vorgenommenen Regulirung möge eine 
billige und gerechte Rücksicht auf die bereits 
im Dienste stehenden definitiven Anstaltsärzte 
insoweit genommen werden, dass dieselben nicht 
vielleicht eine Verkürzung ihrer zur Zeit be¬ 
stehenden Bezüge erfahren. 

g) Die zum vollen Pensionsbezuge berechtigende 
Dienstzeit der Anstaltsärzte möge von 40 auf 
30 Jahre herabgesetzt werden. 

h) Die Urlaube der Aerzteschaft mögen ebenso 
geregelt werden, wie die Urlaube der Landes- 
Beamten derselben Rangsklasse. 

Original from 

HARVARD UNIVERSUM 





1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


113 


sicher nicht danach angethan sein, ältere verdiente 
Primarärzte an die Anstalten zu fesseln, und steht 
gewiss in vollständigem Widerspruche zu den bei 
sämmtlichen übrigen Aemtem und Berufen geübten 
Gepflogenheiten und zu den heutigen socialen An¬ 
schauungen, und bedarf dringend einer sinngemässen 
Aenderung. 

In Würdigung aller dieser Gründe bitten die 
hochachtungsvollst Unterzeichneten Aerzte der mähri¬ 
schen Landeskrankenanstalten den hohen mährischen 
Landtag, derselbe wolle 

1) für sämmtliche Anstaltsärzte die zum Bezüge 
der vollen Pension erforderliche Dienstzeit auf 30 
Jahre herabsetzen. 


2) Das Quartiergeld ab fixen Bezug mit in die 
Berechnung der Pension einbeziehen. 

3) Für ihre Witwen und Waisen die Ver¬ 
sorgung in dem oben angeführten Sinne regeln. 

4) Für die Primarärzte den Gehalt entsprechend 
den Gehalten der Wiener Anstaltsärzte reguliren, 
ihr Quartiergeld entsprechend den jetzigen Verhält¬ 
nissen erhöhen und ihnen den unbeschränkten Be¬ 
zug von Quinquenalzulagen zugestehen. 

In dieser Eingabe erscheinen die Primarärzte der 
Landesirrenanstalten deshalb nicht mit einbezogen, 
weil deren Gehalte bereits im Vorjahre durch Land¬ 
tagsbeschluss vom 26. April 1900 in dem oben an¬ 
gegebenen Sinne regulirt wurden. 


Mittheilungen. 


Oesterreichische criminalistische Vereini¬ 
gung. I. Sitzung (27. April 1906). 

Ober-Staatsanwalt Hoegel: Einführung in das 
Ge fängniss wesen. 

Vortr. giebt an der Hand zahlreicher Planskizzen 
einen Ueberblick über die Entwicklung des Gefängniss- 
wesens von der Mitte des 18. Jahrhunderts an bis 
zur Gegenwart, bespricht besonders eingehend das 
Auburn’sche und das pensylvanische Anlagesystem 
und weist darauf hin, dass diese beiden Systeme auch 
gegenwärtig noch im Vordergründe des Interesses 
stehen. Das Auburn’sche System hat bekanntlich 
zum Prinzip Tagesgemeinschaft bei nächtlicher Ein- 
zellung, das letztere Trennung der Gefangenen bei 
Tag und bei Nacht, absolute Einzellung. Ausserdem 
haben sich Combinationen beider Systeme, die sog. 
Progressiv-Systeme herausgebildet. Vortr. erörtert die 
Vor- und Nachtheile beider Hauptsysteme, wie sie 
von den Anhängern und Gegnern derselben geltend 
gemacht worden sind, und wendet sich schliesslich zu 
einer ausführlichen Besprechung des gegenwärtigen 
Standes des Gefängnisswesens in den modernen 
Culturstaaten. Was speciell Oesterreich betrifft, be¬ 
dauert Vortr., dass in diesem Staate so wenig eigene 
Gefängnissneubauten existiren, und wendet sich gegen 
den Usus, alte Gebäude, wie Klöster, Kasernen usw. 
zu Gefängnisszwecken zu adaptiren, was stets gewisse 
Einrichtungsmängel zu Folge habe. Vortr. bekennt 
sich als Anhänger einer scharfen Scheidung der beiden 
oben genannten amerikanischen Systeme, verwirft die 
Combination beider und hebt die besonderen Vor¬ 
theile des Einzelhaftsystems, denen kein eigentlicher 
Nachtheil gegenüberstehe, hervor. Er schliesst mit 
dem Ausspruche, dass die Reform des Strafgesetzes 
von der Reform des Strafvollzuges begleitet sein müsse. 

II. und III. Sitzung (11. und 18. Mai 1906). 

Einfluss der Trunkenheit auf Straffällig- 
keit und Strafbarkeit. 

Jurist. Referent Prof. Löffler beleuchtet vom 
juristischen Standpunkte aus die Mängel der derzeit 

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geltenden strafgesetzlichen Bestimmungen (§ 2 c und 
§ 523 öst. St. G.) und giebt eine Uebersicht über 
die einschlägigen Gesetze einer Reihe auswärtiger 
Staaten. An der Hand eines grossen statistischen 
Materials beleuchtet et die Straffälligkeit Trunkener 
und beklagt es, dass dem Alkohol immer nur symp¬ 
tomatisch zu Leibe gegangen werde. 

Psychiatr. Referent Doc. v. Sölder bringt zu¬ 
nächst eine Darstellung der Symptomatologie des 
Rausches in seinen verschiedenen Spielarten, beson¬ 
ders die Formen der pathologischen Alkoholreaction. 
Er weist darauf hin, dass das öst. Strafgesetz, indem 
es die volle Berauschung neben die Formen „einer 
anderen Sinnesverwirrung, in welcher der Thäter sich 
seiner Handlung nicht bewusst war“, stellt, nur die 
intellectuelle, nicht aber die Störung der Willens- 
thätigkeit im Rausche berücksichtigt. Ref. lässt die 
pathologische Alkoholreaction stets volle Berauschung 
im Sinne des Gesetzes bedingen, qualificirt aber als 
Berauschungen im Sinne des § 523 öst. St. G. alle 
durch Alkohol hervorgerufenen Sinnesverwimmgen. 
In seinen allgemeinen Schlussfolgerungen stimmt Ref. 
mit Löffler überein, meint auch mit Löf fl er, dass 
einfache Rausche lediglich der richterlichen Beur¬ 
teilung Vorbehalten sein sollten. 

In der Discussion spricht sich Berze dahin aus, 
dass sich die psychiatrischen Sachverständigen ange¬ 
sichts der unklaren, einer Deutung bedürftigen Fassung 
des Gesetzes der Subsumtion unter das Gesetz ent¬ 
halten sollten, zumal nach der österr. Strafprozess¬ 
ordnung eine Verpflichtung des Sachverständigen zur 
Subsumtion keineswegs besteht, die Subsumtion viel¬ 
mehr unbedingt Sache -des Richters ist. Erst durch 
die Frage der Subsumtion werden in vielen Fällen 
Meinungsdifferenzen herbeigeführt; durch den Zwang 
zu subsumiren, den sich die Sachverständigen selbst 
auf erlegt haben, erschweren es sich die Sachverständi¬ 
gen, das non liquet auszusprechen, wo es am Platze 
wäre, und setzen sich die Sachverständigen in die 
Nothlage, ganz gegen rein psychiatrische Grundsätze 
an den sogenannten einfachen oder normalen Rausch 

Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 




PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. ii. 


114 


einen anderen Maassstab anzulegen, als an den patho¬ 
logischen. 

v. Wagner stimmt dem Vorredner, soweit die 
Subsumtionsfrage in Betracht kommt, voll bei, will 
aber andererseits betonen, dass der Sachverständige 
bei der Erörterung der das psychiatrische Gebiet be¬ 
rührenden strafgesetzlichen Bestimmungen ein ent¬ 
scheidendes Wort mitzureden habe. Bezüglich der 
strafrechtlichen Behandlung der Räusche stimmt 
v. Wagner mit dem psychiatrischen Referenten 
überein. Mit besonderem Nachdrucke weist er 
darauf hin, dass viele Straffällige Zu Unrecht als 
Alkoholiker hingestellt werden, weil bei ihnen der 
Alkpholisraus neben der Depravation eine ganz neben¬ 
sächliche Rolle spiele; es sei nicht recht, für solche 
Straffällige statt der Verbringung in eine Strafanstalt 
die Detention in eigenen Anstalten zu verlangen. 
Ebenso unrichtig sei es, zu verlangen, dass man die 
richtigen depravirten Trinker in Trinkerheilanstalten 
bringen solle; gegen die criminellen Trinker sei mit 
Trinkerheilanstalten nichts auszurichten, sondern nur 
mit Trinkerasylen. Eingehend weist v. Wagner 
noch auf die häufigen Beziehungen zwischen der be¬ 
sonderen krankhaften Verfassung des Angetrunkenen 
oder Betrunkenen und der besonderen Art und den 
besonderen Umständen des Delictes hin, Beziehungen, 
welche die strafrechtliche Verantwortlichkeit in be¬ 
stimmten Delictsfällen schon bei niederen Graden der 
Trunkenheit vermindert oder aufgehoben erscheinen 
lassen. 

Hoegel pflichtet im Wesen den Anschauungen 
v. Wagner’s bei; ersucht dann v. Wagner um 
Aufklärung, auf welche Weise der Richter etwa die 
Unterscheidung, zwischen einem einfachen und einem 
pathologischen Rauschzustände treffen solle, worauf 
v. Wagner eingehend die Anzeichen der gewöhn¬ 
lichen und pathologischen Alkoholreactionen bespricht. 

Hoevel findet, dass die Richter in praxi das¬ 
selbe thun, was gerade Hoegel gethan habe, sie 
fragen den Sachverständigen, was pathologisch sei; 
somit sei bewiesen, dass der Sachverständige die 
Subsumtion zu erledigen habe. 

Berze erwidert, dass die Frage HoegePs mit 
der Subsumtions-Angelegenheit gar nichts zu thun 
habe, was schon daraus hervorgehe, dass auch ein 
sog normaler Rausch, wenn er nur tief genug sei, 
geradeso unter § 2c subsumirt werden müsse, wie 
der sog. pathologische Rausch. Er setzt noch ein¬ 
mal auseinander, dass der Sachverständige nichts 
anderes zu thun habe, als „die Natur der Krankheit, 
die Art und den Grad derselben zu bestimmen und 
sich.über den Einfluss auszusprechen, wel¬ 

chen die Krankheit auf die Vorstellungen, Triebe und 
Handlungen des Beschuldigten sc. zur Zeit der That) 
geäussert habe“, wie § 134 der öst. St. P. O. sagt. 

Löffler stimmt in der Subsumtionsfrage mit 
v. Wagner und Berze überein und erklärt, dass in 
praxi dieser Grundsatz leider durch die Fragestellung 
des Richters öfters durchbrochen werde, was wohl 
hauptsächlich auf die Ueberbürdung des Richter¬ 


personales zurückzuführen sei. Redner ist für die 
Unterbringung crimineller Trinker in Irre?ianstalten, 
solange keine eigenen Anstalten für criminelle Geistes¬ 
kranke bestehen. In diesem Punkte opponirt ihm 
v. Wagner. 

v. Sölder sucht zum Schlüsse noch die Praxis 
der Gerichtsärzte in der Subsumtionsfrage zu ver¬ 
teidigen, wobei er auf Gründe verweist, die er bei 
anderer Gelegenheit bereits vorgebracht habe. 

— Jahresversammlung des Deutschen Ver¬ 
eins für Psychiatrie in München am 20. und 
21. April 1906. (Schluss.) 

Am 22. April fand die Besichtigung der neuen 
oberbayerischen Kreisirrenanstalt E gl fing, Station 
Haar bei München statt Ca. 150 Mitglieder des 
Vereins waren der Einladung des Direktors Dr. 
Fr. Vocke gefolgt, der nach einer Begrüssung der 
Gäste im Theatersaale an der Hand eines Ueber- 
sichtsplanes eine Schilderung der Anstalt gab. Dann 
erfolgte die Führung der in drei Abtheilungen grup¬ 
pierten Gäste durch die Anstalt unter eingehender 
Erläuterung der technischen und Krankenpflege¬ 
einrichtungen (Vergl. die in Nr. 3 dieser Zeitschrift 
veröffentlichte Beschreibung.) Zum Schluss wurden 
die Gäste mit einem ausgezeichneten Frühstück in 
liebenswürdigster Weise bewirthet. 

Bau und Einrichtung der Anstalt Eglfing fanden 
allseitig und in reichstem Maasse Beifall und Be¬ 
wunderung. Unstreitig ist Eglfing gegenwärtig die 
mustergültigste Landesirrenanstalt der Welt. Zahl¬ 
reiche behördliche Commissionen und Aerzte des 
In- und Auslandes haben die Anstalt bereits be¬ 
sucht und fast jede Woche treffen solche ein, um 
die Einrichtungen kennen zu lernen und sie' bei 
Neubauten zum Vorbild zu nehmen. Auf Jahrzehnte 
hinaus wird Eglfing in dieser Hinsicht eine rege 
Anziehung auf die interessierten Verwaltungs- und 
Aerztekreise ausüben. 


Personalnachrichten. 

Alt-Scherbitz. Der hiesige Oberarzt Dr. Gross 
wurde zum Direktor der im Bau begriffenen ober- 
elsässischen Bezirks-Heil- und Pflegeanstalt in Rufach 
bei Colmar gewählt und wird am 1. Oktober d. Js. 
nach Colmar übersiedeln, um zunächst von dort 
aus den Bau zu leiten. 

Obemigk bei Breslau. Dr. Löwenstein, früher 
Oberarzt der Scholinus’schcn Anstalt in Pankow 
hat am 15. Mai d. Js. die ärztliche Leitung der 
Dr. Lewald’schen Privatirrenanstalt in Obernigk 
übernommen. 

Unserer heutigen Nummer liegt ein Pro¬ 
spekt der 

Höchster Farbwerke, vorm. Meister, 
Lucius & Brüning in Höchst a. M. 
über „Trigemin“ 

bei, welchen wir der gefl. Beachtung unserer Leser 
noch besonders empfehlen. 


Für dt- 11 redactionellrn Th eil verantwortlich: Oberarzt Dr. J. 1 5 r r s 1 e r , Lublinitz ^Schlesien). 

.Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratcnannahme 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a.S. 

Heynemann’sche Buchdruckcrci (Gebr. Wolff) in Halle a. S. 


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Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 





Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lubtinitz (Schienen). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telefr.’Adren*: Atarbold Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 823. 

Nr. 12. 16 . juni. 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden Ar die 3 gespaltene Petitseile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermfiasigung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler. Lublinits (Schlesien), cu richten. 


Zur Kostenfrage grösserer oder kleinerer Krankenpavillons. 

Nach einem Vortrage in dem Verein der Irrenärzte Niedersachsens und Westphalens in Hannover 

5. Mai 1906. , 

Von Dr. Delbrück, Director des St. Jürgenasyls in Ellen (Bremen). 


VTachdem der Pavillonstyl vor 25—30 Jahren im 

Krankenhausbau im Allgemeinen immer mehr 
Anerkennung gefunden hatte, ist er im Irrenanstalts¬ 
bau seither in dem Maasse herrschend geworden, 
dass eine Durchsicht der neueren Litteratur mich zu 
der Ueberzeugung brachte: Die Frage „Pavillonstyl 
oder Conidorsystem“ wird überhaupt nicht mehr dis- 
cutirt Dagegen werden in neuerer Zeit grosse An¬ 
stalten von 1000—1500 Betten jetzt immer mehr 
beliebt und ganz vereinzelt wird auch grösseren Pavillons 
aus Sparsamkeitsrücksichten das Wort geredet 
Wenigstens äussern sichMöli*) und Starlinger**) 
ausführlich über die Voraussetzungen und Bedingungen, 
unter denen sie grössere Pavillons in ihren grossen 
Anstalten in Berlin und Wien für zulässig halten* 
In der Versammlung der südwestdeutschen Irrenärzte 
im November vor. Js. erklärte nun auch Sioli***) 
wieder: „die hochentwickelten kleinen Pavillons sind 
za theuer und dadurch für die Irrenfürsorge schädlich“. 
Fast möchte man sich darüber wundern, dass man 
solchen Ansichten nicht viel häufiger und in nach¬ 
drücklicherer Form begegnet — in unserer heutigen 
Zeit, wo man „natürlich“ alles, was das Herz begehrt, 
viel besser und billiger bei Wertheim kauft, als in 
einem kleineren Specialgeschäft, wo wir nicht mehr 
weit von der Centralisation des Kohlenhandels für 
das deutsche Reich und von einem Weltschifffahrts¬ 
monopol sind, und wo die Schnelldampfer immer 
schneller laufen, je grösser man sie baut Gross¬ 
betrieb ist Trumpf und man möchte sich beinahe 
fragen, warum der preussische Staat nicht etwa die 

*) Diese Wochenschrift IV. S. 465. 

**) „ ' w V. S. 525. 

***) Centralbl. f. Nervenheilk. u. Psychiatrie XXIX S. 69, 


ganze Lüneburger Haide aufkauft (wo der Grund 
und Boden ja noch billig ist) und hier eine grosse 
Irrenanstalt für die ganze Monarchie errichtet. Der 
Grossbetrieb müsste sich dabei doch zu so idealer 
Höhe steigern lassen, .dass man hoffen dürfte dadurch 
die Anstalt, umsonst zu bekommen oder vielleicht 
sogar erhebliche Einnahmen damit zu erzielen. — So ab¬ 
surd dieser Scherz auch erscheinen mag, so ver-: 
anschaulicht er doch deutlich das, was ich betonen 
möchte. Es handelt sich um das alte Problem von 
Achilles und der Schildkröte: Eine Anstalt von 
400—500 Betten wird wesentlich billiger sein, als 
vier kleinere von 100—125 Plätzen. Die Erspamiss 
wird aber erheblich geringer, wenn Überhaupt vor¬ 
handen, sein, wenn man anstatt vier kleinerer An¬ 
stalten von 400—500 Betten eine grosse, für 1600 
bis 2000 Kranke baut Je grösser die Anstalt, desto 
kleiner wird die Ersparniss; es kommt also. darauf 
an, diese Progression festzustellen und ausfindig zu 
machen, bei welcher Krankenzahl die Erspamiss so. 
minimal wird, dass sie practisch nicht mehr ins Ge¬ 
wicht fällt Ja! es wäre überhaupt erst noch zu er¬ 
mitteln, ob die Ersparniss erst bei der unendlich, 
grossen Anstalt gleich Null wird, oder etwa schon bei 
einer endlichen, praktisch vorkommenden, Grösse, 
um dann bei weiterer Vergrösserung negativ zu werden, 
das heisst in eine Vertheurung umzuschlagen. Be¬ 
kanntlich haben Pätz und andere Fürsprecher der 
colonialen Anstalten von jeher behauptet, dass die 
grossen Corridorbauten theurer wären als das Pa¬ 
villonsystem und dafür eine Reihe einleuchtender 
Gründe vorgebracht, die bis jetzt, so viel ich sehe, 
nicht widerlegt sind. Die Billigkeit dürfte wesentlich 
zu der allgemeinen Verbreitung des Systems beige- 


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HARVARD UNfVERSITY 















116 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 12; 


ragen haben. "SpecTell Hat sich Herr College Alt*) 
in UcHtiiprinfee bemüht den fraglichen Nullpunkt zu 
ermitteln; eiklart eine Anstalt von 500—600 und 
ein Haus von 40—50 Betten für das Optimum, 
dessen Uebertchreituhg eine Verteuerung für die 
Ahstält Und für das einzelne Haus bedinge, sowohl 
hinsichtlich der Baukosten, wie des Betriebs. Er hat 
mir persönlich erst neuerdings wieder sehr beweis¬ 
kräftiges Material für seine Behauptungen vorgelegt, 
so die Abrechnungen über gleichzeitig in Uchtspringe 
erbaute grössere und kleinere Häuser, sowie Kosten¬ 
anschläge für eine neu zu erbauende Anstalt nach 
dem einen wie nach dem anderen System. 

Ueber grössere Anstalten fehlen mir eigene Er¬ 
fahrungen. Was aber die einzelnen Häuser anbe¬ 
langt, so sind die unsrigen in Ellen für 40—50 Betten 
berechnet, aber wegen Platzmangels mit einer weit 
höheren Krankenzahl belegt. Bei dieser Belegung 
ist die dem Stationsvorsteher zufallende Arbeit ent¬ 
schieden zu gross. Die Wachabtheilungen sind fast 
allgemein auf 12—13 Betten berechnet, aber natürlich 
auch überlegt und jetzt sind fast ständig mindestens zwei 
Pfleger gleichzeitig im Saale thätig. Es liegt auf der 
Hand, dass das unzweckmässig ist. Irgendwelche 
Schwierigkeiten hinsichtlich rascher Hülfe von mehr 
Pflegerpersonen, oder der Ablösung derselben haben 
sich niemals ergeben. So komme ich nach unseren 
Erfahrungen zu dem Schluss, dass die jetzige Grösse 
der Atheilungen zu hoch ist und die ursprünglich 
beabsichtigte Beleghöhe gerade das zulässige Maximum 
darstellt. Unsere Erfahrungen decken sich also mit 
denen A 1 1’s und ebenso mit denen Starlinger’s 
und M ö 1 i ’s, die beide ihre grossen Häuser gleichsam 
in kleinere Abtheilungen von 25—40 Betten auflösen. 
Hinsichtlich des Personals und somit wohl überhaupt 
des Betriebs lassen sich demnach durch grössere Häuser 
keine Ersparnisse erzielen. Im Gegentheil: wenn 
man in solchen die nöthige Uebersichtlichkeit und 
Einheitlichkeit des Betriebs aufrecht erhalten will, so 
würde das m. E. ein Plus an Arbeit bedingen, das 
nothwendig ein Plus an Ausgaben verursachen müsste. 

Was nun die Baukosten anbelangt, so fehlen mir 
leider die Zahlen für die einzelnen Häuser, für die 
die Abrechnung nicht getrennt durchgeführt ist. Aber 
folgende Erwägungen scheinen mir der Mittheilung 
werth: Die Fürsprecher grösserer Häuser setzen 

mfeistens deren Billigkeit als selbstverständlich voraus 
und im wesentlichen hört man von Laien wie von 
Sachverständigen (Architecten und Psychiatern) immer 
nur das eine Argument, dass die grösseren Häuser 

*) Vcrgl. u A. diese Wochenschr. IV. S. 4;. 


„natürlich“ billiger sind; und das so häufig, dass es 
sich hierbei um mehr als eine billige Redensart han- 
dein muss. In der That glaube ich, dass sich diese 
allgemein aufgestellte Behauptung auf die bewusste 
oder unbewusste Erkenntniss einer einfachen mathe¬ 
matischen Thatsache stützt: Wenn man nämlich 
Rechtecke von gleicher Form (dem gleichen Ver- 
hältniss der Seiten zueinander) aber verschiedener 
Grösse miteinander vergleicht, hat immer das grössere 
einen verhältnissmässig geringeren Umfang. Da 
nun die Umfassungsmauern eines Hauses einen 
nicht unwesentlichen Theil der Kosten bedingen, 
so wird man immer eine Ersparniss erzielen, 
wenn es gelingt, den Grundriss eines zu erbauenden 
Hauses in beiden Frontrichtungen im gleichen Ver- 
hältniss zu vergrössern. Ein grösseres Haus wird in 
diesem Falle nur halb so viel Umfassungsmauern er¬ 
fordern, als vier kleinere von gleichem Flächeninhalt, 
also viel billiger zu stehen kommen; (vergl. die Fig. 
I und II). 



Andererseits aber hat nun unter Vierecken von 
gleichem Umfang, aber verschiedener Form das 
Quadrat den grössten Flächeninhalt und dasjenige 
Rechteck den kleinsten, das das kleinste Verhältnis 
der Seiten zueinander hat (das am meisten in die 
Länge gestreckt ist). Man vergleiche hierzu die Figuren 
III—V; das Quadrat hat einen etwa dreizehn mal so 


Fig. III. 


Fig. IV. 

grossenElächeninhalt wie das kleinere Rechteck* Daraus 
folgt, dass bei einer gegebenen Länge der Umfassungs¬ 
mauer die Quadratform die billigste Grundrissanord¬ 
nung repräsentirt, und sich äie Baukosten in dem 
Maasse vertheuern werden, als man genöthigt ist den 


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YSY€WATRlSGK>NEU&QmGlSm&_ WOCHENSCHRIFT, 


Grundriss m die uLänge zu. Strecken^ Hierdurch ; er¬ 
leidet der Satz, dass man durch Vergrösaerung des 
Grundrisses eine Erspamiss erzielt eia^ wesentliche 


Fig. V. 

Einschränkung. Er besteht zunächst so lange zu 
Recht, als es möglich ist, dem Haus noch annähernd 
einen quadratischen Grundriss zu geben. Damit ge¬ 
langt man aber bald an eine obere Grenze, weil bei 
weiterer Vergrösserung die Räume des Hauses nicht 
das genügende Licht bekommen würden. Welches 
diese obere Grenze ist, hängt natürlich ab: einmal 
von der Höhe der Geschosse und dann von der 
Grösse und dem Zweck der in dem Hause herzu¬ 
stellenden Räume. Bei einem Pavillon für Geistes¬ 
kranke wird man nun nicht gut über ein Quadrat von 
20 Metern, also einem Flächeninhalt von 400 Quadrat¬ 
metern hinausgehen können. Dieses Maass ist aber 
wohl zulässig. Wir haben hier in Ellen ein derartiges 
Haus; ich finde quadratische Grundrisse von solchen 
Abmessungen in den Plänen der Hamburger Irrenan¬ 
stalt Langenhorn, der Anstalt Altscherbitz, sowie der 
Anstalt Münsterlmgen. Der letztere Pavillon misst 
sogar 22 — 2 4 Meter, ist aber in den grossen Kranken¬ 
sälen vielleicht schon etwas mangelhaft belichtet. 

Ich glaube also mit 20 Meter die obere zulässige 
Grenze richtig normirt zu haben. — Will man nun 
über diesen Flächeninhalt von 400 Quadratmetern 
Grundfläche noch hinausgehen, ist das nur möglich, 
indem man zwar die eine Front des Hauses ver¬ 
längert, gleichzeitig aber die andere Front, die Tiefe 
des Hauses verkürzt Es fragt sich also, ob man 
durch eine derartig ungünstigere Grundrissanordnung 
rieht die Baukosten in dem Maasse vertheuert, dass 
die durch die Vergrösserung angestrebte Ersparn iss 
nieder verloren geht. Wenn man nun nach der 
dafür in Betracht kommenden Formel*) das Verhält- 

*) Sei a die Frontlänge des kleineren quadratischen Hauses, 
m das Plus (gegenüber a) der langen Front des grösseren recht- 
dügeo Hauses, n das Minus der kleinen Front (Tiefe) des- 


iriss berechnet, das die beiden Fronten verschiedener 
grösserer Häuser haben müssten, wenn, Verr 
grösserung des Grundrisses weder eine: E^sparni^s, ppch 
eine Vertheuerung der-Baukosten verursachet* sjodl, 
ergeben sich dabei als' Beispiel folgende Abmessungen 1 
Ein Haus von 25 m 6,8 Metern (würde nur etwa V 20 
mehr Flächeninhalt haben) oder ,von 6 q : 12 Metern 
(mit annähernd. doppeltem Flächeninhalt), oder von 
100:11,1 Metern (mit beinahe dreifachem) . oder 
von 160:10,8 Metern (mit mehr als vierfachem 
Flächeninhalt.) Selbst bei zehnfachem Inhalt und 
420 Meter Front würde man erst auf eine Tiefe von 
10,2 Metern kommen. Sollte, man die Tiefe grösser 
anlegen können, so würde.das noch eine kleine Er- 
pamiss bedeuten. Sollte man noch unter das Maass 
hinuntergehen müssen, eine Vertheuerung. Vergleicht 
man nun diese theoretisch ermittelbaren Zahlen mit 
den Maassen verschiedener Grundrisse, so findet man 

selben, ferner i:x das Verhältnis^ der Grundflächen und 1: y 
das Verhältniss der Umfassungsmauern beider HSuse*, *0 ist 
i:x a*: (a+ m).(a-*..n) . 

(a + nj) (a —n) 

X * -a* " 

a*-(-am -a.D —m. n 


i:y= 4 a ;2 ([a4-m]+f a *- n ]) 

2 a+m — n 

y=—n— 

a a 

= p : ■ 

Wenn das grössere Haus weder eine Ersparnis*, nöch eine 
Vertheuerung bedeuten soll, so muss i:x. =f= i:y seia^oder 
x «*= y, mithin 

a a 

• 1 a*4- —m— n 

a*-h am — a n — m n ' 2 2 


a*—a’-fam 


an-J-m .n 


(a-j)m = (a+m-j) ri 

2 m = (7+*■).■=. 


* . a 

m+7 

Also ist n, das heisst die Länge um welche die Tiefe des 
grösst möglichen Quadratgrundrisses reducirt werden muss,'immer 


ein Bruchtheil von 


Dieser Bruch wächst mit wachsendem m’ 


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wird aber erst «= i, wenn m = 00 ist, das heisst in .dem un¬ 
endlich laDgeo Hause. Wenn also 20 Meter die Front des 
maximalen Quadrats ist, muss die Tiefe eines grösseren recht¬ 
eckigen Hauses immer grösser als 10 Meter sein ; ist sie kleiner 
m 

«s 10 | |( ; , so bedingt das eine Vertheuerung der Baukosten* 

ist sie grösser, eine Erspatmiss, 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Nr. i2. 


ii 8 


z. B. die Abmessungen 60 :12 Meter in den meisten 
(reichlich grossen) Pavillons der Irrenanstalt Weil- 
münster. Auch für andere grössere Pavillons ist eine Tiefe 
von 12 Metern durchaus kein ungewöhnlich niedriges 
Maass. In grossen Corridorbauten findet man aber eine 
durchschnittliche Tiefe von nur 10 Meter häufig ! So 
in der Züricher Irrenanstalt Burghölzli mit rund 500 
laufenden Metern Gebäudefront, in der alten Hamburger 
Irrenanstalt Friedrichsberg, einem Muster von Corridor- 
system, deren einzelne Gebäudetrakte vielfach die 
Länge von 100 Metern noch nicht erreichen, in dem 
Chirurgischen Haus in Bremen! Das alte St.Jürgen*- 
asyl in Bremen misst stellenweisse sogar nur 8 Meter, 
würde sich also schon merklich theurer stellen, als 
kleinere Pavillons. 

Im Allgemeinen darf man aus allen diesen Be¬ 
rechnungen jedenfalls wohl den Schluss ziehen, dass 
schon allein in diesem rein schematischem Sinne eine 
Vergrösserung der Pavillons über etwa 400 Quadrat¬ 
meter Grundfläche hinaus schon keine Erspamiss der 
Baukosten mehr bedeuten kann! 

Diese .Grösse dürfte etwa dem Schema zahlreicher, 
annähernd quadratischer Pavillons für 40 — 50 
Kranke, so auch der betreffenden Häuser in Ucht- 
springe entsprechen, und wir hätten hier also sozu¬ 
sagen einen mathematischen Beweis für das - vön Alt 
empirisch gefundene Optimum. 

„Aber! die Kosten eines Hauses hängen nicht 
allein von den Umfassungsmauern ab,*‘ wird mir ein¬ 
gewendet: „In einem grösseren Hause braucht man 
nur Ein Treppenhaus, Einen Baderaum etc.“ (Der 
Einwand wurde mir nicht von einem Psychiater ge¬ 
macht.) Nun hat Möli a. a. O. als Muster den Grund¬ 
riss eines Hauses für 150 Kranke abgebildet, dessen 
Vergleich mit unseren Plänen für neue Häuser in Ellen 
ä 50 Betten folgende interessante Zahlen ergaben: 
Für 100 Kranke werden gefordert in Ellen und in 
Berlin, in gleicher Weise: 24 Krankenräume, 12 Bad- 
u. Kloseträume, 4 Besuchs- u. Arztzimmer, 2 Treppen¬ 
häuser und etwa 80 laufende Meter gewöhnlicher 
kleinerer Corridore. Nur die Zahl der Theeküchen 
und Garderoben stellt sich in Ellen höher. Dagegen 
berechne ich in den Berliner Häusern grosse Corridore 
in einer Ausdehnung, die etwa 16% der gesammten 
bebauten Grundfläche entsprechen. Die Berliner 
Korridore sollen nun allerdings gleichzeitig als Tage¬ 
räume dienen. Diese sind aber in den hier in Be¬ 
tracht kommenden Häusern für vorwiegend bettlägrige 
Kranke ohnehin von geringer Ausdehnung, sodass 
daran viel Ersparnisse nicht gemacht werden können 
(die Corridore stellen sich auf 2 k der gesammten Wohn¬ 


zimmerfläche). Ich gebe zu, was Sioli betont, dass 
sich so ausgedehnte Corridore vermeiden lassen, in 
manchen grösseren Pavillons, in Berlin und anderwärts 
vermieden worden sind, und so die dadurch bedingte 
Vertheuerung auch vermieden werden kann. Jedenfalls 
beweist aber der Vergleich, dass in grösseren Häusern 
wesentliche Ersparnisse auch an den einzelnen Räu¬ 
men und somit an den Zwischenmauern unmöglich 
zu erzielen sind. 

„Aber die Anlagen für elektrisches Licht, Heizung, 
Wasserleitung, Abwässer sind in grossen Häusern viel 
billiger!“ Die thatsächlichen Erfahrungen in Uchtspringe 
beweisen das Gegentheil. Das hat auch mich zunächst 
überrascht. Wenn man sich aber diese Anlagen in 
kleineren und grösseren Häusern genau ansieht oder 
vergegenwärtigt, erkennt man leicht, dass jedenfalls 
die Hausinstallationen in diesen kleinen einfachen Pa¬ 
villons mit einer Badestube etc. billiger sein müssen, 
als die ungemein langen und complicierten Leitungen 
in langgestreckten grossen Häusern. 

Dagegen betont nun allerdings Möli nicht mit 
Unrecht, dass viele kleinere Häuser Mehrkosten bei 
den Zuleitungen von Heizung, Licht, Wasser, Kana¬ 
lisation und Wegen verursachen. Das mag sein. 
Wenn man aber das gesammte Plus und Minus gegen¬ 
einander aufrechnet, ist es mir immer noch sehr viel 
wahrscheinlicher, dass die grösseren Häuser theurer 
sind. Jedenfalls können doch die dadurch erzielten 
'Ersparnisse nicht nennenswerth ■ sein. 

Es ist sehr bedaueilich, dass über diese eminent 
wichtige Köstenfrage nicht mehr einwandfreies Zahlen¬ 
material vorliegt. W e n n die grösseren Häuser wirk¬ 
lich billiger sind, haben wir ja sicher die Pflicht — 
darin stimme ich Sioli unbedingt bei — sie zu befür¬ 
worten, überall da, wo sie uns vom psychiatrischen 
Standpunkt aus zulässig erscheinen. Aber darüber, 
dass für die Kranken kleinere Anstalten und kleinere 
Häuser das bessere sind, sind wir uns doch wohl 
alle einig! Wenn wir darauf verzichten, geschieht es 
immer nur aus Noth. Unter diesen Umständen ist 
es gewiss unsere Pflicht, in erster Linie die Frage, 
sorgfältig zu prüfen, ob überhaupt und unter welchen 
Umständen die Hoffnung auf Ersparnisse begründet 
ist. Im Ganzen kann ich mich des Eindrucks nicht 
erwehren, dass diejenigen, die die kleinen Häuser für 
billiger halten, stichhaltigere Beweise für ihre Behaup¬ 
tungen vorgebracht haben, als die Gegner, ja dass 
die letzteren vielfach ganz auf solche verzichten. So 
„natürlich“ die Annahme auf den ersten Blick auch 
erscheinen mag, so ergiebt doch einiges Nachdenken 
sicher soviel, dass sie einer wirklichen Begründung 


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1906.3 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 119 


vorläufig noch völlig entbehrt. Ich habe den leisen die Unfehlbarkeit des' Grossbetriebs. Davor sollten 
Verdacht, dass sie etwas mitbedingt ist durch einen wir uns hüten. Schön sind diese Engros-Betriebe in 
zu weit gehenden, blinden Glauben unserer Zeit an der Irrenpflege sicher nicht! 


Die Paralyse im Kanton Luzern während des Zeitraumes von 1873—1900. 

Von Dr. J. Elmiger , II. Arzt, St. Urban. Ktn. Luzern. 


j^er Kanton Luzern weist zum grössten Theil eine 
agricole Bevölkerung auf. Dieselbe betrug im 
Jahre 1874 = 134000 und im Jahre 1900 = 145000 
Personen. Wir dürfen also die durchschnittliche Be- 
völkerungsziffer auf 140000 veranschlagen während 
des Zeitraumes von 1873 (Gründung der Anstalt) 
— 1900 (inclusive). Während diesen 28 Jahren 
wurden an der Anstalt 1166 Männer und 1191 Frauen, 
also im Ganzen 2357 Kranke verpflegt, welche ihren 
Wohnsitz im Kanton hatten. 

Die Zahl der Paralysen betrug 91 (74 Männer 
und 17 Frauen). Es ist dies sicher eine geringe 
Ziffer; die Paralysen betragen bloss 3,8% aller Geistes¬ 
kranken, während bei Grossstadt- und Industriebe- 
völkemng die Paralysen 25—30% der Geisteskranken 
ausmachen. 

Unter den ursächlichen Momenten konnten bei 
unsem Paralysen folgende nachgewiesen werden: 

In neun Fällen konnte Lues nachgewiesen werden, 
was bloss 9,8% sämmtlicher Fälle ausmacht. Die 
Lues ist in der That bei unserer Landbevölkerung 
eine sehr seltene Krankheit. 

In 29 Fällen oder in 31% wird Alkoholismus als 
ätiologisches Moment erwähnt. In 10 Fällen ist es 
übermässiger Schnapsgenuss; in 2 Fällen übermässiger 
Genuss des sog. „Schwarzen“ (schwarzer Kaffee mit 
Schnaps) und in einem Falle übermässiger Genuss 
von Liqueurs. In fünf Fällen war der Alkoholismus 
noch kompliziert mit Delirium tremens; dasselbe trat 
gewöhnlich 3—4 Wochen vor dem Ausbruch der 
Paralyse auf. 

Fünf Mal werden Schädeltraumen erwähnt. Einzelne 
Fälle davon sind näher beschrieben: 

Einem Handwerker fiel ein Stück Eisen auf den 
Kopf vor einem Jahre. Es stellte sich umittelbar 
nach dem Trauma Schielen ein und nach einem Jahre 
Paralyse. Ein anderer stürzte vor 10 Jahren von 
einem Wagen herunter und verletzte sich am Kopf; 
im Anschlüsse daran stellten sich mehrere Schwindel¬ 
anfälle ein. Ein Dritter verletzte sich durch Fall auf 
den Kopf vor 8 Jahren und war nachher längere Zeit 
bewusstlos. 


Weitere Ursachen sind die deprimirenden, lange 
dauernden und nagenden Gemüthszustände, wie lange 
dauernder Kummer und Sorgen, besonders häufig 
infolge Vermögensverlust durch Bürgschaft; ferner 
Ueberanstiengung im Beruf; körperliche und geistige 
Ueberanstrengung überhaupt. 

Am meisten Interesse bei unsem Paralysen dürfte 
wohl eine nähere Untersuchung und Zusammen¬ 
stellung der verschiedenen Berufsarten beanspruchen, 
denn schon längst wurde hervorgehoben, dass einzelne 
Berufe ganz auffallend viele Erkrankungen an Paralyse 
aufweisen, so zum Beispiel die Offiziere, die Handels¬ 
und Kaufleute, die Bewohner der Grossstädte, da¬ 
gegen wird von französischen Autoren darauf hin¬ 
gewiesen (Bouchaud, Annales de Psychologie), dass 
die französischen Geistlichen einen sehr geringen 
Procentsatz von Paralysen aufweisen; ebenso soll auch 
die Landbevölkerung nur in geringem Maasse an Para¬ 
lyse erkranken. Man hat diese Erscheinung im ersten 
Falle mit der Häufigkeit, im letzten Falle mit der 
Seltenheit der Lues in Zusammenhang gebracht. 

Da nun die Bevölkerung, welche ihre Geistes¬ 
kranken nach St Urban sendet, zum grössten Theil eine 
agricole ist, so musste öbige Thatsache sich ebenfalls 
konstatieren lassen, und das ist in der That auch 
der Fall. 

Es sind nämlich unter den 74 männl. Paralysen 
nur 12 Landwirthe und Landarbeiter, was 16% aus¬ 
macht. Nun sind aber unter diesen 12 Fällen eigent¬ 
lich nur 6, welche stets der Landarbeit oblagen. Bei 
den 6 Andern werden noch folgende Beschäftigungen 
angegeben. Einer war viele Jahre Matrose auf dem 
Meere, ein Anderer war Holzhändler, ein Anderer 
führte lange Jahre ein Vagabundenleben; ein Vierter 
war Postillon, ein Anderer war in neapolitanischen 
Kriegsdiensten, ein Anderer war Pferdewärter. 

Auffallend gross ist bei unsern Paralysen die Zahl 
der Handwerker. Diese beträgt 39 oder 52%. Von 
diesen lebten Viele lange Jahre in der Fremde und 
häufig in den Grossstädten. 

Kaufleute, Handelsleute und Wirthe sind 14 oder 
18% aller männlichen Paralysen. 


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120 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT* 


[Nr. 12. 


Gelehrte Berufsarten, wie Apotheker, Architekten, 
Kanzlisten u. s. w. sind 12 oder 16%. 

Von den 17 Paralysen bei Frauen wiid folgendes 
erwähnt in Bezug auf den Beruf: 

Acht Hausfrauen, wovon eine zuerst Kellnerin 
war; ferner 3 Köchinnen, wovon alle in grössem 
Städteif in Dienst gestanden sind; ferner eine Kellnerin, 
eine Fabrikarbeiterin; zwei Wirthinnen, eine Glätterin 
und eine Puella publica. Von den 17 Frauen lebten 
10 längere Zeit in grösseren Städten. 

Eine auffallende Erscheinung bei unsern Paralysen 
ist diese, dass in 48 Fällen oder 52 % eine gute oder 
meistens sogar sehr gute Begabung hervorgehoben ist. 
Es scheint also ein lebhaftes Geistesleben, welches 
mit der guten Begabung meistens einhergeht, ein 
prädisponirendes Element bei der Entstehung der Para¬ 
lyse zu sein. 

Eine weitere, auffallende Erscheinung bei unsern 
Paralysen ist folgende: 

In 47 Fällen oder in 52% werden die gleichen 
oder doch ähnliche Anomalien des Gemüthslebens 
erwähnt. So heisst es in den meisten Fällen: „er 
war stets sehr jähzornig“, „er hatte ein cholerisches 
Temperament“, „er war aufgeregt und leidenschaftlich“, 
„sehr leicht zum Zorn gereizt“, „er war zanksüchtig 
und leidenschaftlich“. 


Diese letztere Anomalie des Gemüthslebens scheint 
nach unsern Erfahrungen ein prädisponirendes Mo¬ 
ment bei der Entstehung der Paralysen zu sein; denn 
die Bevölkerung unseres Kantons zeichnet sich eher 
aus durch ihr ruhiges, gesetztes und durchaus nicht 
aufgeregtes Temperament. 

Die Heredität (directe sowohl als indirecte) lässt 
sich in der Hälfte aller Fälle nachweisen. 

Nach unsern Erfahrungen kommen wir zu folgen¬ 
dem Schlüsse: 

Die landwirthschaftliche Bevölkerung 
zeigt eine sehr geringe Tendenz zur Er¬ 
krankung an Paralyse. Die 140000 Ein¬ 
wohner des agricolen Kantons Luzern weisen 
91 Fälle von Paralyse auf während eines 
Zeitraumes von 28 Jahren, was 3,8% sämmt- 
licher Geisteskrankheiten ausmacht 

Am meisten fällt aber auf, da'ss unter 
den 74 Paralytikern nur 6 Landwirthe sind, 
während die übrigen Kranken dem Hand¬ 
werks s tande und andern Berufsarten ange¬ 
hören. 

Dem Herrn Director Lisibach danke ich bestens 
für die Ueberlassung des Materials, sowie für die that- 
kräftige Hülfe, die er mir bei dieser Arbeit stets zu 
Theil werden Hess. 


Mittheilungen. 


— Eine amerikanische Stimme über deutsche 
Irrenanstalten. In einem Artikel über die Irren- 
fürsorge und das Studium der Irrenheilkunde in 
Deutschland im Journal of Nervous and Mental Dis¬ 
ease, April 1906, schreibt Stewart Paton (New 
York): 

„Dem Versuch, deutsche und amerikanische Irren¬ 
fürsorge und Irrenheilkunde mit einander zu ver¬ 
gleichen, stehen zwar Schwierigkeiten im Wege, die 
in der Verschiedenheit der Verhältnisse beider Länder 
selbst tief begründet sind und sich nicht gut ignoriren 
lassen. Eine solche Betrachtung fördert aber immer¬ 
hin manche recht bemerkenswerthe Gesichtspunkte 
allgemeiner Natur zu Tage. 

Der Geist des Optimismus beseelt in Deutschland 
diejenigen Aerzte und gebildeten Laien, welche sich 
mit der Unterbringung und Pflege der Geisteskranken, 
mit der Erforschung des Verlaufs und Ablaufs der 
Geistesstörungen und ihrer Verhütung zu befassen 
haben. 

Diese Zuversichtlichkeit ist berechtigt, angesichts 
der günstigen Bedingungen, unter denen die deutschen 
Irrenärzte heutzutage wirken. Und sie wird gespeist 
durch die richtige Würdigung der Thatsache, dass es 
auf keinem anderen Gebiete der Medicin zur Lösung 
wissenschaftlicher Probleme so planmäßiger und ziel- 

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bewusster Arbeit bedarf wie in der Psychiatrie. Man 
kann sich davon leicht überzeugen, wenn man die 
grossen Summen betrachtet, welche in Deutschland 
für den Bau und die Ausstattung der Kliniken, 
Hospitäler, Irrenanstalten und Laboratorien ausge¬ 
worfen, die liberale Freigebigkeit, mit welcher wissen¬ 
schaftliche Bestrebungen unterstützt werden. Die 
aufgeklärte öffentliche Meinung befolgt den Grundsatz, 
dass die gleichzeitige Entfaltung praktischer und 
wissenschaftlicher Arbeit absolut nothwendig ist zur 
Sicherung der besten und reichsten Erfolge. Bayern, 
mit einer erheblich niedrigeren Bevölkerungsziffer als 
der Staat New York, liefert eine glänzende Probe von 
dem Erreichten. In Erlangen und Würz bürg 
giebt es psychiatrische Kliniken und Hospitäler und 
die kürzlich in München errichtete Klinik, ohne 
Zweifel die beste dieser Art in der Welt, hat der 
Stadt über 500000 sh. gekostet, und zwar der Bau 
allein. Im Staat New York sind durch Gesetz für 
die Errichtung einer Aufnahmestation in New York 
mit 200 Plätzen 300000 sh. bewilligt worden. In 
Anbetracht der billigeren Arbeitskräfte in Bayern sind 
also für die psychiatrische Klinik zu München mit 
nur 110 Plätzen rund zweimal soviel Geldmittel auf¬ 
gewendet worden. An dieser Stelle verdienen auch 
genannt zu werden die Irrenabtheilung im N ürn- 

Original fram 

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1906.1 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 121 


b erg er allgemeinen Krankenhause und die beiden 
ihrer Vollendung entgegensehenden Landesirrenan¬ 
stalten in Haar*) bei München (2000000 sh.) und 
in Ansbach, letztere für ca. 300 (?) Patienten. Be¬ 
trachtet man sorgfältig Bau und Organisation dieser 
Institute, so erscheint der Ausspruch „Science is 
but organized common sense“ glänzend bestätigt. 
Jeder gelegentliche Besucher kann sich überzeugen, 
in welch weitgehender und doch vernünftiger Weise 
für den Krankenkomfort gesorgt ist . . . .“ Br. 

*) Geroeint ist die oberbayerische Kreisirrenanstalt Egl- 

fing. 

— Einweihung der Rheinischen Volksheil¬ 
stätte für weibliche Nervenkranke zu Roder¬ 
birken. Leichlingen, 29. Mai. Vom Wetter auf das 
beste begünstigt, fand gestern Nachmittag in An¬ 
wesenheit des Oberpräsidenten Frhm. von Schorlemer- 
Lieser-Coblenz, des Regierungspräsidenten Schreiber- 
Düsseldorf, des Landeshauptmanns von Renvers- 
Düsseldorf, des Vorsitzenden des Provinzial-Aus¬ 
schusses Grafen Beissel von Gymnich, des Direktors 
des Reichsversicherungsamts Dr. Sarrazin-Berlin, des 
Eisenbahndirektions-Präsidenten Hoeft-Elberfeld, von 
Vertretern der Landesversicherungsanstalt Rheinpro¬ 
vinz, von Landräthen der benachbarten Landkreise, 
von Oberbürgermeistern und Beigeordneten, Bürger¬ 
meistern und Stadtverordneten der im Gesellschafts¬ 
gebiete liegenden Städte, Vertretern der rheinischen 
Irrenheilanstalten, des Niederrheinischen Vereins für 
Gesundheitspflege, der Aerztekammer der Rheinpro¬ 
vinz, von Vertretern der rheinischen Grossindustrie, 
des Vorstandes und zahlreichen Mitgliedern des Ber- 
gischen Vereins für Gemeinwohl, des Aufsichtsrates 
und Vorstandes seiner Tochtergesellschaft: Rheinische 
Volksheilstätten für Nervenkranke etc. die feierliche 
Einweihung der Volksheilstätte für weibliche Nerven¬ 
kranke zu Roderbirken bei Leichlingen statt. Nach¬ 
dem die Musikkapelle zwei Choräle gespielt hatte, 
eröffnete Kommerzienrath Dr. Wittenstein-Barmen 
die Versammlung mit einer Begrüssungsansprache, in 
welcher er den Werdegang der neuen Volksheilstätte 
schilderte, die erspriessliche Mitarbeit des Ministers 
Frhrn. v. Rheinbaben, des ehemaligen Oberpräsi¬ 
denten Dr. von Nasse, der Provinzialverwaltung und 
Landesversicherungsanstalt etc. dankend hervorhob, 
in pietätvoller Anerkennung der Verstorbenen: Lan¬ 
desrath Klausener, Albert Aders und Geheimrath 
Boeddinghaus gedachte, sodann den Chefarzt 
Dr. Beyer in Pflicht nahm und die Hoffnung aus¬ 
sprach, dass die neuerstellte Volksheilstätte den weib¬ 
lichen Angehörigen der arbeitenden Bevölkerung, 
welche in dem aufreibenden Kampfe ums Dasein ihre 
Gesundheit geschädigt haben, wieder zur vollen Ge¬ 
nesung und Erwerbsfähigkeit verhelfen werde. • Am 
Schlüsse seiner Ansprache verlas Kommerzienrath 
Dr. Wittenstein noch die Glückwunsch-Telegramme 
des Finanzministers Frhrn. von Rheinbaben-Berlin 
und des ehemaligen Oberpräsidenten Dr. v. Nässe- 
Bonn, an welche Danktelegramme gerichtet werden. 
Landeshauptmann von Renvers-Düsseldorf sprach 
dem Bergischen Verein für Gemeinwohl und dessen 
Tochter, der Gesellschaft Rheinische Volksheilstätten 


für Nervenkranke, und insbesondere deren Vorstand, 
sowie dem Kommerzienrath Dr. Wittenstein als Vor¬ 
sitzenden aufrichtigen Dank aus für alles das, was 
sie zum Besten der arbeitenden Klassen geleistet 
haben. Die Errichtung von Heilstätten für Nerven¬ 
kranke der minder situirten Bevölkerung fülle eine 
Lücke aus, welche der Provinzial Verwaltung schwere 
Sorgen bereitet habe. Die von ihr unterhaltenen 
Heilanstalten eigneten sich nur für Geisteskranke, und 
die Privatanstalten für Nervenleidende seien nur für 
reiche Leute da. Die Provinzialverwaltung konnte 
keine Nervenheilstätten errichten, sie musste dafür 
weitere Kreise interessiren. Da habe der Bergische 
Verein für Gemeinwohl seine erprobte Kraft und 
reiche Mittel zur Verfügung gestellt, und sein Ver¬ 
dienst wäre es auch, dass der leider verstorbene Ge¬ 
heimrath Boeddinghaus das herrliche Grundstück 
Roderbirken schenkte. Durch das Hand- in Hand¬ 
arbeiten der Landesversicherungsanstalt und des 
Bergischen Vereins für Gemeinwohl sei die herrliche 
Schöpfung Rodei birken entstanden. Redner dankt 
allen, die dabei milgewirkt haben, wünscht der An¬ 
stalt Gottes reichen Segen und schloss mit den 
Worten, dass die Errichtung der Nervenheilstätte 
Roderbirken ein Ruhmesblatt in der Geschichte der 
Landesversicherungsanstalt und des Bergischen Ver¬ 
eins für Gemeinwohl sein werde. 

Oberpräsident Frhr. Schorle m er - Lieser führte 
aus, dass der Verein zur Errichtung von Nervenheil¬ 
stätten den heutigen Tag mit berechtigtem Stolze be¬ 
gehen könne. Was im Jahre 1903 der Bergische 
Verein für Gemeinwohl mit der Landesversichcrungs- 
anstalt in Vorschlag gebracht habe, das sei von diesem 
Verein in kurzer Zeit verwirklicht worden. Ihm habe 
sich eine grosse Reihe opferwilliger und im Dienste 
des Gemeinwohls erprobter Männer angeschlossen und 
mit lebhafter Unterstützung seines Amtsvorgängers 
v. Nasse die Summen zusammengebracht, welche 
die Voraussetzung für die Vollendung der Anstalt 
bieten musste. Redner bedauert, dem Geheimrath 
Boeddinghaus für die Schenkung des Grundstücks 
wegen dessen zu frühen Heimgangs nicht mehr danken 
zu können. Er glaube mit Recht sagen zu dürfen, 
dass in dieser Anstalt nicht allein ihm, sondern allen, 
die sich darum verdient gemacht, besonders auch dem 
verstorbenen Leiter der Landesversicherungsanstalt, 
Geheimen Regierungsrath 'Klausener, ein Denk¬ 
mal errichtet wurde, welches auch kommende Ge¬ 
schlechter erinnern und mahnen wird, dass das 
schönste Thun das Wohlthun gegenüber Armen und 
Bedrängten bleibt Redner spricht die Ueberzeugung 
aus, dass die Männer, welche vor der Errichtung 
einer Nervenanstalt für weibliche Kranke nicht zurück¬ 
schreckten, auch nicht davor bangten, mit Unter¬ 
stützung der Landesversicherungsanstalt noch eine 
solche für nervenkranke Männer ins Dasein zu rufen. 
Nach weiteren Dankesworten machte der Herr Ober¬ 
präsident die Mittheilung, dass der Kaiser, der leb¬ 
haften Antheil an der Errichtung dieser Anstalt ge¬ 
nommen, dem Herrn Commerzienrath Dr. Witten¬ 
stein seinen Wilhelm-Orden verliehen habe. 
Indem er dem also Geehrten die Auszeichnung über- 


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122 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 12. 


reichte, fügte er seine persönlichen Glückwünsche hinzu. 
Nachdem Commerzienrath Dr. Wittenstein für die 
ihm und dem Belgischen Verein für Gemeinwohl zu 
Theil gewordene Auszeichnung herzlich gedankt, 
nimmt das Wort Graf Beissel v. Gymnich, um 
zu bekunden durch seine Ansprache, dass er seine 
früher geäusserte Ansicht, die gegen die Errichtung 
von Nervenheilstätten war, revidirt hat, überbringt 
die Glückwünsche des Provinzial-Ausschusses und 
theilt mit, dass derselbe der Heilanstalt ein Harmonium 
zum Geschenk gemacht habe. 

Director Dr. Sarrazin vom Reichs versicherungs¬ 
amt überbringt die Glückwünsche dieser Behörde, 
Geheimrath Dr. med. Lent-Köln die des Nieder¬ 
rheinischen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege 
und der Rheinischen Aerztekammer, während Land¬ 
rath Dr. Lucas-Solingen seinen Dank ausspricht, 
dass die Heilanstalt in seinen Kreis gekommen ist. 
Nachdem Landesrath K eh 1- Düsseldorf noch geschäft¬ 
liche Mittheilungen gemacht hat, besichtigte die Fest¬ 
versammlung die Gebäude und Einrichtungen der 
Nervenheilstätte. 

Während der Besichtigung gab der führende Chef¬ 
arzt Dr. Beyer eine Erläuterung über deren Entstehen, 
Aufbau und Einrichtung. Wir geben daraus folgendes 
wieder: Die erste Volksheilstätte für weibliche Nerven¬ 
kranke zu Roderbirken ist auf dem von dem kürz¬ 
lich verstorbenen Geh. Kommerzienrath Boeddinghaus- 
Elberfeld geschenkten, und hundert preussische Morgen 
grossen Gelände zu Roderbirken, 2,5 km vom Städt¬ 
chen Leichlingen entfernt, am Rande eines Hochpla¬ 
teaus mit einem Aufwande von rund 900000 M. 
erstellt worden. Sie wurde nach den Plänen des 
Architekten Christian Gerhardt in Elberfeld ausgeführt 
und gliedert sich in folgende 13 Bauten: Verwaltungs¬ 
gebäude, Wirthschaftsgebäude, Kessel- und Maschinen- 
haus, vier Krankenpavillons, Beamtenwohnhaus, Stall- 
undj Remisegebäude, Gewächshaus, Pumpstation, 
Wasserthurm und Kläranlage. Das gesammte Areal, 
welches durch Zukauf auf 103 Morgen abgerundet 
wurde, ist durch ein hohes Drahtgitter abgeschlossen, 
wird von zahlreichen Fusspfaden durchzogen und ist 
mit Leichlingen durch einen von der Gesellschaft 
theil weise neuangelegten Fahrweg verbunden. Drei 
Krankenpavillons sind nach dem gleichen Plane gebaut 
und enthalten je 40 Betten. Neben dem Verwaltungs¬ 
gebäude steht ein Pavillon für solche Pfleglinge, die 
einer besonderen Wartung bedürfen. Hier ist Raum 
für 25 Kranke, verteilt auf 9 Zimmer mit je 1 Bett, 
4 mit je 2 Betten und je 1 mit 3 und 5 Betten. 
Die Anstalt besitzt eine Quellwasserleitung, ist kana- 
lisirt und hat eine Telephonanlage. Die Ausstattung 
der einzelnen Wohnräume ist einfach und zweckmässig. 
Von den 145 zur Aufstellung gelangten Betten stellt 
sich das Bett auf nicht ganz 7000 M. 

Nach der Besichtigung der Anstalt wurde auf der 
Veranda des vierten Krankenpavillons unter den 
Klängen der Musikkapelle ein kleiner Imbiss einge¬ 


nommen und darauf die gesammte Festgesellschaft 
wieder per Wagen durch das festlich geschmückte 
Leichlingen nach dem dortigen Bahnhofe gebracht. 

Barmer Zeitung. 


Referate. 

— Die Frauenfrage. Eine ökonomisch- 
sodologische Untersuchung unter spedeller Berück¬ 
sichtigung des schwedischen Büigerthums, von Dr. 
phil. Elon Wik mark, Verlag von Carl Marhold in 
Halle a. S. 1905, 203 S. 

Aus dem staatswissenschaftlichen Seminar der 
Universität Heidelberg hervorgegangen, wendet sich 
die, auch für die Psychiater lesenswerthe Studie an 
einen grösseren Leserkreis, um ihn mit dem Frauen¬ 
problem bekannt zu machen, soweit es sich wissen¬ 
schaftlich dem Sociologen stellt. Verf. meint, Schweden 
habe ein glückliches Beobachtungsmaterial; doch solle 
man sich hüten, unbequeme Resultate — und die 
sind in Menge vorhanden — nur für Schweden als 
zutreffend zu bezeichnen, da das Bürgerthum überall 
in der Welt denselben Typus habe. Im ersten Theile 
wird die geschichtliche Entwicklung der Frauenfrage 
in Schweden geschildert, der dann die inneren Ur¬ 
sachen folgen. Nachdem auch noch die bürgerlichen 
Frauenberufe in ihren verschiedenen Erwerbszweigen 
behandelt und die Frau überall als Lohndrückerin 
hingestellt ist, erfährt man zuletzt von Ellen Key, 
der Vielgenannten, von dem Gesetz der Variabilität 
und der Weissmannschen Vererbungstheorie, welch’ 
letztere den Emancipirten zum eingehenden Studium 
empfohlen wird. Verf. kommt endlich nicht mit Un¬ 
recht zu einer scharfen Ablehnung der Frauenarbeit 
als Durchschnittsarbeit und mit Goethes Ausspruch 
vom Einfluss des bekannten Weiberumgangs. 

Meyer, Geseke i. W. 


Paraonalnachrichten. 

— Königr. Sachsen. Den Anstaltsoberärzten. 
Medicinalräthen Dr. Matthaes und Dr. Näcke 
in Hubertusburg wurde das Ritterkreuz I. Kl. 
des Albrechtsordens verliehen. 

— Westpreussen. Medicinalrath Dr.Kroemer, 
Director der Prov. - Irrenanstalt Conradstein, Mit¬ 
glied des Medicinalcollegiums der Prov. Westpreussen, 
wurde zum Geheimen Medicinalrath ernannt. 


Fragekasten. 

— Darf sich die Nachtwache auf geeig¬ 
neten Stationen beschäftigen und wie? Ich 
möchte die Frage verneinen. Die Ansichten sind 
getheilt. Vielleicht wären Mittheilungen über etwaige 
diesbezügliche Erfahrungen nicht ohne allgemeineres 
Interesse. Wickel. 


Für den redactionellrn Theil verantwortlich: Oberarzt I)r. J. liresler, Lublinitz (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratenan nähme 3 Tage vor der Ausgab«*. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S. 

Heynemann’sche Buchdruckerei (Gebr. Woiff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler. 

Lublinitx (Schieden). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. K 

Teiegr.-Adrose: Marho Id Verlag, Hai lesaale. Fernsprecher 823. 

Nr. 13. 23 - Jun«- 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermässigung ein. 

Zuschriften für die Redaction dnd an Oberarst Dr. Joh. Bresler, Lüblinitc (Schieden), su richten. 


Mängel in der preussischen Statistik über die Anstalten für Geisteskranke, 
Epileptiker, Idioten, Schwachsinnige und Nervenkranke (der früheren 


Statistik über die 

Von Sanitätsrath Dr. 

Tm September 1905 erschien Heft 194 der „preussi- 

sehen Statistik“, enthaltend den Bericht über die 
Heilanstalten der Monarchie für 1903. Die preussische 
Statistik wird vom statistischen Landesamt als „amt¬ 
liches Quellenwerk“ herausgegeben. In Abschnitt VI 
des erwähnten Heftes ist die Statistik über die in der 
Ueberschrift genannten Anstalten zum ersten Male in 
dieser Form gebracht 

Vorher, von 1875 ab, seit Einführung der Zähl¬ 
karten für die Irrenanstalten — für die andern Kranken¬ 
anstalten geschah dieselbe erst 1877 — erschien die 
jahrweis zusammengestellte Irrenanstaltsstatistik ge¬ 
sondert, zunächst in unregelmässigen Zeitabschnitten, 
seit 1886 immer für 3 Jahre auf ein Mal. Von 1901 
ab erscheint sie jährlich und ist der Statistik über die 
anderen Heilanstalten angeschlpssen. 

Diese Irrenanstaltsstatistik hat nun eine Erweiterung 
erfahren, indem auf den Vorschlag des Kaiserlichen 
Gesundheitsamtes, die Statistik über die Irrenanstalten 
mit der über die Nervenheilanstalten zu verbinden, 
am 12. Dezember 1901 vom Bundesrat beschlossen 
und angeordnet wurde, dass in die bisherige Irren¬ 
anstaltsstatistik auch die Heilanstalten für Nerven¬ 
krankheiten, einschliesslich der Kaltwasserheilanstalten, 
der Anstalten für Morphiumsüchtige, sowie für Trunk¬ 
süchtige hinein zu beziehen seien und dass zu diesem 
Zwecke ein neu entworfenes Schema für die Krank¬ 
heitsformen auf den Zählkarten anzuwenden sei. Dies 
Schema kam in Preussen erst 1903 in Gebrauch. 
An Stelle der früheren 5 psychischen Krankheitsformen, 
nämlich: 

1. der einfachen Seelenstörung, 

2. der paralytischen Seelenstörung, 

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Irrenanstalten). 

Grunau in Elbing. 

3. der Seelenstörung mit Epilepsie bezw. mit 
Hystero-Epilepsie, 

4. der Imbedllität (angeboren), Idiotie, des Kreti¬ 
nismus, 

5. des Delirium Potatorum und 

6. der Rubrik „nicht geisteskrank“ 
trat nun folgendes Verzeichniss: 

1. Einfache Seelenstörung. 

2. Paralytische Seelenstörung. 

3. Imbedllität (angeboren) Idiotie, Cretinismus. 

4. Epilepsie mit Seelenstörung. 

5. Epilepsie ohne Seelenstörung. 

6. Hysterie. 

7. Neurasthenie. 

8. Chorea. 

9. Tabes. 

10. Andere Krankheiten des Nervensystems. 

11. Alkoholismus. 

12. Morphinismus. 

13. Andere narkotische Vergiftungen. 

14. Andere Krankheiten. 

15. Zur Beobachtung des Geisteszustandes. 

16. Pensionär. 

17. Begleiter. 

Für Gewohnheitstrinker ist auserdem nach wie vor, 
ein „P“ an dem Rande hinzuzufügen. 

Die ersten 4 Krankheitsformen des alten Schemas 
sind also auf dem neuen- gleichfalls aufgeführt, nur ist 
die Nebenform „Seelenstörung mit Hystero-Epilepsie“ 
fortgefallen. 

Die fünfte Krankheitsform, das Delirium Potato- 
rium, und die Bezeichnung „nicht geisteskrank“ sind 


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FSYcHlAtRtSCH-NEÜROLOGlSCHE WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 13. 


124 


verschwunden, 13 neue Krankheitsformen bezw. Be¬ 
zeichnungen hinzugekommen. 

Sechs derselben (5—10) beziehen sich auf Nerven¬ 
krankheiten, darunter ist zuerst genannt die Epilep¬ 
sie ohne Seelenstörung. Es ist also bei der Epi¬ 
lepsie ein Unterschied gemacht, ob sie mit oder 
ohne Seelenstörung auftritt, was bei anderen Nerven¬ 
krankheiten, die gleichfalls oft genug mit einer Psy¬ 
chose vereint sind, z. B. die Tabes und die Chorea 
nicht geschehen ist 

Den Nervenkrankheiten folgen mit 3 Nummern 
(11—13) die narkotischen Vergiftungen, von denen 
der Alkoholismus und der Morphinismus besonders 
genannt sind. Diese Krankheitsgruppe ist nicht vom 
symptomatischen, wie die vorherigen, sondern von 
ätiologischem Gesichtspunkt aus gebildet. Die zu¬ 
gehörigen Fälle verlaufen theils als Geistes-, theils 
als Nervenkrankheiten oder sind Mischformen. Auf 
den Zählkarten kann jedoch nicht zum Ausdruck ge¬ 
bracht werden, welcher Form der Einzelfall zugehört. 
Was den Alkoholismus, der bei Weitem am häufig¬ 
sten vorkommenden Intoxication, anbetrifft, so ver¬ 
theilten sich die Fälle bei demselben früher auf fast 
alle psychischen Krankheitsformen, am meisten auf 
das Delirium Potatorum, dann auf die einfache 
Seelenstörung, wenn Verblödung oder' Verrücktheit 
im Gefolge war, und ausnahmsweise auch auf die 
epilepti3che oder paralytische Seelenstörung. Wenn 
keine Psychose vorlag, mussten die Alkoholiker zu 
den „nicht Geisteskranken* 4 gezählt werden. 

Jetzt sind sie sämmtlich, ohne Unterschied, in die 
eine einzige Rubrik „Alkoholismus“ einzureihen, 
gleichviel ob eine Geistes- oder Nervenkrankheit 
oder — was bei dem Gemisch von Anstalten Vor¬ 
kommen kann — nur ein körperliches Leiden z. B. 
ein Magenkatarrh vorliegt. In symptomatischer Hin¬ 
sicht werden also die heterogensten Krankheitsbilder 
zusammen verrechnet. 

Zur vierten Gruppe „andere Krankheiten** (14) 
gehören alle diejenigen Kranken, welche an einer 
der vorher genannten Formen nicht leiden. 

Die „zur Beobachtung des Geisteszustandes“ (15) 
in den Anstalten befindlichen Personen dürften bis 
auf wenige Ausnahmen auf Gerichtsbeschluss dorthin 
gelangt sein. 

„Pensionäre“ (16) sind Personen, die freiwillig 
in eine Irrenanstalt sich begeben und eine gewisse 
Selbstbestimmung darüber behalten, ob und wann 
sie dieselbe wieder verlassen wollen. Ausnahmslos 
dürften es Kranke sein. (cf. Ministerielle Anweisung 
über Unterbringung in Privatanstalten für Geistes- 

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kranke, Epileptische und Idioten vom 26. März 
1901. IIL Abschnitt § 15—17). 

Die letzte Rubrik „Begleiter“ (17) dürfte nur Ge¬ 
sunde umfassen. 

Dieses neue Krankheitsverzeichnis ist auf den 
Zählkarten vollständig vorgedruckt, auf den Tabellen 
des Berichts für 1903 jedoch in folgender Weise 
verändert und gekürzt: 

1. Einfache Seelenstörung. 

2. Paralytische Seelenstörung. 

3. Imbedllität (angeboren), Idiotie, Cretinismus. 

4. Epilepsie mit und ohne Seelenstörung. 

5. Hysterie. 

6. Neurasthenie. 

7. Chorea. 

8. Tabes. 

9. Andere Krankheiten des Nervensystems. 

10. Alkoholismus. 

11. Morphinismus und andere narkotische Vergift¬ 
ungen. 

12. Andere Krankheiten. 

Zusammen: 

Ausserdem: Nicht kranke Personen (Pensionäre, zur 
Beobachtung aufgenommene Personen, 
Begleiter, u. s. w.). 

Die Zahlen in der letzten, nicht nummerirten Rubrik 
„Auserdem“ sind in die Hauptsumme nicht mitein- 
gerechnet Es ist dies eine sehr zu billigende Neuerung, 
denn bisher geschah dies mit den Zahlen für die 
,»nicht Geisteskranken,** was zu grossen Unrichtig¬ 
keiten führte, (cf. den bezüglichen Aufsatz in No. 10, 
Jahrgang 1905 dieser Zeitschrift.) 

Im übrigen finde ich es für bedenklich, die Pensio¬ 
näre als nicht Kranke zu zählen. Sie selbst sehen 
sich sogar als krank an, denn sonst würden sie doch 
nicht freiwillig in eine Krankenanstalt und noch dazu 
in eine Irrenanstalt gehen. Auch werden sie in der 
betreffenden ministeriellen Anweisung keineswegs als 
gesunde Personen bezeichnet 

Ebenso verfehlt scheint es mir zu sein, die zur 
Beobachtung in die Anstalten geschickten Personen 
zu den Gesunden zu rechnen, denn nur ein geringer 
Theil derselben ist nicht geisteskrank. Die andere 
grosse Mehrzahl, welche für geisteskrank befunden 
wird, müsste bei den betreffenden Krankheitsformen 
gezählt werden. 

Die Zahl der Krankheitsformen ist im Bericht auf 
12 reduzirt, in dem die Epilepsie mit und ohne See¬ 
lenstörung und ferner der Morphinismus mit den „an¬ 
deren narkotischen Vergiftungen" zusammen geworfen 
ist. 

Auf diesem abgekürzten Schema sind demnach die 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


125 


1906.] 


Geistes- und Nervenkrankheiten noch weniger ausein¬ 
andergehalten, als auf dem vollen Schema. Eine 
rechnerische Trennung derselben findet auf den Tabel¬ 
len selbst nirgends statt, wohl aber in der Einleitung 
(Seite XI). Es ist dort z. B. der Bestand der Geistes¬ 
kranken am 1. Januar 1903 angegeben auf: 

64079 (33808 männl., 30271 weibl.) 
und der Bestand der Geistes- und Nervenkranken zu¬ 
sammen auf: 

64468 (33994 männl., 30474 weibl.), 
woraus sich ein Bestand der Nervenkranken allein von: 

389 (186 männl., 203 weibl.) 
ergiebt Wie sich diese Summen zusammensetzen, 
ist nicht gesagt. Sie lassen sich aber aus den Zahlen 
für die einzelnen Krankheitsformen auf den Tabellen 
berechnen. 

Auf Tabelle II (Seite 104) sind nämlich folgende 
Bestände am 1. Januar angegeben für: 


1. die einfache Seeist.: 

18393 

m., 

19509 

2. die paralytische: 

2265 

M 

867 

3. die Imbecillität, Idi¬ 




otie und Cretinismus: 

7466 

» 

5402 

4. die Epilepsie mit und 




ohne Seeist.: 

5261 

»» 

4470 

10. den Alkoholismus: 

423 

» 

23 


Zus. 33808 m., 30271 w. = 
der Summa für die Geisteskranken. 


5. die Hysterie: 

17 

00 

i 

w. 

6. die Neurasthenie: 

50 

„ 28 

» 

7. die Chorea: 

3 

7 

>} 

8. die Tabes: 

12 

„ 6 

» 

9. die anderen Krankheiten des 




Nervensystems: 

77 

,, 46 

>» 

11. den Morphinismus und die 




andern nark. Vergiftungen: 

5 

„ 6 

»f 

12. die anderen Krankheiten: 

22 

23 

tt 


Zus. 186 m., 203 w.= 
der Summe für die Nervenkranken. 

Es sind demnach 

1. alle Epileptiker, auch die ohne Seelenstörung, 
zu den Geisteskranken gerechnet, 

2. alle Alkoholiker zu den Geisteskranken ge¬ 
rechnet, während die Morphinisten und die an anderen 
narkotischen Vergiftungen Leidenden den Nerven¬ 
kranken beigezählt sind, 

3. alle Kranke, welche „anders“ krank sind, zu 
den Nervenkranken gerechnet. 

Die hierdurch entstehenden Ungenauigkeiten sind 
meines Erachtens nicht gering, lassen sich aber nur 
im letzten Falle zahlenmässig nachweisen. Von der 
Zahl aller Nervenkranken: 389 (186 m., 203 w.) be¬ 


trägt die Zahl der mit eingerechneten „anders“ Kranken: 
45 (22 m., 23 w.) = ii,57 (11,83 ",33 w.) Proc- 

Dieser Procentsatz wird noch grösser für die be¬ 
züglichen Verpflegungsfälle im ganzen Jahr 1903. Die 
Summe aller Nervenkranken beträgt dann 6436 (3314 m., 
3122 w.), wovon 1166 (561 m., 605 w.) = 18,12 
(16,96 m., 19,38 w.) Proc. auf die „anders“ Kranken 
fallen. 

In Zukunft dürfte dieser Antheil noch mehr 
steigen, da durch den Hinzutritt der Wasserheil- und 
ähnlicher Anstalten die Fälle bei den „andern Krank¬ 
heiten“ relativ sich voraussichtlich sehr mehren werden. 
Es kann dann ein ähnlicher Wirr-Warr entstehen, wie 
früher bei der Mitzählung der „nicht Geisteskranken“, 
deren Zahl beständig anwuchs und stets in die Be¬ 
rechnung für die Irren miteinbezogen wurde, bis 
schliesslich das statistische Landesamt sich selbst nicht 
mehr zurecht fand und fehlerhafte Tabellen construirte. 

Alle diese angeführten Neuerungen in dem Krank- 
heitsverzeichniss und in der Berichterstattung des 
statistischen Landesamtes machen die erwünschte 
zahlenmässige Scheidung zwischen Geistes- und Nerven¬ 
kranken unmöglich und haben mannigfache imgenaue und 
sogar falsche Ergebnisse zur Folge, was Alles den 
Werth und die Brauchbarkeit dieser amtlichen Ver¬ 
öffentlichungen Sehr herabdrückt 

Ein anderer Mangel in der preussischen Irren¬ 
anstaltsstatistik dürfte gleichfalls der Besprechung werth 
sein. Derselbe ist nicht neu, besteht vielmehr von 
Anfang an und kommt in allen Jahresberichten zum 
Vorschein. Er betrifft die Differenzen, die sich bei 
den Jahresübergängen zwischen den End- und An- 
fangsbestandsziffem vom 31. Dezember und 1. Januar 
finden und natugemäss nicht verhanden sein dürften. 

Bekanntlich werden in den Irrenanstalten und 
jetzt auch in den neu hinzugetretenen Anstalten für 
Nervenkranke u. s. w. weisse Zählkarten für den Zu¬ 
gang, mit D bezeichnet, und rothe, mit E bezeichnet, 
für den Abgang ausgestellt. Für den Bestand am 
1. Januar 1875, als das Zählgeschäft seinen Anfang 
nahm, wurden gleichfalls weisse Zählkarten ausgestellt. 
Seitdem werden für den Bestand am Jahresanfang 
keine weissen Zählkarten mehr ausgestellt. „Die Er¬ 
hebung der Nachrichten über den Bestand geschieht 
in der Weise, dass die weissen Zählkarten, für welche 
rothe über die Entlassung nicht eingegangen sind, 
den Bestand betreffen und bei der Bearbeitung im 
Königl. statistischen Landesamt so lange als Bestand 
bearbeitet werden, bis die betreffenden rothen Zähl¬ 
karten eingehen. Durch Rückfragen und insbesondere 
bei Gelegenheit der Volkszählungen, welche sich auch 
auf die Zählung der Geisteskranken erstrecken, wird 


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126 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 13. 


die Richtigkeit des Bestandes jeder einzelnen Irren¬ 
anstalt geprüft. Diese Einrichtung, dass über den 
Bestand der Kranken in den bezeichneten Anstalten 
Zählkarten nicht auszufüllen und einzureichen sind, 
verschafft den Anstaltsvorständen erhebliche Erleich¬ 
terung für die vorgeschriebene Berichterstattung.“ 
(cf. Seite XI im Bericht für 1903.) 


Ausser den Zählkarten wird dem statistischen 
Landesamt jährlich noch eine Uebersicht über die 
Verwaltung jeder Anstalt nach Formular A. eingereicht, 
auf welcher der Krankenbestand am 31. December, 
aber nicht der bei Beginn desselben Jahres am 
1. Januar anzugeben ist. 

(Fortsetzung folgt.) 


Einige Punkte aus der Lehre der sog. „moral insanity“. 

Von Medicinalrath Dr. P. Nocke in Hubertusburg. 


T^ürzlich hat Longard*) an der Hand einer 
Krankengeschichte recht interessante Betracht¬ 
ungen bez. der moral insanity angestellt. In der 
Hauptsache stimme ich ihm bei, doch möchte ich 
gerade an dieser Stelle einige Punkte besonders her¬ 
aus heben, als Ergänzung zu meinen verschiedenen 
Veröffentlichungen über besagtes Thema**), worin 
ich z. T. einen etwas andern Standpunkt einnehme, 
als Longard. 

Von der Diagnose: moral insanity will ich hier 
nicht weiter sprechen. Es genügt der Hinweis, dass 
ich und andere darunter keine selbständige 
Krankheit verstehen, sondern eine ab ovo be¬ 
stehende oder bald in der Kindheit auftretende Ab¬ 
stumpfung der Gemüthssphäre, die im Vordergrunde 
aller übrigen Erscheinungen steht. Auch Longard 
hält sie nicht für ein Leiden, das sich nur in 
ethischen Defecten äussert, sondern „wir haben es in 
allen diesen Fällen mit einer angeborenen, meist auf 
dem Boden erblicher Belastung entstandenen geistigen 
Minderwerthigkeit zu thun, die wir in den meisten 
Fällen der Imbecillität zurechnen müssen, bei denen 
allerdings neben anderen Erscheinungen die Defecte 
in der ethischen^Sphäre in hervorragender, das Ganze be¬ 
herrschender und ganz eigenartigerweise hervortreten“. 
Nur dass ich solche Fälle öfter bei den degeneres 
superieurs, als bei den eigentlichen Imbecillen finde. 

Sämmtliche bekannte Fälle subsummirte ich weiter 

*) Longard: Ueber „Moral Insanity“. Monatsschrift für 
Criminalpsychologie etc. 1905. 

**) Näcke: 1. Zur Frage der sog. Moral insanity 
Neurol. Centralbl. No. 11. 1896. — 2. Weiteres zum Capitel 

der „moral insanity 4 *. Ibidem, 1896, No. I5.— 3. Kritisches 
zur Lehre der „moral insanity“. Psychiatrische Wochenschrift 
No. 13. 1899. — 4. Die sog. „Moral insanity“ und der 

practische Arzt. Aerztl. Sachverständigen-Zeitung No. 13. 1895. 
— 5. Ueber die sog. moral insanity. Grenzfragen des Nerve n- 
und Seelenlebens No. XVIII. 1902. Wiesbaden, Bergmann. 


unter 3 Rubriken: 1. die der Schwachsinnigen, 2. die 
der Entarteten (degeneres superieurs), die grösste 
Gruppe, und endlich 3., die mit leichten periodischen 
Stimmungsanomalien einhergehenden Fälle, die kleinste 
Gruppe. Ob es endlich noch absolut reine Fälle 
von moral insanity giebt, d. h. solche ohne ander¬ 
weite Störungen der Psyche, namentlich des Intellects, 
Hess ich vor der Hand dahingestellt, da selbst der 
Fall Bleuler’s mir nicht streng hierher zu gehören 
schien. Dasselbe gilt noch mehr von Longard’s 
Fall, der in unsere 1. resp. 3. Kategorie hineingehört. 

Ich glaubte endlich und halte noch jetzt daran 
fest, dass der Name: „moral insanity“ ziemlich 
überflüssig ist, ebenso wie „moralischer Schwach- 
sinn oder Idiotie“, und dass höchstens eine Um¬ 
schreibung, wie sie s. Z. Müller vorschlug: „Imbe- 
cillität mit dem Character sittlicher Entartung“ dafür 
eintreten könnte. Für den Namen: „moralischer 
Schwachsinn, moral insanity“ könnte wohl nur die 
Kürze des Ausdrucks plädiren. Die Gefahr ist aber 
stets gross dabei, dass durch Anwendung desselben 
der Anschein geweckt werde, als sei die mor. ins. ein 
morbus per se, während der moralische Defect 
nur das hervorstechendste Symptom einer 
gestörten oder desequilibrirten Psyche ist. 
Ausserdem erinnert der Name sehr an die Zeit, wo 
man die Seele in einzelne, angeblich selbständige 
Stücke teilte. In foro kommt es übrigens auf den 
Namen nicht an. Man wird hier stets den mora¬ 
lisch-ethischen Stumpfsinn in den Vordergrund stellen, 
dabei aber die anderweiten Zeichen mit erwähnen. 
Will man jedoch trotz alledem dem Kind einen 
Namen geben, so thue man es, vorausgesetzt, dass 
man darunter nur immer das Richtige versteht. Und 
dann wäre der Ausdruck: „Moralischer Schwachsinn 
resp. Idiotie“ immerhin noch besser als „moral in¬ 
sanity“. 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


127 


In meiner Monographie über dies Thema betonte 
ich auch, dass man in der Classe der moralisch 
Schwachsinnigen in practisch-socialer Hinsicht streng 
2 Hauptgruppen zu unterscheiden hat: die Gemein¬ 
gefährlichen und die mehr oder minder Harmlosen, 
über deren gegenseitiges Zahlenverhältniss wir z. Z. 
aber noch wenig wissen; doch scheint mir die zweite 
Gruppe an Zahl zu überwiegen. Auf die Klinik, 
Prognose und forensische Bedeutung selbst will ich 
hier nicht eingehen, da ich diese Dinge früher wieder¬ 
holt und eingehend behandelte. Erwähnen möchte 
ich nur gegen L o n g a r d, dass solche Individuen 
auch in der Irrenanstalt nicht ganz fehlen*). Ich 
beobachtete deren z. B. mehrere. Auch glaube ich 
nicht, dass stets eine „überlebhafte Phantasiethätig- 
keit“ vorhanden ist. Eine solche dürfte vorwiegend 
nur bei den degeneres superieurs da sein, weniger schon 
bei den Imbecillen. Ich weiss auch nicht, obimmer, wie 
Longard anzunehmen scheint, eine absolute Wider¬ 
standslosigkeit gegen Alkohol besteht. Ich glaube 
sogar einige gegentheilige Fälle zu kennen. 

Wie der „intellectuelle“, so ist auch der „mora¬ 
lische“ Schwachsinn vom Normalen nicht scharf ab- 
zugienzen. Hier tritt dann subjectives Ermessen ein. 
Andererseits können gewisse Affecte, wie Eltern-, 
Kindesliebe etc. zu fehlen scheinen und doch liegt 
kein Defect vor, sondern nur eine natürliche Reaction, 
wie ein genaueres Eingehen auf die Anamnese ergiebt**). 
Bei „moral insanity“ spricht man aber gewöhnlich 
von typischen Defect-Fällen, die keinerlei Zweifel 
aufkommen lassen. Alle Intensitätsgrade kommen 
vor bis zum sog. „reo-nato“ der italienischen Schule, 
der bekanntlich von dieser damit identifiziert wird, was 
die meisten Deutschen aber ablehnen, und wie ich 
glaube, mit Recht. Würde der Ausdruck „geborener 
Verbrecher“ noch in dem allein richtigen Sinne 
immer gebraucht werden, dass man darunter einen 
Menschen versteht, der angeboren alle die Eigen¬ 
schaften besitzt (wenn bei der Geburt zunächst auch 
nur in nuce oder virtuell), um gegebenen Falls 
und zwar schon bei leichten äusseren Reizen zum 

*) Nach Sc her me rs: (Eenige statische beschouwingen over de 
psychosen indeNederlandsche kranksinnigen gestich tengedurende 
de jaren 1875—1900. Psychiatr. en Neurologische Bladen, 1906, p. 
*5 ss., speziell p. 42) wurden in den holländischen Irrenan¬ 
stalten von 1878—97, also in 20 Jahren, 285 Patienten mit 
«Insania moralis“ aufgenommen — i°/ 0 aller Aufnahmen 
0»2*/ 0 M. und o,7°/ 0 W.), doch scheinen nur relativ wenige 
zu unserer „moral ins.“ gehört zu haben. Nach 1897 ver¬ 
schwindet (mit Recht!) der Name: „mor. ins.“ ganz aus der 
Statistik. 

**) Näcke: Die Gatten-, Eltern-, Kindes- u.Geschwister¬ 
liebe etc. Archiv für Criminalanthropol. etc., 20. Bd. (1905)- 


Verbrecher zu werden, so wäre dagegen wenig einzu¬ 
wenden. Leider bezeichnet er aber im Sinne Lom- 
broso’s und einiger Anderer einen solchen, der 
unter allen Umständen ein Verbrecher werden 
muss, und das ist dann grundfalsch. Denn 
stets ist das Verbrechen die Resultante von Indivi¬ 
dualität Milieu. Je grösser jener Factor ist, um 
so geringer braucht der andere zu sein, der aber nie 
ganz fehlt. Der „geborene“ Verbrecher ist also stets 
im gleichen Sinne wie der „geborene“ Dichter, der 
„geborene“ Director etc. zu verstehen. Die Anlagen 
dazu allein machen ihn noch nicht aus. Sicher sind 
viel mehr Genies durch die Ungunst der Verhältnisse 
überhaupt nicht aufgekommen, als trotzdem empor¬ 
gehoben worden und bei diesen ist stets auch ein 
günstiger äusserer, oft allerdings scheinbar recht un¬ 
ansehnlicher Lebensumstand nachweisbar, der es be¬ 
wirkte. Selbst der „geborene“ Verbrecher Lom- 
broso’s wird in einer primitiven Gesellschaft kaum 
anecken, bei unseren complizirten Culturverhältnissen 
dagegen sehr leicht. Darin liegt zugleich ein Hin¬ 
weis auf eine erfolgreiche Therapie, wie wir sehen 
werden. Schon dass Longard, der durchaus für 
den „geborenen“ Verbrecher eintritt, zugiebt, in der 
milderen, freieren Ordnung einer Irrenanstalt träte 
seine Minderwerthigkeit nicht so hervor wie im Gefäng¬ 
nisse oder beim Militär, zeigt deutlich, wie wichtig 
das Milieu auch für diese Leute ist. Um also 
Missverständnissen vorzubeugen und solche 
seichte Hypothesen, wie den Atavismus, gleich von 
vornherein abzulehnen, halte ich den Namen: 
geborener Verb,re eher für mind este ns über¬ 
flüssig, ganz abgesehen davon, dass er schon durch 
die Oberflächlichkeiten Lombroso’s diskreditirt ge¬ 
nug erscheint. 

Solche Individuen giebt es nach Lombroso 
unter den Gewohnheitsverbrechern etc. sehr viele, 
nach Longard und anderen dagegen nur wenige 
und das ist völlig richtig. Die meisten Gewohnheits¬ 
verbrecher sind nämlich verlotterte Elemente, aller¬ 
dings mit mehr oder minder grossem persönlichen 
Einschläge. Das Milieu ist bei ihnen also die Haupt¬ 
sache*), was auch Longard bei der Mehrzahl der 
Verbrecher für richtig hält. Nur sehr wenige darunter 
und unter den schweren Verbrechern sind sog. „ge- 

*) Diese deletäre Wirkung des Milieus sehen wir besonders 
deutlich an den verbrecherischen Grossstadtpflanzen, wie z. B. 
den „voyers“ von Paris, Marseille etc. Ihre gemiithliche 
Abstumpfung wird förmlich grossgezogen und gedeiht leicht 
bis zum kalten Abschlachten ihrer Opfer. Natürlich giebt es 
aber darunter auch Exemplare des sog. „moralischen Schwach¬ 
sinns“, obwohl immer nur wenige. 


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128 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


[Nr. 13. 


borene Verbrecher“ und selbst diese erklärte Penta 
für Kunstprodukte des Gefängnisses. Das geht aller¬ 
dings, meine ich, zu weit, doch mögen wohl manche 
„Kunstprodukte“ darunter sein. Auf alle Fälle 
ist daran festzuhalten, dass die sog. „ge¬ 
borenen Verbrecher“ in den Gefängnissen 
selten genug sind. Wenn im Gegensätze dazu 
die italienische Schule ihrer sehr viele findet, so kann 
es nur in der Verschiedenheit der Diagnose liegen. 
Wir haben ausdrücklich nur angeborene Zustände 
oder bald in der Kindheit auftretende zur sog. 
,,moral insanity“ gerechnet, die ja mit dem ange¬ 
borenen Verbrecherthume identisch sein soll, also 
nicht die vielen moralischen Defectzustände im Ver¬ 
laufe irgend einer Psychose oder bei Epilepsie, Hys¬ 
terie*), Alkoholismus chron. etc. Auch in den Gefäng¬ 
nissen wird man wahrscheinlich häufiger den 
passiven, als den activen Typus finden. 

Hier möchte ich auf einige höchst merkwürdige 
Fälle aufmerksam machen, die B. de Quirös**) des 
näheren beschreibt und dabei (p. 38) von einem „prob- 
lema imponente y obscuro“ spricht. Hie und da, 
führt er aus, liest und hört man nämlich, dass bis 
dahin ehrliche, gute Menschen sich plötzlich maskiren, 
einbrechen, Menschen und Thiere grausam morden, 
anzünden etc., ohne dass eben Habsucht vorläge, da 
sie nur wenig mitnehmen. De Quiros meint, das 
Geld sei hier nicht die Versuchung gewesen, sondern 
vielmehr die gesuchte Entschuldigung. „Nietzsche 
hat es sehr gut gesagt. Die Ursache ist die Bluttoll¬ 
heit (locura de la sangre); der Raub ist nur da, um 
die Person vor sich selbst zu rechtfertigen, damit sie 
nicht vor ihrem Wahnsinn sich zu schämen braucht 
Und das ist die Uebersetzung und Interpretation, die 

*) Nach Jung (Obergutachten über 2 sich widerspre¬ 
chende psychiatrische Gutachten, in: Monatsschr. für Criminal- 
Psychologie etc. 1906, p. 691 ss) sind moralische Defekte und 
Hysterie 2 ganz verschiedene Dinge, die unabhängig von ein¬ 
ander Vorkommen. Gewiss! Aber wohl eben so sicher ist es 
auch, dass im Verlaufe einer Hysterie wie auch Epilepsie se- 
cundär sich moralische Defekte entwickeln können, wie ande¬ 
rerseits einmal im Verlaufe einer mor. insanity auch hysterische 
Züge. Jung sagt ferner, dass jeder Gewohnheitsverbrecher 
moralisch defekt sei, daher in naturwissenschaftl. Sinne krank, 
was ich (siehe oben) nur beschränkt zugeben kann. Sie ge¬ 
hören nach Jung daher in ein Krankenhaus, nach mir in 
einen Adnex an ein Gefängniss oder in eine Sonderanstalt. Merk¬ 
würdig ist es, dass Pilcz (Beitrag zur vergleichenden Rassen- 
Psychiatrie, Wien, Deuticke 1906, p. 12) am meisten bei den 
Deutschen der Wiener Klinik mor. ins. fand, was er aber sehr 
richtig aus dem spedfisch grossstädtischem Materiale, also rein 
lokal, erklärt. 

**) B. de Quirös: Criminologia de los delitos de sangre 
en Espana. Madrid, 1906, Editorial international. 


ihre arme Seele von den innem Schlangen hat, die 
sie verzehren. Aber wie entsteht dieser Blutdurst? 
Die rothe Farbe ist sicher dynamogen. Es fragt 
sich nur, wie G i u f fr i d a bemerkt, ob das Blut reizt, 
weil es roth ist, oder ob diese Farbe erregt, weil sie 
die Blutfarbe ist, oder ob endlich beide Reize sich 
combiniren, indem das Rothe an sich selbst reizt 
(physiologische Reizung) und indem es ausserdem die 
Blutfarbe darstellt (atavistische Reizung). Während 
nun beim Normalen allein die physiologische Reizung 
wirkt, gesellt sich beim Abnormen die atavistische 
oder degenerative Erregung hinzu, die ihn zur Grau¬ 
samkeit, zum Sadismus, zum Mord treibt“. Ich 
glaube, ähnliche Beispiele schon gelesen zu haben, 
doch bin ich sehr skeptisch geworden. Eine psychia¬ 
trische Expertise dürfte diese Art von Mördern wohl 
durchweg als mindestens schwer Entartete und Be¬ 
lastete darstellen, wenn es sich nicht etwa nur um 
krankhafte Dämmerzustände, larvirte Epilepsie, patho¬ 
logischen Rausch etc. handelt Das Amoklaufen der 
Malaien hat damit einige Aehnlichkeit. Es scheint 
freilich eine physiologische Wirkung der rothen Farbe 
zu bestehen, namentlich bei Nervösen und vielen 
Thieren (Stierkämpfe!), der s. Z. Giuffrida Ruggeri 
eine interessante Studie gewidmet hat*). Wollte man 
nun selbst annehmen, dass diese bei Disponirten sich 
bis zur Raserei steigern kann — der Löwe hat Blut 
geleckt sagt man, und bekannt ist dass in Schlachten 
nicht selten nach dem ersten Blutvergiessen eine Art 
von Blutrausch sich einstellt — so muss doch eben 
erst Blut geflossen sein, während bei den Fällen von 
de Quiros der Mord dem Raubefolgte und nicht 
umgekehrt. Kann man sich wohl vorstellen, dass ein 
bis dato angeblich ehrlicher und guter Mensch, sagen 
wir mit dem 30. Jahre, urplötzlich ein kalter Blut- 
wütherich wird, ohne vorangegangene Krankheit etc? 
Ich halte einen solchen Fall vorläufig für völlig aus¬ 
geschlossen. Und wo das Blut reizend einzuwirken 
scheint, da liegt der Grund gewöhnlich tiefer. Beim 
Sadisten wirkt der Schmerz des Opfers anregend, 
oder die Erinnerung daran, weniger das Blut selbst 
Auch ist der Sadist selbst meist ein pathologischer 
Mensch. Beim Stierkampfe wirken auf den Gebildeten 
— den Nicht-Spanier — die ästhetischen Posen des 
wüthenden Stiers reizend, wie ich selbst mehrfach 
erfahren habe, nicht aber, wenn er normal oder nicht 
daran gewöhnt ist, die Schmerzäusserungen an sich, 
der Todeskampf, der beim Ungebildeten allerdings die 
Hauptsache ist, weil seine Gefühle in dieser Beziehung 
durch die Gewohnheit des Anblicks abgestumpft cr- 

*) Siehe auch Förö, Travail et plaisir. Paris 1904, 
p. 88 und 99. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


129 


1906] 


scheinen. Beim Volke sind es also mehr sadistische 
Gefühle, die hervorgebracht werden, weniger ästhe¬ 
tische, und erweckt werden sie in der Hauptsache 
durch die Associationen, welche beim Anblick 
des Bluts sich einstellen, kaum durch das Blut oder 
seine Farbe selbst Auch wenn Letzteres eine andere 
Farbe hätte, würde gleiches sehr wahrscheinlich ein- 
treten, wie es auch geschieht, wo kein Blut fliesst 
Indirect wirken allerdings der Blutverlust, die Todes¬ 
krämpfe noch erhöhend und beschleunigend und 
das Blut associirt sich also damit. Und wenn in 


Schlachten oder in einer fanatisirten Menge das erste 
Blutvergiessen oft eine Art von Blutdurst, oder 
richtiger gesagt: Bluttaumel erzeugt, so ist die Farbe 
oder das Fliessen selbst wahrscheinlich nur von sehr 
untergeordneter Bedeutung, die Hauptsache dagegen 
das unterbewusst associativ anklingende 
sadistische Element im Menschen, das be¬ 
sonders in pathologischen Fällen oder durch 
dieMassen-Suggestion sein widriges Haupt 
erhebt 

(Schluss folgt.) 


Mittheilungen. 


| — Psychiatrischer Congress in Mailand. 

| Wie bereits mitgetheilt ist, tagt vom 26. bis 30. Septbr. 
ijs.indem herrlichen Mailand ein internationaler 
Congress für Irrenfürsorge unter besonderer 
Berücksichtigung der freieren Verpflegungsformen. 
Man darf wohl jetzt schon auf Grund der zahlreichen 
Anmeldungen bekanntester Psychiater aus allen 
Muriändem Voraussagen, dass der Congress an Be¬ 
deutung hinter dem Antwerpener Congress nicht Zu¬ 
rückbleiben wird. Bekanntlich hat die deutsche 
Psychiatrie in Antwerpen vorzüglich abgeschnitten 
nnd durch ihr einmüthiges Vorgehen in allen Fragen 
| den Ausschlag gegeben. Der Herr Vorsitzende des 
Antwerpener Congresses hat dann auch dem Herrn 
Staatsminister für äussere Angelegenheiten in einem 
offiziellen Schreiben den besonderen Dank und die 
Anerkennung der Congressleitung ausgesprochen. 
„Die in An twerpen durch eine grosse Gruppe 
von Aerzten vertreten e deutsche Psychiatrie 
hat gezeigt“, so heisst ein Abschnitt des 
Schreibens — „dass sie auf der Höhe jeg¬ 
lichen Fortschrittes steht; die Annahme 
der von ihr formulierten und vertretenen 
Leitsätze hat endgültig den Erfolg der 
guten Sache, den Triumph der Familien- 
pflege besiegelt.“ 

Wir hoffen, dass auch in Mailand die deutsche 
Psychiatrie die in Antwerpen behauptete Stellung 
nicht nur behaupten, sondern neu festigen wird. 
Dazu ist aber erforderlich, dass die deutschen Psy¬ 
chiater sich recht zahlreich im schönen Mailand ein¬ 
finden, das diesmal noch einen besonderen An¬ 
ziehungspunkt durch die grossartige Weltausstellung 
bietet Anmeldungen erbittet 

Professor Dr. A 1 1 - Uchtspringe. 

— Ansbach. Seine Kgl. Hoheit Prinz Lud¬ 
wig von Bayern besichtigte am 9. Juni, gelegent¬ 
lich einer politischen Feier der Stadt, die Kreisirren¬ 
anstalt Ansbach, Hess sich die Aerzte und Be¬ 
amten vorstellen und erkundigte sich während der Führ¬ 
ung durch den Anstaltsvorstand mit sichtlichem Inter¬ 
esse eingehend nach allen Verhältnissen. 


— In Wien ist eine „Oesterreichische krimi¬ 
nalistische Vereinigung' 4 begründet worden. 

Der § 1, Name, Sitz und Zweck, besagt: „Die 
„Oesterreichische kriminalistische Vereinigung“ mit 
dem Sitze in Wien vertritt die Ansicht, dass sowohl 
das Verbrechen, als auch die Mittel zu seiner Be¬ 
kämpfung nicht bloss vom juristischen, sondern auch 
vom anthropologischen und soziologischen Standpunkte 
aus betrachtet werden müssen. Sie stellt sich zur 
Aufgabe die wissenschaftliche Erforschung des Ver¬ 
brechens, seiner Ursachen und der Mittel zu seiner 
Bekämpfung. Sie erstreckt ihre Wirksamkeit auf alle 
im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder. 

§ 2. Der Vereinszweck wird vornehmlich zu 
erreichen gesucht 1. Durch Vorträge und Diskussionen. 
2. Durch Herausgabe von Druckschriften. 3. Durch 
Errichtung einer Fachbibliothek. 4. Durch Veran¬ 
staltung von Kursen und Exkursionen. 5. Durch 
Zusammenwirken mit der Internationalen kriminalisti¬ 
schen Vereinigung; für den Fall, als die Internatio¬ 
nale kriminalistische Vereinigung die Oesterreichische 
kriminalistische Vereinigung als ihre Landesgruppe 
betrachtet, übernimmt die Oesterreicliische kriminalisti¬ 
sche Vereinigung die Funktion einer solchen. 4 ’ 

Vorsitzender ist Prof. Gross, Graz. 


Referate. 

— E. Raimann. Die hysterischen Gei¬ 
stesstörungen. Deuticke. Wien. 1904. 395 S. 

Eine umfangreiche, durch klaren Aufbau ausge¬ 
zeichnete Monographie, die zu vielen schwebenden 
Fragen Stellung nimmt. R. defmirt die h. G. als 
functionelle Geisteskrankheiten, die aus der hyste¬ 
rischen Persönlichkeit hervorgehen, den Gesetzen der 
Hysterie gehorchen, zeitüch von begrenzter Dauer 
sind, niemals in einen Defectzustand übeigehen. Das 
grundlegende Kapitel bildet eine Analyse des hy¬ 
sterischen Charakters, aus dem die h. G. 
abzuleiten sind. Dieselben Grundzüge, die sich 
aus dem hysterischen Character und dem Delir des 
h. Anfalls ableiten lassen, sind bei allen h. G. nach- 


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Original fram 

HARVARD UNiVERSITY 




130 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 13. 


zuweisen. Die Psychogenie, die gesteigerte Suggesti- 
bilität, die gesteigerte Aufmerksamkeit auf das liebe 
„Ich“, der Krankheitswille werden wiederholt gewür¬ 
digt. In der „Klinik der hysterischen Psychosen“ 
bespricht R. zunächst die Geistesstörungen des hy¬ 
sterischen Anfalls, die Aurapsychosen und die „An¬ 
hängsel“ an den Anfall, von welchen eine fliessende 
Reihe zu den selbständigen hysterischen Psychosen 
führt. Weiter werden geschildert das hysterische De¬ 
lirium, die hysterischen Dämmerzustände, „u. andere 
Formen der acuten hysterischen Psychosen“, die nicht 
als Delir oder Dämmerzustände bezeichnet werden 
können. R. wünscht die Bezeichnung: hysterische 
Manie, hysterische Melancholie vermieden zu sehen, 
höchstens dürfe man von acuter hysterischer Geistes¬ 
störung manischer, melancholischer Form sprechen. 

Die chronischen h. G. entstehen durch Anein¬ 
anderreihung der bereits genannten Zustandsbilder, 
sie sind durch remittirend-intermittirenden Verlauf 
ausgezeichnet Verfolgungsideen sind häufig, ohne 
dass die Diagnose Paranoia (im engeren Sinne) ge¬ 
stellt werden darf. Halluzinationen (Visionen), systemi- 
sirte Amnesien spielen oft eine grosse Rolle. — R. 
bespricht dann die Aetiologie. Die Hysterie ist eine 
Form der Degeneration. Nie erzeugt ein „Frauen¬ 
leiden die Hysterie, diese wird nur aus ihrem 
Schlummer geweckt und zwar durch psychische Ver¬ 
mittelung“. R. hat unter allen Einzelbeobachtungen 
nur einen Fall, welcher der sexuell-traumatischen 
Aetiologie von Freud nur halbwegs entgegenkommt. 
„Das sexuelle Trauma ist nur eine der vielerlei Quellen, 
aus welchen die Hysterie schöpft“. Vollkommen 
gleichwerthig ist das Schrecktrauma mit oder ohne 
Unfall, welches bei Veranlagten die sog. trauma¬ 
tische Hysterie hervorruft. 

In dem umfangreichen Kapitel über das Wesen 
der Hysterie nimmt R. Stellung zu den zahlreichen 
Theorien französischer und deutscher Autoren. Die 
supponirte Stoffwechselveränderung, vasomotorische 
Erklärungen, moleculare Protoplasmaveränderungen 
werden als ganz unsicher zurückgewiesen. „Nicht ein¬ 
mal über den Sitz der Krankheit sind mehr als be¬ 
gründete Vorstellungen möglich.“ Die Plysterie ent¬ 
steht, die einzelne Aeuserung wird geweckt vom 
Seelenleben her, nur von der geistigen Seite aus ist 
der Versuch möglich, ihrem Verständnis näher zu 
kommen. Bei Besprechung der Breuer-Freu d’schen 
Theorie sagt R. , dass es immer schon eine patho¬ 
logische Grundlage erfordert, wenn der Betrag des 
nicht abreagirten Affectes in eine andere Erregungs- 
form, das hysterische Symptom convertirt werden soll. 

Bei eingehender Besprechung der Differential - 
diagnose werden die Schwierigkeiten der Unter¬ 
scheidung zwischen Hysterie und Dementia praecox, 
zwischen H. und Simulation besonders hervorgehoben. 
Theoretisch und prinzipiell liege kein Grund vor, die 
Combination von Hysterie und Epilepsie unbedingt 
abzulehnen, doch sei Hysteroepilepsie in diesem Sinne 
selten. 

Bezüglich der Prognose ist zu unterscheiden 


zwischen Hysterie und hysterischen Psychosen. Diese 
geben im allgemeinen eine günstige Prognose, mag 
auch die Hysterie einen Dauerzustand darstellen. 

Die Therapie muss zunächst immer eine psychische 
sein. Die kathartische Therapie nach Freud wird 
nicht befürwortet. Auch gegen die Hypnose führt 
R. mit Recht mancherlei Bedenken an. Gynäco- 
logisches Eingreifen ist nur erlaubt, wenn ein patho¬ 
logischer Lokalbefund durchaus Behandlung verlangt. 
— In dem Schlusskapitel „Forensisches“ sagt R., dass 
der Nachweis von konvulsivischen Anfällen und Stig¬ 
men nicht genügt, um Zurechnungsfähigkeit auszu- 
schliessen. Nur wenn der Nachweis einer schweren 
Bewusstseinsstörung tempore criminis zu erbringen ist, 
liege Geisteskrankheit im Sinne des Gesetzes vor. 
Die Hysterischen werden als Zeugen, Ankläger und 
Angeklagte gewürdigt. Die Erfahrung lehrt, dass mit 
der Strafe bei den Hysterischen etwas auszurichten 
ist. — Eine fast überreiche Zahl von Krankenge¬ 
schichten ist dem Buche eingefügt. Mercklin. 


FrageKasten. 

— Mit Bezug auf die Frage in Nummer 12: 
Darf sich die Nachtwache beschäftigen? 
möchte ich folgende Ansicht zu äussero mir er¬ 
lauben. In meiner Abtheilung für weibliche und 
männliche Kranksinnige ist folgende Einrichtung ge¬ 
troffen für das Pflegerpersonal: Die Pflegerinnen 
haben acht Nächte hintereinander Nachtwache. Die 
Zimmer der ruhigen Kranken sind geschlossen, die 
Thüren von den Zimmern, in denen sich selbstmordge¬ 
fährliche oder sonst besonders überwachungsbedürftige 
Kranke befinden, sind offen. Von dem Wachtiaume 
aus, der bei Tag den Gesellschaftsraum darstellt, kann 
die an einem Tische sitzende Pflegerin die einzelnen 
Zimmer, bezw. die Kranken beaufsichtigen. Auf dem 
Tisch steht eine abgeblendete elektrische Lampe, die 
Pflegerin darf einfache Handarbeit machen oder 
lesen. Ein grosser Theil der Pflegerinnen verwendet 
diese Nachtwachen dazu, um das Material, das ihnen 
in den Vorlesungen von den Anstaltsärzten geboten 
wird, zu verarbeiten. Die Erfahrungen, die ich ge¬ 
macht habe, sind durchaus günstige. Die Pflegerinnen 
haben nicht mit dem Schlaf zu kämpfen, die Nacht 
vergeht ihnen viel schneller und ich habe sogar 
einzelne Pflegerinnen, die die Nachtwache jedem 
anderen Pflegedienst vorziehen. Bemerken möchte 
ich noch, dass darauf gesehen wird, dass die Pflege¬ 
rinnen während der Nacht öfter leichten Milchkaffee 
mit Zwieback und Obst zu sich nehmen. 

Dr. A. Friedländer, 

Privatklinik Hohe Mark bei Frankfurt a. M. 

Unserer heutigen Nummer liegt ein Pro¬ 
spekt der 

Höchster Farbwerke, vorm. Meister, 
Lucius & Brüning in Höchst a. M. 
über „Pyramidon“ 

bei, welchen wir der gefl. Beachtung unserer Leser 
noch besonders empfehlen. 


Für den reductionellen Iheil verantwortlich: Oberarzt J >r. J . Hresler, Lublinitz (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratcnannahrm'13 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S. 

Heynemann’sche Buehdnickerei (Gebr. Wölfl) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 


.Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lublinits fSchieden). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

< fefogr.*Ädre»e: Murho Id Verlag, Hai lesft&le. Fernsprecher 823.' , 

Nr. 14. 3°- 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Poet sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt Ermäaugung ein. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Job. Bresler, Lublinits (Schlesien'), su richten. 


Mängel in der preussischen Statistik über die Anstalten für Geisteskranke, 
Epileptiker, Idioten., Schwachsinnige und Neivenkranke (der früheren 
Statistik über die Irrenanstalten). 

Von Sanitätsrath Dr. Gruriaü in Elbing. 

(Fortsetzung.) 


Wenn die angegebenen Massnahmen genügten, um 
bei den Jahresübergängen die Bestandsziffern auf den 
Tabellen des statistischen Landesamtes richtig festzu¬ 
stellen, dann dürften auch keine oder nur ganz kleine 
Differenzen — geringe Versehen würden ja bei der 
grossen Anzahl der Anstalten niemals ganz aus- 
bleiben — Vorkommen. Dem ist aber nicht so, wie 
die nachstehende Tabelle zeigt, auf der für alle An¬ 
stalten zusammen die Differenzen bei den Jahresüber¬ 
gängen ausgerechnet sind. Ein Mehr im Bestände 
am 1. Januar gegen den Bestand am 31. Dezember 
vorher ist mit -f- und ein Weniger mit — bezeichnet. 


75/76: 

+ 

404 

(+ 

229 

m., 

+ 

175 

w.r 

76/77 

+ 

197 

(+ 

l2 4 

m., 

1 

~r 

73 

w.) 

I 

^-1 

^-1 

OC 

+ 

79 

(+ 

53 

m., 

+ 

26' 

w.) 

78/79 

— 

148 

(-' 

98 

m., 

— 

50 

w.) 

79/80 

— 

45 2 

(- 

251 

m., 

— 

201 

W.) 

80 81 

+ 

140 

(+ 

103 

m., 

+ 

37 

w.) 

81/82 

+ 

268 

(+ 

i34 

m., 

+ 

134 

w.) 

82/83 


0 

( 

0 

m., 


0 

w.) 

83/84 

+ 

810 

(+ 

459 

m., 

+ 

35i 

w.) 

84/85 

+ 

171 

(+ 

92 

m., 

■+ 

79 

w.) 

85/80 

— 1 

888 

(-* 

056 

m., 

— 

83 2 

w.) 

80/87 

’ — 

30 

(- 

18 

m., 

— 

12 

"••) 

87/88 

+ 

337 

(+ 

144 

m., 

+ 

193 

w.) 

88/89 

— 

191 

(- 

121 

in., 

— 

70 

w.) 

89/90 

+ 

5 io 

(+■ 

358 

m., 

> 

To 2 

w.) 

90/91 

+ 

88 

(+ 

22 

m., 

+ 

66' 

w.) 

01/92 

+ 

159 

(+ 

68 

m., 

+ 

9 1 

w.) 

92/93 

+ 

223 

(+ 

121 

m., 

+ 

102 

w.) 

03:94 

+ 

402 

(+ 

2 73 

m., 

+ 

129 

w.) 

94/95 

+ 

205 

(+ 

*25 

in., 

+ 

So 

«••) 


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95/96 

— 

149 

(- 

59 

m., 

— 

90 

w.) 

96/97 

+ 

233 

(+ 

189 

m., 

+ 

44 

w.) 

07/98 

— 

306 

(- 

167 

m., 

— 

139 

w.) 

98/99 

4 - 

i«5 

(+ 

209 

m.,. 

— 

24 

w.) 

99/00 

+ 

373 

<+ 

.s? 

m., 

+ 

186 

w.) 

00/01 

+ 

119 

<+. 

12 

m., 

+ 

107 

w.) 

01/02 

+ 

435 

(+ 

297 

m., 

+ 

138 

w.) 

02 '03 

: +2975 

(+' 

[408 

m., 

+1 

567 

w.) 

Nur bei 

dem einen Jabresübergarig 

von 

18t 


ist keine Differenz vorhanden. Die gleichlautende 
Bestandsziffer für den 31. Dec. und 1. Jan. beträgt: 
21625 (11233 m. 10392 w.). Indessen ist diese 
Stimmigkeit micht ein wandsfrei, da sie nur bei den 
Totalsumraen besteht, aber nicht bei den diese zu¬ 
sammensetzenden Untersummen. Dafür ein Beispiel. 

Für die ^ Berliner Anstalt zu Dalldorf ist ein Be¬ 
stand angegeben am 31. Dec. 1882 von 803 111. 
805 w. und am 1. Jan. 1883 von 803 m. 7qq w., 
also von ö-weibl. Kranken weniger. 

Zählt man hinfeü die vom 31. Dec. und r. Jan. 
gleichlautenden Bestandsziffern für die beiden andern 
Anstalten, die damals im Berliner Stadtkreis noch 
vorhanden "waren, nämlich 

für die Irrenabtheilung der Charite von 77 m. 5Tw. 
und für die Klinsmannsche Anstalt von 14 m. 20 w. f 
so ergiebt sich für den ganzen Stadtkreis Berlin ein 
Bestand am 31. Dec. 1882 von 1770 (894 m. 876 w.) 
und am if Jan. 1883 von 1764 (894 m. 870 w.) 

In der tabellarischen Zusammenstellung nach Pro¬ 
vinzen, in welcher der Stadtkreis Berlin mit aufge¬ 
führt ist, figurirt aber noch eine andere dritte, für 

Original fram 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. t 4 . 




den 31 Dec. und 1. Jan. gleichlautende Bestandsziffer 
von 1771 (895 m. 876 w.). 

Welche Zahlen sind nun richtig oder sind sie 
alle falsch? 

Das grösste Plus von 2975 (1408 m. 1567 w.) 
fällt auf 1902/03. Demselben liegt ein Bestand 
von 61493 (32586 m. 28907 w.) am 31. Dec. 
1902 und von 64468 (33994 m. 30474 w.) am 
1. Jan. 1903 zu Grunde, was eine Differenz von an¬ 
nähernd 5 Proz. ausmacht. Grösstentheils dürfte 
dieselbe dadurch entstandet! sein, dass für viele der 
neu hinzugekommenen Anstalten, 76 an Zahl, von 
vorne herein ein Bestand am 1. Jan. eingestellt ist. 
Nachweisen lässt sich das nicht, da von 1901 ab 
die grosse Frequenztabelle mit den namentlich auf¬ 
geführten Anstalten dem Jahresbericht nicht mehr 
beigegeben wird. Rechnerisch richtiger und über¬ 
sichtlicher wäre es, für neu hinzutretende Anstalten 
keinen Anfangsbestand ara 1, Januar einzustellen, 
sondern denselben beim Zugang zu verrechnen, da 
die Anstaltsstatistik eine fortlaufende ist, deren Er¬ 
gebnisse sich für jedes Jahr auf das Zahlenmaterial 
des vorangegangenen aufbaut. 

Das grösste Minus, nämlich von— 1888 (— 1056 m. 
— 832 w.) findet sich von 1885/86 und zwar bei 
einem Bestände von 26699 (13919 m. 12780 w.) 
am 31. Dec. 1885 und von 24811 (12863 m * 
11948 w.) am 1. Jan. 1886. Dieser Rückgang be¬ 
trägt etwa 7 Proc. 

Die Minusdifferenzen sind seltener als die Plus¬ 
differenzen und kommen bei beiden Geschlechtern 
zugleich nur 6 Mal vor gegen 21 Mal mit einem 
Plus. 1 Mal, von 1898/99 besteht ein Plus beim 
männlichen und ein Minus beim weiblichen Geschlecht. 

Für die Zeit von 1877 bis 1900, wo die Frequenz¬ 
tabelle für die einzelnen Anstalten in den Veröffent¬ 
lichungen enthalten war, — für 1875 und 76 war 
dies noch nicht der Fall und seit 1901 ist die Tabelle, 
wie schon gesagt, fortgelassen — lassen sich die 
Differenzen meistens bis zu ihrem Ursprung in den 
betreffenden Anstalten zurückverfolgen. Bei manchen 
Anstalten finden sich gar keine Differenzen, bei 
anderen sind sie gross und erscheinen bei fast allen 
Jahresübergängen. Es sind dies besonders die grossen 
Anstalten mit regem Krankenwechsel, wo die Aus¬ 
fertigung der Zählkarten eine beträchtliche Mühe 
verursacht. 

Um die Häufigkeit der Differenzen bei den An¬ 
stalten zu illustriren, habe ich nachstehende Zu¬ 
sammenstellung für einen Jahresübergang, und zwar 
für den von 1897/98 gemacht. Ich habe gerade 


diesen gewählt, weil er nur eine kaum mittelhohe 
Gesammtdifferenz aufweist, die allerdings zu den seltener 
vorkommenden Minusdifferenzen gehört 

Um Raum zu sparen, sind die Anstalten nicht 
mit der vollen Bezeichnung aufgeführt, sondern mög¬ 
lichst kurz genannt und auch nur diejenigen, bei 
welchen eben Differenzen Vorkommen. 

Es ist der Krankenbestand am 1. Jan. 1898 höher 
(+) bezw. niedriger (—) als der am 31. Dec. 1897 
in folgenden Anstalten: 


A. Oeffentliche Anstalten. 


Ostpreussen: Allenberg 




— 

1 

w. 

Kortau 

+ 

2 

m., 




Stadtkreis Berlin: Dalldorf 

—269 

m , 


282 

w. 

Wuhlgarten 

+ 

6 

ro., 

+ 

8 

w. 

Herzberge 

+ 

4 

m.. 

+ 

12 

w. 

Irrenabth. d. Charite 

+ 

1 

m., 

— 

1 

w. 

Brandenburg: Potsdam, Irren¬ 







abth. im städt. Krkh. 




+ 

2 

w. 

Wittstock 

— 

10 

m.. 

— 

1 

w. 

Sorau * 

+ 

1 

m.. 

+ 

1 

w. 

Pommern: Stettin, Irrenabth. 







im städt. Krkh. 

+ 

4 

ra.. 

+ 

2 

w. 

Posen: Posen, Irrenabth. im 







städt. Krankenh. 

+ 

1 

m., 

+ 

2 

w. 

Schlesien: Breslaü, Einbaumst. 

+ 

11 

m., 

+ 

8 

w. 

Brieg 

+ 

1 

m., 

— 

1 

w. 

Görlitz, Irrenabth. im 







städt. Krankenh. 

+ 

1 

m., 




Plagwitz 

+ 

2 

m., 




Rybnik 

+ 

2 

m., 




Tost 




— 

1 

w. 

Sachsen: Halberstadt, Irren¬ 







abth. im städt. Krankenh. 

+ 

1 

m., 




Magdeburg, Irrenabth. im 







städt. Krankenh. 

+ 

1 

m, 

+ 

1 

w. 

Halle a. S., Universitäts¬ 







klinik 

+ 

29 

m., 

+ 

20 

w. 

Nietleben 

— 

7 

m., 

+ 

3 

w. 

Zeitz, am 1 . Jan. 1898 nicht 







mehr aufgeführt, am 31. Dec. 







97 war nur 1 w. vorh. däber 




— 

1 

w. 

Hannover: Osnabrück 

+ 

1 

m., 




Westfalen: Eickelborn 

+ 

1 

m., 




Hessen-Nassau : Merxhausen 




— 

39 

w. 

Frankfurt a. M., städt. Anst. 

— 

16 

m., 

— 

12 

w. 

Rheinland: Grafenberg 

— 

5 

m., 




Bonn, Irrenabth. im städt. 







Krankenh. 

+ 

1 

m., 

— 

1 

w. 

Cöln (Lindenburg) 

— 

4 

m.. 

— 

2 

w. 

Waldbröl 

+ 

1 

m., 

+ 

1 

w. 


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1906] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


133 


Aachen -f- 38 m., 


Eupen 

— 

i m., — 

I w. 

B. Privatanstalten. 


Brandenburg: Charlottenburg 




(Dr. Edel) 

— 

4 « m.. — 

31 w. 

Französisch Buchholz 




(Müller) 


+ 

I w. 

Pankow' (Dr. Scholinus) 

+ 

3 m -> 


Schöneberg, maison de sante 

+ 

5 m * + 

I w. 

Tegel (Tiede) 


— 

I w. 

Pommern: Bergquell-Frauendorf 

— 

19 m., — 

I I w. 

Schlesien: Breslau (Rass) 


+ 

I w. 

Kraschnitz 

— 

10 m., — 

4 w. 

Laubnitz, am 1. Jan. 1898 




mit aufgeführtem Bestände 




hinzugetreten 

+ 

1 m., + 

4 w. 

Obernigk (Dr. Kleudgen) 

— 

6 m., — 

3 

Görlitz (Dr. Kahlbaum) 


+ 

I w. 

Kunzendorf, am i.Jan. 1898 




nicht mehr aufgeführt, am 




31. Dec. 97 ist ein Bestand 




von 9 w. aufgeführt, daher 


— 

9 w. 

Sachsen: Hasserode 


— 

1 w. 

Schleswig-Holstein: 




Hohenweestedt 


• 

1 W. 

Rellingen 

— 

1 m, 


Schellhom, am 1. Jan. 98 




mitaufgef. Best, hinzugetr. 


+ 

4 w, 

Schleswig (Kirchner) 


— 

1 w. 

Hannover: Ilten 

+ 

7 m., — 

3 w - 

Westfalen: Haus Kannen zu 




Ammeisbrück 

+ 

i m., 


Bethel, epilept. Anstalt 

+ 97 m., +119 w. 

Hessen-Nassau: 




Nieder-Zwehren 


+ 

1 w. 

Frankfurt a. M. (Dr. 




Rosenbaum) 


— 

1 w\ 


Hofheim im Taunus, am 
i.Jan.98mitdem aufgeführ- 


ten Bestände hinzugetreten 

+ 

1 m, 

+ 

3 w. 

Scheuern 

— 

1 in., 



Rheinland: Bendorf 





(Dr. Colment) 



— 

6 w. 

Bendorf (Dr. Döllner) 



— 

1 w 

Kühr 

+ 

4 m-, 

+ 

1 w. 

Crefeld 

+ 

1 m., 



Huttrop 

— 

5 

— 

2 w 

Asbacher-Hütte, am 1. Jan. 98 





mit dem angef. Bestand hin¬ 





zugetreten 



+ 83 w. 

Aachen (Alex. Brüder) 

— 

1 m. 




Zusammen: — 814 (—396 m., —418 w.) 

+ 508 (+229 m., +279 w.) 

Bleibt: — 306 (—167 m., —139 w.) 


Der Gesammtbestand . am 31. Dec. 1897 ist an¬ 
zugeben auf 47832 (25138 m., 22674 w.) und am 
1. Jan. auf 47526 (24991 m., 22535 w.) was der 
obigen Differenz von — 306 (— 167 m., — 139 w.) 
gleichkommt. 

Diese Differenz ist aber nur das Endresultat bei 
der Aufrechnung. Die wirklichen Differenzen er¬ 
strecken sich auf das gesammte Minus und dasgesamm- 
te Plus, also auf — 814 (— 396 m., — 418 w.) 

+ 508 (+ 229 m„ + 279 w.) 

zus. auf 1322 (625 m., 697 w\) 

Einzelfälle bezw. Zählkarten, da niemals eine Zähl¬ 
karte durch eine andere (für eine andere Person) er¬ 
setzt werden kann. Auch bei den anderen Jahres¬ 
übergängen vergrössem sich die Unrichtigkeiten über 
die Enddifferenzen der Gesammtbestände hinaus in 
ähnlich starker Weise. (Schluss folgt.) 


» Einige Punkte aus der Lehre der sog. „moral insanity“. 

Von Medicinalrath Dr. P. Näcke in Hubertusburg. 

(Schluss.) 


Historisch interessant dürfte die Notiz sein, dass 
Gail*) die Menschen in 6 Hauptgruppen theilte, da¬ 
runter „2. solche, bei denen die thierischen Instinkte 
stark, die höheren Fähigkeiten schwach sind, die 
demnach beschränkt, sinnlich, leidenschaftlich sind, 
3. solche, bei denen alle Triebe, niedere und höhere, 

*) Moebius: Franz Joseph Gail. Barth, Leipzig, 1905. 
Pag. 47. 

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stark sind, die demnach bald im Guten, bald im 
Bösen ausgezeichnet sind, Kraftmenschen mit inneren 
Widersprüchen, . . . Die Gruppe unter 2 bildet 
den Uebergang zur sog. moral insanity; in den höheren 
Graden combinirt sich hier intellectueller mit mora¬ 
lischem Schwachsinn. Die Species unter 3 dürfte 
vielleicht Vorkommen, jedenfalls aber ganz abnorm 
selten sein, wenn man unter „Gutem“ nicht etwa 


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134 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT [Nr. 14. 


bloss Kunst und Wissenschaft verstehen will. Ich 
selbst kenne keinen solchen Fall, doch scheinen unter 
den Kraftmenschen, namentlich der italienischen 
Renaissance einige z. T. hierher zu gehören, obgleich 
man nie vergessen darf, dass vieles von dem, was 
uns an diesen oft führenden Geistern ethisch befremdet, 
damals nicht auf fiel, so dass man in jedem speciellen 
Falle erst untersuchen müsste, ob ein wirklicher 
moralischer Defect angeboren vorlag, oder nur schein¬ 
bar bestand und sich dann durch Zeit und Milieu 
erklärt. Solche Fälle giebt es auch in der Räuber- 
Romantik, doch sind das wohl meist nur Mythen. Aber 
wirklich konstatirt ist, dass auch schwerste Ver¬ 
brecher mit scheinbarem Fehlen aller moralischen 
und ethischen Gefühle hier und da doch noch 
Zeichen von Kindes-, Eltern- oder Thierliebe an den* 
Tag legten, sich sogar für Kameraden aufopfern 
konnten etc. Das ist schliesslich auch nicht zu ver¬ 
wundern, da es absolut schlechte Menschen 
ebensowenig giebt, wie absolut gute. Und 
soweit es sich dabei um angeborene Anlagen handelt, 
die in den möglichst extremen Fällen fast den ganzen 
Character ausmachen, sind die Ersteren nur zu be¬ 
dauern und nicht zu verdammen, die anderen da¬ 
gegen zu beneiden, welche jedoch meist ohne alles 
Verdienst sind. 

Einen der umstrittenen Punkte bildet die In¬ 
telligenz der sog. moralisch Schwachsinnigen. Die 
--Rinen — dazu gehöre auch ich — behaupten, dass 
stets der Intellect irgendwie gelitten hat, wenn auch 
oft nur leicht; andere dagegen bestehen auf seiner 
Intactheit. Ich kenne aber, wie ich schon sagte, 
keinen streng hierhergehörigen Falb Diese wider¬ 
sprechenden Meinungen erklären sich nur zu leicht. 
Bis jetzt kennen wir noch nicht einmal gen^u eine 
Definition von Intellect. Bald mehr, bald weniger 
Componenten werden hineinbezogen, immer aber 
spielt das Gedächtniss eine grosse Rolle. Dazu kommt 
ferner, dass die einzelnen Componenten selbst schon 
sehr complizirte Gebilde darstellen und meist wieder 
in ihren Elementen nur einseitig ausgebildet sind, wie' 
z. B. das Gedächtniss, die Urtheilskraft, die Phantasie. 
Um so weniger wird es daher überraschen, dass bei 
keinem einzigen Normalen alle Theile des 
In teil ec ts gleich gut entwickelt ersehe in*eii. 

*) Mpepius {\. c. p. 36) sagt mit Recht, ein und 
derselbe Mensch sicher und rasch über bestimmte Gegenstände 
urtheile, andern gegenüber beinahe schwachsinnig sei. Wer 
denkt hierbei ■* nicht an gewisse Gelehrte ? Dasselbe gilt auch, 
•wie ^M. weiter bemerkt , von den moralischen’. Attributen. Be¬ 
gehren, Neigung, Leidenschaftlichkeit sin 4 nur -Grade bestimmter 
Triebe, nach Moebitis. . . 

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Absolute Symmetrie giebt es ja überhaupt in der orga¬ 
nischen Welt nur sehr selten! Endlich fehlen uns 
noch einwandsfreie Messmethoden der einzelnen 
Componenten, vor allem bez. der Urtheilskraft und 
der Phantasie, namentlich bei > Geisteskranken und 
Schwachsinnigen! Da endlich Experimente nur bei 
sehr wenigen angestellt werden, die immerhin eine 
vorläufige Orientirung gestatten würden, so erklären 
sich Meinungsdifferenzen in concreto sehr gut. 

Sehr lehrreich in dieser Beziehung ist gerade 
Longards Fall. L. fand bei dem Untersuchten die 
Intelligenz „im allgemeinen . . . ziemlich gut .... 
Allerdings war sein Ideenkreis ein enger. Ausserdem 
war eine erhebliche Oberflächlichkeit und Schwäche 
des Urtheils nicht zu verkennen. . . .“ Also war der 
Intellect sicher nicht intact, zumal „ein läppischer 
Zug nicht zu verkennen“ war. Interessant ist die 
Notiz, dass Pat. „unmotivirt zu manchen Zeiten etwas 
erregter war, als zu andern, und es trat dann sein 
verbrecherisches und störendes Wesen besonders stark 
zu Tage“. Wir haben also einen Schwachsinnigen 
vor uns mit spontanen leichten Erregungen, wie nicht 
selten, resp. vielleicht einen schwachsinnigen Perio¬ 
diken Longard hielt mit Recht den betreffenden 
für einen „von Geburt aus krankhaft veranlagten 
Menschen“, den er der Gruppe der Imbecillen zu¬ 
weisen müsste. Er hält ihn ferner für nicht strafvoll¬ 
zugsfähig, was ich nicht ohne weiteres gesagt hätte. 
Pat. kam dann in eine Irrenanstalt, von wo aus er 
nach 4 monatlicher Beobachtung als nicht geisteskrank 
und als strafvollzugsfähig ins Gefängniss zurückge¬ 
schickt ward. Er sei wohl abnorm veranlagt, hiess 
es weiter in dem dortigen Gutachten, aber von ejner 
Imbecillität könne keine Pede sein. Pat. kam also 
ins r Gefängniss, änderte nicht sein Verhalten, schädigte 
aber die Disziplin in arger Weise. Der Strafvollzug 
wirkte auf ihn aber sicher nicht schädlich, ein, 
wenigstens hatte sich keinerlei Psychose bei ihm dort 
aüsgebilclet*; wenngleich er durch die vielen Strafen 
noch renitenter geworden war. Das zeigt, wie vor¬ 
sichtig man mitidem Aussp^uche der Schäd¬ 
lichkeit des . Strafvollzugs sein sollte, be¬ 
sonders bei gewissen moralisch Schwachsinnigen! 
Damit ist natürlich nicht gesagt, dass das Gefängniss 
£ür sip dpj:„ best$j. Ai^enthälts^rt, wäre... D$r T obige 
Kranke. vedipsS d^jip das Gefäpgnis§, raubte, erschoss 
^einen pnd kehrte nun wieder jdajjin zurück. Der 
Gefär>gnissaFzt. hielt den. Men sch en^ |ün nicht normal, 
aber intellectuell für entschied^ gut beanlagt. Er 
blieb dort und. schädjgte ; d$n,StrafVollzug ,ira allge¬ 
meinen, blieb geistig aber der Alte. 

Wir haben also ‘ hier bez-. des Intellects und der 

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HARVARD UNIVERSUM 




Geistesverfassung überhaupt 2 entgegengesetzte An¬ 
sichten und solches zeigt sich leider nur zu oft. Vor 
allem wird gern Intellect mit Wissen ver¬ 
wechselt, was gi und falsch ist. Erst kürzlich ist uns 
ja gezeigt worden, wie unendlich gering der ppsitive 
Gedächtnissschatz des angehenden und auch des aus¬ 
gebildeten Soldaten ist. Ri eg er*) macht sich mit 
Recht über die Gebildeten lustig, die an anderen 
Menschen, welche stark von ihnen verschieden sind, 
ihren eigenen Maassstab anlegen und „das dumme 
Geschwätz der 5 Ungebildeten häufig fälschlicherweise 
für Symptome krankhaften Schwachsinns halten“. 
Bleuler**) warnt andererseits davor, aus einzelnen 
noch so absurden Ideen auf allgemeinen Schwachsinn 
ohne weiteres zu schliessen. Und man finde bei 
echter Paranoia gar keinen Schwachsinn in allen den 
Dingen, die mit dem Wahnsystem nichts zu thun 
haben. Bleuler hat sicher Recht! Dagegen scheint 
die Messung der Gedächtnisskraft, speciell der Merk¬ 
fähigkeit, vielleicht der werthvollste Index für die In- 
telligenzstärke ?u sein. Schon frühere Versuche von 
Vaschide in Paris zeigten, dass beide Functionen 
im allgemeinen parallel gehen und ähnliches ergaben 
auch die neuerlichen Versuche Me uma n n’s. Wenn 
man um sich blickt, wird man in der That mit der 
Intelligenzhöhe auch die Aufmerksamkeit und Merk¬ 
fähigkeit sich steigern sehen ***;. Werthvoll sind 
ferner Associationsversuche, namentlich zur Feststell¬ 
ung des Intelligenz-Typs. Dagegen ist für eine ex- 
acte Messung der Urtheilsschärfe und der Phantasie 
noch recht wenig geschehen. Man wird jedoch stets 
zwischen Methoden für Geistesgesunde und solchen 
für Geisteskranke unterscheiden, sowie bei den Letz¬ 
teren sich stets nur mit annähernd richtigen Methoden 
und daher auch Resulten begnügen müssen. 

Was wir von Definition und Messbarkeit der In¬ 
telligenz sagten, gilt aber in noch viel höherem Grade 
von, der Moral. Ich will hier jedoch nicht näher 
darauf eingehen, da ich diesen Gegenstand schon oft 
behandelt habe. Nur des so merkwürdigen Verhält¬ 
nisses zwischen Moral und Intellect ist zu 
gedenken. Im Grossen und Ganzen gehen sie 
einander wohl parallel, im einzelnen aller¬ 
dings tritt oft eine Dissoci ation ein , so stets 

*) Rieger: Festschrift zu der Feier des 50jährigen Be¬ 
stehens der unterfränkischen Heil- u. Pflegeanstalt Werneck ctc. 
Jena, Fischer, 1905, p. XI. 

**) Bleuler: Affectivität, Suggestibilitäl, Paranoia. Halle, 
Marhold, 1906, p. 127, 

***) Ein ziemlich guter Gradmesser in praxi für die In¬ 
telligenz ist die Befähigung zur Mathematik, mehr aber noch 
das Beherrschen der Muttersprache. 

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eben bei der sog. moral insanity. Bleuler (l. c., 
p. 23) zeigt solche Abweichungen aber auch im ge¬ 
wöhnlichen Leben und in der Entwickelung beider 
Qualitäten. Das stösst jedoch jenen andern Satz des 
Parallelgehens im allgemeinen nicht um und Bleuler 
selbst spricht nur von einer „gewissen Selbstständig¬ 
keit“ der Affectivität, die man ihm gern zugeben 
wird, wie auch, dass „die „Moral“, d. h. die Affect- 
betonung moralischer Begriffe . . . vollständig unab¬ 
hängig von der Entwicklung der moralischen Begriffe 
selbst“ ist, wie dies ja z. B. viele Schwachsinnige, vor 
allem die moralischen, zeigen*). DenVorgangder 
Dissoziation zwischen Moral und Intellect. 
sowie die,, individuelle Affe ct-Disposition“ 
bezeichnete ich in meiner Monographie als die 2 
Hauptprobleme der ganzen Lehre vom 
moralischen Schwachsinn. 

Auch heute noch sind sie ungelöst. Wir wissen 
freilich mehr als früher, dass diese „Affect-Dispo¬ 
sition“ durch Zahl und Stärke der eingeborenen 
Triebe, Instinkte, Neigungen und damit auch der 
speziellen Willensbethätigungen, resp. des perversen 
Willens bedingt sind, und zwar offenbar anatomisch, 
wahrscheinlich im Bereiche des „primären Ichs“, d. h. 
also an der Gehimbasis. Wohl können gute Keime 
durch Erziehung, Milieu etc. entfaltet oder niederge¬ 
drückt, böse befördert oder eventuell niedergehalten, 
richtiger gesagt: „überdeckt“ werden, aber niemals 
ausgerottet und gute, w r enn nicht vorhanden, nie 
herangezüchtet werden. Die Intelligenz kann hier 
freilich im Verein mit dem Milieu viel thun, im 
positiven oder negativen Sinne, aber lange nicht alles, 
und jene dunklen Triebe, die besonders im Traum¬ 
leben sich ziemlich ungenirt zeigen**), regieren im 
letzten Grunde auch am Tage all unser Denken und 
Handeln. Sie sind es, die alles direct oder indirect 
determiniren und die den Kern unseres Characters 
ausmachen. Somit sollten wir meinen, dass wir 
eigentlich ganz in ihren Händen sind und nur reine 

*) Bleuler behauptet weiter, dass der Mangel einzelner 
Affecte wie der moralischen Gefühlsbetonungen bei Imbecillen, 
Idioten nicht häufiger sei, als bei Gescheidteren, soweit näm¬ 
lich Vorstellungen dafür vorhanden sind. Dasselbe soll auch 
bei echten Paranoikern und Paralytikern der Fall sein, während 
bei Dem. praecox der Affect mehr oder weniger unterdrückt sei. 
Nun, ich glaube, dass man ihm hier nicht in allen Fällen Recht 
geben wird. Ich kenne genug Schwachsinnige, Paranoiker und 
Paralytiker, denen trotz des Erhaltenseins der entsprechenden 
Vorstellungen die Affecte fehlen, und dasselbe glaube ich auch 
bei einer Reihe von Dem.-praec.-Fällen. 

Xäcke: Die forensische Bedeutung der Träume. 
Aichiv für Criminalanthrop. etc. 3. Bd. J. H. (1900). — Der 
Traum als feinstes Reagens für die Art des sexuellen Empfindens. 
Monatsschr. für Criminalpsychologie etc. 1905. 

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HARVARD UNfVERSITY 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 14. 


136 


Puppen darstellen, dass also das Endogene stets über 
das Milieu, das Exogene, den Sieg davonträgt. Das ist 
nun, glücklicherweise, gewöhnlich aber nicht der 
Fall. Bei der Mehrzahl der Menschen 
scheinen nämlich diese dunklen Triebe im 
allgemeinen nur sehr mässig an Zahl und 
Stärke entwickelt zu sein und die indivi¬ 
duellen Schwankungen geringer, alsdieun- 
geheuer mannigfaltigen der ex ogenen Ein¬ 
flüsse, wodurch die Menschen im groben mehr 
schablonisirt erscheinen und die individuellen Eigen- 
thümlichkeiten, das primäre Ich, relativ nur selten 
wirklich einmal störend in das Handeln eingreift, und 
dann noch seltener in anhaltender Weise. Beim 
Verbrecher, namentlich dem Gewohnheitsverbrecher, 
sind jedoch diese individuellen Schwankungen grösser, 
vor allem bei den „geborenen Verbrechern“, so dass 
zur Auslösung der That das exogene Moment um 
so kleiner zu sein braucht. 

Es wäre nun sehr erwünscht, bei Sectionen von 
sog. moralisch Schwachsinnigen weniger auf etw’aige 
pathologische Veränderungen der Hirnrinde, nament¬ 
lich an der Basis und in den grossen Hirnganglien 
zu fahnden, als besonders auf Störungen in der Archi¬ 
tektonik derselben, auf Verwerfungen der Schichten, 
abnorme Zahl und Wachsthurasverhältnisse der Gang¬ 
lienzellen, sowie ihren Bau etc., kurz auf alles Tera- 
tologische (wohl stets pathologischer Natur, selbst 
beim Fehlen gröberer Befunde) zu achten. Würden 
sich solche Befunde nur an der Basis und den grossen 
Ganglien zeigen, also nicht oder nur unbedeutend ah 
der Gehirnkonvexität, dann hätte man wohl ein Recht, 
die Triebe etc. dort im Groben zu localisiren und die 
Klinik damit in Parallele zu setzen. Freilich würde 
es sich nicht um Localisationen im Sinne der Gall- 
schen Phrenologie handeln, sondern nur um relative 
C entren, also nicht absolute und scharfumschriebene**). 
Man würde ferner wahrscheinlich finden, dass auch 
die übrige Grosshirnrinde nicht ganz intact war, der 
Thatsache eben entsprechend, dass wohl stets die 
Intelligenz etc. mit leidet, wenn auch öfters nur sehr 
wenig. Hätte man erst einmal den Sitz der Triebe etc. 
anatomisch einigermaassen oder doch sehr wahr¬ 
scheinlich festgelegt, so würde es sich w r eiter fragen, 
warum in gewissen Fällen, denen der moral in- 

Siehe: Anton: Ueber den Wiederersatz der Funktion 
bei Erkrankungen des Gehirnes. Berlin 1906, Karger. 

Und: Hartmann; Die Neurofibrillenlehre und ihre Be¬ 
deutung etc. Wien und Leipzig, Braumüller, 1905. 

**) Siehe insbesondere: Benedikt: Anatomische Studien 
in Verbrechergehirnen. Wien 1879 u. Tenchini: Cervelli die 
delinquenti, Parma, 1885—95. 

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sanity, vorwiegend nur hier Entwickelungs- oder frühe 
deutliche pathologische Störungen stattfanden. Ver¬ 
ständlicher wäre es schon a priori, dass solche Stö¬ 
rungen an der Basis seltener als an der Konvexität 
auftreten und damit auch die grosse Seltenheit 
der sog. moral insanity. Die Gehirnbasis ist eben 
der ältere, consolidirtere Theil und scheint als solcher 
viel seltener und geringer an teratologischen und 
pathologischen Bildungen theilzunehmen, wie die erst 
später erscheinende, weniger consolidirte, leichter ver¬ 
wundbare und Variationen viel mehr ausgesetzte Kon¬ 
vexität. 

Damit hätte man beide oben genannten Probleme 
gelöst, wenigstens nach der anatomischen Seite hin. 
Bis dahin wird aber noch viel Wasser ins Meer 
fliessen, man wird jedoch sicher allmählich der Sache 
näher kommen. Schon jetzt haben wdr verschiedene 
Anzeichen dafür, dass man sich die anatomische 
Störung als eine solche wesentlich der Anlage zu 
denken hat. Dazu gehören die auffallenden Anoma¬ 
lien der Gehirnwindungen bei manchen schweren 
Verbrechern, die z. T. solche „moralisch Schwach¬ 
sinnige“ waren*); dahin ferner auch die nicht seltenen 
somatischen Stigmata. Ein solcher somatisch Ent¬ 
arteter w f ar auch der Pat. Longard’s. Freilich sind 
gerade bei moral insanity äussere Stigmen eher Aus¬ 
nahmen, was aber z. B. noch lange nicht „innere“*) 
oder gewisse seltenere Anomalien an den Hirnwindungen 
ausschliesst. Physiologische und psychologische De¬ 
generationszeichen werden sich auf alle Fälle häufiger 
nachweisen lassen, als somatische, speziell auf sexu¬ 
ellem Gebiete. Kurz, ich wollte nur sagen, dass bei 
der mor. ins. alles auf eine angeborene fehlerhafte 
Anlage gewisser Hirnpartien, namentlich wahrschein¬ 
lich an der Basis, hinweist. Mehr lässt sich z. Z. 
freilich nicht darüber sagen. Von der teratologi¬ 
schen Forschung, wie sie von Monakow inau- 
gurirt und neuerdings eifrig von Vogt***) gepflegt 
wird, erwarte ich also gerade hier die (ana¬ 
tomischen) Hauptaufschlüsse, wie auch 
weiterhin für die „psychische Minder¬ 
wertigkeit“ überhaupt und das „invalide 
Gehirn“, das nicht nur bei den Psychosen voraus¬ 
gesetzt wird, sondern auch für die Dem. paralytica 
mehr als wahrscheinlich ist***). 

*) Näcke: Siehe Allgem. Zeitschr. f. Psych. 58. Bd. 1: 
Einige „innere“ somatische Degenerationszeichen etc. 

**) Vogt: Ueber die Anatomie etc. mikrocephaler Miss¬ 
bildungen etc. Wiesbaden, Bergmann, 1905. 

***) Näcke: Zuletzt in: Erblichkeit und Prädisposition 
resp. Degeneration bei der progr. Paralyse der Irren. Archiv 
für Psych. etc. 41. Bd. H. 1. (1906) und: Syphilis und Dem. 
paralytica in Bosnien. Neurol. Centralbl. 1906, No. 4. 

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PsVCtltAtklSCtt-NfeUkOLOGtSCHß WÖCÜENSCttRtPT. 


1906.] 


Endlich noch einige therapeutische Notizen. 
Weniger schwere Fälle, besonders aus guten Familien, 
eignen sich sehr wohl für Familienpflege und habe 
ich wiederholt hier schöne und scheinbar dauernde 
Erfolge., gesehen. Wo dies wegen wirklicher Ge¬ 
meingefährlichkeit oder Armuth nicht angeht, sind 
Gefängnisse und Irrenanstalten schlechte Stätten 
für solche Patienten; wie ich wiederholt aus¬ 
führte*), sind dagegen Adnexe an Gefängnissen 
besser, . freilich eigene Sonderanstalten das Beste. 
Versuche mit ländlichen Colonien, Beschäftigung mit 
Ameliorirungsarbeiten etc. sind auch vielversprechend. 
Gerade hier, in einfachen Veihältnissen, wo wenig 
Reibungsflächen gegeben sind, finden sich weniger 
Reize und mit dem Alter steht zu hoffen, dass die 

• f' • 

bösen Neigungen allmählich atrophiren, entsprechend 
den anatomischen Veränderungen am supponirten 
Sitze. So könnte sich allmählich eine nützliche 
„Symbiose“ herausbilden. Gleiche Wirkung könnte 
vielleicht auch die Deportation in entfernte Colo¬ 
nien haben, wie sie H. Gross für alle Entarteten 
und uiwerbessei liehen Gewohnheitsveibrecher em¬ 
pfiehlt**). Mehr kurios als practisch ist endlich 

*) Ztiletzt in dieser Zeitschr. 1904, No. 26. 

**) Gross, in einer Besprechung im Archiv für Kriminal- 
aothropologie eic. 1906. p. 375. 




Lugaro’s Vorschlag*), solche gemeingefährliche 
Elemente einfach zu kastriren. Das könnte aber nur 
nach vollendetem Wachsthume geschehen, weil sonst 
Geist und Körper darunter leiden, und vor allem 
erscheint es mehr als fraglich, ob wirklich böse Triebe 
dadurch gemildert werden. Ich verspreche mir jeden¬ 
falls davon nicht viel. Da aber Probieren über 
Studieren geht, könnte man ja den Versuch mit oder 
ohne Erlaubnis des Betreffenden, auf richterliche 
Anordnung hin, machen, zumal es sich ngr um eine 
kleine Operation handelt. Fast wichtiger wäre letztere 
aber aus einem anderen Grunde, nämlich um Nachkom¬ 
menschaft zu verhüten**). Denn die Möglichkeit 
einer Vererbung von perversen Trieben aller Art, die 
ja nur als Vererbung anatomischer Substrate denkbar 
•wäre, liegt nahe genug, obgleich in concreto und in 
vivo eine solche immer schwer bewiesen werden kann 
und sich bei näherem Zusehen oft genug als blosses 
Resultat schlechter Umgebung entpuppt Man sollte 
alsobcz. derVererblichkeitderVerbrecher- 
natur recht skeptisch sein und sich nicht durch 
Zahlen blenden lassen, sondern jeden Fall einzeln 
streng piüfen. 

*) Lugaro: Una proposta di terapia chirurgica nella 
pazzia morale. Rivista di patologia nervosa etc. 1904. Luglio. 

**) Näcke: Castration in gewissen Fällen von Geistes¬ 
krankheit. Diese Zeitschr. No 29, 1905. 


Mittheilungen. 


— Gesellschaft deutscher Irrenärzte. Die 
Nervenärzte.!! Oppenheim, L. Bruns, A. Saenger, 
P. J. M ö£ i u s., L. E d i n g e r. C. v. Monakow und 
v. Frankl-Hochwart veröffentlichen einen Aufruf, 
in welchem sie die Berechtigung und Nothwendigkeit 
der Begründung einer „Gesellschaft deutscher 
Nervenärzte“ darthun und zum Beitritt einladen. 
Es wird darin im Besonderen beklagt, dass, zum 
Unterschiede von anderen Spezialfächern, der Neu¬ 
rologie die Anerkennung und Geltendmachung ihrer 
Selbständigkeit bislang versagt blieb, dass sie an den 
Universitäten theils durch Psychiater, theils die inneren 
Kliniker vertreten wird und auch an den grossen 
städtischen Krankenhäusern noch nicht zu ihrem 
Rechte gekommen ist. 

— Wanderversammlung des Vereines für 
Psychiatrie und Neurologie in Wien. Der Ver¬ 
ein für Psychiatrie und Neurologie in Wien veran¬ 
staltet heuer eine Wanderversammlung, die am 5., 6. 
und 7. Oktober 1906 in Wien stattfinden wird. 
Wissenschaftliche Sitzungen finden am 5. und 6. 
Oktober vormittags und nachmittags statt, und zwar 
werden in den Vormittagssitzungen Referate über 
Fragen von allgemeinem Interesse erstattet; die Nach¬ 


mittagssitzungen sind für angemeldete Vorträge und 
Demonstrationen reserviert. 

Das Programm gestaltet sich daher folgender- 
niaassen: 5. Oktober 1906. I. Sitzung, 9—12 Uhr 
vormittags. Referate: 1. Der geistig Minderwerthige 
und seine Zurechnungsfähigkeit. 2. Der geistig 
Minderwerthige und seine Handlungsfähigkeit. 3. Die 
Unterbringung und Behandlung des geistig Minder- 
weithigen. II. Sitzung, 3—6 Uhr nachmittags. Vor¬ 
träge und Demonstrationen. 6. Oktober 1906. III. 
Sitzung, 9 — 12 Uhr vormittags. Referate: 1. Be¬ 
schäftigungstherapie für Geisteskranke. 2. Beschäf¬ 
tigungstherapie für Nervenkranke. IV. Sitzung, 3—6 
Uhr nachmittags. Vorträge und Demonstrationen. 
Die Namen der Referenten, sowie ausführliche Pro¬ 
gramme der Vorträge und Demonstrationen werden 
später bekannt gegeben werden. Die ersten drei 
Sitzungen finden statt im Sitzungssaale der k. k. Ge¬ 
sellschaft der Aerzte in Wien (IX. Frankgasse 8), 
die IV. Sitzung findet statt in dem mit Projektions¬ 
einrichtungen versehenen Hörsaale des k. k. Institutes 
für experimentelle Pathologie (k. k. Allgemeines 
Krankenhaus, IX. Alserstrasse 4). 7. Oktober 1906. 

Besuch des Neubaues der Wiener Landes-Irrenanstalt 


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I3Ö 


fSYCHIAtRlSCH-NEUkÖLOGiSCHE WOCHENSCHRIFT 


Nr. 14. 


(bei Hütteldorf). Nähere Einzelheiten hierüber werden 
später bekannt gegeben werden. Vorträge und Demon¬ 
strationen mögen bis längstens 31. August 1906 bei 
einem der beiden. Schriftführer Privatdozent Dr„ A. 
Pilcz, Wien, IX.. Lazarethgasse 14. Privatdozent 
Dr. E. Rai mann, Wien, IX. 1 Alserstrasse 4, ange¬ 
meldet werden. 


Referate. 

— Ober den Wiederersatz der Function 
bei Erkrankung des Gehirns. Von Prof. Dr. 
G. Anton, Halle a. d. S. Vortrag bei Übernahme 
der Klinik und Lehrkanzel. Verlag von J. Karger, 
Berlin 1906. (Sonderabdruck aus der Monatsschr. 
f. Psych. u. Neuroh Bd. XIX Z. 1.) 

Es ist bekannt, dass selbst bei weitgehenden Sub- 
stanzverlusten des Gehirns ohne Wiederersatz der 
verlorenen Theile die körperlichen und geistigen Funk¬ 
tionsstörungen sich wieder ausgleichen und in einer 
Weise „verschleiert“ werden können, dass man sogar 
von den' ausgefallenen als „stummen“ Gehirntheilen 
gesprochen hat. Der Ersatz der Funktion kann er¬ 
folgen von benachbarten Himpartien, von symmetri¬ 
schen Projektionsfeldern der Rinde und als Aushülfe 
centraler und peripherer Nervenstationen, wobei eine 
r vicariierende Hypertrophie“ der mehr in. Anspruch 
genommenen Hirntheile nachweisbar sein kann. Aber 
die „Verschleierung“ der Funktionsstörung ist doch 
keine völlige, es bleibt ein „latenter Defekt,“ der 
sich ausser einer gesteigerten Erregbarkeit der un¬ 
versehrten Hirntheile auf motorischem Gebiet z. B. 
nach Hemiplegie hauptsächlich als raschere Ermüdung 
und geringere Feinheit der nicht automatisch wie 
früher, sondern willkührlich erfolgenden Bewegungen 
ausspricht, was zumal bei sonstiger Inanspruchnahme 
des Gehirns (Unterhaltung) deutlich wird. Aber auch 
auf rein psychischem Gebiet bleiben nach Herd¬ 
erkrankungen solche „Restsymptome,“ welche sich 
ganz allgemein als eine Störung der geistigen 
Anpassungsfähigkeit und der Sei bstregul ie- 
rung, vor allem der Affekte, kundgiebt. Beide Er¬ 
scheinungen sind die kennzeichnenden Merkmale 
der Psychose, und besonders können krankhafte, 
periodische Schwankungen der Grosshirnthätigkeit durch 
Herderkrankungen des Gehirns ausgelöst werden, 
— eine Auffassung der periodischen Psychosen , die 
auch bereits von anderer Seite geäussert ist. — 

Vf. betont zum Schluss, dass durch Herderkran¬ 
kungen das gesammte „Funktionsbild“ des Gehirns 
geändert, ein „neuer Hirntypus“ geschaffen werden 
kann. Das Gehirn besitzt also in ganz hervorragen¬ 
dem Maße die Fähigkeit zur „lebendigen, aktiven 
Anpassung,“ und es besteht somit die Möglichkeit 
nicht nur einer „trostvernichtenden Entartung,“ sondern 
auch einer „Umartung“ und weiterer, lebensfähiger 
Anpassung desselben. 

Al brecht — Treptow a. R. 


Personainachrichten. 

— Strassburg , i. E. Nachdem . Prof. Hocke 
den an ihn ergangenen Ruf auf den psychiatrischen 
Lehrstuhl in Strass bürg ab gelehnt hat, hat 
Prof. Wollenberg in Tübingen einen Ruf dahin 
erhalten. 

— Wäldlieim (Kgr. Sachsen). Am 1. April 
er. werdeh die &nstaltsärzte Dr. Frölich in 
Cöl*dit.z -und . Dr.j. Kinr$c he.r in Wa Idheira .im 
Wechsel versetzt . : 


K athreiner’s Malzkaffee- 

Kathreiners Malzkaffee erfreut sich in Kranken¬ 
häusern hnd bei Aerzten dauernder und zunehmender Be¬ 
liebtheit. So schreibt von ihm beispielweise Dr. Heinrich 
in der „Medicinischen Klinik“ 1906. Nr. 15 /Herausgeber: 
Prof. Dr. Branden bürg-Berlin), nachdem er die schädlichen 
Wirkungen des Kaffeegenusses geschildert und der Surrogate 
gedacht, folgendes: „Nur ein Naturproduct darf sich^ rühmen, 
in Form, Zubereitung und Verbreitung dem Bohnenkaffee 
ebenbürtig zu sein. Bis in die 80 er Jahre des XIX, 
Jahrhunderts war dieser „Malzkaffee“ im Handel nicht anders 
zu haben, als in gemahlenem Zustande, pur oder mit Kaflee- 
pulver vermischt. Bei dieser durch Mahlen geschaffenen Ober- 
flächenvergrösserung ging einestheils ein gut Theil Aroma ver¬ 
loren ; anderntheils öffnete die Unmöglichkeit einer sofortigen 
äusserlichen Kontrolle den Fälschungsgelüsten Thür und Thor. 
Da war cs ein Verdienst der FirmaKathrei^ers Malzkaffee- 
fabriken, dass sie ihr Fabrikat zuerst in ganzen Körnern unter 
plombirtem Verschluss auf den Markt gab und so gegenüber 
dem Konsumenten von Malzkaffee die absolut^ Garantie für 
Güte und Echtheit der Ware übernahm. 

Durch den Mälzungsprocess wird das Stärkemehl zum 
grossen Theil in die wasserlöslichen Substanzen Malzzucker und 
Malzdextrin übergeführt; auch wird die Hauptmenge der fci- 
weisskörper in lösliche Diastase umgewandelt. Dem Malz¬ 
kaffee, der auf diese Weise einen bemeikenswerth hohen Extrakt¬ 
gehalt gewinnt, muss ein gewisser Nährwert zugesprochen 
werden. Er wirkt ferner durch Anregung des Appetits, Auf¬ 
hebung des Gefühls von Hunger und Nüchternheit, und zwar 
vermöge der durch das Rösten des Malzes entstandenen aro¬ 
matischen und cmpyreumatischen Substanzen und des Röstbitters. 
Damit wird die Aufnahme trockener Nahrungsmittel, wie Brot, 
durch Genuss einer Tasse Malzkaffee leichter und begehrens- 
werther. 

Der volkswirtschaftliche Sinn gebietet, in der Beschaffung 
guter Genussmittel die Heimat Vom Auslande unabhängig zu 
machen Ferner dient die Gerste, die zur Verarbeitung auf 
Malzkaffee kommt, vom hygienischen und nationalen Standpunkt 
entschieden einem besseren Zwecke, als wenn, sie für Akohol- 
bereitung verbraucht wird. Es sind heute schon, wie der 
Nationalökonom mit Stolz fcststellt, bei der Fabrikation von 
Malzkaffee allein jährlich weit über 10 Millionen kg Gerste 
beteiligt. 

Nicht minder grossartig erscheint der Malzkafieekonsum im 
Licht der Volkshygiene. Er hat an vielen Orteu den Kampf 
gegen den Alkohol siegreich durchgeführt, namentlich an solchen 
ludustrieorten, wo die Eigenart der Beschäftigung den Arbeiter 
nötigt, unausgesetzt auf Ersatz der dem Körper entzogenen 
Flüssigkeitsmengen bedacht zu sein. Bohnenkaffee oder Thee, 
in solchen Mengen genossen, piuss rasch zur Intoxikation 
führen, von den alkoholischen Getränken ganz zu schweigen, 
deren Ausschaltung aus dem Massenkonsum heutzutage jeder 
Wissende-als nothwendig anerkennt.“ 

(Fortsetzung folgt.) < 


Für »len i edactionollcu I In il verantAvortlieh : Olxrai/t l)r. J. Hn-slcr, I.ubiinitz (Schcsicn). , 

Frsc lieint jeden Sonnabend. —• Schluss der lnseratenai.ni alune } Tage vor der Angabe. — Vertag von Dar I M arh.oltl in Halle a. S 

Heyne.mann’srhe Buehdrurkerei fCjobr. Wollt) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lublinitx (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Tetegr.-AdreMe: Marho Id Verlag, Halleiaale. Fernsprecher 823. 


Nr. 15. 


7 - Juli. 


1906. 


Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Poet sowie (jie Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden Ihr die 3 gespaltene Petitseile mit 40 Pfg. berechnet. Bei Wiederholung tritt ErmSsHgung ein. 
Zuschriften für die Redaction sind an Oberarxt Dr. Joh. Bresler, Lublinits (Schlesien), tu richten. 


Ueber die Anwendung 

künstlich erzeugter venöser Hyperämie des Gehirns bei Geisteskrankheiten. 


Von Oberarzt Dr. 

T)er Anregung Bier’s folgend, das hyperämisirende 
Verfahren bei Geisteskranken zu versuchen, 
habe ich seit 7 Wochen in der Rheinischen Provin- 
aal-Hdl- und Pflegeanstalt Galkhausen bei etwa 
’ 23 geisteskranken Frauen die passive Kopfstauung 
»gewandt. Bier empfiehlt zu Versuchungszwecken 
in oster Linie Fälle von nervöser und geistiger Auf¬ 
regung jeder Art und Melancholie, ohne sich einer 
andern Hoffnung hinzugeben, als dass es sich im 
wesentlichen ja nur um eine günstige symptomatische 
Beeinflussung, nicht um eine wirkliche Heilung 
handeln könne. Ich wollte und konnte, um über 
den Werth und die Leistungsfähigkeit des neuen 
Verfahrens Aufschluss zu erhalten, keine engbegrenzte 
Auswahl treffen, weil hier zunächst die Schwierig¬ 
keit zu überwinden war, überhaupt Patientinnen zu 
finden, die sich diese neue Methode der Behandlung 
gefallen Hessen. Ich half mir, indem ich zunächst 
die Stauungsbinde locker um den Hals legte und 
erst, nachdem Gewöhnung eingetreten war, zur eigent¬ 
lichen Stauung überging. Auf diese Weise versöhnten 
sich die Kranken recht bald mit der unbekannten 
Halskravatte und heute macht die Anlegung der 
Binde bereits wesentlich geringere Umstände. 

Als Stauungsbinde verwende ich ein Baumwoll- 
gummiband von 3 cm Breite mit Haken und Ösen, 
um jederzeit den Stauungsgrad nach Bedarf und 
schnell modifiziren zu können. Da der Sitz der 
Binde ara Halse naturgemäss nicht zu wechseln ist, 
w eil das Band immer unterhalb des Kehlkopfes sitzen 
soll, denn oberhalb ist es nicht gut anzubringen und 
gerade auf dem Kehlkopf macht es lästige Druck- 
ttseheinungen, so empfiehlt Bier, um Druckwirkung 
auf die Haut zu vermeiden, die Unterfütterung der 

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Neu % Galkhausen. 

selbstredend absolut glatt sitzenden Binde mit einer 
einfachen Tour einer Mullbinde und die Polsterung 
der Stelle, wo Haken und Öse ineinandergreifen, mit 
einer Filzplatte, nötigenfalls Abhärten der Haut 
durch spirituöse Waschungen. Bier staut in der 
Regel 18 —22 Stunden täglich bei acuten Entzün¬ 
dungen und Eiterungen am Kopfe, individualisirt 
abematürlich dem Falle entsprechend und schiebt 
nötigenfalls mehr oder weniger grosse Pausen ein. 
Bisher bin ich mit dem blossen Baumwollgummiband 
ausgekommen, einmal, weil bei der vorzüglichen Ge- 
fässversorgung des Kopfes bereits eine geringfügige 
Abschnürung genügt, um eine verhältnissmässig starke 
Hyperämie zu erzielen, ein ander Mal, weil' ich erst 
in einigen wenigen Fällen ununterbrochene Stauungs¬ 
perioden von über 12 Stunden in Anwendung ge¬ 
bracht habe. 

Aus demselben Grunde war ich bislang nicht in 
der Lage Fälle zu beobachten, ;in denen eine Asy- 
metrie des Schädels auftritt, oder wo die Weichtheile 
des Halses in Gestalt ödematöser Säcke über die 
Binde herabhängen. Jedenfalls ist die Reaktion auf 
so ziemlich die gleiche Stauungsstärke individuell 
ausserordentlich grossen Schwankungen unterworfen, 
sowohl in Bezug auf subjektive Empfindungen als 
auch auf die Symptome, welche als äussere Anhalts¬ 
punkte für die Stärke der serösen Durchtränkung zu 
gelten haben. Hieraus erhellt, dass sich eine be¬ 
stimmte Norm für den in Anwendung zu bringenden 
Stauungsgrad nicht aufstellen lässt, sondern dass man 
in erster Linie sich leiten lassen soll durch die per¬ 
sönlichen Empfindungen des Kranken. Im Allge¬ 
meinen wird die Binde richtig liegen, wenn das Ge¬ 
sicht des Patienten sich leicht bläulich verfärbt und 


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140 


psychiatrisch-neurologische Wochenschrift. 


Nr. ij- 


ein etwas geschwollenes, gedunsenes Aussehen dar- 
bietet. Um also Kunstfehler zu vermeiden, war es 
weiterhin nothwendig, solche Kranke auszuwählen, 
die durch ihre Angaben meine Beobachtungen zu 
unterstützen in der Lage waren. Nach völliger Be¬ 
herrschung der Technik, bin ich überzeugt, wird man 
es im Gefühl haben, wann ein genügender Grad der 
Stauung erreicht ist, ob es erwünscht ist die Binde 
straffer anzulegen oder nothwendig sie zu lockern. 
Dass es hierbei rathsam ist, plötzliche Druck¬ 
schwankungen zu vermeiden, brauche ich eigentlich 
nicht zu erwähnen. Schon die nicht auffällige oder 
beängstigende Klage über Druck und Schwere im 
Kopf waren für mich das Signal, den Stauungs¬ 
grad stufenweise herabzumindern. Freilich gilt das 
Gesagte nur in vermindertem Maasse für die erste 
halbe Stunde des frisch gemachten Versuches, aber 
bei Steigerung der Beschwerden ist unbedingt eine 
allmähliche Entlastung des Kopfes indicirt. 

Ausserordentlich beruhigend und unter allen Um¬ 
ständen ermunternd zur Anstellung von Versuchen 
wirkt die Mittheilung Biers, dass er eine Störung 
durch die Binde niemals hat beobachten können und 
dass er selbst bei Arteriosklerotikern verschiedentlich 
hat zur Kopfstauung greifen dürfen, ohne je eine 
schädliche Einwirkung zu erleben. Wenn demnach 
unser oberster Grundsatz: „Primum est non nocere“ 
gewahrt bleibt, da weiss ich nicht, weshalb ein solches 
Mittel unversucht bleiben soll bei Erkrankungen, bei 
welchen jede Bereicherung unseres therapeutischen 
Schatzes willkommen ist. 

Solche Erwägungen dürften auch mitbestimmend 
gewesen sein, als Bier vor einigen Jahren die Epilepsie 
und Chorea in ihren Beziehungen zur künstlich er¬ 
zeugten Hyperämie zu erforschen suchte. In io 
Fällen von Epilepsie konstatierte er i Verschlimmerung, 
6 Besserungen, während 3 Fälle ohne Beeinflussung 
blieben, und folgerte daraus: „dass die nervöse 
Hyperämie des Gehirns mit ihren Folgezuständen 
keineswegs eine Vermehrung der epileptischen An¬ 
fälle herbeiführt; im Allgemeinen ist sogar eine 
Besserung des ganzen Symptomenkomplexes zu be¬ 
merken. Interessant ist noch, dass Hand in Hand 
mit der Herabsetzung der Anfälle auch eine Besser¬ 
ung der seelischen und geistigen Störungen eintrat.* 4 
Aehnliche Erfolge von der Halsstauung sah Bier 
bei der Chorea minor. Nicht vergessen möchte ich 
schliesslich zu erwähnen, dass Bier auch allerlei 
Arten von Kopfschmerzen mit gutem Erfolge mit 
Stauungshyperämie behandelte. 

Bevor ich mit meinen Versuchen bei Geistes¬ 
kranken begann, erprobte ich zunächst die verschie¬ 


denen Grade der Stauung durch kürzere und längere 
Zeit hindurch an mir selbst, und ich konnte Bier 
nur beipflichten, wenn er sagt, dass selbst die stärksten 
Grade der Stauung ohne besondere Beschwerden er¬ 
tragen. werden, wenn man stufenweise vorgeht. Im 
Anfang verspürt man naturgemäss ein beengendes 
Gefühl am Halse, man gewöhnt sich indes bald daran 
und ist später bei Betrachtung im Spiegel erstaunt, 
wie geringfügig die subjektiven Empfindungen sind im 
Vergleich zur erreichten Stauung. Wird die Binde 
unangenehm empfunden, nehmen die Beschwerden 
zu, so werden kürzere oder längere Stauungspausen 
eingeschoben, man muss eben bei diesem Verfahren 
wie bei allen anderen zu individualisiren lernen. 

Auf die einzelnen von mir mit Kopfstauung be¬ 
handelten Fälle heute schon im Detail einzugehen ist 
nicht meine Absicht. Versuchsreihe und Zeitdauer 
sind noch zu kurz, um zu einem Urteil gelangen zu 
können. Hervorheben will ich allgemein nur Fol¬ 
gendes: Unter den 23 von mir behandelten Fällen 
befanden sich 3 Paralyse, 3 Epilepsie,. 8 Melancholie, 
3 Dementia praecox, 5 Paranoia, 1 Amentia. Eine 
ungünstige Einwirkung habe ich in keinem Falle kon- 
statiren können. Auffallende Besserung, sowohl der 
körperlichen, als auch der geistigen Symptome, trat in 
einem Falle von beginnender Paralyse ein. Die be¬ 
treffende Patientin ging mir leider durch eine vor¬ 
schnelle Entlassung für die weitere Behandlung ver¬ 
loren. Keinen nennenswerthen Einfluss erzielte ich bis¬ 
her bei der Behandlung der Epileptiker. Leichte Besser¬ 
ung trat fast in allen Fällen von Melancholie zu Tage. 
Die Kranken wurden regsamer, beschäftigten sich, was 
sie zum Theil vorher nicht gethan hatten, und waren 
weniger ängstlich. Ohne Beeinflussung blieben schliess¬ 
lich die an Dementia praecox und Paranoia Erkrank¬ 
ten. Geheilt wurde eine Patientin von Amentia. In 
drei Fällen von anaemischem Kopfschmerz zeigte sich 
die schmerzlindernde Wirkung des Verfahrens in 
eklatanter Weise, ein Fall von Kopfschwindcl bei 
Anaemie wurde günstig beeinflusst. Was die schlaf¬ 
erzeugende Wirkung der venösen Gehimhyperämie 
betrifft, so sei erwähnt, dass ich Klagen über gestör¬ 
ten Schlaf in keinem der von mir behandelten Fälle 
zu hören bekam, da ich aber bisher nur ruhige 
Kranke gestaut habe, so kann ich mir hierüber noch 
kein Urteil erlauben. 

Die Objektivität meiner Beobachtungen vorausge¬ 
setzt, sind also die Resultate keine schlechten. Doch 
was bedeutet eine so kleine Versuchsreihe in einer 
so kurzen Zeitspanne für die Behandlung von Geistes¬ 
krankheiten, die im günstigsten Falle Monate bis zur 
Genesung beanspruchen. Ich beabsichtige mit dieser 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


141 


kurzen Mittheilung auch weiter nichts anderes als 
auf die Möglichkeit und Durchführbarkeit dieser bei 
Geisteskrankheiten neuen Behandlungsmethode auf¬ 
merksam zu machen. — Neben der passiven Hyperä¬ 
mie des Gehirns käme auch noch die active und 
zwar vor Allem durch heisse Luft für die Behandlung 
bestimmter Gehimerkrankungen in Betracht. Vielleicht 
dass sich mir Gelegenheit bietet auch hiermit Ver¬ 
suche anstellen zu können. Da es sich um zwei 


grundverschiedene Arten von Gehirnhyperämie han¬ 
delt, so wird natürlich nicht jede überall am Platze sein. 
Vielleicht auch bringt uns die Lumbalpunction, die 
bekanntlich ebenfalls eine vorübergehende Hyperä¬ 
mie des Rückenmarks und Gehirns hervorruft, in 
Verbindung mit passiver Gehirnhyperämie einen Schritt 
weiter! 

Galkhausen, den 29. Juni 1906. 


Die Ziele des Badischen Hülfsvereins für entlassene Geisteskranke und die 

Wege zur Erreichung derselben*). 

Von Med.-Rath Dr. Arthur Barbo in Pforzheim. 


Hochgeehrte Versammlung! 

£s ist mir der ehrenvolle Auftrag zu Theil ge¬ 
worden, die heutige constituierende Versammlung 
des Badischen Hülfsvereins für entlassene Geistes¬ 
kranke mit einigen orientierenden Worten einzuleiten. 
Dieser Aufgabe habe ich mich um so lieber unter¬ 
zogen, als es sich hierbei um das Wohl und Wehe 
der dem Herzen des Irrenarztes am nächsten stehen¬ 
den Kranken handelt, der Geisteskranken. Ich kann 
mich bei meinen Ausführungen kurz fassen, denn 
alles, was ich Ihnen zu sagen habe, hat soeben 
Herr Geheimrath Dr. Schüle in seinen herzlichen 
Begrüssungsworten und schon früher in dem von ihm 
verfassten, warm empfundenen Aufrufe zur Gründung 
des Hülfsvereins vom März 1904 in Kürze und viel 
besser ausgeführt, als ich es zu thun vermöchte; auch 
finden sich die wesentlichsten Punkte schon in dem 
Ihnen vorliegenden Entwurf der Satzungen angedeutet. 
Wer sich eingehender mit dieser Sache zu beschäftigen 
wünscht, sei auf die verdienstvollen zwei Schriften 
des Gr. Anstaltsdirectors Herrn Med.-Rath Dr. Max 
Fischer in Wiesloch („Laienwelt Und Geisteskranke“ 
sowie „Wirthschaftliche Zeitfragen auf dem Gebiete 
der Irrenfürsorge“) hingewiesen und auf das treffliche 
Schriftchen des Herrn Directors Ludwig Scholz in 
Waldbröl „Irrenfürsorge und Irrenhülfsvereine“. 

Der Nachweis, dass der Hülfsverein für entlassene 
Geisteskranke als Ergänzung der öff^itlichen und 
privaten Irrenfürsorge ein zwingendes Bedürfnis ist, 
lässt sich leicht führen, und die Anerkennung dieses 
Bedürfnisses ist nicht neu. 

Schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, zu 
einer Zeit, wo die Psychiatrie noch in den allerersten 

*) Vortrag, gehalten io der constituierenden Versammlung 
ia grossen Rathhaussaale zu Karlsruhe am 30. Mai 1906. 

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Anfängen sich befand, haben die Irrenärzte erkannt, 
dass damit nicht alles gethan ist, dass man die armen 
Geisteskranken in die Anstalten aufnimmt, sie dort 
behandelt und verpflegt und nach ihrer Heilung oder 
Besserung einfach wieder entlässt und hinausstellt in 
das ihnen oft wirklich „feindliche“ Leben, dass viel¬ 
mehr in den meisten Fällen der entlassene Geistes¬ 
kranke dann erst recht der Fürsorge, der Unterstützung 
mit Rath und That bedarf. 

Aus dieser Kenntniss heraus gründete schon im 
Jahre 1829 Dr. Lindpointner in Eberbach (Nassau) 
einen Verein „zur Unterstützung der aus dem Irren-, 
Correktions- und Zuchthause Entlassenen“. 

In Oesterreich, und zwar in Wien, entstand im 
Jahre 1851 der erste Unterstützungsverein für ent¬ 
lassene Geisteskranke, in der Schweiz (St. Gallen) im 
Jahre 1866, in Hamburg im Jahre 1869, und von 
da ab traten dann in ziemlich rascher Aufeinander¬ 
folge in fast allen deutschen Ländern solche Hülfs- 
vereine ins Leben, unter denen der im Jahre 1874 
von dem verdienstvollen früheren Director der Irren¬ 
anstalt in Heppenheim, Herrn Geh. Rath Dr. Ludwig 
gegründete und noch unter seiner rührigen Leitung 
stehende Hülfsverein für entlassene Geisteskranke in 
Hessen wegen seiner vortrefflichen Organisation und 
seiner grossen Erfolge als geradezu vorbildlich be¬ 
zeichnet werden muss. 

Bei uns in Baden gründete im Jahre 1872 der 
hochverdiente und unvergessliche Psychiater und An- 
staltsdirector Franz Fischer sen. in Pforzheim in 
Verbindung mit dem Altmeister der badischen Psy¬ 
chiatrie, Director Roller in Illenau, den Badischen 
Hülfsverein für entlassene Geisteskranke, der, in den 
letzten 17 Jahren unter der bewährten Leitung des 
Gr. Anstaltsdirectors, Herrn Geh. Med.-Rath Dr. Franz 

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142 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nt. 15. 


Fischer jun. in Pforzheim, wenn auch — den be¬ 
scheidenen Mitteln und der sehr einfachen Organi¬ 
sation entsprechend — in bescheidenen Grenzen seine 
segensreiche Wirkung entfaltet hat. 

Uebrigens müssen kleinere, locale Vereine dieser 
Art schon vorher bei uns in Baden bestanden haben, 
denen, wie ja auch heute, die Grossh. Staatsregierung 
in hochherziger Weise ihr Interesse zugewendet hat. 
Ich fand nämlich in dem alten Statut für die Siechen- 
anstalt (jetzt Gr. Heil- und Pflegeanstalt) zu Pforz¬ 
heim vom Jahre 1847 die bemerkenswertheBestimmung 
des § 43: „Wo ein Verein zur Unterstützung ent¬ 
lassener Pfleglinge besteht, haben ihm die Bezirks¬ 
und Localbehörden jeden möglichen Vorschub zu 
leisten“, und dieser Satz findet sich wörtlich im § 40 
des Statuts für die Gr. Heil- und Pflegeanstalt Pforz¬ 
heim im Jahre 1869 wieder. 

So handelt es sich also, wie wir sehen, bei dem 
Ihnen vorgelegten Entwurf der Satzungen für den 
Hülfsverein nicht eigentlich um eine Neugründung, 
eine völlig neue Schöpfung für unser engeres Heimath- 
land Baden, sondern im wesentlichen nur um die, 
allerdings dringend nöthige, Reorganisation, um den 
weiteren Ausbau des schon im Jahre 1872 gegründeten 
Badischen Hülfsvereins für entlassene Geisteskranke. 

Welches sind nun die Ziele unseres Hülfsvereins 
und auf welchem Wege sucht er sie zu erreichen? 

In kurzer und doch ziemlich erschöpfender Weise 
sind diese beiden Fragen in dem Ihnen vorliegenden 
Satzungsentwurf beantwortet, um dessen Fassung sich 
ausser den Directoren der Anstalten und Kliniken 
ganz besonderen Dank verdient hat Herr Oberamts¬ 
richter Dr. Levis in Pforzheim, in erster Reihe aber 
der Grossh. Ministerialreferent für das Irrenwesen, 
Herr Geh. Oberreg.-Rath Dr. Glöckner, der hier¬ 
bei aufs Neue sein altbewährtes, warmherziges Inter¬ 
esse für die badische Irienfürsorge bewiesen hat. 

Unser Verein verfolgt, wenn ich so sagen darf, 
materielle und ideale Zwecke zugleich, die sich aller¬ 
dings vielfach berühren und ineinander übergehen, so 
dass eine scharfe Scheidung derselben in der Dar¬ 
stellung nicht möglich ist. 

Die materiellen Zwecke und Aufgaben des Hülfs¬ 
vereins bestehen der Hauptsache nach in der finan¬ 
ziellen Unterstützung der aus den Anstalten oder 
Kliniken entlassenen, wieder ins Leben hinaustretenden 
Pfleglinge, sowie der minderbemittelten Familien von 
solchen Kranken, die sich noch in den Anstalten be¬ 
finden. 

Die Mittel hierzu sollen dem Hülfsverein zu- 
fliessen durch die Mitgliederbeiträge, durch freiwillige 

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Zuwendungen von Einzelpersonen und Körperschaften, 
sowie durch Zuschüsse aus den vereinigten Stiftungen 
in Illenau. Die so aufgebrachten Geldmittel sollen 
nun in manchfacher Weise ihre Verwendung finden, 
zunächst natürlich zur Unterstützung der entlassenen 
Geisteskranken selbst 

Welche Schwierigkeiten erwachsen doch oft dem 
aus der Anstalt entlassenen Kranken, wenn er, los¬ 
gelöst von dem ihn schützenden und für ihn sorgenden 
Organismus der Anstalt, nun auf sich selbst ange¬ 
wiesen, wieder festen Fuss fassen soll und will im 
Strome des freien Lebens! Die Bevölkerung, ohne 
Verständniss und leider vielfach auch ohne Herz für 
Geisteskranke oder von Geisteskrankheit Genesene 
oder Gebesserte, verhält sich nur zur häufig miss¬ 
trauisch und ängstlich, ja selbst unfreundlich gegen 
solche. Das alteingewurzelte Vorurtheil lastet noch 
in vielen Kreisen auf ihnen, als wäre Geisteskrankheit 
immer selbstverschuldet und für den Kranken wie 
für seine Familie eine Schande, ein Makel. Dazu 
kommt oft eine ganz unbegründete Angst vor solchen, 
von denen man weiss: „er ist schon im Irrenhaus ge¬ 
wesen.“ Der entlassene Geisteskranke findet also 
gerade das sehr schwer, was er so nöthig braucht, 
freundliches und vertrauensvolles Entgegenkommen 
und vor allem Gelegenheit zur Arbeit. 

Um ihm nun die Rückkehr in die menschliche 
Gesellschaft und das Aufsuchen von Arbeit zu er¬ 
leichtern, ihn für die Anfangszeit, wo er oft nur ver¬ 
suchsweise und gegen geringe Bezahlung angestellt 
wird, nicht von Nahrungssorgen bedrängen zu lassen, 
soll ihm mit gutem Rath, mit Empfehlen und vor 
allem mit Geldmitteln an die Hand gegangen werden. 
Die Psyche des kaum genesenen oder gebesserten 
Geisteskranken ist ja wie eine frisch vernarbte Wunde, 
noch sehr empfindlich, wenig widerstandsfähig und daher 
leicht der Gefahr ausgesetzt, wieder zu erkranken, 
wenn gleich wieder so schädliche Reize wie Sorge und 
Kummer auf sie einstürmen. 

Nicht minder schädlich, als wenn er selbst mittel¬ 
los plötzlich in den Kampf ums Dasein hineinge¬ 
stellt wird, muss es den entlassenen Pflegling treffen, 
wenn er nach vielleicht mehljährigem Anstaltsaufent¬ 
halt seine Familie in Noth und Elend findet, am 
Ende gar der Armenpflege anheimgefallen, theilweise 
deshalb, weil ja der Ernährer und Leiter der Familie 
so lange gefehlt hat, theil weise auch, weil die Ange¬ 
hörigen alles, was sie aufbringen konnten, für die 
Verpflegung des Kranken in die Anstalt bezahlen 
mussten. Denn es giebt ja wohl örtlich-gemeinsame 
Versicherungen gegen allerlei Unglück, so z. B. gegen 
den Schaden, den ein Bauer durch Erkrankung oder 

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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


M 3 

Umstehen seines Viehes erleidet; Einrichtungen zum esse des entlassenen Geisteskranken selbst, insofern dieser 

Schutze gegen die einer Familie durch geistige Er- bei seiner so lange und so sehnlich erwarteten Heim- 

krankung eines Angehörigen erwachsende Bedrängniss, kehr die Seinigen dann nicht in Noth und Sorge 

gegen den finanziellen und sozialen Ruin derselben, findet. Denn Gemüthserschütteiungen, seelische Reize 

solche Einrichtungen giebt es nicht dieser Art, sind nur zu sehr geeignet, bei dem Ge- 

In diesen Fällen wird der Hülfsverein nicht nur nesenen einen Rückfall in die Geisteskrankheit, bei 

der Wohlthäter der Familie sein, die er vor Vej- dem gebessert Entlassenen eine Verschlimmerung des 

armung schützen hilft, bis der Ernährer wieder zu- Geisteszustandes herbeizuführen. (Schluss folgt) 
rückkehrt, sondern er wirkt auch vorbeugend im Inter- 


Mängel in der preussischen Statistik über die Anstalten für Geisteskranke, 
Epileptiker, Idioten, Schwachsinnige und Nervenkranke (der früheren 
Statistik über die Irrenanstalten). 

» 

Von Sanitätsrath Dr. Grunau in Elbing. 

(Schluss.) 


An den Differenzen des Jahresüberganges 1897/98 
sind betheiligt 63 Anstalten, 2 derselben nur an dem 
Endbestand von 1897, zusammen mit 10 weiblichen 
Kranken und sind für 1898 nicht mehr aufgeführt. 
Diese 10 Kranken erscheinen in der Berechnung unter 
Minus (—). 

Vier Anstalten sind für 1897 noch nicht, sondern 
erst für 1898 aufgeführt, aber von vornherein mit 
einem Bestände am 1. Jan. eingestellt und zwar zu¬ 
sammen mit 96 (2 m., 94 w.) Kranken, die unter 
Plus (+) verrechnet sind. 

Wenn man diese 6 Anstalten mit den bezüglichen 
Bestandsziffem ausscheidet, so verbleiben 57 Anstalten, 
die bei beiden Bestandsziffern am 31. Dec. und am 
1. Jan. betheiligt sind und im Ganzen Differenzen 
aufweisen von — 804 (— 396 m., — 408 w.) und 
+ 412 (+ 227 m., + 185 w.) 

Die Gesammtzahl der Anstalten am 31. Dec. 1897 
beträgt 231 und 233 am 1. Jan. 189g. Es kommen 
also ungefähr bei dem vierten Theil der Anstalten 
Bestandsdifferenzen vor. Letztere sind zum geringen 
Theil, und zwar nur für 96 Fälle, der Verrechnungs¬ 
art seitens des statistischen Landesamtes, und zum 
grössten Theil, für 1216 (— 804 -f- 412) Fälle, der 
unrichtigen Meldungen seitens einzelner Anstalten zur 
Last zu legen. 

Die grösste Differenz weist die Berliner Anstalt 
zu Dalldorf auf, nämlich —551 (—269 m.,—282 w.) 
bei einem Krankenbestande von 
2473 (1236 m., 1237 w.) am 31. Dec. 1897 und von 
1922 ( 967 m., 955 w.) am 1. Jan. 1898. Dieses 

Minus ist allein schon grösser als das Minus bei den 

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Gesammtbeständen, welches nur —306 (—167 m. 
— 139 w.) beträgt. 

Bei der Anstalt zu Dalldorf, der grössten von 
allen, kommen fast immer Differenzen bei den Jahres¬ 
übergängen vor, wie die nachfolgende Zusammen¬ 
stellung ersehen lässt: 

1880 eröffnet : 

80/81: o 

81/82: + 52 (-f- 42 m., -f 10 w.) 

82/83: — 6 ( o m., — 6 w.) 

83/84: —401 (—213 m., —198 w.) 

84/85: +360 (+187 m., +173 w.) 

85/86: —263 (—243 m., — 20 w.) 

86/87: —218 (— 79 m„ —139 w.) 

87/88: o 

88/89: + 18 (+ 10 m., + 8 w.) 

89/90: + 18 (4- 7 m., 4- 11 w.) 

90/91: 4- 55 (4- 40 m., 4- 15 w.) 

91/92: 4- 39 (4- 25 m., 4-' 14 w.) 

92/93: —794 (—378 m., —416 w.) 

93 / 94 : 4 - 47 ( 4 - 38 m., 4- 9 w.) 

94/95: 4- 25 (4- 22 m., 4- 3 w.) 

95 / 9 6: 4 - 50 ( 4 - 3i m-, 4 - 19 w.) 

96/97: 4- 33 (4- 23 m., 4- 10 w.) 

97/98: —551 (—269 ra„ —282 w.) 

98/99: 4- 84 (4- 24 m., 4- 60 w.) 

99/00: 4- 49 (4- 26 m., 4- 23 w.) 

Seit 1901 wird, wie schon erwähnt, keine Tabelle 
mehr mit Angaben über die einzelnen Anstalten 
veröffentlicht. 

Also nur 2 von 20 Jahresübergängen weisen keine 
Differenzen auf. Die grösste Differenz und zwar von 


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144 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


[Nr. 15 . 


—794 (—378 m., —416 w.) findet von 1892/93 
statt. Als auffällig sei hervorgehoben, dass bei diesem 
Jahresübergang trotzdem eine Gesammt-Pius-Differenz 
von +223 (+121 m., -f-102 w.) besteht. 

Welche Schlussfolgerungen lassen sich nun aus 
diesen Bestandsdifferenzen auf die Beschaffenheit des 
bei dem statistischen Bureau befindlichen Zählkarten¬ 
materials machen? 

Setzen wir den Fall, dass die Bestandsziffem für 
den 1. Jan. richtig sind, und es besteht gegen den 
vorangegangenen letzten Decbr. eine Minusdifferenz, 
d. h. es sollen nach Ausweis der auf dem statistischen 
Landesamte befindlichen Zählkarten am 31. Decbr. 
mehr Kranke vorhanden gewesen sein. Dann wäre 
also der Abgang durch rothe Zählkarten dem Landes¬ 
amt nicht vollzählig gemeldet worden und eine be¬ 
treffende Anzahl weisser Zählkarten noch weiterhin 
im Bestände des Landesamtes verblieben. Nun weiss 
letzteres aber nicht, welche Kranken abgegangen sind 
der einfachen Seeist. 


am 

3 i. 

Dec. 97: 

1181 

m., 

I 35 i 

w., 

am 

1. Jan. 98: 

1035 

m., 

1215 

W., 

also 

—146 

m., 

— 

136 

w-, 

der paralyt. 

Seeist. 

















am 

3 i. 

Dec. 97: 

357 

m., 

193 

W., 

am 

1. Jan. 98: 

3 " 

m., 

142 

W., 

also 

— 46 

m., 

— 

51 

w., 

der Seeist. m 

1. Epl.: 

















am 

3 1 - 

Dec. 97: 

686 

m., 

412 

w., 

am 

1. Jan. 98: 

625 

m., 

373 

W., 

also 

— 61 

m., 

— 

39 

w., 

der Idiotie.: 


















am 

3 i. 

Dec. 97: 

273 

m., 

159 

W., 

am 

1. Jan. 98: 

273 

m., 

124 

w., 

also 

— 0 

m., 

— 

35 

W., 

dem Del 

1 . Pat.: 

















am 

3 i. 

Dec. 97: 

5 » 

m., 

*7 

/ 

w., 

am 

1. Jan. 98: 


m., 

9 

w., 

also 

— 2 

m., 

+ 

2 

W., 

den nicht Geistkr.: 

















am 

3 i. 

Dec. 97: 

11 

m., 

IO 

W., 

am 

1. Jan. 98: 

8 

m., 

6 

w., 

also 

- 3 

m., 

— 

4 

w„ 

Zus. am 

3 i. 

Dec. 97: 

2566 

m., 

2132 

w., 

am 

1. Jan. 98: 

2308 

m., 

1869 

w., 

also 

-258 

m., 

— 

265 

w. 


4 - 2 w. 


— 521 (—258 m., —263 w.) 

Welche Unterlagen die Vertheilung der 523 Krank- 
heitsfälle auf die einzelnen Krankheitsformen ermög¬ 
licht haben, ist mir nicht klar. Meines Erachtens 
kann dieselbe nur nach ungefährem Ermessen und 
Gutdünken geschehen sein. Es ist ja auch auffällig, 
dass mehr paralytische Frauen (51) als Männer (nur 
46) in Fortfall gekommen sind und dass bei der 
Idiotie 35 Frauen weniger aufgeführt sind, die An¬ 
zahl der Männer aber dieselbe geblieben ist. 

Hiermit schliesse ich meine Ausführungen über 
die Bestandsdifferenzen bei den Jahresübergängen. 
Ob ich diese Unstimmigkeit überschätze und als Fehler¬ 
quelle für zu gross halte? Ich glaube nicht. 


und kann daher auch nicht die betreffenden richtigen 
Karten aussondern. 

Nehmen wir nun den andern Fall an, dass am 
1. Jan. eine Plusdifferenz besteht. Dann wären im 
Bestände des Landesamtes zu wenig weisse Zähl¬ 
karten vorhanden und eine nachträgliche Beschaffung 
derselben erforderlich gewesen. 

Die Aussonderung bezw. Einforderung der weissen 
Zählkarten ist aber nicht erfolgt, denn sonst wären 
ja die Differenzen überhaupt nicht vorhanden. 

Umgekehrt liegt wiederum die Sache, wenn die 
Bestandsziffer am 31. Dec. die richtige ist und ganz 
complicirt, wenn etwa beide Bestandsziffem falsch 
sind. Unter allen Umständen ist aber das Zähl¬ 


kartenmaterial in Unordnung, was aber nicht allein 
auf die richtige Festsetzung der Frequenz hindernd 
ein wirkt, sondern auch viele andere unrichtige Er¬ 
gebnisse nach sich zieht z. B. eine richtige Ver¬ 
theilung der Kranken auf die verschiedenen Krank¬ 
heitsformen unmöglich macht. Es kann ja diese 
Vertheilung nicht beliebig geschehen, sondern muss 
auf Grund der Vermerke auf den einzelnen Zähl¬ 
karten erfolgen. Für die einzelnen Anstalten sind 
auf den veröffentlichten Tabellen keine Angaben be¬ 
züglich der Krankheitsformen enthalten, sondern erst 
in summarischer Weise auf den Tabellen für die 
Provinzen. Wählqn wir aus denselben für den Jahres¬ 
übergang 1897/98 den Stadtkreis Berlin aus. 

Für den 31. Dec. 97 ist der Bestand für den¬ 
selben angegeben auf: 4698 (2566 m., 2132 w.), 
und für den 1. Jan. 98 auf: 4177 (2308 m., 1869 w )» 
mithin besteht eine Differenz von —521 (—258^, 
—263 w.). Nun sind zugerechnet: 


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1906] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


MS 


Mittheilungen. 


— Leipzig. An der Kgl. psychiatrischen und 
Nervenldinik wurde ein Neubau fertiggestellt, welcher 
ein grosses Auditorium iür 150 Hörer, sowie ein Labo¬ 
ratorium für anatomische und chemische Untersuch¬ 
ungen enthält und in welchem überdies die Poli¬ 
klinik (3 Räume) untergebracht ist. Die im Haupt¬ 
gebäude nächst den Krankenzimmern gelegenen älteren 
Laboratoriumsräume wurden zum Theil für experi¬ 
mentell-psychologische Zwecke adaptirt, zum Theil 
für Electrotherapie, Röntgen-Untersuchung, Mechano- 
therapie etc. eingerichtet. Daneben existiren mehrere 
grosse und kleinere Räume für Sammlungszwecke, 
mehrere Zimmer für mikro- und makroskopische 
Photographie, ein Bibliotheksaal u. a. m., sodass ins- 
gesammt für Wissenschaftliche Arbeiten 16 Räume 
zur Verfügung stehen. 

— Osnabrück. Im Mai d. J. ist eine für 38 
ruhige kranke Männer III. Klasse neu erbaute Villa 
t* zogen. 


Referate. 

— Bumke: Was sind Zwangsvorgänge? 
Verlag von Carl Marhold, Halle a. S. 1906. 45 S. 

Wir erhalten hier die ausführliche Wiedergabe 
des auf der Versammlung südwestdeutscher Irren¬ 
ärzte im November 1905 von B. erstatteten Referats 
mit eingehenden Literaturnachweisen. Dass B. mit 
lichtvoller Kritik auf Grund der klinischen Thatsachen 
der weiten Fassung des Begriffs „Zwangsvorgänge“ 
entgegentritt, welche vielfach üblich geworden ist, 
wird von vielen Beobachtern dankbar begrü$st werden. 
Vgl. das Autoreferat B.’s in N. 37 Jahrg. 1905 dieser 
Wochenschrift. Merck 1 in. 

— H. Oppenheim: Psychotherapeutische 
Briefe. Karger, Berlin, 1906. 44 S. 

0 . veröffentlicht in dieser kleinen Sammlung eine 
Reihe von Briefen mit psychotherapeutischen Gesichts¬ 
punkten, die er an Nervenleidende gerichtet hat. 
Seine Erwartung, dass aus ihnen namentlich jüngere 
Fachgenossen eine lebendigere Anleitung für ihr psy¬ 
chotherapeutisches Handeln entnehmen können, als 
aus mancher umfangreichen theoretischen Abhandlung, 
ist voll berechtigt. Aber auch der erfahrene Leser 
wird mit Genuss und Nutzen Kenntniss davon nehmen, 
in welcher Weise ein hervorragender Nervenarzt seine 
Kranken auf den richtigen Weg zu führen sucht. 

M ercklin. 

— Ein Vorschlag zur Trachombehand¬ 
lung. Von Dr. med. G. Hirsch, Augenarzt in 
Halberstadt. 1906. Verlag von Carl Marhold, Halle 
a. S.. 0,50 M. 16 S. 

Verf. sucht durch conjunktivale Injektion oder In¬ 
filtration von Hydrargyrum oxycyanatum (1,0:3000 
bis 4000) mit Cocain (1% Lösung) die vorauszu¬ 
setzenden organisirten Krankheitserreger des Trachoms 
im Gewebe der Conjunctiva selbst zu vernichten; 
auch trachomatöser Pannus soll durch Einspritzungen 
derselben Art, in diesem Fall aber unter die Binde¬ 


haut, schwinden. Verf. hat das Verfahren an mehreren 
frischen Fällen schon nach 6—8 Injektionen wirksam 
gefunden und empfiehlt eine Nachprüfung seiner Vor¬ 
schläge zumal bezüglich der Dauererfolge, worüber er 
selbst bei dem vielfach ab- und zuwandemden Cha¬ 
rakter der Trachomkranken seiner Augenklientel 
(Sachsengängerei) bisher kein bestimmtes Urtheil ab¬ 
geben kann. Albrecht-Treptow a. R. 

— Zur ger.- ärztl. Beurtheilung des Rau¬ 
sches. Centralbl. für Nervenheilkunde und Psych. 
vom 1. April 1906. 

H. Hoppe hat gegen Gaupp, und wie sofort aus¬ 
gesprochen wird, ganz durchweg darin Recht, dass 
Trunkenheitszustände in das Geltungsbereich des § 51 
fallen. Der Sachverständige hat, wenn er danach gefragt 
wird, gewiss die Berechtigung sich als solcher über 
den Geisteszustand des z. Z. der That Ange- oder 
Betrunkenen zu äussern. (vergl. z. B. R. G. Entsch. 
v. 9. I. 1882. V. 893 /394: „Starke Angetrunkenheit ist 
Störung der Gesundheit, also Krankheit). Wenn es 
sich herausstellt, dass durch die Gutachten der Sach¬ 
verständigen die lex lata für Vergehen in der Trunken¬ 
heit nicht ausreicht, dann muss nicht der Sachversfändige 
sich fügen, sondern das Gesetz, und zwar möglichst 
bald, entsprechend verbessert werden. Nur in der 
Anm. S. 260 wird indess die Frage nach dem freien 
Willen mit Unrecht dem Sachverständigen entzogen. 

Hermann Kornfeld. 

— Das gleichgeschlechtlich e Leben der 
Ostasiaten: Chinesen, Japaner, Koreaner. Forsch¬ 
ungen über gleichgeschlechtliche Liebe von F. Karsch- 
Haack, Privatdozent. München, Seitz und Schauer, 
1906., 134 S., M. 4,00. 

Geschlechtsübergänge mit 83 Abbildungen 
und einer Bunttafel. Von Dr. Magnus Hirschfeld- 
Charlottenburg. Leipzig 1906 bei W. Malende. 33 S. 
und XXXII Tafeln M. 5,00. 

Der Leitgedanke des ersten Buches ist, dass Pä¬ 
derastie und Triebadie als Wirkungen des Geschlechts¬ 
triebes nicht „Laster 1 *, sondern immer und überall 
vorkommende Erscheinungen sind. Nach Meinung 
des Verf. handelt es sich um eine mühevolle, im 
Grunde aber recht undankbare Aufgabe, deren Lösung 
von ihm nicht unternommen wäre, wenn sie weniger 
undankbar gewesen wäre. 

In dem Hirschfeld’schen Buche wird im Zu¬ 
sammenhang viel aus jenem dunklen Gebiete be¬ 
sprochen und durch gut gelungene Abbildungen in 
entsprechender Weise illustrirt. Selbstverständlich haben 
beide Veröffentlichungen naturwissenschaftlichen Werth 
für Fachkreise und nur für diese allein. Dass aber 
auch andere Menschenkinder solche Schriften lesen, 
ist vor wie nach bedauerlich, aber leider nicht mehr 
zu verhindern, da „die geschlechtliche Perversität, um 
mit Benedikt zu reden, eine fatale Notorietät erreicht, 
so dass heute die Mädchen höherer Töchterschulen 
und die Commis voyageurs besser darüber aufgeklärt 
sind, viel mehr davon wissen, als zu unserer Zeit 
die jungen Aerzte.“ 


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146 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 15. 


Weshalb übrigens die Umschläge in möglichst auf¬ 
fälliger Form gehalten sind, darüber kann man wohl 
seine eignen Gedanken haben. 

— Officieller Bericht über die vierte 
Hauptversammlung des Deutschen Medi- 
cinal-Beamten - Vereins zu Heidelberg. 
Fischeris Medic. Buchhandlung, Berlin 1905, 162 S. 

Aus dem umfangreichen, von Jahr zu Jahr ge¬ 
wachsenen, nunmehr 162 Seiten umfassenden Be¬ 
richt haben wir die rein psychiatrischen Fragen, die 
als Sonderheft der „Grenzfragen“ erschienen, bereits 
besprochen. Daneben hat man nun in Heidelberg 
die gerichtsärztlichen Wünsche in Bezug auf die be¬ 
vorstehende Reform der Strafprocessordnung auf die 
Tagesordnung gesetzt und namhafte Männer, Heim¬ 
berger, Strassmann und Aschaffenburg zu Referenten 
bestellt. Der Inhalt der gefassten Resolutionen dürfte 
aus der Tagespresse noch bekannt sein, weshalb sich 
ein Eingehen darauf erübrigt. Das Wort hat nun¬ 
mehr die Reichsregierung; es bleibt abzuwarten, wie 
diese sich dazu stellen wird; bislang ist „über allen 
Wipfeln Ruh“. Den letzten, nicht minder wichtigen 
Verhandlungspunkt bildete die Frage der Abwässer¬ 
reinigung mit Rücksicht auf die Reinigung der Wasser¬ 
läufe, Fragen, die auch für jeden Anstaltsleiter von 
Interesse sind; bilden doch Abwässerbeseitigurigs- 
sorgen und Vorfluthen eine stehende Rubrik in deutschen 
Anstaltsberichten. Das dem Buche angefügte Mit¬ 
glied erverzeichniss enthält auch zahlreiche Namen von 
hervorragenden Psychiatern, was bei den vielen Be¬ 
rührungspunkten zwischen verwandten Fächern zwar 
nicht Wunder nimmt, worüber man sich — als einer 
standesgemässen Verbindung — indessen aufrichtig 
freut. Meyer, Geseke i. W. 


Personalnachrichten. 

— Leipzig. Dem Leiter der Psychiatrischen und 
Nervenklinik der Universität, Prof. Dr. P. Flechsig, 
wurde Titel und Rang eines „Geheimen Rathes“ in 
der 2. CI. des Hofranges verliehen. 

Für Psychiatrie habilitirt haben sich Dr. Quensel 
und Dr. K1 i e m. 

— Osnabrück. Anfang November v.J. ist die kurz 
vorher frei gewordene Assistenzarztstelle durch den 
pract. Arzt Hoth besetzt. 

Am 15. Mai d. J. wurde Oberarzt Dr. Mönke- 
möller in gleicher Eigenschaft an die Provinzial- 
Heil- und Pflege-Anstalt zu Hildesheim versetzt, in 
seine Stelle rückte Dr. Sch ü 11 e, bis dahin III. Arzt an 
der hiesigen. Anstalt. Die hiesige III. Arztstelle wurde 
dem IV. Arzte der Hildesheimer Anstalt, Griese, 
übertragen. 

— Tapiau. Der bisherige II. Anstaltsarzt der 
Landes-Pflege-Anstalt, Dr. Holthausen, ist seit 
1. Juli d. J. ab als Oberarzt am Landeshospital in 
Haina in Hessen angestellt. 

Für den redactionel len Theil verantwortlich : O 
Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratenannahme 3 Ta 


— Kortau, Der Anstaltsarzt D. Hobz schied 
aus dem hiesigen Anstaltsdienst und wird sich in 
Prostken, Kreis Lyck, als Arzt niederlassen. 

— Wuhlgarten. Ass.-Arzt Dr. Schayer am 
1. Juli nach Dalldorf versetzt; an seine Stelle trat 
Dr. E. Auer. 

— Kosten. Ausgeschieden: i. Oberarzt Dr. 
Halleur am 31. III. 06. nach Hamburg in Privat¬ 
praxis; 2. Ass.-Arzt Dr. Weiche am 1. VI. 06. in 
die Privatpraxis nack Jaurtschewo in Posen. Zugang: 

I. Bisheriger Ass.-Arzt Dr. Fi ekler vom 1. IV. 06. 
ab zum Oberarzt befördert; 2. prakt. Arzt Dr. Beyer 
vom 1. VII. 06. als Ass.-Arzt eingestellt; 3. des¬ 
gleichen prakt. Arzt Ehrlich vom 2. VII. 06. ab. 

Unserer heutigen Nummer liegt je ein 
Prospekt der Firmen 

Kalle & Co., Aktiengesellschaft Biebrich a. Rh. 
und 

Höchster Farbwerke, vorm. Meister, 
Lucius & Brüning in Höchst a. M. 
über Valyl 

bei, worauf wir unsere Leser hiermit noch besonders 
aufmerksam machen. 

Kathreiner^ Malzkaflee. 

(Fortsetzung.) 

Prof. Dr. Th. Husemann sagt vom Kaffee rin Penioldt’s 
und Stintzing’s Handbuch der Therapie innerer Krankheiten, 

II. Auflage, II. Bd, S. 558): „Kinder unter 12 Jahren, Leute 
mit schwachem Magen und Magensäure, sollen Kaffee' meiden, 
ebenso bleichsüchtige und nervöse Personen.“ 

Nach Prof. Dr. Binswanger (Die Epilepsie, Wien 1899, 
S. 361) ist bei jugendlichen neuropathischcn Individuen die 
Fernhaltung nicht nur von Alkoholismus und Tabak, sondern 
auch von Kaffee und Thee von grösster Wichtigkeit, und zu 
den Diätvorschriften für Epileptiker (S. 368) gehört auch die 
Sorge, dass alle Reizmittel, Alkohol, Kaffee, Tabak vermieden 
werden. Er empfiehlt zum ersten Frühstück statt Kaffee unter 
anderem Malzkaffee mit Milch. 

Marburg (Wiener med. Rundschau 1899, Nr. 21) hat 
bei einer 44jährigen bis dahin gesunden Frau nach mehr¬ 
jährigem gewohnheitsmäßigen Kaffeebohnenessen Epilepsie 
auitieten sehen. Das Leiden schwand einen Monat nach dem 
Auf hören dieser Gewohnheit. 

In Anstalten für geisteskranke Kinder (sogen. „Idioten“- 
Anstalten) und für epileptische Kinder ist der Kaffee in der Be¬ 
köstigung zu streichen und durch Malzkaffee zu ersetzen. Bei 
Kindern lässt sich das leicht durchführen. Anders ist es in 
den gleichen Anstalten für Erwachsene. Diese letzteren, von 
Jugend auf an Kaffee gewöhnt, empfinden seine Entziehung als 
Härte und Beschränkung und ihr uneinsichtiger Widerstand 
gegen diese vermeintliche Sparsamkeitsmassnahme bereitet manche 
Schwierigkeiten. Nach und nach befreunden aber auch sie sich 
mit Malzkaffee, namentlich wenn derselbe durch ein gewisses 
Kaffeearoma der alten Voreingenommenheit für den Kaffee 
Rechnung trägt. 

Es ist, trotz der weiten Verbreitung des Kathreiner’schen 
Fabrikats weniger allgemein bekannt, wie dieses zu seinem 
Kaffeearoraa kommt. Nach manchen anderen, fehlgeschlagenen 
Versuchen, machte sich die Fabrik ein Verfahren der Araber 
zu nutze, welche aus der fleischigen, die Kaffeebohnen um- 
schliessenden Hülle einen Absud mit überaus feinem Aroma 
herstellen. Die Firma schreibt darüber: (Schluss'folgt.) 

erarzt Dr. J. Bresler, Lublinitz (Schlesien), 
e vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S. 


Heynemann’sche Buchdruckerei (Gebr. Wolff) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh.. Bresler, 

Lublinitx (Schienen'). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

TeUer..Adre««: MarhoM Verlag, Halle*«»!«- Fernsprecher 823. 

Nr. 16. «4- Ju>i- 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden Ihr die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei grömeren Aufträgen wird Rabatt gewährt. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schlesien), zu richten. 


(Aus der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe. Direktor: Professor Dr. Alt.) 

Statistischer Beitrag zur Aetiologie der Epilepsie. 

Von Dr. Karl SUbold t Assistenzarzt. 


O bwohl die Epilepsie eine der ältesten bekannten 
Krankheiten ist und seit Hippokrates ein 
Feld angestrengten unablässigen Studiums bildet, war 
über diese Krankheit im Vergleich mit der schnell 
zunehmenden Kenntniss auf anderen Gebieten der 
ärztlichen Wissenschaft bis vor nicht langer Zeit viel 
Dunkel ausgebreitet. Diese gefürchtete und sehr 
häufige Erkrankung — nach Sieveking kommen 
auf 1000 Menschen i, nach Alt c,5, nach Herpin 
sogar 6 Epileptiker, — galt von jeher und gilt leider 
auch noch heute in weiten Kreisen als unheilbar; 
indes haben die letzten Jahrzehnte auf Grund 
klinischer Experimente und pathologisch- anatomischer 
Befunde werthvolle Errungenschaften in der Kenntniss 
der Epilepsie gebracht und so einiges Licht über 
Ursachen und Art des Leidens verbreitet. Aber es 
bleiben noch mancherlei ungelöste Fragen, und viele 
Vermuthungen und Behauptungen über die Aetiologie 
der Krankheit bedürfen der Klärung und der Nach¬ 
prüfung. So wird es trotz zahlreicher umfassender 
Arbeiten besonders der letzten Jahre nicht unnütz 
erscheinen, immer von neuem wieder nachzuforschen, 
frühere Befunde mit eigenen zu vergleichen und zu 
ermitteln zu versuchen, ob sich vielleicht neue Gesichts¬ 
punkte für Sitz und Entstehung des Leidens ergeben, 
um auf Grund einer genaueren Kenntniss der 
ätiologischen Momente einer sinngemässen, causalen 
Therapie die Pforten zu öffnen. In den neueren 
Arbeiten kehrt die Erfahrung immer wieder, dass 
sich die Gruppe der genuinen Epilepsie immer mehr 
verkleinert, während die Zahl der Fälle, in denen 
eine exogene Ursache die Erkrankung bedingt, eine 
zunehmende Bereicherung erfährt. Dieser Befund, 
gegründet auf eine sorgfältige und sachgemässe 
Anamnese ist insofern erfreulich, als bei zunehmen¬ 


der Kenntniss der exogenen Momente das Causalitäts- 
bedürfniss in der Therapie mehr und mehr befriedigt 
wird und somit die Hoffnung ausgesprochen werden 
darf, dass das Studium der Epilepsie immer mehr 
in das Gebiet einrückt, das in der pathologischen 
Anatomie wurzelt und dass somit diese überaus 
häufige und erschreckend traurige Erkrankung öfter 
eine günstige Beeinflussung durch Hinwegräumen 
oder Ausgleichen der schädigenden ätiologischen 
Momente erfahren werde. — 

Vielgestaltig ist das Heer der Ursachen für die 
Epilepsie. Die neueren Autoren scheiden überein¬ 
stimmend die ätiologischen Momente in vorbereitende 
oder praedisponierende und in auslösende oder Ge¬ 
legenheitsursachen. Nach diesem Einteilungsprinzip 
ist bei Durchschen der Fälle von Epilepsie verfahren, 
die vom 1. April 1899 bis 1. April 1906 in die 
Landes-Heil- und Pflege-Anstalt Uchtspringe aufge¬ 
nommen sind. Die nachfolgenden Angaben stellen 
eine Fortsetzung der Lange'sehen Arbeit dar, 
welche das Material der 5 vorhergehenden Jahre in 
derselben Anstalt verwertet hat. Wenn in dem ge¬ 
fundenen Ergebniss insofern ein Abweichen von dem 
Resultat Lange’s besteht, als dem Trauma und vor 
allem den Infektionskrankheiten ein ge¬ 
wichtigerer Platz in der Aetiologie der Epilepsie 
eingeräumt wird, so dürfte das darin seine Erklärung 
linden, das in den neuen, jetzt allgemeiner in Ge¬ 
brauch befindlichen, von Professor A11 ausgearbeiteten 
ärztlichen Fragebogen auf eine sorgfältige und genaue 
Anamnese bei den erwähnten Punkten das grösste 
Gewicht gelegt wird. Indess ist der Werth der ge¬ 
fundenen Resultate vielfach dadurch beeinträchtigt, 
dass die Ausführlichkeit in der Ausfüllung mancher 
Fragebogen leider viel zu wünschen lässt. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


[Nr. 16. 


i 48 


A) Praedisponieiende Ursachen. 

1. Geschlecht. 

Die Zahl der von mir durchgesehenen Fragebogen von 
Epileptikern, welche vom 1. April 1899 bis zum 1. April 
1906 in die hiesige Anstalt neu aufgenommen sind, be- 
913, trägt die Akten der von hier aus in andere Anstalten 
Versetzten waren mir nicht zugängig. Von diesen 
913 Epileptikern entfallen auf das männliche Ge¬ 
schlecht 541, auf das weibliche 372 Fälle, was einem 
Prozentverhältniss von 59,2 % männlicher und 40,8 % 
weiblicher Epilepsie entspricht. Diese Zahlen nähern 
sich denjenigen anderer Autoren; 


so fand 

männlich 

weiblich 

Binswanger 

61,8 

38 ^ 

Berge r 

56,2 

43,8 

Eu lenburg 

55.3 

34,7 

La n ge 

55.8 

44,2 

Biro 

55.0 

45 ,o 

Fin ckh 

56,5 

43,5 

eigenes Material 

59.2 

40,8 

Zum Unterschied hiervon 

sei erwähnt, 

dass nur 


Gowers und Morselli ein Ueberwiegen des weib¬ 
lichen Geschlechts fanden: 

Gowers 48,0 52,0 

Morselli 46,0 54,0 

Die Mehrzahl der Autoren stimmt demnach darin 
überein, dass das männliche Geschlecht häufiger an 
Epilepsie erkrankt als das weibliche. Die früher von 
F e r e vertretene Ansicht „dass die Epilepsie bei 
Weibern häufiger auftritt als beim Mann“ dürfte so¬ 
mit in Frage gestellt sein. 

2. Alter und Geschlecht. 


Ueber den Ausbruch der Epilepsie in den ver¬ 
schiedenen Lebensaltern und bei den verschiedenen 
Geschlechtern giebt nachfolgende Tabelle Aufschluss: 


Jahr der Er¬ 
krankungen 

männlich 

weiblich 

Zusammen 

unbek. 

18 

8 

26 

0— 5 

186 

I 14 

300 

5—10 

75 

48 

123 

10 

T 

0 

H-l 

143 

65 

208 

15—20 

47 

82 

129 

20-25 

34 

21 

55 

2 5—30 

9 

12 

21 

3O—4O 

16 

I I 

27 

O 

vn 

1 

O 

8 

7 

15 

50—60 

3 

2 

5 

60—70 

2 

I 

3 

cg 

1 

0 

— 

I 

1 

Summa 

54 i 

372 

9*3 


oder nach Prozenten ausgedrückt: 


Jahr der 
Erkrankung 

männlich 

weiblich 

Summa 

unbekannt 

3,3 

2,3 

2,8 

0— 5 

34,3 

30,7 

32,8 

5—10 

13.8 

12,9 

13,4 

10-15 

26,4 

17,5 

22,7 

15—20 

8,6 

22,0 

14,1 

20—25 

6,2 

5,6 

6,0 

2 5—30 

1,6 

3,2 

2,3 

30—40 

2,9 

2,9 

2,9 

40—50 

1,4 

1,9 

1.6 

50—60 

o ,5 

°,5 

o ,5 

60—70 

0,3 

0,2 

0,3 

0 

1 

00 

0 

— 

0,2 

0,1. 


Demnach erkrankte nahezu die Hälfte aller männ¬ 
lichen Epileptiker (48%) im ersten Decennium, beim 
weiblichen Geschlechte bleibt die Zahl etwas zurück 
(40%); während das zweite Decennium dem weib¬ 
lichen Geschlechte gefährlicher ist bezüglich des Aus¬ 
bruchs der Epilepsie: männlich 35%, weiblich 40%. 

Noch auffallender sind die Unterschiede, wenn 
man den Zeitraum vom 15. bis 25. Jahr berück¬ 
sichtigt, hier erkrankten von den Männern 14,8, von 
den Frauen 27,6%, diese Thatsache dürfte vielleicht 
ihre Erklärung finden in dem Einflüsse der Puber¬ 
tätsentwicklung. 

Die vorstehenden Zahlen beweisen die eminente 
Bedeutung der ersten beiden Decennien. Von allen 
Epileptikern erkrankten vor dem 20. Jahre 83%, in 
gleichem Verhältniss bei beiden Geschlechtern. Die 
Erfahrung Gowers, „dass die weibliche Epilepsie in der 
Kindheit die männliche an Zahl übertreffe“, wird durch 
das hiesige Material sowie auch durch die Befunde in 
anderen neueren Statistiken nicht bestätigt. Ebenso¬ 
wenig stimmt der jetzt erhobene hiesige Befund mit 
dem Lange’s insofern überein, als die Zahl der weib¬ 
lichen Epileptiker nach dem 20. Jahr nicht zurück¬ 
steht hinter der Zahl der männlichen Kranken, sondern 
sie sogar überholt Nach dem 20. Lebensjahr ist noch 
derZeitraum vom 25. bis 30. Jahr deshalb interessant, 
>veil in ihm 3,2% Frauen und nur 1,6% Männer 
erkrankten. Auch dieser Umstand könnte, soweit 
nicht der Zufall spielt, vielleicht dadurch begründet 
sein, dass der erwähnte Zeitabschnitt für die Mutter¬ 
schaft in erster Linie in Frage kommt Von dem 
besonderen Einfluss der Gravidität und des Puer¬ 
periums auf den Ausbruch der Epilepsie wird später 
noch einmal die Rede sein. Ob das unbedeutende 
Ueberwiegen der weiblichen Epilepsie im 4. Decennium 
(männlich 1,4, weiblich 1,9%) auf das Klimakterium 


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1906] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


149 


zu beziehen ist, mag dahin gestellt bleiben.— Unte 
Zusammenfassung grösserer Zeitabschnitte erhält man 
in Prozenten ausgedrückt folgende Vergleichszahlen aus 
den Statistiken anderer Autoren: 


Jahr der 

eigenes Material 

Finckh 

Berger 

Erkrankung 

m. w. 

m. w. 

m. w. 

0— 5 

34,3 30,7 

26,7 24,2 

— — 

0 — IO 

48,1 45,6 

44.2 36,4 

40,0 42,5 

0—20 

83.1 

83.1 

82,5 77.2 

60,8 65,15 

10—20 

35 ,o 39,5 

38,3 39.0 

20,8 24,9 

Jahr der 

I Lange 

Biro 

Gowers 

Erkrankung 

m. 

w. 

znsammen 

zusammen 

0— 5 

— — 1 

— 

17,2 

0-IO 

53.6 53.1 

34 ,o 

3 CO 

0—20 

85.9 92.8 

60,0 

77 ,o 

10—20 

32,3 39.7 

38,9 

45 , 8 . 


3. Heredität. 


Die erbliche Belastung ist entgegen den älteren 
übereinstimmend allen neueren Anschauungen einer 
der allerwichtigsten ätiologischen Faktoren bei der 
Epilepsie. Bei den folgenden Erhebungen sind die 
Fälle ausser Acht gelassen, bei denen nur eine ge¬ 
ringfügige Abweichung vpn der Norm in der Psyche 
der Ascendenten vorlag, vielmehr hat nur die neuro- 
oder psychopathische Veranlagung erheblicheren Grades 
in der Ascendenz Berücksichtigung gefunden; hinzu¬ 
gezählt sind die wenigen Fälle der Consanguinität bei 
Eltern oder Grosseltern der Epileptiker. Bei 153 Fällen 
männlicher und 114 weiblicher Epilepsie, d. h. bei 
etwa 1 U aller Epileptiker war kein ursächliches Moment, 
sei es erbliche Belastung, oder sonst ein schädigender 
Faktor in der Anamnese angegeben. Die Zahl der 
verwerthbaren Fälle beträgt demgemäss 388 männliche 
und 258 weibliche Epilepsie oder insgesammt 646 
gegenüber dem Gesammtmaterial von 913 Fällen. 
Von 646 Epileptikern waren 357 = 55,2% erblich 
belastet, und zwar fallen auf die männliche Epilepsie 
224 Fälle oder 57,7%; auf die weibliche Epilepsie 
133 Falle == 51.5%- 

Zum Vergleich seien einige Zahlen aus anderen 
neuen Statistiken herangezogen: 


Trotz der verschiedenen Angaben stimmen doch 
alle mit Ausnahme Gowers darin überein, dass man 
nicht zu hoch schätzen wird bei der Annahme, über 
die Hälfte aller Epileptiker sei erblich belastet. Die 
besonders hohen Zahlen bei Finckh, Dejerine und 
Binswanger sind dadurch erklärt, dass die genannten 
Autoren auch die Tuberkulose als keimschädigendes 
Moment bei der Vererbung mit berücksichtigt haben. 

Wenden wir uns nun zu den einzelnen Gruppen 
bei der Heredität, so hätten wir zunächst unter be¬ 
sonderer Berücksichtigung der direkten Uebertragung 
der Epilepsie von Erzeugern auf Descendenten zu 
betrachten die 

a) neuro- und psychopathische Belastung. 

Noch einmal sei erwähnt, dass leichte Grade 
nervöser Anomalien in der Ascendenz völlig ausser 
Acht gelassen wurden, sondern dass nur die Fälle 
Berücksichtigung fanden, bei denen eine ausgesprochene 
neuro- oder psychopathische Belastung vorlag. 

Die letztere konnte bei insgesammt 225 von 646 
Epileptikern, d. h. bei 34,8% nachgewiesen werden, 
und zwar fallen auf das männliche Geschlecht 141 
Fälle =21,8% und auf das weibliche 84 Fälle = 
13,0%. Demnach ist das männliche Geschlecht 
stärker belastet als das weibliche. Hiermit stimmen 
überein die Befunde von Finckh, Berger, Reynolds, 
Bourneville; dagegen beruht nach Lange und Gowers 
die weibliche Epilepsie etwas häufiger auf erblicher 
Belastung. 

Berücksichtigen wir nun die einzelnen hier in Be¬ 
tracht kommenden hereditären Faktoren in der As¬ 
cendenz, so vertheilen sie sich in folgender Weise: 

Von 357 hereditär belasteten Epileptikern waren 
bei 42, d. h. bei 11,7% ausgesprochene Psy¬ 
chosen in der Ascendenz vertreten, und zwar bei 
29 männlichen Epileptikern = 8,1 % und bei 13 weib¬ 
lichen = 3,6%, ferner lag bei 77 Epileptikern eine 
neuropathische Belastung der Ascendenten vor, 
also in 21,5% der Fälle, und zwar bei 47 männ¬ 
lichen = 13,1% und 30 weiblichen Epileptikern = 
8,4%. Consanguinität in dem Grade, dass die 
Eltern Geschwisterkinder waren, ist bei den hiesigen 


eigenes 


Erbliche Belastung lag vor nach: 



Material 

Lange 

F inckh 

D e j e r i n e 

Binsw'anger 

Al t 

Gowers 

männl. weibl. 

männl. weibl. 

männl. weibl. 

männl. weibl. 

zusammen 

zusammen 

zusammen 

57.7% 51.5% 

41.97°/» 45.07% 

75 7 i 





zusammen 

zusammen 

zusammen 

66,8 

6 L 7 

43.15 

35 - 

55.2% 

43.3% 

73 






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HARVARD UNiVERSITY 







PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 16. 


150 


Fällen 11 mal, also in 3 °/o von Epilepsie vorhanden, 
und zwar bei den männlichen in 1,9, bei den weib¬ 
lichen Epileptikern in 1,1% der Fälle vertreten. Da¬ 
runter ist ein Fall, in dem die Grosseltern Geschwister¬ 
kinder waren, während in der elterlichen Ascendenz 
kein hereditär ätiologischer Moment vorlag. 

Für die Frage, ob die neuropath. Veranlagung 
des Erzeugers häufiger auf den gleichgeschlechtlichen 
Descendenten die Epilepsie vererbt, ist nachstehende 
Erhebung verwerthbar: 


Von allen neuropatbisch hereditären Epileptikern 
waren von Vaterseite 



87 = 38.9% 

und zwar: 

männlich 

52 = 23,0% 


weiblich 

35 = 15.8% 


von Mutterseite 

127 —56,4% 


männlich 

82 = 36,4 % 


weiblich 

45 = 29,0% 

belastet 

(Fortsetzung folgt.) 


Die Ziele des Badischen Hülfsvereins für entlassene Geisteskranke und die 

Wege zur Erreichung derselben. 

Von Med.-Rath Dr. Arthur Barbo in Pforzheim. 

(Schluss.) 


Endlich harrt des Hiilfsvereins noch eine sehr 
lohnende und wichtige Aufgabe: ich meine jene Fälle, 
wo weniger bemittelte Familien aus Scheu vor den 
grossen Kosten den Geisteskranken der Irrenanstalt 
oft erst zuführen, wenn es zu spät für ihn oder wenn 
ein Unglück, wie Mord, Brandstiftung und dergl., durch 
ihn geschehen ist. Durch Uebemahme wenigstens 
eines Theils der Verpflegungskosten könnte hier der 
Hülfsverein für eine rechtzeitige Aufnahme des Kranken 
in die Anstalt wirken. 

Aber nicht nur bei der Aufnahme eines Geistes¬ 
kranken bieten sich oft Schwierigkeiten finanzieller 
Art, sondern auch bei der Entlassung. Nicht immer 
ist es Gleichgültigkeit oder gar Abneigung seitens der 
Angehörigen gegen den zu entlassenden Pflegling, 
wenn sie sich sträuben, denselben zurückzuholen, son¬ 
dern vielfach scheut sich eine mit Glücksgütern nicht 
gesegnete Familie den Kranken zu sich zu nehmen 
nur deshalb, weil sie in ihm wegen seiner beschränkten 
Arbeitsfähigkeit eher eine Last als eine willkommene 
Mithilfe im Erwerb erblickt; ein Zuschuss aus der 
Kasse des Hülfsvereins wird auch in solchen Fällen 
oft die Bedenken und Hindernisse beseitigen. 

Das wären im wesentlichen die wichtigsten Punkte, 
bei denen der Hülfsverein durch materielle Hülfe sich 
bethätigen könnte; auf weitere Einzelheiten einzu¬ 
gehen, muss ich mir versagen. Heutzutage schreit 
alles nach Staatshülfe, und da wird vielleicht mancher 
denken: „ja, warum tritt denn hier nicht der Staat 
helfend in die Schranken? u Nun, ich meine, alles 
kann man doch dem Staate nicht aufbürden, selbst 
wenn man annehmen wollte, das nachgerade stereo- 

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typ gewordene Wort von der „gespannten Finanz¬ 
lage“ sei nur ein Schreckbild, mit dem man allzu be¬ 
gehrliche Wünsche zu bannen sucht. Dann aber 
liegt es in der Natur der staatlichen, wie auch der 
gemeindlichen Organisation, dass die in oft so heikein 
Fällen zu gewährende Hülfeleistung leicht den Cha¬ 
rakter des Schematischen, Schablonenhaften bekommen 
und gerade das vermissen lassen könnte, was ent¬ 
lassenen Geisteskranken gegenüber besonders nöthig 
ist, Diskretion, Takt und Zartgefühl. Ueberdies ist 
das Verfahren von behördlichen Organen meist um¬ 
ständlich und schwerfällig und die Hülfeleistung durch 
solche könnte gelegentlich auch den missliebigen 
Charakter der öffentlichen Armenunterstützung, des 
Almosens erhalten und dadurch den entlassenen 
Geisteskranken wie seine Familie in ihrer sozialen 
Stellung und Achtung schädigen. Schliesslich aber 
ist es meines Erachtens auch ganz gut, wenn auch in 
der Richtung der Irrenfürsorge dem Wohlthätigkeits- 
sinn des Einzelnen, der Nächstenliebe und Opfer¬ 
freudigkeit Gelegenheit gegeben wird, sich zu be¬ 
thätigen. Es wäre dies eine Schule der Herzens¬ 
bildung für unser Volk, wahrlich ein grosser idealer 
Gewinn. 

Und damit bin ich, nachdem ich bis jetzt die 
vorwiegend materielle Seite der Aufgaben unseres 
Hülfsvereins erörtert habe, bei dem zweiten und ge¬ 
wiss nicht weniger bedeutungsvollen Theile desselben 
angelangt, bei den mehr idealen Bestrebungen des 
Vereins. 

Die Kürze der mir zugemessenen Zeit gestattet 
mir nicht, diese Seite meines Themas, wie verlockend 

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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


<es auch ist, so ausführlich zu behandeln, als es die 
Wichtigkeit derselben eigentlich erheischte; ich werde 
mich daher auch hier auf einige Hauptpunkte be¬ 
schränken« 

Da ist nun in erster Linie die Belehrung und 
Aufklärung der Bevölkerung über das Wesen der 
Geisteskrankheiten, über ihre Ursachen und Behand¬ 
lung. Es muss allmählich Gemeingut der mensch¬ 
lichen Gesellschaft werden, zu wissen, dass Geistes¬ 
störungen nicht durch Leidenschaften oder gar durch 
Sünde und dergl. entstehen, sondern dass sie Krank¬ 
heiten sind, wie alle anderen auch, und zwar Gehirn¬ 
krankheiten. Es muss der Bevölkerung klar gemacht 
werden, dass der Geisteskranke seine krankhaften 
Vorstellungen, Stimmungen und Triebe nicht einfach 
„mit etwas gutem Willen“, wie man so oft sagen 
hört, unterdrücken und beseitigen kann, so wenig, als 
ein Lungenkranker seinen Husten, ein Typhuskranker 
sein Fieber. 

Gelingt die Aufklärung in dieser Richtung — 
und sie muss gelingen — dann wird die Geistes¬ 
krankheit für den Kranken und seine Familie keine 
Schande mehr sein und keine Schädigung in gesell¬ 
schaftlicher und geschäftlicher Beziehung. Dann wird 
allmählich auch der weniger gebildete Theil unseres 
Volkes aufhören, Geisteskranke wegen ihrer oft sonder¬ 
baren Krankheitsentäusserungen zu verspotten oder 
von den Kindern verhöhnen zu lassen. Dann wird 
wohl auch die ebenso rohe als hässliche Bezeichnung 
des bedauemswerthen Geisteskranken als „Nari“, der 
Irrenanstalt als „Narrenhaus“ verschwinden. Dann 
werden Vorkommnisse unmöglich sein, wie sie mir 
aus meiner Schulzeit erinnerlich sind, wo ein sonst 
sehr tüchtiger, freundlicher und bei uns Schülern sehr 
beliebter Lehrer bei ganz besonders schlechten 
Leistungen eines Schülers seiner Entrüstung keinen 
passenderen Ausdruck zu verleihen wusste, als den, 
dass er jenem verächtlich zurief: „blödsinnig, unheil¬ 
bar, nach Pforzheim“. Dann werden auch die An¬ 
schauungen von Besessenheit und anderen satanischen 
Einflüssen r auf die man in gewissen Kreisen die 
Geistesstörungen noch immer zurückführt, hoffentlich 
endgültig verschwinden und mit ihnen auch die Be¬ 
handlung Geisteskranker mittelst Exorzismus und 
ähnlicher Maassnahmen. Wenn sich endlich die 
Ueberzeugung durchgerungen hat, dass Geisteskrank¬ 
heiten gerade wie andere Krankheiten einer mög¬ 
lichst frühzeitigen, sachverständigen d. h. ärztlichen 
Behandlung bedürfen, dann wird man nicht mehr die 
beste Zeit mit sogenannten „zerstreuenden“ oder 
„aufheitemden“ Reisen, mit Kaltwasserprozeduren und 
mit andeien unsinnigen Kuren und Hokuspokus ver- 

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151 


trödeln, bis vielleicht der richtige Zeitpunkt einer 
wirksamen ärztlichen Behandlung versäumt ist, son¬ 
dern man wird den Geisteskranken sofort dorthin 
verbringen, wohin er als Kranker gehört, ins Kranken¬ 
haus, d. h. in die Irrenanstalt. 

Um diesen Idealzustand herbeizuführen, bedarf 
es aber noch der Belehrung nach einer anderen 
Richtung: es bedarf der Bekämpfung der im Volk 
noch immer wurzelnden Vorurtheile gegen die Irren¬ 
anstalten selbst, Vorurtheile, die durch gewissenlose, 
auf die Kritiklosigkeit und Sensationslüstemheit der 
breiten Volksschichten spekulirende Hetzartikel und 
Hetzbroschüren genährt werden. 

Wenn die Menschen, durch Wort und Schrift 
aufgeklärt, sich einmal daran gewöhnt haben, in der 
Irrenanstalt einfach ein Krankenhaus zu erblicken und 
werthzuschätzen, dann werden die Geisteskranken 
rechtzeitig dorthin verbracht und viel eher der Heilung 
entgegengeführt werden. Und dies geschieht dann 
nicht allein im Interesse des Kranken selbst, sondern 
auch in dem der Allgemeinheit. Denn es wird dann 
viel Unglück verhütet, und es werden dann allmählich 
seltener Zeitungsberichte erscheinen des Inhalts „ein 
gewisser N. N. beging in Folge plötzlicher Geistes¬ 
umnachtung Selbstmord“, vielleicht mit dem Zusatze: 
„nachdem er Frau und Kinder getötet“ oder ähn¬ 
liches. So ohne alle Vorboten, wie ein Blitz aus 
heiterm Himmel, tritt ja eine Geistesstörung so schwerer 
Art nicht auf; vielmehr wurde sie in solchen Fällen 
von der Umgebung nicht erkannt oder ignorirt, sei 
es aus Scheu vor der gefürchteten Irrenanstalt, sei es 
aus Furcht vor den drohenden Kosten. 

Verschwinden muss endlich auch die künstlich 
wach erhaltene Besorgniss vor der widerrechtlichen Ein- 
sperrung Geistesgesunder im Irrenhaus, von der so 
manche Broschüren und Zeitungsartikel fabeln. Dann 
wird man auch die jetzt noch als Kautelen gegen 
die befürchtete widerrechtliche Aufnahme gedachten, 
sehr umständlichen Aufnahmeformalitäten vereinfachen 
und so im Interesse des Kranken wie seiner Umgeb¬ 
ung die möglichst rasche Aufnahme erleichtern können. 

Die Erkenntniss von der Nothwendigkeit und 
Nützlichkeit einer beschleunigten Aufnahme ist ja 
auch nicht neu: Schon in dem eingangs erwähnten 
Statut für die Siechenanstalt Pforzheim vom Jahre 
1847 heisst es (§ 20): „Alle Behörden und Beamten, 
welche zu einer Aufnahme in die Siechenanstalt mit¬ 
zuwirken haben, werden angewiesen: 1. die Ange¬ 
hörigen der zur Aufnahme geeigneten Kranken und 
bezw. die Letzteren selbst, so viel es an ihnen ist, 
zu belehren, dass nach bewährten Erfahrungen ein 
methodisches Heilverfahren umso mehr Hoffnung 

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152 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 16. 


eines günstigen Erfolges gewährt, je zeitiger dasselbe 
nach dem Ausbruch der Krankheit eintritt, und je 
früher der Kranke in die Anstalt zur Heilung über¬ 
geben wird, 

2. in Betracht dieser Erfahrungen, namentlich 
bei heilbaren Kranken, alle das Aufnahmegesuch 
eines Kranken berührenden Geschäfte soviel als immer 
möglich zu beschleunigen.“ 

Haben wir bis jetzt gesprochen von der Belehrung 
des Volkes über die Erkennung und Behandlung der 
Geisteskrankheiten, so dürfen wir nicht vergessen, 
dass auch in der Psychiatrie die beste Behandlung 
einer Krankheit in der Prophylaxe, d. h. in deren 
Verhütung liegt. Darum müssen die breiten Volks¬ 
schichten auch über die Ursachen und über die 
Verhütung der Geisteskrankheiten aufgeklärt werden. 
Nur so kann es gelingen, wirksam an der Gesundung 
des Volkskörpers mitzuarbeiten. 

Und nun komme ich noch zu einer sehr wichtigen 
und verdienstvollen Aufgabe des Hülfsvereines, d. h. 
seiner Vertrauensmänner, das ist die Gewinnung von 
Wartpeisonal für die Irrenanstalten und Kliniken. 
Die freiere, ohne Zwangsmittel durchgeführte, moderne 
Irrenbehandlung und -Pflege sowie die Vermehrung 
der Anstalten bringt eine steigende Nachfrage nach 
Wartpersonal mit sich. Auf der andern Seite aber 
zieht die sich immer mehr entwickelnde und aus¬ 
breitende Industrie eine stets zunehmende Zahl ge¬ 
rade jüngerer Arbeitskräfte in ihren Dienst; beim 
weiblichen Wartpersonal treten überdies noch die 
sich vermehrenden Sanatorien und für den Sommer 
auch die Luftkurorte und Bäder konkurrirend in 
die Erscheinung. So kommt es, dass es zusehends 
immer schwieriger wird, Wartpersonal in genügender 
Anzahl und Beschaffenheit für die Anstalten und 
Kliniken zu gewinnen. Man kann ohne Ueber- 
treibung sagen: die Wärter- und noch mehr die 
Wärterinnenfrage hat sich nachgerade zu einem 
Schmerzenskinde der Anstalten und Kliniken heraus¬ 
gewachsen, zu einer wahren Crux directorum. 

Zwei Gründe sind es wesentlich, die gerade der 
Industrie die Konkurrenz mit den Anstalten nach 
dieser Richtung sehr erleichtern: einmal bezahlt die 
sehr gewinnreiche Industrie ihre Arbeitskräfte be¬ 
sonders gut, und zum andern — und das ist wohl 
das ausschlaggebende Moment — sind die in der 
Fabrik Arbeitenden nicht der in der Anstalt 
nun einmal nöthigen, strengen Hausordnung unter¬ 
worfen und sind, sobald sie die Fabrik verlassen 
haben, Herr ihrer Zeit und ihrer selbst. 

Unter solchen Umständen ist die Zuführung von 
gutem Wartpersonal, namentlich aus weniger industrie- 

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reichen Gegenden, ein grosses Verdienst um die 
Irrenfürsorge; denn nur ein genügend zahlreiches und 
vor allem ein genügend gutes Wartpersonal bietet 
die Gewähr für eine sachgemässe Behandlung und 
menschenfreundliche Pflege der bedauernswerthen 
Geisteskranken. Mit Recht betont Altmeister Ludwig 
in seinem Jahresberichte des Hessischen Hülfsvereins 
vom Jahre 1879, dass es dem Volke unmöglich 
gleichgültig sein kann, ob seine in der Anstalt be¬ 
findlichen geisteskranken Angehörigen den Vortheil 
geniessen, den eine gute Pflege verbürgt, oder den 
Schaden erleiden, den eine schlechte Pflege noth- 
wendig mit sich führt, und dass jeder, der den An¬ 
stalten für den Wartdienst geeignete Personen zuzu¬ 
weisen unterlässt, obwohl er es thun könnte, seine 
Pflicht verletzt nicht allein gegen seine Nebenmenschen, 
sondern auch gegen sich selbst. Denn“, so schliesst 
Ludwig, „wer ist sicher, dass ihm selbst oder 
einem geliebten Gliede seiner Familie nicht auch 
einmal die Stunde schlägt, in welcher das köstliche 
Gut der gesunden geistigen Kraft verloren gegangen 
ist und der einzige noch offene Weg in die Irren¬ 
anstalt führt?“ 

Und nun noch ein kurzes Wort über die Ver¬ 
trauensmänner, die in den Satzungen des Hülfsvereins 
als Mittelspersonen zwischen Verein, Anstalten und 
Kliniken einerseits und den entlassenen Geistes¬ 
kranken und der Bevölkerung andrerseits gedacht 
sind. Als solche Vertrauensmänner kommen wohl 
vorzugsweise Aerzte, Apotheker, Bürgermeister, Geist¬ 
liche, Lehrer und andere, in der Gemeinde angesehene 
Persönlichkeiten in Betracht, die einen hellen Kopf 
und für die Irrenfürsorge ein warmes Herz haben. 
Sie werden die Stützen des Hülfsvereins sein; ihrer 
harrt eine schwierige, aber auch lohnende und ver¬ 
dienstliche Aufgabe. Möge es immer und überall 
gelingen, die richtigen Männer für dieses so wichtige 
Amt zu finden. Dann ist die Zukunft unsres Hülfs¬ 
vereins gesichert. 

Hochverehrte Versammlung! Ich bin am Schlüsse 
meiner Ausführungen angelangt. Sie konnten in An¬ 
betracht der mir zur Verfügung stehenden, kurzen 
Zeit nicht erschöpfend, sondern nur eine skizzenhafte 
Darstellung, fast nur eine Paraphrase der Satzungen 
sein. Gleichwohl hoffe ich, Sie über die Ziele des 
Hülfsvereins und die dahin führenden Wege einiger- 
maassen orientirt zu haben. 

Hoffentlich ist es mir gelungen, Sie von der un- 
abweislichen Nothwendigkeit unsres Hülfsvereins als 
wirksamer Ergänzung der öffentlichen und privaten 
Irrenfürsorge zu überzeugen. Ich bitte Sie ebenso 
herzlich als dringend, nicht nur selbst dem Vereine 

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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


153 


beizutreten, sondern vor allem auch in Ihren Kreisen 
dafür thatkräftig zu werben. Nur so können dem 
Vereine die nöthigen Geldmittel und die nöthigen 
Mitarbeiter zugeführt werden. Denken Sie immer 
daran, dass es nicht genügt, mit frommem Augen¬ 
aufschlag „die Aermsten der Armen“, wie man zu 


sagen liebt, zu beklagen, sondern dass man für die 
gute Sache der Irrenfürsorge werkthätig eintreten 
muss. Denn dem Hülfsvereine, d. h. seinen Schütz¬ 
lingen, den entlassenen Geisteskranken, hilft nicht 
platonisches Wohlwollen, sondern nur praktisches 
Wohlthun! 


Mittheilungen. 


— Im November 1906 wird an der psy¬ 
chiatrischen Klinik in München ein 3 wöchiger 
psychiatrischer Fortbildungskurs stattfinden. 
Programm: 

1. Klinische Demonstrationen (Prof. Kraepelin) 

täglich 10—11 Uhr. 

2. Forensisch-psychiatrische Demonstrationen (Prof. 

Gudden) täglich von 3—4 Uhr. 

3. Cursus der pathologischen Anatomie des Central¬ 

nervensystems (Dr. Alzheimer) täglich 8 — 10 
Uhr. 

4. Einführung in die klinische Experimentalpsycho¬ 

logie (Dr. Gau pp) 3 mal wöchentlich von 
11 —12 Uhr. 

5. Demonstrationen aus dem neurologisch - psy¬ 

chiatrischen Grenzgebiete (Dr. Gaupp) 3 mal 
wöchentlich von 11—12 Uhr. 

6. Excursionen in verschiedene Anstalten. 

7. Klinische Visiten. 

Nach Bedarf würden sich bei rechtzeitiger An¬ 
meldung einer genügenden Zahl von Theilnehmem 
auch Curse auf anderen Gebieten der 
M e d i c i n einrichten lassen. 

Honorar für den Fortbildungskurs: 50 M. 
Anmeldungen sind bis 1. Oktober 1906 an die 
Direktion der psychiatrischen Klinik zu richten. 

— Der Hülfsverein für Geisteskranke in der 
Rheinprovinz hat mit dem Schlüsse des Jahres 1905 
die ersten 5 Jahre seines Bestehens hinter sich. Auf 
dem Fundament des Hülfsvereins für Geisteskranke 
im Regierungsbezirk Düsseldorf, dessen 1400 Mit¬ 
glieder durch Eintritt in den neuen, die ganze Rhein¬ 
provinz umfassenden Verein einen kräftigen Grund¬ 
stamm abgaben, hat sich ein Bau erhoben, welcher 
zwar noch lange nicht die gewünschte Höhe erreicht 
hat, aber doch stetig wächst und bisher von Stock¬ 
ungen nicht betroffen worden ist. Das letzte Jahr hat eine 
weitere Zunahme der Mitgliederzahl zu verzeichnen und 
zwar um 1453, so dass jetzt 7845 Mitglied er vor¬ 
handen sind. Die Summe der Jahresbeiträge betrug 
19753 M., 3150 M. mehr als im Voijahre. Die 
Unterstützungen wachsen von Jahr zu Jahr. So sind 
im Berichtsjahre wieder dem Voijahre gegenüber rund 
2540 M. mehr ausgegeben worden. Die Provinzial¬ 
verwaltung hat mit einem jährlichen Zuwuchs von 
über 200 Geisteskranken, die ihrer Fürsorge anheim¬ 
fallen, zu rechnen, und muss Plätze für ihre Unter¬ 
kunft schaffen. Auch für den Verein giebt dieser 
Zuwachs an Kranken zu denken, handelt es sich doch 


ausschliesslich um Mittellose, deren Familien durch 
die Krankheit schwer betroffen werden und oft im 
Elend Zurückbleiben. Die Einnahmen des Hülfsver¬ 
eins für Geisteskranke in der Rheinprovinz belaufen 
sich für das Rechnungsjahr 1905 auf 24943 M., die 
Ausgaben auf 19545 M., so dass ein Ueberschuss 
von 5398 M. verbleibt. Dem Jahresbericht 1905 ist 
eine Abhandlung über das Thema beigegeben: Was 
ist ,»geisteskrank ?“ von Dr. Deiters (Grafenberg). 

— Psychiatrie in Gefängnissen. In einem 
Runderlass weist der preussische Minister des Innern 
darauf hin, dass nach der letzten statistischen Ueber- 
sicht in einigen Strafanstalten die Zahl der mit Dis¬ 
ziplinarstrafen belegten Gefangenen zur Durchschnitts¬ 
zahl sehr hoch sei, während die Ziffern anderer An¬ 
stalten zeigten, dass auch bei seltenerer Verhängung von 
Strafen die Disziplin aufrecht erhalten werden könne. 
Muss auch, heisst es dann der „Kölnischen Zeitung“ 
zufolge weiter anerkannt werden, dass neben Eigen¬ 
tümlichkeiten der Bevölkerung einiger Einlieferungs- 
gebiete die baulichen Einrichtungen mancher Anstalten 
die Disziplin erschweren und damit eine häufigere 
Strafanwendung herbeiführen, so wird dennoch bei 
sachgemässer Behandlung der Gefangenen auch in 
den ungünstiger gestellten Anstalten vermieden werden 
können, dass mehr als die Hälfte der durchschnitt¬ 
lichen Gefangenenzahl im Jahre bestraft erscheint. 
Nicht jeder geringfügige Verstoss gegen die Haus¬ 
ordnung erfordert Strafe; häufig genügt Belehrung 
und Zurechtweisung. Bei Ausschreitungen von Ge¬ 
fangenen, deren Geisteszustand Bedenken erweckt, ist 
von einer Bestrafung überall vorerst Abstand zu nehmen 
und sorgfältige Beobachtung unter Mitwirkung des 
Arztes einzuleiten. Da die Grenze zwischen Geistes¬ 
krankheit und Verbrechen sehr schwankend ist, schärft 
der Minister besonders ein: Es ist darauf hinzu¬ 
wirken, dass Gefangene, die der Geistes¬ 
krankheit auch nur begründetermaassen 
verdächtig sind, unverweilt für die Irren¬ 
abtheilungen angemeldet werden. Die An¬ 
nahme der Verstellung ist in jedem Falle aktenkundig 
zu begründen und auch in den Jahresberichten mit 
Gründen zu belegen. 


Referate. 

— Joh. Bresler: Die wichtigsten landwirt¬ 
schaftlichen Zahlen und Tabellen. I. Heft: 
Betriebs- und Ackerbaulehre. Verlag von 
Carl Marhold, Halle a. S. 1906. 71 S. 


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154 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 16. 


Da die öffentlichen Heil- und Pflegeanstalten 
fast ohne Ausnahme mit grösseren landwirtschaftlichen 
Betrieben verbunden sind, haben die Anstaltsärzte 
die Verpflichtung der Landwirthschaft näher zu treten 
und häufig Veranlassung sich in bezüglichen Nach¬ 
schlagewerken Belehrung zu suchen. B. hat es unter¬ 
nommen aus dem sehr empfehienswerthen illustrirten 
Lehrbuch von Krafft und anderen Quellenwerken die 
wichtigsten der hier in Betracht kommenden Zahlen 
zusammenzustellen. Da die vorliegende Lieferung 
sich durch gehörige Gliederung und übersichtlichen 
Druck auszeichnet, können wir erwarten ein handliches 
Tabellen werk zu erhalten, dessen Brauchbarkeit noch 
mehr gewinnen kann, wenn bei der Fortsetzung auf 
die Beschliessung mit einem alphabetischen Sachre¬ 
gister nicht verzichtet wird. Mercklin. 

— Aschaffenburg: Das Verbrechen und 
seine Bekämpfung. Zweite verbesserte Auflage. 
Winter. Heidelberg, 1906. 

Das ausgezeichnete Buch Aschaffenburg’s ist bei 
seinem erstmaligen Erscheinen von Medicinem und 
Juristen mit Worten höchster Anerkennung begrüsst 
worden, so dass es überflüssig erscheint zu seiner 
Empfehlung noch etwas zu sagen. Es ist ein er¬ 
freuliches Zeichen für die wachsende Theilnahme an 
criminalstatistischen und criminalpsychologischen Fra¬ 
gen, dass dieses eine Reform unseres Strafgesetzes und 
des Strafvollzuges auf Grundlage naturwissenschaft¬ 
licher Forschung- und Denkweise vorbereitende Werk 
nach drei Jahren eine neue Auflage erlebt. Obgleich 
zahlreiche neue Arbeiten und weiteres statistisches 
Material in der neuen Auflage berücksichtigt sind, ist 
das Buch an Umfang nur massig gewachsen, dank 
der in ihm waltenden knappen Darstellungskunst. 

Merck lin. 

— C. Wickel: Ueber die Kost in den 
Arbeits- und Landarmenhäusern zu S. 
Sonderabdr. aus d. Blättern f. Gefängnisskunde 1905. 

Wickel verlangt an Nährstoffen: 100—110 gr 
Eiweiss, davon */s animalisches, 90—95 grausnutzbar, 
56 gr Fett, 500 gr Kohlenhydrate. — Gemischte 
Kost: Animalien und Vegetabilien. Für das animal. 
Eiweiss sind neben Fleisch: Milch, Buttermilch, Quark, 
Käse, Sülze, Gallerten heranzuziehen. Fleisch 4 mal 
in der Woche 100—125 gr. Vegetabilien in nicht 
zu grosser Menge: Brot 650gr, Kartoffeln nicht über 
500 gr, Leguminosen ca. 150 gr. Möglichste Ab¬ 
wechslung, Würzung, breiige Nahrung mit fester zu 
wechseln, dabei Suppen und feste Speisen getrennt. 
Tägliches Speisevolum soll sich zwischen 1600—1850 
gr bewegen, keineswegs 2500 gr überschreiten. 

Merc kl i n. 


Personalnachrichten. 

— Schlesien. Abtheilungsarzt Dr. Wende 
von der Prov. - Heil- und Pflegeanstalt Kreuzburg 
wurde als Oberarzt an der Prov.-Heil- und Pflege¬ 
anstalt Leubus, Dr. von Rottkav als Ass.-Arzt an der 
Prov.-Heil- und Pflegeanstalt Freyburg i. S. angestellt. 


Kathreiner’s Malzkaffee* 

(Schluss.) 

„Dieses Kaffeefruchtfleisch wurde nun zu einem Impräg¬ 
nationstoff für Malzkaffee verarbeitet und zwar zuerst in Soera- 
baya. Als jedoch die dortigen Pflanzer die Verwendung des 
Extractes erfuhren, befürchteten sie eine Beeinträchtigung ihrer 
Interessen und bedrohten den Abgesandten der Firma am 
Leben. Mit glücklicherem Erfolge errichtete man später eine 
Extractions-Anlage in St. Denis auf La Rdunion, einer Insel, 
die durch die vorzügliche Qualität ihres Kaffees bekannt ist. 
Von dort stammt der zur Herstellung des Kathreiner’schen 
Malzkaffees jährlich in grossen Mengen benöthigte Kaffeekirschen- 
Extract. 

Die Imprägnation des Malzes mit diesem Extract bewährte 
sich vorzüglich und wurde so vervollkommnet, dass der Impräg¬ 
nationsstoff den durch den Ke'm frei gewordenen Raum im 
Malzkorn vollständig ausfüllt und dem Malz dadurch einen 
Kaffeegeschmack giebt, der schon beim Zerbeissen einiger 
Körner wahrzunehmen ist. 

Das gefürchtete CoffeYn geht nur in so minimalem Maasse 
auf Kathreiner s Malzkaffee über, dass es bei den Quantitäter, 
die für den täglichen Kaffeekonsum in Betracht kommen, über¬ 
haupt nicht nachweisbar ist. Wählend nämlich nach Professor 
König in Münster ein Kilo Bohnenkaffee 12,38 Gramm 
CoffeYn enthält, finden sich in der gleichen Quantität Kath- 
reiner’s Malzkaffee nach einer Analyse von Dr. Scholz in 
Köln nur 2,5 Milligramm CoffeYn. Der Coffeingehalt des Kath¬ 
reiner’schen Malzkaffees zu Bohnenkaffee stellt sich also wie 
1 zu 5000, d. h. 50 Zentner Kathreiner’s Malzkaffee enthalten 
erst so viel CoffeYn. wie ein einziges Pfund Bohnenkaffee. 

Das in den Fabriken ankommende Rohmaterial, auf dessen 
Einkauf schon die grösste Sorgfalt verwendet wird, macht vor 
seiner Verwendung einen eingehenden, wiederholten Reinigungs- 
process durch. Zuerst gelangt die Gerste in die Putzerei, in 
der alles Unkraut, Sand, schlechte leere Kerner u. s. w. aus¬ 
geschieden werden. Dann erst folgt eine gründliche Waschung 
und die Beförderung in die Weichanlagen durch Wasserhoch¬ 
druck und Pressluit. Die Art der Mälzung unterscheidet sich 
von der für Braumalz üblichen wesentlich. Das Product kommt 
dann in Appaiate, in denen die Keime abgebrochen werden, 
und der schon beschriebene Imprägnationsprocess beginnt. Die 
eigens für den Röstprocess eingerichteten Maschinen sind mit 
besonderen Vorrichtungen versehen. Zum Schluss erhält der 
Malzkaffee zur Conservirung seines Aromas noch einen 
schwachen, schwarzbrai nen, glänzenden Ueberzug aus raffinirtem 
Zucker. Automatisch befördert, wandert das in mächtigen 
Apparaten rasch abgekühlte Röstproduct abermals über eine 
sinnreiche Putz- und Reinigungsvorrichtung, wird sodann eben¬ 
falls automatisch gewogen und als versandfähig zu Lager ge¬ 
brachte 

Man kann wohl sagen, dass wie einst der Kaffee, so seit 
einigen Jahren die Malzkaffees und darunter besonders Kath¬ 
reiner’s Malzkaffee den Siegeszug über die Erde machen, aber, 
im Gegensatz zum arabischen Kaffee, unterstützt von den zahl¬ 
reichen Anerkennungen und Empfehlungen der Aerzte. 

Eine Fabel möge hier widerlegt werden. Gewöhnlich, 
namentlich im Volke, wird der Plärrer Kneipp als der Ent¬ 
decker der Schädlichkeit des Kaffees genannt und gepriesen. 
Ein Blick in die äusserst lehrreiche Geschichte der Kaffeever- 
breitung zeigt, dass man schon im 16. Jahrhundert bei den 
Islamiteu den Kaffeegenuss unter Zuhülfenahme religiöser Gründe 
zu verhindern suchte und im 17. Jahrhundert die Marseiller 
Aerzte vom Stan Ipunkte der Gesundheitspflege gegen ihn 
mächtig an kämpften, dass aber schliesslich selbst Staatsmänner 
mit der Androhung empfindlicher Strafen und mit hohen 
Zöllen nichts auszurichten veimochten, eoensowenig wie später 
z.B.in Norwegen die Antikaffeevereine. Wenn die Volksmeinung 
von der Nützlichkeit und Unentbehrlichkeit des Kaffees jetzt 
immer mehr schwindet, so verdanken wir das der wissen¬ 
schaftlichen Arbeit, insbesondere der experimentellen Pharma¬ 
kologie und, last not least und im Bunde mit ersterer, dem 
emsigen und gewissenhaften Bemühen der Industrie um 
die Herstellung billiger, nahrhafter Getränke, die den Kaffee 
zu ersetzen vermögen. 


Für den redactionellen Theil verantwortlich: Oberarzt I)r. J. Uresler, Lublinitz ^Sch esien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratenannahmc 3 Tage vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marhold in Halle a. S. 

Heynemann’sche Buchdruckerei (Gebr. Wniff) in Hallo a. S. 


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Original fram 

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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lublinitz (Schienet). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adresse: Marho Id Verlag, Halleiaala. Fernsprecher 823. 

Nr. 17. __ 21. juii. _ 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden filr die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei grÜaeren Aufträgen wird Rabatt gewährt. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schlesien), zu richten. 


Berufspsychosen.*) 

Vom Privatdocent Dr. med. et. pbil. Willy Hellpach y Karlsluhe. 


M. H.! 

i)ter den sozialen Lebensfaktoren, deren Antheij 
an der Entstehung ■, Ausgestaltung oder Um¬ 
bildung seelischer Abnormitäten unser Interesse zu 
fesseln geeignet ist**), nimmt der Beruf zweifellos eine 
hervorragende Stelle ein. Was ein Beruf sei, wäre 
vielleicht gar nicht so einfach kunstgerecht zu de¬ 
finieren; dabei wollen wir uns. .aber hier nicht 
aufhalten, wir überlassen diese Arbeit dem Scharfsinn 
der Juristen oder Nationalökonomen (der sich an ifyr 
schon reichlich versieht hat) ***), und sind mit einer 
trivialen Verständigung zufrieden. Sie würde etwa 
darauf hinauslaufen» dass wir unter Beruf eine Be¬ 
schäftigung verstehen, die den wesentlichen Lebens¬ 
inhalt eines Menschen und gleichzeitig einen wesent¬ 
lichen Pfeiler seiner wirtschaftlichen oder gesellschaft- 

*) Die nachfolgenden Darlegungen waren als Vortrag auf 
die Tagesordnung der 31. Versammlung südwestdeutscher Neu¬ 
rologen und Irrenärzte (Baden-Baden, 26.— 27. Mai d. J.) ge¬ 
setzt worden. Infolge Umordnung der Reihenfolge des Pro¬ 
gramms musste ich auf den Vortrag verzichten, da ich am 2. 
Verhandlungstage nicht mehr anwesend sein konnte. 

**) Ueber die grundsätzliche Bedeutung dieser Zusammen¬ 
hänge habe ich in meinen Arbeiten „Socialpathologie als Wissen¬ 
schaft“ (Arch. f. Socialwissenschaft 1905, Heft 2) und „Grund¬ 
gedanken zur Wissenschaftslehre der Psychopathologie“ 
(Habilitationsschrift; gedruckt im Arch. f. d. ges Psychologie 
1906, 4) gehandelt. 

***) Ueber die Berufsbildung und den Beruf siehe namentlich 
BQcher, die Entstehung der Volkswirtschaft, 3. Aull. Kapitel 
3, 4, 7, 8, 9. — Das Reichsgericht hat entschieden: „Das 
Merkmal des Berufes besteht darin, dass der Ausübende eine 
Jhätigkeit, welche eine besondere Sachkenntniss oder Aufmerk¬ 
samkeit erfordert, als eine dauernde. Über eine einmalige oder 
vereinzelte Leistung hinausgehende derart sich vorgesetzt hat, 
dass sic sein,Schaffen und Wirken, wenn auch nicht vollständig 
und allein, so doch in einem erheblichen Maasse ausfüllt und 
wenn auch nicht den einzigen, so doch immerhin einen Lebens¬ 
zweck für ihn bildet.“ Der immanente Humor dieser Bcgrifls- 
lindung könnte durch eine Kritik nur abgeschwächt werden! 

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liehen Existenz bildet Je nachdem wjr dieses zweite 
Kriterium schärfer oder lässiger handhaben, verschiebt 
sich die (überhaupt fliessende) Grenze zwischen dem 
„Beruf“ und der „Beschäftigung“ — in der Blüthe- 
zeit des Berufswesens, im Mittelalter, erscheint der 
Beruf durchgehends als Lebensinhalt und Existenz¬ 
basis zugleich, heute aber haben, sich zahlreiche Be¬ 
rufe entwickelt, die völlig untauglich dazu sind, einem 
Menschen Lebensinhalt zu sein, und grösstentheils als 
Schatten dieser Erscheinung finden wir entsprechend 
häufig Beschäftigungen, die für die wirtschaftliche 
und gesellschaftliche Existenz belanglos, manchmal so¬ 
gar störend sein können, die „Nebenberufe“ Da-: 
zwischen noch hundert Uebergänge und Mischungen! 
Aus diesem Wirrwarr kommen wir am besten, für 
unsere Absicht jedenfalls hinreichend sicher .heraus* 
wenn wir als Beruf die wesentliche Lebensbe- 
thätigung, innere oder äussere, ansehen. 

In dieser Begriffsumschreibung liegt dann eigent¬ 
lich schon die Wahrscheinlichkeit beschlössen, dass 
der Beruf irgendwelche Beziehungen zu seelischer 
Abnormität eines Menschen aufweisen werde: sei es 
als wirkliche Ursache (wie in vielen Fällen'chronischer 
nervöser Erschöpfung), sei es als Anknüpfungspunkt 
(wie so häufig bei konstitutioneller Nervenschwäche), 
sei es als Reservoir von Vorstellungsmaterial (wie auf 
fast allen Linien der Wahnbildung). Wollte ich von 
dieser allgemeinsten Beziehung reden, so hätte ich 
mein Thema „Beruf und Psychose“ formulieren 
müssen. Wenn ich statt dessen „Berufspsychosen“ 
sage — so habe ich eben einen viel engeren Kreis 
von Wirkungen im Auge, die in- der Richtung „Be¬ 
ruf Abnormität“ sichtbar werden. Berüfspsychosen, 
das soll heissen: krankhafte Seelenveränderungen, die 
der Beruf kraft seiner qualitativen Eigentümlichkeit 
verschuldet, kraft der Art, wie er den Berufsträger 

Original frnm 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


[Nr. 17. 


156 


mit Dingen und Mitmenschen umzugehen, ihnen 
gegenübierzustehen, zu ihnen sein Verhältniss zu 
finden zwingt oder doch drängt, verleitet, gewöhnt. 
Und nun will ich lieber gleich in die konkreten Dinge 
hineingreifen, aus denen deutlicher als aus allen be¬ 
grifflichen Schwitzkuren hervorgehen wird, was man 
unter Berufspsychosen im Unterschiede von den 
mehr oder minder beruflich mitbeeinflussten Psy¬ 
chosen verstehen kann. — 

Die vielleicht populärste Berufspsychose ist der 
Cäsaren w ahn sinn. Wie stellt man sich das vor, 
was man so nennt? Einfach als eine Steigerung der 
typischen Züge des Selbstherrschers ins Krankhafte hin¬ 
ein; eine Ueberspannung der gewöhnlichen cäsarischen 
Eigenschaften, Neigungen, Liebhabereien, Ambitionen, 
Gepflogenheiten. Die kostspielige Repräsentation ge¬ 
wandelt zur unsinnigen Verschwendung; die Gewohn¬ 
heit zu befehlen zür Lust, nach Laune zu chicanieren; 
die Erwartung, Zustimmung oder nur sehr bescheidene 
Einwendungen zu finden, zur Einbilduug sachver¬ 
ständiger und entscheidender Meinung in allen 
Fragen; die Gewöhnung an Ehrung und Beifall zum 
Bedürfniss nach kultartiger Verehrung; die Pose dieser 
Verehrtheit zur Illusion eines besonders intimen Ver¬ 
hältnisses zu den weltregierenden Mächten, zu Gott, 
zur Hölle, den Heiligen u. s. w. Bald ist dieser, bald 
jener Zug stärker unterstrichen — bald die pracht¬ 
liebende Verschwendung (Ludwig von Bayern), der 
Dilettantismus (Nero mit seinem Qualis artifex), bald 
der Blutdurst (Richard III.): im Ganzen ist das Bild 
das ewig gleiche. Und seine Aetiologie? Man 
(nicht wir! „man“!) stellt sich vor, dass alle jene 
Lebenszüge an sich und namentlich in ihrer Zu¬ 
sammenhäufung die Gefahr des Umkippens ins Patho¬ 
logische in sich tragen, und dass namentlich der 
Mangel an Widerstand, den sie von Kindesbeinen 
an finden, dieses Umkippen beschleunigt Eine An¬ 
häufung extremer seelischer Momente in einer 
Menschenseele — und die Entfernung aller sie 
bändigenden Hemmungen: damit erscheint der Cä¬ 
sarenwahn als hinreichend erklärt, und man wundert 
sich gemeinhin eigentlich mehr über die Cäsaren, die 
trotz jener ihr Leben beherrschenden psychologischen 
Constellation normal bleiben, als über die, bei denen 
nach irgendeiner Richtung hin krankhafte Erschein¬ 
ungen sichtbar werden. Berufspsychose also als 
Steigerung, als Ueberspannung bestimmter qualitativer 
Berufsbesonderheiten, und diese Ueberspannung mit 
einem gewissen Selbstverständlichkeitsgefühl als Krank¬ 
heit bewerthet: das wäre die Auffassung, die aus der 
landläufigen Meinung vom Cäsarenwahn heraus- 
deslilliert werden könnte. 

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Was sagen wir dazu, die Psychiater? Wir hören, 
dass Ludwig von Bayern ein Opfer der Dementia 
praecox, katatonische Form,*) war, und schon ein 
flüchtiger Blick über die Blätter der Geschichte macht 
es uns wahrscheinlich, dass ebenso auch die meisten 
andern berühmten Fälle von Cäsarenwahn eine kli¬ 
nische Diagnose zulassen würden, die die Opfer dieser 
Heimsuchung in Reih und Glied mit der misera 
plebs übriger Irrsinniger stellen müsste: warum auch 
sollte die Paralyse, der Alkoholismus in seinen mannig¬ 
fachen Abwandlungen, das manisch-depressive Irre¬ 
sein vor den Thronen halt machen? Im Einzelnen 
wäre die Aufhebung dieser Thatbestände Sache einer 
„pathographischen“ Untersuchung**). Wo immer sie 
eine jener Diagnosen ermöglichte, dort wäre es dann 
freilich um den Cäsarenwahn als Berufspsychose ge¬ 
schehen; denn dass nun die geistige Erkrankung 
eines Fürsten aus* dem fürstlichen Lebenskreise ihre 
Vorstellungen hemimmt, die fürstlichen Lebensbe- 
thätigungen zunächst alteriert, ist uns ohne Weiteres 
geläufig: in dieser Art empfängt ja mehr oder minder 
lebhaft jegliche Psychose von Beruf und Lebens¬ 
führung her ihre Färbung, macht sie nach dieser 
Seite hin ihre ersten auffälligen Erscheinungen. Dass 
ein Cäsar, ehe er als Geisteskranker erkannt und be¬ 
handelt wird, mehr Verwirrung, Schrecken, Unheil 
oder auch nur Unfug stiften kann, als gewöhnliche 
Sterbliche, rechtfertigt keine psychiatrische Sonder¬ 
stellung und keine psychopathologische Sonderdeutung 
seiner Psychose. 

Hier zerfliesst uns also die Berufspsychosc unter 
den Händen und die allerkrasseste noch dazu, die 
die öffentliche Meinung zu kennen glaubt. Wir 
wollen nicht weiter bei der Möglichkeit verweilen, die 
Pathographie könne am Ende doch den einen oder 
andern „echten“ Fall von Cäsarenwahn aufdecken 
— denn die Diagnostik aus Quellen ist an sich zu 
unsicher, und die ganze Cäsarenpsychose überhaupt 
etwas zu Vereinzeltes, als dass ein hie und da und 


*) Nach einer Mittheilung Kraepelins. 

**) Ueber Aufgaben, Wege und Grenzen dieser Betrachtungs¬ 
weise habe ich in meiner kleinen Studie „Die pathographische 
Methode“ (Vortrag auf der 36. Versammlung südwestdeutscher 
Irrenärzte 1905; gedruckt „Medic. Klinik“ 1905, No. 53 u. 54) 
gehandelt: grundsätzlich durchaus auf der lapidaren Prin¬ 
zipienentwicklung hissend, die P. J. Moebius in der „Einlei,. 
tung“ seiner „Ausgewählten Werke“ gegeben hat, im Einzel¬ 
nen freilich bemüht, mancherlei mehr ins Detail hinein zu 
verfolgen und logisch-methodologisch zu begrenzen. Eine Fort¬ 
führung dieser Bemühung werde ich in den nächsten Wochen in 
Ostwalds „Annalen der Naturphilosophie“ (unter dem Titel: 
„Ueber die Anwendung psychopathologischer Erfahrung auf ge¬ 
sellschaftliche und geschichtliche Erscheinungen“) veröffentlichen. 

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HARVARD UNIVERSITY 




1906] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


157 


dort mit klinischer Etikette nicht klar fassbares 
Krankheitsbild dieser Art ohne Weiteres (neben der 
Mehrzahl fassbarer) für die Existenz einer „Berufs¬ 
psychose“ beweisend sein könnte. Mit etwas herab¬ 
gestimmter Hoffnung treten wir danach in die Sphäre 
des bürgerlichen Lebens, um hier nach Abnormitäten 
Umschau zu halten, die als Berufspsychosen gedeutet 
werden möchten. Die Sonderart fast humoristischer 
Färbung, die das Volk den Apothekern beilegt 
und die es als den Sparren, Spahn, Klaps (oder sonst¬ 
wie) der Apotheker benennt, fällt hier vielleicht am 
lebhaftesten auf. Aber wir wollen nicht zum zweiten 
Male in eine Sackgasse geführt sein. Sowie man 
diesem Objekt nämlich näher tritt, bemerkt man eine 
starke Complication von Faktoren, die beim Apotheker¬ 
beruf dazu führen könnte, das Laienurtheil einer 
specifischen Abnormität zu provoziren. Die Mehrzahl 
der Apotheker sind recht angestrengte, noch dazu 
mit einer einförmigen und doch verantwortungsvollen 
Beschäftigung angestrengte Leute; und die Nervosität, 
die sich von da herangiebt, komplicirt öfters noch 
durch alkoholistische, vereinzelt auch durch morphi- 
nistische Alterationen, färbt sich natürlich mit ge¬ 
wissen Eigentümlichkeiten des Standes, die (scheint 
mir) vornehmlich in dem amphibischen Pendeln 


zwischen akademischen und krämerhaften Qualitäten 
gegeben sind. Genug! Hier ist Alles unsicher, 
Vieles weist in die Sackgasse, in die wir mit dem 
Cäsarenwahn geraten sind; ich möchte darum auch 
diese zweite volkstümliche „Berufspsychose“ aus 
unsern Erwägungen lieber ausscheiden. *) 


*) Auf was für Erfahrungen aber der Psychiater bei der 
Untersuchung der Berufsabnorinisirung sich gefasst machen 
darf, hat mir der Entrüstungssturm gezeigt, der meine harmlose 
essayistische Plauderei über den „Apothekerklaps* (i. d. „Zu¬ 
kunft* v. 3. 2. 06) in pharmaccutischen Kreisen hervorgerufen 
hat — obwohl ich die „Berufspsychose* dabei nicht einmal 
bejaht habe, sondern lediglich den Motiven des Glaubens an 
sie im Volksgemüth nachgegangen bin. Kaum eine einzige ddr 
vielen Zuschriften und Zeitungseinsendungen, die mir übersandt 
wurden, hat auch nur versucht, den Gedankengang meiner 
Ausführungen zu erfassen; man ist vielmehr „empört“ über 
die „Beleidigung 14 eines „ehrbaren Standes“, die allein in der 
Problemstellung des Apothekerklapses liegen soll. Nur die 
„Pharmazeut. Zeitg.“ bat die Sache mit Ernst und Objektivität 
angefasst. Im übrigen bedaure ich diese Erfahrung nicht; sie 
hat mich einen werthvollen Einblick in die Kasuistik der 
„verletzten Empfindlichkeit* thun lassen — und ich weiss jetzt, 
dass dieser bürgerliche Seelenzustand an emotiver Intensität 
dem der laesa majestas verflossener Zeitläufte gewisslich nicht 
□achsteht. 

(Fortsetzung folgt.) 


(Aus der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe. Direktor: Professor Dr. A 1 t.) 

Statistischer Beitrag zur Aetiologie der Epilepsie. 

Von Dr. Karl Siebold , Assistenzarzt. 

(Fortsetzung.) 


Dieses Ergebniss, dass das männliche Geschlecht 
viel häufiger belastet ist als das weibliche, und dass 
ferner die Belastung seltener vom Vater als von der 
Mutter ausgeht, bestätigen frühere Angaben. Es fanden: 



. Belast, 
v. seiten 
b. Eltern 

Belastung von 
Vatersseite 

Belastung von 
Muttersseite 

Aronsohn 

10,5% 

29,0% 

39.5% 

Gowers 

5.0% 

35.0% 

39.0% 

La nge 

5 >o% 

34,1% 

männl. weibl. 

41.7% 

männl. weibl. 

Finckh 


36,0% 48,3% 

zusam. 42,1% 

64,0% 57,7 % 
zusam. 51,8% 

eige nes 
Material 


männl. weibl. 

männl. weibl. 


23,1% 5,18% 
zusam. 38,9% 

36,4% 20,0% 
zusam. 56,4 % 


Die mütterliche Belastung überwiegt also und 
„zwar ist sie bei männlichen Epileptikern grösser als 


□ igitized by Google 


bei weiblichen, was auf die Erscheinung der ge¬ 
kreuzten Vererbung (von Mutter auf den Sohn) hin¬ 
weist“. Im Gegensatz hierzu steht Gowers Behauptung, 
die mütterliche Belastung manifestire sich häufiger 
bei den weiblichen Nachkommen. 

Die Bedeutung des mütterlichen Einflusses tritt 
nun weiterhin zu Tage bei der gleichartigen Ver¬ 
erbung der Epilepsie von den Erzeugern auf diq Des- 
cendenten; es stammte die Epilepsie nach 



Finckh 

eigenes 

Material 


männl. weibl. 

männl. 

weibl. 

Von Vatersseiten 

42,1% 11,1% 

32,7% 

35.1% 

Von Muttersseiten 

57,9% 88,9% 

67,2% 

64,9% 


Auch hierbei zeigt sich in unserem Material wieder 
die Tendenz der gekreuzten Vererbung, dass also die 
Epilepsie vom Vater häufiger auf die Tochter und von 
der Mutter öfter auf den Sohn übergeht. 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 17; 


158 


Von allen neuropathisch hereditären Epileptikern 
(225) fand sich 95 mal Epilepsie in der allernächsten 
Blutsverwandtschaft, also in 42,2% der: Fälle. Lange 
fand sie in 61%, Aronsohn in 50%, seiner Fälle. 
Nach Geschlechtern geordnet, findet man, dass die 
Epilepsie häufiger in der Blutsverwandtschaft vorkommt 
bei den weiblichen 78% als bei den männlichen Epi¬ 
leptikern 67%. 

Aehnliche Verhältnisse fand' Lange 
männlich 59,4% 
weiblich 64,3 % 
und Aronsohn männlich 44,8% 
weiblich 56,6%. 

Von allen Epileptikern hatten 65 also 7,1% an Epi¬ 
lepsie leidende Geschwister. 

Es erübrigt noch, die Beziehung der Heredität 
zum Alter zu prüfen: 


B, Toxikopatiusche Belastung. 

Abgesehen von der traurigen Beddutung .des 
Alkohols als .Kulturgift und von den speziellen «Schä¬ 
digungen, die der Abusus dem Potator selbst fiir seine 
eigene Gesundheit bringt, hat dieses Gift in besonderer 
Weisd eine für den Descendenten keimschädigende 
Wirkung. Wie Nachkommen von Alkoholikern häufig 
überhaupt körperlich oder noch häufiger physisch al- 
terirt und schädlichen exogenen Einflüssen aller Art 
gegenüber wenig widerstandsfähig sind, so gilt es in 
besonderem Mäasse für die Epilepsie, dass sie auf 
alkoholischer Grundlage der Ascendenz entweder 
direkt entsteht, oder dass der Alkohol eine grössere 
Reizbarkeit des Gehirns erzeugt', die dann nur ganz 
geringfügiger Gelegenheitsursachen bedarf, um mit 
manifester Epilepsie .zu reagieren. Die Frage, ob der 
Alkoholmissbrauch der Eltern verhängnisvoller ist als 


Belastung der 
Ascendenz 

Jahr des Aus¬ 
bruches der Epi 
lepsie bei den 
Ascendenten 



Psychosen 

neuropath. 

Belastung 

männl. 

weibl. 

männl. weibl. 

17 

6 

35 

18 

11 

5 

12 

11 

I 

2 

2 

1 



Consanguinität 
männl. weibl. 

4 2 

3 1 

o 1 | 


Zusammen 


in % 

136 

62% 

67 

30% 

l6 

8% 


Das erste Decennium ist demnach der gefährlichste 
Lebensabschnitt für die belasteten Descendenten und 
zwar in ungefähr gleicher Weise bei beiden Ge¬ 
schlechtern und bei der verschiedenartigen Belastung. 
Während 2 h der belasteten Epileptiker vor dem 10. Jahr 
erkranken, bricht die Epilepsie im 2. Decennium in 
etwas weniger als Va der Fälle aus, und nur etwa 
V12 der erblich belasteten Epileptiker erkrankt nach 
dem 20. Jahr. Fasst man grössere Zeiträume zu¬ 
sammen, so ergiebt sich folgendes Resultat: 



Finckh 

eigenes Material 

Alter 

männl. weibl. 

männl. weibl 

0 —20 

70% 68% 

91% 92% 

später 

30% 32% 

. 9% 8% 


Wenn also bei weitem die grösste Mehrzahl der 
belasteten Epileptiker vor dem 20. Jahre erkrankt, 
so fällt doch auch für die Spätepilepsie das Moment 
der Heredität als ätiologischer Faktor nicht ganz fort. 
Im hiesigen Material wurde als Maximum bei männ¬ 
licher Epilepsie das 29., bei weiblicher das 44. Jahr 
beobachtet, in welchem bei positiver Heredität ohne 
sonstigen nachweisbaren ätiologischen Faktor die 
Krankheit ausbrach. Gowers und Poiiroux berichten 
indes über Fälle, bei denen noch nach dem 60. Jahr 
eine' ererbte Epilepsie zum Ausbruch gekommen sei. 


der des Patienten selbst, muss entschieden mit Ja be¬ 
antwortet werden. 

Unter den 646 Fällen von Epilepsie mit anam¬ 
nestischen Angaben befinden sich 122 = 18,8%, bei 
denen schwerer Abusus alkoholicus der Erzeuger als 
ätiologisches Moment angegeben ist und zwar bei 
männlicher Epilepsie 77 = 11,8%, bei weiblicher 
Epilepsie 45 = 6,9%. Aehnliche Zahlen finden sich 
bei 

Binswanger 19,4 % 

Biro 14 % 

Finckh 25,7 % 

Moreau 19,35% 
und Voisin 31,0 %. 

Bei 3 Fällen weiblicher Epilepsie, die sämmtlich 
im 1. Decennium ausbrachen, war der Grossvater 
starker Schnapssäufer, während beide Eltern abstinirten. 

Entsprechend der grösseren Verbreitung des Al¬ 
koholismus bei Männern war bei 113 Epileptikern 
der Vater Potator. Und zwar erkrankten von diesen 
113 vor dem 20. 95, nach dem 20. Lebensjahr 18. 
In nur 6 Fällen lag der Abusus auf Seiten der 
Mutter und zwar 4 mal bei männlichen und 2 mal bei 
weiblichen Epileptikern, woraus sich wiederum die 
Tendenz zur gekreuzten Vererbung ergiebt. 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


159 


Die ungleich geringere Bedeutung des eigenen 
Alkoholismus für das Zustandekommen der Epilepsie 
ergiebt sich daraus, dass sich unter 646 Fällen von 
Epilepsie nur 19 hierhergehörige Fälle fanden, d. h. 
bei 2,9%, während, wie erwähnt, in 18,8% der Fälle 
Alkoholismus der Erzeuger vorlag. — 

Von weiterer toxischer Belastung habe ich die 
Syphilis nur in 10 Fällen = 1,8% gefunden; davon 
sind ausserdem 2 Fälle insofern nicht einwandfrei, 
als einmal der luetische Vater zugleich starker Potator, 
und als in dem anderen Falle der Grossvater schon 
epileptisch war, sodass die Epilepsie nicht sicher auf 
die Lues Bezug zu haben braucht. Demnach scheint 
die Syphilis nur eine untergeordnete Bedeutung als 
ätiologischer Faktor bei der Epilepsie zu haben. Da¬ 
mit stimmt überein der Befund Lange’s, der unter 
700 Epileptikern nur 3 Nachkommen luetischer Eltern 
fand, ferner das Ergebniss Finckh’s, welcher sagt: 
„der keimschädigende Einfluss der Lues trat am 
hiesigen Epileptiker-Material in sicher nachweisbarer 
Form nicht hervor, und auch Biro fand bei seinen 
Epileptikern keinen Fall von hereditären Lues.“ — 
Es darf übrigens nicht übersehen werden, dass die 
Erzeuger aus begreiflichen Gründen ihre einstige 
Syphilis zu verschweigen pflegen. 

Üeber sonstige Gifte, wie Morphium, Blei u. s. w. 
habe ich bei der Frage der toxikopathischen Be¬ 
lastung der Epilepsie keinen verwerthbaren Anhalts¬ 
punkt im hiesigen Material finden können. 

4. Erworbene Praedisposition. 

Während in mehr als der Hälfte der Fälle die 
Epilepsie als endogene Krankheit aufzufassen ist, da¬ 
durch entstanden, dass die psychische oder somatische 
Minderwerthigkeit der Erzeuger ein schon im Keime 
geschädigtes Produkt liefert, drängt sich die Fiage auf, 
giebt es post partum erworbene Schädlichkeiten als 
Ursachen der Epilepsie und welcher Art sind diese 
exogenen Schädlichkeiten, sind sie ferner direkt Epi¬ 
lepsie erzeugende Faktoren oder bilden sie nur die 
auslösenden Momente bei bestehender Labilität des 
Gehirns. 

Man kennt in der That eine Anzahl nachträglich 
einsetzende Schädlichkeiten, welche selbstständig Epi¬ 
lepsie zu erzeugen im Stande sind, ohne dass here¬ 
ditär oder constitutionell eine nachweisbare Ursache 
dafür vorläge. Zu diesen Schädlichkeiten gehören in 
erster Linie 

a) die acut fieberhaften undlnfectionskrankheiten. 

Wenn Gifte Epilepsie primär erzeugen können, 
und das ist durch Thierexperimente nachgewiesen, so 


liegt der Gedanke nahe, dass auch durch die Toxine 
der genannten Krankheiten die sogenannte epileptische 
Veränderung der Hirnrinde geschaffen werden kann. Es 
entsteht bei Infectionskrankheiten entweder eine örtliche 
Infection im Gehirn und in deren Gefolge eine Narbe, 
oder durch toxische Einflüsse wird eine allgemeine Reiz¬ 
barkeit des Gehirns geschaffen, dass ein Funke genügt, 
um das leicht entzündliche Material zum hellen Brande 
anzufachen. 

Die aus dem hiesigen Material ersichtliche That- 
sache, dass die Epilepsie nach Infectionskrankheiten 
in den meisten Fällen in der Kindheit ausbricht, 
also in einem Stadium, in dem das Gehirn noch nicht 
voll entwickelt ist, legt die Vermuthung nahe, dass 
diese Unfertigkeit in der Entwicklung eine erhöhte 
Vulnerabilität des Gehirns, sei es in Form einer ge¬ 
steigerten Empfänglichkeit, sei es in Form der herab¬ 
gesetzten Widerstandsfähigkeit des zarten Organs, be¬ 
dinge. In allen neueren Arbeiten wird hervorgehoben, 
dass Infectionskrankheiten Epilepsie erzeugen können. 
Während Pierre Marie darauf hinweist, dass die 
Epilepsie fast stets infectiösen Ursprungs sei, hält 
Lernoine die Infectionskrankheiten für die häufigste 
Ursache der Epilepsie des Kindesalters. 

Wenden wir uns nun zu Einzelheiten, so finden 
sich in unserem 646 Fälle umfassenden Material 55 
Fälle männlicher und 49 weiblicher Epilepsie nach 
Infectionskrankheiten, was einem Prozentverhältniss 
von 16% der Gesammtzahl entspricht; Biro fand 
10%. Es sei hinzugefügt, dass nur die Fälle Be¬ 
rücksichtigung finden, bei denen ausser der zu er¬ 
wähnenden Krankheit kein anderes ätiologisches Mo¬ 
ment angegeben war. Unter den 104 Fällen kamen 
als Ursache der Epilepsie in Betracht: 

Scharlach.2 5 mal 

darunter 5 Fälle mit schwerer Ne¬ 
phritis. 

Gehirn- und Gehirnhautentzündung 20 „ 

Masern.15 „ 

Masern und Gehirnentzündung . . 1 „ 

Diphtherie.5 „ 

6 mal, 3 mit, 3 ohne Serum be¬ 


handelt. 

Diphtherie und Scharlach . . . 2 , 

Diphtherie und Masern.1 , 

Polyarthritis und Masern.1 , 

Cerebrale Kinderlähmung .... 7 , 

Spinale „ . . . . 6 , 

Typhus. 7 , 

Polyarthritis mit nachfol. Chorea . . 4 , 

Cholera.2 , 


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i6o 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 17. 


Influenza.2 mal 

Influenza mit Chorea.1 „ 

Schwere fieberhafte Darmerkrankung 3 „ 

Malaria.1 „ 

Revaccination mit hohem Fieber . 1 „ 

Vorauserwähnt sei ferner, dass in weiteren 26 Fällen 
eine acut fieberhafte oder infectiöse Krankheit als 
auslösendes Moment sich geltend machte. Demgegen¬ 
über werden wir uns nicht der bedeutsamen Thal¬ 
sache verschliessen, dass den genannten Krankheiten 
eine grosse Bedeutung bei den Entstehungsursachen 
der Epilepsie zukommt. Diese Thatsache ist insofern 
besonders wichtig, als bei den auf Infectionskrank- 
heiten zurückzuführenden Fällen von Epilepsie theo¬ 
retisch die Möglichkeit einer günstigen Beeinflussung 
durch entsprechende Sera eröffnet ist. In der That 
sind in der Uchtspringer Anstalt, wie anderweitig ver¬ 
öffentlicht werden wird, so gelegene Fälle von Epi¬ 
lepsie durch specifische Sera erfolgreich behandelt 
worden. 


Dem 

b) Alkohol und sonstigen den Gesammtorganismus 
schädigenden Einwirkungen 
scheint eine nur unwesentliche Rolle in der Aetiologie 
der erworbenen Epilepsie zuzufallen. Während, wie 
erwähnt, der chronische Alkoholismüs der Erzeuger 
dem Descendenten leicht verhängnissvoll werden kann, 
wir sahen in 18,8% des Gesammtmaterials die Ent¬ 
stehung der Epilepsie auf dem Boden alkoholistischen 
Abusus in der Ascendenz, finden wir nur 20 Fälle (16 
männliche und 4 weibliche) d. h. in etw'a 3% der 
Gesammtzahi, bei denen schwere Alkoholvergiftung 
eine erworbene Praedisposition schuf. 

Als weitere Schädlichkeiten finden wir erwähnt: 
chronische Chromvergiftung 1 mal 

chronische Bleivergiftung 2 „ 

schwere Rachitis 6 „ 

darunter eine mit langdauemden Verdauungsstörungen, 
eine andere mit mangelhafter und schlechter Ernährung 
in den ersten Lebensmonaten. (Schluss folgt.) 


Mittheilungen. 


— Görlitz. Auf der soeben zu Ende gegangenen All¬ 
gemeinen Hygienischen Ausstellung zu Wien erhielt die 
Nervenheilanstalt Dr. Kahlbaums ein Ehren¬ 
diplom zur goldenen Fortschrittsmedaille. Dr. Kahl¬ 
baum hatte in Gruppe II (Gesundheits- und Kranken¬ 
pflege) ein Modell der Anstalt ausgestellt. 

— Zur Behandlung der Querulanten. Ein 
Mann namens W. hatte einen Process verloren und 
stellte darauf gegen die Zeugen Strafantrag wegen 
Meineids. Nachdem seine Anträge wiederund 
immer wieder trotz Belehrung und Ver¬ 
warnung zurückgewiesen waren, wurde W. auf 
Grund der alten Gerichtsordnung von 1793 zu einer 
Gefängnissstrafe verurtheilt. Die Revision des Ange¬ 
klagten wurde vom Kammergericht in Berlin zurück¬ 
gewiesen. Nach Ansicht des Kammergerichts sind die 
Straf Vorschriften der preuss. Gerichtsordnung von 1793 
weder durch das preussische noch durch das deutsche 
Strafgesetzbuch aufgehoben. Die Vorschriften sollen 
den zur Justizpflege berufenen Behörden gegen muth- 
willige Belästigungen Schutz gewähren, möge es sich 
um Straf- oder Civilsachen handeln. — In der er¬ 
wähnten alten Gerichtsordnung von 1793, die also 
noch immer rechtsgültig ist, heisst es: „So wie Se. 
Königliche Majestät sämmtliche Unterthanen gegen alle 
unrechtmässigen Bedrückungen schützen und die Ver¬ 
gehung aller Justizbedienten mit Emst und Strenge 
geahndet wissen wollen, so sind Se. Kgl. Majestät 
ebensowenig gemeint, diejenigen, die sich über die 
Verfügungen ihrer Obrigkeit ohne Grund und Ursache 
beschweren und sich ihres Unrechts nicht bedeuten 
und belehren lassen, in ihrem Ungehorsam nachzu- 

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sehen, Parteien, die sich der vorgeschriebenen Ord¬ 
nung nicht unterwerfen, sondern entweder die Collegia 
oder deren Vorgesetzte mit offenbar grundlosen und 
widerrechtlichen Beschwerden gegen bessere Wissen¬ 
schaft und Ueberzeugung belästigen oder nachdem 
sie ihres Unrechts gehörig bedeutet worden und mit 
ihren Klagen fortfahren und durch wiederholtes un¬ 
gestümes Suppliziren etwas so gegen Recht und Ord¬ 
nung ist, durchzusetzen und zu erzwingen suchen, 
oder die das Justizdepartement oder Se. Kgl. Majestät 
Allerhöchste Person mit falschen Darstellungen ihrer 
Angelegenheiten zu behelligen sich unterfangen, sollen 
als boshafte Querulanten bestraft werden.“ („Tag“ 
11. Juli 1906.) 

— Am 26. und 27. Mai d. Js. tagte in Baden- 
Baden die 31. Wanderversammlung der süd¬ 
westdeutschen Neurologen und Irrenärzte. Die 
Sitzung wurde am 26., Vormittags 11 Uhr durch 
Hm. Krehl (Strassburg) eröffnet, welcher der im 
letzten Jahre verstorbenen Mitglieder der Versamm¬ 
lung (Für stn er, Ziegler, Gilbert) gedachte und 
ihr Andenken durch Erheben von den Sitzen ehren 
Hess. Unter dem Vorsitz von Hrn. Erb (Heidel¬ 
berg) begann die Tagesordnung mit einigen Kranken¬ 
vorstellungen. 

Hr. Hoff mann (Heidelberg) zeigt einen Patien¬ 
ten mit Myotonia congenita myatrofica, 
bei dem eine superponirte Hysterie Sensibilitätsstö¬ 
rungen verursachte. Vortr. hob hervor, dass die 
atrofischen Formen die gleichen schweren Muskelver- 
änderungen zeigen, wie wir sie von der klassischen 

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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


161 


Myotonie kennen; er ist nicht geneigt, sie von dieser 
abzutrennen. 

Hr. Neu mann (Karlsruhe) demonstrirte einen 
geistesschwachen Menschen mit einigen neurasthe- 
nischen Symptomen, der stets übermässig geschnupft 
hatte, als eigenartigen Fall von Nikotinver¬ 
giftung. 

Hr. Fischler (Heidelberg) stellte einen merk¬ 
würdigen Fall von allgemeinem Tremor, ver¬ 
bunden mit Intentionstremor vor, bei dem 
sich sämmtliche uns bisher bekannten Formen von 
Tremor differentialdiagnostisch ausschliessen Hessen. 
Er führte die Krankheit, welche seit 1867 fast un¬ 
verändert besteht, mit Wahrscheinlichkeit auf eine 
Meningitis zurück, die der Pat. als Kind durchgemacht 
haben soll. 

Hr. Schönborn (Heidelberg) spiach über 3 
Fälle von Syringomyelie, die zum Theil erheb¬ 
lich vom klassischen Bilde dieser Krankheit ab¬ 
wichen. 

Hr. Goldmann (Freiburg) demonstrirte eine 
48jährige Patientin, bei der im vorigen Jahre eine 
Neurose des R. ulnaris excidirt worden war, 
ohne dass im Anschluss an diese Operation eine 
Motilitätslähmung im Ulnarisgebiet aufgetreten wäre, 
und erläuterte die verschiedenen Deutungsmöglich- 
keiteo dieser Erscheinung. 

| Hr. Nonne (Hamburg) sprach über Myelitis 
intrafuni cularis bei chronischem Alcoho- 
iismus. 

Er zeigte die Rückenmarkspräparate von 5 Fällen, 
bei denen es sich 4 mal um confluirte heerdförmige 
| Erkrankungen in den Hintersträngen resp. Hinter¬ 
strängen und Seitensträngen und Vordersträngen 
handelte, während im 5. Falle eine echte combinirte 
System-Erkrankung vorlag. In allen Fällen handelte 
es sich um ungewöhnlich schwere Fälle von chro¬ 
nischem Alcoholismus, von denen 2 skorbutische Er¬ 
scheinungen geboten hatten (ausgedehnte Haut- und 
Muskel-Blutungen, sowie Schwellung und Blutung des 
Zahnfleisches). 

Er besprach das Verhäitniss dieser Erkrankung 
zur anämischen Spinal-Erkrankung, das Verhäit¬ 
niss der klinischen Symptome zur ataktischen Para¬ 
plegie. 

(Die Arbeit wird anderweitig ausführlich publicirt 
werden.) Eigen-Bericht. 

Die zweite Sitzung begann Nachmittags 2 Uhr 
unter dem Vorsitz von Hrn. Hoc he (Freiburg). 

Zunächst erstatttete Hr. von Grützner (Tü¬ 
bingen) sein Referat über vasomotorische 
Nerven und die durch sie bedingten Leist¬ 
ungen der Gefässe und kam auf Grund längst be¬ 
kannter physiologischer und anatomischer Thatsachen, 
sowie eigener neuerer Untersuchungen zu der Anschau¬ 
ung, dass sämmtliche Gefässe des Körpers, in erster Linie 
die muskelstarken Arterien, aber auch die Capillaren 
und Venen, die Thätigkeit des Herzens unterstützen, 
also sog. accessorische Herzen sind und nicht, wie 
| die heutige, ziemlich allgemeine Schulmeinung lautet, 
der Thätigkeit des Herzens entgegenarbeiten, sie 
jedenfalls niemals erhöhen. Dabei zeigte er mittelst 

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eines horizontal gestellten Microscops den Blutlauf in 
den Gefässen der Bindehaut des menschlichen Auges, 
der sich je nach der Thätigkeit der Gefässnerven des 
Kopfes verschieden gestaltet. Werden bei Thieren 
diese Nerven gereizt, dann verschwinden die zarten 
Gefässe, weil sie sich zusammenziehen und blutleer 
werden. Hört die Erregung der Nerven auf, so 
schiesst in starkem Strom, oft unter gewaltiger Wirbel¬ 
bewegung der roten Blutkörperchen das Blut wieder 
in die sich erweiternden Gefässe. Eigen-Bericht. 

Zur Diskussion bemerkteHr.Kohnstamm (König¬ 
stein i. Taunus): 

Ich möchte auf eine Bemerkung des verehrten 
Referenten eingehen, die gerade für uns Neurologen 
von grundsätzlicher Bedeutung ist. Herr von G. er¬ 
wähnt, dass ein wesentlicher Antheil der für die 
Haut bestimmten Vasodilatatoren mit den hinteren 
Wurzeln das Rückenmark verlässt, wie Stricker und 
dann Bayliss entdeckt haben. Ich habe zuerst ge¬ 
zeigt, dass es sich bei den Trägern dieses Effektes 
nicht um centrifugale Neurose der hinteren Wurzeln 
handeln könne, die im Rückenmark ihre Ursprungs¬ 
zelle hätten, sondern nur um die Neurone, die im 
Spinalganglion ihr trophisches Centrum haben, d. h. 
um die sensiblen Endneurone selbst. (Centralbl. f. Physio¬ 
logie 1900, 18; Deutsche Zeitschrift f. Nervenheil¬ 
kunde , Bd. XXI. 22. Congress f. innere Medizin 
1905.) Bayliss hat den experimentellen Nachweis 
vollendet, dass Vasodilatatoren und sensible End¬ 
neurone identisch sind. Nur das physiologische Be- 
dürfniss nach Antithesen erschwert die Anerkennung, 
dass die Hinterwurzelneurone nicht eben so aus¬ 
schliesslich eine Leitungsrichtung haben, wie die 
Vorderwurzelneurone. — 

Schon die Pathologie der Gürtelrose müsste das- 
delbe lehren. Wenn Entzündung des Spinalganglions 
Herpeseruptionen auf dem zugehörigen Hautbezirk 
macht, (Herpes ist nach Kr ei bi ch nur der höchste 
Grad der vasodilatatorischen Erregung) so liegt doch 
nichts näher, als den Effect durch den Kabel ver¬ 
mitteln zu lassen, der zwischen Spinalganglion und 
Haut ausgespannt ist, nämlich durch den peri¬ 
pherischen sensiblen Nerven. Es ist nicht zu ver¬ 
stehen, warum die Auslösung der Reizzustände der 
Haut vom Spinalganglion aus reflectorisch erfolgen 
soll, wie K reib ich zu begründen versucht. — 

Ich möchte bei dieser Gelegenheit einen Patienten 
erwähnen, der an sehr grosser Neigung zu Urticaria 
litt, die notabene durch wegen Obstipation verordnete 
fleischlose Ernährung beträchtlich herabgesetzt wurde. 
Dieser Patient war im Stande, vor meinen Augen 
innerhalb weniger Minuten bei sich eine ausge¬ 
sprochene Urticaria an einer ihm bestimmten Körper¬ 
stelle zu erzeugen, die bei dem Versuch in keiner 
Weise gereizt oder auch nur berührt wurde. Der 
Fehler der Lokalisation war nicht wesentlich grösser 
als er bei Prüfung des Ortssinnes konslatirt wird. 
Ein schönes Beispiel für meine 1 . c. geäusserte Vor¬ 
stellung, dass, „der nervöse Verbindungsweg zwischen 
Empfindungskreis und cortikaler Fühlsphäre auch in 
umgekehrter Richtung befahren werden kann!“ 

Eigen-Bericht. 

Original frnm 

HARVARD UN1VERSITY 



l6 2 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Nr. 17 


Des weiteren brachte Hr. Hoc he (Freiburg) Be¬ 
merkungen zur Unfallgesetzgebung. Er führte 
etwa Folgendes aus: Bei vielen Juristen und manchen 
Verwaltungen, auch bei Medicinern machen sich 
neuerdings Bestrebungen geltend, welche sich gegen 
die Anerkennung der „Unfallneurosen“ richten. Es 
wurde mehrfach ausgesprochen, dass die Unfallge¬ 
setzgebung zu einer Depravation der Arbeiter geführt 
habe, insofern zweifellos das Unfallgesetz in vielen 
Fällen die Krankheit direct verursache. Dieser Zu¬ 
sammenhang wird nicht bestritten; es muss nur ge¬ 
fragt werden: wie gross dieser Zusammenhang ist? 
Die Bedeutung der „Begehrungsvorstellungen“ hält 
der Vortr. für nicht so gross, wie manche andere 
annehmen. Es wird aber durch das Gesetz der er¬ 
zieherische Einfluss der Noth ausgeschaltet. Was ist 
dagegen zu thun ? Erzeugung von Noth durch Her¬ 
absetzen der Renten wäre ungesetzlich und es wurden 
— mit gutem Recht! — dahingehende Bestrebungen 
vom Reichsversicherungsamt abgewiesen. Anderer¬ 
seits hat das Reichsversicherungsamt in gelegentlichen 
Entscheidungen darauf hingewiesen, dass ein Ver¬ 
hältnis zwischen der Stärke des Unfalls und seinen 
Folgen bestehen müsse — eine solche Annahme 
widerspricht durchaus unsern ärztlichen Erfahrungen. 
Auch die Anschauung des Reichsversicherungsamtes, 
dass Psychose, Hysterie und Neurasthenie nicht als 
Unfallfolgen angesehen werden dürften , wenn sie 
nicht in directem Anschluss an das Trauma, sondern 
erst durch die Gemüthsbewegungen des späteren Ver¬ 
fahrens sich entwickeln, besteht gewiss nicht zu recht. 
Bei einer künftigen Aenderung der LTnfallgesetz- 
gebung müssen die ärztlichen Erfahrungen unbedingt 
gehört werden! 

Die drei folgenden Vortragenden befassten sich 
mit dem Begriff, der Lokalisation und pathol Ana¬ 
tomie der ref lectoris ch en Pupillenstarre. 

Hr. L. Bach (Marburg) wies auf die immer noch 
bestehende Verschiedenheit der Auffassung des Begriffes 
der reflectorischen Pupillenstarre hin. Er definirte den 
Begriff wie folgt: Eine Pupille ist reflectorisch starr, wenn 
sie weder direct noch indirect auf Licht noch auf 
nervöse oder psychische Reize reagiit, dagegen sich 
in prompter und ausgiebiger Weise bei der Conver- 
genz verändert. Die rcflekt. starre Pupille ist eng, 
ihre Weite liegt meist zwischen 2,5 und 1,5 mm. 

B. besprach die Differentialdiagnose zwischen 
amaurotischer Starre und absoluter Starre sowie zwischen 
der absoluten Pupillenträgheit (Sphinkterparese); bei 
letzterer Anomalie, welche sehr häufig mit der reflec¬ 
torischen Pupillenstarre verwechselt werde, erfolge die 
Convergenzreaktion wenig prompt und ausgiebig, bei 
der reflectorischen Starre sei das Gegcnthcil der Fall. 

Seiner Ansicht nach ist die Frage, ob die reflect. 
Starre in absolute Starre übergehen könne und somit 
letztere ein fortgeschritteneres Stadium der ersteren 
darstelle, noch nicht spruchreif. Es seien weitere 
Erfahrungen zu sammeln. Zur Zeit sei wahrschein¬ 
licher, dass die Ursache der verschiedenartigen Pupillen- 
stömngen an verschiedene Stellen zu verlegen sei. 

Tür tlrn 1 cil.u liiMiclü n Tlu-il v«-rant\\oi t!u h : ( ) 
Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inseratonannahme 3 Ta 

Heyneniann’schi' Ruchdriickere 

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Bezüglich des Sitzes der reflectorischen Starre hält 
er die Versuche der Lokalisation in das centrale 
Höhlengrau und die Vierhügeldächer für nicht hin¬ 
reichend begründet, die Verlegung der Störung in 
einen vom Tractus opticus zum Oculomotoriuskern 
ziehenden Faserzug werde den klinischen Thatsachen 
nicht gerecht; die Versuche einer Lokalisation in den 
Oculomotoriuskern selbst, in den Edinger- WestphaP- 
schen Kern, in die Wurzelbündel und den Stamm 
des Oeulomotorius, in das Ganglion ciliare, die Ciliar¬ 
nerven und den Opticus seien theils als wiederlegt und 
fehlgeschlagen, theils als wenig wahrscheinlich zu be¬ 
zeichnen. 

Für die Annahme einer Lokalisation in das Hals¬ 
mark sei durch die bisherigen Untersuchungen keines¬ 
wegs ein zwingender Beweis gebracht. — Seiner Mei¬ 
nung nach ist der pathologische Process, der zur 
Miosis einerseits und zur reflect. Starre andererseits 
führt, in verschiedene in enger Beziehung zu einander 
stehende Fasersysteme zu verlegen. Bei dem Vor¬ 
handensein von Miosis hält er Veränderungen im 
Rückenmark sowie Veränderungen in einem von der 
Hirnrinde zur Medulla oblongata ziehenden Faserzug 
für wahrscheinlich, für die Erklärung der reflect. Starre 
dürfte an eine Degeneration eines von den Vierhügeln 
zu der Medulla oblongata hinziehenden Faserzuges zu 
denken sein. 

Er hält auf Grund seiner mit H. Meyer ange- 
stelltcn Versuche an Katzen daran fest, dass höchst 
wahrscheinlich am distalen Ende der Medulla oblongata 
Hemmungscentren für den Lichtreflex und die Pu¬ 
pillenerweiterung vorhanden sind. Eigen-Bericht. 

(Fortsetzung folgt) 


Personalnachrichten. 

— Eglfing. Zum Director der in Bau begriffenen 
pfälzischen Kreisirrenanstalt bei Homburg wurde 
der bisherige I. Oberarzt an der Heil- und Pflege¬ 
anstalt Eglfing Hr. Dr. Wilhelm Holterbach ab 

I. Juni 1906 ernannt. 

— Neustadt i. H. Dr. Georg Lomer, früher 

II. Oberarzt an der Prov.-Irrenanstalt Neustadt i. H. 
wurde am 15. d. M. 06. als II. Anstaltsarzt an die Lan- 
des-Pflege-Anstalt Tapiau (Ostpr.) berufen. 

Dr. Stacke, bisher Oberarzt in Eichberg, hat 
mit dem 15. d. M. 06. die I. Oberarztstelle mit 
Vertretung des Directors in Neustadt i. H. über¬ 
nommen. 

— Würzburg. Dr. A. Reichardt wird sich 
für Psychiatrie habilitiren. 

Unserer heutigen Nummer liegt ein Pro¬ 
spekt von den Finnen: 

Höchster Farbwerke, vorm. Meister, 
Lucius & Brüning in Höchst a. M. 
über „Trigemin“ 

bei, worauf wir unsere Leser hiermit noch besonders 
aufmerksam machen. 

brrai/t I)i. j. lirrslrr, l.ublinit* (_Sch esien). 

K« vor tli'r Au^abo. - Wrlitf von Carl Marholdin Halle a. S 
i fdobr. Wulff) in Ilallo a. S. 

Original from 

HARVARD UNIVERSITY 



Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lublinitz (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr,-Adresse: MarhoId Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 823. 

Nr. I 81 28. juii. 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Plg. berechnet. Bei größeren Aufträgen wird Rabatt gewährt. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schlesien), zu richten. 


Berufspsychosen. 

Vom Privatdocent Dr. med. et. phil. Willy Hellpach , Karlsruhe. 
(Fortsetzung.) 


Dass es mit den „Sammlern“ aller Arten nicht 
ganz geheuer sei, ist eine weitere Meinung, die an 
Popularität denen über Cäsaren und Pharmazeuten 
nur wenig nachsteht. Das Terrain ist hier der 
fachmännischen Untersuchung entschieden günstiger. 
Sammeln ist zumeist einer jener Nebenberufe, von 
denen ich eingangs redete; einer, der mit dem vollen 
und oft vervielfachten Eifer des Berufsmässigen aus¬ 
geübt wird und wirklich einen, häufig schlechthin den 
innem Lebensinhalt bildet; und doch eine freiwillige 
Sache. Das halte ich für besonders wichtig. Denn 
damit scheiden alle Momente aus, die in der Wider¬ 
willigkeit der Berufsübung, in der Ueberanstrengung 
durch Fremde — den Brotherrn, den Vorgesetzten 
— oder durch zwingende Motive — Erhaltung der 
Familie, Sorge für die Zukunft, sozialer Ehrgeiz — ge¬ 
geben sind und (wie ich Ihnen kaum zu sagen 
brauche) eine der wichtigsten Ursachen chronischer 
nervöser Erschöpfung darstellen. Die bekannte 
Eigenthümlichkeit der Sammler ist denn auch fast 
immer von jenem psychischen Erkrankungsbilde 
völlig verschieden; sie besteht wohl gelegentlich mit 
ihm zugleich (denn natürlich macht das Betreiben eines 
Nebenberufs unter Umständen und auf die Dauer 
leicht „nervös“, d. h. übermüdet), aber auch dann 
besteht sie daneben und hebt sich von den Zügen 
der Ueberanstrengung als besondere Erscheinungs¬ 
gruppe unverkennbar ab. 

Was macht ihr Wesen aus ? Ich bitte von vorn¬ 
herein um Nachsicht für die Unzulänglichkeit des 
folgenden Bestimmungsversuchs. Mir scheint die 
Sache so: Die Sammelspecialität drängt mit der Zeit 
alles Andere zurück; alles Vorstellen bewegt sich um 

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sie, selbst im Hauptberuf, in der Familie, in der 
Geselligkeit, im Traume noch; es vollzieht sich also 
jene Vereinseitigung des Gedanken- und Interessen¬ 
kreises, wie sie uns vom „Liebhaber“ schlechthin, 
z. B. auch vom Sportsmann bekannt ist. Nun aber, 
im strikten Unterschiede vom Sportsmann, dem zwar 
auch sein Erfolg alles ist, der aber doch diesen Er¬ 
folg „fair“ zu erringen für eine Elementarvoraussetzung 
seines Berufes hält,*) wird beim Sammler eine ge¬ 
wisse — nun, cum grano salis — eine Art moral 
insanity deutlich, die ihn nach der Methode der Er¬ 
werbung begehrter Objekte immer weniger fragen 
lässt. Man erlebt da die seltsamsten Dinge: wir 
Alle, oder die Meisten von uns, werden uns ja einer 
gewissen Indifferenz gegen Schmuggel, Forstfrevel, Feld¬ 
diebstahl u. dgl. schuldig fühlen, aber die Nichtachtung 
vieler Sammler für moralische, gesetzliche und auch 
blosse Taktbegriffe geht über diese verbreitete 
Schwäche weit hinaus. Der Sammler übervortheilt, 
erpresst, unterschlägt, belügt und betrügt, ja er stiehlt: 
wenn es ihm nur der Weg scheint, um sich in den 
Besitz eines ihm fehlenden Objekts zu bringen. 
Aber auch nur dann! Nach allen übrigen Lebens¬ 
richtungen hin bleibt eine tadellose Correctheit des 
Empfindens für Sittlichkeit und Sitte erhalten.**) Na- 


*) Wenigstens gilt das fiir den echten Sportsmann. Dass 
der bezahlte Sportsmann, z. B. der Jockey, in dieser Sache 
weniger von Skrupeln geplagt wird, ist bekannt und wohl ohne 
Weiteres begreiflich. 

**) Vor kurzem erst bat Herr Prof. Nissl in Heidelberg 
gelegentlich einer Unterhaltung über diese Dinge mir aus seiner 
Erfahrung einen nach dieser Richtung sehr charakteristischen 
Fall mitgetheilt. 

Original from 

HARVARD UNIVERSITY 














164 


RSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


[Nr. 18. 


türiich finden sich da viele Nüancen; Uebervortheikn 
z. B. gehört noch ganz zum Handwerk, das Stehlen 
bleibt einer kleinen Elite Vorbehalten; auch zeigt sich 
di? umschriebene Skrupellosigkeit in eigen a rtiger 
Weise elektiv, indem z. B. gewisse Sammler nur 
den Objekten gegenüber Alles für erlaubt halten, 
die auch im Besitze des Mitmenschen wiederum 
Samm!uog* **) objekte sind, während sie an Gebrauchs¬ 
objekte den ilaemtab der geltenden Moral legen — 
und umgekehrt Andere betrachten die Gebrauchs* 
Otyekte als vogelfrei, folgen aber dem SammeikoNegen 
gegenüber einer gewissen faimess-moraL *) Doch 
dies Alles sind max Ausschattierungen des nämlichen 
Bildes, der „Sammelpsychose“, die in stetiger Ver¬ 
engung des geistigen Gesichtskreises und einer Um¬ 
wertung der Begriffe von Recht und Unrecht inner¬ 
halb der Sammelsphäre sich kundgiebt 

So etwa sieht es der Beobachter. Was hat er 
dazu zu sagen, wenn er ein psychiatrischer Beur- 
theikr ist?. Ist fanatisches Sammeln wirklich die 
Ursache jener psychischen Umbildung, oder ist es 
selber vielleicht nur ihr Ausdruck? Sammeltrieb eine be¬ 
stimmte Form constitutioneller Psychopathie ? Mancher¬ 
lei spricht fürs Zweite. Der Sammler hat entschieden 
eine Aehnlichkeit mit dem Querulanten*). Wir 
nehmen nun ja auch nicht an, dass der Querulant 
durch sein vermeintlich erlittenes Unrecht zum Queru¬ 
lanten werde, sondern dass er sich ein Unrecht 
schafft und dass dies das erste Zeichen seiner queru- 
lativen Umbildung sei. Was sich gegen eine weitere 
Vergleichung auflehnt, ist aber die Anzahl von Ueber- 
gängen, die zwischen dem harmlosen und extremen 
Sammler und wiederum zwischen dem Sammeln und 
den Liebhabereien überhaupt liegen. Auch kann 
jeder, der einmal etwas zu sammeln angefangen hat, 
im Kleinen gewisse Vorboten der Sammlerabnormi¬ 
tät in sich selber sich entfalten sehen. Das Sammeln 
Ifct ja eine der häufigsten Neigungen der Frühpuber- 
tät, in dieser Zeit hat wohl Jeder von uns einmal 

*) Mir schwebt hier der Fall eines Postbeamten vor, der 
lieh im Sammeleifer wiederholt der Briefunterschlagung schuldig 
gemacht hatte, während er nach allgemeinem Zeugniss beim Tausch 
und Kauf mit peinlicher Gewissenhaftigkeit verfuhr. 

**) Ohne damit einen Schluss auf einen Zusammenhang 
ziehen zu wollen, möchte ich doch erwähnen, dass ich vor 
kurzem in meiner Klientel einen Fall von Sammeln sah, bei 
dem seit einiger Zeit eine deutliche querulantive Geistesverände¬ 
rung sich entfaltete, deren Objekt aber nicht die Sammelobjekte 
(wie es ja denkbar wäre), sondern weit davon abliegende 
Rechtsbeziehungen des Patienten waren. 


eine zeitlang irgend etwas gesammelt Allerdings 
webt gerade dieser Zusammenhang wieder auf das 
Triebhafte der Sammetneigung hin, und in dieselbe 
Richtung deutet doch auch die Erfahrung, dass manche 
Sammler ihre Spedalität gelegentlich plötzlich wechseln 
und auf dem neuen Felde sofort mit derselben Un¬ 
ermüdlichkeit sich bethätigen. Bei ihnen ist offenbar 
das Sammeln das Wesentliche, das Object aber nur 
Mittel zum Zweck. Doch das gilt nicht für Alle, 
nicht einmal, glaube ich, für die Mehrzahl. Alles in 
Allem: es ergeht uns hier, wie im Grenzgebiet des 
Normalen und Abnormen überhaupt, wir vermögen 
nur schwer zu entscheiden, was Zeichen ursprüng¬ 
licher, was Ursache werdender Abnormität ist Immer¬ 
hin trotz der paranoischen Züge, trotz des Zusammen¬ 
hanges mit der Pubertät, trotz der hier und da sicht¬ 
baren Gleichgültigkeit gegen das Object — trotz aller 
dieser aufs Triebhafte und damit Konstitutionelle wei¬ 
senden Momente abo, meine ich, kann man sagen: 
zwingend entwickelt sich die Sammelwuth nur in 
den seltensten Fällen. Die Freigabe des Triebes, 
die Summe der Lebensumstände, unter denen er sich 
bethätigt, färben die Entfaltung eines abnormen Zu¬ 
standes nicht bloss, sondern bestimmen sie Schritt 
für Schritt. Wir haben schliesslich ein Bild, das auf 
keinem andern Wege, als auf dem des Sammelns, 
überhaupt so hätte werden können. Die Melancholie 
bleibt Melancholie, auch wenn statt cäsarischer kauf¬ 
männische oder erxotische Wahnideen sie erfüllen; 
diese Inhalte sind lediglich Färbung, sind Acddens. 
Was bleibt von der Sammelabnorraität, wenn wir sie 
vom Sammler loslösen ? Allenfalls ein Trieb, sich zu 
spedalisiren. Also etwas sehr Vages, dass man sich 
nun in der verschiedensten Richtung psychotisch 
entwickelt denken könnte. Erst die Bethätigung selber 
wird für die eine Richtung entscheidend. Und mehr 
als das kann man nicht fordern, um überhaupt von 
„Berufspsychose“ zu sprechen. Denn die Voraus¬ 
setzung, dass zu dem Berufe, der in der Richtung 
seiner eigenen Wesenszüge abnorm macht, von vorn¬ 
herein Hang und Anlage da war,’wird immer erfüllt sein. 
Ein widerwillig, d. h. ja meist auch wider die Natur, 
erfasster und geübter Beruf wird nervös machen, auf- 
reiben, aber niemals zur krankhaften Potenzirung der 
in ihm sich verkörpernden Bethätigung führen. Eine 
gewisse constitutionelle Componente ist also der 
Berufspsychose grundsätzlich zuzugestehen. 

(Schluss folgt). 


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Original fram 

HARVARD UNIVERSITY 




1906] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


165 


(Aus der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe. Direktor: Professor Dr. A 11 ) 

Statistischer Beitrag zur Aetiologie der Epilepsie. 

Von Dr. Karl Siebold , Assistenzarzt. 

(Schluss.) 


c) Trauma. 

Während daran kein Zweifel besteht, dass Traumen 
einen wichtigen ätiologischen Faktor bei der Ent¬ 
stehung der Epilepsie darstellen, gehen die Angaben 
über die Häufigkeit dieser Fälle bei den verschiedenen 
Autoren sehr weit auseinander. Biro fand ein Trauma 
als Ursache in 21% seiner Fälle (306), Bergmann 
in 9,1% (98), Echeverria in 8% (783), Wilder- 
rauth in 4,2% (210), Finckh in 17,6%, nach 
Neftel sind die meisten der im Kindesalter zum 
Ausbruch kommenden Epilepsien auf ein in Ver¬ 
gessenheit gerathenes Trauma zurückzuführen. In 
unserem Material fand sich ein Trauma unter Aus¬ 
schluss des psychischen Traumas und bei ausschliess¬ 
licher Berücksichtigung der Fälle, in denen ein sonstiges 
auxiliäres Moment nicht zu finden, vor 7 2 mal, also 
in 1 o °/o der Gesammtzahl. Nach Geschlechtern ver- 
theilt sich das Verhältniss zu 2 /a auf die männliche 
und Vs auf die weibliche Epilepsie, also ein erheb¬ 
liches Ueberwiegen bei dem männlichen Geschlecht. 
Nach Finckh gestaltet sich das Verhältniss für die 
männliche Epilepsie noch ungünstiger; etwa *U zu 1 U. 


Ausbruch der Epilepsie. 



Vorstehende Tabelle unterrichtet über den Aus¬ 
bruch der traumat. Epilepsie in den verschiedenen 
Lebensaltern und über die intervalläre Zeit zwischen 
Insult und Ausbruch. 

Der Unterschied zwischen den ersten beiden De- 


cennien ist darnach gering, während Finckh ein Ueber- 


wiegen der Fälle 

im 1. Decennium 

fand: 


Finckh 

eigenes Material 

1. Decennium 

45.6% 

37.5* 

2. Decennium 

3 0,0°h 

38,8% 


Bei Annahme des 20. Jahres als Grenze zwischen 
Früh- und Alters-Epilepsie fallen 76,3% auf die 
Früh- und 23.7% auf die Alters-Epilepsie; nach 
Finckh 73,3 und 26,7%. 

In etwa */ s der Fälle trat der 1. epileptische 
Anfall in den ersten 3 Wochen nach dem Trauma 
auf; der längste Intervall betrug 15 Jahre. 

Was die Art der einzelnen Traumen angeht, so 
stehen an erster Stelle die Kopfverletzungen, und 
unter diesen nimmt die Gehirnerschütterung die über¬ 
wiegende Mehrzahl der Fälle für sich in Anspruch. 
Unter 72 Fällen traumatischer Epilepsie finde ich: 

42 Gehirnerschütterungen, darunter eine mit intra- 
cranielier Blutung, eine andere mit fractura bas. 
cranii combinirt, 

11 mal Fall auf den Kopf ohne Bewusstseinsverlust 
und ohne grössere periphere Verletzung, 

5 periphere Traumen, darunter 1 heftiger Stoss 
gegen die Magenwand, 

1 Projektilverletzung durch eine Handschleuder mit 
nachfolgender eiternder Wunde in der Schläfen¬ 
gegend, ferner 

1 Kesselexplosion mit ausgedehnter Verbrennung be¬ 
sonders am Kopf. In diesem Falle dürfte auch 
toxische Wirkung der Eiweisszerfallstoffe als Ent¬ 
stehungsursache in Frage kommen, 

6 mal fractura baseos oder convexitat. cranii, 

1 „ Hitzschlag, 

4 ,. Geburtstraumen durch forceps, 

1 „ Steinwurf ins Ohr mit nachfolgender otit. med. 

purul., 

2 nicht näher beschriebene Verletzungen. 

B. Auslösende Ursachen. 
Mannigfaltig und vielartig ist die Zahl der ac- 
cessorischen Momente, welche bei bestehender, durch 
eine der vorerwähnten prädisponirenden Ursachen er¬ 
zeugter, krankhaft gesteigerter Erregbarkeit der Hirn- 


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Gck gle 


Original fram 

HARVARD UNiVERSITY 









166 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 18. 


rinde die Epilepsie auslösen; indes sehen wir hier 
insofern eine Uebereinstimmung, als alle diejenigen 
Ursachen, welche eine epileptische Veränderung ent¬ 
weder primär erzeugen oder den Boden für sie vor¬ 
bereiten, auch im Stande sind, den ersten epilepti¬ 
schen Anfall auszulösen. Unter alleiniger Berück¬ 
sichtigung der Faktoren, welche den i. Anfall, nicht 
auch die späteren auslösen, finden wir unter 646 
Fällen 178mal ein auslösendes Moment angeführt. 

An erster Stelle stehen hier das Trauma körper¬ 
licher und seelischer Art. 3 5 mal wird eine Ver¬ 
letzung beschuldigt; hierunter 8mal eine Gehirner¬ 
schütterung, 11 mal eine körperliche Züchtigung, 7 mal 
ein Fall aus grösserer Höhe, 2 mal körperliche Ueber- 
anstrengung durch bis zur Erschöpfung fortgesetztes 
Laufen in grosser Hitze. 30 mal schloss sich der 
erste Anfall an eine starke psychische Einwirkung an, 
wie Schreck (über Hundebiss, durch Sturz ins Wasser, 
Anblick einer vermummten Person, Blitzschlag, Brand 
im eigenen Hause u. s. w.), in zwei Fällen trat der 
1. Anfall beim Sehen eines epilept. Insultes auf. Die 
grosse Bedeutung, die früher dem psychischen Schock 
als ätiologischem Moment für die Epilepsie zuge¬ 
schrieben wurde, tritt demnach mehr zurück, dafür 
rücken andere Ursachen, die zum Theil auf einem 
verständlicheren pathologisch-anatomischem Boden 
erwachsen, in den Vordergrund. 

Auch als Gelegenheitsursachen fallen die häufig 
genannten, acut fieberhaften und Infectionskrankheiten 
auf; in 30 Fällen sind sie als auslösende Momente 


aufgeführt, darunter 

Scharlach.5 

Typhus .4 

Masern und Diphtherie je . . .3 

Polyarthritis anginosa.2 

Pneumonie, Influenza und Keuch¬ 
husten je.2 

Gehirnentzündung.3 

Perityphlitis.1 

2. und 1. Impfung (mit hohem 
Fieber) je.1 


Der Dentition scheint eine selbständige, ätiologische 
Bedeutung hinsichtlich der Epilepsie nicht eigen zu 
sein. In 34 Fällen, bei denen das Zahnen in Be¬ 
ziehung zum Ausbruch der Epilepsie gebracht wurde, 
Hessen sich mit ganz wenigen Ausnahmen andere 
Momente finden, die man als eigentliche Ursache der 
Epilepsie aufzufassen geneigt sein muss; hier kommt 
in erster Linie die hereditäre Belastung in Frage, mit 
deren Schwere die Pause sich verkürzt, die zwischen 
,,den Zahnkrämpfen“ und der später ausbrechenden 
eigentlichen Epilepsie liegt. Ein anderes Moment, 


das sehr häufig kombinirt mit den eklamptischen 
Anfällen der Kinder, aber auch allein als Gelegen¬ 
heitsursache für den Ausbruch der Krankheit ange¬ 
führt wird, besteht in der Funktionsstörung des 
Magen-Darmtraktus. Das grosse ausgedehnte 
Gebiet des n. vagosympathicus hat hier eine Fülle 
von Tastkörperchen, deren Reizung bei bestehender 
Vulnerabilität der Hirnrinde die Anfälle zur Aus¬ 
lösung bringen kann. So finden sich in unserem 
Material 16 Fälle, in denen bei vorhandener here¬ 
ditärer Belastung eine lange dauernde Obstipation die 
Krankheit manifest machte; in je 3 weiteren Fällen 
erfolgte der 1. Anfall während eines hochfieberhaften 
Brechdurchfalls und einer acuten Gastroenteritis; Auto¬ 
in toxication durch Toxine der Eiweissfäulnissprodukte 
dürfen hier als ursächliche Faktoren anzusprechen sein. 
2 Patienten, deren Väter Schnapssäufer waren, er¬ 
krankten gelegentlich einer acuten Alkoholintoxication; 
bei einem anderen, der mit 12 Jahren ein Kopf¬ 
trauma erlitten hatte, an das sich häufiger Kopf¬ 
schmerz schloss, wurde der erste Anfall durch eine 
Bleikolik ausgelöst. 

Als nicht unwesentliches Moment sei an letzter 
Stelle die Pubertätsentwicklung besonders beim Weibe 
erwähnt; bei 12 Mädchen, die neuropathisch belastet 
waren, kam der erste Anfall bei der ersten Menstru¬ 
ation zum Ausbruch. Was Gravidität und Puerperium 
angeht, so scheint auch diesen Zuständen nur eine 
auslösende Wirkung bei sonst prädisponirten Indivi¬ 
duen zuzufallen. In 9 Fällen, in denen die Epilepsie 
im Anschluss an eine Geburt ausbrach, fanden sich 
regelmässig andere wichtigere Momente. — 

Ueber Vorkommen und Aetiologie der 
Alters-Epilepsie 

herrschen bei den neueren Autoren die grössten 
Differenzen. Der Grund hierfür wird vor allem in 
der Wahl der Altersgrenze liegen. Während die 
meisten das 20. annehmen, wählt Las£gue das 18. Jahr 
als Grenze, Delanef und Maupate das 30., Wood das 
35., Mendel das 40.; dementsprechend sind die An¬ 
gaben grundverschieden und in vergleichendem Sinne 
nicht zu verwerthen. Für die nachstehenden Er¬ 
hebungen war maassgebend, das Moment der Ent¬ 
wicklung auszuschalten, das, wie erwähnt, einen ge¬ 
wichtigen Einfluss auf die Epilepsie hat; so diente 
als Grenze zwischen Früh- und Alters-Epilepsie das 
25. Jahr. Während nun Fournier der Meinung ist, 
nach dem 30. Jahr trete typische Epilepsie überhaupt 
nicht mehr auf, finden wir in dem Material Finckh's 
20,8% der Gesammtsumme als zur Spätepilepsie ge¬ 
hörig angeführt. Die hiesigen 887 Fälle von Epilepsie, 


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1906.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 



in denen dasjahr des Ausbruchs der Krankheit angegeben 
war, enthalten 72 Fälle von Spätepilepsie = 8,1% 
des Gesammtmaterials. Ueber die Häufigkeit des 
Vorkommens in den einzelnen Decennien siehe die 
unter „Alter und Geschlecht“ aufgeführte Tabelle. 
Von diesen 72 Spätepileptikern gehören 38 dem 
männlichen, 34 dem weiblichen Geschlecht an, also 
ein geringes Ueberwiegen der männlichen Epilepsie. 
Bezüglich der Aetiologie finden wir im Allgemeinen 
dieselben Momente, wie bei der Frühepilepsie, nur 
verschiebt sich der Grad ihrer Häufigkeit Als neue, 
allerdings seltene Ursache, kommt die arteriosklero¬ 
tische Gefässveränderung hinzu. Die Heredität tritt 
bei der Altersepilepsie sehr in den Hintergrund, ist 
jedoch nicht ganz als ursächlicher Faktor auszuschalten, 
wir fanden sie einmal noch im 7. Decennium als ein¬ 
zige Ursache angeführt. 

Neuropathische Belastung fand sich in 3 Fällen, 
darunter 1 mal Epilepsie des Vaters, Alkoholismus der 
Erzeuger in 5 Fällen. 

An Bedeutung in ihren ätiologischen Beziehungen 
zur Spätepilepsie gewinnen die erworbenen Ursachen. 

An ein körperliches Trauma schloss sich in 12 
Fällen die Epilepsie an; darunter 6mal Himer- 
schütterung, 2 mal Impressionsfractur des Schädel¬ 
dachs, 1 mal Basisfractur. Je 1 mal wurde ein Hammer¬ 
schlag auf den Kopf, der Fall eines Balkens auf den 
Kopf als Ursache beschuldigt, ein weiteres Mal hatte 
eine Verletzung mit intracranieller Blutung Epilepsie 
im Gefolge. Dieses relativ häufige Vorkommen der 
traumatischen Spätepilepsie steht im Widerspruch zur 
Ansicht Lüth’s, der das Trauma als Ursache ganz 
ausser Acht lässt, „weil immer noch andere Faktoren 
sich hinzugesellt hatten“ Indess war bei den 12 er¬ 
wähnten Fällen einzig die Verletzung als Ursache an¬ 
gegeben ; auch Finckh verfügt über eine ganze An¬ 
zahl von Fällen, bei denen ausser dem Trauma keine 
sonstige Ursache für die Epilepsie zu finden war. 

Mit dem Trauma an erster Stelle steht der Al¬ 
koholismus als Ursache der Spätepilepsie. Während 
er bei der Frühform eine ganz untergeordnete Rolle 
spielt, findet er sich hier 15 mal unter 72 Fällen, d. h. 
in 20,8%; nach Finckh sogar in 36,5%. Natur¬ 
gemäss überwiegt hier die männliche Epilepsie (11 
Fälle gegenüber 4 weiblichen). Ein Fall mag hier 
noch Erwähnung finden; ein nicht belasteter, vorher 
gesunder Mann im 40. Jahr erkrankte während einer 
chronischen Chromvergiftung an typischer Epilepsie. 

Sehr in den Hintergrund treten die Infections- 
krankheiten als Ursache der Spätepilepsie; zweimal 
wurde schwerer Typhus, einmal Malaria beschuldigt. 

Während früher die arteriosklerotische Gefässver¬ 


änderung fast als ausschliessliche Ursache der Spät¬ 
epilepsie angesehen wurde, halten die neueren Autoren 
übereinstimmend hieran nicht mehr fest. Auch unser 
Material dürfte geeignet sein, die Bedeutung der Ar¬ 
teriosklerose als häufige Ursache der Alters-Epilepsie 
in Frage ^u stellen. Nur in 5 Fällen wird sie für 
den Ausbruch der Krankheit verantwortlich gemacht; 
darunter 2 mal unmittelbar im Anschluss an einen 
apoplectischen Insult, in einem von diesen Fällen lag 
ausserdem schwere psychopathische Belastung vor, so 
dass die Frage berechtigt ist, ob hier die Gefässver¬ 
änderung und die Gehirnblutung nicht nur als aus¬ 
lösendes Moment eine Rolle spielt. 

In letzter Linie kommen endlich die physiologischen 
Vorgänge im Leben des Weibes, wie Gravidität, 
Puerperium, Klimakterium. Von 7 Fällen, die hierher 
zu zählen sind, kommt den erwähnten Zuständen an¬ 
scheinend lediglich eine auslösende Bedeutung zu; 
nicht ein Fall bietet auch sonst noch Momente dar, 
die man als primäre Ursache der Erkrankung anzu¬ 
sehen geneigt sein muss. 

Das Resultat vorstehender Erhebungen ist folgen¬ 
des: 

1. Es sind in die hiesige Anstalt vom 1. April 
1899 bis 1. April 1906 — nichteingerechnet die in 
andere Anstalten Ueberführten, deren Akten uns nicht 
zugängig waren — 913 Epileptiker neu aufgenommen 
worden; hiervon gehören 59,2% dem männlichen 
und 40,8% dem weiblichen Geschlecht an. 

2. 83% sämmtlicher Epileptiker erkrankten vor 
dem 20. Jahre. Im 1. Decennium ist das männliche, 
im 2. das weibliche Geschlecht mehr betheiligt. 

3. Bei einem Viertel des Gesammtmaterials war 
kein ursprüngliches Moment angegeben; von den 
übrigen lag bei 55,2% erbliche Belastung vor; diese 
ist für das männliche Geschlecht verhängnisvoller, als 
für das weibliche, und scheint häufiger im Sinne der 
gekreuzten Vererbung in Erscheinung zu treten. Be¬ 
lastete Individuen erkrankten früher an Epilepsie als 
Unbelastete. Die Belastung von Seiten der Mutter 
ist häufiger und gefährlicher, als die vom Vater aus¬ 
gehende. 

4. Neuro-psychopathische Belastung fand sich bei 
34,8%, nur x /3 häufiger beim männlichen, als beim 
weiblichen Geschlecht (21,8% gegenüber 13,0%). 
Consanguinität der Eltern (resp. Grosseltern) lag in 
3% der Fälle vor; wenn man aus der geringen An¬ 
zahl der einschlägigen Fälle (11) Schlüsse ziehen darf, 
so scheint die Blutsverwandtschaft in der Ascendenz 
wiederum für den männlichen Nachwuchs gefährlicher 
zu sein, als für den weiblichen. 

In 42% der Epileptiker bestand die gleichartige 


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168 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 18. 


Erkrankung in der nächsten Blutsverwandtschaft und 
zwar bei Weibern häufiger als bei Männern. 

5. Alkoholabusus der Eltern ist in 18,8% unserer 
Epileptiker nachgewiesen; in der männlichen Nach¬ 
kommenschaft doppelt so häufig, wie in der weiblichen. 
Alkoholismus der Erzeuger ist als Ursache der Epi¬ 
lepsie ungleich verhängnisvoller als eigene, erworbene 
Alkoholvergiftung (18,8% gegenüber 2,9%). 

6. Erworbene Ursachen fanden sich in 30% der 
Fälle und zwar fällt hier den Infectionskrankheiten 
(16%) grosse Bedeutung zu; es berechtigt diese That- 
sache zu der Hoffnung, dass hier die Serumtherapie 
Erfolge zeitigen wird. 

Ein körperliches Trauma wurde in 10% der Fälle 
gefunden, und zwar wiederum zu Ungunsten des männ¬ 


lichen Geschlechts. Dem Alkohol fällt als selbst¬ 
ständig Epilepsie erzeugendem Faktor nur eine un¬ 
wesentliche Bedeutung zu (2,9% der Gesammtzahl). 

7. Den ersten Anfall auslösende Ursachen wurden 
gefunden in 27,5% sämmtlicher Epileptiker. 

Litt eratur. 

Alt: Zur Behandlung der Epilepsie. Münchener 
med. Wochenschrift Jahrgang 1894. No. 12,13,14. 
Biro: Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. 
23. Band, 1. Heft. 

Finckh: Beiträge zur Lehre von der Epilepsie. 
Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 
39. Band, 2. Heft. 

Lange: Statist. Beitrag zur Aetiologie der Epilepsie. 
Psychiatr. Wochenschrift. Jahrgang 1899. No. 35. 


Mittheilungen. 


— XIII. Versammlung des Norddeutschen 
psychiatrischen Vereins zu Danzig am 23. Juli 
1906. — (Referent: E. Meyer- Königsberg i. Pr.) 
Anwesend waren: Boege -0 winsk, Deutsch- 
Lauenburg, Dubbers - Allenberg, Eschricht - Danzig, 
Freymuth - Danzig, Göhlmann - Conradstein, Have- 
mann-Tapiau, Heinze-Neustadt, Herse-Neu¬ 
stadt, Hoppe- Allenberg, J a n s o n - Lauenburg, Kür¬ 
bitz - Königsberg, Krakow - Tapiau, Meyer- 
Königsberg, Puppe- Königsberg, Rab b as - Neustadt, 
Seem ann-Danzig, Si e m e n s - Lauenburg, v. Seid - 
litz -Allenberg, Stein-Kortau, Stoltenhoff-Kortau, 
Wollheim - Lauenburg, Wallenberg - Danzig, 
Warschauer -Hohensalza. Entschuldigt haben sich 
Heise-Culm, Kaiser - Dziekanka, Krömer* 
Conradstein, und Meschede - Königsberg. Den 
Vorsitz führte Meyer- Königsberg und Puppe- 
Königsberg. Kürbitz- Königsberg wird zum Schrift¬ 
führer bestimmt. 

Meyer- Königsberg begrüsst die Versammlung 
und schlägt als Referat für das nächste Jahr vor: 
Einweisung, Festhaltung und Entlassung 
von gern eingefährlichen resp. nach § 51 
St. G. B. freigesprochenen Geisteskranken 
in Anstalten. Das Thema wird angenommen, 
als Referenten werden Puppe- Königsberg und 
Stoltenhoff-Kortau bestimmt. 

Für die nächstjährige Versammlung wird durch 
ein Rundschreiben an die beamteten und praktischen 
Aerzte eine Erweiterung des Vereins in Aussicht ge¬ 
nommen, deren Ausführung M e y e r - Königsberg und 
P u p p e - Königsberg übertragen wird. 

Die Versammlung beschliesst, den Verein von 
jetzt ab Nordostdeutschen Verein für Psychiatrie und 
Neurologie zu nennen. Die nächste Versammlung 
soll in Danzig stattfinden, als Geschäftsführer werden 
K aiser-Dziekanka und Werner-Owinsk bestimmt. 

Vorträge: I. Wallenberg- Danzig stellt vor 
der Tagesordnung eine Patientin mit Heredoataxie 

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cerebelleuse (Marie) vor, und berichtet in Anschluss 
daran noch über einen anderen Fall von spät in die 
Erscheinung tretender Entwicklungsstörung des Nerven¬ 
systems, der ebenfalls Abweichungen von der Fried- 
reich sehen Krankheit bot. 

II. H er se - Neustadt: Ueber die Behand¬ 
lung von Entzündungen und Eiterungen 
bei Geisteskranken nach der Bi ersehen Stau¬ 
ungsmethode. 

Herse hat an einer Anzahl von Fällen der Neu¬ 
städter Anstalt die Stauungsbehandlung mit Gummi¬ 
binden und Sauggläsern nach Bier nachgeprüft, und 
zwar bei Furunkeln, Karbunkeln, Abscessen, Pana- 
ritien, Decubitus. Das Resultat war durchweg recht 
befriedigend: kurze Heilungsdauer, minimale Schmerz¬ 
haftigkeit und deshalb Wegfall jeden Widerstandes 
seitens der Kranken gegen die Behandlung. Er kann 
deshalb hauptsächlich vom Standpunkt des Psy¬ 
chiaters das Bi er sehe Verfahren und besonders die 
Saugbehandlung nur dringend empfehlen. 

III. Hoppe-Allenberg: 

1. Anatomische Demonstration: Hoppe be¬ 
richtet über die Ergebnisse der pathologisch-ana¬ 
tomischen Arbeiten des Laboratoriums der Provinzial¬ 
irrenanstalt Allenberg im letzten Jahr. Dann demonstrirt 
er makroskopische und mikroskopische Präparate von 
5 interessanten Fällen unter kurzer Mittheilung des 
Krankheitsverlaufes. 

Ein Hirntumor (Gumma) bot zu Lebzeiten das 
Korsakoffsehe Symptomenbild. Bei Erschöpfungs¬ 
psychosen fand sich in dem einen Falle ein kleiner 
verkalkter Rindencysticerkus, in dem anderen 3 kleine 
Cysten am Boden des 4. Ventrikels. Grosse Pia- 
cysten mit Compression der Himsubstanz waren bei 
2 Fällen von periodischem Irresein vorhanden. 

2. Psychiatrische Reiseerinnerungen 
aus Nordamerika. Vortragender hatte im ver¬ 
gangenen Frühjahre die Irrenabtheilungen des Belle¬ 
vue-Hospitals in New-York, die Irrenanstalt auf 

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igo6.] PSVCHlAttaSCtt-NfiUROLOGtSCME WOCHENSCHRIFT. 1 69 


Wards Island, New-York, die Irrenanstalt Central 
Islip auf Long-Island, die Anstalten für epileptische, 
schwachsinnige und verkrüppelte Kinder auf Randalls 
Island New-York und die Irrenanstalt in Philadelphia 
besucht und schilderte die allgemeinen ärztlichen, 
sowie die irrenärztlichen Verhältnisse und die Ein¬ 
richtungen der gesehenen Anstalten. 

IV. Kürbitz-Königsberg: 

Zur pathologischen Anatomie des Deli¬ 
rium tremens. Kürbitz gibt zuerst einen Ueber- 
blick über die bisherigen Resultate der mikroskopischen 
Untersuchung beim Delirium tremens und bespricht 
sodann die Befunde von 7 Fällen aus der Kieler 
und Königsberger Klinik. 

Neben den chronischen Veränderungen (Schrumpf¬ 
ung, intensive Färbung der Zellenpigmentanhäufung, 
Gliawucherung und tangentialer Faserschwund) Hessen 
sich als akute nach weisen: Quellung, Abrundung 
der Zellen und Zentralaufhellung der Nissl-Körper, 
frischer Markscheidenzerfall nach Marchi. 

Ausdrücklich wird aber, wie es auch früher schon 
von andrer Seite geschehen ist, hervoi gehoben, dass 
diese Veränderungen keineswegs spezifische sind für 
ein Delirium tremens. 

Vereinzelt traf man auch Blutungen an, besonders 
am Boden und am Aquaeduct, doch muss man die 
Frage offen lassen, ob der chronische Alkoholismus 
oder die Autointoxikation, die zum Delirium tremens 
führt, als Ursache für die Hämorrhagieen anzusehen 
ist 

Im grossen und ganzen bestätigten die Unter¬ 
suchungen die von BonhÖffer u. a. gefundenen 
Resultate. 

V. Meyer-Königsberg: 

Untersuchung des Liquor cerebrospinalis 
beiGeistes- und Nervenkranken. Nachkurzer 
Besprechung der bisherigen Untersuchungsergebnisse 
und der einschlägigen Methoden berichtet Meyer 
über mehr als 100 Fälle von Lumbajpunction, die 
mb Laufe der letzten 2 Jahre an der Königsberger 
Klinik aufgeführt worden sind. Er fasst seine Resul¬ 
tate dahin zusammen, dass bei Paralyse, Tabes, tuber- 
culöser Meningitis fast stets Lymphocytose und Trüb¬ 
ung bei Zusatz von Magnesiumsulfat im Liquor sich 
fand, während diese Zeichen bei funktionellen Psy¬ 
chosen, Epilepsie fehlten und auch fast stets bei den 
alkoholischen Psychosen. Die Lymphocytose er¬ 
scheint als feineres Reagens als die Trübung, tritt 
anscheinend eher auf. 

Meyer weist darauf hin, dass die Untersuchung 
besonders bei zweifelhaften Fällen von Paralyse, z. B. 
bei der Abgrenzung gegen Alkoholismus chronicus 
wichtig sei, und dass vielleicht gerade in Anstalten, 
wo die Kranken dauernd verbleiben, noch wichtige 
Befunde erhoben werden könnten. Die Frage, ob 
die Lymphocytose durch meningitische Reizung oder 
speciell bei der Paralyse durch syphilitische Infektion 
bedingt sei, ist noch nicht sicher zu entscheiden, da 
Meyer auch in mehreren Fällen von sicherer syphi¬ 
litischer Infektion keine Lymphocytose nachweisen 
konnte. Schliesslich erwähnt Meyer, dass die 
Lumbalpunction an sich ohne Bedenken ausgeführt 


werden könne, da er nie ernstliche Folgen gesehen 
habe. 

— Tagesordnung für die achte Jahresversamm¬ 
lung des Vereins norddeutscher Irrenärzte am 

Donnerstag, den 9. August 1906 in Schleswig. 

1. Zwangloses Zusammensein der Theilnehmer am 
Mittwoch den 8. August, Abends 9 Uhr, im Hotel 
Stadt Hamburg. 

2. Sitzung am Donnerstag den 9. August, Vormittags 
10 Uhr, im Festsaal des Frauenhauses der Pro- 
vinzial-Irrenanstalt. 

a) Begrüssung. 

b) Wahl des Vorsitzenden und des Schriftführers. 

c) Bestimmung des Ortes der nächstjährigen 
Versammlung und weitere Mittheilungen. 

d) Vorträge: 

Herr Draeseke-Hamburg: 1. Ein Beitrag 
zur Pathologie der Epilepsie; 2. Demonstra¬ 
tion eines rhachitischen Schädels. 

Herr Siemerling-Kiel: Zur Lehre von 
den epileptischen Bewusstseinsstörungen. 

Herr Nonne-Hamburg: Klinisches und 
Pathologisch-Anatomisches zur Lehre von den 
anämischen Spinal-Erkrankungen. 

Herr Repkewitz-Schleswig: Ueber Be¬ 
schäftigung von Anstaltspfleglingen. 

Herr Rae cke- Kiel: Fahnenflucht und Fugue- 
zustände. 

Herr Wassermeyer-Kiel: Zur Pupillen¬ 
untersuchung bei Geisteskranken. 

Herr Westhoff-Schleswig: Liegekur bei 
Geisteskranken. 

3. Frühstückspause. 

4. Besichtigung der Anstalt. 

5. Gemeinsames Essen in Hotel „Stadt Hamburg“ 
um 5 Uhr. 

Anmeldungen zur Theilnahme an der Versamm¬ 
lung werden an den Unterzeichneten erbeten. 
Schleswig, Juli 1906. Kirchhoff. 

— 31. Wanderversammlung der südwest¬ 
deutschen Neurologen und Irrenärzte in Baden- 
Baden am 26. und 27. Mai d. Js. (Fortsetzung.) 

Hr. Bumke, (Freiburg) sprach über die patho¬ 
logische Anatomie der reflectorischen Pu¬ 
pillenstarre. 

Vortr. geht bei seinen eigenen Untersuchungen 
von der aus der Kritik des bisher vorliegenden That- 
sachenmaterials gewonnenen Ueberzeugung aus, dass 
die Arbeiten von Bach, die in der Lehre von den 
Pupillarreflexwegen in den letzten Jahren vielfach 
anregend gewirkt haben, an sich noch keinen be¬ 
stimmten Hinweis enthalten, wo beim tabischen oder 
paralytischen Menschen die pathologisch-anatomischen 
Voraussetzungen der reflectorischen, der isolirten 
Lichtstarre zu suchen seien. Alle Autoren (auch 
Bach) stimmen Überein in der Annahme einer Reflex¬ 
bahn, die in der Vierhügelgegend geschlossen wird, 
während ein zweiter Reflexweg im Sinne von Bach 
noch hypothetisch ist. Es ist also zunächst die 
Wahrscheinlichkeit, dass der Lichtstarre Verände¬ 
rungen im Nachhirn zu Grunde liegen, jedenfalls 
nicht grösser als die andere, dass sie auf einer 


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psychiatrisch-neurologische Wochenschrift. 


Nr. 18 


170 


Störung innerhalb des allseitig anerkannten, cerebraler 
gelegenen Reflexbogens beruht. Ueberdies ist weder 
erwiesen, dass bei den Versuchen von Bach wirklich 
isolirte Lichtstarre der im übrigen beweglichen Pu¬ 
pillen erzeugt wird, noch auch, dass diese bei der 
Katze gewonnenen Versuchsergebnisse überhaupt auf 
die menschliche Pathologie übertragen werden dürfen. 
— Die Untersuchungen des Vortr. beschäftigten sich 
nun speciell mit der Annahme von Reichardt’, 
der — im Anschluss an die Arbeiten von G a u p p 
und Wolff — bei Paralyse immer dann eine Er¬ 
krankung in der sog. Bechterew’schen Zwischenzone 
(zwischen GoH’schem und Burdach’schem Strange) 
im oberen Halsmark gefunden hat, wenn klinisch 
Pupillenstarre constatirt worden war. B. hat nun in 
voller Uebereinstimmung mit Kinischi Naka Ab¬ 
weichungen von dieser Regel (bei 27 Fällen von 
Paralyse) so oft (3 Mal fehlen der specifischen Ver¬ 
änderungen trotz sicher gestellten Robertson ’ sehen 
Zeichens) gefunden, dass er schon deshalb die Folge¬ 
rungen von Reichardt für nicht zutreffend halten 
möchte. Ausserdem ergaben ihm seine Befunde, 
dass es überhaupt unmöglich ist, die betreffende 
Zone im oberen Halsmark so scharf von den übrigen 
Fasern des Hinterstranges zu unterscheiden, wie es 
Reichardts Auffassung voraussetzt. — Dass aber 
Lichtstarre und Hinterstrangsdegeneration bei der 
Paralyse überhaupt zusammen gehören (im Sinne 
von Gaupp und Wolff), soll nicht bestritten werden ; 
es ist aber zu bedenken, dass sowohl das Robert- 
son’sche Zeichen wie Ausfälle in den Hintersträngen 
in vorgeschrittenen Fällen von Paralyse nur selten 
vermisst werden, und dass gerade im oberen Hals¬ 
mark alle aufsteigend degenerirenden Fasern der 
Hinterstränge zusammenverlaufen. — Endlich weist 
Vortr. darauf hin, dass die von Reichardt für die 
Anatomie der Pupillenstarre in Anspruch genommene 
Zone in einem Abschnitt des Nervensystems gelegen 


ist, dessen Ausschaltung gerade nach Bach’s Unter¬ 
suchungen keine Aenderung der Pupillenbewegung 
hervorruft. Eigen-Bericht. 

Hr. v. Hippel (Heidelberg) besprach einige sel¬ 
tene Fälle, in denen völlige Accommodationslähmung 
(2 mal) und Parese des Ziliarmuskels (1 mal) als 
einziges oculares Symptom während mehrerer Jahre 
beobachtet wurde. Bei einem 4. Patienten bestand 
totale Accommodationslähmung mit hochgradiger My- 
driasis bald rechts, bald links, bald an beiden Augen 
anfallsw*eise etwa 8 Tage lang; in der Zwischenzeit 
zeigten die Pupillen ein normales Verhalten. Bei 
einem andern Falle wairde einseitige reflektor. Pupillen¬ 
starre mit Mydriasis 6 Jahre lang beobachtet, die bei 
der Konvergenzreaktion verschwand. 

Hr. Becker (Baden-Baden) brachte in einem 
Vortrage Zur Physiologie der Nervenzelle 
seine bekannten Anschauungen über das Wesen der mit 
basischen Farbstoffen tingierbaren Substanzportionen 
(„Tigroidschollen“ Lenhosseks) und der Neuro¬ 
fibrillen in Erinnerung und suchte sie durch neue 
Belege zu stützen. (Fortsetzung folgt.) 


Referate. 

— Leben und Tod. Erzählungen von Fritz 
Müller. Oskar Hellmann, Jauer. Preis broschirt 
2,50 M., geb. 3,50 M. 

Zwölf Skizzen und Erzählungen, die der Verf. 
(Dr. med. Karl August Gerhardi) als Arzt erlebt 
und erdacht hat, zum Theil heiteren, zum Theil 
tragischen Inhalts. In den künstlerischen Mitteln ver¬ 
greift Verf. sich manchmal, so, wenn er in eine Liebes¬ 
geschichte eine Abhandlung über Determinismus hin¬ 
einschreibt; wohlthuend berührt die ehrliche und vor¬ 
urteilsfreie Begeisterung, mit der er an die Lösung 
ärztlicher 1 und ethischer Probleme herantritt. 

E. Hess (Görlitz). 


Am 16. Juli verstarb in Oeynhausen, wo er sich zur Erholung aufhielt, der frühere Director 
der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt zu Osnabrück 

Geheimer Sanitätsrath Dr. Georg Meyer 

im 88. Lebensjahre. Meyer hat die Osnabrücker Anstalt vom Tage ihrer Eröffnung am 1. April 1868 
an bis zum 1. November 18 ()() geleitet. Er war über 80 Jahre, als er in den Ruhestand trat und 
nur die körperlichen Anstrengungen des Dienstes veranlassten ihn damals, seine Pensionirung nach- 
zusuchen. Nicht nur ein langes, sondern ein überaus reiches Leben liegt hinter ihm, voll von 
Erfolgen, voll von Anerkennung. Fern von allen kleinlichen Gesichtspunkten, schien er immer 
über der Sache und den Parteien zu stehen. Geradezu wunderbar und berühmt bei allen, die 
ihn kannten, war sein Gedächtniss und der Umfang seines Wissens. Ob es sich um Mineralogie 
oder Musik, um Mathematik oder Kunstgeschichte, um Botanik oder die griechischen Klassikerhandelte, 
man hatte jedesmal den Eindruck, als ob er gerade das betreffende Gebiet als sein Lieblingsfach 
besonders betrieben hätte. In der Litteratur ist Mey er nicht hervorgetreten, er wurde aber überall 
als Autorität auf seinem Gebiete anerkannt. Mever hinterlässt eine grosse Anzahl von Freunden, 
die ihn alle wegen seiner hervorragenden Eigenschaften des Geistes und des Gemüths bewunderten 
und verehrten. Dr. Schneider. 



Für di’ii red.u tioncih n lluil \ et antwortlich : Oberarzt Dr. J. Hrrslrr, Lublinitz (Schlesien). 

Erscheint jeden Sonnabend. — Schluss der Inscratcnannuhme 3 Tuge vor der Ausgabe. — Verlag von Carl Marholdtn Halle a. S. 

Heyneinann’sche Buchdruckerci (Gehr. Woirf) in Halle a. S. 


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Psychiatrisch - Neurologische Wochenschrift. 

Redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Lubliaitx (Schlesien). 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Tele^r.-Adresse: Marho Id Verlag, Hallesaale. Fernsprecher 823. 

Nr. 19. 4. August. 1906. 

Bestellungen nehmen jede Buchhandlung, die Post sowie die Verlagsbuchhandlung von Carl Marhold in Halle a. S. entgegen. 
Inserate werden für die 3 gespaltene Petitzeile mit 40 Pfg. berechnet. Bei grösseren Aufträgen wird Rabatt gewährt. 

Zuschriften für die Redaction sind an Oberarzt Dr. Joh. Bresler, Lublinitz (Schlesien), zu richten. 


Berufspsychosen. 

Vom Privatdocent Dr.. med. et. pbil. Willy Hellpach , Karlsruhe. 
(Schluss.) 


Ich möchte das noch kurz an zwei anderen Bei¬ 
spielen zeigen. Die Schauspieler sind einer Ab- 
normisirung sehr stark ausgesetzt. Nicht von ihrem 
Ehrgeiz spreche ich, oder von der ewigen Spannung, 
die an alle mit einem „Auftreten“ verknüpften Be¬ 
schäftigungen gebunden ist: als Opfer dieser Mo¬ 
mente, und als typisches 1 Opfer damit der Nervosität, 
figurirt ja der Schauspieler (wie der Stratege, der 
Politiker usw.) längst in allen Lehrbüchern. Aber 
der Beruf des Schauspielers besteht nicht in jenen 
Schädigungen, so gewiss er sie mit sich bringt. 
Er besteht dagegen — psychologisch — im immer 
wiederholten Sichhineinleben in eine fremde seelische 
Welt. Die Fähigkeit und Neigung dazu muss ur¬ 
sprünglich vorhanden sein, ohne Zweifel: nur der 
„geborene“ Schauspieler füllt seinen Beruf aus. Aber 
die Rückwirkung von da her auf den gesammten 
Seelenzustand wächst und wächst mit der fortschrei¬ 
tenden Bethätigung der gegebenen Anlage. Und die 
Rückwirkung besteht in einem steigenden Hinein¬ 
zerren fremder, künstlicher Wesenszüge in die eigene 
Seele: Die Grenze zwischen dem elementaren und 
dem schauspielernden Ich verwischt sich, für den 
Aussenstehenden, wie für den Mimen selber, aber 
natürlich sind die aufgenommenen seelischen Potenzen 
innerhalb des Gesammtseelenlebens objectiv von ganz 
anderer Werthigkeit als die natürlichen, sind und 
bleiben im Grunde Fremdkörper, Störungen — (was 
Alles der alte Hufeland schon treffend entwickelt hat); 
und die Wirkungen, die das giebt, erinnern uns deut¬ 
lich an die Vorgänge, die bei der hysterischen Um¬ 
bildung der Psyche beobachtet werden*). Nicht ge- 

*) Vgl, Theil III (Genese der Hysterie) meiner „Grund¬ 
linien einer Psychologie der Hysterie*, wo ich diese Vorgänge 
der „Verdrängung“ (unabhängig von Freud, dem nur der Grund- 

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rade immer klassische Hysterie, aber deutlich hyste¬ 
risch gefärbte Seelenveränderung ist denn auch die 
wahre Berufspsychose der Schauspieler. Die Natur 
des Künstlers, der immer mit einem Fusse in einer 
Traumwelt steht, neigt ja überhaupt nach dieser Seite. 
Was den Schauspieler auf derselben Bahn am weitesten 
treibt, ist einmal der häufige Wechsel der fremden 
Welten, die Sprunghaftigkeit der seelischen Concen- 
trationen, und ist nun weiter die psych oph y sisch e 
Eigenart seines Berufes, diese unentbehrliche Ergänzung 
der psychologischen: nämlich die Nothwendigkeit der 
Verfügung über sehr viele mimische und pantomi¬ 
mische Innervationen, also eine übers Normale weit 
hinausgreifende Erleichterung der psychophysischen 
„Bahnungen“ — ein Moment, das für das Zustande¬ 
kommen hysterischer Symptombildungen bekanntlich 
wiederum von entscheidender Bedeutung ist*). Die 
Hysteropathieen kennen wir als die Lieblingspsychose 
der Kindheit, als die eigentliche Geschlechtspsychose 
der Weiber, als die Klassenpsychose der Ungebildeten, 
als die historische Psychose religiöser Zeitalter; sie 
sind endlich die Berufspsychose der Mimen. Wieder 
fehlt auch hier die constitutionelle Componente nicht: 

gedanke geschuldet wird) analysirt habe. Die Psychopatho¬ 
logie würde es m. E. nur zu bereuen haben, wenn sie den 
werthvollen Kern der Breuer-Freud’schen Arbeit zugleich mit 
den grotesken Uebertreibungen über Bord werfen wollte, 
wie es Asch af fen bu rg in Baden-Baden verlangt hat. Dass 
auch erfahrene Seelenbeobachter, die nicht Psychiater sind, 
die Verdrängung kennen, davon mögen sich die Skeptiker 
aus der Schrift eines unserer hervorragendsten Pädagogen über¬ 
zeugen: vergl. E. v. Sallwtirk, Prinzipien und Methoden der 
Erziehung (1906), bes. Abschn. 2. 

*) Kraepelin, Psychiatrie, 7. Aull. Bd. II, S. 684 und 
Bi ns wange r, die Hysterie (1904), bes. Abschn. IV., sowie 
Oppenheim in Berl. Klin. Wschr. Bd. XXVII., und meine 
„Grundlinien einer Psychologie der Hysterie“, Cap. 10,1. 

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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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das Lebendig-sein-k ö n n e n in einer fremden künst¬ 
lichen Seelenverfassung und die Fähigkeit zur be¬ 
liebigen mimischen Bahnung; aber die entscheidende 
„Auswicklung“ dieser Anlage erfolgt auch hier erst 
durch die Berufsübung selber. 

Man kommt von den Schauspielern ungezwungen 
auf die Aerzte — nicht weil auch wir den Leuten 
etwas vormachen, sondern weil im Nachfühlen-Müssen 
fremder Zustände eine gewisse Verwandtschaft besteht. 
Das gilt am meisten für den Seelenarzt, und dass es 
mit uns allen auf die Dauer nicht ganz richtig sei, 
davon ist das Publikum ja fest überzeugt. Was uns 
nun aber vom Mimen scheidet, ist unsere Pflicht, 
gleichzeitig mit unserm Urtheil über der fremden 
Psyche zu stehen, in die wir uns doch veisenken 
müssen. Damit wendet sich die Richtung der Schädig¬ 
ungen auch, die aus einer ständigen derartigen Thätigkeit 
für die Psyche erwachsen: unsere Gefahr sind nicht so 
hysteropathische, als vielmehr hypochondrische Alte¬ 
rationen, wie sie eben das ewige Messen fremder Krank¬ 
heit an der eigenen Norm und umgekehrt die peinliche 
Selbstbeobachtung eigener Abnormisirung als Hülfs- 
studium für die Einfühlung in fremde Abnormität un¬ 
vermeidlich mit sich führt*). Mehr oder minder er¬ 
liegt dieser Gefahr ja dann der Arzt überhaupt, weil 
ein sehr wichtiges Movens der Hypochondrie, näm¬ 
lich die Vergegenwärtigung aller und gerade auch der 
ernstesten Möglichkeiten bei den geringfügigsten 
Symptomen, ein Haupthandwerkszeug der ärztlichen 
Technik in Diagnostik, Prognostik und Therapie ist. 
Die Hypochondrie ist somit die natürliche Berufs¬ 
psychose der Aerzte — und bedarf zu ihrer Ent¬ 
faltung nicht einmal des constitutionellen Faktors; 
wenn es auch sicher ist, dass z. B. der psychiatrischen 
Laufbahn von vornherein sich zumeist Menschen zu¬ 
wenden, denen die Fähigkeit und die Neigung zur Ein¬ 
fühlung in fremdes Seelenleiden von Jugend auf eigen 
war. Und wieder werden wir von der berufspsycho¬ 
tischen Hypochondrie des Arztes scharf jene nervöse 
Erschöpfung gesondert zu halten haben, die die Last 
der Verantwortung, Uebermaass an Thätigkeit, Nacht¬ 
arbeit u. s. w. so häufig bei unsern Standesgenossen 
hervorrufen. — 

M. H., damit möchte ich die Reihe der Beispiele 
von Berufsabnormitäten abschliessen. Es fallen Ihnen 
gewiss noch manche ein, deren zu gedenken bliebe: 
vom Berufsverbrecher Aschaffenburg’s bis hinunter zu 

*) Ich hoffe, später einmal diesen Unterschied zwischen 
hypochondrischer und hysterischer Symptombildung in einer 
ausführlicheren Darstellung vorlegen zu können. Andeutungen 
darüber in „Nerveuleben und Weltanschauung“ (1906) Seite 
22 — 25. 


den Schrullen und Spleens, deren der Humor, die 
Carricatur sich so gern bemächtigt, um die Typen ein¬ 
zelner Stände darzustellen, und nicht zuletzt die 
eigentliche Berufspsychose des modernen Lohnarbeiters, 
die traumatische Neurose, die „Rentenhysterie“, deren 
actuelle Wichtigkeit vorhin eben Herr. Prof. Ho che 
Ihnen skizzirt hat, und für deren Berufsgrundlage 
sich neuerdings die Nationalöconomen und Sozial¬ 
politiker auts Ernsteste interessiien*). Es ist aber 
nicht bloss die Zeitbegrenzung, die mich davon zu¬ 
rückhält, auf diese Einzelheiten weiter einzugehen; 
es ist auch die Erwägung, dass ich eigentlich immer 
wieder dieselben Linien Zeichnen müsste — auf die 
Eintragung der Farben, bis in alle Nüancen hinein 
müsste ja diese Skizze von vornherein verzichten. Es 
konnte sich nur darum handeln, die Möglichkeit und 
Art der Problemstellung, die in dem Begriff der 
..Berufspsychose“ (oder wenn Sie das krasse Wort 
nicht mögen, der,, Berufspsychopathie“) liegt, an¬ 
zudeuten. Vielleicht kann ich nach Jahr und Tag 
einmal zu Ihnen über kasuistische Details aus diesem 
Erfahrungsbereich sprechen. 

Wenn ich also den eigentlichen Kern dieser höchst 
fragmehtarischen Ueberlegungen nochmals bezeichnen 
darf, so ist es der. Wir Psychiater in der Mehrzahl 
glauben heute nicht mehr an einen kausalen Zu¬ 
sammenhang der schwereren Geistesstörungen mit den 
aus der Umwelt stammenden Lebenserfahrungen; wir 
glauben nicht, dass einer manisch wird, weil er in 
einem lustigen Milieu lebt, oder paranoisch, weil er 
viele Anfeindungen erfähit. Dagegen lehrt uns die¬ 
selbe Erfahrung, dieselbe unbefangene Beobachtung, 
die uns diese Zusammenhänge ablehnen lässt, eine 
mehr oder minder weitreichende kausale Bedeutung der 
Lebenserfahrung für die Entwicklung der an der 
Grenze von Normalität und Abnormität stehenden 
Seelenzustände**). Hierher gehören die sexuellen Ab- 

*) Ich verweise hierfür auf meine nächstens im „Neurolog. 
Centralblatt“ erscheinende kleine Arbeit „Arbeitsfreude und 
Unfallsneurosen“. 

**) Ich bedaure es lebhaft, dass Kraepelin in der 7. Aufl. 
seines Lehrbuchs gerade hierin der radikalen Entartungslehre, 
die die ganze Auswicklung des Menschen im Keimstoff 
vorherbestimmt sein lässt und die Summe der Lebenseinflüsse 
gleich Null setzt, erhebliche Zugeständnisse gemacht hat (vgl. 
bes. das Capitel: „Nervosität“). Wenn es sich immer deut¬ 
licher zeigt, dass nicht der aus fränkischen, niedersächsischen 
u. a. Keimstoffen Gezeugte, sondern der im Rheinland, Hanno¬ 
ver etc. Aufwachsende schliesslich typischer Rheinländer, 
Hannoveraner etc. wird — das social psychische Milieu also einen 
entscheidenden Antheil an der Menschenbildung nimmt; um 
wieviel mehr muss diese durchschnittliche Erfahrung für die 
mit erhöhter seelischer Biegsamkeit behafteten Gienz-Psychopatheu 
gelten? Wir stehen eben wieder einmal dicht davor, dass eine 


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1906.] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


173 


weichungen, gehören die criminellen Psychopathieen, 
gehört das, was ich unterm Schlagwort der Berufs¬ 
psychosen heute erörtert habe. Aber wie weit 
reicht jene Biegsamkeit der Abnormisirung 
durch die Erfahrungsinhalte? Das ist die 
Frage, die sich angesichts aller dieser Grenzfälle er¬ 
hebt — und sie ist auch gegenüber den grossen 
Psychosen“ noch nicht völlig verstummt; in den 
leichteren Fällen manisch-depressiver Mischzustände 
sehen wir doch eben ab und zu die Wendung zur 
Depression durch deprimirende Erlebnisse, die 
Wendung zur manischen Stimmung durch äussere 


grosse historische Errungenschaft unseres Faches, der «Soma- 
tismus“, im Begriffe ist, zu einem alle Wege verbauenden 
Misrrerständoiss zu werden. «... Wohlihat Plage — weh 
dir, dass du ein Enkel bist!“ Vergl. hierzu auch die pole¬ 
mischen Ausführungen in meinen (oben schon citirten) Arbeiten 
im Arch. f. Socialw., Arch. f. d. ges. Psychologie und in 
Ostwalds Annalen. 


Aufheiterung sich vollziehen *). Eine der Linien im 
Grenzbereich des Gesunden und Kranken, auf der 
diese Frage mit besonderer Dringlichkeit sich erhebt, 
sind die an Berufe geknüpften Abnormitäten. Mit 
besonderer Dringlichkeit, sage ich, weil auf dieser 
Linie (die darin der criminalistischen ähnelt) nicht 
bloss das theoretische Interesse seine Rechnung findet, 
sondern jedes Ergebniss der Untersuchung practisch be¬ 
langreich wird; maassgebend nämlich für die Tragweite 
und die Grenzen prophylactischer Bemühung, „gei¬ 
stiger Hygiene“ — (Kapitel: Berufswahl, Berufsvor¬ 
bereitung, Berufsgestaltung) — und ich brauche Ihnen 
nicht zu sagen, wie sehr gerade heute von dieser Seite 
her die seelisch leidende Menschheit ihre rettenden 
Rezepte erhofft und auch angepriesen bekommt 1 

*) Es ist mir werthvoll, dass Herr Privatdocent Dr. Will- 
m an ns (Heidelberg) mir meine Beobachtungen dieser Art auch 
seinerseits an einem reichen Erfahrungsmaterial bestätigen 
konnte. Er hat auch hypnotische Beeinflussbarkeit der manisch- 
depressiven Gefühislagen wiederholt beobachtet. 


Aus der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe. Director: Professor Dr. Alt.) 

Statistischer Beitrag zur Aetiologie der Idiotie. 

yon Assistenzarzt Dr. Fr. Heyn. 


XX 7 enn Weygandtin seiner Schrift „über Idiotie“ 
* * betont, „dass nahezu alle statistischen Angaben 
in der Lehre vom Idiotismus auf ungemein schwachen 
Füssen stehen“, so darf diesem Vorwurf, den man 
allerdings mehr oder weniger jeder Statistik gegenüber 
erheben kann, eine Berechtigung nicht abgesprochen 
»erden. 

Trotzdem wird vielleicht der folgende kurze Bei¬ 
trag zur Aetiologie der Idiotie nicht ohne Interesse 
sein, in einer Zeit, in der die unbedingt nothwendige 
Forderung der ärztlichen Idiotenfürsorge mit immer 
grösserem Nachdruck erhoben wird, zumal da hier 
nach Einführung neuer Fragebogen für Blödsinnige 
die Beantwortung der ätiologischen Fragen, wenn auch 
nur allmählich, eine genauere geworden ist. 

Während bis in die jüngste Zeit die grosse Hälfte 
der Aerzle die hauptsächlichste Ursache der Idiotie 
in der erblichen Belastung suchten (nach Tredgold 
sollen 82,5% aller Idioten ihr geistiges Siechthum 
den Vorfahren verdanken), sind in den letzten Jahren 
immer mehr Stimmen laut geworden, die, wenn sie 
auch der Vererbung eine gewaltige Rolle belassen, 
doch den Schädlichkeiten, die nach der Geburt 
die Kinder treffen, eine weit grössere Bedeutung bei¬ 
messen, als es früher geschah. 


Aus dieser Ansicht , die mit Psychiatern hervor¬ 
ragende Kinderärzte theilen, sind die oben erwähnten 
Fragebogen für Blödsinnige hervorgegangen, die nach 
dem Vorschläge Alt’s für die Provinz Sachsen einge¬ 
führt sind. Sie legen ausser auf erbliche Belastung, 
intrauterine und Geburtsschädlichkeiten besonderes 
Gewicht auf Ermittelung über Ernährung und kon- 
stitionelle wie infectiöse Erkrankungen des Kindesalters. 

Die Nachstehenden Angaben sind lediglich aus 
diesen Fragebogen geschöpft, die durch die Kreisärzte 
oder durch practische Aerzte ausgefüllt sind, und um¬ 
fassen Kranke, welche vom 1. Januar 1900 bis 1. Juli 
1906 als Idioten auf Grund dieser Fragebogen in 
die Anstalt Uchtspringe aufgenommen sind und sich 
noch hier befinden. Eine Anzahl von Fragebogen 
musste ausgemerzt werden, da sich erwies, dass der 
Blödsinn auf noch bestehender Epilepsie oder auf Früh¬ 
formen der Dementia praecox und anderen Psychosen 
beruhte. 

Die relativ geringe Zahl (166 männliche, 124 weib¬ 
liche) erklärt sich daraus, dass eine ganze Reihe der 
in diesem Zeitraum aufgenommenen Idioten in Fa¬ 
milienpflege nach Jerichow oder in andere Anstalten 
versetzt ist, und in Folge dessen deren Personalacten 
nicht mehr zur Verfügung standen. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr: 19. 



Aus der eingefügten Tabelle I wird die Anlage 
der Fragebogen zugleich mit den allgemeinen Ergeb¬ 
nissen ihrer Beantwortung ersichtlich sein. 


Tabelle I. 



männl. 

weibl. 

Erbliche Belastung bei: 

46,9% 

55,5% 

Uneheliche Geburt: 

12,0 „ 

10,5,, 

Intrauterine Schädlichkeiten: 

12,6 „ 

u,3,, 

Schädlichkeiten während der Geburt 

: 6,o „ 

6,4,» 

_ . .. , (natürlich: 

Säughngsemährungj künstlich; 

40.5 „ 

30,0 „ 

48,4 
14,5.. 

Ernährungsschädlichkeiten durch 



Kaffee, Kartoffeln, Alcohol: 

9> 6 „ 

8,0 „ 

Rhachitis bestand bei: 

46,9 „ 

48,4 „ 

Makro- und Mikrokephalie: 

9> 6 .. 

1,6 „ 

Zahnkrämpfe: 

26,0 „ 

29,0 „ 

Infectionskrankheiteni s * c | ier ' 

21.7 „ 

38,7 

| wahrscheinl.: 

12,6 „ 

0,8 „ 

Trauma: 

4,8 ,, 

3> 2 »» 


Keine Angabe über eine äussere 

Ursache bei: 24,0,, 2i,S„ 

Bemerkt wurde der Schwachsinn im 

1. Lebensjahr: 38,5 „ 30,5 „ 


-> 

— * „ 

• 8,5 „ 

20,8 „ 

3* >» 

12,6 „ 

8,0 „ 

4- 

4,2 „ 

4,7 „ 

5* » 

3>o „ 

4,o „ 

6 . 



oder Schulanfang : 

16,2 „ 

2 3>3 „ 

Keine Angabe über den Zeitpunkt 



des Beginns: 

6,6 „ 

8,7 ,, 

Auffällig erscheint auf den ersten Blick die ge- 

ringe Prozentzahl der erbl 

ich Be 

lasteten 


(46,9% und 55,5%), die um ungefähr 25% 
hinter den Angaben anderer Autoren zu- 
rtickbleibt. Aufgenommen sind unter diesen Be¬ 
griff: Belastung durch geistige Erkrankung, Trunk¬ 
sucht, Blutsverwandschaft, Tuberkulose und Lues der 
Vorfahren. Die Zahlen der zuletzt genannten drei 
Factorcn sind gering; Lues der Erzeuger findet sich 
unter den 290 Fällen nur zweimal erwähnt. 

Dieses Ergebniss allein durch die zu wenig sorg¬ 
fältige Erforschung des hereditären Momentes bei 
Ausfüllung der Antworten zu erklären, erscheint nicht 
wohl angängig, da sich die Zahlen nicht wesentlich 
erhöhen, wenn nur die Fragebogen des letzten Jahres, 
die zum grossen Theil sorgfältig ausgefüllt sind, be¬ 
rücksichtigt werden. 

Für die Zahlen unter den Rubriken: uneheliche 
Geburt, intrauterine Schädlichkeiten und Schädlich¬ 
keiten während der Geburt, fehlen in der mir zugäng¬ 


lichen Litteratur die Vergleichszahlen. Die Einwirkung 
dieser Schädlichkeiten ist auch so wenig sicher ge¬ 
klärt, dass sich irgend welche Schlüsse daraus nicht 
ziehen lassen. 

Die Zahl der natürlich, durch die Mutterbrust, ge¬ 
nährten Säuglinge erklärt sich aus der Gepflogenheit 
und Beschaffenheit der sächsischen Bevölkerung. Be¬ 
sonders in den niederen Ständen der Provinz, aus 
denen unsere Kranken vorwiegend kommen, ist es 
fast die Regel, dass die Kinder von der Mutter ge¬ 
stillt werden. Von allen 290 Kranken sind 13,9% 
männliche und 22,6% weibliche mütterlicherseits erb¬ 
lich belastet und gleichzeitig mit Muttermilch aufge¬ 
zogen. 

Dass trotz dieser anerkannt besten Säuglingser¬ 
nährung eine so grosse Zahl Kinder verkümmert, 
findet wohl seine Erklärung darin, dass die überwiegende 
Mehrzahl der Mütter bald nach dem Wochenbett 
und während des Stillens nothgedrungen bei vielfach 
unzureichender Kost schwer um das tägliche Brod 
kämpfen muss. Infolgedessen genügt die Milch der 
Mutter nicht, und es werden andere Nährmittel da¬ 
neben verabfolgt; leider in allzuvielen Fällen schäd¬ 
liche, wie Kaffee, Kartoffeln, Alcohol. Die hier ge¬ 
gebenen Zahlen sind wahrscheinlich noch zu niedrig 
gegriffen, da die Eltern sicher vielfach die Darreichung 
solcher Stoffe verleugnen. 

So erklärt sich die ersehre cken d hohe Zahl 
der rhac hi tischen Kinder in der Aufstellung. 
Die Hälfte unserer Idioten hat nach der 
bestimmten Angabe des Fragebogens in 
früher Kindheit an Rhachitis gelitten. Und 
dabei sind die Fälle nicht einmal berücksichtigt, bei 
denen die Wahrscheinlichkeit einer überstandenen 
Rhachitis betont ist, eine sichere Angabe aber fehlt. 
In den Lehrbüchern findet man noch hin und wieder 
zwar die Bemerkung, dass Rhachitis nur verhältniss- 
mässig selten bei Idioten vorkomme; doch ist im All¬ 
gemeinen seit langem das häufige Nebeneinanderbe¬ 
stehen dieser Allgemeinerkrankung des kindlichen 
Körpers und des Schwachsinnes bekannt. Der weiter¬ 
gehende Schluss auf einen Zusammenhang beider in 
einem Theil der Fälle erscheint nicht zu kühn. 

Durch frühzeitig einsetzende, sachgemässe Be¬ 
handlung des kranken Körpers dürfte sich das Ver¬ 
kümmern des kindlichen Geistes öfters, als es bis¬ 
lang geschehen ist, verhindern lassen. Wenn die 
Rhachitis nicht an sich schon vielleicht die Idiotie 
bedingt, so erwachsen häufig beide aus derselben 
Wurzel, aus der unzureichenden und unzweckmässigen 
Ernährung des werdenden Kindes. Es sind daher 


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igo6.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


*7.5 


alle auf Besserung der Säuglingsernährung abzielenden 
Bestrebungen, audi vom Standpunkt einer vorbeugen¬ 
den Bekämpfung der Idiotie aus, freudig zu be- 
grüssen. 

Einen grossen, wenn auch nicht so gewaltigen 
Raum, wie die Rhachitis, nehmen Z a h n k r ä m p f e 
und Infectionskrankh eiten ein. Es sind in 
der vorliegenden Aufstellung nur d i e Schädlichkeiten 
aufgeführt, welche die Kinder vor dem Bemerkt¬ 
werden des Schwachsinnes betroffen haben. Es 
litten an Zahnkrämpfen 26% männliche, 29% weib¬ 
liche Idioten, an Infectionskrankheiten 21,7% männ¬ 
liche, 38,7% weibliche. Zu den 21,7% männlichen 
kommen noch 12,6%, die nach dem Fragebogen mit 
höchster Wahrscheinlichkeit vor dem zu Tage treten 
der geistigen Schwäche von infectiösen Erkrankungen 
befallen sind, bei denen es aber nicht absolut sicher 
feststeht. Auch hier erscheint der Schluss auf einen 
Zusammenhang zwischen körperlicher Erkrankung und 
Idiotie nicht ganz aus der Luft gegriffen. Gestützt 
wird dieser Schluss durch die Tabelle II; es sind 
in ihr die Fragebogen zusammengestellt, in welchen 
die körperliche Erkrankung direct als Ursache 
des Verblödungsprozesses durch den aus¬ 
füllenden Arzt angegeben ist: 

Die in Klammer beigefügten Zahlen beziehen 
sich auf die Fälle, in denen ein ursächlicher Zu¬ 
sammenhang zwar nicht ausdrücklich betont, in denen 
aber angeführt ist, dass ,die Erkrankung dem Be¬ 
merktwerden des Schwachsinnes zeitlich eben vorher¬ 
gegangen ist. 

Tabelle II: 

Es haben gelitten an : männlich 

Zahnkrämpfen: 1,2 % 

Masern: 

Scharlach: (0,6%), 

Hirnhautentzündg.: 5,4% (1,8%), 

Magen-Daim - Er¬ 
krankung: 1,2% (4,2 °/o), 

Anderen entzündl. 

Prozessen: (1,2%), 

Trauma: 4,2 %( o,ö%), 

Lues: 0,6% 


weiblich 
4,0% ( 4,0%), 
3,2% ( 4,«%), 

2,4 % l 4,o%), 

2,4 % ( o,S %), 
3, 2 % ( 5 ><•»%), 

3 , 2 % ( i, 0 %), 
2,4% ( 0,8%), 
0,8% 


Zusammen: 12,ö % (8,4 %), 2 1 ,0 % (2 i,0 %). 

Wie schon eingangs erwähnt, zeichnen sich die 
in der letzten Zeit eingegangenen Fragebogen vor 
den älteren durch eine zunehmende Genauigkeit in 
der Fragebeantwortung aus. Sie ist wohl bedingt 
durch die wachsende Antheilnahme an der Frage 
der Idiotenfürsorge, zum Theil auch durch die öftere 
Behandlung in den hiesigen wissenschaftlichen Sitzungen 


des Acrztevereines, an denen eine ganze Reihe be- 
theiligter Aerzte erscheint. So ist die Zahl der 
Fragebogen, die für eine erworbene Idiotie 
sprechen, in den letzten Jahren immer 
grösser geworden; und es steht zu erwarten, 
dass sie noch grösser wird. 

Dabei sind die Zahlen unserer Tabelle schon 
überraschend hoch: bei 12,6% der männlichen, bei 
21,6% der weiblichen Idioten sind körperliche Er¬ 
krankungen als Ursache des Schwachsinnes nach¬ 
gewiesen; überdies bei 8,4% der männlichen, bei 
21,6% der weiblichen nach der Ueberzeugung des 
ausfüllenden Arztes mit grösster Wahrschein¬ 
lichkeit anzunehmen. Das sind Ergebnisse, wie 
ich sie in keiner Abhandlung über Aetiologie der 
Idiotie gefunden habe. Dazu kommt die Thatsache, 
dass die Hälfte unserer Kranken sicher an Rhachitis 
gelitten hat: ein Befund, der die hier und da zu 
findende Behauptung, dass die Rhachitis bei der 
Idiotie keine wesentliche Rolle spiele, ohne weiteres 
widerlegt. 

Hervorheben möchte ich besonders, dass nach 
unseren Fragebogen die Magen-Darmerkrankungen als 
Ursache des Schwachsinns eine ebenso grosse Rolle 
spielen, als die Gehirnhautentzündungen, die sonst 
vor allem als Ursache erworbener Idiotie ange¬ 
schuldigt werden. Ob nicht ein Theil der Gehirn¬ 
hautentzündungen auf gastrointestinale Störungen 
zurückzuführen ist, soll hier nicht weiter erörtert 
werden. 

Die wirkliche Procentzahl der durch äussere 
Schädlichkeiten idiotisch gewordenen Kinder 
anzugeben, ist bei dem heutigen Stande unseres 
Wissens und bei der immer noch nicht genauen Aus¬ 
füllung der Fragebogen kaum möglich. Auf unsere 
Zahlen gestützt, ist aber die Behauptung w'ohl be¬ 
rechtigt, dass nicht nur, wie die Lehrbücher annehmen, 
ein Viertel oder ein Drittel der Idioten an er¬ 
worbener Idiotie krankt, sondern ein gut Theil 
mehr. Die Zahl 50 dürfte kaum zu hoch gegriffen 
sein. Es ist daher garnicht nöthig, dass wir Aerzte 
die Idioten mit stiller Resignation den Geistlichen 
und Pädagogen überlassen. Es harrt unser hier ein 
weites und schwer zu bestellendes Feld; aber die 
Aussicht auf eine Ernte braucht nicht so trostlos zu 
sein, wie sie so vielfach angesehen wird. Auf die 
Prophylaxe des Hausarztes wird ein gut Theil der 
Arbeit fallen müssen. 

Dass bei der kaum die 300 erreichenden Zahl 
der Fälle die kurze Skizze auf Vollständigkeit keinen 
Anspruch macht, liegt auf der Hand. 


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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 


[Nr. 19. 


176 


Sie soll nur die Ankündigung einer erst nach 
Jahren möglichen Statistik sein, die hoffentlich an der 
Hand immer vollkommener werdender Fragebogen 
den vollkommeneren Beweis für unsere Anschauung 


bringen wird. Vielleicht vermag auch sie schon dem 
therapeutischen Pessimismus in der Frage der Idiotie, 
wenn auch nur etwas, Abbruch zu thun. 


Mittheilungen. 


— Königslutter (Braunschweig.) 1. Durch Land¬ 
tagsbeschluss im Winter 1905/1906 ist zum 1. April 
d. J. genehmigt worden, 

a) Der Neubau eines Wachpavillons für erregte 
weibliche Kranke. Baukosten für das auf 50 Patien¬ 
tinnen berechnete Haus einschliesslich Inventar 
150000 Mark. Für eine infolge dieses Gebäudes 
nothwendig gewordene neueWasserleitung 29 500Mark. 
Das Haus soll im Herbst 1907 gebrauchfertig sein. 
Nach seiner Vollendung wird Königslutter auf der 
Frauenseite neben der alten, im Korridor erbauten 
Anstalt eine völlig neue in Pavillonsti! durchgeführte 
Anstalt besitzen. 

b) Die Stelle eines zweiten Oberarztes (3000 bis 
6000 Mark Gehalt, Maximalgehalt nach 20 Jahren. 
Der erste Oberarzt erhält für die Vertretung des An- 
staltsdirectors neben dem Gehalt 600 Mark Stellen¬ 
zulage jährlich.) Ist verliehen worden zum 1. 4. d. J. 
dem bisherigen Anstaltsarzt Dr. Stah r. Als Anstalts¬ 
arzt wurde gleichzeitig fest angestellt der bisherige 
Assistenzarzt Dr. Goben. — Unbesetzt dagegen sind 
nach wie vor die beiden Assistenzarztstellen. Nicht 
einmal Medicinalpraktikanten waren für dieselben zu 
bekommen, obwohl denselben, sobald sie sich zum 
Assistenzdienst bereit erklären, hier neben völlig freier 
Station monatlich 100 Mark Renumeration gewährt 
werden. 

2. Im Frühjahr 1905 erwirkte der Director, Me¬ 
dizinalrat Dr. Ger lach, für die hiesigen Kranken- und 
Anstaltsangehörigen dieMöglichkeit der konservativen 
Zahnbehandlung durch einen approbirten Zahnarzt. 
Instrumente usw. wurden aus Staatsmitteln beschafft 
(rund 320 Mark) Der in Braunschweig praktizirende 
Zahnarzt kommt regelmässig wöchentlich einmal in 
die Anstalt. Die aus eigenen Mitteln hier unterge¬ 
brachten Kranken (35 Proz. des Bestandes) bezahlen 
ihn selbst, für die aus öffentlichen Mitteln hier er¬ 
haltenen Kranken sowie für das gesammte Pflegepersonal 
bezahlt der Staat. Ihm hat während des ersten Jahres 
die Neueinrichtung an zahnärztlichem Honorar (jede 
Leistung nach der Minimaltaxe) rund 300 Mark ge¬ 
kostet. — Die gleiche Summe ist auch für dieses 
Jahr wieder zur Verfügung gestellt. — Die Frauen¬ 
seite — Kranke oder Gesunde — hat den aus¬ 
giebigsten Gebrauch von der konservativen Zahnbe¬ 
handlung gemacht. Die Männerseite war trotz aller 
Ermunterung bisher sehr zurückhaltend. Uebrigens 
sind die Zähne unserer Anstaltsbewohnerinnen er¬ 
heblich schadhafter als die der Männer. Das Gleiche 
gilt auch für die gesunde Braunschweigische Be¬ 
völkerung. 


— Der Verein schweizerischer Irrenärzte hielt 
seine 37. Jahresversammlung am 4. und 5. Juni 
in Spiez am Thunersee ab. Einige 20 Mitglieder 
hatten der Einladung Folge geleistet, die von Herrn 
Dr. Mützenberg, Besitzer und Leiter der Anstalt 
Sonnenfels in Spiez an den Verein ergangen war. 
Unter dem Präsidium von Herrn Prof. Weber (Bel-Air, 
Genf) fanden die Verhandlungen statt. Herr Dr. 
Jung (Burghölzli-Zürich) sprach über experimen¬ 
telle Ergänzungen zur Com plexlehre. (Auto¬ 
referat.) 

Wie bekannt, lassen sich mittelst des Associations¬ 
experimentes gefühlsbetonte Complexe nach weisen. 
(Vergl. die nunmehr bei J. A. Barth, Leipzig, in 
Sonderauflage erschienenen Diagnostischen Associa¬ 
tionsstudien von C. G. Jung). Die Methode der 
Nachweisung besteht im Wesentlichen darin, dass man 
die durch verlängerte Reaktionszeit, eigenthümliche 
Fassung etc. ausgezeichneten Reaktionen combinirt 
und vergleicht, woraus dann gewisse Rückschlüsse 
auf constellirende Complexe möglich sind. Die Ver- 
muthung, dass gewisse mehr oder weniger starke Ge¬ 
fühlstöne es sind, welche die Reaktion stören, wurde 
von verschiedenen Seiten als willkürliche und unbe¬ 
wiesene Annahme getadelt. Der Beweis, dass an den 
kritischen (Complex-) Stellen des Experimentes wirk¬ 
lich bestimmte psychophysische Vorgänge, die subjektiv 
als Gefühle zu bezeichnen sind, Vorkommen, muss 
daher als wichtig bezeichnet werden. Mittelst der 
neuerdings von Veraguth (Vortrag am Congress für 
experimentelle Psychologie, Würz bürg 1906) für der¬ 
artige U ntersuchungen erprobten galvanome¬ 
trischen Methode kann ein vor der Hand noch 
nicht näher bekanntes körperliches Correlat des Ge¬ 
fühls objectiv dargestellt werden. Vortragender hat 
für seine Zwecke die Veraguth’sche Methode in¬ 
sofern modificiert und verbessert, als er nun im Stande 
ist, längere Versuchsserien auf einfache Weise graphisch 
festzuhalten. Dies geschieht durch einen vom Vor¬ 
tragenden angegebenen Zeichnungsapparat, der 
die Bewegungen des Galvanometerspiegels auf eine 
Kymographiontrommel zu übertragen gestattet. (Der 
Zeichnungsapparat wird in Abbildung demonstrirt. 
Die bei dieser Versuchsordnung gewonnenen Kurven 
der Galvanometerreaction zeigen eine Vermehrung 
der Strommenge, die meist bald nach der Reaction 
eintritt. An den durch Complexmerkmale ausge¬ 
zeichneten Stellen des Experimentes pflegen besonders 
intensive Ausschläge des Galvanometers aufzutreten, 
womit ein objectiver Beweis für die bei Complexen 
auftretenden körperlichen Störungen erbracht ist. Es 


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iqo6] 


PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


177 


werden entsprechende Kurven demonstrirt, welche 
einen unzweideutigen Unterschied zwischen coraplexen 
und indifferenten Reactionen zeigen.) Der Vortrag 
erscheint im Journal of abnormal Pychology. 

Herr Dr. Fankhauser (Waldau-Bern) theilt die 
Erfahrungen mit, die er bei der Lumbalpunktion 
von über 50 Geisteskranken gesammelt hat; sie sind 
von denen anderer Autoren nicht wesentlich ver¬ 
schieden. 

Die Versammlung beschloss das schweizerische Justiz¬ 
departement um die Aufnahme von Artikeln in die im 
Werden begriffenen Ciyil- und Strafges etzbücher 
zu ersuchen, Artikel, welche die Schaffung einer 
schweizerischen Anstalt für geisteskranke 
Verbrecher und die Bestrafung derjenigen 
Personen vorsehen, die zur Entweichung 
von Geisteskranken die Hand bieten. 

Bundesgesetz betreffend Einführung des 
Schweiz. Strafgesetzbuches. 

Art. 46. Fassung des Vorentwurfes: 

die Verwahrung oder die Versorgung Unzurech¬ 
nungsfähiger oder vermindert Zurechnungsfähiger (Art. 
17 d. Str. G. B.) findet in öffentlichen Anstalten 
statt. Falls eine öffentliche Anstalt nicht zu Gebote 
steht, kann eine private Anstalt in Anspruch genommen 
werden. Der Bund kann die Errichtung einer oder 
mehrerer Anstalten zur Verwahrung von Geistes¬ 
kranken oder vermindert Zurechnungsfähigen, welche 
eine mit Strafe bedrohte That begangen haben, mit 
Beiträgen unterstützen. 

Vorschlag für die neue Fassung. 

Die Verwahrung oder die Versorgung Unzurech¬ 
nungsfähiger oder vermindert Zurechnungsfähiger und 
chronisch unheilbarer Trinker findet in öffentlichen 
Anstalten statt. Falls eine öffentliche Anstalt nicht 
zu Gebote steht, kann eine private Anstalt in An¬ 
spruch genommen werden. Der Bund kann allein 
oder gemeinsam mit den Cantonen die Errichtung 
und den Betrieb einer oder mehrerer Anstalten zur 
Verwahrung von Geisteskranken oder vermindert Zu¬ 
rechnungsfähigen, oder unheilbaren Trinkern, welche 
eine mit Strafe bedrohte That begangen haben, an 
die Hand nehmen. In dieser Anstalt können auch 
vermindert Zurechnungsfähige und unheilbare Trinker 
aufgenommen werden, welche die öffentliche Sicher¬ 
heit dauernd gefährden. (Beschluss.) 

Ein festliches, vom Gastgeber gebotenes Mittags¬ 
mahl und eine Fahrt an den im Konderthal ge¬ 
legenen Blausee schlossen die Versammlung ab. 

Dr. Sc hi ub. 

Prefargier, Neuenburg. 

— 31. Wanderversammlung der südwest¬ 
deutschen Neurologen und Irrenärzte in Baden- 
Baden am 26. und 27. Mai d. Js. (Fortsetzung.) 

Hr. Friedländer (Hohe Mark) endlich sprach 
überParanoideSymptomencomplexe bei nicht 
Paranoischen — ihre klinische Bewerthung 
und psychische Behandlung. 

Vortrag, berichtete über vier Krankheitsfälle, die 
nach verschiedener Richtung hin Interesse verdienen 
dürften. Die vier Patienten, (zwei weiblichen und 

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zwei männlichen Geschlechts), zeigen eine ausseror¬ 
dentliche Aehnlichkeit in der Entwickelung, in den 
Symptomen, in dem bisherigen Verlauf und was am 
auffälligsten erscheint eine fast völlige Gleichheit des 
Erfolges der eingeleiteten psychischen Behandlung. 
Alle sind schwer bezw. schwerst belastet. Bei allen 
treten mehr oder minder langsam sich entwickelnd, 
ausgesprochene paranoide Symptome auf, daneben 
hochgradige Affectstörungen, im Vordergründe, ja zu 
Zeiten das ganze Bild beherrschend, stehen Bezieh¬ 
ungen zur sexuellen Sphäre. Vortr, der die Litteratur 
der jüngsten Zeit, die seines Erachtens dem Sexual¬ 
leben einen zu beherrschenden Einfluss einräumt, ge¬ 
nau und kritisch verfolgt hat, hat demzufolge in den 
vorliegenden Fällen besondere Objectivität walten 
lassen. Gleichwohl muss er bezüglich dieser Patienten 
zu dem Ergebniss gelangen, dass ein engster Zu¬ 
sammenhang der ausserordentlich affeetbetonten 
sexuellen Vorstellungen, bezw. sexuellen Erlebnisse, 
mit der ganzen Krankheit unverkennbar ist. Zwei¬ 
erlei ist zu betonen: Es handelt sich um von Hause 
aus psychopathische Individuen, und es ist (woran 
ja leicht gedacht werden könnte) Hysterie nicht vor¬ 
handen. 

Vortr. beabsichtigt diese Krankheitsbilder gerade 
auch wiegen gewisser Erfolge zum Theil sehr über¬ 
raschender Art, die die psychische Behandlung 
zeitigte, einer eingehenden Bearbeitung zu unter¬ 
ziehen. An dieser Stelle will er sich begnügen, fol¬ 
gendes hervorzuheben: Es fällt ihm schwer, diese 
Krankheitsbilder, (besonders drei von ihnen), zu rubri- 
ciren. Weder kann er sie als Paranoia acuta be¬ 
zeichnen, noch als Paranoia simplex, noch als Para¬ 
noia hallucinatoria, noch, soweit es sich um die 
jugendlicheren Patienten handelt, als irgend eine 
Form der Jugend psychose, noch als das von Wer nicke 
aufgestellte Krankheitsbild einer circumscripten Auto¬ 
psychose auf Grund einer überwerthigen Idee u. s w. 
Eine nähere Begründung kann an dieser Stelle 
natürlich nicht gegeben werden. Vortr. beabsichtigt 
auch keineswegs nach einem neuen Namen zu 
suchen, bezw. ein neues Krankheitsbild zu constru- 
iren, er w*eiss, dass auch andere Beobachter ähnliche 
Fälle kennen und die Schwierigkeiten, sie unterzu¬ 
bringen. 

Die wichtigste Beobachtung, die Vortrag, zu 
machen Gelegenheit hatte, bestand darin, dass alle 
diese Kranken mehr oder minder starke Circulations- 
störungen zeigten, dass sich an dieselben schwerste 
Angstzustände anschlossen, die bis zu Lebensüber¬ 
druss und sogar sehr ernsten Selbstmordversuchen 
führten, dass neben einem ungemein labilen Puls 
zum Theil ausgesprochene Herzstörungen nachge¬ 
wiesen werden konnten. Darum glaubt Vortr. die 
Frage aufwerfen zu müssen: Haben wir es hier nicht 
mit Neuropsychosen zu thun auf vaso¬ 
motorischer (sympathischer?) Grundlage? 
Was die Therapie anbelangt, so weist Vortr. darauf 
hin, dass er eine der Kranken (er beoachtete 
diesen Fall vor mehr als acht Jahren in der Uni¬ 
versitätsklinik in Jena) bereits damals mit jener Me¬ 
thode behandelte, die Dubois in seinem schönen 

Original fram 

HARVARD UNIVERSUM 





[Nr. 19. 


178 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT 


Buch über die Psychoneurosen beschreibt. Die da¬ 
mals eingeschlagene Behandlung erzielte Heilung 
(soweit es sich um den paranoiden Symptomen- 
complex handelte), die Patientin ist bis heute gesund 
geblieben und lebt in selbstständiger Stellung. Bei 
den drei anderen Kranken, die er in seiner An¬ 
stalt beobachtete, war das Ergebniss folgendes: Der 
Eine konnte stets zu Krankheitseinsicht und durch 
psychische Behandlung zur Beruhigung gebracht 
werden. Letztere hielt aber nicht an und muss Vortr. 
darum in diesem Falle quoad sanationem von einem 
völligen Misserfolge sprechen. Die beiden anderen 
Kranken sind seit Monaten vollständig geheilt. 

Einzelheiten über die Methode der Behandlung, 
die übrigens nichts wesentlich Neues darstellt, von 
der nur gesagt werden muss, dass sic in den ersten 
Wochen täglich bis zu mehreren Stunden den Arzt 
in Anspruch nimmt, kann an dieser Stelle nicht gegeben 
werden. Die Behandlung war im Anfang eine ana¬ 
lytisch psychologische, später eine wachsuggestive. 

Eigen-Bericht. 

Am zweiten Tage (27. V.) wurden die Vorträge 
unter dem Präsidium des Hr. Tuczek (Marburg) 
Vormittags 9 Uhr begonnen; als erster sprach 

Hr. S p i e lm ey er.(Freiburg i. B.) : U ehe r H emi- 
plegie bei intakter Pyramiden b ahn. 

Nach den Ergebnissen der experimentellen und 
pathologischen Untersuchungen über die hemiple- 
gischen Bewegungsstörungen kommt es zu einer ty¬ 
pischen residuären Hemiplegie nur dann, wenn die 
sog. motorischen Willensbahnen, also in erster Linie 
die Pyramidenbahn eine Läsion erlitten halten. Es 
ist bisher noch kein Fall bekannt geworden (Probst), 
in welchem eine organische Lähmung mit den cha¬ 
rakteristischen Zeichen der (Irosshimhcmiplcgie ein¬ 
getreten wäre ohne Verletzung der Pyramidenbahn. 
Es kann jedoch, wie Vortr. zeigt, in gewiss schi- 
seltenen Fällen zu einer typischen hcmiplegischen 
Bewegungsstörung kommen bei völlig intatter Pyra- 
midenbalm. Aus den hist«»logischen Befunden eines 
solchen Falles Hess sich eine Erklärung für das Zu¬ 
standekommen dieser Ilalbseitenlähnumg ableitcn. 

Klinisch ging dieser Fall als genuine Epilepsie. 
Typische Krampfanfälle, niemals Jackson’sche 
Rindenkrämpfe, keine postparoxvsmellen Lähmungen. 
Epileptische Dämmerzustände, allmähliche Verblödung 
und (iharacteränderuue der früher intelligenten Frau. 
Zwei Jahre vor dem Tode (im 4 1. Lebensjahre) blieb 
nach einem schweren Status epilcpticus eine links¬ 
seitige Lähmung zurück, die auch im residuären 
Stadium die typischen Zeichen der Gr<>sshunhemi- 
plegie aufwics. Als anatomische Ursache wurde eine 
Ilcrdlüsion (I lümorrhagic in der inneren Kapsel) an¬ 
genommen. 

Bei der Scction und bei einer eingehenden histolo¬ 
gischen Untersuchung fand sich v< »n einer solchen 
Herdlüsion nichts. Die Fasersvsteme in Pons, Meclulla 
und Rückenmark sind intact, ein Unterschied zwischen 

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Lrsdirmt Sonnabend. — Seliluss *1« i I dune 3 T. 1 e 

Heyncniann’äche Üucbdruckerei 


den Pyramidenbahnen beider Seiten ist nicht nach¬ 
weisbar. Dagegen ist die ganze rechte (die der 
Hemiplegie entgegengesetzte) Hemisphäre stark atro¬ 
phisch , vor allem auch die Centralregion. An den 
demonstrirten Nissl- und Weigert (Neuroglia) 
-Präparaten von der vorderen Centralwindung (hintere 
Lippe) ist der Ausfall ganzer Zellschichten und ihr 
Ersatz durch Neuroglia, deren Eigenart an mehreren 
Bildern demonstrirt wird, deutlich erkennbar. In 
ganzer Ausdehnung ist nur die Schicht der Riesen- 
p y r a m i d e n z e 11 e n erhalten, die nach Anzahl, 
Anordnung und Struktur denen auf der gesunden 
Seite durchaus gleich sind. Ausserdem sind relativ 
zahlreich noch die grossen Pyramiden der 3. Zone. 
Die Riesenpyramiden (und vielleicht auch ein Theil der 
grossen Pyramiden der dritten Schicht) sind aber die 
Ursprungszellen der Pyramidenfaserung (von Mona¬ 
kow). Aus diesen Befunden darf geschlossen werden, 
dass die Hemiplegie hier ihre anatomische Ur¬ 
sache in Veränderungen jenseits des motorischen 
Pr ojekti on ssy s t em s hat. Welches im einzelnen 
die coriicalen Systeme sind, deren Untergang die 
Halbseitenlähmung zur Folge gehabt hat, ist natür¬ 
lich an diesen Präparaten nicht zu entscheiden. 
Sicherlich kommt dabei der Ausschaltung der grossen 
Pyramidenzellen aus ihrem Connex mit den Eigen- 
elcmenten der motorischen Rinde eine besondere 
ursächliche Bedeutung zu. Von Interesse ist dabei 
noch, dass sich diese zur Hemiplegie führenden Ver¬ 
änderungen auffallend rasch vollzogen haben; ähnlich 
wie bei manchen paralytischen Anfällen mit nach¬ 
folgenden Lähmungen muss es auch hier zu plötz¬ 
lichem massenhaften Zerfall von funktiontragender 
Nervensubstanz gekommen sein. 

Das principiell Wichtige an diesen klinischen und 
anatomischen Befunden ist die Thatsache, dass auch 
Veränderungen jenseits des Pyramiden¬ 
neurons eine Hemiplegie zur Folge haben können 
und dass diese Hemiplegie die typischen Zeichen 
der Gros sh ir n h e m ipl egic tragen kann. 

(Der Vortrag erscheint in der Münchener medi- 
cinischen Wochenschrift ) (Eigen-Bericht.) 


Personalnachrichten. 

— Kortau bei Allenstein. Der I. Assistenzarzt 
Po weis ist vom 1. |u!i 1006 ab in die Stelle des 
II. Anstaltsarztes aufgerückt. Die freigewordene 
Assistenzarztstelle Ist z. Zt. noch unbesesetzt. 

Der heutigen Nummer liegt ein Prospekt der 
F a r b w e r k e vor m. Meister, Lu c i u s A B r ü n i n g, 
i n H öch st a. M ain 
über Pyramidon 

bei, worauf wir unsere Leser hiermit noch besonders 
aufmerksam machen. 

])|. J. Ürcsl. I , I.ulilmitz iS ( h isicn). 

:*• o>r <